Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1912 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
Schreibvarianten, insbesondere bei Orts- und Personennamen, wurden nicht vereinheitlicht, sofern die betreffenden Schreibweisen mehrmals im Text vorkommen. Die in der ‚Berichtigung‘ am Ende des Buches aufgeführten Begriffe wurden in der vorliegenden Ausgabe bereits berücksichtigt.
Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Symbole gekennzeichnet:
kursiv: _Unterstriche_ fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+
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INDIANERLEBEN
INDIANERLEBEN
EL GRAN CHACO (SÜDAMERIKA)
VON
ERLAND NORDENSKIÖLD
LEIPZIG 1912 / ALBERT BONNIER
EINZIGE AUTORISIERTE ÜBERSETZUNG AUS DEM SCHWEDISCHEN
VON
CARL AUERBACH
Roßberg’sche Buchdruckerei, Leipzig.
Inhaltsverzeichnis.
Seite
+Einleitung+ 1
+Erstes Kapitel+:
Reise nach dem Arbeitsfeld 3
Der Calilegua 11
+Zweites Kapitel+:
Unter den Indianern am Rio Pilcomayo 15
+Drittes Kapitel+:
Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung) 32
Gemeinwesen 32
Das Indianerhaus 39
+Viertes Kapitel+:
Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung) 44
Der Kampf ums Dasein 44
Wie man bei den Ashluslays und Chorotis ißt 58
+Fünftes Kapitel+:
Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung) 63
Indianerkinder 63
Männer und Frauen 74
Arbeitsverteilung zwischen Männern und Frauen 94
+Sechstes Kapitel+:
Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung) 96
Trinkgelage 96
Das Tabakrauchen 101
Medizinmänner, religiöse Vorstellungen 103
Vom Matacoindianer Na-yás erzählte Sagen:
Der Raub des Feuers 110
Die Frau, die sich mit den Hunden verheiratet hat 111
Die große Feuersbrunst 111
Der Maisraub 112
Der Sohn des Chuña 112
Als die Matacos und die Christen die Welt teilten 113
Der Fuchs und der Stier 113
+Siebentes Kapitel+:
Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung) 116
Kunst und Industrie 116
Die Indianer als Zeichner 127
+Achtes Kapitel+:
Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung) 129
Krieg und Frieden 129
Handel 137
Besuch in fremden Dörfern 141
Das Verhältnis zu den Weißen 142
+Neuntes Kapitel+:
Das Land der Chané- und Chiriguanoindianer 148
+Zehntes Kapitel+:
Vom Lande der Chané- und Chiriguanoindianer 163
Indianer als Geographen 163
Der Indianer als Historiker 167
+Elftes Kapitel+:
Vom Lande der Chané- und Chiriguanoindianer 173
Alltagsleben in den Chané- und Chiriguanohütten 173
Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern 180
Tabelle, welche die Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen bei den Chanés und Chiriguanos ausweist 180
Nahrungszweige 181
Zubereitung der Speisen 188
Spiele 190
Das Leben der Indianerkinder 193
Alltagskleidung 200
Reinlichkeit 203
+Zwölftes Kapitel+:
Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer (Fortsetzung) 206
Vom Mutterleib bis zum Grabe 206
+Dreizehntes Kapitel+:
Aus dem Lande der Chané- und Chiriguanoindianer (Fortsetzung) 221
Häßliche Worte, Homosexualität, Selbstmord, Schamgefühl u. a. 221
+Vierzehntes Kapitel+:
Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer (Fortsetzung) 228
Häuptlinge und Gesetze 228
+Fünfzehntes Kapitel+:
Trinkgelage bei den Chanés und Chiriguanos 234
+Sechzehntes Kapitel+:
Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer (Fortsetzung) 242
Kunst und Industrie 242
+Siebzehntes Kapitel+:
Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer (Fortsetzung) 250
Sage und Religion 250
1. Der Weltuntergang und der Raub des Feuers 251
2. Der Weltuntergang und der Raub des Feuers 253
Besuche in Aguararenta (dem Dorfe der Füchse) 255
Das Mädchen, das seinem Mann nach Aguararenta folgte 255
Geister- und Tiersagen 257
Die Erschaffung der Welt, wie der Fuchsgott, Aguaratunpa, den Algarrobobaum fand, und wie er den weißen Kondor, Ururuti, fing 260
Tatutunpas und Aguaratunpas Verheiratung 264
Die Entstehung der Arbeit 269
Wie Aguaratunpa seinen Bruder nach dem Himmelsgewölbe schickte 270
Über den Sohn von Tatutunpa, und wie er seine Mutter gerettet hat 271
Der Mann, der sich mit der Tochter des Donnergottes, Chiqueritunpa, verheiratete 277
„Choihuihuis“ Frauenraub 283
Wie Aguaratunpa Tatutunpa tötete und dann selbst getötet wurde 285
Der Mann, der Añatunpa verbrannte 286
Der Mann, der Añatunpa tötete 287
Wie Bisose Reichtümer aus dem Berge holte 288
Der Fuchs und der Jaguar 289
Als die Schildkröte „Carumbe“ den Jaguar tötete 291
Die Liebessage des Kolibris 292
Als die Zecke, Yatéu, mit dem Strauß, Yándu, um die Wette lief 292
Die Indianer und die Naturerscheinungen 294
+Achtzehntes Kapitel+:
Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer (Fortsetzung) 297
Die katholischen Missionen unter den Chiriguanos 297
Die Furcht vor den Gummigegenden 298
Frondienste für die Weißen 300
+Neunzehntes Kapitel+:
Die Tapieteindianer 304
Zu diesen Indianern 304
Kultur und Sprache der Tapieteindianer 310
Tapietesagen:
Wie die Papageien den Tapietes Mais verschaffen 312
Wie die Tapietes das Schaf bekamen 313
Der Raub des Feuers 313
Das Entstehen der Zahnschmerzen 314
Die Taubstummen der Tapietes 315
+Zwanzigstes Kapitel+:
Die Tsirakuaindianer 322
+Schlußwort+ 329
Einleitung.
In diesem Buche beabsichtige ich, einige Indianerstämme, die ich während meiner Reise 1908-1909 näher kennen gelernt habe, zu schildern.
Ich habe das intime Leben dieser Menschen, ihre Gesellschaft, ihre Häuslichkeit, ihren Kampf ums Dasein, ihre Streitigkeiten, ihre Erziehung, ihre Moralbegriffe, ihre Religion und ihre Sagen hier zu schildern versucht.
In erster Reihe habe ich somit einen Beitrag zur Kenntnis der sozialen Verhältnisse im Gemeinwesen der Indianer liefern wollen.
Ich habe versucht, die Indianer kennen zu lernen und habe auch Sympathie für sie empfunden. Ich habe, so gut es ging, das Leben der Indianer zu leben, sie zu verstehen gesucht. Ich habe mit ihnen gefischt, getanzt, gesungen und getrunken. Ich habe zu vergessen gesucht, daß ich ausgezogen bin, um diese Menschen zu studieren, und nicht, um nur mit ihnen zu leben und mich zu amüsieren.
Ich habe diese Indianer als Mitmenschen betrachtet.
Unter vielen trockenen Tatsachen habe ich hier Menschen zeigen wollen, die der Sympathie des Lesers würdig sein dürften.
Meine Reise ist durch die Freigebigkeit meines Freundes Arvid Hernmarck zustande gekommen. Ich bin ihm deshalb zu großem Danke verpflichtet.
Mit seinem bekannten Interesse für die Schweden, die Südamerika kennen lernen wollen, hat mir Herr Generalkonsul Axel Johnson auf den bequemen Dampfern, die den immer blühenderen schwedischen Handel nach Argentinien vermitteln, freie Reise und freie Frachten gewährt.
Großen Dank schulde ich Frau Rosa Hernmarck, dem früheren Ministerresident O. Gyldén, dem Legationsrat H. von Bildt und dem Apotheker H. Enell, welche teils zu meiner Ausrüstung beigetragen, teils meine Sammlungen verwaltet haben.
Bei meinen umfassenden Streifzügen in Bolivia bin ich sowohl in der Hütte des Armen wie von dem reichen Estanciero mit außerordentlicher Gastfreiheit aufgenommen worden. Bei den Indianern wie bei den Weißen habe ich mich als Hausfreund betrachtet.
Am wohlsten habe ich mich bei den Indianern gefühlt!
+Erstes Kapitel.+
=Reise nach dem Arbeitsfeld.=
Am 21. Februar 1908 verließ ich zusammen mit einem Schweden, W. Andersson, Schweden, um mit dem Dampfschiffe „Drottning Sofia“ nach Buenos Aires zu fahren. Auf der herrlichen Seereise konnten wir Kräfte für künftige Strapazen sammeln. Mit Salz- und Sonnenbädern härteten wir unsere Körper in dem Gedanken: Auf einer solchen Reise, wie dieser, ist die allerwichtigste Ausrüstung eine gute Gesundheit. Ist man munter und gesund, so arbeitet man gut, ist man infolge Krankheit niedergedrückt, dann geht alles schlecht. Während meiner ganzen Reise war ich auch nicht einen einzigen Tag ordentlich krank.
Auf dem Dampfer schloß ich mit einem jungen Landsmann, Carl Moberg, Bekanntschaft. Es war ein wilder Junge. Eines Tages kletterte er auf den Großmast der „Sofia“, setzte sich auf den runden Knopf der Spitze und genoß bei einer Zigarette die Aussicht. Da er den Eindruck eines kühnen und furchtlosen Menschen machte, stellte ich ihn bei der Expedition an. Und das habe ich nicht zu bereuen brauchen. Moberg erwies sich während der ganzen Reise als ein tüchtiger und zuverlässiger Kamerad. Ich habe ihn hier so schildern wollen, wie ich ihn zum ersten Male kennen gelernt habe, damit der Leser verstehe, daß er ein Mann war, der für die Indianer paßt.
Ich will hier nicht schildern, was so viele andere vorher beschrieben haben, sondern übergehe Buenos Aires und begebe mich von dort direkt nach der Zuckerfabrik Esperanza in Nordargentinien. +Wo die Indianer anfangen, dort will ich auch meinen Reisebericht beginnen.+ Ich bitte nun den geneigten Leser, der besseren Orientierung wegen, diesen Platz auf der Karte aufzusuchen.
Nach den Zuckerfabriken in Nordargentinien kommen die Indianer von weit umher. Hier in den Fabriken treffen wir nicht die Wilden der Urwälder, sondern solche, die, von den Reichtümern des weißen Mannes angelockt, aus ihren Dörfern gekommen sind, um Arbeit und Verdienst zu suchen. In diesem Buche werden wir diese Menschen auch nicht hier, sondern weit hinten in den Urwäldern und Gebüschen ihrer Heimat kennen lernen.
Mit dem größten Wohlwollen wurde ich von den Brüdern Leach, den Besitzern der Fabrik Esperanza, aufgenommen. Sie haben ein echt englisches Heim mit bequemen Stühlen, Polo, Freundschaft ohne Ziererei und Zeremonien und Dienstbereitschaft ohne viele Worte.
In Esperanza hielt ich mich einen Monat auf, um meine Expedition auszurüsten. Während dieser Zeit hatte ich Gelegenheit zum Studium der Indianer, die, wie schon erwähnt, von weit her nach den Fabriken kommen, um Arbeit zu suchen. Außerdem machte ich eine Expedition nach dem nahebelegenen Berge Calilegua.[1]
Unter den Indianern in Esperanza hatte ich das Glück, einen alten Freund von meiner Reise 1901 zu treffen, den Matacoindianer „Chetsin“. Dieser, der Dolmetscher seines Stammes, sprach ausgezeichnet spanisch. Beinahe jeden Tag pflegte ich ein Stündchen in seiner Hütte zu verweilen und mit ihm von allem möglichen zu sprechen. Zuweilen erzählte er mir einige Sagen seines Stammes.
Es war ein eigentümliches Gefühl, auf einem Holzblock in der Grashütte bei einem spärlichen Feuer zu sitzen und erzählen zu hören, wie die wilden Schweine dem Gürteltier den Mais stahlen und wie das Meerschweinchen dem Jaguar das Feuer stahl und es den Matacoindianern gab, und einige Augenblicke später in einem bequemen Stuhle in dem englisch komfortablen Leachschen Hause zu sitzen und über Politik, Flugschiffe und Sport zu sprechen. Die Gegensätze im Leben bereiten immer Vergnügen.
Über die Wanderung der Indianer nach den Zuckerfabriken möchte ich hier einige Worte sagen.
„Bapurenda“ nennen die in Bolivia lebenden Indianer das Land Argentinien. Das bedeutet: dort gibt es Arbeit. Nach den Zuckerfabriken kommen jährlich tausende Indianer aus dem argentinischen Chaco und aus Bolivia, um Arbeit zu suchen. Man verwendet sie teils zum Roden und Graben, teils für die Ernte. Diese Wanderung nach Argentinien ist für die friedliche Eröffnung der in Südbolivia von Indianern bewohnten Wildnisse von der größten Bedeutung für die Weißen gewesen, und ist es auch heute noch. Nach „Bapurenda“ kommen die Indianer aus weiter Ferne. Man sieht dort die sauberen und aufgeweckten Chiriguano und Chané, die heimtückischen und zudringlichen Toba, die schmutzigen und unzuverlässigen Mataco, die stets heiteren und faulen Choroti. Einige Tapiete und Ashluslay[2] sind auch dort gewesen, obschon die ersteren als Toba, die letzteren als Choroti und Mataco aufgetreten sind. Eigentümlicherweise sollen auch von solchen Teilen des südbolivianischen Chaco, wo noch nie ein Weißer gewesen ist, Indianer nach Argentinien gekommen sein. Unter ihnen ist der Chiriguanohäuptling Cayuhuari bemerkenswert. Dieser Häuptling wohnt seit 1890, wo er sich gegen die Weißen empört hatte, im Chaco.
Ein sehr großer Teil der Indianer nimmt die lange Reise nach Argentinien zu Fuß vor, da nur wenige Pferde haben. Einzelne haben bis zu ihrer Ankunft über 500 km zu wandern, und das ist ein ganz hübscher Spaziergang.
Der Grund der Wanderung dieser Indianer ist die große Schwierigkeit, alle die Herrlichkeiten des Weißen, wie Messer, Äxte und Kleider, in ihrem eigenen Lande zu erwerben. Wenn sie bei sich zu Hause Arbeit haben, ist sie in der Regel schlecht bezahlt, und innerhalb großer Gebiete ist überhaupt keine Arbeit zu bekommen.
Mehrere Indianer haben mir gesagt, sie würden, wenn sie zu Hause Arbeit fänden, diese Wanderung nicht vornehmen. Eins ist jedoch sicher, daß diese Reisen in ein fremdes Wunderland im höchsten Grade verlockend für sie sind. Ich war gerade in einem Ashluslaydorf, als die ersten dieses Stammes, die in den Fabriken gewesen sind, wieder nach Hause kamen. Sie wurden mit Ovationen empfangen. Das ganze Dorf war ihnen entgegengegangen, und unter dem Gesang der alten Frauen wurden sie zu ihren Hütten gebracht, wo sie von ihren Kindern und Frauen bewillkommnet wurden. Sie hatten so viel Merkwürdiges mitgebracht, alte Gewehre, alte Uniformen, Zucker, Streichhölzer, Pulver, Knallerbsen, betresste Käppis, Anelin u. a. Wie viel ist nicht zu erzählen, wenn man nach Hause kommt. Es muß mindestens ebenso merkwürdig gewesen sein, als wenn ein Erdbewohner von einer Reise nach dem Monde nach Hause gekommen wäre. Wie wunderbar muß es den zu Hause Gebliebenen vorgekommen sein, von den Eisenbahnen, den Fabrikmaschinen, den elektrischen Bogenlampen, den großen Hütten und allem anderen Neuen zu hören. Auch sie werden zu der mühseligen, langen Wanderung verlockt, und immer weitere Gebiete eröffnen sich dem weißen Manne ohne Kampf, ohne Schwierigkeiten.
Infolge dieser Wanderungen nach Argentinien verbreiten sich eine große Masse Werkzeuge, Messer, Waffen u. a. über den ganzen Chaco, und die ursprüngliche Kultur der Indianer verändert sich vollständig. Viele von ihnen lernen auf diesen Reisen etwas Spanisch, denn den Indianern fällt diese Sprache leicht. Sie lernen sogar sehr bald, es grammatikalisch zu sprechen.
Nach den Zuckerfabriken kommen die Mataco und Choroti sowie teilweise auch die Toba mit Frauen, Kind und Kegel, Hunden und Hausgerät, Schmutz und Ungeziefer und bauen dort ihre Dörfer, ganz wie im Chaco. Die höherstehenden Chiriguano und Chané bringen nur wenig Frauen und niemals ihre kleinen Kinder mit, falls sie nicht für immer dort bleiben wollen. Die Chiriguano und Chané wohnen in Zelten oder in den den Fabrikbesitzern gehörigen Baracken.
In den Fabriken habe ich die Indianer, besonders die Mataco und Chiriguano, arbeiten sehen. Die ersteren werden als die Tüchtigsten beim Ernten des Zuckerrohres, die letzteren als die besten Gräber betrachtet. Die Mataco und verschiedene Chiriguano werden auf Akkord bezahlt. Die besten Chiriguano sind Tagelöhner und werden den weißen Arbeitern gleichgestellt. In der Regel verdienen die Chiriguano täglich 1-1½ Pesos, die Matacomänner 40 Centavos und die Matacofrauen 20 Centavos außer der Kost. Die Arbeitszeit ist für die letzteren ungefähr acht, für die ersteren zehn Stunden.
Über den Fleiß der Indianer habe ich einige Notizen machen können. Die Chiriguano arbeiten in der Regel alle Tage außer den Montagen, wo sie den Sonntagsrausch ausschlafen. In San Lorenzo, unweit Esperanza, wo ich Gelegenheit hatte, etwas statistisches Material zu sammeln, arbeiteten die Matacomänner im Durchschnitt 12½ und die Matacofrauen 11½ Tage im Monat. Das beste Resultat hatte eine Matacofrau, die von 127 möglichen Tagen 125, und ein Matacomann, der 110 gearbeitet hatte. Die Häuptlinge und Dolmetscher arbeiten am wenigsten.
Bei der Bezahlung der Indianer hat man darauf zu sehen, daß sie nicht die ganze Löhnung während der Arbeitszeit ausbezahlt erhalten, sondern noch etwas zugute haben, wenn sie heimkehren, sonst halten sie sich für betrogen.
Stirbt ein Indianer, dem die Fabrik etwas schuldig ist, so verlangen die Mataco, Choroti und Toba nichts. Trifft dies bei den Chiriguano ein, so fordert der Häuptling die Bezahlung der Schuld durch ihn an die Hinterlassenen. Der Grund hierfür ist möglicherweise der, daß die Chiriguano infolge ihrer langen Beziehung mit den Weißen die Erbschaftsverhältnisse derselben besser kennen.
Leider wird für die Zivilisierung der nach den Zuckerfabriken kommenden Indianer nichts getan. Sie werden hier im allerhöchsten Grade demoralisiert. Die Männer verfallen der Trunksucht, d. h. sie lernen Branntwein trinken, im Verhältnis zu welchem alle einheimischen Getränke bedeutend unschuldiger sind. Infolge des Branntweins und der schlechten Beispiele seitens der weißen Arbeiter kommt eine große Anzahl Indianer durch Schlägereien in den Fabriken um. Die Indianerfrauen verkaufen sich den Weißen. Geschlechtskrankheiten herrschen unter den indianischen Arbeitern, die teilweise geradezu Bordelle besuchen, wo sie mit den weißen Frauen Bekanntschaft machen. Der Chiriguanohäuptling Maringay, der niemals in Argentinien war, und von dem ich später noch recht viel zu erzählen haben werde, fragte mich einmal: „Sage mir, ist es wahr, daß es in Argentinien Läden gibt, wo man weiße Frauen, je nach Beschaffenheit, für 2, 3, 5 Pesos bekommt?“ Maringay fand sicher, daß die Weißen merkwürdige Läden hatten.
Viele Chiriguanoindianer kommen mit ihren Familien nach den Zuckerfabriken und kehren niemals in ihre Heimat zurück. Das Leben dieser Indianer verläuft ebenso wie das der weißen Arbeiter. Sie leben in einer Art Konservenbüchsenkultur und stellen so gut wie gar keine ihrer alten charakteristischen Sachen her. Ein wie trauriges Leben führen sie doch, viel schlechter als in ihren Dörfern in ihrem eigenen Lande. Anstatt der feinen, bemalten Tongefäße bilden leere Konservenbüchsen, Blechteller usw. ihr Hausgerät. Manchmal sieht man auch unter ihren Habseligkeiten ein europäisches Nachtgeschirr -- in dem sie das Essen verwahren.
Eine in den Fabriken in großer Ausdehnung betriebene Unsitte ist die, daß die Indianer Schießwaffen erhalten. Infolge dieser führen die Indianer, die dort gewesen sind, siegreiche Kämpfe mit denen, die nur Pfeile und Bogen besitzen. Diese Schießwaffen werden eines Tages manchem weißen Manne das Leben kosten, denn sicher werden die Indianer im Chaco noch manchen Aufruhr anstiften. Auf argentinischem Gebiete sorgt besonders der Tobahäuptling Taycolique systematisch für eine Bewaffnung seiner Leute mit Feuerwaffen. Er ist schon so weit gekommen, daß er die unmodernen Remingtongewehre kassiert und statt dessen Repetiergewehre eingeführt hat. Taycolique hat seinen Leuten das Schießen beigebracht. Eines Tages zog er mit einigen seiner Männer an einem Platze vorbei, wo einige Weiße Schießübungen abhielten. Taycolique forderte sie zu einem Wettschießen auf, und seine Tobaindianer gewannen den Preis.
Im großen ganzen wird meiner Ansicht nach das Indianererziehungsproblem am besten gelöst auf die Weise, daß man dem Indianer gutbezahlte Arbeit, wie sie sie in den Fabriken haben, gibt. Viel wäre außerdem zur Hebung der Indianer zu tun, sie müßten schreiben, lesen und rechnen lernen, und man müßte sie vor dem Branntwein und der Prostitution bewahren. In diesen Fabriken müßten industrielle Schulen errichtet werden, in welchen die Indianer ein Handwerk erlernten. Eine Arbeit, wie sie sie in gewissen Gegenden haben, mit durchaus unbefriedigender Bezahlung, erzieht sie nicht zu fleißigen und arbeitstüchtigen Menschen, sondern bewirkt eher das Gegenteil. Erhalten sie eine ordentliche Entschädigung und sehen sie, daß es ihnen durch Arbeit gut ergeht, daß sie leichter ihren Magen füllen, Pferde, Werkzeug und Kleider anschaffen können, dann arbeiten sie gern, und die Arbeit tut ihnen gut und erzieht sie.
Der Calilegua.