Indianerleben

Part 3

Chapter 33,406 wordsPublic domain

Wir nahmen nun von unseren Freunden im Dorfe Tonés Abschied und versprachen ihnen, wiederzukommen. Wer weiß, wann dies geschehen wird? Vielleicht tanze ich noch einmal mit im Reigen auf dem großen Platz, vielleicht erheitert mich noch einmal das Algarrobobier, vielleicht johle ich noch einmal auf den Festen dieser meiner Ashluslayfreunde. Am besten wäre es vielleicht, wenn ich nicht zurückkehre. Warte ich noch einige Zeit, so hat sich wahrscheinlich auch hier viel verändert und verschlechtert und der Besuch bereitet nur eine große Enttäuschung.

Wir verließen mit unserm Wegweiser den Pilcomayo und begaben uns nach dem nördlichen Chaco. Ich hatte erwartet, wenig bebaute Gegenden zu finden, sah aber bald meinen Irrtum ein. Gebahnte Wege führten nach allen Richtungen. Der Wegweiser übergab uns schon nach zwei Tagen, wir hatten aber das Glück, andere Reisegesellschaft zu finden. Zwei Ashluslayindianer, denen die Tobas ihre Frauen geraubt und die Kinder gefangen fortgeführt hatten, waren auf dem Wege zu den Mataco-Guisnay, um mit ihnen als Zwischenhändlern betreffs der Auslösung ihrer Kinder aus der Gefangenschaft zu verhandeln. Wir reisten gemeinsam.

Als wir nach den Dörfern kamen, wurden wir mit Tränen und Wehgeschrei empfangen. Auf diese Weise zeigten die Weiber unsern neuen Freunden ihre Teilnahme an deren Kummer.[12] Überall wurden wir gut aufgenommen und durften in den stürmischen, regnerischen Nächten den spärlichen Raum in den Hütten teilen und uns an den Lagerfeuern erwärmen. Zuweilen wurden wir auch zu den einfachen und unappetitlichen Mahlzeiten eingeladen. Alles ging gut und wir waren auf diesen unbekannten, niedrigen Indianerpfaden, wo man sich in der Regel dicht an den Hals des Reittieres drücken muß, um nicht von den Zweigen gestreift zu werden, einen Grad nach dem Chaco zu geritten. Man hatte mir gesagt, die Gegenden seien aus Mangel an Wasser unbebaut. Dies war keineswegs richtig, obschon es zuweilen weit zwischen den Tränken war. In der Regel ist das gefundene Wasser braun und stinkend.

Alles ging, wie gesagt, gut, bis wir zu einem Häuptling namens Chilán kamen. Als wir durch den dichten Wald, der nach einem Dorfe führte, ritten, raschelte es überall in den Büschen. Chilán hatte seine Krieger auspostiert, um uns, falls wir schlechte Absichten hätten, einen warmen Empfang zu bereiten. Ruhig ritten wir durch den gefährlichen Wald gerade in das Dorf Chiláns. Mit bösen Blicken und unter einigen weniger freundlichen Worten an unsere Reisekameraden empfing uns der Alte. Als Freundschaftsgabe überreichte ich ihm ein Messer, worauf er halb zögernd den Streitkolben, den er in der Hand hatte, weglegte.

Chilán muß unseren Wegweisern bestimmte Weisungen gegeben haben, denn nach dem Besuch bei ihm begannen diese uns in der Richtung nach dem Rio Pilcomayo zu führen und nicht, wie wir gewünscht und sie uns infolge unseres Versprechens von Geschenken gelobt hatten, nach Norden. Da wir die Tränken nicht kannten, fanden wir uns nicht ohne ihre Hilfe zurecht. Wir waren schon nahe an dem Flusse, als wir eines Abends in ein Ashluslaylager kamen. Müde, wie ich war, legte ich mich gleich schlafen. Moberg fand es eigentümlich, daß beinahe nur Männer im Lager waren, ließ aber seinen Verdacht nicht verlauten und kroch ruhig unter das Moskitonetz. Ungefähr gegen zwei Uhr erwachte der Dolmetscher durch ein Signal, das jemand im Walde gab. Einer der Männer im Lager erhob sich leise, ging fort und kam nach einiger Zeit mit einer Schar bewaffneter Leute wieder. Der Dolmetscher lauschte und hörte, wie die Neuangekommenen fragten, warum die Ashluslay uns nicht töteten. In diesem Falle bekämen sie die Karabiner und könnten die Tobas mit Erfolg bekämpfen. Wären wir getötet, würden die Weißen niemals erfahren, was im Innern ihres Landes sei. Sie sagten auch, sie wünschten den Skalp des blonden Mannes, d. h. Mobergs, für ihre Feste. Meine Wegweiser wollten sich indessen an dem Überfall nicht beteiligen. Diese Weißen sind unsere Freunde, sagten sie.

Der Dolmetscher, der meine beiden anderen Begleiter, zwei bolivianische Soldaten, geweckt hatte, redete nun die Neuangekommenen an. Diese machten sich nun eilig davon. Vergebens bat er sie, bis zum Morgen zu bleiben. An der Sprache hatte er jedoch gehört, daß es Matacoindianer waren. Diese von der Zivilisation halbverdorbenen Indianer wollten also einen Mord begehen, an dem „die Wilden“ sich nicht beteiligen wollten.

Vielleicht haben wir es Onásh, so heißt der Mann, der gegen den Überfall sprach, zu verdanken, daß wir nicht das Schicksal Crevaux’, Ibaretas und Boggianis teilten.

Am folgenden Tage waren wir wieder im Lande der Mataco-Guisnay. Wir hatten keinen Bissen zu essen und der Regen goß in Strömen. Wir waren also hungrig und froren. Zelte hatten wir schon lange nicht mehr mit, da wir sie zum Schutz unserer Sammlungen hatten zurücklassen müssen. Wir ritten in ein Dorf und wurden höchst unfreundlich empfangen. Wir bekamen nicht das geringste, und man weigerte sich bestimmt, uns während der Nacht in den Hütten Schutz gegen den Regen zu gewähren. Obschon sich in der Gegend, in der wir jetzt waren, keine Weißen befanden, suchen alle diese Matacoindianer bei den Weißen Arbeit und kennen den „Segen“ der Zivilisation.

Als wir dann des Nachts hungrig und frierend an einem Feuer saßen, das infolge des Gußregens nicht kräftig brennen konnte, dachten und sagten wir böse Sachen über den Einfluß der Weißen auf die Wilden des Urwaldes und verglichen die Ungastlichkeit der Matacos mit der Freundlichkeit, die wir tief in den Wäldern bei den Indianern genossen hatten, die nie vorher von Weißen besucht worden sind.

Nach zwei Tagen waren wir wieder bei einem bolivianischen Militärposten. Ich war der einzige, der beritten ankam. Die Pferde der anderen waren ermüdet oder unterwegs gestürzt.

Die Indianer, besonders die Ashluslays und Chorotis, die ich auf diesen Streifzügen im Chaco kennen gelernt habe, will ich hier in den folgenden Kapiteln zu schildern suchen. Da ihre Kultur ziemlich gleichartig ist, glaube ich, sie zusammen behandeln zu können.

Nicht viele Verfasser haben bisher die Sitten und Gebräuche der Chorotis und Ashluslays geschildert. Beiträge zur Kenntnis der letzteren sind von Herrmann[13] geliefert worden, der sie, gleich den Tobas, Sotegaraik nennt. Eric von Rosen[14] hat ausgezeichnete Photographien von den letzteren veröffentlicht.

Der vortreffliche deutsch-argentinische Anthropologe R. Lehmann-Nitsche[15] hat auf den Zuckerfabriken von Esperanza wichtige Studien über die physische Anthropologie der Chorotis und anderer Chacostämme gemacht. Er hat den richtigen Platz für derartige Forschungen gewählt. Die Fabrik liegt, wie erwähnt, an der Eisenbahn, man kann also allerlei Instrumente mit der größten Leichtigkeit dorthin schaffen. An Ort und Stelle befinden sich ausgezeichnete Dunkelkammern zur Entwicklung der Platten usw. Die sich für die physische Anthropologie der Chacostämme Interessierenden verweise ich auf die Arbeit dieses Verfassers.

Da die den Chacostämmen angehörenden Guaycuru-, Mataco- und Maskoi-Gruppen in vielen Beziehungen eine den Choroti und Ashluslay ähnliche Kultur haben, so ist die Literatur, die hier des Vergleichs wegen von Interesse ist, eine sehr große.

In dieser Arbeit ist indessen nicht der richtige Platz zu solchen vergleichenden Forschungen. Hier will ich vor allem ein Bild des Lebens unter den Indianern geben, wie ich es aufgefaßt habe, und überlasse solche Forschungen Sonderaufsätzen in Fachzeitschriften.

Der einzige ältere Verfasser, der die Chorotis erwähnt, ist Pedro Lozano. Er nennt jedoch nur den Namen. Sehr möglich ist es ja, daß sowohl die Chorotis wie die Ashluslays den älteren Verfassern bekannt waren, aber unter anderen Namen als die, die wir kennen.

Die Ashluslays nennen sich selbst so. Die Chorotis nennen sie Ashli, die Matacos Sówua oder Sówuash, die Tapietes sagen Etéhua, die Tobas Sotegaraik. Die Weißen sagen in der Regel Tapiete und verwechseln sie mit einem hier unten näher geschilderten Stamm. Die Chorotis nennen sich selbst Yóshuahá, welcher Name natürlich angewendet werden sollte. Sie kennen jedoch jetzt alle ihren Chiriguana-Namen Choroti, den die Weißen in Chorote verspanischt haben. Die Matacos nennen die Chorotis Mánuk oder Má-niuk.

Sprachlich gehören die Ashluslays und Chorotis mehr zusammen mit den Matacos. Ich bringe hier einen kurzen Auszug aus dem bei ihnen gesammelten Wörterverzeichnis, damit der Leser etwas von ihrer Sprache sieht.

Choroti Ashluslay

Auge táte tósse (ss mit Zischlaut)

Zahn (n)kiente seuté Bart (n)pótsi posé Ohr (n)kioté (dein) akféi, (mein) ikféi Zunge pálnat cháclitj Nase natóve anās, inās Sonne kíle fincóclay Mond huéla huéla Stern catés catīs Feuer húat (éti) itósh Wasser inyat ināt Erde áshnate cotjāt Gut és is Schlecht häes Weit tóshhue tójke Nahe hätóshhue cháshle Fisch siúsh sájetj Hund aléna núu Hündin alénaséshni núuasésna Salz chuhóne sifóni Tabak shushú finóc Mais péāta láutsitj Mutter téte, máma mimé Tochter yóse yósi Haus huéte huéte Er, du náca, téla Ich yá (m) Nein hä am Gibt’s nicht náhipa ámpa Ja (Antwort) häe, téy létj, hé Weib aséshnia asésna Gattin tsémbla chácfä Morgen káshlomata slúmasi Weg náyi náiss Tabakpfeife kiti finkoshi Rio Pilcomayo téuk, tehuóc téhuoc

Für Gegenstände, die diese Indianer von den Weißen erhalten oder die Weißen haben anwenden sehen, bilden sie eigene Worte und lernen gewöhnlich nicht die spanischen Namen, z. B.:

Choroti

Bleistift = bésnike.

Brille = ukíne.

Revolver = sēta.

Notizbuch = ésenik.

Stiefel = sāti.

Uhr (für die Sonne) = kílekíe.

Die Aussprache der Chorotisprache schien mir nicht besonders schwer, die Ashluslay sprechen aber verschiedene Worte so, daß man, um sie nachzuahmen, eine gewisse Zungenakrobatik anwenden muß. Besonders schwer wiederzugeben sind einige Kehl- und Zischlaute.

Zahlwörter. Ashluslay.

1 = huéshla.

2 = näpú.

3 = pú-shana.

4 = it-chat-cúch (schwieriger Halslaut).

5 = hué-shla-no-étj.

6 = hué-shla-yāma.

7 = näpú-

8 = púshana-

9 = it-chat-cúch-yāma.

10 = yāma képäa.

Ich teile auch hier einige gewöhnliche Ausdrücke aus der Chorotisprache mit.

Ich will nicht = hähua.

Dieses ist mein Vater = náca sínia.

Ich will = sikéyi.

Willst du? = makéyi.

Er will = náca kéyi. Auch náca símehe.

Ich bin hier = yámpo.

Er ist hier = nácapo.

Wir sind hier = póyata.

Er will nicht = náca hä símehe.

Ich habe gesehen = íwuin.

Ich habe nicht gesehen = häwuin.

Hast du gesehen = máhuenea.

Warten = hatéma.

Viele Frauen = aséshnialo.

Weicher Mais = peáta-hä-tóc.

Harter Mais = peáta-tóc.

Mit Bart = pótsipu.

Gehen wir = ná.

Ich gehe = yápe.

Gehst du = malápe.

Wirst du gehen = maáki.

Ich bin gegangen = hihóyi.

Ich bin nicht gegangen = hähóyi.

Ich gehe nicht = häeyic.

Er ist gegangen = nácaya.

Fußnoten:

[3] G. Friederici: Skalpieren und ähnliche Kriegsgebräuche in Südamerika. Braunschweig 1906.

[4] Ehrenreich (30-31) nimmt ebenfalls an, daß große Pampasbrände zur Entstehung solcher „Sintbrandmythen“ beigetragen haben. „Die Mythen und Legenden der südamerikanischen Urvölker“. Berlin 1905. Suppl. Zeitschr. für Ethn. Eine dieser ähnliche Sage ist von den Arowaken in Guyana und von Yuracáre bekannt.

[5] Prosopis alba.

[6] Acacia aroma.

[7] Gourliea decortitans.

[8] Canis jubatus.

[9] Eric v. Rosen hat eine ausgezeichnete Photographie eines Chorotis mit einer Narbe von einem solchen Fisch veröffentlicht. The Chorotes Indians in the Bolivian Chaco. Stockholm 1904. Bild VI.

[10] Serrosalmo sp.

[11] Caraguatá = Bromelia Serra.

[12] Dieser Brauch scheint mir eine gewisse Ähnlichkeit mit den von älteren Verfassern beschriebenen Begrüßungszeremonien zu haben. Vgl. Friederici: Der Tränengruß der Indianer. Globus Bd. LXXXIX. Nr. 2.

[13] Herrmann: Die ethnographischen Ergebnisse der deutschen Pilcomayo-Expedition. Zeitschr. für Ethn. 1908.

[14] Eric von Rosen: The Chorotes Indians in the Bolivian Chaco. Stockholm 1904.

[15] R. Lehmann-Nitsche: Estudios Antropológicos sobre los Chiriguanos, Chorotes, Matacos y Tobas. Anales del Museo de la Plata. Tomo I. Buenos Aires 1908.

+Drittes Kapitel.+

=Unter den Indianern am Rio Pilcomayo= (Fortsetzung).

Gemeinwesen.

Wir sind alle Brüder, sagte einmal ein Chorotiindianer zu mir. Im großen gesehen bilden auch die Chorotis und Ashluslays zwei Familien. Sie wohnen in einer bedeutenden Anzahl Dörfer von wechselnder Größe verteilt. Es gibt dort Dörfer mit ganz wenig Familien und Dörfer, wie das des Ashluslayhäuptlings Mayentén, das etwa 1000 Bewohner hatte. Die Dörfer, oder richtiger die Stellen, wo die Dörfer angelegt sind, haben Namen. So hieß ein Chorotidorf vuátsina = Erdratte, ein anderes hópla = Grasblume, ein drittes tónoclel = alte Pfütze, ein viertes asnatelémi = weiße Erde usw.

Die Chorotis und Ashluslays sind nicht vollständig seßhaft. Sie ziehen beständig, wenn auch nicht weit. Als ich z. B. 1909 dieses Land besuchte, fand ich sehr wenige Dörfer an demselben Platze wie 1908. Sie ziehen des Fischfangs, der Algarrobo, ihrer Äcker wegen usw. Während der Trockenzeit ziehen viele Indianer nach dem Rio Pilcomayo, um dort zu fischen. In der Regenzeit ziehen sie sich in das Innere des Landes zurück, wo sie in der Regel ihre Äcker haben. Das ganze Menschenmaterial im Gemeinwesen der Chorotis und Ashluslays ist sehr beweglich. Zuweilen teilen sich die Familien, zuweilen vereinigen sie sich zu großen Gruppen. Die Individuen, besonders die Jugend, ziehen beständig von einem Dorf zum andern. Die Choroti- und Ashluslaydörfer, die ich gesehen habe, lagen teils im Walde, teils auf der Ebene. Einige Chorotidörfer lagen während der Trockenzeit unten am Pilcomayofluß an dem niedrigen, jährlich überschwemmten Ufer. In keinem Chorotidorf waren die Hütten nach einem bestimmten Plane geordnet. In mehreren Ashluslaydörfern waren sie dagegen um eine Art Marktplatz gruppiert, auf welchem die Männer unter Ausschluß der Frauen einen gemeinsamen Sammlungsplatz hatten, der entweder ganz einfach im Schatten eines großen Baumes lag oder durch ein zu diesem Zweck gebautes Sonnendach geschützt war.

Es ist höchst interessant zu sehen, daß wir hier eine sehr primitive Form des von vielen Indianerstämmen bekannten „Männerhauses“ finden, in welchem die Männer sich versammeln, zu welchem die Frauen aber keinen Zutritt haben.

Der Platz für die Dörfer war offenbar überall so gewählt, daß man Fische, wilde Früchte, oder, zur Erntezeit, seine Äcker in der Nähe hatte. Im Innern des nördlichen Chaco ist man bei den Dorfanlagen an die wenigen Tränken gebunden, deshalb sind auch die dortigen Indianer viel seßhafter, als die am Rio Pilcomayo. Dort sind auch die Hütten viel besser gebaut, als an diesem Flusse.

Zwischen den Dörfern führen eine Masse Wege, die sich in der Nähe des Dorfes netzförmig auflösen. Aus diesem Grunde ist es oft schwer, den Pfaden der Indianer zu folgen.

Weder die Chorotis noch die Ashluslays haben einen für den ganzen Stamm gemeinsamen Häuptling. Die meisten Dörfer haben ihre Häuptlinge, aber diese sind unabhängig voneinander. Bei den Ashluslays habe ich Häuptlinge gesehen, die über mehrere Dörfer herrschen. Die Häuptlinge haben je nach ihren persönlichen Eigenschaften Einfluß. Sie sowie ihre Frauen arbeiten genau ebenso wie die anderen Indianer. Sie haben keine Diener; solche sind bei diesen Indianern unbekannt. Der Häuptling hat keinen Ehrenplatz bei den Trinkgelagen, seine Hütte nimmt keinen besonders auserwählten Platz im Dorfe ein.

Er ist ein Familienvater, den man respektiert, der aber nicht regiert.

Im Krieg nimmt er vielleicht eine leitende Stellung ein, die anderen gehorchen ihm aber nur soweit, wie es ihnen paßt. Kommt ein weißer Mann nach einem Indianerdorf, so wird er von dem Häuptling empfangen, und die Sitte erfordert es, daß er ein Geschenk erhält. Dies scheint mir indessen eine spätere Erfindung der Weißen selbst zu sein. Der Weiße hat zur Unterhandlung im Dorfe eine bestimmte Person nötig gehabt und hat sich darum der Häuptlingsinstitution bedient und sie weiter entwickelt.

Die Häuptlingswürde scheint in der Regel vom Vater auf den Sohn zu gehen. Ist der Sohn beim Tode seines Vaters minderjährig, d. h. nach indianischen Begriffen kein älterer, verheirateter Mann, wird sie interimistisch von einem älteren Verwandten ausgeübt. Sehr oft, besonders nach Kriegen, wo die Männer ihre Tüchtigkeit zeigen können, entstehen neue Häuptlinge.

Unter den Ashluslayhäuptlingen, die ich kennen gelernt habe, sind bemerkenswert Toné, Mayentén, Mocpuké, Aslú, Mentisa und Chilán; unter den Chorotis Attamo aus einer Ashluslayfamilie, Kara-Kara, Éstehua und Tula. Die meisten von ihnen waren Greise, die offenbar in der Hauptsache über Kinder, Enkel, Geschwister und deren Kinder regierten.

Eine große Macht im Dorfe besitzt, wo ein solcher vorhanden ist, der Dolmetscher. Er spricht Spanisch und unterhandelt mit den Weißen. Bei den Chorotis befanden sich mehrere Spanisch sprechende Individuen, bei den Ashluslays keiner.

Einen bedeutenden Einfluß hat auch der Medizinmann. Man bietet ihm viel Essen an, behandelt ihn somit gut. Niemals habe ich gehört, daß ein Medizinmann gleichzeitig Häuptling war.

In den Choroti- und Ashluslaydörfern herrscht kein Klassenunterschied, noch gibt es Reiche oder Arme. Ist der Magen voll, so ist man reich, ist der Magen leer, so ist man arm. Wir sind alle Brüder, dies ist der Grundgedanke im Gesellschaftsbau dieser Menschen. Sie leben in einem beinahe vollständigen Kommunismus. Schenkt man einem Choroti- oder Ashluslayindianer zwei Hemden, so verschenkt er sicher das eine, und vielleicht alle beide. Bekommt ein Indianer Brot, so teilt er es in kleine Stücke, damit es für alle reicht. Ich vergesse niemals einen kleinen Ashluslayknaben, dem ich Zucker gab. Er biß ein Stückchen ab und aß es anscheinend mit Wohlgefallen auf, dann sog er ein bißchen an dem Rest und nahm ihn aus dem Munde, damit die Mutter und die Geschwister auch kosten sollten. Bekommt ein Choroti- oder Ashluslayindianer einen Rock, so trägt er ihn vielleicht einen Tag, am folgenden Tage hat ihn ein anderer usw. Niemals raucht einer dieser Indianer seine Pfeife allein. Sie soll von Mund zu Mund gehen. Oftmals hat mir ein Indianer die Pfeife aus dem Mund genommen, einige Züge getan und sie mir dann wieder zurückgegeben, denn so will es die Sitte dort. Ein Mann, der viele Fische gefangen hat, teilt mit dem, der weniger Glück gehabt hat.

Es wäre indessen ein großer Irrtum, wenn man glaubte, daß in dem Indianerstaat nicht jedes Individuum das besitzt, was es arbeitet und anwendet. Niemals würde es einem Indianer einfallen, den Besitz eines anderen auszutauschen. Ein Mann würde niemals etwas, was seiner Frau oder seinem kleinen Kinde gehört, weggeben, ohne sie zu fragen. Jede Sache hat ihren Besitzer, da der Besitzer aber mildtätig ist und alle aus seinem Stamme als Brüder betrachtet, so teilt er freigebig mit den anderen. Die Tiere haben Besitzmarken. So sind die Schafe, um den Besitzer zu kennzeichnen, an den Ohren auf verschiedene Weise geschoren. Wird jedoch ein Schaf geschlachtet, so wird das Fleisch an alle verteilt. Bei den Ashluslays haben die gewebten Mäntel Zeichen, die den Besitzer angeben. Einige solche Besitzmarken sind hier abgebildet (Abb. 4). Da sie eine Art Namenszeichnung sind, sind sie höchst interessant. Möglicherweise haben indessen die Indianer die Idee hierzu von den Zeichen, mit welchen die Weißen ihr Vieh stempeln, erhalten. Zahlreiche, von den Weißen gestohlene Pferde mit solchen Zeichen habe ich nämlich bei den Ashluslays gesehen.

Die Mäntel sind, wie erwähnt, gezeichnet, trotzdem will derjenige, der einen großen guten Mantel besitzt, nicht allein unter demselben schlafen. In den Ashluslaydörfern pflegten ein paar Indianer oft des Nachts in meinem Bett zu schlafen, offenbar in dem Gedanken: „Du Weißer hast so große Decken, daß sie für mehrere als dich reichen.“

Diese meine Indianerfreunde hätten sehen sollen, wie es bei uns zu Hause zugeht, wie der eine in einem prachtvollen Bett schläft und der andere friert. Die Weißen sind ja auch nicht Brüder. -- Gütergemeinschaft herrscht bei diesen Indianern nicht, aber zufolge der großen Mildtätigkeit versucht keiner, sich auf Kosten des anderen einen Vorteil zu verschaffen, sondern teilt freigebig mit allen, was er hat. An dem einen Tage schenkt er, an dem anderen nimmt er Geschenke entgegen.

Das Land hat keinen Besitzer, die Äcker gehören dem, der sie bebaut. Land ist genug vorhanden, und es ist Raum da für alle. Sollte die Bevölkerung so groß werden, daß Mangel an anbaubarem Land eintritt, so würde es wohl auch mit dem gemeinsamen Besitzrecht aus sein.

Man sollte meinen, daß in einem Gemeinwesen, wie dem dieser Indianer, eine gewisse Gesetzlosigkeit herrscht. Diebstahl ist unbekannt, d. h. Diebstahl von den eigenen Mitgliedern des Stammes, denn es herrscht dort ein so großes Gemeingefühl, daß niemand zu stehlen braucht. Ich glaube auch nicht, daß die Indianer sich gegenseitig belügen. Dem Weißen lügt man etwas vor, man sagt ihm ganz einfach, was man für nützlich für den Stamm hält. Man betrügt ihn, wenn es paßt, man sagt ihm die Wahrheit, wenn es nicht schaden kann. Ertappt man einen Indianer auf einer Unwahrheit, so betrachtet er es ungefähr so, wie ein Weißer die Entdeckung eines Aprilscherzes. Er lacht und findet es amüsant. Wird man ärgerlich, so hält er den Betreffenden offenbar für dumm.

Der Mord beschränkt sich auf den Kinder- und Elternmord, dies ist aber vom indianischen Standpunkt kein Verbrechen. Das klingt ja schrecklich. Die Indianerin betrachtet es als ihr Recht, die Leibesfrucht abzutreiben und ihr Neugeborenes zu töten, wenn sie will. Sie glaubt offenbar ein Recht an dem Leben zu haben, das sie gegeben. Die Abtreibung der Leibesfrucht geschieht durch mechanische Behandlung in weit vorgeschrittenem Stadium[16] und kommt somit, wenigstens bei den Chorotis, immer in den Fällen vor, wo unverheiratete Frauen schwanger werden. Die neugeborenen Kinder werden getötet, wenn die Mutter von dem Vater verlassen wird, und immer, wenn sie mißgestaltet sind. Ich kenne mehrere solche Kindesmörderinnen, die liebe und gutherzige Mädchen sind. Ein solches ist z. B. Ashlisi, ein Mädchen, das einige lustige Zeichnungen, von denen zwei weiterhin wiedergegeben sind, für mich gemacht hat. Unserer Ansicht nach sollte ein solches Verbrechen eine Frau verrohen. Das ist ein vollständiger Irrtum, denn das Verbrechen verroht erst, wenn es Verachtung seitens der Umgebung verursacht.