Im Herzen von Asien. Zweiter Band.
Part 38
Am 27. (4379 Meter) und 28. hatten wir, als wir dem Laufe des Tsangar-schar abwärts folgten, immerfort das schöne Gefühl, uns tieferliegenden Gegenden zu nähern. Während des Marsches wird Fischfang getrieben, und Tschernoff und Schagdur wollen es einander darin zuvortun. Sie bedienen sich ihrer Säbel sowie tibetischer Speere und harpunieren ihre Opfer. Einmal nahm Schagdur ein gründliches Bad in dem eiskalten Wasser; er wagte sich im Eifer zu weit hinaus, und sein Maulesel stürzte. Ich war glücklicherweise in der Nähe und zündete ein loderndes Feuer in dem Gesträuche an, woran er sich wärmen und seine Kleider trocknen mußte; sonst wäre er, kühn und abgehärtet wie er war, einfach weitergeritten, als sei nichts vorgefallen.
Die Felsenmauer, die wir bisher auf unserer linken Seite gehabt haben, hört schließlich auf, und der Fluß macht einen scharfen Bogen nach Süden. Gerade hier liegt auf dem linken Ufer das Tempeldorf +Noh+, auch +Odschang+ genannt (Abb. 302). Dort erhebt sich ein malerischer kleiner Tempel in Rot und Weiß, mit zwiebelförmigen Kuppeln, Flaggen, vergoldeten Spitzen und anderen Zieraten. Die viereckigen Häuser mit flachen Dächern sind wie gewöhnlich von weißgetünchten Mauern umgeben, die oben eine rote Kante haben; auch sie sind mit Fahnenstangen und Wimpeln geschmückt. Die Fußböden sind mit Filzteppichen belegt, in der Decke ist ein Loch zum Entweichen des Rauches, große Holzvorräte aus dem Gesträuchwalde liegen für den Winter bereit. Unsere Tibeter hatten uns schon unterwegs mitgeteilt, daß man hier kein Holz anrühren dürfe, da es dem Lama gehöre. Jetzt lag Noh vom Sonnenscheine überflutet vor uns und gewährte, mit der mächtigen Bergwand als Hintergrund, einen ungewöhnlich malerischen Anblick.
Auf dem rechten Ufer treten Geröllterrassen dicht an den Fluß heran. Nicht ohne Schwierigkeit lotsen wir die Kamele über sie hinüber, damit die Tiere nicht in das kalte, tiefe Wasser zu tauchen brauchen. Unsere Richtung führt nach Westen an der Basis der Felsen entlang, wo Quellen von +15,9 Grad entspringen. Nachdem wir einen kleineren Paß mit einer fahnengeschmückten Steinpyramide passiert haben, öffnet sich nach Süden und Westen eine großartige Aussicht über den See +Tso-ngombo+ (blauer See). Im Süden glänzen mehrere pyramidenförmige Schneegipfel, und nach Westen dehnt sich der bizarre See mit seinen Buchten, Landspitzen, Inseln und steil abfallenden felsigen Ufern aus. Die Breite beträgt nur wenige Kilometer. Auf einem ganz ebenen Uferstreifen mit etwas Weide schlugen wir das Lager Nr. 138 (Abb. 300) auf. Kaum einen Kilometer vom Ufer liegt eine kleine Felseninsel, die reich an gutem Brennholz ist; ganze Stapel davon wurden über das Eis nach unserem Lager geschleppt. Die Tibeter verbrachten die Nacht auf der Insel, wo sie Schutz und Wärme hatten, und ihre großen Feuer warfen abends rotglänzende Reflexe über das spiegelblanke Eis. In diesem verursachte die Spannung unaufhörliche Knalle und Pfiffe; es klang wie ein sich im Kreise drehendes Nebelhorn.
Während des folgenden Tages, der der Ruhe gewidmet wurde, maß ich die Tiefen zwischen dem Ufer und der Insel, wobei sich ergab, daß die größte 6,35 Meter betrug. Unser Offizier teilte mir mit, daß er beauftragt sei, von hier einen Kurier nach Leh zu senden, damit wir an der Grenze von Tibet und Kaschmir vorfänden, was wir brauchten. Ich nahm die Gelegenheit wahr, einen Brief an den englischen „Joint Commissioner“ für Ladak mitzuschicken, in welchem ich um Entsatz an Yaken, Pferden und Proviant bat. Der arme Reiter verschwand auf seinem langhaarigen Pferdchen in der Nacht; als wir nachher den Weg sahen, den er in der Dunkelheit geritten war, tat er mir doppelt leid.
Am Todestage Karls XII. machten wir einen interessanten Marsch am Nordufer des Tso-ngombo entlang. Hinter der Insel hat der See ein Ende und geht in einen ganz kurzen Fluß mit offenem Wasser über, der sich bald in ein neues zugefrorenes Becken ergießt; es dauert nicht lange, so nimmt auch dieser zweite See ein Ende, und wir reiten wieder an einem Flusse entlang. Dieser ist so gerade und regelmäßig wie ein gegrabener Kanal, zirka 12 Meter breit und höchstens 3 Meter tief. Das Wasser fließt außerordentlich langsam, ist klar wie Kristall und schillert grün wie Smaragd. Auf dem Grunde gedeihen üppige Wasserpflanzen, und in Vertiefungen zeigen sich ganze Scharen von schwarzrückigen Fischen, die, den Kopf nach der Strömung gerichtet, regungslos und faul im Wasser schweben und zu grübeln scheinen. Das Ganze war ein großartiges Schauspiel; die Kosaken waren sofort wieder mit ihren Angelruten bei der Hand.
Nachdem der Fluß durch ein mittelgroßes und ein sehr kleines Becken geströmt ist, ergießt er sich schließlich in einen vierten See, der größer als die anderen ist und sich weit nach Westen und Nordwesten erstreckt; er war völlig eisfrei und vom Winde aufgeregt. Wahrscheinlich liegt es an seiner Tiefe, daß er trotz der windstillen, kalten Nächte noch nicht zugefroren ist. Das Ufer ist dicht mit Blöcken und steilen Schuttkegeln bedeckt und sehr beschwerlich für die Kamele (Abb. 303). Auf der Ebene Bal, wo wir in der Nähe einer tiefen Schlucht lagerten, gab es jetzt kein Gras, aber wir hatten Stroh und Gerste von den Tibetern gekauft, und die Tiere waren gut versorgt (Abb. 304, 305). Von Roh bis Bal waren wir dieselbe Straße gezogen wie Nain Singh; hier aber trennten sich unsere Wege wieder. Unterwegs waren wir einer Karawane von 200 mit Getreide aus Ladak beladenen Schafen begegnet. Es machte Spaß zu sehen, wie ordentlich sie marschieren und wie leicht sie zu regieren sind; sie kommen an den steilsten Felswänden vorwärts, trotzdem sie ziemlich schwere Lasten tragen. An der Grenze wird eine Art Tauschhandel betrieben; für 100 mit Salz beladene Schafe erhalten die Tibeter 80 Schafslasten Gerste.
Die Kälte sank auf -20,9 Grad, und in der Nacht überfiel uns ein sehr heftiger Nordsturm. Der Rest des Strohvorrats wurde rettungslos fortgeweht.
1. Dezember. Heute mußte ein Kamel getötet werden; es ist um so bitterer, jetzt von den letzten Veteranen scheiden zu müssen, da ihre Rettung so nahe ist. Wir folgen über oft sehr beschwerliche Schutterrassen treu allen Biegungen und Buchten des Ufers. Der See ist lang und schmal und gleicht einem norwegischen Fjord; beständig entrollen sich neue, bewunderungswürdige Perspektiven vor uns, die Landschaft glänzt in großartiger Schönheit, es ist ein zwischen oft jähen, stets malerisch gestalteten Felsmassen eingeschlossener Fluß. Hier und dort erhebt sich ein dominierender Schneegipfel. Einige von unseren Leuten gehen voraus, um scharfkantige Steine zu entfernen und Gruben auszufüllen. Wildenten leben hier in ungeheurer Menge; es klingt wie das Brausen eines herannahenden Sturmwindes, wenn ihre Scharen, sobald wir uns nähern, seewärts fliegen und mit solcher Wucht auf das Wasser niederschlagen, daß weißer Schaum hoch aufspritzt. Der See ist überall offen; nur in geschützten Buchten liegt hier und da ein kleines Band von zertrümmertem, vom Winde hierhergetriebenem und wieder zusammengefrorenem Eise mit dünnen, höchstens eine Nacht alten Eishäuten zwischen den Schollen.
Nun zeigt sich ein ebener Uferstreifen von weichem Erdreich, und die Berge treten zurück. Ein hier stehendes, einsames Zelt dürfte für längere Zeit aufgeschlagen sein, denn es ist mit großen Holzstapeln umzäunt. Bald darauf stehen wir an einem Felsvorsprung, der direkt in den See hinunterfällt und die erste schwere Stelle bildet, vor der man uns gewarnt hat. Wir lagerten daher unmittelbar an der Felswand, und die Kamele wurden nach der Weide zurückgeführt. Schon am Abend wurde das Gepäck von unseren Leuten über die Spitze gebracht und am folgenden Morgen die Tiere an ihr vorbeigeführt. Unterhalb der Spitze liegt ein meterbreiter Sandstreifen im Wasser. Wenn hier ein Kamel fallen sollte, so konnte es zwar in die Tiefe hinabgleiten, brauchte aber darum noch nicht verloren zu sein. An der Felsbasis haben die Uferwellen einen Eisrand gebildet, der erst weggehauen wurde; dann wurden die Maulesel, die Pferde und Kamele glücklich an der Landspitze vorbeigeführt und auf der anderen Seite in gewöhnlicher Ordnung beladen. Die Yake zogen es vor, über die gefährlichen Felsplatten zu klettern. Zwei kranke Kamele blieben auf der Weide zurück. Islam und Li Loje hatten Befehl, mit ihnen wenn irgend möglich unserer Spur zu folgen, andernfalls sollten sie sie töten.
Am Morgen unmittelbar vor Sonnenaufgang zeigte sich am gegenüberliegenden Strande im Südosten ein eigentümliches Phänomen. Der See „rauchte“; kreideweiße, dichte Wolken von Wasserdampf breiteten sich wie ein Schleier über die Wasserfläche. Entweder hat dies seinen Grund in heißen Quellen, oder es beruht darauf, daß der See mehr erwärmt ist als die Luft. Die Kälte war auf -18,3 Grad gesunken, und die Temperatur des Wassers war ein paar Grad über Null. Gleich nach Sonnenaufgang zerstreute sich der Nebel.
Die Breite des Tso-ngombo wechselt natürlich je nach der Konfiguration der ihn umgebenden Bergketten. Wo zwei gegenüberliegende Felsvorsprünge sich einander nähern, ist er am schmalsten. Auf einem steilabfallenden Geröllkegel hatten wir viel Mühe, weil die Instrumentkisten zwischen den Blöcken nicht durchkonnten, sondern abgeladen und getragen werden mußten. Die Kamele wurden einzeln geführt und von allen Leuten gestützt; gähnende Gruben waren ausgefüllt und hinderliche Felsblöcke mit vereinten Kräften in den See gewälzt worden.
Das Lager Nr. 141 schlugen wir neben einem Karawanenlager auf, das aus zwei schwarzen, mit den Schaflasten und Holzstapeln umgebenen Zelten bestand. Ich maß hier die Höhe zweier alter Uferlinien; die höhere lag 19,5 Meter, die tiefere 6,5 Meter über dem gegenwärtigen Wasserspiegel.
Am 3. Dezember wurde Tschernoff beauftragt, die Tiefen einer von mir vorher festgestellten Linie quer über den See zu loten. Die Tiefe betrug genau 30 Meter. Ich selbst ritt mit Tscherdon am Ufer, während die Karawane nach Westen weiterzog. Nun aber gebot ein 500 Meter breiter, zugefrorener Sund dem Boote Halt; hier erwartete ich Tschernoff. Man hatte uns gesagt, daß der Karawane heute ein absolut unüberwindliches Hindernis in den Weg treten werde, eine glatte, sehr steile Felswand, die jäh ins Wasser abstürze. Als wir daher jetzt den kleinen Sund zugefroren fanden, hofften wir nach dem Südufer des Sees hinübergelangen und so das Hindernis umgehen zu können. Wir gingen hinüber und schlugen Waken in das Eis, teils um seine Dicke (13,4-15,2 Zentimeter) zu messen, teils um die Tiefen zu loten (Maximaltiefe 29,36 Meter). Wir setzten unsere Untersuchungen auf dem Südufer fort, ohne auf ein Hindernis zu stoßen, aber der Sicherheit halber schickte ich Ördek weiter. Mittlerweile hatte die Karawane Halt machen müssen. Ördek hatte Befehl erhalten, ein Feuer anzuzünden, sobald er an eine Stelle gelangte, wo ein Vordringen der Kamele unmöglich war. Als wir nachher zur Karawane zurückritten, sahen wir nicht weniger als drei Feuer am Südufer, das letzte dem neuen Lager gerade gegenüber. Es blieb also nur das Nordufer. Ördek wurde mit dem Boote von Tschernoff geholt, der eine neue Lotungslinie (Maximum 29,70 Meter) machte, die zeigte, daß der See auf seiner ganzen Länge in der Mitte eine zirka 30 Meter tiefe Rinne hat.
Die unpassierbare Stelle wurde von Turdu Bai untersucht, der keine Möglichkeit sah, die Kamele mit heilen Knochen hinüberzubringen. Da aber die ganze Gegend außerordentlich reich an festem, dürrem Gesträuch und Buschholz war, beschloß ich, die schwere Passage mittelst einer durch unsere Kamelleitern und Zeltstangen zusammengehaltenen und mit Seilen umwundenen Fähre zu passieren. Sie würde stark genug sein, um ein Kamel zu befördern. Es +mußte+ gelingen, denn ich hatte keine Lust nach Bal zurückzukehren und von dort in Nain Singhs Spur nach Niagsu zu gehen. Es war doch zu ärgerlich, daß der See gerade um dieses Vorgebirge herum nicht zugefroren war. Turdu Bai erklärte, daß das Wasser offen sei.
Nachts hörte man förmlich, wie sich bei -20 Grad Eis bildete, und am nächsten Morgen waren große Flächen, die gestern noch offen gewesen, mit einer feinen Eisschicht bedeckt. So viele Leute, als sich entbehren ließen, mußten vorausgehen und Material zu der Fähre sammeln. Ein gewaltiger Stapel lag bereit, als wir am Anfang des Bergpfades anlangten. Auch hier hatte sich jetzt eine 3 Zentimeter dicke Eisbrücke über die Tiefen gespannt, und der See war querüber bis an das rechte Ufer überfroren. Sobald das Lager aufgeschlagen war, gingen Sirkin und zwei von den anderen hinauf, um sich den schwierigen Weg anzusehen. Ihre Meinungen waren geteilt, aber Sirkin war der Ansicht, daß es mit großer Vorsicht gehen müsse, die Kamele einzeln hinüberzubringen. Ich mußte mich selbst überzeugen und fand den Pfad einfach lebensgefährlich. Der schwarze Schiefer fällt hier mit glatten Platten 43 Grad steil nach Westsüdwest zum See ab. Ein Riß in der Bergwand gibt aber eine Stütze für die Schieferplatten, die hier hingelegt worden sind, damit die Tiere nicht abrutschen. Auf der äußeren Seite wurden diese Platten von oft 2 Meter hohen Stämmen und Säulen gestützt, die mir jedoch nicht danach aussahen, das Gewicht eines Kamels tragen zu können. Manchmal geht es im Zickzack halsbrecherische Stufen hinab. Vielleicht hätten einige unserer müden Kamele dieses Akrobatenstück fertig gebracht, die meisten aber wären sicherlich vom Schwindel ergriffen worden und in den Abgrund gestürzt.
Nein, entweder mußten wir eine Fähre bauen und das dünne Eis aufbrechen, oder wir mußten warten, bis das Eis uns trug. Da wir noch um 1 Uhr -4,5 Grad hatten, hoffte ich auf den letzteren Ausweg. Um 6 Uhr war das Eis schon 5,2 Zentimeter dick. Die Kosaken bauten einen improvisierten Schlitten aus Kamelleitern, Zeltstangen, Holz und Tauen und bedeckten das Ganze mit Filzdecken. Es war Schagdurs kluger Vorschlag, die Kamele auf dieser Vorrichtung an dem Felsen vorbeizuziehen, wenn das Eis nicht stark genug sein sollte, daß sie darauf gehen könnten.
Der Sturm heulte an den Wänden und durch die Büsche und sauste wie in einem nordischen Walde. Das Eis nahm an Stärke zu; auf einer Stelle, die man vormittags nur mit großer Vorsicht hatte passieren können, standen jetzt drei Mann nebeneinander. Jetzt sollte auch die Fähre probiert werden. Sie wurde mit so vielen Männern, als dem Gewichte eines Kamels entsprachen, belastet und von einigen um das Vorgebirge herumgezogen (Abb. 306). Sobald es anfing zu knacken, sprang der Lama ab, dann ich, darauf Tokta Ahun, je nachdem das Eis schwächer wurde. Jeder neue Deserteur rief unter den sitzenbleibenden Helden die größte Heiterkeit hervor. Das Eis ist kristallhell, ohne eine Blase. Man scheint über einer stillen Wasserfläche zu schweben, und durch die Eisdecke sieht man Fische zwischen den Wasserpflanzen hin und her huschen. Manchmal klingt es, als würden auf dem Eise Schüsse abgefeuert, und man glaubt, die Kugeln pfeifen und den immer schwächer werdenden, ersterbenden Schall in der Ferne verhallen zu hören.
Wir mußten noch den folgenden Tag warten, um dem Eise Zeit zum Stärkerwerden zu lassen. Mit großem Interesse wurde das Thermometer beobachtet. Nachts zeigte es -19,1 Grad, am 5. morgens um 7 Uhr -11,1 Grad, um 1 Uhr -5,1 Grad, um 9 Uhr -8,9 Grad und in der nächsten Nacht -20,9 Grad. Ich stand eine Stunde vor Sonnenaufgang auf, um eine astronomische Ortsbestimmung zu machen. Sodann wurde unser ganzes Gepäck, außer meinen Sachen und der Küche, auf dem Schlitten nach dem jenseits des hinderlichen Vorgebirges liegenden Ufer gebracht (Abb. 307). Das Eis war 2 Zentimeter dicker geworden. Auch die Tibeter siedelten dorthin über, zogen jedoch den gefährlichen Felsenpfad vor, wo sie indessen die Yake vorsichtig treiben mußten, damit diese einander nicht in den Abgrund drängten. Diese Tiere gehen mit unglaublicher Sicherheit; sie können wohl ausgleiten, verlieren aber nie den Boden unter den Füßen (Abb. 308).
Währenddessen lotete Tschernoff im See, und mit Benutzung seiner Waken maß ich nachher die in verschiedenen Tiefen herrschenden Temperaturen. Die Untersuchung ergab, daß in der Nähe des Südufers warme Quellen vom Seegrunde aufsteigen müssen. Die größte Tiefe war 21,55 Meter. Die Exkursion wurde in einer Boothälfte gemacht, die Ördek und Chodai Kullu zogen. Letzterer brach schließlich ein, hielt sich aber noch im letzten Augenblick am Bootrande fest.
Noch ein Kamel blieb am 6. Dezember am Ufer des „Blauen Sees“ liegen. Wir hatten jetzt nur noch zehn. Alle Muselmänner müssen zu Fuß gehen, aber die Tagemärsche sind auch nur kurz.
Auf dem Eise um das hinderliche Vorgebirge herum wurden 28 Säcke Sand ausgestreut, um für die Kamele einen Fußweg zu bilden. Ihre Überführung fand vor Sonnenaufgang statt, damit nicht unter der Einwirkung der Sonne das jetzt 9,9 Zentimeter dicke Eis schwächer würde. Alles ging glücklich, nur aus einigen Rissen quoll Wasser heraus. Das zurückgebliebene Gepäck wurde auf den Schlitten genommen; dann zogen wir nach Westen weiter, um gefährliche Landspitzen herum, über kleine Flugsandfelder hinweg und an regelmäßig abgerundeten Buchten entlang. Ich ging den ganzen Tag zu Fuß, denn mein Pferd war jetzt auch schwach geworden. Der See ist hier vollständig eisfrei; er friert augenscheinlich von Osten nach Westen zu (Abb. 309).
Jetzt verschmälerte sich der Tso-ngombo wieder und ging schließlich in den Fluß +Adschi-tsonjak+ über, der das süße Wasser des ersteren dem salzigen Panggong-tso zuführt. Wir lagerten am Anfange des Flusses, und zwar auf seinem rechten, nördlichen Ufer. Wir hatten den großen, außerordentlich fesselnden See mit seinen hinreißenden Perspektiven hinter uns. Besonders an windstillen Tagen und Abenden bietet die großartige Natur mit ihren gigantischen Dimensionen und ihrer vollendeten, fast märchenhaften Schönheit ein unvergeßliches Schauspiel. Die steilen Felsen treten wie Kulissen aus dem Ufer heraus, und die gewaltigen Berggestalten spiegeln sich in der blanken Wasserfläche oder dem ebenso reinen, blendenden, glitzernden Eise.
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Vom Panggong-tso nach Leh.
Dem Lager Nr. 144, das gerade hundert Tagereisen vom großen Hauptquartier lag, fehlte es ebenfalls nicht an Bedeutung. Hier sollten wir, wie man uns gesagt hatte, neue Yake aus Ladak bekommen; da diese aber noch nicht da waren und die Tibeter nach Hause zurückkehren wollten, mußten wir aufpassen, daß sie uns nicht durchbrannten. Drei Rasttage zwischen den beiden Seen sollten den Kamelen wohltun und auch meinen Arbeiten förderlich sein.
Am 7. Dezember tobte ein grauenhafter Sturm, und Wolken von Sand regneten auf uns herab. Tschernoff, der den westlichen Teil des Sees auf vier Linien lotete (Maximaltiefe 31,76 Meter), konnte sich kaum ans Land retten. Am 9. sollten wir aufbrechen, aber es stellte sich heraus, daß alle Yake durchgebrannt waren und ein neuer Sturm alle ihre Spuren im Sande verwischt hatte. Nach vielem Suchen fanden wir sie schließlich wieder, doch erst, als der Tag zur Neige ging. Ihr Führer, Loppsen, erklärte sich bereit, mit uns längs des Nordufers des +Panggong-tso+ weiterzuziehen und bei uns zu bleiben, bis wir aus Ladak Entsatz erhielten. Es war hohe Zeit, daß wir Verstärkung bekamen; unsere Vorräte an Reis, Mehl und Talkan waren seit mehreren Tagen zu Ende, und wir lebten ausschließlich von Fleisch. In einem benachbarten Zeltdorfe erstanden wir sieben Schafe. Dort waren einige Hunde, mit denen sich Jolldasch sehr anfreundete. Daß er Prügel bekam, wenn er auskniff, machte ihm jetzt keinen Eindruck mehr; wenn er nicht fortlaufen sollte, mußte er angebunden werden. Bei dem Lager wurde die höchste noch sichtbare Terrasse gemessen; sie lag 54 Meter über dem Flusse! Die beiden Seen haben einstmals entschieden zusammengehangen und befinden sich, gleich allen anderen Seen Tibets, im Zustande der Austrocknung.
Am 10. Dezember zog die Karawane am nördlichen Ufer des Panggong-tso weiter, während ich mit Ördek den Flußarm hinabruderte. Die Temperatur war auf -25,7 Grad heruntergegangen; es mußte an warmen Quellen liegen, daß das Wasser nicht gefroren war. Der Fluß erweitert sich nach unten; in einer Biegung lag eine Nacht altes Eis, dünn wie Papier, aber trotzdem hinderlich für das Boot. Weiter abwärts war der Eisgürtel so stark, daß er, als wir ihn zur Abkürzung des Weges benutzten, sowohl uns wie das Boot trug. Doch schließlich legte uns das Eis ein unüberwindliches Hindernis in den Weg; wir schleppten das Boot nach der weiten trompetenförmigen Mündung, die an den Ausfluß des Satschu-sangpo in den Selling-tso erinnert. Hier erwartete man uns mit einem Kamele, auf welches das Boot geladen wurde.
Wir begaben uns nach dem Gebirge im Norden, das aus grünem Schiefer besteht und an dessen Basis mehrere Quellen entspringen. Der See liegt offen vor uns, nur in ruhigen Buchten schaukelt auf der Dünung eine dünne Eisschicht. Die Gestalt des Ufers ist genau dieselbe wie beim Tso-ngombo; es ist noch immer dasselbe Längental, in dem wir ziehen, und wir marschieren immer noch auf derselben absoluten Höhe, oder, wie das langsame Strömen des Flusses zeigt, nur eine Kleinigkeit tiefer. Dieselben Bergarme laufen in Vorgebirge aus, und zwischen diesen liegen dieselben kleinen, dreieckigen oder halbmondförmigen Talflächen, auf denen die Buschvegetation immer mehr abnimmt. Überall, wo Schuttkegel steil in den See fallen, sind die aus dem Wasser schauenden Steine mit einer Kruste von weißem, blasigem Eise überzogen. Der See ist aufgeregt, die Wogen schlagen gegen das Ufer, und das Spritzwasser gefriert sofort auf den vom Nachtfrost durchkälteten Steinblöcken. Auf einer flachen Halbinsel namens +Siriap+, wo das Gebüsch noch in Menge wuchs, fanden wir die Unsrigen im besten Wohlsein vor (Abb. 310).
11. Dezember. Das Wetter war heute so schön und windstill, daß ich meinen beiden besten Seeleuten, Tschernoff und Ördek, den Auftrag geben konnte, über den Panggong-tso nach einem Vorgebirge im Südwesten zu rudern, um die Tiefen zu messen. Sie nahmen für den Fall, daß sie das nächste Lager vor Eintritt der Dunkelheit nicht mehr erreichten, Proviant für einen Tag mit. Wir zogen längs dieser eigentümlichen, girlandenförmigen Uferlinie, welche die Länge des Weges beinahe verdoppelt, nach Westen weiter. Bei jedem Ausläufer von dem Hauptkamme der nördlichen Kette entsteht eine in den See vorspringende Halbinsel oder ein Vorgebirge. Auf der Ostseite gehen wir nach Süden, auf der Westseite nach Norden, ja, manchmal müssen wir sogar nach Nordost und Südost marschieren. Einige Stellen sind für die Kamele sehr beschwerlich und müssen erst mit Spaten und Brechstangen bearbeitet werden. An einer Stelle ist der Weg auf der Uferterrasse so schmal, daß nur Schafe dort durchkommen können; glücklicherweise war der See hier nicht zu tief, so daß die Kamele im Wasser gehen konnten.