Im tropischen Busch

Part 1

Chapter 13,753 wordsPublic domain

Im tropischen Busch

Von B. Traven (Tamaulipas, Mexiko)

In: Westermanns Monatshefte. Braunschweig, 1926, H. 839, S. 525-536.

Undurchdringlicher Dschungel bedeckt die weiten Ebenen der Flußgebiete des Panuco und des Tamesi. Zwei Bahnlinien nur durchziehen diesen neunzigtausend Quadratkilometer großen Teil der Tierra Caliente. Wo sich Ansiedelungen befinden, haben sie sich dicht und ängstlich an die wenigen Eisenbahnstationen gedrängt. Europäer wohnen hier nur ganz vereinzelt und wie verloren. Die ermüdende Gleichförmigkeit des Dschungels wird von einigen sich langhinstreckenden Höhenzügen unterbrochen, die mit tropischem Urbusch bewachsen sind, der ebenso undurchdringlich ist wie der Dschungel und in dessen Tiefen, wo immer Dämmerung herrscht, alle Mysterien und Grauen der Welt zu lauern scheinen. An einigen günstigen Stellen, wo Wasser ist, sind kleine Indianerdörfer über die Höhen verstreut; Wohnplätze, die schon dort waren, ehe der erste Weiße das Land betrat. Sie liegen fernab der Eisenbahn. Auf Eselkarawanen werden die Waren, die hier gebraucht werden, hauptsächlich Salz, Tabak, billige Baumwollhemden, Zwirnhosen, Musselinkleider, spitze Strohhüte für die Männer und schwarze Baumwolltücher für die Frauen herbeigebracht. Als Tausch werden Hühner, Eier, Eselsfüllen, Ziegen, Papageien und wilde Truthähne gegeben.

Dort wohnte ich, tief im tropischen Busch, allein, in einer primitiven Hütte, die ich mir selbst gebaut hatte, nach Indianerart, ohne einen Nagel zu brauchen.

Siebzig Minuten Ritt brachten mich zu meinem nächsten Nachbar, einem amerikanischen Arzt aus Arkansas, namens Wilshed. Alle übrigen Menschen meiner Nachbarschaft, von denen keiner näher wohnte als vierzig Minuten, waren Vollblut-Indianer. Das nächste Dorf war elf Meilen entfernt, die nächste Eisenbahnstation, wo zwei weiße Familien wohnten, siebzig Meilen.

Doktor Wilshed wohnte in einem Bungalow, einem einfachen Bretterhaus, das zwei Räume hatte. Er lebte dort mutterseelenallein, betrieb ein wenig Landwirtschaft, hatte zwei Kühe, fünfzig Hühner, zwanzig Bienenstöcke, zwei Pferde und drei Maultiere. Zwei Indianerfamilien, die etwa eine Meile entfernt wohnten, auf dem Abhange des Höhenzuges, waren seine nächsten Nachbarn. Die Männer jener beiden Familien waren bei ihm als Farmarbeiter beschäftigt.

Den größten Teil seiner Zeit verbrachte der Doktor mit Lesen. Wenn er nicht las, dann saß er auf der Veranda seines Bungalows und schaute unverwandt hinunter auf die unermeßlich weite Ebene, die sich vom Fuß des Höhenzugs an bis fern hinter den Horizont hinzog. Dschungel, Dschungel, nichts als Dschungel.

Zuweilen fiel mir die Einsamkeit des Busches heftig auf die Nerven; denn es kam vor, daß ich zwei volle Wochen kein menschliches Antlitz sah. Wenn es gar zu unerträglich wurde, wanderte ich hinauf zum Doktor, nur um einen Menschen zu sehen, eine menschliche Stimme zu hören, nur zu fühlen, daß ich nicht allein war auf der großen Welt. Aber der Doktor war schweigsam. Der tropische Busch macht schweigsam und denkend, und der Doktor lebte hier ein Menschenalter, hatte sich hierher verkrochen, wahrscheinlich weil er die Menschen nicht ertragen konnte oder weil er eine Enttäuschung erlebt hatte, aus der seine Seele zu retten eine Flucht in den tropischen Busch die einzige Lösung gewesen war.

Wir konnten oftmals Stunden nebeneinander auf der Holzbank seiner Veranda sitzen, ohne daß wir ein Wort sprachen. Über uns selbst hatten wir nichts zu reden, über andre wollten wir nicht reden; und da auch keiner von uns so närrisch war, dem andern seine Ansichten über Welt und Geschehen aufzudrängen, wußten wir in der Tat nicht, was und worüber wir hätten reden sollen. Aber die Schweigsamkeit des Doktors war doch oftmals beängstigend. Es kam vor, daß er einen Satz begann, um ein Erlebnis, das er hier in den Tropen gehabt hatte, zu erzählen. Aber wenn der Satz kaum zur Hälfte gesprochen war, zündete er sich seine Pfeife an und vergaß darüber, den Satz zu beenden. Entweder es reute ihn plötzlich, irgendeins seiner zahlreichen Abenteuer mitzuteilen und es dadurch aus seinem Privatbesitz fortzugeben, oder aber er hatte seinen Satz im stillen zu Ende gedacht, während er glaubte, er habe ihn gesprochen. Er konnte häufig nicht entscheiden, ob er etwas gesagt oder nur gedacht hatte.

„Haben Sie jemals ein Buch geschrieben?“ fragte ich ihn eines Tags.

„Ein Buch?“ gab er zur Antwort. „Ein Buch? Viele!“

„Worüber, Doktor?“

„Über – was ich hier gesehen habe, was ich hier in den Jahren gedacht habe, was Tiere taten, was Tiere gedacht und gesagt haben, was der Busch mir erzählte und die Musik, die ich hier gehört habe.“

„Veröffentlicht?“

„Niemals. Jedesmal, wenn ich ein Buch vollendet hatte, las ich es, fand es gut und zerriß es. Warum sollte ich denn meine Bücher veröffentlichen? Ich hatte meine Freude und meinen Genuß, wenn ich sie schrieb. Für die Leute? Ich möchte wissen, warum? Die haben so viele gute Bücher, die sie nicht lesen. Warum sollte ich ihnen noch mehr geben? Zudem würden die Leute meine Bücher gar nicht glauben. Sie würden mich für verrückt erklären, und ich müßte mich vielleicht gar noch mit ihnen herumstreiten, um sie zu überzeugen, daß ich recht habe und daß ich die Wahrheit sprach. Immerhin, es ist mir ganz gleichgültig. Ich bin auch der Meinung, daß die besten Bücher, die jemals geschrieben wurden, entweder auf Papier oder im Geist, niemals veröffentlicht worden sind. Hinter jedem veröffentlichten Buch liegt etwas auf der Lauer, das nicht zugunsten des Werkes spricht, und das den Menschen hindert, das Beste zu schaffen, dessen er fähig ist.“

Ich hatte manchmal das Empfinden, daß der Doktor vor langer Zeit schon gestorben sei, daß er es selbst nicht wisse, daß er tot sei, und daß er darum hier noch sitze, weil niemand da sei, der sehen könne, daß er tot sei, und niemand komme, ihn zu begraben. Wenn man sorgfältig um sich schaut, wird man leicht finden, daß eigentlich nur die Menschen sterben und begraben werden, die Erben haben oder für die jemand zu sorgen hat.

Wenn der Doktor mir erzählt hätte, er säße hier bereits vierhundert Jahre und sei mit den ersten Weißen hier angekommen, ich würde es ihm ohne weiteres geglaubt haben, weil ich gar keinen Grund hatte, es ihm nicht zu glauben.

Des Doktors Bibliothek

Eines Morgens kam ich zum Doktor, und er empfing mich so: „Hören Sie einmal, Gale! Sie wissen, ich habe für die States nicht viel übrig. Das Land hat aufgehört, jenes freie Land der Vorkriegszeit zu sein. Der Krieg für die Freiheit andrer Völker hat es völlig verdorben. Da ist zu viel Regieren, zu viel Kommandieren, zu viel Verbieten, zu viel Gesetze, und es wimmelt von Beamten. Es ist eine große Kinderbewahranstalt geworden. Ein Grund mehr unter vielen, warum ich nie zurückkehre. Aber jetzt habe ich eine wichtige Reise dorthin zu unternehmen, ich habe etwas zu kaufen, ein paar Bücher, hinter denen ich seit Jahren herjage. Seien Sie doch so gut, und ziehen Sie während meiner Abwesenheit in meine Höhle. Wenn ich die Bude unbewohnt lasse, finde ich weder ein Dach noch eine Kaffeetasse wieder, wenn ich heimkomme.“

„Gar keine Frage, Doktor, natürlich ziehe ich rüber,“ sagte ich.

„Das ist recht. Nehmen Sie mein Pferd und holen Sie Ihr bißchen Gelumpe her. Bei Ihnen bricht man nicht ein, da ist nicht viel zu holen.“ Er lächelte. Mein Haus hatte er zwar nie gesehen, aber ein Indianer hatte ihm offenbar erzählt, daß es nur eine Grashütte sei.

Nachdem ich meine Brocken herübergebracht hatte, setzte er sich aufs Pferd und trabte zur Station, wo er das Pferd bei einem Farmer unterstellen konnte. Als er etwa fünfzig Schritte geritten war, drehte er sich um und rief: „Vergessen Sie nicht, die Eier aus den Nistkörben zu nehmen, und melken Sie die Kühe. Sie können nicht verhungern. Sie finden alles, was Sie benötigen, in den Kisten.“

Ein paar Stunden lungerte ich um das Haus herum, um mich zurechtzufinden für alle Fälle. Im Laufe des Spätnachmittags kam ich an seine Bibliothek, die sich in einem roh gearbeiteten Schrank befand.

Die Mehrzahl der Bücher handelte von den alten mexikanischen Völkern, deren Geschichte, Zivilisation und Religion. Viele der Bücher waren mit Bildern und Karten ausgestattet. Da waren Bücher und unveröffentlichte Handschriften, die bis zum 16. und 17. Jahrhundert zurückreichten. Diese Bibliothek war ein Vermögen wert, und der Doktor ließ sie in meiner Obhut, ohne sie auch nur zu erwähnen, als ob es sich um Werke handle, die man in jedem Laden kaufen könne.

Ich lebte nun in diesem Wunderlande seit vielen Jahren. Ich hatte mit Indianern gelebt, die nicht wußten, was eine Geldmünze bedeutet, die mir zwei große schwarze Diamanten anboten für meinen Jagdrevolver, den ich aber nicht entbehren konnte, weshalb ich ihnen statt dessen zweihundert Pesos in blankem Golde bot. Das lehnten sie aber ab und erklärten das Geld für wertlos. Viel hatte ich in jenen Jahren gelernt über das Land, seine Reichtümer, seine weißen und kupferfarbenen Bewohner, deren Zukunftsaussichten und Entwicklungsmöglichkeiten.

Doch von der Vergangenheit des Landes und seiner Bewohner wußte ich nichts.

Eine neue Welt steigt auf

Ich stürzte über jene Bücher her, wie man nur kann, wenn man Monate und Monate kein Buch gesehen und plötzlich Bücher zur unbeschränkten Verfügung hat, die zu lesen man seit Jahren ersehnte.

In kürzerer Zeit, als ich je gedacht hatte, lag ich in festen Banden jener Bücher. Sie hielten mich so gefesselt, daß ich vergaß, mir mein Essen zu kochen. Ich trank die Milch, wie ich sie molk, und schluckte die Eier roh, um nur keine Zeit für meine Bücher zu verlieren. Den ganzen Tag, während die Sonne herunterglühte und man sich wie in einem Backofen fühlte, und mehr als die halbe Nacht saß ich über den Bänden, von der Furcht gejagt, der Doktor könnte zurückkommen, ehe ich die Bücher zu Ende gelesen hätte.

War es möglich, daß Menschen und Völker dieser Art hier auf dieser Erde, wo ich jetzt stand, gelebt, geliebt und gelitten hatten? Konnte es wirklich wahr sein, daß auf diesem Kontinent Menschen und Völker von hoher Kultur gelebt hatten sechstausend Jahre vor jener dunklen Fabelzeit, die wir als den Anfang der menschlichen Geschichte bezeichnen?

Von nun an betrachtete ich das Land mit andern Augen als vorher. Wenn ein Indianer zufällig vorüberkam oder vor dem Hause um einen Trunk Wasser bat, dann forschte ich sorgfältig in seinem Antlitz nach einer Ähnlichkeit mit jenen alten Königen, Fürsten und Häuptlingen, deren Bilder ich in den Büchern gesehen hatte. Und in der Tat, ich fand überraschende Ähnlichkeiten. Jedoch nicht zufrieden damit, ihre Gesichter, ihre Gesten, die Art ihres Ganges, den Tonfall ihrer Stimme zu studieren, begann ich, die Leute gelegentlich auszufragen. Ich war nicht wenig erstaunt, als ich vernahm, daß diese Leute die Vergangenheit ihres Volkes gut kannten, daß sie die Geschichte ihres Volkes, ihre Balladen, die Taten großer Männer, ihre Religionslegenden durch mündliche Überlieferung von Generation zu Generation erhalten hatten. Viele jener Indianer beteten noch ihre alten Götter an, während alle übrigen die Hunderte von Heiligen, die ihnen ganz unbegreiflich erscheinende unbefleckte Empfängnis, sowie die ihnen ebenso unverständliche Dreieinigkeit derart mit ihrer alten Religion verwirrt hatten, daß sie in ihren Herzen und ihren Vorstellungen die alten Götter hatten, während sie auf den Lippen die Namen der unzähligen Heiligen trugen.

Die Begegnung im Busch

Um mich ein wenig wieder in dieser Welt zurechtzufinden, mein Hirn ein wenig zu entlasten und meine Beine nicht steif werden zu lassen, machte ich mich eines Morgens auf den Weg, um eine lange Wanderung durch den Busch zu unternehmen.

In weiter Tiefe des Busches, in einer Umgebung, die wegen der Entfernung von jeglicher menschlichen Behausung und wegen der Abgelegenheit selbst von den primitiven Buschpfaden beklemmend unheimlich wirkte, traf ich einen Indianer an, der dort Holzkohle brannte. Ich würde nie an jene Stelle gekommen sein, wenn ich nicht Rauch hätte aufsteigen sehen, dessen Ursache ich finden wollte.

Es war gewiß ein hartes Leben, das dieser Mann führte. Wochenlang in der Tiefe des Busches lebend, ganz allein, unzähligen Gefahren ausgesetzt, um einige Ladungen Holzkohle abliefern zu können, die er auf seinem Esel zu den weitverstreuten Siedlungen schleppte.

Der Indianer saß vor dem rauchenden Erdhügel und starrte bewegungslos den ruhig aufsteigenden Rauchfähnchen nach. Er war ein schmächtiger Mann, dem man aber achtunggebietende Kräfte zugestehen durfte; denn die Ebenholzbäume zu fällen und sie für den Verkohlungshügel zuzuhacken, verlangt alles an Kraft, was ein Mensch hergeben kann, und diese harte Arbeit in tropischer Sonnenglut zu verrichten, setzt eine Zähigkeit des Körpers voraus, die eine schwächliche oder untergehende Rasse nicht aufbringen könnte.

Was mir an diesem Manne eigentümlicherweise sofort auffiel, war der merkwürdig traurige Ausdruck seiner Augen und die feine Gliederung seiner schönen, schmalen Hände, deren rassiger Bau so ehern unverwüstlich war, daß die harte Arbeit des Holzfällens ihre edle Form nicht beeinflussen konnte. Er trug einen dünnen Schnurrbart und am Kinn dünne Flusen, die er wahrscheinlich für einen Vollbart hielt.

Ich setzte mich zu ihm nieder, gab ihm Tabak, und wir kamen nach und nach ins Erzählen.

„Sie haben richtig geraten, Señor, meine Vorfahren sind einst stolze Fürsten unter den Panukesen gewesen, angesehen weit über die Grenzen der benachbarten Stämme hinaus. Der letzte jener Edlen wurde von den Spaniern gehängt wegen Rebellion gegen die Fremdherrschaft. Wäre es seiner Frau und seinen Kindern nicht rechtzeitig geglückt, in die Berge zu flüchten, wohin zu folgen die Spanier sich fürchteten, säße ich nicht hier. Das war in jener Woche, in der die Spanier ein Blutbad unter meinem Volke anrichteten mit dem Hängen von fünfhundert Häuptlingen, unter denen mein Vorfahr sich befand.“

„Glauben Sie, daß dieses Land jemals wieder zu solcher Macht gelangen wird, als es besaß, ehe die Spanier kamen?“

Ich weiß, daß dies in nicht ferner Zeit der Fall sein wird, aber ich wollte es doch von einem Indianer bestätigt hören.

„Der Schicksalsweg unsers Volkes ist langsam. Wir haben Zeit. Die weißen Männer haben keine Zeit. Aber können Sie nicht hören, Señor, wie alle nichtweißen Völker der Erde ihre Glieder regen und strecken, daß man das Knacken der Gelenke über die ganze Welt vernehmen kann?“

Etwas unsicher sagte ich: „Dagegen werden wir uns zu wehren wissen.“

„Womit?“ fragte er ruhig und ohne jede Ironie. „Womit? Mit Ihrer Zivilisation? Die ist nicht stark genug, Señor. Sie hat ja keine tragende Idee. Ihre Zivilisation wird nur von einem einzigen Gedanken geleitet, und der heißt: Geld. Mit Geld kann man Geschäfte machen, aber keine Seelen erwerben.“

Ich jagte heim und stürzte wieder über die Bücher her. Neue Fragen hatten sich mir aufgedrängt, und ich suchte nach Lösungen, suchte nach einer Andeutung dessen, was uns bevorstand. Wenn irgendwo, dann war in diesen Büchern der Schlüssel zu finden zu jenem großen Tor, dessen Öffnung mich die Zukunft unsrer Rasse sehen ließ.

Wie im Fieber las ich und las, fiel nach Mitternacht wie mit Blei ausgefüllt in mein Bett und stand auf bei den ersten Strahlen der Sonne mit dumpfen Gliedern. Doch als meine Schläfen zu hämmern begannen, mein Blut durch die Adern raste, als wolle es jeden Augenblick überkochen, zwang ich mich gewaltsam zur Ruhe und zu mehr gleichmäßigem Studium. Auf diese Weise zog ich einen erheblich größeren Gewinn aus meinem Lesen. Ich fing an, ernsthaft zu studieren, anstatt nur zu lesen.

Nichtsdestoweniger aber lebte ich in einem andern Zeitalter. Ohne Gelegenheit, zu einem Menschen zu sprechen oder eine menschliche Stimme zu hören, vergaß ich Zeit und Ort und meine eigne Person. Ich konnte sprechen wie jene Personen, die in den Büchern erschienen, oder glaubte wenigstens, es zu können; ich konnte deren Gedanken denken, ich konnte in meiner Vorstellung deren Ideen über Welt und Leben wachrufen, ohne daß mir der Vorgang selbst zum Bewußtsein kam.

Diese Gefühle waren besonders stark am Abend und in den frühen Nachtstunden, wenn alle Türen des Bungalows weit offen standen und der ewig singende Busch mir im Ohr summte.

Der Nachtbesuch

Es war eines Abends zwischen zehn und elf etwa, als ich meine Augen erhob von einem Buche über die Zivilisation der Tezkuken. Nein, um genau zu sein, ich war gezwungen, meine Augen zu erheben, denn ich hatte das Empfinden, daß jemand im selben Zimmer war mit mir, und daß ich seit einiger Zeit aufmerksam beobachtet wurde.

Ich wendete den Kopf. In der Mitte des Raumes stand ein Indianer. Kein Zweifel, er stand dort seit einer geraumen Weile. Sein Blick ruhte auf meinem Gesicht, und geduldig wartete er darauf, daß ich ihn anreden möchte.

In diesem Augenblick war ich fähig, genau die Zeile, ja das Wort zu zeigen, das ich in dem Augenblick las, in dem der Mann das Zimmer betreten hatte. Es waren wenigstens zehn Minuten seitdem verflossen.

Augenscheinlich war der Mann die Holztreppe, die zur Veranda führte, heraufgekommen und geräuschlos eingetreten.

Es ist hier nicht Sitte, irgendein Haus, und sei es noch so primitiv, zu betreten, ehe man sich nicht durch einen Gruß oder ein Rufen bemerkbar gemacht und der Inwohner gesagt hat: „Pase!“ Die Mehrzahl der Häuser, die der Indianer alle, haben keine Türen, und wenn sie welche haben, werden sie mit Bast oder einem Bindfaden geschlossen. Ginge man auch nur bis vor die offene Tür, ohne daß man sich durch ein Geräusch ankündigte, würde man die Hausbewohner oftmals in die allerpeinlichste Verlegenheit bringen, weil die Hütten ja nur einen Raum haben.

Dieser Mann hatte sicherlich verschiedene Male gerufen, um meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Da ich aber so versunken in mein Studium war, hatte ich es nicht gehört, und er, mich am offenen Fenster lesen sehend, war dann zögernd ins Haus gekommen, weil er mich aus irgendeinem Grunde sprechen mußte und keine andre Möglichkeit sah, sich bemerkbar zu machen.

Da stand er, bewegungslos wie eine Säule. Als ich ihn ansah, beugte er ein Knie, berührte mit der flachen Hand den Fußboden, erhob dann die Hand bis zu seinem Scheitel, das Innere der Hand mir zugekehrt, und mit dieser Geste stand er gleichzeitig auf.

Eine seltsame Form der Begrüßung, dachte ich, eine Art des Grußes, wie ich sie bisher von einem Eingeborenen nicht gesehen hatte.

„Guten Abend,“ sagte ich zu ihm auf spanisch.

„Nacht ist kalt und lang,“ begann er zu reden. „Schweine stören mich. Entsetzlich ist es, o Herr, sich nicht verteidigen zu können. Gebaut mit heiliger Sorgfalt, sicher zu sein für die Ewigkeit. Doch es zerfällt und bricht. Lang ist die Nacht, dunkel und kalt. Denken Sie, o Herr, der Schweine. Schweine sind das Grauen.“ Er erhob seinen Arm und deutete nach einer bestimmten Richtung.

Nicht wissend, was für eine Antwort ich ihm geben sollte, da ich nicht verstand, wovon er überhaupt redete, beugte ich mich über mein Buch, um einen Augenblick Zeit zu gewinnen, meine Gedanken, die offenbar in Verwirrung geraten waren, zu ordnen. Es war in der Tat für mich nicht ganz klar, ob mein Geist sich in einem Zustand fieberischer Erregung befand als eine Folge des unaufhörlichen Lesens, oder ob ich ein wirkliches Geschehen erlebte. Die Gedanken fingen an, in meinem Hirn so durcheinanderzuwirbeln, daß ich nicht in der Lage war, zu entscheiden, wo die Wirklichkeit aufhörte und die Einbildung begann.

Nur um etwas zu reden, sagte ich: „Was meinen Sie eigentlich? Um die Wahrheit zu sagen, ich weiß überhaupt nicht, wovon Sie sprechen. Reden Sie im Zusammenhang, lieber Mann.“

Er aber war bereits gegangen, ebenso geräuschlos, wie er gekommen war.

Mit einem Satze war ich an der Tür. Ich wollte gewiß sein, ob meine Sinne bereits so weit herunter waren, daß sie mir Erscheinungen vorgaukeln konnten, oder ob ich wirklich soeben einen Menschen gesehen und gesprochen hatte.

Dank den Göttern, ich war gesund, mein Geist war klar: dort, im bleichen Licht des zunehmenden Mondes sah ich ihn dahinschreiten, schattengleich. Groß war er nicht, mehr von knabenhafter Gestalt, schlank gebaut, reines, unvermischtes Indianerblut.

Ich kehrte zurück zu meinem Tisch und versuchte, mich seiner Worte zu erinnern. Seltsam genug, ich konnte seine Worte nicht wiederfinden. Und es kam mir zu Sinn, daß er nicht Spanisch gesprochen hatte, daß er keine Sprache gebraucht hatte, die ich kannte: aber dennoch hatte ich ihn vollständig verstanden, der Inhalt seiner Sätze war mir deutlich, nur der Zusammenhang fehlte mir.

War sein Gruß nicht der gleiche gewesen, wie er bei den alten indianischen Völkern im Gebrauch war? Aber das war ja offenkundiger Unsinn. Meine Bücher hatten meine Gedanken verwirrt und mich Dinge sehen lassen, die gar nicht da waren.

Aber wenn ich nun seine Erscheinung in mein Gedächtnis zurückrief: er war in Lumpen gekleidet. Das wieder war nichts Auffallendes, denn die meisten Indianer laufen in zerfetzten Hosen und Hemden herum. Hosen? Hemden? Nein, er hatte weder eine richtige Hose noch ein richtiges Hemd angehabt. Die Lumpen, mit denen er behangen war, hatten ausgesehen wie die verrotteten Überreste eines sehr kostbaren, uralten Stoffes; ein merkwürdiges phantastisches Gewebe, wie ich mich kaum erinnerte, irgendwo gesehen zu haben, es wäre denn in einem Museum.

Jedoch kein Zweifel bestand darüber, daß seine Oberarme, die Enkel seiner Füße mit Goldreifen geschmückt gewesen waren, daß er eine Halskette trug, die ein Goldschmied verfertigt hatte, der ein großer Künstler war.

Und dennoch, je deutlicher alle die Einzelheiten in mein Gedächtnis zurückkehrten, desto klarer wurde mir, daß ich nichts von alledem gesehen hatte, was ich glaubte bemerkt zu haben. Ich hatte den armen Indianer lediglich mit all jenen Äußerlichkeiten ausgestattet, die ein Merkmal jener Völker waren, über die ich gerade las. Die höchste Zeit, sagte ich zu mir selbst, mit diesen Dingen nun ernsthaft Schluß zu machen und den Weg zu meinem Jahrhundert und zur nüchternen Wirklichkeit, in der die Postsäcke ratternd einige tausend Meilen weit durch die Lüfte geworfen werden, zurückzukehren.

Ich klappte mein Buch zu und ging zu Bett.

Die drei Schweine

Am nächsten Morgen bemerkte ich drei Schweine, zwei schwarze und ein gelbes, die sich um das Haus herumtrieben. Ich hatte sie bereits bei zwei, drei andern Gelegenheiten gesehen. Jetzt aber betrachtete ich sie mit Interesse, denn sie erinnerten mich an meinen Besucher in der vergangenen Nacht, der von Schweinen gesprochen hatte. Was diese Schweine jedoch mit ihm zu tun hatten, konnte ich nicht herausfinden.

Sicher waren sie das Eigentum einer der Indianerfamilien, die weiter unten am Abhang des Höhenzuges wohnten. Die Schweine werden hier kaum gefüttert, haben auch keinen Stall, deshalb müssen sie herumlaufen und sich ihr Futter selbst suchen. Ihren Besitzer erkennen sie nur daran, daß er ihnen Wasser gibt, sie ab und zu an einen Baum bindet und sie endlich, nachdem er ihnen zwei Wochen lang täglich einen Sack voll Maiskolben vorgeworfen hat, dem Zweck ihrer Bestimmung zuführt. Aber es kommt nicht vor, daß Schweine sich so weit von ihrem Besitzer entfernt herumtreiben, weil in seiner Nähe schon immer einmal ein Löffel voll gekochter Bohnen vor die Tür fallen könnte, die ein Schwein nicht gern missen möchte.

Jedenfalls konnte ich keinen Zusammenhang mit diesen sehr natürlich aussehenden Schweinen und meinem Besucher erkennen. Wenn es seine Schweine waren und er nicht wünschte, daß sie sich hier oben herumtrieben, so war es sein Geschäft und nicht meins, sich um sein Viehzeug zu kümmern. Überdies, wenn ich es recht bedachte, war es höchst eigentümlich, daß mich der Mann mitten in der Nacht seiner Schweine wegen belästigte.