Part 3
Nun besaß ich ein Atelier für Kunstgewerbe in Tenochtitlan, und ich hatte den Befehl bekommen, den Krönungsmantel für den neugewählten Monarchen aus den schönsten Federn tropischer Vögel anzufertigen. Aber die Federn flogen mir alle fort, und ich hatte hinter jeder einzelnen herzujagen, während nur eine knappe Viertelstunde noch fehlte, bis die Krönung beginnen sollte. Alle Fürsten und die Gesandten fremder Herrscher waren schon versammelt, und die Volksmengen summten vor dem Krönungspalast und in den Straßen, die zum Tempel führten. Ganze Scharen von Dienern und hohen Beamten kamen angejagt, um den Mantel zu holen; aber wenn ich eine Feder angenäht hatte und die nächste danebenheftete, flog die vorher angenähte schon wieder fort. Ich hörte die Trompeten schmettern und die großen Pauken dröhnen, die gigantischen Bronzeplatten von den Tempeln klingen und die Priester ihre schrillen Gesänge anstimmen, während mein Haus von Tausenden von wütenden Dienern und Hofmarschällen umstellt war, die schrien: „Den Krönungsmantel! Den Federmantel! Wir müssen alle sterben! Zum Tode verurteilt! Zum Tode geflogen!“ In meiner Hast, den Mantel doch noch fertigzustellen, schlüpfte er mir aus den Fingern, und alle Federn, die ich in wochenlanger mühseliger Arbeit angenäht hatte, flogen zwitschernd zum Fenster hinaus. Ich erwachte und hörte die Millionen Grillen und Graspferdchen im Busch zirpen.
Und wieder schlief ich gleich darauf ein mit dem sicheren und beruhigenden Bewußtsein, daß ich im Bett liege und mir die Krönung des Kaisers von Anahuac ganz gleichgültig sei, noch gleichgültiger sein Mantel. Da öffnete sich die Tür zu meinem Zimmer. Ich wunderte mich darüber, wie das geschehen könne; denn ich wußte genau, daß ich vor dem Zubettgehen, wie es immer meine Gewohnheit war, den schweren Vorlegebalken sorgfältig in die Hintschen geschoben hatte. Aber die Tür öffnete sich trotzdem, und herein kam mein indianischer Besucher, derselbe, den ich, wie ich genau wußte, am Tage vorher hatte zu Staub zerfallen sehen. Das Zimmer war durch ein merkwürdig bleiches und flutendes Licht erhellt, dessen Quelle ich nicht ergründen konnte. Es war weder Sonne noch Mond, es war vielmehr ein weißer, in sich leuchtender, flimmernder Nebel, der aber nicht dicht genug war, daß er irgend etwas verbergen oder auch nur verschleiern konnte.
Der Indianer kam nahe an mein Bett. Dort stand er ruhig und sah mich lange an. Ich hatte meine Augen weit geöffnet, konnte mich aber nicht bewegen. Besser gesagt, es kam mir von nirgendwoher der Wille, mich zu bewegen, und ich fühlte, daß ich mich nicht bewegen könne, wenn ich nicht irgendwo den Willen fände, der mir fortgelaufen war. Doch ich fühlte keinerlei Furcht, dagegen war in mir ein wohltuendes Gefühl brüderlicher Liebe oder Freundschaft. Mein Besucher hob mit ruhigen Bewegungen den Moskitoschleier und schlug die Seite, an der er stand, oben über die Bandleiste. Dann grüßte er mich in seiner feierlichen Weise. Wieder betrachtete er mich eine Weile mit tiefem Ernst, und dann begann er zu reden.
Er sprach sehr langsam, jedem einzelnen Wort das volle Gewicht der auszudrückenden Meinung gebend: „Ich frage Sie, mein Freund, was Sie fühlen würden, wenn man Sie in einem Zustand völliger Hilflosigkeit jener kleinen Gaben beraubte, die Ihnen mitgegeben wurden als Begleiter auf jene lange Reise durch das Land der Schatten? Wer gab sie mir, jene kleinen Geschenke? Sie wurden mir gegeben von jenen, die mich liebten und die ich liebte, von jenen, die heiße Tränen weinten, als ich sie verließ. Nichts sonst als diese geringfügigen Gaben sind es, die meinen Weg erleuchten durch die Nacht. Für Liebe allein ist es, daß Menschen geboren wurden, und nur der Liebe wegen ist es, daß sie leben. Was man auch immer an Würden, Ehren, Verdiensten, Ruhm und Reichtümern erworben haben mag –, verglichen mit der Liebe zählen sie für nichts. Vor dem großen Tor, durch das wir alle zu gehen haben, werden selbst die innigsten Gebete, die zum Himmel hinaufgesandt wurden, nur als Bestechungsgelder angesehen, nicht mehr wert als eine kleine Kupfermünze. Im Angesicht der Ewigkeit zählt nur die Liebe, die wir gaben, die Liebe, die wir empfingen, und vergolten wird uns nur in dem Maße, wie wir liebten. Darum, Freund, geben Sie mir zurück, was Sie mir nahmen, so daß, wenn am Ende meiner langen Wanderung vor dem Tore stehend ich gefragt werde: Wo sind deine Beglaubigungen?, ich sagen kann: Siehe hier, o mein Schöpfer, in meinen Händen halte ich meine Beglaubigungen. Klein sind die Gaben nur und unscheinbar, aber daß ich sie tragen durfte auf meiner Wanderung, ist das Zeichen, daß auch ich einst geliebt wurde, und also bin ich nicht ganz ohne Wert.“
Die Stimme des Indianers verhauchte in ein Schweigen.
Es war nicht seine wogende Beredsamkeit, es war vielmehr sein Schweigen, in eherner Urgewalt den Raum anfüllend, Dingen, Worten und Taten wortlos befehlend, das mein Handeln bestimmte. Ich stand auf, kleidete mich notdürftig an, zog die Stiefel über die Füße und eilte zum Bücherbrett. Ich öffnete das Paketchen, hängte dem Indianer die goldene Kette über den Hals, schob den schweren Ring an seinen Finger und kniete endlich vor ihm nieder, um ihm die Reifen um die Knöchel der Beine zu legen. Als ich mich von den Knien erhob, hatte er den Raum verlassen. Die Tür war verschlossen und der Balken vorgeschoben.
Ich kehrte zu meinem Bett zurück und fiel sofort in einen Schlaf, der so tief, so gesund, so traumlos war, wie ich seit Wochen keinen gehabt hatte. Er war der erste erfrischende, wohltätige Schlaf nach einer schweren Krankheit.
Das Erwachen
Spät am folgenden Morgen wachte ich auf, wundervoll ausgeruht und mich so kräftig fühlend, wie seit langer Zeit nicht mehr.
Als ich auf dem Bettrand saß und mich lässig ankleidete, fiel mir der letzte Traum ein, und ich mußte gestehen, daß ich mich keines Traumes erinnern konnte, der so klar und so logisch sich abgewickelt hatte wie dieser.
Ich langte nach meinen Stiefeln und fand es höchst merkwürdig, daß sie nicht auf dem Stuhl standen und mit Papier ausgestopft waren. Durch Erfahrung gewitzigt, hatte ich mir angewöhnt, wenn ich im Busch oder im Dschungel lebte und die Stiefel des Abends ausziehen konnte, sie auszustopfen und hoch zu stellen, um zu verhindern, daß Skorpione darin versteckt waren, wenn ich mich des Morgens eilig anzukleiden hatte.
Aber die Stiefel standen nicht auf dem Stuhl, sondern unter dem Bett, und als ich das bemerkte, fiel mir ein, daß ich sie dorthin hatte fallen lassen, als ich wieder ins Bett zurückkehrte, nachdem der Indianer gegangen war und ich mich so müde fühlte, daß ich nicht die Kraft mehr aufbringen konnte, die Stiefel auszustopfen, als ich halb schon wieder schlafend ins Bett rollte.
Nun sprang ich sofort zum Bücherbrett. Die Blechbüchse stand nicht mehr dort. Ich sah mich um und fand, daß sie auf dem Tische stand. Leer. Das Papier, in das die Schmuckstücke gewickelt waren, lag zerrissen auf dem Fußboden. Kein Anzeichen war zu entdecken, wo die Sachen sein mochten und auf welche Weise sie verschwunden sein konnten. Die Tür war noch immer sorgfältig verschlossen, von innen, mit dem schweren Querbalken davor, genau so, wie ich sie gestern abend und alle Abende vorher gesichert hatte.
Ich stürmte hinüber zum Hügel. In fieberhafter Eile räumte ich die zugeschüttete Höhle aus, fand es aber völlig aussichtslos, zwischen den Steinen, der Erde, dem Gebüsch, womit ich gestern nachmittag die Höhle aufgefüllt hatte, irgend etwas zu entdecken, das mich auf die Spur meiner verlorenen Schätze bringen mochte.
Wo, um aller törichten Träume willen, hatte ich nur in meiner Schlaftrunkenheit dieses Zeug hingeschleppt?
Vergeblich marterte ich mein Hirn und hämmerte in meinem Gedächtnis herum. Nicht eine einzige Idee kam mir, der nachzugehen sich hätte lohnen können.
Vielleicht die Schweine? Es war zwar lächerlich, das in Erwägung zu ziehen, aber versuchen konnte ich es ja, ich brauchte ja niemand etwas von diesem Aberglauben zu erzählen.
Jedoch die Schweine habe ich niemals wieder gesehen.
Der Doktor kehrt zurück
Zehn Tage später kam der Doktor zurück. Meine erste Frage an ihn war: „Sagen Sie, Doktor, haben Sie jemals, zu irgendeiner Zeit drei Hogs (Schweine) hier in der Nähe des Bungalows oder in der Nachbarschaft gesehen? Zwei schwarze und ein gelbes?“
„Hogs?“ fragte er, mich dabei scharf beobachtend. „Hogs?“ wiederholte er nach einer Weile noch einmal, und ich hatte das Empfinden, als ob er in seine Stimme und in seinen mich festhaltenden Blick eine Färbung legte, die ganz gut eine unauffällige Prüfung meines Geisteszustandes sein konnte. „Hogs? Nein! Sie meinen ganz bestimmt Dogs (Hunde), Sie verwechseln nur die Worte. Ich habe hier allerdings zu verschiedenen Malen drei Hunde herumlaufen sehen, zwei schwarze und einen gelben, die sich etwas sonderbar benahmen. Ich habe herumgefragt, aber niemand kannte die Hunde. Schließlich, was habe ich mich um herumstrolchende Indianerhunde zu kümmern.“
Nun erzählte ich ihm meine Geschichte. Ich glaubte, er würde in Ekstase geraten, denn seine Bibliothek bewies mir doch gut, womit er sich beschäftigte.
„Einen toten Indianer, sagen Sie? Einer, der Sie besuchte in zwei Nächten?“ Er löste meine lange ausführliche und begeistert vorgetragene Erzählung in so trockene Worte auf, preßte meine Ausrufe des Entzückens in so winzige und klapperdürre Fragezeichen zusammen, daß es mir leid tat, zu diesem zynischen Skeptiker überhaupt von meinem Erlebnis gesprochen zu haben.
Wie mit einer Sonde in einer Wunde, so bohrte er mit seinen Augen in meinem Gesicht herum und sagte: „Schmucksachen? Antike aztekische Arbeit? In der Hand gehabt? Verschwunden? Wissen nicht, wo und wie?“
Seine Ironie empörte mich, und ich sagte lauter und rascher, als nötig war: „Wenn Sie es nicht glauben, ich kann Ihnen den Hügel zeigen mit den Steinstufen, und die Höhle, die ich gegraben habe.“
Immer noch die Augen auf mich geheftet, als ob er einem Krankheitsbericht zuhöre, dann die Stirne hochziehend, nahm er endlich ruhig seine Pfeife aus der Tasche, griente mich unverschämt an und sagte knochentrocken: „Ich kann Ihnen auch eine Höhle zeigen, die ich gegraben habe im Busch, vor – achtundzwanzig Jahren. Passiert mir heute nicht mehr. Ich lasse die toten Indianer und ihre Könige ruhig schlafen in ihren Gräbern. Mich besuchen sie nicht mehr.“ Er reichte mir ein großes Paket Tabak über den Tisch: „Habe ich Ihnen von der Reise mitgebracht.“
Dann tat er zwei Züge aus seiner kleinen Pfeife und sagte: „Ja, was ich Ihnen raten möchte: Nehmen Sie sich ein nettes, nicht zu dreckiges Indianermädel in Ihre Strohbude. Als Köchin. Wenn Sie das nicht mögen, würde ich an Ihrer Stelle den Busch und den Dschungel für eine gute Weile verlassen. Es gibt ja auch Städte, wo man wohnen kann.“
Anmerkungen zur Transkription
Quelle: _Westermanns Monatshefte. Braunschweig, 1926, H. 839, S. 525-536._ Dies ist die Erstveröffentlichung dieser Erzählung. Sie wurde später unter dem Titel _Der Nachtbesuch im Busch_ in den Erzählungsband _Im Busch_ aufgenommen.
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[S. 528]: ... mich am offenen Fenster lesend sehend, war dann ... ... mich am offenen Fenster lesen sehend, war dann ...