Im Herzen von Asien. Zweiter Band.
Part 9
Die Wüste ist trostlos einförmig; der Boden besteht aus einem Gemenge, das die Eingeborenen „Schor“ nennen. Sand, Staub, Kalk und Salz, alles erstarrt und zu einer ziegelharten Masse zusammengebacken. Das Salz ist manchmal in dünnen Schollen abgesondert. Als das Wasser verschwunden war, scheint diese Masse sich durch Austrocknen ausgedehnt zu haben, denn sie ist zu unzähligen, nach allen möglichen Richtungen laufenden Wülsten aufgesprungen; die Höhe dieser beträgt manchmal 75 Zentimeter. Hier gibt es absolut keine Spur von vegetativem oder animalem Leben, nicht einmal eine Schneckenschale. Es ist offenbar der Boden eines Salzsees, und wir wissen auch, daß die Chinesen den Lop-nor in alten Zeiten den „Salzsee“ genannt haben. Auch der Kara-koschun hat abgeschnürte Teile, deren Wasser salzig ist, und im Süden dieses Sees sieht der früher überschwemmte Boden genau so aus wie hier -- am südlichen Ufergebiete des alten Lop-nor.
Die Steigung fährt fort, obgleich nur mit 0,644 Meter auf 11250 Meter. In dem heutigen Lager befanden wir uns also um 0,754 Meter über dem Ausgangpunkte. Dies schien des Guten zuviel zu werden; der Kara-koschun konnte doch nicht höher liegen als Lôu-lan! Alle meine Gedanken und Grübeleien drehten sich um diese interessante Nivellierungslinie. Die folgenden Tage, deren Verlauf ich mit Spannung entgegensah, würden zeigen, ob wir nicht eine flache Protuberanz oder Wasserscheide zwischen dem früheren und dem jetzigen Seebecken zu passieren hatten.
15. März. Schor, den ganzen Tag Schor, tödlich einförmig! Kein Gegenstand, auf den man das Fernrohr richten könnte, nichts, was lockt, als die Sehnsucht, aus dieser langweiligen Wüste herauszukommen!
Das Wetter jedoch war herrlich, und um 1 Uhr stieg die Temperatur nur auf +11 Grad. Aber unsere Lage war insofern kritisch, als wir kaum noch etwas zu essen hatten. Der Reisvorrat hatte ein Ende genommen, nur ein kleiner Beutel mit geröstetem Mehle war noch da; die Männer hatten Tee, ich Kaffee und Zucker, -- das war alles. Die Kamele hielten sich vortrefflich; sie mußten die Polsterung ihrer Packsättel auffressen. Trinkwasser war zur Genüge vorhanden, hatte aber von den Ziegenlederschläuchen einen widerlichen Beigeschmack angenommen. Noch schwammen einige Eisstücke darin, und nur diese waren genießbar.
Vergeblich suchten wir am Horizont nach einer Rauchsäule von Tokta Ahuns Signalfeuern. Schagdur spähte mit dem Feldstecher, ich mit dem Fernrohr danach aus, aber nichts war zu sehen. Eine kleine Abwechslung bot sich uns zu Ende des Marsches, indem wir an einigen, halb in den Schorboden eingebetteten Pappelstämmen vorbeikamen. Es war Treibholz, das einst, als das Land unter Wasser stand, hierher geschwemmt worden war.
Das heutige Nivellierungsresultat war 0,304 Meter Fall auf 16226 Meter. Nach einer ebeneren Landschaft kann man auf der Oberfläche der Erde lange suchen! 30 Zentimeter Gefälle auf 16 Kilometer!
Wir hatten also die vermutete Protuberanz passiert, und aller Wahrscheinlichkeit nach würde das Gelände nun nach dem südlichen Seebecken fallen.
Als wir am Morgen des 16. aufbrachen, mußten wir nach der vorjährigen Marschroute nicht viel mehr als 20 Kilometer vom Kara-koschun entfernt sein. Wir erhielten auch bald die ersten Anzeichen von „Land“; wir begannen zu merken, daß wir uns dem Strande des Wüstenmeeres nahten. Die äußersten „Schären“ bestanden aus ein paar toten oder sterbenden Tamarisken. Diese traten nach und nach häufiger auf, und ihre treuen Begleiter, eine kleine einen Meter hohe Sanddüne auf der vor dem Winde geschützten Seite jedes Strauches, waren unseren schmerzenden Füßen sehr willkommen.
Enten streiften in Menge umher, aber ihre Bahnen waren merkwürdig unregelmäßig. Bald flogen sie nach Süden, bald nach Norden, bald kamen sie von Südwesten, um sich nach Südosten zu begeben, nachdem sie über uns einen Kreis beschrieben, als machten sie nur einen Ausflug oder eine Rekognoszierung. Was bezwecken sie damit? Sind sie Herolde oder Kundschafter, die ausgeschickt werden, um zu sehen, ob sich im Norden neue Seen gebildet haben? Ahnen sie am Ende, daß der Lop-nor im Begriffe steht, sein Bett wieder zu verlegen? Sie haben sicher gemerkt, daß es im Kara-koschun zu eng und die offenen Wasserflächen immer seltener werden.
Die Berechnung der heutigen Nivellierung ergab einen Fall von 2,172 Meter auf eine Strecke von 16000 Meter. Wir hatten also offenbar Fühlung mit dem Becken des Kara-koschun, der südlichen Depression der Lopwüste.
Der 17. März wurde für uns ein Freudentag. Die Entfernung bis nach dem See konnte nicht mehr groß sein, erschien uns aber endlos, weil keine Anzeichen seine Nähe verkündeten. Die Zahlenreihen vergrößerten sich langsam, und wir alle waren müde, was kein Wunder ist, wenn man sich nicht satt essen kann.
Dann aber zeigten sich im Süden verschiedene Entenscharen, die zwischen Osten und Westen kreisten, ja sogar einige Falken. Als die Latte zum siebzehnten Male auf einer Sanddüne aufgerichtet wurde, blieben die Männer stehen, zeigten nach Süden und riefen: „Wasser, Wasser auf allen Seiten!“ Wir waren dem See so nahe, daß schon beim neunzehnten Male die Latte unmittelbar am Wasserrande aufgestellt werden konnte.
So standen wir denn schließlich, wie aus den Wolken gefallen, am Endpunkte dieser ermüdenden, Geduld erfordernden, aber bedeutungsvollen Nivellierarbeit. Es war ein unbeschreiblich schönes und herrliches Gefühl, denn jetzt konnten wir ein neues Kapitel beginnen und neuen Schicksalen entgegengehen!
Wie war das Nordufer des Kara-koschun hier unähnlich dem Punkte, an dem wir es im vorigen Jahre erreicht hatten. Der Strand war vollständig kahl und öde und wurde von einem sehr unbedeutenden Sandgürtel begleitet. Frei und offen lag der Wasserspiegel da. Das Wasser war merklich salzhaltig, aber jedenfalls besser als die faulige Suppe, die wir in unseren Ziegenschläuchen hatten.
Das Lager wurde unmittelbar am Ufer aufgeschlagen. Die Kamele warfen einen ruhigen, forschenden Blick auf das Wasser. Es war eine kalte öde Landschaft, jedoch verglichen mit den sterilen Gegenden, die wir eben durchzogen hatten, war sie ein Paradies.
Sobald wir die Nivellierungsinstrumente aus der Hand gelegt hatten, erhielt Chodai Kullu Befehl, nach Südwesten aufzubrechen und, ohne zu rasten, Tag und Nacht zu gehen, bis er Tokta Ahuns Entsatzkarawane, die nicht weit entfernt sein konnte, fände. Daß sie hier nicht hatte vorbei- und nach Nordosten weitergezogen sein können, war ersichtlich, da sich im Erdboden nicht die geringste menschliche Spur zeigte. Der Kundschafter verschwand in dem dichten Nebel; er hatte keinen Proviant mit, aber an Wasser brauchte er keinen Mangel zu leiden. Wir sollten warten, wo wir waren.
Jetzt begann wieder das Leben ~à la~ Robinson Crusoe. Unser erster Gedanke war, uns etwas Eßbares zu verschaffen. Schagdur zog mit der Schrotflinte aus und kam mit zwei fetten Enten wieder, die wir brüderlich teilten. Kutschuk wollte nicht hinter ihm zurückstehen; er wollte sein Glück im See versuchen. Ein improvisiertes Boot wurde hergestellt, -- es war nicht das erstemal, daß ich mich als Schiffsbaumeister versuchte. Den Hauptbestandteil bildete meine wasserdichte Instrumentkiste. An ihren Langseiten wurden die Hälften der jetzt überflüssig gewordenen Nivellierlatte und an diesen die leeren Schläuche festgebunden. In diesem etwas unbequemen Fahrzeuge, das mit einem Spaten gerudert wurde, navigierte Kutschuk auf den flachen Sümpfen. Fische sah er jedoch nicht. Das Wasser war zu salzig, und es fehlte dem See an Vegetation.
Unterdessen rechnete ich das Resultat des Nivellements aus. Wir waren noch 55 Zentimeter gefallen. Es stellte sich demnach heraus, daß das Nordufer des Kara-koschun 2,272 Meter unter dem Ausgangspunkt in Lôu-lan liegt; im ganzen hatte der Fall kaum 2⅓ Meter auf 81,6 Kilometer betragen. Ich hatte nicht nur bewiesen, daß infolge des Reliefs des Landes ein See im nördlichen Teile der Lopwüste existiert haben +kann+, sondern auch, daß ein solcher dort tatsächlich sein Bett gehabt hat.
Hier ist nicht der Ort, diese merkwürdige Linie in ihren Einzelheiten zu analysieren. Ich will nur daran erinnern, daß, obgleich der Ausgangspunkt wie der Endpunkt willkürlich waren, die Linie selbst doch ihre unanfechtbare Beweiskraft behält. Der Ausgangspunkt wurde zufällig von unserem Lager in Lôu-lan gewählt, der Endpunkt am Spiegel des Kara-koschun, der veränderlich ist; der See war in dieser Jahreszeit ansehnlich gefallen. Wenn das Wasser der Eisschmelze hierher gelangt, steigt er wieder und dann verringert sich der Höhenunterschied noch mehr. Damit jedoch eine solche Linie vollen Wert habe, ist erforderlich, daß man nach dem Ausgangspunkte zurückkehrt und eine Kontrolle der Ablesungen erhält, deren Summe ±0 sein soll. Entsteht ein Fehler, so kann er auf die ganze Linie verteilt werden. Aber die Zeit erlaubte mir nicht umzukehren, und die Jahreszeit war auch schon zu weit vorgeschritten. Ihren Hauptzweck hatte auch die einfache Nivellierungslinie erfüllt, indem sie das Vorhandensein einer Depression bewiesen hatte.
Ganz passend für uns erhob sich der vierte Sandsturm des Frühlings am Abend. Wäre er um die Mittagszeit gekommen, so wären wir gezwungen gewesen, die Arbeit zu unterbrechen und in der Nähe des Sees zu bleiben und zu warten -- und das wäre ein langes Warten geworden. Denn während der beiden Tage und drei Nächte, die wir am Ufer lagerten, ging ein heftiger Wind; die Luft war so dick wie trübes Wasser, und der Sand regnete in meine Jurte.
Es reute mich, daß ich Chodai Kullu hatte gehen lassen; wir vermuteten aber, daß er die Nacht irgendwo untergekrochen sein würde. Das Einzige, was er bei sich hatte, waren Streichhölzer zum Anzünden von Signalfeuern, aber so wie das Wetter jetzt war, hätte man ein Feuer keine 200 Meter weit sehen können. An einem Punkte am Strande, wo altes, welkes Schilf von den Stürmen nach Südwesten niedergebrochen war, steckten wir dieses in Brand. Der dicke Rauch würde vielleicht nach dem Lager der Entsatzkarawane hintreiben und unsere Ankunft signalisieren.
Als Chodai Kullu auch am zweiten Tage nichts von sich hören ließ, wurden wir unruhig. Hier war entschieden irgendetwas nicht in Ordnung. Vergebens spähten wir am Strande umher; aber keine anderen Erscheinungen als unsere eigenen Kamele tauchten aus dem Nebel auf. Wir konnten nicht lange so untätig liegen bleiben. Glücklicherweise schoß Schagdur fünf Enten, die sofort am Feuer gebraten und verzehrt wurden, obwohl sie stark mit Flugsand gepfeffert waren.
Am allermeisten plagte mich die Sehnsucht nach der Post, denn auch sie mußte sich in Tokta Ahuns Lager befinden. Der Tag war endlos lang, und kein Kundschafter ließ sich blicken. Die Lage wurde nicht angenehmer durch den ewig umherwirbelnden Flugsand, der gegen die Jurte klatschte wie feiner Staubregen gegen eine Kutsche.
Auch am 19. März verhinderte mich der Sturm, eine wünschenswerte Breitenbestimmung zu machen. Wie schon erwähnt, haben wir keinen Reis mehr, und wir sind fürchterlich hungrig -- so schlecht hatte ich es seit den Takla-makan-Tagen im Jahre 1895 nicht mehr gehabt.
Schagdur machte auf einem Ausfluge eine unerwartete Entdeckung. Er hatte weiter westlich einen See gefunden, der sich nach Nordwesten und Norden erstreckte, und längs des Ufers hatte er Chodai Kullus Fußspuren gesehen. Wir befanden uns augenscheinlich in einem Labyrinth von verwickelten Wasserflächen. Vielleicht hatten sie auch Tokta Ahun den Weg verlegt. Jetzt mußte ein Entschluß gefaßt werden. Wie wäre es, wenn wir uns um die anderen gar nicht kümmerten und östlich und südlich um den Kara-koschun herum auf eigene Hand nach Abdall zögen? Doch nein, wir hatten keinen Proviant, und in wenigen Tagen würde unsere Lage verzweifelt sein. Für alle Fälle mußte sich Kutschuk nach Osten begeben und rekognoszieren. Er kam wieder, nachdem er 11 Kilometer zurückgelegt hatte, hatte einige alte, längstverlassene Kamischhütten gefunden, einen Hügel bestiegen und dort die offene Wasserfläche gar bald im Nebel verschwinden sehen.
Am Morgen des 20. war es klar, daß wir nicht länger auf Chodai Kullu rechnen durften. Ohne Zweifel hatte er die anderen überhaupt nicht gefunden, und es wäre ein Glück, wenn es ihm wenigstens gelungen wäre, menschliche Wohnungen zu erreichen, bevor er vor Hunger zusammenbrach.
Als wir von diesem unwirtlichen Strande, den wir zuerst mit so hoffnungsvollen Gefühlen erblickt hatten, eilfertig aufbrachen, war der Himmel noch grau und schwer. Am Ufer hatte sich ein schmaler Eisrand von 2 Zentimeter Dicke gebildet, womit ein halber Sack gefüllt wurde, und es war schön, daß man nicht mehr nötig hatte, sich das noch in den Schläuchen vorhandene, fast untrinkbare Wasser hinunterzuquälen.
Die Kamele waren ausgeruht und hatten leichte Lasten, so daß wir schnell marschieren konnten. Wider Erwarten zwang uns das Seeufer nach Nordwesten und Norden zu gehen. Links hatten wir die größten Wasserflächen, die ich je im Kara-koschun gesehen habe, rechts die Wüste. Diese Seen aber waren seicht; die Enten, die zu Tausenden vorkamen, schnatterten und tauchten weit vom Strande.
Nach mehrstündigem Marsch bestieg ich mein altes Reitkamel vom vorigen Jahre. Ich beherrschte nun einen weiteren Horizont als die Fußgänger und konnte sie rechtzeitig warnen, nicht gerade auf Sümpfe und Kanäle loszugehen.
Etwa 80 Meter vom jetzigen Seeufer erblickten wir in dem schmalen Dünengürtel wieder Spuren von menschlichem Besuch. Es waren zwei bis an den Dachfirst im Sande begrabene Kamischhütten. Gegen die eine war ein Kahn gelehnt, dessen Vordersteven zwei Fuß weit aus dem Sande hervorguckte. Der Fund war von Interesse. Die Hütten, das Boot, die Hausgeräte, die wir fanden, zeigten, daß sich Fischerfamilien wahrscheinlich noch vor wenigen Jahrzehnten in dieser Gegend aufgehalten hatten.
Mein erster Gedanke war, zu versuchen, ob sich nicht aus dem Kahne Nutzen ziehen ließe. Die Leute machten sich sofort daran, ihn auszugraben. Wäre er noch gut im Stande, so könnte man ihn zum Rekognoszieren, Fischen und Tiefenloten gebrauchen. Sie hatten 2 Meter von ihm freigelegt, als sich eine klaffende Spalte zeigte; er wurde nun unbarmherzig der Vernichtung, die schon einen Teil seines Rumpfes verzehrt hatte, wieder überlassen.
Endlich bog das Seeufer gerade nach Westen ab, und wir machten es ebenso. An seinem Rande stand das Schilf etwas dichter. Schagdur konnte noch eine verlassene Hütte als Deckung benutzen, als er eine Schar Enten beschlich. Er kehrte mit nicht weniger als sieben von ihnen zurück und wurde mit Jubel empfangen -- wir konnten damit gut zwei Tage lang die Lebensgeister aufrechterhalten.
Unser See sah noch immer sehr umfangreich aus; sein Südufer war nicht zu sehen, sondern verschwand im Nebel.
Chodai Kullus Spur war fast den ganzen Tag deutlich zu erkennen. Doch als der See auch in dieser Richtung aufhörte und wir über ödes Land nach Südwesten zogen, zeigte es sich, daß der Mann nach Nordwesten gegangen war. War er verrückt geworden? Hatte er wieder in die Wüste hineingewollt? Jedenfalls mußten wir seine irrende, vergeblich suchende Spur verlassen, um mit den Seen in Fühlung zu bleiben. An einigen salzigen Tümpeln, wo die Kamelweide gut und Brennholz reichlich war, lagerten wir und bedienten uns des am Morgen mitgenommenen Eisvorrates.
Spät am Abend, als die Luft ein wenig klarer geworden war, zündeten wir wieder große Feuer von dürren Tamarisken an. Doch sie loderten auf, sprühten, glühten und verkohlten, ohne Antwort zu erhalten. Still war die Nacht, kein verdächtiges Geräusch war zu hören, keine Reiter kamen mit frohen Nachrichten ins Lager angesprengt, und keine Spur von einem Kundschafter war zu entdecken. Meine Besorgnis und Ungeduld wurden immer größer. Auf Chodai Kullu rechneten wir nicht mehr. Faisullah mußte jetzt glücklich in Kum-tschappgan angekommen sein. Warum ließ aber Tokta Ahun nichts von sich hören? Er hatte, als wir uns am Anambaruin-gol trennten, Befehl erhalten, uns hier rechtzeitig entgegenzukommen. Er mußte bereits seit mehreren Tagen am See sein. Warum ließ er sich denn nicht blicken? Ich wußte, daß ich mich auf ihn unbedingt verlassen konnte. War ihm auf der Rückreise nach Tscharchlik ein Unglück zugestoßen und hatte er diesen Ort überhaupt nicht erreicht? Oder hatte er sich nur durch diese seltsamen, wandernden Seen, die sich von einem Jahr zum anderen bis zur Unkenntlichkeit verändern, auf eine falsche Straße locken lassen? Wann würden wir Antwort auf alle diese Fragen erhalten? Dunkel umhüllte uns die Nacht, und die ersterbenden Feuer ließen nur noch schwache Rauchsäulen aufsteigen.
Am nächsten Tage ging es in derselben Richtung weiter, bald an See- und Buchtufern entlang, bald über kahle Steppen. Schagdur kroch, einer wilden Katze gleich, den Enten nach und erlegte wieder einige. Ein wilder Eber rannte in so wildem Laufe durch das Schilf, daß der Staub hoch aufwirbelte. Er war gar nicht scheu; es war ja auch nie ein Flintenlauf auf ihn gerichtet gewesen, da er zu seinem eigenen Heil nach dem Koran ein unreines Tier ist.
So gelangten wir an einen neuen See, wo das Schilf dichter war als bisher. Ich ritt auf meinem sicheren, wiegenden Kamele und nahm die Umrisse dieser unbeständigen Seen auf einer Karte auf, wohl wissend, daß die Verteilung von Wasser und Land hier in ein, zwei Jahren ganz anders aussehen würde.
Jetzt gebot uns ein schmaler Wasserarm Halt, der uns den ganzen Rest des Tages völlig verdarb. Er war nur ein paar Meter breit und wenig tief, aber sein Boden bestand aus so weichem, gefährlichem Schlamm, daß wir nicht daran denken konnten, die Kamele hinüberzuführen. Wir umgingen ihn südwärts und waren bald auf allen Seiten von Wasser umgeben. Im Norden dehnten sich neue Seen aus. Als wir lagerten, nachdem wir vergeblich nach einem Ausweg aus diesem Labyrinth gesucht hatten, war das Land nur nach der Seite, von der wir gekommen waren, hin offen, und obgleich wir nach Südwesten sollten, mußten wir am Morgen doch nach Nordnordosten zurückgehen.
Nie hat der Kara-koschun in so hohem Grade wie jetzt auf mich den Eindruck eines Sumpfes gemacht. Er besteht hier nicht aus wirklichen Seen, sondern nur aus seichten Überschwemmungen.
Während der Nacht hatten sich neue Wasserarme gebildet, und wir mußten früh aufbrechen, um nicht ganz auf einer Insel eingesperrt zu werden. Wir selbst hätten wohl über das Wasser kommen können, aber die Kamele! Dieser eigentümliche Schor-Boden, der ziegelhart wird, sobald er trocknet, wird breiweich, sobald er überschwemmt wird.
Es erfordert mehr als Geduld, in seinen eigenen Fußspuren wieder zurückzugehen und statt Terrain zu gewinnen, schon gewonnenes wieder zu verlieren.
An einem breiten Wasserarme sahen wir wieder Chodai Kullus Spur. Er war entschieden hinübergeschwommen, denn die Spur verschwand nachher. Wo mochte der Arme geblieben sein? Jetzt waren es fünf Tage, seit ich ihn fortgeschickt hatte. Daß er, wenn er überhaupt noch lebte, nicht zurückkommen würde, war klar, denn ich hatte ihm gesagt, daß wir, wenn er zu lange ausbleibe, östlich und südlich um den Kara-koschun herumgehen würden.
Am 23. März wanderten wir längst einer durch kleine Stromarme miteinander verbundenen Seenkette nach Nordosten weiter. Ich ging weit voraus. Die Gegend war unfruchtbar. Ich sah mit eigenen Augen, wie der Kara-koschun nach Norden und Nordosten, nach dem alten Bette des Lop-nor zurückgesogen wurde. Konnte ich wohl einen deutlicheren Beweis dafür erhalten, daß meine Theorien von 1896 richtig waren? Es wurde mir immer klarer, daß sowohl Tokta Ahun wie Chodai Kullu und möglicherweise auch Faisullah sich bei den Veränderungen, die in diesem Jahre hier vor sich gegangen waren, nicht hatten zurechtfinden können. Was sie vorfanden, stimmte durchaus nicht überein mit den Beschreibungen, die ich ihnen gemacht hatte.
Müde und traurig machte ich an einem Punkte Halt, wo der Wasserarm sich auf 7 Meter verengte, um sich bald darauf in einen See zu ergießen (Abb. 217). Als die Karawane angelangt war, wurde die Stelle untersucht. Der Boden trug uns, denn er bestand aus hartem, blauem Ton, und an den feuchten Ufern sanken die Kamele nicht mehr als einen Fuß tief ein.
Um zu erfahren, wie das Land im Norden aussah, schickte ich Schagdur auf Kundschaft aus. Nach einer guten Weile tauchte er am Ostufer des unteren Sees auf und winkte uns wie toll, dorthin zu kommen. Ich zog es jedoch vor, mündlichen Bescheid abzuwarten, weshalb Schagdur sich auf die Beine machte. Als er atemlos in Hörweite gekommen war, deutete er nach Südwesten und rief. „Reiter, Reiter!“
Richtig: in einer Staubwolke erschienen zwei Reiter, die sich uns so schnell näherten, wie die Pferde nur zu laufen vermochten. Schagdur erzählte, daß er an dem Punkte, wo er uns gewinkt hatte, ganz frische Spuren von fünf Pferden gesehen und ein paar Minuten später die Reiter erblickt habe.
So hatte denn endlich die Stunde unserer Befreiung geschlagen! Mit größter Spannung sahen wir diese willkommenen Boten über den Boden sprengen und beobachteten sie mit dem Fernglase. Bald erkannten wir Tschernoff und Tokta Ahun!
Siebentes Kapitel.
Der wandernde See.
Nie bin ich mit einem alten treuen Diener mit größerer Wärme und Freude wieder zusammengetroffen als in dieser Mittagsstunde! Tschernoff, mein vortrefflicher Kosak, war auch so froh, daß er zitterte, und seine Wangen glühten vor Eifer. Er brannte vor Begierde, mir alles erzählen zu dürfen; er wußte, daß ich durch ihn den abgeschnittenen Faden wiedererhalten und von neuem mit der Welt, von der ich über ein halbes Jahr abgeschlossen gewesen war, in Berührung treten würde.
Was jedoch im ersten Augenblick mein besonderes Interesse erregte, war, daß er nach meinem Lager hatte zurückkehren können. Im vorigen Sommer war uns mitgeteilt worden, daß alle semirjetschenskischen Kosaken auf ihren Posten sein müßten, weil die politische Lage in Asien für unruhig gelte. Doch der Kaiser hatte die unendliche Güte gehabt, mit meinen beiden Kosaken Sirkin und Tschernoff eine Ausnahme zu machen. Am letzten Juni 1900 hatten sie sich von mir getrennt und waren nach Kaschgar geritten, wo sie jedoch erst einige Monate geweilt hatten, als Generalkonsul Petrowskij aus Petersburg ein Telegramm mit dem Befehl im Namen des Kaisers erhielt, daß die beiden Kosaken Sirkin und Tschernoff sich augenblicklich nach meinem Lager zu begeben hätten, wo ich mich auch befinden möge. Als dieser Befehl an einem Sonnabend Nachmittag eingetroffen war, hatte der Konsul die Kosaken rufen lassen und ihnen befohlen, Pferde zu kaufen und am nächsten Morgen abzureisen. Sie hatten gefragt, ob sie nicht den Sonntag über noch dort bleiben dürften, aber ein kaiserlicher Befehl duldet keinen Aufschub.
So saßen sie denn am Sonntag Morgen im Sattel und nahmen meine ganze große Post, 27 Jamben Silbergeld, einige Instrumente und photographische Utensilien mit, und nun ging es über Aksu und Korla nach Tscharchlik, das sie nach 48tägigem Ritt Ende Dezember erreichten. Da sie mich dort nicht gefunden hatten, beschlossen sie meine Rückkehr zu erwarten und benutzten die Zeit gut. Sirkin übernahm die meteorologischen Ablesungen, Tschernoff begab sich nach dem Delta des unteren Tarim, über dessen neueste Veränderungen er eine Reihe wohlgelungener Kartenskizzen ausführte. Da er des Schreibens unkundig war, nahm er einen Mirsa (Schreiber) mit, der alles notierte. Die ganze Rekognoszierung brachte mir viel wichtige Aufklärung und wurde später in Tibet in freien Stunden gründlich durchgegangen.