Im Herzen von Asien. Zweiter Band.

Part 8

Chapter 83,610 wordsPublic domain

„Obgleich das Verhältnis zwischen dem neuen König und dem Kaiser ohne Zweifel gespannt war, war es noch nicht zu offenen Feindseligkeiten zwischen ihnen gekommen. Nun aber kam das Ereignis, welches der Unabhängigkeit des Staates Lau-lan ein Ende machen sollte. Am Ostrande von Lau-lan, wo dieses Land an China grenzte, scheint eine Örtlichkeit, der Peh-lung-Wall genannt, gelegen zu haben. Dieser Platz lag auf der großen Heerstraße von China über Lau-lan nach den westlichen Ländern; er litt an Dürre und hatte keine Weiden. Die Lau-laner wurden oft von den Chinesen aufgefordert, Führer, Wasser und Proviant nach diesem Platze zu schicken, wenn durchreisende Beamte dessen bedurften. Hierbei wurden die Ortseinwohner oft von chinesischen Soldaten brutal behandelt. Dadurch entstanden Reibungen; aber die Lage wurde noch verschlimmert durch die Hunnen, welche die Lau-laner immer im geheimen gegen die Chinesen aufhetzten. Schließlich beschlossen die Lau-laner, alle freundschaftlichen Beziehungen zu Wu-ti abzubrechen, und ermordeten einige seiner Gesandten, als diese durch das Gebiet von Lau-lan reisten. Diese Verräterei wurde dem chinesischen Hofe durch Hui Tu-chi, den jüngeren Bruder des Königs, hinterbracht, welcher, nachdem er sich unter die Oberhoheit des Han-Kaisers gestellt hatte, mit dem Plane umging, seinen älteren Bruder vom Throne zu stoßen. Infolgedessen wurde im Jahre 77 v. Chr. der chinesische General Fu-keae-tsu ausgeschickt, um dem König das Leben zu nehmen. Fu-keae-tsu wählte sich schleunigst einige Begleiter aus und begab sich nach Lau-lan. Er hatte vorher das Gerücht verbreiten lassen, daß er beauftragt sei, zu freundschaftlichen Untersuchungen nach einem Nachbarstaate zu reisen, und daß er dem König Geschenke zu überbringen habe. Fu-keae-tsu wurde bei seiner Ankunft von dem König, der nichts Böses ahnte, zu einem großartigen Feste eingeladen. Als der König betrunken war, gab Fu seinen Begleitern ein Zeichen, und nun wurde der König von hinten erstochen. Sein Kopf wurde vom Leibe getrennt und über dem Nordtore der Stadt aufgehängt. Zur Belohnung für seinen Verrat wurde Hui Tu-chi an Stelle seines Bruders zum König eingesetzt und das Königreich unter dem neuen Namen Shen-Shen, auf den der Lehnsbrief ausgefertigt wurde, wiederhergestellt. Damit dem Ansehen des neuen Regenten nichts mangeln sollte, erhielt er eine Dame des kaiserlichen Hofes zur Gemahlin, und als Hui Tu-chi die chinesische Hauptstadt verließ, um sich in sein Reich zu begeben, wurden ihm beim Abschied reiche Ehrenbezeigungen erwiesen. Auf diese Weise gelangte er auf den Thron. Doch er fühlte sich in seiner neuen Stellung nicht sicher. Weil er ein chinesischer Schützling war, betrachtete ihn das Volk, über welches er herrschen sollte, mit Mißtrauen. Außerdem hatte der tote König einen Sohn hinterlassen, und Hui Tu-chi lebte in beständiger Furcht, von diesem ermordet zu werden. Daher forderte Hui Tu-chi den Kaiser auf, in Lau-lan eine Militärkolonie zu errichten, und zwar in der Stadt E-tun, wo das Land, wie er sagte, «reich war und guten Ertrag gab». Dies geschah, und der Kaiser schickte einen Reiterobersten mit 40 Mann nach E-tun, um «die Felder zu bestellen und das Volk zu beruhigen». So gelang es dem großen Han-Monarchen, seine Macht über das Land Lau-lan oder Shen-shen zu erstrecken.

„Um die Zeit, als diese Chroniken geschrieben wurden, was wahrscheinlich um Christi Geburt herum geschah, zählte, wie uns berichtet wird, das Königreich Shen-shen 1570 Familien, was neben 2912 Mann geübten Truppen eine Bevölkerung von 14100 Personen ausmachte.

„Hinsichtlich der physischen Charakterzüge des Landes sagt das Tsien-Han-shu (von Herrn A. Wylie ins Englische übersetzt):

„«Das Land ist sandig und salzig, und es gibt dort wenig angebaute Felder. In betreff des Getreides und der Ackerbauerzeugnisse ist die Gegend auf die benachbarten Reiche angewiesen. Das Land bringt Nephrit, Binsen in Menge, Tamarisken, ~Elaecocca vernicia~ und weißes Gras hervor. Die Bevölkerung treibt ihr Vieh überall auf die Weide, wo es genügend Wasser und Gras finden kann. Die Leute besitzen Esel, Pferde und Kamele. Sie können für Kriegsbedarf dieselbe Art Waffen anfertigen wie die Leute in Tso-kiang.»

„Soweit gehen also die in dem Tsien-Han-shu enthaltenen Nachrichten. Hören wir, was Fa-Heen von Lau-lan sagt, durch welches Land er im fünften Jahrhundert n. Chr. reiste, als er sich von China nach Indien begab, um sich die heiligen Bücher des Buddhismus zu verschaffen. Die englische Übersetzung ist von ~Dr.~ J. Legge.

„«Nachdem sie 17 Tage gereist waren, welche Entfernung wir auf etwa 1500 Li (von Tun-huang) schätzen können, erreichten die Pilger das Königreich Shen-shen, ein kupiertes, hügeliges Land mit magerem, unfruchtbarem Boden. Die Kleidungsstücke der gewöhnlichen Leute sind einfach und gleichen den in unserem Lande Han gewebten; einige tragen Filz und andere Serge oder härene Stoffe. Der König gehorchte unserem Gesetze, und in dem Königreiche gibt es wohl mehr als 4000 Mönche, die alle das Hinayana (das kleine Erlösungsmittel) studieren. Die breiteren Schichten der Bevölkerung dieses und anderer Königreiche in dieser Gegend, wie auch die Sramanen (Mönche) leben alle auf indische Weise, diese jedoch strenger, jene etwas freier. Hier hielten sich die Pilger ungefähr einen Monat auf und setzten dann ihre Reise fort, worauf sie ein fünfzehntägiger Marsch nach Nordwesten nach dem Lande Wu-e führte. Hier gab es über 4000 Mönche, die alle das Hinayana studierten.»“

„Hsian-Tsang (629-645 n. Chr.) passierte zweihundert Jahre nach Fa-Heen auf der Rückreise von Indien Lau-lan, aber seine Nachrichten von dem Lande sind außerordentlich dürftig. Wir erfahren nur, daß er, nachdem er die mit Mauern umgebene, aber verlassene Stadt Tsche-mo-to-na oder Nimo verlassen hatte, 1000 Li in nordöstlicher Richtung reiste und Na-po-po erreichte, welches dasselbe ist wie Lau-lan.“

Aus diesen von Macartney zusammengestellten Angaben ersehen wir, daß Lôu-lan seinerzeit eine gewisse Bedeutung hatte. Wahrscheinlich würde man durch fortgesetzte Ausgrabungen noch reichere Funde machen können als die, von denen ich kurz berichtet habe.

Sechstes Kapitel.

Ein Nivellement durch die Lopwüste.

Am 10. März frühmorgens wurde es im Lager unruhig; wir wollten von unserer festen Operationsbasis aufbrechen und die stille Stadt wieder ihrer tausendjährigen Ruhe überlassen. Wird je wieder ein abendländischer Pilger in den Mauern von Lôu-lan zu Gaste sein?

Drei Eissäcke wurden den Kamelen geopfert, die kauen durften, soviel sie wollten; die Last war auf jeden Fall zu schwer. Die eingeheimste Ernte an Schnitzereien und anderen Dingen wurde zu Packen gebunden und das Gepäck geordnet. Die Karawane sollte hier in zwei Partien geteilt werden. Ich wollte südwärts gehen, um ein Präzisionsnivellement durch die Wüste nach dem Kara-koschun auszuführen. Als Begleiter hatte ich Schagdur, Kutschuk, Chodai Kullu und Chodai Värdi ausersehen. Wir brauchten nur vier Kamele, eines für das Gepäck und drei für Eis (Abb. 216). Ich nahm nur das Unentbehrlichste an Proviant und Kleidern, Instrumente, alles zum Nivellieren Nötige, die halbe Jurte und das halbe Bett mit; die Leute konnten unter freiem Himmel schlafen. Die Frühlingswärme war bereits so stark, daß der Ofen überflüssig war. Der Proviant wog nicht viel. Das Wenige, was noch an Reis und Brot da war, wurde in für acht Tage berechnete Rationen geteilt.

Der übrige Teil der Karawane, Faisullah, Li Loje und Mollah, sechs Kamele, drei Pferde, die drei Hunde und das ganze schwerere Gepäck nebst Eis und Proviant für vier Tage sollten allein weiterziehen.

Faisullah, der im vorigen Jahre die Wüstendurchquerung von Altimisch-bulak an mitgemacht hatte, mußte nach Kum-tschappgan, wo wir uns wieder treffen wollten, hinfinden können. Er hatte Befehl, sich direkt dorthin zu begeben und dort auf unsere Ankunft zu warten. Der Sicherheit halber erhielt er gründlichen Unterricht, wie er sich vom Kompaß nach Südwesten führen lassen müsse. Ich war von Faisullahs Klugheit und Vorsicht überzeugt, hielt es aber doch für besser, alle Kartenblätter von dieser Reise, die Manuskripte und Stäbe aus Lôu-lan, meine Notizbücher und die Beobachtungsjournale selbst mitzunehmen. Obgleich Faisullah, wie wir noch hören werden, ein höchst unerwartetes Abenteuer hatte, wären die kostbaren Papiere bei ihm doch sicherer gewesen als bei mir, wie sich noch zeigen wird!

Während die beiden Karawanen beladen wurden, brach ich auf. Faisullah und seine beiden Kameraden halfen Chodai Värdi, der Befehl hatte, uns mit unseren vier Kamelen nachzukommen und sich am Abend bereitzuhalten, das Lager aufzuschlagen.

Zum Ausgangspunkte des Nivellements wählte ich den Platz an der Basis des Turmes, wo meine Jurte gestanden hatte. Hier wurde die 4 Meter hohe Nivellierlatte zum ersten Male aufgerichtet. Sie wurde stets auf eine Platte gestellt, um nicht einzusinken, wenn sie halb umgedreht wurde. Schagdur handhabte sie während der ganzen Wanderung auf mustergültige Weise. Das Fernrohr wurde 100 Meter südlich von ihr aufgestellt, und ich machte meine erste Ablesung, worauf Schagdur am Fernrohr vorbeiging und die Latte zum zweiten Male 100 Meter südlich davon aufstellte -- und so weiter, Tag für Tag, bis an den Kara-koschun, wohin wir 81½ Kilometer hatten!

Der Abstand zwischen Fernrohr und Stange wurde von Kutschuk und Chodai Kullu mit einem 50 Meter langen Bandmaße gemessen, das also jedesmal zweimal auf der Erde abrollte. Das Fernrohr mit seinem Stativ wurde beim Weitergehen von Kutschuk getragen. Ich selbst hatte die Ablesungen, Kompaßpeilungen, Marschroute und Aufzeichnungen über den Charakter des Terrains zu machen.

Bevor die Leute an diese für sie neue Arbeit gewöhnt waren, kamen wir nur langsam weiter; aber nicht lange dauerte es, so ging alles seinen regelrechten Gang, und es gab keine unnötigen Verzögerungen mehr.

In dieser Richtung, von Lôu-lan nach Süden, war es sehr deutlich zu merken, daß wir die Uferlinie des früheren Sees passierten. Die toten Bäume, Sträucher und Schilfstoppeln hörten mit einem Schlag auf, und nun waren wir auf ödem, graugelbem Lehmboden ohne alle Vegetation, wo wir uns ohne Zweifel auf einem alten Seeboden befanden.

Einundneunzigmal waren die Stange und das Fernrohr vorgerückt, bevor wir es, nach einem Marsche von 9140 Meter, an der Zeit hielten zu lagern. Es fing an dämmerig zu werden. Aber Chodai Värdi mit den vier Kamelen war nicht zu erblicken. Wir spähten von Hügeln und Kegeln nach ihm aus, doch der Mann war spurlos verschwunden. Hatte er sich verirrt? Hatte er mich mißverstanden und Faisullah begleitet oder war er bei den Ruinen geblieben?

An einem Punkte, wo wieder dürres Holz auftrat, zündeten wir auf einem Hügel ein großes Signalfeuer an. Schagdur begab sich trotz der Dunkelheit auf die Suche. Ich war in größter Unruhe. Wenn Chodai Värdi sich verirrt hatte, war er verloren. Er war noch nie in der Gegend gewesen und hatte keine Ahnung, wohin er gehen mußte, um nach dem Kara-koschun zu gelangen. Und fanden wir ihn nicht wieder, so würde natürlich auch unsere Lage -- ohne Wasser und ohne Nahrung -- kritisch sein; es war bis an den See noch so weit, daß unsere Kräfte schwerlich so weit reichen konnten, und nach der isolierten Quelle zurückzukehren, wäre ebenso verzweifelt gewesen. Doch am meisten von allem quälte mich der Gedanke: sollten alle Resultate einer viermonatigen Wanderung nur durch die Dummheit eines Dieners verlorengehen?

Wir zerbrachen uns den Kopf und lauschten und stapelten alles, was Holz hieß, auf das Feuer, das hoch und wild in der sonst undurchdringlichen Dunkelheit flammte. Kein Laut war zu hören. Die Wüste lag so tot und öde da, als gehörte sie nicht einem von Menschen bewohnten Planeten an. Statt uns nach der anstrengenden Arbeit und Fußwanderung des Tages an Wasser laben können, hielt uns nun diese unheimliche, düstere Unruhe gepackt. Es bedurfte jetzt nur noch eines Nebelsturmes -- dann wäre alles verloren gewesen!

So schlimm sollte es nicht werden. Im nächtlichen Dunkel ertönten tappende Schritte: Chodai Värdi kam mit den Kamelen wohlbehalten an! Ich war froh, nichts eingebüßt zu haben, so daß ich ganz vergaß, ihm seine wohlverdiente Schelte zukommen zu lassen. Er erklärte, daß er durch die Form der Lehmterrassen gezwungen worden sei, sich zu weit nach rechts zu halten, und nachher weder uns noch eine Spur habe wiederfinden können. Als er abends im Südwesten ein Feuer gesehen habe, sei ihm endlich klar geworden, daß er sich auf Irrwegen befinde -- dies war nämlich Faisullahs Feuer. Er sei also umgekehrt und habe schon aus sehr weiter Ferne unser Feuer erblickt, auf das er nun losgesteuert sei. Es war wirklich ein Wunder, daß keines der Kamele sich beim Überschreiten dieser unzähligen, finsteren, gähnenden Gräben in der Dunkelheit die Beine gebrochen hatte.

In aller Eile wurde das Lager aufgeschlagen und der Kessel auf das Feuer gesetzt. Schagdur war und blieb fort, und Chodai Kullu wurde mit der Flinte ausgeschickt, um einige Signalschüsse abzufeuern. Daß er weit ging, konnte man hören, da die Schüsse allmählich immer schwächer wurden und schließlich in der Ferne erstarben. Doch er kam unverrichteter Sache wieder, und wir gingen zur Ruhe.

Daß dieses Abenteuer noch so ablief, war eine Fügung der Vorsehung; aber daß ein Mensch wie Chodai Värdi, der sonst stets gesunden Verstand gezeigt, so unglaublich dumm sein konnte, ist unerklärlich. Er war 12 Stunden kreuz und quer in der Wüste umhergeirrt, während wir nur 9,1 Kilometer zurückgelegt hatten. Vom Lager konnte man sogar noch den Lehmturm von Lôu-lan sehen. Um Schagdur hatte ich nicht Angst. Ich kannte ihn zur Genüge, um zu wissen, daß er sich allein nach dem Kara-koschun durchschlagen würde. Er hatte stets einen Kompaß bei sich und wußte auf meinen Karten gut Bescheid.

Am folgenden Morgen erwachte ich bei einem vollen Sturm, der dicke Sandwolken durch die Rinne trieb, in der wir lagerten; sie zogen in ihr dahin wie Wasser in seinem Bette, und der Sand feilte die Seiten der Lehmterrassen. Die öde Landschaft sah in dieser neuen Beleuchtung, die der des gestrigen Feuers so unähnlich war, geradezu schauerlich fremd aus. Nivellieren war ganz unmöglich; wir mußten liegenbleiben. Schagdur fand sich nicht ein; er hatte in dem heimtückischen Sturme offenbar unsere Spur verloren.

Am Vormittag hielt ich mich meistens bei den Kamelen auf. Ich saß bei ihnen, streichelte ihnen den Kopf und klopfte ihnen den Rücken. Wenn sie nur geahnt hätten, wie ich sie schätzte, wie dankbar ich ihnen für die Dienste war, die sie mir geleistet hatten, und wie leid es mir tat, daß ich sie einem Führer anvertraut hatte, der sie nutzlos gequält und ihre empfindlichen Fußschwielen unnötigerweise in der harten Lehmwüste angestrengt hatte. Ruhig, zufrieden und würdig wie immer lagen sie da und glaubten wohl, es sei notwendig gewesen, 40 Kilometer in der Wüste umherzuirren. Ohne Rücksicht auf die Folgen ließ ich ihnen einen Sack Kamisch und einen Sack Eis geben. Doch welch ein Lohn wartete ihrer später! Alle, außer einem, starben in Tibet.

Mein Erstaunen war grenzenlos, als um die Mittagszeit Schagdur mit leichten, elastischen Schritten aus dem Staubnebel auftauchte! Der prächtige Junge, der einen ganzen Stamm von Muselmännern aufwiegt, war, seit er uns am vorigen Abend um 5 Uhr verlassen hatte, unausgesetzt auf den Beinen gewesen. In der Nacht hatte er Faisullahs Feuer gesehen und war dorthingeeilt. Ich hatte nämlich Faisullah befohlen, das Feuer bis spät in die Nacht zu unterhalten, nur um der Kuriosität halber feststellen zu können, ob es bei uns auf 20 Kilometer Abstand sichtbar wäre. Von Faisullah hatte Schagdur einen kleinen Vorrat Reis und Eis erhalten, denn, als sich jetzt der Sturm erhob, hatten sie gefürchtet, daß er uns nicht wiederfinden würde.

Er wollte es versuchen. Glücklicherweise hatte er auf dem Hinwege die Kompaßpeilungen aufgezeichnet. Ein paarmal hatte er die Spur von Chodai Värdis Kamelen gesehen, sie dann aber wieder verloren.

Daß er uns fand, war ein Meisterstück sondergleichen. Nur ein Burjat, der sein Leben unter freiem Himmel in der Wildnis zugebracht hat und dazu Kosak ist, bringt derartiges fertig. Denn man muß bedenken, daß die Lager 20 Kilometer voneinander entfernt lagen, der Boden eben wie eine Wasserfläche war und man im Nebelsturme höchstens 50 Meter weit vor sich sehen konnte und alle Spuren zugeweht waren. Wenn ein Mensch solche Beweise von Tüchtigkeit, Klugheit und Treue gibt, kann man ihm alles anvertrauen -- und das tat ich später auch ein paarmal.

Es machte uns freilich einen Strich durch die Rechnung, daß wir einen ganzen Tag verloren, doch was tat das, da der Himmel mir den schweren Verlust, der mir drohte, erspart hatte? Wir versuchten unseren Weg fortzusetzen, aber es ging nicht. Wenn der Wind 11 Meter in der Sekunde macht, schwankt die Stange und kann abbrechen, und das Fernrohr zittert auf seinem Stativ. Wir mußten uns gedulden und noch eine Nacht auf diesem wüsten Platze zubringen.

Am 12. März war ein herrlicher Tag, und wir begannen früh, arbeiteten bis Sonnenuntergang und hielten nur um 1 Uhr zehn Minuten Rast zur Ablesung der meteorologischen Instrumente. Jetzt führte Chodai Kullu die Kamele, mußte aber ganz in unserer Nähe bleiben. Der Weg ging nach Südsüdosten. Die Winderosionsfurchen ziehen sich nach Südwesten, und wir mußten über die zwischen ihnen liegenden Rücken hinüber. Für uns Fußgänger ging es wohl an, aber für die Kamele war es sehr ermüdend. Sie mußten in weiten Umwegen geführt werden, während wir mit den Instrumenten in geraden Linien vorrückten.

Abwechslung bietet sich dem Auge nicht mehr, aber das kann man in einer Wüste auch nicht verlangen. Ein Unterschied gegen die westlichere Linie des vorigen Jahres war, daß wir hier weniger, ja fast gar keinen Sand hatten. In den Rinnen ist der Boden oft mit einer fußdicken Schicht von feinem Staub bedeckt, in den man einsinkt wie in Wasser. Meistens haben wir jedoch harten Lehmboden, und bald schmerzen uns von dem ewigen Springen die Füße.

Gegen Sonnenuntergang mußte Chodai Kullu vorausgehen und das Lager aufschlagen, so daß alles fertig war, als wir mit der Tagesarbeit aufhörten. Der Fixpunkt, wo die Arbeit unterbrochen und am folgenden Morgen wiederaufgenommen werden muß, wird so gewählt, daß irgendwelche Verrückung während der Nacht ausgeschlossen ist.

Mit wachsendem Interesse rechnete ich abends aus, was die Zahlenreihen zu sagen hatten. Heute zeigten sie mir, daß wir auf 11201 Meter 2,466 Meter gefallen waren. Ich würde diese ermüdende, die Geduld auf die Probe stellende Arbeit nicht ausgehalten haben, wenn ich nicht eine wichtige Entdeckung erwartet hätte. Die nivellierte Linie sollte das entscheidende Urteil über das Lop-nor-Problem fällen. Ihr Profil würde zeigen, ob es möglich oder unmöglich war, daß im nördlichen Teile der Wüste Lop ein See gelegen hat.

Frühauf und gleich an die Arbeit, ist jetzt morgens die Losung.

Der Boden wurde heute günstiger. Die Jardang folgen nicht mehr so dicht aufeinander und sind niedriger, wir brauchen nicht soviel zu klettern. Aber Schneckenschalen sind allgemein, manchmal ist der Boden von ihnen ganz weißgetüpfelt. Kleine Höcker auf der Oberfläche abgerechnet, ist der Boden so eben wie ein Fußboden.

War diese Gegend für das Auge trostlos und einförmig, so war sie für das Nivellement um so bequemer. Keine Hindernisse stellten sich uns in den Weg; wir gingen in gerader Linie, rasch und ohne Unterbrechung. Wenn das Fernrohr mit der Wasserwage eingestellt ist und ich es um den Horizont führe, liegt dieser überall in genau demselben Abstande von den horizontalen Fäden des Fadenkreuzes.

Fünf Scharen Enten streichen gen Norden. Kutschuk vermutete witzig, daß unsere Entsatzexpedition unter Tokta Ahun sie vom Nordufer des Kara-koschun vertrieben habe. Wahrscheinlich ist, daß die Enten sich im Winter an diesem See und im Sommer am Bagrasch-köll aufhalten. Eine Eintagsfliege machte eine Runde um uns und verschwand wie ein funkelnder Smaragd in südlicher Richtung.

Während dieses Tages stiegen wir 2,763 Meter und befanden uns 0,11 Meter höher als im Ausgangspunkte in Lôu-lan. Wir waren mit anderen Worten auf 32 Kilometer Wegstrecke 11 Zentimeter gestiegen! Schon in diesem Lager hatte ich also den Schlüssel des Lop-nor-Problems gefunden. Die beiden ersten Tage waren wir gefallen, den dritten gestiegen; wir hatten also eine deutliche Depression überschritten, und diese ist es, die das ehemalige Bett des Lop-nor repräsentiert. Das Resultat der Arbeit der folgenden Tage würde auf diesen Schluß nicht mehr einwirken. Wir waren durch ein Becken gegangen, gleichviel in welchem Niveau sich der Kara-koschun im Verhältnis zum Ausgangspunkte befinden mochte; und daß dieses Becken einst Wasser enthalten hatte, wurde durch die Schneckenschalen und viele andere bereits erwähnte Umstände bewiesen.

Mit dem Schlage 7 Uhr ertönte ein pfeifendes Brausen im Nordosten, und ein paar Minuten später fuhr der schwarze Sturm mit ungezügelter Wut über den Boden, der ihm nicht das geringste Hindernis in den Weg stellte. Die Sonne war in außergewöhnlicher Weise in dichten Wolken untergegangen, und der Tag war drückend schwül gewesen. Alle notwendigen Vorsichtsmaßregeln wurden getroffen, der Fixpunkt festgeschlossen, die Jurte gründlich festgemacht, die Feuer ausgelöscht und, nachdem die Kamele mit den Köpfen auf die vom Winde abgewandte Seite gebracht worden waren, bereitete sich jeder auf das, was kommen sollte, vor; es wurde still im Lager, und nur der Sturm heulte um uns herum. Der Flugsand drang durch das Zelttuch; draußen war es stockfinster, und keine Sterne waren zu sehen.

Jeden Abend um 9 Uhr stellte Schagdur das Kochthermometer, das ich stets selbst ablas. Als er von meiner Jurte nach seinem Schlafplatze neben der Küchengeschirr enthaltenden Kiste zurückkehren wollte, fand er sich, trotzdem es nur 15 Schritte waren, nicht zurecht und verirrte sich. Eine halbe Stunde später hörte ich schwaches Rufen aus einer ganz anderen Richtung. Ich rief aus vollem Halse, und Schagdur fand sich so nach der Jurte zurück. Er war die ganze Zeit gekrochen, denn Stehen war unmöglich, und pechfinster war es auf allen Seiten. Nur auf folgende Weise konnte er seinen Platz finden; ich hielt eine kleine Spalte im Zelttuche offen, und den Blick auf diese gerichtet, kroch er rückwärts, bis er bei der Kiste anlangte. Wer nie einen solchen Sturm erlebt hat, kann sich keinen Begriff davon machen. Man wird verdreht und will nur gehen, immerzu gehen, weiß aber nicht, wohin der Weg führt; der Ortssinn scheint gelähmt zu sein, man geht im Kreise, glaubt aber in gerader Linie zu gehen. Es ist eine Art Wüstensturmkrankheit, die näher mit der Platzkrankheit als mit See- und Bergkrankheit verwandt ist; sie schlägt sich auf das Gehirn. Wäre Chodai Värdi von solch einem Sturme überfallen worden, so wäre er verloren gewesen.

Am folgenden Morgen waren die Folgen des schwarzen Sturmes deutlich erkennbar. Um meine Jurte hatte der Sand eine Ringdüne gebildet, und auch hinter den Köpfen der Kamele hatten sich große Sandhaufen gebildet. Sobald sich ein Hindernis im Wege des Flugsandes erhebt, entstehen Dünen; sonst treibt er nach Westen.

Glücklicherweise hörte der Sturm um 11 Uhr auf, und wir konnten nach Süden weiterziehen.