Im tropischen Busch

Part 2

Chapter 23,762 wordsPublic domain

Etwas konnte ich immerhin für den Mann tun. Ich warf mehrere Steine nach den Schweinen, und sie verließen den Vorplatz vor dem Bungalow. Sie gingen aber nicht den Pfad hinunter, der zu ihren Eigentümern führen mußte, sondern bogen nach einer Weile von dem Pfad ab und trotteten auf einen Hügel zu, der sich in etwa dreihundert Schritt Entfernung vom Hause befand und völlig mit dichtem Buschwerk bewachsen war.

Es schien, daß sie dort in der Nähe reichlich Futter fanden, denn ich bemerkte, daß sie durch das Gebüsch hin und her krochen für eine Weile, bis ich jegliches Interesse an ihnen verlor und die Hühnernester absuchen ging, weil ich Hunger bekam.

Der zweite Besuch

Drei Tage später, wie gewöhnlich über meinem Buche sitzend, gegen elf Uhr nachts, hatte ich plötzlich dasselbe seltsame Gefühl, das mich in jener Nacht aufgescheucht hatte, als der Indianer in mein Haus gekommen war.

Ein Frösteln lief mir über den Nacken, als ich, zur Seite blickend, meinen indianischen Besucher im Zimmer stehend fand, mich schweigend aber unverwandt beobachtend.

Dieses Gefühl des Unbehagens aber verflog sofort, weil mich die Wut packte, die zu verbergen ich mich keineswegs bemühte, als ich den Mann fragte: „Wie sind Sie denn hier hereingekommen? Was denken Sie sich denn eigentlich, daß Sie sich solche Freiheiten erlauben? Das ist doch hier kein öffentliches Gebäude. Das ist ein Privathaus, verstehen Sie? Und ich wünsche, daß Sie es als ein Privathaus respektieren. Was, zum Teufel, wollen Sie denn eigentlich? Wenn Sie einen Schweinehirten suchen, dann schauen Sie sich doch woanders um.“

Ich polterte die Sätze heraus, mehr um mein Sicherheitsgefühl wiederzugewinnen, und jenes Frösteln loszuwerden, als um dem Mann wehe zu tun.

Er starrte mich an mit weit geöffneten Augen und mit einem Ausdruck des Gesichts, als müsse er vorsichtig den Sinn meiner Sätze erst ergründen, ehe er darauf antworten könne. Dann sagte er: „Auch ich fürchte Schweine. Sie sind so grauenhaft! Oh, so sehr grauenhaft!“

Kurz angebunden erklärte ich: „Das geht mich nichts an. Schlagen Sie die Biester tot und kochen Sie Fett daraus, wenn sie Ihnen unbequem sind. Aber lassen Sie mich nun endlich damit in Ruhe.“ Ich sah ihm ins Angesicht. Seine Augen blickten so traurig, daß ich plötzlich heißes Mitgefühl mit ihm empfand.

„Sehen Sie her, o Herr!“ Er deutete auf seine Wade.

Gräßlich! Einige Zoll über dem Knöchel befand sich eine furchtbar aussehende Wunde.

„Das haben die Schweine getan.“ Durch seine Stimme klang jetzt ein Ton, der mich fast zum Weinen gezwungen hätte. Mein übermüdetes Gehirn begann sich zu rächen.

„O, grauenhaft! O, grauenhaft! Und gleichzeitig zu wissen, daß man ganz hilflos ist, daß man sich nicht einmal gegen solch wüstes Getier schützen kann. Flehen Sie alle Schicksalsmächte an, daß Ihnen nicht ein gleiches Los beschieden werde. Es wird nicht lange währen, und diese entsetzlichen Tiere werden an meinem Herzen nagen, und sie werden mir die Augen ausfressen, bis jener Tag des Grausens kommen wird, wo sie mein Hirn schlürfen werden. Oh, Herr und Freund, bei allem, was Ihnen heilig ist, helfen Sie mir, erretten Sie mich aus meiner namenlosen Pein. Ich leide mehr, als ein Mensch ertragen kann. Was mehr noch kann ich sagen, um Sie von meinen Qualen zu überzeugen?“

Nun endlich wußte ich, was der Zweck seines Besuches war. Der Mann glaubte, ich sei der Doktor. Es war allgemein bekannt, daß der Doktor nicht praktizierte; da aber der nächste Arzt etwa fünfundachtzig Meilen entfernt wohnte, leistete Doktor Wilshed auf Verlangen in sehr dringenden Fällen erste Hilfe. Augenscheinlich litt der Mann entsetzliche Schmerzen.

Nach langem Suchen fand ich in einer Kiste die Medikamente. Ich nahm eine Binde heraus, Baumwolle und Salbe.

Als ich mich nun dem Manne näherte, ihm die Binde anzulegen, trat er zwei Schritte zurück und sagte: „Das ist nutzlos. Es sind die Schweine, die ich fürchte und die mir Qualen bereiten, nicht die Wunde, die ich kaum beachte. Diese Wunde ist für mich nur das Zeichen dessen, was noch folgen wird.“

Auf seine Weigerung nicht achtend, langte ich energisch nach seinem Bein. Aber ich tappte in die leere Luft. Etwas verwirrt schaute ich auf, und ich nahm wahr, daß der Mann noch einen Schritt weiter zurückgegangen war. Lächerlich, wie leicht man sich täuschen läßt; ich konnte schwören, daß meine zupackende Hand an derselben Stelle gewesen war, wo sein Bein stand.

Ich gab meinen ärztlichen Beistand auf und ging zum Tisch, wo ich stehenblieb und ihn beobachtete.

„Das sind ganz wundervolle Schmucksachen, die Sie da tragen,“ sagte ich. „Wo haben Sie die erhalten?“

„Mein Neffe hängte sie über mich, als ich ihn verlassen mußte.“

„Scheinen sehr alt zu sein. Antike Arbeit.“

„Sind sehr alt,“ bestätigte er. „Sie gehören zum Schatze meiner königlichen Familie.“

Ich konnte es nicht vermeiden, ein wenig zu lächeln, was er aber nicht zu bemerken schien, oder er war zu höflich, es zu sehen. Spaßhafte Leutchen, diese Indianer. In Lumpen gekleidet, wohnend in elenden Palmhütten, selten im Besitz der paar notdürftigen Münzen, um sich rohes Leder für Sandalen zu kaufen, tragen sie dennoch Diamantringe an den Fingern.

Wieder begann ich nüchterne Wirklichkeit und den Inhalt der Bücher, die mich in Atem hielten, miteinander zu verwirren. „Mein Neffe gab sie mir.“ Aber das war ja ein Brauch bei den Azteken, bei den Panukesen, bei vielen andern indianischen Völkern, wo nie der Sohn, sondern der Bruder oder der Neffe der Thronerbe war. So ging das nicht weiter. Ich mußte unter Menschen gehen; die Einsamkeit des tropischen Busches bekam mir nicht, ganz besonders nicht, wenn ich nichts tat als derartige Bücher zu lesen.

„Nun muß ich gehen!“ Er unterbrach meine wandernden Gedanken. „Vergessen Sie nicht, daß es die Schweine sind, mein Herr. Einige große schwere Steine werden genügen. Es ist so hart, um Hilfe bitten zu müssen, aber ich kann mich nicht verteidigen. Ich bin ja so sehr hilflos.“

Aus seinen traurigen Augen rollten Tränen langsam an seinem Gesicht herunter, obgleich er sich bemühte, ihnen Einhalt zu gebieten.

Dann erhob er seine Hand, führte sie an seine Lippen, hob sie hoch über sein Haupt und hielt die innere Handfläche eine kleine Weile gegen mich gekehrt. Und ich erkannte, daß seine Hand von einer edlen Form war, die ich irgendwo gesehen hatte. Wo aber, konnte ich mich nicht erinnern. Auch bemerkte ich zum ersten Male, daß er einen Vollbart trug, der zwar Kinn und Backen hinreichend umrahmte, aber doch dünn erschien. Und obgleich einen solchen Vollbart gesehen zu haben ich mich nicht erinnerte, rief er doch etwas, das mit merkwürdig gesprochenen Sätzen verknüpft war, in mir wach, über das ich nachzugrübeln begann, ohne es finden zu können.

Ich riß mich von dieser verwirrenden Gedankenkette los, um den Mann nach seiner Wohnung zu fragen, was zu wissen mir plötzlich und ganz ohne Grund ungemein wichtig schien.

Aber er war bereits gegangen.

Ich sprang zur Tür. Wahrlich, er schreitet wie ein König! sagte ich zu mir selbst, als ich ihn den Pfad dahingehen sah.

Wie wunderschön war die Nacht! Sie war gekleidet in den magischen Silberschimmer des Vollmonds, der steil über meinem Scheitel stand. Die zauberhafte Sonne der Tropennacht. Die Dinge standen in diesem Lichte da in einer so unheimlichen Schärfe, als müsse sich in jeder Minute etwas Unerhörtes ereignen. Es lag ein Warten in diesem Licht, als würden diese grellbeleuchteten, schreckhaft lebendig erscheinenden Dinge mit dem nächsten Atemzuge einen grellen Schrei ausstoßen, um den Schatten aufzujagen, der schwer und schwarz und wuchtig auf ihren Füßen lastete.

Und der in der Luft hängende Schrei fiel auf mein Herz und machte es stocken, als der Indianer stehenblieb, sich umwandte und mir sein Gesicht zukehrte, in dem ich jede Linie, ja selbst jede Pore deutlich sehen konnte, obgleich er dreihundert Schritt beinahe entfernt war. Nun erhob er den Arm und deutete nach jenem Hügel, wohin sich die drei Schweine verzogen hatten, nachdem ich sie mit Steinen fortgejagt hatte.

Dann verließ er den Pfad und ging auf den Hügel zu. Das Gebüsch reichte ihm zur Schulter. Langsam stieg er den Hügel hinauf, bis er die Höhe erreicht hatte, wo das dichte Gebüsch so hoch stand, daß es ihm weit über den Kopf reichte und es auf mich den Eindruck machte, als habe ihn das Gestrüpp verschluckt, denn ich sah ihn nicht mehr.

Eine Entdeckung

Sobald die Sonne am nächsten Morgen aufgegangen war, nahm ich mein Buschmesser und schlug mir einen Pfad zu jenem Hügel. So sorgfältig ich aber auch das Gebüsch untersuchte, ich konnte den Weg nicht finden, den der Indianer in der verflossenen Nacht gegangen war. Nichts war niedergetreten, kein Zweig abgebrochen. Es war eine harte Aufgabe, ihm auf seinem Wege zu folgen. Ich hatte mir vorgenommen, ihn in seiner Hütte aufzusuchen. Vielleicht konnte ich eins seiner einzigartigen Schmuckstücke gegen ein Paar Stiefel oder ein Hemd oder Sattelzeug eintauschen.

Als ich endlich den Hügel erreichte, machte ich eine merkwürdige Entdeckung: der Hügel war nicht ein natürlicher Haufen Erde oder ein Felsblock, wie ich geglaubt hatte, sondern er war künstlich aus gehauenen Steinen und Mörtel aufgebaut. Dem Anschein nach zu urteilen, war er einige hundert Jahre alt. Das dornige, dichte Gebüsch hatte ihn völlig bedeckt und sich in das Mauerwerk festgewurzelt und eingefressen. Diese unerwartete Entdeckung ließ mich ganz vergessen, dem Indianer nachzulaufen.

Ich hieb das Gebüsch nieder und machte eine weitere Entdeckung: Steinstufen führten in östlicher Richtung auf die Oberfläche des Hügels. Der Hügel selbst war etwa fünf Meter hoch. Oben hatte er eine viereckige ebene Fläche, die wohl drei Meter im Geviert war.

Eine Seite des Hügels war durchwühlt, und da hier das Buschwerk niedergetrampelt war, schien diese Wühlerei ganz kürzlich getan worden zu sein. Kein Zweifel, die Schweine hatten das neulich verübt, als sie hier herumlungerten. Als ich dieser Wühlerei nachging, fand ich, daß die Schweine sich durch das Mauerwerk gearbeitet hatten, das an dieser Stelle zu zerfallen begann und bloßlag.

Wenn irgendwo, dann lag hier das Geheimnis verborgen, das mich beschäftigte. Hier war die Erklärung zu suchen für alles, was in den letzten Tagen geschehen war.

Ich eilte zurück zum Hause und holte mir Pickhacke und Schaufel. Stein um Stein, Brocken um Brocken brach ich heraus, bis das Loch groß genug war, um meinen Oberkörper hindurchzuzwängen. Ich zündete ein Streichholz an. Doch kaum flammte es auf, als ich es mit einem unartikulierten Schrei fallen ließ und mich so rasch hinausquetschte, daß sich Schultern, Brust und Rücken mit blutenden Schrammen bedeckten. Dann, im hellen Sonnenlichte vor dem Loche sitzend und meinen Atem wiederfindend, dachte ich, daß Augen doch recht unzuverlässig sein können.

Ursprünglich hatte ich die Absicht gehabt, den Hügel unberührt in jener Form zu lassen, in der ich ihn gefunden hatte. Doch nun blieb mir keine andre Wahl. Ich hatte den Kopf des Hügels aufzubrechen, um das blendende Tageslicht hineinfluten zu lassen und dem Innern der Höhle die unerträgliche Geisterhaftigkeit zu rauben.

Harmlosere Dinge als das, was in dieser Höhle verborgen war, können einem im Dschungel oder im tropischen Busch ein tiefes Grauen einjagen. Eine zwanzig Zentimeter große behaarte Spinne, die einem über das Gesicht läuft, oder ein fünfunddreißig Zentimeter großer schwarzer Skorpion, der sich ins Zelt oder in die Hütte geschlichen hat, erfüllen einen häufig genug mit größerem Entsetzen als das Begegnen mit einem Tiger, wenn man nichts weiter in der Hand hat als einen Stock.

Ich beschloß, sofort an die Arbeit zu gehen. Das Unbestimmte mochte sich in meiner Einsamkeit, besonders zur Nachtzeit, vielleicht schwerer auf die Nerven legen als das klare, festumgrenzte Wissen, wenn es auch noch so Grauenhaftes aufweisen sollte.

Der Panukese ist tot

Gegen Mittag war ich trotz der Gluthitze so weit mit meinem Ausgraben gekommen, daß der Inhalt der Höhle offen im hellen Licht des Tages lag.

Es ist ganz gewißlich wahr, ich war weder geistesgestört, noch träumte ich. Wäre ich im Zweifel gewesen, die Blasen an meinen Händen und die Müdigkeit meines Körpers hätten mich eines Besseren belehrt.

Da, in jener Höhle, deren Mauerwerk so fest gefügt war, als wäre es beste Betonarbeit, war mein Besucher, jener Indianer, der mich zweimal des Nachts in meinem Hause gesprochen hatte. Er saß auf dem Boden der Höhle in hockender Stellung. Sein niedergebeugtes Antlitz war verborgen in seinen Händen.

Er war tot. Tot seit vier-, fünfhundert Jahren, vielleicht viel länger, und er war begraben worden mit unnennbarer Sorgfalt, aus der Liebe sprach und Ehrfurcht zugleich. Die Höhle war durchaus luftdicht abgeschlossen gewesen bis vor wenigen Tagen, wo die Schweine angefangen hatten, dort herumzuwühlen.

Sein Aussehen war nicht das einer ägyptischen Mumie. Vielmehr sah er ganz so aus, als wäre er vor drei Tagen erst gestorben.

Die Lumpen, in die er gekleidet war, erschienen im hellen Tageslicht noch bei weitem kostbarer und reicher in ihrer ursprünglichen Herkunft als in der Nacht gesehen.

Die Schmucksachen, die er trug, waren Meisterstücke hochentwickelter Goldschmiedekunst, und ich hatte nie zuvor irgendwo Arbeiten von solcher Vollendung gesehen.

Plötzlich bemerkte ich, daß seine Wade angefressen war, und gerade an jener Stelle, die er mir in der vergangenen Nacht gezeigt hatte. Kein Blut war zu sehen, trotzdem die Schweine bereits bis auf den Knochen gekommen waren. Das Fleisch seiner Brust, seines Gesichts und das seiner Waden war hart und fühlte sich an wie Holz. Ich konnte mir nicht erklären, welche Anziehungskraft dieses holzartige Fleisch, das augenscheinlich auch nicht den allergeringsten Nährwert enthielt, auf Schweine ausüben konnte. Aber es war ja immerhin möglich, daß Schweine hinsichtlich dessen, was gut schmeckt, eine andre Meinung haben, als wir gemeinhin annehmen.

Warum sich der Körper so frisch erhalten hatte, war leicht zu erklären: Die Höhle war luftdicht abgeschlossen, und die Erde rundherum enthielt chemische Substanzen, die auf den Körper konservierend einwirkten, nachdem sie in feinen Partikelchen das Mauerwerk durchsetzt hatten. Wahrscheinlich war auch das Konservierungsmittel, das beim Einbalsamieren des Körpers gebraucht worden war, von andrer Beschaffenheit und Wirkung als jenes, das die Ägypter verwandten.

Immer wieder und wieder betrachtete ich meinen Fund. So lebensfrisch hockte er da, daß ich jeden Augenblick erwartete, er würde den Kopf heben, aufstehen und mit mir zu sprechen anfangen.

Von Erde bist du gemacht

Mitleidlos schleuderte die Sonne ihre feurigen Speere hinunter, und es kam mir der Gedanke, daß diese Gluthitze meinem kostbaren Funde von Nachteil sein könne, wenn er zu lange dem grellen Sonnenlicht ausgesetzt sei.

Ich holte aus dem Hause eine große Kiste, um den Körper hineinzulegen und ihn dann in Sicherheit zu bringen. Ehrlich gesagt, es war mir nicht ganz klar, warum ich das alles tat, weshalb ich nicht den Körper da lassen wollte, wo er seit vielen hundert Jahren geruht hatte. Aber diese Krankheit, die schon so viel Unheil angerichtet, so viel Seelenlosigkeit in unsre Kultur gebracht hat, die Museumswut, packte mich. Ich sah meinen Namen in wissenschaftlichen Zeitschriften gedruckt, sah mich am Rednertisch stehen, zur Seite eine weiße Leinwand, sah die Briefe von Redaktionen großer Zeitungen auf mich einregnen, die mich um Aufsätze anflehten und mir die Freiheit ließen, das Honorar zu bestimmen, sah die Museumsdirektoren mit fabelhaften Summen um meinen Fund kämpfen und sah die Dollarmillionäre bescheiden vor meiner Tür stehen und mir Blankoschecks anbieten, um ihre Privatsammlungen auf den ersten Seiten der Neuyorker Blätter erwähnt zu sehen.

Und doch wieder ließen mich diese materiellen Aussichten ganz kühl und verflogen so rasch aus meinem Geist, wie sie, kaum eine Spur zurücklassend, gekommen waren. Noch jetzt weiß ich ganz genau, daß mein Handeln, ohne einen bestimmten Gedanken über das Warum zu haben, sich so mechanisch abwickelte, als hätte es gar nicht anders sein können.

Mit Sorgfalt ging ich ans Werk. Da die Höhle nicht weit genug war, um die Kiste neben den Körper in die Vertiefung zu setzen, sprang ich hinunter, um den Körper auf den Rand der Höhle zu heben.

Doch kaum hatte ich zugepackt, als meine Hände auch schon zusammenklatschten, als hätten sie Luft umarmen wollen, denn zwischen meinen Händen fiel der Körper zusammen, und übrig blieb nichts weiter von ihm als ein kleines, ganz kleines Häuflein Staub, das, wenn ich es zusammenscharrte, nicht größer war als eine Faust.

Es waren nicht mehr als zwanzig Minuten vergangen, seit ich den Körper abgetastet und gefunden hatte, daß er hart war und sich anfühlte wie Holz. Alles, selbst die kostbaren Gewebe, das schwarze Haar des Kopfes und des Bartes, die Fingernägel hatten sich so überraschend in zarte Flugasche verwandelt, als habe ein gewaltiges Feuer mit der Raschheit und der Konzentriertheit des Blitzes einen Strohhalm aufgebrannt.

Ich starrte auf das winzige Häuflein Asche, das noch während meines Hinsehens der Erde, die beim Ausgraben auf den Boden der Höhle gefallen war, immer ähnlicher wurde, und ich hätte schon nicht mehr mit Gewißheit sagen können, was Sand und was Asche war.

Es war zwecklos, noch länger da in der Mittagssonne zu stehen. Ein Traum äffte mich; ich begann aufzuwachen und bemühte mich, klar und ruhig auf ein Mittel zu denken, das mich von diesen Wahnbildern, die mich herumjagten, befreien könnte. Ich fühlte deutlich, daß ich anfing, krank zu werden. Der Busch stand unheimlich drohend um mich herum, ebenso drohend stand über mir die glühende Sonne, einer erbarmungslosen Feindin gleich, sich in mein Hirn bohrend, fressend und sengend. Die Menschen hatten seit hundert Jahren die Erde verlassen, mich hatten sie vergessen zu rufen und mitzunehmen, weil ich zu tief im Busch war, weil sie mich tot geglaubt hatten.

Aber ...

Oh, Sonne, Mond und alle Sterne, erlöst mich von meinen Qualen! Was, um aller Lebenden und Toten willen, ist Wahrheit? Dort, vor meinen Füßen funkelt und glitzert es so lustig im Sonnenlicht, so verheißungsvoll und so beruhigend: die Schmuckstücke des Indianers. Sie zerfielen nicht zu Asche, und wenn sie da sind – und sie sind wirklich und wahrhaftig da, denn ich fühle sie in meinen Händen –, dann ist auch der Indianer dagewesen, und ich bin durchaus gesund und weiß, was ich tue.

Ich eile zum Hause.

Mit der Freude im Herzen über das neugeschenkte Leben betrachtete und studierte ich die kleinen Kunstwerke. Dieses Studium erfüllte mich mit Andacht und mit Ehrfurcht gegenüber den Künstlern, die so Wundervolles schaffen konnten und die ihre Namen nicht zurückließen.

Endlich wickelte ich die Sachen in Papier, machte ein kleines Paketchen, das ich verschnürte, und legte es in eine leere Blechbüchse, die ich oben auf das Bücherbrett stellte.

Noch vor Sonnenuntergang ging ich abermals zur Höhle und füllte sie mit Erde und Steinen aus. Ich tat es, um zu verhindern, daß vorüberwandernde Indianer oder sich herumtreibende Pferde und Maultiere hineinstürzten, die Glieder brachen und hilflos darin liegenblieben.

Den ganzen Abend verbrachte ich damit, mir alle Geschehnisse der letzten Tage und besonders des heutigen ins Gedächtnis zurückzurufen und sie zu ordnen, damit es ihnen nicht gelänge, mich zu verwirren. Denn da ich niemand hatte, mit dem ich hätte sprechen, auf den ich einen Teil meiner Erregung hätte abladen können, war ich genötigt, alle Widersprüche, Einwendungen, Erklärungen und Vermutungen gegen mich allein zu führen, um eine Unterhaltung in Fluß zu bringen.

Mitternacht war längst vorüber, als ich zu Bett ging, erregt wie ein Kind am Weihnachtsabend. Erschöpft und übermüdet von der harten Tagesarbeit und den seelischen Aufregungen der letzten zwanzig Stunden, fiel ich sofort in Schlaf.

Träume

Mein Schlaf war alles andre, nur nicht sanft und ruhig. Aus einem schweren und wüsten Traum wurde ich in einen andern gejagt. Jeder hatte seinen Höhepunkt, und wenn dieser Punkt erreicht war, schoß ich auf, nur um sofort wieder in Schlaf zu fallen, mit keinem andern Sinn, als sogleich einen neuen Traum herunterzuhetzen. Es war ganz natürlich, daß jeder Traum mit den Dingen, die mich in den letzten Tagen so außerordentlich beschäftigt hatten, in naher Verbindung stand.

Ich fand mich über die lebhaften Märkte der alten indianischen Städte wandern, aber es war mir nicht möglich, das zu finden, was ich so bitter notwendig haben mußte. Und immer, wenn ich glaubte, es nun gefunden zu haben, machte ich die Entdeckung, daß ich vergessen hatte, was es war. Nun begann mein Geist angestrengt zu arbeiten, um das, was ich brauchte, in mein Gedächtnis zurückzurufen. Dann ging ich an einen Verkaufsstand und kaufte etwas. Wenn ich es aber in der Hand hatte, kam es mir zum Bewußtsein, daß ich ganz etwas andres hatte kaufen wollen. Ich steckte den Gegenstand, den ich plötzlich gar nicht kannte, in die Tasche, aber ich fand, daß ich keine Tasche an meinen Kleidern besaß. Nun sollte ich bezahlen, und so sehr ich auch suchte, ich konnte die Kakaobohnen nicht finden, die das Geld waren, mit dem ich zu zahlen hatte. Denn was immer ich in die Hand nahm, waren Pfefferkörner oder Ameisen oder Fingernägel. Und dann wurde ich von halbnackten Marktpolizisten gejagt und als Marktbetrüger verfolgt. Ich raste durch den Busch, wo mich die Schlingpflanzen und Kaktusstauden festzuhalten suchten, meine Haut mir in Fetzen vom Leibe gerissen wurde durch die Dornen und Stacheln, die sich mir überall in den Weg drängten. Und wohin ich trat, waren Schlangen, Riesenspinnen, gigantische Skorpione, große Eidechsen, deren Maul halb so weit offen war, wie ihr Körper lang war, während hinter mir die nackten Polizisten wie Wölfe heulten und brüllten und Polizeitiger auf meine Fährte setzten. Nun hatte ich einen hohen Felsen zu erklimmen, und als ich oben war und eine Meute von Berglöwen und Geiern mich gerade packen wollte, fiel ich in eine tiefe Schlucht hinunter. Der Fall dauerte viele Stunden, und während des Falles sah ich, wie die Polizisten, die in Papageienfedern gekleidet waren, die Possums, die ihnen als Polizeihunde gedient hatten, herbeipfiffen, dann mit Musik heimmarschierten, den Kaufmann, dem ich dreiundeinehalbe Kakaobohne schuldete, verhafteten und am Nebenstand als Sklaven verkauften. Inzwischen kam ich unten in der Schlucht an. Ich schlug so heftig auf, daß ich erwachte und die Schlucht hell erleuchtet fand. Es war aber der Mond, der in mein Zimmer schien. Und darüber beruhigt, schlief ich sofort wieder ein.

Nun kämpfte ich auf seiten der spanischen Eroberer, und die Azteken nahmen mich gefangen. Ich wurde in den Tempel gebracht, um geopfert zu werden. Priester legten mich auf den Opferstein und hielten mich fest. Der Hohepriester kam heran, um mir das Herz aus der Brust zu reißen und es dem fürchterlich aussehenden Gott vor die goldenen Füße zu werfen. Ich sah, wie der Gott mich angrinste und mit den Augen blinkte, obgleich er von Stein war. Dann streifte der Hohepriester den Ärmel seines Rocks zurück, packte mich mit der linken Hand brutal ans Kinn und riß mir den Kopf zurück, während er mit der rechten Hand mir das Messer in die Brust schlug, wobei ich aufwachte.

Aber gleich fiel ich wieder in Schlaf und kämpfte nun auf seiten der Tabaskaner. Ich fiel in Gefangenschaft der Spanier, kam vor ihr Kriegsgericht und wurde zum Verlust beider Hände verurteilt, die mit einem stumpfen Taschenmesser abgeschnitten wurden. Die Arme fühlten sich darauf ganz dumpf an, ich erwachte, und meine Hände, die seitlich aus dem Bett hingen, waren eingeschlafen.