Im Herzen von Asien. Zweiter Band.
Part 34
Das Boot war schwer belastet und ging tief, denn wir hatten so viel Brennmaterial mitgenommen, wie wir nur hatten unterbringen können. In meiner vorderen Boothälfte, wo ich weich und warm saß, hatte ich es ausgezeichnet. Die Lotleine mit ihren Fünfmeterknoten lag auf der Backbordreling bereit. Die Laterne beleuchtete Uhr, Kompaß, Geschwindigkeitsmesser und Marschroute, ich rauche und führe meine Beobachtungen in schönster Ruhe aus. Die größte Tiefe beträgt 37,5 Meter; sie liegt dicht bei der ersten Insel, dann hebt sich der Seeboden langsam nach der zweiten. Die wichtigsten Vorgebirge auf beiden Seiten waren passiert; es konnte nicht mehr weit nach der kleinen Insel sein. Stundenlang glitten wir weiter, ohne daß sie sich zeigte; doch es war kaum möglich, daß wir an ihr vorbeikommen konnten, ohne sie zu sehen. Erst als wir nur noch eine Minute vom Ufer entfernt waren, tauchte sie aus der Dunkelheit auf. Ich glaubte, wir näherten uns einem Gipfel, der zu dem westlich vom See liegenden Berge gehörte; aber der Gipfel wuchs in wenigen Minuten, und das Boot schrammte gegen das Ufer. So täuscht man sich beim Rudern im Dunkeln, selbst wenn Mondschein herrscht. Das Schifflein wurde an Land gezogen, und wir gingen sofort zur Ruhe.
Wir hatten die Absicht, bei Tagesanbruch gleich weiterzufahren; doch schon vorher teilte mir Kutschuk mit, es gehe wieder ein so heftiger Wind, daß an ein Weiterrudern nicht zu denken sei. Mir blieb nichts weiter übrig, als die Insel gründlicher in Augenschein zu nehmen. Sie bildet beinahe ein rechtwinkeliges Dreieck mit der Hypotenuse nach Nordwesten; das längste Ufer ist nur 330 Meter lang. Der südliche Teil der Insel wird von einer roten Konglomeratschicht gebildet, und die Ufer sind mit Blöcken von demselben Materiale dicht bedeckt. Die größte Höhe beträgt nicht mehr als 15 Meter; einige Steinmale sind dort errichtet (Abb. 279).
Um 12½ Uhr war es völlig windstill, aber im Westen stiegen schwarze Wolken mit Regendraperien auf. Ein neuer Sturm war im Anzug. Wir hatten das schwierigste Becken des Sees vor uns. Was gebot uns die Klugheit zu tun? Der Proviant ging zu Ende. Ich hatte stundenlang am Strande gesessen und mir, wie ein Kind, den Sand durch die Finger gleiten lassen. Auf den im Wasser liegenden, von tausendjährigen, unermüdlichen Wellen glattgeschliffenen Blöcken hatte ich Sandfestungen erbaut, um zu sehen, wie lange sie den Überschwemmungen der Wellen würden widerstehen können. Nie habe ich eine Seefahrt unter so ungünstigen Verhältnissen gemacht wie diesmal. Alle Unwetter des ganzen Landes schienen unbedingt erst über den Tschargut-tso ziehen zu müssen, oder das Tal, in dem der See liegt, mußte eine Abflußrinne für alles derartige Teufelszeug sein!
Um 2 Uhr hatten wir alles eingepackt, da aber brach der Sturm los, und es war nur gut, daß wir die Insel noch nicht verlassen hatten. Es regnete eine Weile, und die Wellen rauschten gegen die kleine Klippe. Im Süden ging eine zweite Bö über das Land und färbte alle Berge weiß. Nachdem wir eine Stunde gewartet hatten, hörte der Sturm auf einmal auf, und der Seegang legte sich schnell, nur weich abgerundete Dünungen krümmten seine Oberfläche, die Sonne näherte sich dem Horizont, und der Tschargut-tso gewährte einen herrlichen Anblick. Bei solchem Wetter konnte kein Risiko dabei sein, quer über den offenen See zu steuern; aber wir hielten doch Ausguck auf einige Landspitzen im Süden, die uns im Notfall hätten als Schutz dienen können. Kutschuk ruderte scharf, und ich peilte von Zeit zu Zeit. Die größte Tiefe betrug fast 48 Meter.
Die schützenden Landspitzen hatten wir hinter uns zurückgelassen, als es wieder im Westen dunkel zu werden begann; der Donner grollte dumpf über den südlichen Bergen, wo es in Strömen regnete oder schneite, und über das nördliche Ufer, das jetzt in weiter Ferne lag, zog ebenfalls ein Unwetter hin. Über dem See herrschte einstweilen noch klares Wetter, und die Sonne ging in leichten Wolken unter. Doch über den senkrecht abstürzenden Felsen des südlichen Ufers, nach denen wir jetzt hinsteuern, erhebt sich eine stahlblaue, drohende Wolkenwand. Indessen ist es andauernd ruhig, und die Wolke scheint stillzustehen und sich ihres Inhalts nur auf einer Stelle zu entladen. So gut sollte es uns aber nicht werden. Unter den Wolken werden die unzweideutigen Anzeichen eines herannahenden Sturmes sichtbar. Die Wolken werden auf der unteren Seite hell brandgelb, als würden sie von einer Feuersbrunst beleuchtet, und wenn man diesen Farbenton sieht, weiß man sofort, was es zu bedeuten hat. Ich suchte mit dem Fernglase die Ufer ab, aber jetzt gab es innerhalb Sehweite keine rettende Bucht. Am klügsten wäre es gewesen, wenn wir uns von dem Sturme nach der kleinen Felseninsel hätten zurücktreiben lassen, denn +mit+ dem Wellengange kann die Jolle die höchsten Wogen vertragen. Aber unser Proviant war beinahe zu Ende, und es galt, ein Ufer zu erreichen, von dem aus wir die Karawane aufsuchen konnten. Es blieb uns also nichts weiter übrig, als gegen den Wind aufzuhalten und zu versuchen, unter den Felsen des südlichen Ufers in Schutz zu kommen.
Zuerst sausten einige kalte Windstöße über den See, und dann brauste der Sturm herab wie der Habicht auf eine wehrlose Taube. Vorbei ist es mit Lotungen und Peilungen! Faßt die Ruder fester, jetzt gilt es das Leben! Es knackt und knarrt in dem Boote, und dieses klatscht mit dem Boden auf die ihm entgegenkommenden Wellen, die wie Kobolde zum Angriffe stürmen. Im nächsten Augenblick kann sein Rumpf mit einem Knalle zerspringen. Doch es gibt ein Maximum für die Wellenhöhe in Seen von dieser Größe, und dieses Maximum hat die Jolle bisher immer aushalten können. Nie habe ich so verzweifelt gearbeitet wie jetzt; wir ruderten mit langsamen, gleichmäßigen Schlägen und gewannen jedesmal ein paar Zentimeter; ich hatte mehrere Tage nachher noch große Blasen an den Händen. Der Sturm wurde zwischen den Felsen der Ufer eingepreßt und nahm an Heftigkeit zu. Drauflos, Kutschuk! Das Ufer kommt uns näher, es ist gar nicht gefährlich! Da schlägt ein Wellenkamm über die Steuerbordreling in das Boot, und das Wasser plätschert und rauscht von dem Rollen, eine neue Welle schlägt hinein, wir bekommen recht kalte Duschen von dem Spritzwasser, wir rudern mit so festen Griffen, daß uns die Knöchel weiß werden, wir tragen das Boot auf den Ruderblättern durch die Wellen! Lange kann es auf diese Weise nicht mehr fortgehen, das Boot ist halb voll Wasser, und die Wellen brechen noch immer über den Vordersteven herein -- bald müssen wir sinken!
„Halte deine Rettungsboje bereit, Kutschuk, ich habe die meine!“ --
„Nein, wir +können+ noch nach jenem Vorgebirge hingelangen, ja Allah!“ --
Und wir arbeiteten uns dorthin! Es war ein Wunder, daß wir nicht Schiffbruch litten; auf keiner von allen meinen Seefahrten in Asien bin ich einer Katastrophe so nahe gewesen!
Sobald wir unter dem Vorgebirge vor dem Winde geschützt waren, wurden die Wellen niedriger, und wir beruhigten uns und erreichten im letzten Augenblick am dunkeln Abend das Ufer. Ja, hat man nur ein sicheres Boot, so ist es keine Kunst, im Dunkeln über einen stürmischen See zu kommen, aber mit einer Zeugjolle ist es etwas anderes, und die Fahrt wird nicht gemütlicher, wenn der Wind die Sturmwolken zerreißt und der Mond den Wellenschaum versilbert, der weiß und kristallhell über unerforschten Tiefen glänzt, die bereit sind, uns in ihre kalten Arme zu schließen.
Sobald wir gelandet waren, hörte der Wind auf. Statt dessen fing es an stark zu regnen, und es regnete die ganze Nacht. Wir richteten das Boot wie ein Kutschenverdeck auf, zündeten Feuer an, trockneten unsere Kleider und schliefen dann gut, da wir von der sowohl körperlich wie seelisch kolossalen Anstrengung sehr ermüdet waren.
Am Morgen des 24. September hatten wir nur noch ein Stückchen Brot zum Frühstück. Bei gutem Wetter ruderten wir westwärts über den See weiter, der bald schmäler wurde und ein Ende nahm. Wir fuhren in eine trompetenförmige Flußmündung hinein, und nach knapp einem Kilometer befanden wir uns wieder auf einem gewaltigen See. Die Gesandten hatten ihn +Addan-tso+ genannt, aber die Nomaden, die wir am Ufer trafen, sagten +Nagma-tso+. Fern im Norden zeigten sich einige Reiter. Wir hofften, daß es unsere Späher sein würden, aber sie verschwanden bald wieder und hatten das Boot augenscheinlich nicht gesehen. Wir beabsichtigten jedoch, schräg über den See nach dem ziemlich naheliegenden Nordufer zu fahren.
Ich habe soviel von unseren abenteuerlichen Seefahrten gesprochen, daß ich nur noch hinzufügen will, daß der dritte Sturm uns auf dem Addan-tso überfiel und uns buchstäblich gegen das nächste Land schleuderte, wobei sich das Boot mit Wasser füllte, so daß wir ins Wasser springen und retten mußten, was sich retten ließ. Glücklicherweise regnete es nicht. Wir breiteten unsere Sachen in dem starken Wind auf der Erde zum Trocknen aus, zogen die Kleider aus und hielten sie in den Wind, nachdem wir sie erst tüchtig ausgerungen hatten, dann lagen wir dort mehrere Stunden still. Schließlich wurde ich so hungrig, daß ich nach dem nächsten schwarzen Nomadenzelte ging; ich war aber noch nicht weit gekommen, als Kutschuk mich zurückrief und auf den kurzen Flußarm, den wir heraufgefahren waren, zeigte. Dort erschienen zwei Reiter mit drei Packpferden. Sie hatten uns gesehen und ritten gerade auf uns zu. Es waren Tscherdon und Ördek, die uns seit zwei Tagen längs des Ufers des Addan-tso suchten und gleich den anderen in größter Unruhe geschwebt hatten. Nach einer Weile kamen Tschernoff und der Lama, die uns an den Ufern des Tschargut-tso hatten suchen wollen. Sirkin war schon gestern dort gewesen und hatte in dem alten Lager am Ostufer des Sees Umschau gehalten. Sie hatten das Schlimmste befürchtet und bereits überlegt, was sie tun sollten, wenn ich nicht wiederkäme. Einige Bootstrümmer und unsere Sachen wollten sie jedoch erst finden, ehe sie die Gegend ohne ihren Chef verließen.
Tscherdon hatte mehrere Abenteuer gehabt. Mehreremal schienen uns Reiterpatrouillen zu suchen, und an einer Stelle standen 8 Soldatenzelte, um den Weg nach Lhasa zu sperren.
Wir ritten über einen Paß nach dem großen Lager; mehrere Reiterhaufen begegneten mir und geleiteten mich dorthin, artig grüßend, indem sie die Zunge herausstreckten. Das Lager lag in einem Längentale, durch welches wahrscheinlich auch Littledale gezogen war; ich wollte künftig seine Route nach Möglichkeit vermeiden. Alles war ruhig, aber dem alten Muhammed Tokta ging es schlechter. Ein Kamel war tot. Einer der Tibeter war gestorben. Wir ritten an der Leiche vorbei, die auf die Erde geworfen worden und von Geiern und Raben entsetzlich zugerichtet war; viel mehr als das Gerippe war nicht mehr davon übrig. Hladsche Tsering lud mich in sein Zelt ein und empfing mich wie einen Sieger. Unter der blauen Decke glänzten die Götterbilder matt durch einen Weihrauchschleier, und wieder gab es ein üppiges Gastmahl.
Diese Seefahrt war die letzte, die ich in Tibet machte, und das Boot sollte nachher nur noch auf einigen Flüssen benutzt werden. Ich bewahre den Tagen, die ich auf dem Selling-tso, Nakktsong-tso, Tschargut-tso und Addan-tso verlebte, ein ganz besonderes Andenken, denn sie waren für mich eine unvergeßliche Unterbrechung der langen, einförmigen Karawanenmärsche. Die Untersuchungen können nur als vorläufig betrachtet werden, aber sie gaben mir doch einen sehr wertvollen Überblick über die Hydrographie dieser wunderbar schönen Seeregion. Wenn die Wasserspiegel hier um etwa 50 Meter gehoben würden, so würde eine echte, an Norwegens und Schottlands Küsten erinnernde Fjordlandschaft entstehen. Wahrscheinlich ist auch dieses Land einst mit Eis bedeckt gewesen, obgleich man vergebens nach Gletscherspuren, Schrammen, Moränen oder erratischen Blöcken sucht. Die Gesteine sind verwittert, und alle Spuren fortgetragen, vernichtet. Der Addan-tso ist der höchste und größte See dieses Gebietes. Mehrere Flüsse von den angrenzenden Gebirgen, besonders von den hohen Schneeketten, die im Süden sichtbar sind, ergießen sich in ihn. Der Addan-tso entleert sein überflüssiges Wasser in den Tschargut-tso, und dieser hat in dem Jaggju-rappga-Flusse einen Abfluß nach dem Selling-tso. Weiter kommt das Wasser nicht; es bleibt im Selling-tso, wo es verdunstet, und daher ist auch nur dieser See salzig. In welchem Verhältnis der Nakktsong-tso zum Selling-tso steht, ist mir nicht ganz klar geworden. Möglicherweise existiert ein unterirdischer Abfluß, vielleicht aber ergießt er sich auch in einen weiter südlich liegenden See, den zu sehen uns nicht vergönnt war.
Am 25. September sollten wir uns von unseren Freunden Hladsche Tsering und Junduk Tsering, mit denen wir seit dem 12. zusammengewesen waren, trennen. Sie schickten mir jeder eine Haddik und ließen mir dabei eine gute und glückliche Reise wünschen. Dann erschienen sie selbst und versicherten, daß alles, was wir an Proviant, Führern und Lasttieren brauchten, uns dem Befehle des Dalai-Lama gemäß zur Verfügung gestellt werden würde. Als die Karawane marschfertig war, machte ich ihnen schnell einen Abschiedsbesuch und überreichte ihnen verschiedene Geschenke, wie Revolver, Messer, Kompasse und Zeugstoffe. Ich versicherte, daß ich nicht versuchen würde, nach Lhasa vorzudringen, und bat sie, den Dalai-Lama von mir zu grüßen; aber ich erklärte auch, daß ich dem Wege, den die Eskorte einschlage, nicht folgen würde. Ich sagte ihnen ein für allemal, daß die beiden Offiziere, die unsere künftige Eskorte auf dem Wege nach Westen anführen sollten, sich zu hüten hätten, mir gegenüber den Herrn spielen zu wollen, sondern mich jeden Morgen zu fragen hätten, wohin ich zu gehen wünschte. Andernfalls würden wir sie in zwei von unseren Kisten sperren und sie auf diese Weise mit in unsere Heimat nehmen.
Hladsche Tsering erwiderte, daß er und sein Amtsbruder Junduk Tsering mit einigen hundert Mann Kavallerie noch 20 Tage an dem Orte, wo wir uns trennten, zu bleiben gedächten (Abb. 280). Ich sah sehr wohl ein, daß dies nur eine List war, um uns davon abzuschrecken, schnell wieder umzukehren, sobald die beiden abgezogen waren, und antwortete daher, daß ich die Absicht habe, nur einige Tagereisen westwärts bis an den nächsten Süßwassersee zu gehen und dort zu bleiben, bis er vollständig zugefroren sei. Er klärte mich darüber auf, daß sie ohne Ungelegenheit ein ganzes Jahr in der Gegend lagern könnten. Als ich ihm vorschlug, daß wir, da wir ja beiderseits so viel Zeit hätten, einander denn doch lieber Gesellschaft leisten könnten, löste sich das Übertrumpfen in allgemeine Heiterkeit auf. Hladsche Tsering saß in seinem Zelte und aß Klops. Junduk Tsering war in dem seinen von Sekretären und ganzen Haufen von Papieren umgeben. Er verfaßte einen ausführlichen Bericht an den Dewaschung in Lhasa und schickte Briefe an die Häuptlinge im Westen auf dem ganzen Wege bis nach Ladak.
Unser Weg lief nach Westen durch ein 30 Kilometer breites Längental, das sowohl im Süden wie im Norden von ansehnlichen Bergketten begrenzt ward. Das Wetter war unfreundlich, kalt und windig, die Weide schlecht; trotzdem zählten wir 32 schwarze Zelte oder ungefähr 150 Einwohner auf 27 Kilometer. Sicherlich sind die Täler im Süden dichter, die nordwärts gelegenen spärlicher bevölkert; in der letzteren Richtung hört das Land überdies bald auf, bewohnbar zu sein. Mit uns ritten jetzt nur 22 Mann unter einem Anführer namens Jamdu Tsering, der bald mein ganz besonderer Freund wurde. Den Platz, an dem wir uns im Lager Nr. 89 niederließen, nannte er +Schalung+, und einen See, der sich im Westen zeigte, +Daggtse-tso+; ein Fluß, der sich in den westlichen Teil dieses Sees ergießt, heißt +Boggtsang-sangpo+. Da letzterer Name auf Nain Singhs und Littledales Karten vorkommt, kann man annehmen, daß auch die übrigen richtig sind. Sonst habe ich nur eine äußerst geringe Anzahl der Namen, die Littledale anführt, wiederfinden können.
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Die lange Reise nach Ladak.
Am 26. September ritten wir nach der Stelle, wo sich der Boggtsang-sangpo in den See ergießt. Der Fluß teilt sich in mehrere Arme, und an den Ufern ist die Weide so reichlich, daß wir hier einen Tag rasten müssen. Wir hatten jetzt nur noch 22 Kamele, die alle sehr erschöpft waren. Die Pferde sind in schlechtem Zustand. Jetzt sahen wir nur 16 Zelte auf 28½ Kilometer, aber ziemlich große Schafherden. Die Gegend ist ziemlich reich an Kulanen, Antilopen, Rebhühnern, Hasen und Gänsen, und die Jäger versahen uns mit Fleisch in Menge. Der See ist viel kleiner als die vorhergehenden, aber stark salzig. Ringförmige Wälle an den Ufern verkünden, daß auch der Daggtse-tso im Austrocknen begriffen ist. An einer Stelle standen sieben solcher alten Uferwälle deutlich ausgeprägt übereinander.
Während der folgenden Tagemärsche hielten wir uns in der unmittelbaren Nähe des Boggtsang-sangpo (Abb. 281). An einem Punkte, wo wir den Fluß kreuzten, hatte ihn auch Littledale überschritten. Captain Bowers Route, die wir am Nakktsong-tso und Tschargut-tso gestreift hatten, liegt nun eine ziemliche Strecke nördlich von unserem Wege, und wir berühren sie nicht mehr. Nain Singhs Weg läuft einstweilen noch südlich von unserer Straße. Dadurch, daß ich jetzt dem Laufe dieses Flusses folgte, konnte ich die Routen der drei Reisenden, die vor mir diese Teile von Tibet besucht hatten, vermeiden. Es würde unsere Landeskenntnis vermehren, wenn ich andere Gegenden aufsuchte. Oft war es jedoch unmöglich zu entscheiden, ob ich mit Littledales Weg in Kollision war oder nicht. Die Karte dieses ausgezeichneten, unermüdlichen Reisenden ist leider in zu kleinem Maßstabe ausgeführt, als daß man sich mit ihrer Hilfe in dem Terrain zurechtfinden könnte. Bei den Anforderungen, die ich an meine Karte stellte, betrachtete ich die Landesteile, die meine Vorgänger durchreist hatten und in denen ich es nicht vermeiden konnte, ihre Routen zu kreuzen oder sogar auf kurzen Strecken ebenfalls zu benutzen, als unerforschtes Land. Auf Littledales Karte findet man z. B. weder den Nakktsong-tso noch den Tschargut-tso, auf der von Bower allerdings diese beiden Seen, aber nicht den Selling-tso. Bower reiste zwischen dem Nakktsong-tso und dem Tschargut-tso durch, aber er erforschte nicht das Verhältnis, in welchem die verschiedenen Seen zueinander stehen; der Addan-tso ist auf seiner Karte gar nicht angegeben, ebensowenig ein Abfluß des Tschargut-tso. Er hat geglaubt, daß der Jaggju-rappga ein Fluß sei, der sich +in+ den Tschargut-tso ergießt, obwohl das Wasser +aus+ dem See strömt. Es ist weder meine Aufgabe noch meine Absicht, das vorhandene Kartenmaterial über Innerasien in dieser Arbeit zu kritisieren, ich will nur erklären, weshalb ich Grund hatte, manchen Landesteil, den auf der Karte eine rote Linie durchzieht, als eine ~terra incognita~ zu betrachten. Der Zweck einer Reise durch unbekanntes Land ist doch, daß man vor allem eine Karte desselben vorzeigen kann, und eine solche ist zwecklos, wenn sie nicht vollkommen zuverlässig ist. Was haben die großen Strapazen und Kosten, die mit einer solchen Reise verbunden sind, sonst für einen Nutzen? Littledales und Bowers Reisen sind übrigens bewundernswerte Beweise von Kraft und Ausdauer. Von den drei Karten aber ist Nain Singhs die beste, obwohl sie einer Revision sehr bedarf. --
Die erste Tagereise längs des Boggtsang-sangpo ging durch ziemlich gutes Weideland; hier und dort zeigten sich Nomadenlager. Das Wetter war herrlich, obgleich die Nachtkälte bis auf -8 Grad fiel. Es war ganz windstill, keine Wolke sichtbar; solches Wetter würde uns auf dem Tschargut-tso gefallen haben. Wenn man, wie wir, nach Westen reitet, wird die linke Seite des Gesichtes so von der Sonne angegriffen, daß die Haut stückweise abblättert, während die andere eisig kalt ist. Der linke Fuß hat es schön warm, indes der rechte im Schatten beinahe erfriert.
Am 29. September legten wir 29 Kilometer zurück und lagerten am Ufer des Flusses im Lager Nr. 92 unmittelbar neben seinen brausenden Wirbeln (Abb. 282, 283). In der Dämmerung langten die Tibeter an und schlugen ihre Zelte uns gerade gegenüber am rechten Ufer auf.
Am folgenden Tag marschierten wir auf dem südlichen Ufer. Der Fluß macht viele Krümmungen und hat ein scharf ausgeprägtes Bett. Das südlich von seinem Tale liegende Gebirge heißt +Nangra+. Schagdur hatte sich ein paar Stunden lang nicht sehen lassen; als er uns aber einholte, schwenkte er triumphierend ein Bündel prächtiger Fische in der Luft. Sobald wir das Lager aufgeschlagen hatten, wurde das Boot zusammengesetzt, und die Lopmänner fischten mit dem Schleppnetz in den Flußbiegungen (Abb. 286). Die Angler hatten jedoch mehr Glück.
Drei Tage Marsch und den vierten Rast ist jetzt unter gewöhnlichen Verhältnissen die Regel. Infolgedessen war der 1. Oktober ein Rasttag; er wurde von den meisten zum Fischfang benutzt. Schagdur hat das größte Fischglück; er angelte 18 Stück und schoß außerdem zur Abwechslung eine Antilope. Turdu Bai steht den ganzen Tag wie ein alter, in der Sommerfrische befindlicher Onkel mit seiner Angelrute in der Hand am Ufer und hat dabei die unerschütterliche Geduld des echten Anglers. Er schmunzelte ordentlich, als er mir seinen Fang zeigte. Der Lama las heilige Schriften. Jamdu Tsering und Tsering Daschi (Abb. 284), die Anführer unserer Leibwache, baten mich, ihnen eines unserer Schafe zu überlassen, da sie nichts mehr zu essen hätten, beim nächsten Zeltlager sollten wir Ersatz dafür erhalten. Ihre Bitte wurde ihnen mit um so größerer Bereitwilligkeit gewährt, als sie uns schon viele Freundlichkeiten erwiesen hatten.
2. Oktober. In der Nacht hatten wir -11 Grad; der Winter naht sich, wir müssen uns beeilen, nach Ladak zu kommen. Der Tagemarsch führte nach Westsüdwest, auf dem Südufer des Boggtsang-sangpo, und zum vierten Male lagerten wir an diesem Flusse (Abb. 285). Die Breite betrug hier nur 6 Meter, aber die Tiefe war groß. Die Zelte sind kaum aufgeschlagen, als die Angelruten schon wieder in voller Tätigkeit sind. Während dieser Tage lebten wir hauptsächlich von Fischen, ich fast ausschließlich.