Im Herzen von Asien. Zweiter Band.
Part 37
Der Fluß +Ombo-sangpo+ war ganz zugefroren, aber das Eis hielt nicht; nachdem einige von den Pferden und Yaken der Tibeter auf der Eisdecke ausgeglitten und gestolpert waren, brachen die übrigen ein, und es mußte ein Kanal für die Kamele ausgehauen werden.
Die Nacht im Lager Nr. 108 war sternenklar und windstill (-15,4 Grad). Sogar Sterne fünfter Größe waren am Horizont noch deutlich erkennbar, während diejenigen erster Größe wie Fackeln glänzten. Manchmal hört man die vermutlich hungernden und frierenden Wölfe heulen.
Am Morgen des 3. November stellte es sich heraus, daß alle Kamele bis auf zwei nach den üppigen Weiden des Perutse-tso zurückgekehrt waren; ihr Einfangen verursachte großen Zeitverlust. Sodann zogen wir nach Westen über sehr deutliche, schöne Uferterrassen, welche die frühere Ausdehnung des Sees +Luma-ring-tso+ zeigen. Über umfangreiche Salzfelder erreichen wir endlich den See, einen unbedeutenden kleinen Salztümpel, dessen Nordufer wir folgen. Hinter einer schmalen Landenge taucht noch ein See auf, der +Tsolla-ring-tso+ (Abb. 293), an dessen Ufer wir lagern. Im allgemeinen sind die Ufer sumpfig (Abb. 294) und selbst bei der jetzt herrschenden Kälte tückisch. Der Luma-ring-tso ist auf Nain Singhs Karte ganz verkehrt gezeichnet; letzterer gibt ihm eine Länge von 55 Kilometer statt der tatsächlichen 5½, aber er hat den See nicht gesehen, denn sein Weg liegt weit nördlich davon, und es ist nicht wahrscheinlich, daß der Luma-ring-tso seit 1873, in welchem Jahr der berühmte Pundit seine denkwürdige, verdienstvolle Reise machte, so bedeutend eingeschrumpft ist. Auf dem gefährlichen Sumpfufer wurden die Kamele nachts angebunden. Ein paar Pferde sanken nachts ein, und als wir sie am Morgen mit knapper Not wieder herausgezogen hatten, sahen sie wie Lehmstatuen aus. Trotz der ihnen neulich vergönnten Ruhetage stand es mit vielen von den letzten Pferden schlecht. Der Schimmel, der den Marsch gegen Lhasa mitgemacht hatte und der am 19. August schon aufgegeben gewesen war, aber trotzdem bis jetzt ausgehalten hatte, stürzte heute. Ich wollte ihn gerade töten lassen, als der tibetische Häuptling herbeieilte und ihn sich, so wie er war, ausbat, wozu ich gern meine Zustimmung gab.
Wir wußten, daß wir heute die Grenze von Rudok erreichen würden. Am Westende des Sees standen bereits 7 Zelte, und eine Menge Leute war dort zu sehen. Ein dreister alter Mann kündigte uns an, daß wir hierzubleiben hätten. In einem benachbarten Tale sei das Gras gut, und dort weideten auch ihre eigenen Pferde und Yake. Wir lagerten in der Nähe der Tibeter, und der Lama begab sich sofort zu ihnen, um Erkundigungen einzuziehen. Als er zurückkam, war er ganz aufgeregt; der Gouverneur von Rudok war ein rechter Grobian gewesen und hatte erklärt, daß er uns ohne Paß vom Dalai-Lama nimmermehr durch sein Gebiet ziehen lassen werde. Ich schickte zu diesem Bombo, der beim Dewaschung besonders gut angeschrieben sein soll und Oberaufseher des Tschokk-dschalung war, wo er im Sommer residierte; im Winter wohnte er in der Stadt Rudok. Tschokk-dschalung ist ein Goldfeld, das einige Tagereisen südwestlich der Gegend liegt, in der wir uns befanden. Im Winter sollen sich dort nur einige zwanzig Menschen aufhalten, im Sommer aber 300 und darüber, die von allen Seiten, sogar von Lhasa, dorthinkommen, um Gold zu suchen. Tschokk-dschalung gilt für den höchstgelegenen ständig bewohnten Ort der Erde.
Mit großem Gefolge und arroganter Sicherheit in seinem Auftreten kam er in seinem schönsten Paradeanzug, sobald er meine Aufforderung erhalten hatte; ich bat ihn, auf einer Filzmatte vor meinem Zelte Platz zu nehmen. Ich selbst blieb drinnen neben meinem Kohlenbecken sitzen. Der Bombo schien zuerst unschlüssig, wie er sich zu der zweideutigen Artigkeit verhalten sollte, setzte sich aber schließlich doch und forderte mir den Paß vom Dalai-Lama ab. Ich antwortete ihm, daß wir diesen Herrn nie gesehen hätten und folglich auch keinen Paß von ihm haben könnten.
„Ich habe nichts von euch gehört“, entgegnete er, „weiß nicht, wer ihr seid, habe kein Schreiben aus Lhasa erhalten, bin nie beauftragt worden, euch mit Yaken zu versorgen, aber ich weiß, daß es Europäern ein für allemal verboten ist, durch Rudok zu reisen.“
„Wenn ihr ein hoher Beamter seid, müßt ihr wissen, daß ihr verpflichtet seid, uns für die Reise nach Ladak zur Verfügung zu stehen.“
„Verdächtigen Personen gegenüber, die keinen Paß haben, bin ich zu gar nichts verpflichtet; doch wenn ihr wollt, werde ich nach Lhasa schreiben, und ihr müßt hier 2½ Monate warten, bis die Antwort da ist.“
„Das paßt uns außerordentlich gut“, erwiderte ich, „unsere Tiere sind erschöpft und bedürfen der Ruhe. Schreibt nur nach Lhasa, wir haben Zeit zu warten.“
„Gut, ihr begreift, daß ich den Kopf verliere, wenn ich euch durch meine Provinz ziehen lasse.“
Er war außerordentlich bestimmt, ruhig und würdevoll in seinem Auftreten, obgleich etwas unverschämt, wenn man ihn mit unseren Freunden in der Nähe von Lhasa vergleicht. Die Kosaken waren so außer sich, daß sie vor Wut schäumten, -- fast alle sehnten sich jetzt nach Hause oder wenigstens von diesen kalten winterlichen Bergen fort. Ich beruhigte jedoch ihre aufgeregten Gemüter, denn ich sah nur zu wohl ein, daß ich nicht das geringste Recht hatte, Rudok den Fehdehandschuh hinzuwerfen. Es waren schon wieder über hundert gut bewaffnete Krieger versammelt. Der Zustand unserer Karawane erlaubte auch keine Umgehung der Provinz auf einem nördlichen Wege, und mir war dies auch ganz lieb, da ich nicht Nain Singhs, Bowers und Deasys Routen oder die noch nördlicher liegenden Wege Malcolms und Wellbys berühren wollte. Ebensowenig hatte ich Lust, den größeren Teil des Gepäckes, der Zelte, des Proviants und das Boot zu verbrennen, wie Captain Deasy es einmal in einer schwierigen Lage tun mußte.
Dagegen sprach mich die Wartezeit von zweieinhalb Monaten sehr an. Ich war müde und matt von Arbeit und Weststürmen und bedurfte der Ruhe. Ich hielt mit den Kosaken Kriegsrat und entwarf einen ganzen Überwinterungsplan. Wir wollten nach ein paar Tagen nach den üppigeren Weiden des Perutse-tso zurückkehren und dort ein befestigtes Lager anlegen. Mir würde es in der interessanten Gegend nicht an Beschäftigung fehlen, und meine Leute sollten sich im Anfang die Zeit damit vertreiben, daß sie aus Erdschollen eine hohe Mauer rings um das Zeltlager und das Gepäck errichteten. Von demselben Material wollten wir einen Aussichtsturm bauen, und die Festung sollte mit einem Graben umgeben werden. Nachher wollten wir ruhen, jagen, Ausflüge machen, unsere Tiere pflegen, um im Frühling direkt nach Süden zu ziehen. Ich segnete den Bombo, der mich zu einer neuen Kraftanstrengung in Tibet beinahe zwang, obwohl ich im Grunde von diesem schwer zugänglichen Lande mehr als genug hatte.
Am folgenden Morgen kündigte ich dem Gouverneur an, daß wir wieder ostwärts ziehen würden; er hatte nichts dagegen einzuwenden. Doch der Tadschinurmann erklärte, er habe Befehl, uns bis an die Grenze von Rudok zu bringen, aber nicht, uns wieder zurückzuführen. Die Sache würde sich jedoch leicht arrangieren lassen; waren wir erst am Perutse-tso angelangt, so konnten wir sowohl die Yake wie die Pferde mit Beschlag belegen und die Männer gefangenhalten. Mit frischen Pferden würden wir leicht und bequem operieren können.
Der Bombo kam jedoch auf andere Gedanken und teilte uns mit, daß er uns Yake und Proviant besorgen werde, wenn wir versprächen, nicht nach der Stadt Rudok zu gehen, was zu tun gar nicht in meiner Absicht lag, da Littledale diesen südlicheren Weg gegangen war.
So wurde der ganze Festungsplan hinfällig, und wir durften uns dem Ende unserer Mühsale wieder nähern.
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Der Tso-ngombo.
Nachdem alles Entbehrliche ausgesondert worden und den Tibetern geschenkt war, zogen wir am 6. November nördlich um einen Paß (4858 Meter) herum, auf dessen anderer Seite uns Quellen und Weiden zum Lagern einluden. Das kleine Kamelfüllen, unser aller Liebling, schwand seit dem Tode der Mutter hin, kam aber doch bis ins Lager mit, wo es sich an Brot und Teig sattfressen und Milch trinken durfte. Es wurde nachts gut eingewickelt neben das Feuer gelegt und marschierte den ganzen Tag gut.
Am 7. war das Wetter herrlich, und der ewige Wind war in seiner Höhle im fernen Westen geblieben. Statt seiner bereiteten uns die Tibeter Verdruß und schalten den Lama einen Heidenhund, der mit „solchen Russen“ umherstreife. Der Lama war so erbittert, daß er sie rechts und links mit der Peitsche traktierte, und ich ließ ihnen sagen, daß wir sie, wenn sie sich noch einmal mausig machten, auf die Kamele binden würden, bis sie seekrank und höflich würden (Abb. 295).
Den ganzen Tag sahen wir keinen Tropfen Wasser, keine Menschen, höchstens Spuren von alten Lagerplätzen. Endlich erreichten wir jedoch die Quelle +Tsebu+, wo wir Halt machten. Tiefes Schweigen herrschte in dieser Nacht, und die Luft war so ruhig, daß man einen schwach siedenden Laut von der Nachtkälte, die sich in der Erde festbohrt, zu vernehmen glaubte. Nur einige Wölfe störten mit ihrem langgezogenen, melancholischen Klagegeheul den Frieden. Die Tritte der Nachtwache hallten auf dem steinharten Erdboden wieder.
Während der nächsten beiden Tage ritten wir an dem See vorbei, an dessen Ufern sich überall Gänse und Enten aufhielten, über einen kleineren Paß nach dem tief in das Geröllbett eingeschnittenen Flusse +Rawur-sangpo+, der von Quellen gespeist wird und in dem großen Längentale, das wir jetzt vor uns hatten, verschwindet. Unser Anführer erzählte, daß beim Aru-tso, der zirka vier Tagereisen nach Norden liegt und von Bowers Reise her bekannt ist, Räuber aus Amdo, Nakktschu und Nakktsong umherzustreifen pflegten. Eine Bande von fünf Personen sei im vorigen Jahre am Rawur-sangpo ergriffen und auf Befehl des Gouverneurs von Rudok getötet worden. Andere Bewohner gebe es in jener Richtung nicht. Der Berichterstatter war ein lustiger alter Herr, der singend neben mir zu reiten pflegte und oft zum großen Vergnügen der Unsrigen das Gurgeln der Kamele nachahmte.
10. November. Das Thermometer zeigt -26,5 Grad. Man wacht bisweilen auf, deckt sich fester zu und rollt sich wieder wie ein Knäuel zusammen. Ich pflege nachts einen eisernen Becher mit Tee neben mir stehen zu haben, kann ihn aber jetzt nicht benutzen, denn der Inhalt ist bis auf den Grund gefroren. Das Tintenfaß muß jedesmal, wenn es gebraucht werden soll, erst am Feuer aufgetaut werden.
32,2 Kilometer! Das war eine Kraftprobe, die wir sehr lange nicht fertig gebracht haben! Schon nach 10 Kilometern wollten die Tibeter rasten, weil wir gerade neue Leute und neue Yake trafen; man kann es ihnen nicht verdenken, daß sie möglichst schnell nach ihren warmen Zelten zurückkehren wollten -- sie trugen ja keine Hosen! Doch wir ritten weiter, indem wir Tscherdon, drei Muselmänner und alle Tibeter bis auf vier zur Bedeckung der Yakkarawane zurückließen. Wir durchschritten ein ebenes Tal; der Tag verging, es dämmerte und wurde dunkel; Wasser sahen wir nicht. Schließlich begegnete uns Schagdur, der zum Rekognoszieren vorausgeritten war, mit einem kleinen Sacke voller Eisstücke. Er hatte einen zugefrorenen Bach gefunden, nach welchem wir uns jetzt begaben. Am 12. ritten wir an einem kleinen, mit dickem Eise bedeckten See vorbei, an dessen westlichem Ende die Tibeter ihre Zelte aufschlugen, weil nach Westen hin zwei Tagereisen weit kein Wasser zu finden sei. Wir füllten daher vier Säcke mit klarem Eise und zogen dann trotz ihrer lebhaften Proteste weiter. An einer Bergreihe einige Kilometer nördlich vom See zeigten sich einige Pferde und ihre Besitzer, die sich in einer Schlucht versteckten, als wir am Ufer vorbeizogen. Die Tibeter behaupteten, es seien Räuber, und rieten uns, auf sie zu schießen. Eine Weile darauf sahen wir zwei von ihnen an einem Feuer sitzen; es waren friedfertige, gutmütige Yakjäger, die eine Orongoantilope geschossen hatten. Eine Stunde, nachdem wir das Lager aufgeschlagen hatten, kam die Yakkarawane mit ihrem pfeifenden und singenden Gefolge nebst Schagdur, der in lebhafter, scherzender Unterhaltung mit den Tibetern war. In überraschend kurzer Zeit hatte dieser tüchtige Kosak ziemlich fließend tibetisch sprechen gelernt. Als wir am Tage darauf am Ufer eines laut rauschenden Flusses lagerten, hatten wir richtig zwei Tage lang kein Wasser gesehen. Oft genug hätten wir ohne die Anweisungen der Tibeter hinsichtlich dieses unentbehrlichen Stoffes in Verlegenheit geraten können.
Während der Nacht knackte es angenehm im Eisrande, und der rieselnde Ton des Wassers war für unsere Ohren ein nachgerade ungewohntes Geräusch. Welch ein Unterschied gegen die Gegend um Lhasa während der Regenzeit; dort waren wir eigentlich immerfort durch Sümpfe geritten, hier mußte man erst lange nach Wasser suchen.
Nachdem wir am 14. den +Raga-sangpo+ hinaufgeritten waren und ihn schließlich linker Hand hatten liegen lassen, wollten die Tibeter wie gewöhnlich nach einem kurzen Tagemarsch Halt machen; es würde ihnen den Kopf kosten, wenn sie weiter gingen, als ihnen befohlen sei, und hier sollten neue Yake anlangen. Ich ließ die Kosaken die Yakkarawane übernehmen und die Tiere mit uns nach dem heutigen Lagerplatze, der in einer Talmündung lag, treiben. Die Männer kamen ganz artig mit und schlugen ihre Zelte in unserer Nähe auf. In der Gegend lagerten Nomaden, und während der zwei Ruhetage, die wir uns hier gönnten, hatten wir Gelegenheit, unseren Proviant durch Schafe und Milch zu verstärken.
Am 17. ging es nach Nordwesten in dem Tale aufwärts; es verengte sich zu einem schmalen, malerischen Gange und führte schließlich auf einen Paß mit einem gefrorenen Tümpel (Abb. 296). Schon um 9 Uhr hatten wir im Lager Nr. 129 -18,6 Grad und nachts -24,4 Grad. Es war bitterkalt und unwirtlich in diesem öden Gebirge!
Das kleine Kameljunge erreichte das Lager Nr. 130 (5060 Meter) nicht mehr, es brach unterwegs zusammen und mußte getötet werden. Seit seine Mutter gestorben war, gedieh es nicht mehr; es fehlte uns allen. Zu den widerstandsfähigsten Tieren gehören die beiden Schafe. Wanka, der Leithammel, der uns seit mehr als zwei Jahren begleitet, und ein weißes Schaf aus Abdall. Niemand wäre imstande, sie zu schlachten; die Muselmänner, die sie als Reisegefährten betrachten, würden, glaube ich, lieber verhungern.
Bei dem Lager +Jam-garawo+ wuchsen vortreffliche, dürre Jappkakpflanzen, die uns bei der Kälte sehr willkommen waren. In der Nacht ging die Temperatur auf -26,5 Grad herunter! Am meisten sind die Nachtwachen, welche die weidenden Tiere bewachen, zu bedauern; ihre Pelze genügen bei solcher Kälte nicht. Hier konnte man wenigstens die ganze Nacht ein Feuer im Freien unterhalten. Während des ganzen Tags weht ein mörderischer Wind, der durch Mark und Bein dringt, denn -4 Grad ist die größte Wärme. Man muß unbedingt dann und wann eine Strecke zu Fuß gehen, obgleich Herz und Lungen dieser Anstrengung nur gewachsen sind, wenn es bergab geht. Ein Pferd blieb im Lager zurück, die übrigen leisten jetzt nichts mehr und sind nur eine Last, aber man hofft immer noch, sie retten zu können.
Welch ein Gewirr von Bergen! Im Süden haben wir noch immer die mächtige Kette, die uns vom Nakktsong-tso an treu begleitet und uns die Aussicht auf das verbotene Land der heiligen Bücher versperrt hat. Ringsumher breitet sich eine Welt von großartigen Bergketten aus, große Schneefelder sind aber ziemlich selten, und vom Himmel fällt nicht eine einzige Flocke. Wir sehnen uns förmlich nach einem ehrlichen Schneefall; wir sind des ewigen Windes und des beständig klaren Himmels gründlich überdrüssig. Wir hatten bis Leh noch 400 Kilometer. Alle sehnten sich dorthin, besonders ich, denn ich hoffte, noch vor Weihnachten ein Telegramm nach Stockholm senden zu können.
In der Nacht auf den 21. November sank die Kälte auf -28,2 Grad. Wir marschierten 28,1 Kilometer nach einer Gegend, die reich an herrlichem Brennmaterial, aber wasserlos war. Daher mußte mit Yaken aus einiger Entfernung Eis geholt werden, das über dem Feuer geschmolzen wurde. In der Nacht heulten ein Dutzend Wölfe um unser Lager Nr. 133 (Abb. 297), und die Hunde stimmten mit ein; es war ein ohrenzerreißendes Konzert.
23. November. Wieder blieb ein Kamel liegen; nur 13 sind noch übrig, ein Drittel der Zahl, die wir aus Tscharchlik mitnahmen. Es war einer der Veteranen von Kaschgar und hatte mich durch die Tschertschenwüste und beide Male nach Altimisch-bulak begleitet. Unser Weg läuft zwischen Nain Sings und Bowers Routen. Bei +Tsangar-schar+ öffnet sich das Tal, dem wir gefolgt sind; an mehreren Stellen erblicken wir Zelte und Herden, und eine neue Eskorte und neue Yake sollten uns von hier weitergeleiten. Der Anführer war ein alter braver Mann. Er versprach uns nach dem Panggong-tso und dann an dessen Nordufer entlangzuführen, und ich stellte ihm einen Revolver in Aussicht, wenn er möglichst wenig lüge.
„Ich bin ein viel zu alter Mann, um zu lügen“, sagte er.
Die folgenden Tage zogen wir an dem fischreichen +Tsangar-schar-Flusse+ abwärts. Schagdur und Tschernoff zeichneten sich besonders beim Fischfang aus und überraschten mich alle Augenblicke mit ganzen Bündeln von großen, prachtvollen, steinhart gefrorenen Fischen. Das Tal ist anfänglich ziemlich offen (Abb. 298), verengt sich aber allmählich zwischen malerischen Felsen und mächtigen Geröllterrassen (Abb. 299, 301). Der Fluß ist meistens mit dickem Eise bedeckt. An einer Stelle erweitert er sich zu einem See, der das Tal füllt und nur auf der Nordseite einen Uferstreifen freiläßt, der für die Kamele gerade breit genug ist. Gleich unterhalb des Sees war der Fluß wieder eisfrei. Hier rasteten wir am 26. November in einer an prächtiger Strauchvegetation reichen Gegend; andere Weide als die dürren Zweige gab es nicht. Mein Zelt stand unmittelbar an dem rauschenden Strome; ich liebe es, dem klangvollen, munteren Rauschen des fließenden Wassers zu lauschen.
Ein schönes Bild bot sich uns am Abend gerade im Süden dar, wo der hoch und klar am Himmel stehende Mond den mächtigen Bergast beleuchtete, dessen Einzelheiten wir bei Tage infolge blendenden Sonnenscheins und intensiver Schatten nur undeutlich hatten unterscheiden können. Jetzt glänzten seine kleinen, unten spitz zulaufenden dreieckigen Schneefelder kreideweiß, und das kühne, imposante Relief der Felsen trat klar und scharf hervor.
Eines von Kamba Bombos Pferden war so ungeschickt, in den Fluß zu stürzen, und konnte nur mit Mühe wieder herausgezogen werden. Ich ließ es an einem großen Feuer trocknen und dann in Decken wickeln, aber ein paar Stunden darauf lag es tot am Feuer.
Am folgenden Morgen wurde mir gemeldet, Li Lojes Pferd sei über Nacht gestorben. Steinhart und angeschwollen lag es zwischen den Zelten. Wir hatten geglaubt, daß, wenn überhaupt eines der Pferde Leh erreichen würde, es dieses sei, obgleich sein Besitzer, wie er mir jetzt im Vertrauen mitteilte, es nicht bezahlt hatte. Nun ging es wieder weiter, immerfort flußabwärts. Unweit des nächsten Lagerplatzes stürzte Turdu Bais alter Rappe; eine gelbe Flüssigkeit strömte ihm aus den Nüstern, und nach einer Weile war er tot. Während des Marsches verschied auch das letzte unserer tibetischen Pferde, ohne daß es totgestochen zu werden brauchte. Vier Pferde auf einmal! Jetzt ist sowohl von allen unseren Tscharchlikpferden wie auch von denjenigen, die wir unterwegs geschenkt erhalten oder gekauft haben, nur ein einziges übrig, der große Schimmel, den ich noch reite.
Es ist eine recht ernste Sache, eine große Karawane in Tibet zusammenzuhalten; es ist nicht ganz so leicht, wie man glaubt, in diesem Lande zu reisen, und ein Vergnügen ist es auch nicht. Man erkauft die Tage und Meilen mit dem Leben von Menschen, Pferden und Kamelen, und es hat auch eine symbolische Bedeutung, daß der zurückgelegte Weg auf der Karte rot punktiert ist: er hat Blut gekostet. Wie viele Tränen und Blutströme hatte dieser karge Boden aufgesogen, und wie viele Seufzer und Jammerrufe waren von unserer Karawane ausgestoßen worden, ohne von diesen kalten, kahlen Felswänden ein Echo als Antwort zu erhalten. Ein rotes Kreuz an jedem Punkte, wo in unserer Karawane ein Leben erloschen war, würde zum Verfolgen unserer Wanderung durch Asien genügen.
Ihr, die ihr mit eurer großen Weisheit und eurem unerprobten Mute -- jenem Mute, der vor dem Kaminfeuer in einem zugfreien, warmen Zimmer glänzt -- eine solche Reise und ihre Resultate beurteilt, ihr mögt es selbst einmal versuchen! Ihr braucht dazu gar nicht erst nach Tibet zu gehen; nein, geht nur im Winter bei eurem eigenen Gute einige Meilen auf ungebahnten Wegen, schlaft bei 30 Grad Kälte in einem erbärmlichen Zelte und hört dabei die Wölfe in der Wildnis um euch herum heulen. Das ist freilich noch nicht dasselbe wie Tibet und ein Leben, wie ich es zweieinhalb Jahre geführt habe, aber ihr werdet auch dadurch schon vorsichtiger in eurem Urteil werden. Ich gehe lieber zehnmal durch die Gobiwüste als einmal zur Winterszeit durch Tibet. Man kann sich keinen Begriff davon machen, was dies kostet; es ist eine wahre „~via dolorosa~“!
Im Vergleich mit diesen großen Schwierigkeiten sind die kleinen Ärgernisse, die in einer aus so verschiedenen Elementen zusammengesetzten Karawane nicht ausbleiben können, reine Bagatellen. Daß Muselmänner, Tibeter, Mongolen, Burjaten und Christen während einer so langen Zeit stets in schönster Eintracht leben, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Hier geschah es zum Beispiel, daß Li Loje und Ördek in einer Nacht, als sie die Wache hatten, in das Zelt der Tibeter gegangen waren, um dort Opium zu rauchen. Am Morgen beschwerten sich die Tibeter, daß ihnen nach dem Fortgehen der beiden eine Stange Opium im Werte von 10 Liang gefehlt habe und Ördek und Li Loje sie ihnen gestohlen hätten. Der Lama sträubte sich lange, mich mit dieser Klatscherei zu belästigen, tat es aber schließlich, da ihm keine Ruhe gelassen wurde. Ich ließ die Kleider und Sachen der beiden Verdächtigten sofort von Tschernoff und Schagdur untersuchen, aber Opium fand sich bei ihnen nicht, und die Kläger wurden als Lügner zur Tür hinausgeworfen. Nun aber waren Ördek und Li Loje wütend auf den Lama, der ihrer Meinung nach geklatscht hatte, und wollten sich an ihm rächen. Dies geschah dadurch, daß sie Sirkin einredeten, der Lama habe sie dazu bestechen und überreden wollen, mir vorzulügen, daß Sirkin durch Mißhandlungen Kalpets Tod hervorgerufen habe. Sirkin war über diese ungerechte Beschuldigung ganz außer sich und teilte mir sofort mit, was er gehört hatte. Eine solche verwickelte Geschichte mit Ruhe und Selbstbeherrschung zu untersuchen und dann das Urteil zu fällen, wenn einem in der Morgenkälte die Zähne klappern, ist weder leicht noch angenehm. In den meisten Fällen ist natürlich einer unzufrieden. Jetzt, da alles glücklich überstanden ist, wundere ich mich beinahe selbst darüber, daß es mir gelang, alle diese Schwierigkeiten zu besiegen und die Trümmer der Karawane wie nach einem großen Siege aus dem Lande unserer Sorgen herauszuführen und in die Gegenden zu bringen, deren Gewässer nach den warmen Küsten des Indischen Ozeans strömen. --