Im Herzen von Asien. Zweiter Band.
Part 33
Die Karawane erhielt Befehl, nach der Mündung des Jaggju-rappga zu ziehen. Das Kamel, auf dessen Rücken Kalpet verschieden war, erkrankte jetzt, und Turdu Bai, der sich auf Kamele verstand, erklärte, daß es bald sterben würde, weil es einen Toten getragen habe. Das schöne Wetter lockte mich wieder auf den See hinaus; ich hatte auch keine Lust, einen ganzen Tag auf dem mir schon bekannten Wege nach dem Jaggju-rappga zu reiten. Ördek war mein Ruderer. Das Boot und das Gepäck wurden auf Pferde geladen; wir ritten nordwärts über die schmale Landenge zwischen Nakktsong-tso und Selling-tso.
Die Schwelle zwischen den Seen ist höchst eigentümlich. Unmittelbar nördlich vom Ufer des Nakktsong-tso gelangen wir auf ihren Kamm, der höchstens 10 Meter über dem See liegt; von dort aus aber müssen wir eine ziemliche Strecke weit abwärtsreiten und können dabei ein Gefälle von wohl 50 Meter konstatieren, ehe wir den Selling-tso erreichen, der also ungefähr 40 Meter tiefer liegt als sein Nachbarsee. Ich bin fest davon überzeugt, daß der Nakktsong-tso einen Abfluß hat, habe aber vergeblich danach gesucht. Möglicherweise ergießt er sich durch unterirdische Abflüsse in den Selling-tso. Am Nordabhange der Landenge passieren wir dieselben deutlichen Uferlinien, die wir schon früher an den Ufern des letztern Sees gesehen haben und die anzeigen, daß er fällt.
Das tiefliegende, morastige Ufer zwang uns, eine Strecke weit barfuß zu gehen, ehe wir das Boot ins Wasser setzen und dann nach Nordnordwest steuern konnten. Die Tiefen sind unbedeutend und betragen selten mehr als 3 Meter; der Boden besteht aus graublauem Ton ohne Spur von Vegetation, das Wasser hat eine leicht maigrüne Farbe, und darüber wölbt der Himmel seinen klaren, sonnigen Dom. Nur der Kamm der breiten Halbinsel, wo wir vor einigen Tagen umkehren mußten, zeichnet sich scharf ab und wird noch eine Strecke nach Osten hin durch eine Reihe kleinerer Felsenzähne, die über dem Wasser zu schweben scheinen, fortgesetzt. Auf der linken Seite sieht man durch das Fernglas die Karawane mit ihrem Gefolge von Tibetern, deren Zahl sich heute beinahe verdoppelt hat, da sich noch einige kleine Reiterscharen zur Haupttruppe gesellt haben. Eine schwarze Hagelwolke schwebte hartnäckig über ihnen und duschte sie unaufhörlich, was man deutlich an den hellen und dunkeln Streifen sehen konnte, die sich von der Wolke auf die Erde erstreckten. Wir dagegen bekamen nichts davon ab.
Nachdem wir die Landspitze an der Mündung des Alla-sangpo umschifft haben, steuern wir westwärts gerade auf die Gabel der Kette zu, die das Tal des Jaggju-rappga im Süden begrenzt. Wir sahen sie in Verkürzung; hinter ihr stand die Sonne, und daher trat sie wie eine intensiv schwarze Silhouette hervor. Es war bereits stockdunkel, als wir das große Lager erreichten, dessen Feuer wie die Laternen in einer kleinen Stadt strahlten.
Frühmorgens am 18. September gab ich Befehl zum Aufbruch. Während wir die Tiere beluden, erschienen einige Tibeter, die uns baten, noch einen Tag hierzubleiben, weil Hladsche Tsering und Junduk Tsering umkehren müßten und es in unserem eigenen Interesse liege, den Ankauf von Pferden und das Mieten von Yaken während ihrer Anwesenheit zu besorgen. Ich ließ antworten, es sei uns gleichgültig, wo sie blieben, wir würden heute auf jeden Fall reisen.
„Wohin denn?“ fragten sie. Ich zeigte westwärts nach dem Tale des Jaggju-rappga.
„Dort kommt ihr nicht durch“, behaupteten sie, „ihr müßt nach Nordwesten gehen.“
Ohne weiteres Parlamentieren ritten wir jedoch auf dem linken, nördlichen Ufer flußabwarts. Von einem Hügel entwickelte sich bald nach Westen hin eine entzückende Aussicht über einen neuen, ansehnlichen See, der reich an Felseninseln, Vorgebirgen und Buchten war und beinahe ebenso unentwirrbar aussah wie der Nakktsong-tso.
Sehr weit waren wir noch nicht gelangt, als uns schon die Tibeter in schwarzen Haufen von je 15 oder 20 Mann überholten; wir waren vollständig umschwärmt von diesen Reitern, deren rote Fähnchen an den Flintengabeln flatterten, wohin man nur das Auge wandte.
Als wir uns in der Nähe des Seeufers befanden, stellte es sich heraus, daß der Felsenarm, den wir rechter Hand hatten, in den See vorsprang und eine Halbinsel mit steilen Seiten bildete. Umgehen ließ sie sich nicht. Die Tibeter zeigten uns jedoch einen recht schwierigen Paß. Einige Stellen waren so steil, daß ein hier stürzendes Kamel unten als gehacktes Beefsteak angekommen wäre. Von der Paßschwelle entrollte sich eine neue herrliche Aussicht nach Nordwesten über einen anderen Teil des Sees mit neuen pittoresken Halbinseln und Felseneilanden. Die schwarzen Haufen der Tibeter rollten in Staubwolken wie Lawinen die Abhänge hinunter. Ehe wir noch hinuntergelangten und uns neben ihrem Hauptquartier niederließen, rauchte es schon aus allen ihren Zelten.
Dieser Lagerplatz. Nr. 84, am Ostufer des +Tschargut-tso+ (4613 Meter) war einer der besten und angenehmsten, die ich je gehabt habe. Alles, was man sah, war schön, entzückte das Auge und machte den Sinn fröhlich. Westwärts sieht man tief in die Fjorde des Sees hinein wie in einen Steinwald (Abb. 275). Je entfernter sie liegen, in desto leichteren Nuancen treten Inseln und Vorgebirge hervor, aber alles ist von der Sonne überflutet. Die Tibeter passen gut in diese wilde Landschaft hinein, von der ihre malerische Tracht und kriegerische Ausrüstung durchaus nicht unangenehm absticht.
Der Strand, ein natürlicher Korso, bietet dem Auge ein sehr lebhaftes, farbenreiches Bild dar. Außer unseren Zelten kann man noch 25 zählen, und doch kampieren die meisten Soldaten an offenen Feuern. Der Strand wimmelt von Menschen und Pferden. Dabei vermehrt sich die Zahl unserer Wächter, die jetzt 500 Mann betrug, noch immer.
In der Dämmerung kam Almas allein an. Kalpets Kamel, der „Katafalk“, war nicht mehr am Leben; Turdu Bai hatte recht gehabt. Was denkt das Kamel, wenn es weint und den Tod im Herzen fühlt? Kein Philosoph auf Erden kann es uns sagen; man weiß ja nicht einmal, was der Mensch träumt, wenn die Flügelschläge des Todesengels eiskalt durch seinen Körper gehen.
Wir waren uns über die Absichten der Tibeter nicht ganz klar. Wozu brauchten sie jetzt, da wir auf dem Wege nach Ladak waren, so viele Truppen zusammenzuziehen? Sie verstärkten die Nachtwachen und hielten ihr Arsenal in steter Bereitschaft. Sollten sie einen nächtlichen Überfall beabsichtigen?
Ich träumte in der Nacht etwas derartiges und wachte um 1 Uhr auf. Ich hatte auf dem rechten Arme gelegen, und die Hand, die auf der Erde lag und vollständig eingeschlafen war, war eiskalt und gefühllos. Zufälligerweise berührte ich mit der linken Hand die rechte, und dabei fuhr mir, schlaftrunken wie ich war, der Gedanke durch den Kopf, daß die Tibeter mir eine Leiche ins Zelt geworfen hätten. Ich sprang auf, machte Licht, fand das Zelt leer und verstand nun erst, sobald die Gedanken wieder klar wurden, den Zusammenhang.
Zwei Tage blieben wir an diesem schönen Strande. Nur zu schnell verging die Zeit unter Visiten, Gastmählern und neuen Überlegungen über den Weg nach Ladak. Ich erklärte offen, daß ich +den+ Weg zu gehen gedächte, der +mir+ behage, und daß ich mir darin keine Vorschriften machen ließe. Eine Eskorte sollten wir aber auf jeden Fall haben, und alles, was wir brauchten, sollte während der Reise angeschafft werden. Hladsche Tsering schenkte mir zwei Pferde, wie Kamba Bombo es getan hatte, und daneben sollten uns, da unsere Karawane jetzt in besorgniserregender Weise zusammengeschmolzen war, auf besonderen Befehl des Dalai-Lama stets 40 Yake zur Verfügung stehen. Es ist eigentlich seltsam, daß die Tibeter so artig und freundlich sein können, hatte ich doch die erste Warnung nicht beherzigt und zum zweitenmal versucht, in das verbotene Land einzudringen! Viele andere asiatische Völker hätten in solchem Falle ein Exempel statuiert, aber die Tibeter sind viel zu gutmütig und weichherzig, um Blut zu vergießen, und begnügen sich mit Waffengeklirr und Drohungen.
Ein wahrhaft großartiges Schauspiel boten sie uns am Mittag des 19. September. Ich hatte Hladsche Tsering mitgeteilt, daß ich ihn selbst und seinen Kollegen und dann seine große Kavallerie photographieren wolle. Meine Bitte wurde mit dem größten Vergnügen gewährt, und sofort wurden einige Hundert Reiter aufgeboten (Abb. 276). Sie wurden in Gliedern geordnet; aber es war nicht leicht -- nicht einmal für die Häuptlinge, -- sie dazu zu bringen, daß sie sich einen Augenblick ruhig verhielten. Als ich bat, sie möchten ihre Schwerter und Lanzen in die Luft strecken, und dies geschah, erwachten sofort ihre kriegerischen Instinkte; die Pferde wurden unruhig, und die ganze Schar sprengte unter wildem Kriegsgeschrei wie zum Angriff vor! Als diese zügellose Horde über die Steppe hinsauste und die klirrenden Waffen in der Sonne blitzten, konnte man den Blick nicht davon losreißen. Der photographische Apparat mußte ruhen, bis sich der kriegerische Sinn der Leute wieder beruhigt und sie begriffen hatten, daß man beim Photographieren nicht so schrecklich zu lärmen und zu toben brauche.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Der Tschargut-tso.
Wir hätten eigentlich heute (am 20. September) nach dem fernen Ladak aufbrechen sollen; aber die Gesandten baten uns zu bleiben, weil sie noch einige Tagereisen weit mit uns ziehen wollten. Heute hatten sie jedoch einen großen Festtag und wollten sich still verhalten, und ich ging mit um so größerem Vergnügen auf den Vorschlag ein, als der Tschargut-tso mich auf seine schönen, aber falschen Wogen hinauslockte.
Chodai Kullu wurde zum Ruderer ernannt. Wir hielten Kurs auf die äußerste Spitze der bergigen Halbinsel, die unsere Bucht im Süden begrenzte. Von dort gingen wir weiter auf den See hinaus, als auf einmal der Himmel im Westen schwarz wurde und der Sturm mit seinem gewöhnlichen Getöse angezogen kam. Wir wendeten sofort und landeten an dem steilen Ufer der Landspitze, wo indessen herabgefallene, scharfkantige Felsstücke das Boot zu zerschneiden drohten, denn die Wellen gingen bald hoch und preßten es gerade gegen das Ufer. Ich beschloß, quer über die heftig aufgeregte Bucht gerade nach unserem Lager hinzusteuern. Es knackte in dem Holzrahmen des Bootes, und der Sturm war zum Orkan geworden. Mit sausender Fahrt trieben wir nach dem Strande hin, wo sich die Tibeter in dichtgedrängten Haufen versammelt hatten, um Zeugen unseres Schiffbruchs zu werden. Bald entschwand die Jolle in einem Wellentale ihren Blicken, bald erschien sie auf einem Kamme, auf dessen Rücken sie stampfte und bebte. Für uns sah es unheimlich aus. Wir nähern uns dem Strande mit beängstigender Geschwindigkeit; im nächsten Augenblick muß das Boot von einer Welle auf den Sand geschleudert, im andern aber, wenn sie sich zurückzieht, wieder ins Wasser gezogen werden. Stumm vor Staunen, mit verhaltenem Atem standen die Tibeter und waren entschieden überzeugt, daß wir in der Brandung zerschellen würden. In dem Augenblick, als die Welle das Boot auf den Strand schleuderte, sprang Chodai Kullu ins Wasser, und alle vier Kosaken sprangen herzu, faßten die Relinge des Bootes und trugen mich wie auf einer Bahre aufs Trockne. Das Ganze ging blitzschnell vor sich, und die Tibeter eilten herbei, um sich zu überzeugen, ob ich wirklich noch lebe.
Erst nachdem der Sturm sich gelegt hatte, konnten wir uns wieder hinausbegeben, worauf wir einige Lotungen mit gutem Gelingen ausführten und erst in der Dämmerung zurückkehrten. Es war ganz dunkel, als wir noch draußen auf dem See plätscherten, und die Arbeit wurde bei Laternenschein ausgeführt. Als wir uns spät abends dem Strande näherten, war der Anblick der Lagerstadt nicht weniger großartig als bei Tag. Alle Feuer leuchteten in einer langen Reihe längs des Ufers der Bucht, das beinahe wie ein illuminierter Hafenkai aussah. Der Rauch der Feuer wurde von der schwachen östlichen Brise über den See getrieben und lag wie ein graublauer Schleier über dem jetzt wieder ruhigen Wasser. Der Mond überflutete mit seinem Lichte diese außerordentlich schöne Landschaft und warf einen zitternden, silberglänzenden Streifen über den See. Bald schlägt das Lachen und Plaudern aus den Zelten und von den Soldatengruppen an unser Ohr. Die Leute trinken Tee, rauchen und sind mit Würfelspiel beschäftigt.
Als ich am Morgen des 21. September geweckt wurde, stand die Quecksilbersäule auf dem Gefrierpunkte. Der See lag spiegelblank da, und seine weit hinten im fernen Westen verschwindende Perspektive mit den kulissenartig vorspringenden Gebirgspartien glich einem gigantischen Flußtale. An diesem hellen, schönen Herbstmorgen war ich fröhlich gestimmt und fühlte mich zu einer längeren Seefahrt um so mehr aufgelegt, als ich das Alleinsein im Boote dem Waffengeklirr und Pferdegetrappel der 500 Tibeter vorzog.
Mit Proviant für drei Tage, warmen Kleidern und den nötigen Instrumenten versehen, steuerten Kutschuk und ich über den See. Bald darauf brach auch die Karawane auf; die Tibeter umschwärmten die Unsern in einzelnen Haufen, und ehe wir noch aus der Bucht auf den offenen See hinaustraten, war der eben noch so lebhafte Strand von Zelten und Menschen reingefegt, und das Schweigen der Wildnis legte sich wieder über die entzückende Gegend. Statt dessen zeichneten sich die Reisenden wie lange schwarze Linien, Gruppen und Punkte auf den Ebenen des Nordufers ab, wo sie westwärts zogen und bald hinter den Bergen verschwanden. Sie hatten Befehl, irgendwo in der Nähe des Westufers, wo es gutes Gras gab, zu rasten und uns dort zu erwarten. Die Gesandten waren ganz aufgeregt über die neue Seefahrt gewesen und hatten gefragt, was dies wieder heißen solle.
Wir waren kaum eine Viertelstunde unterwegs, so war es mit der Stille für heute vorbei. Eine frische Westbrise erhob sich, und der Spiegel der Bucht wurde matt, seine Bilder wurden von einer leichten Kräuselung zerstört, die bald zu Wellen und Wogen anschwoll. Jenseits des südlichen Felsenvorsprungs wurde der Wind stärker und kam uns gerade entgegen. Er schwoll zu einem halben Sturme an, der See ging hoch, das Loten mußte unterbleiben, und es galt wieder, uns selbst und unser Gepäck zu retten. Zum Umkehren war es zu spät, und jetzt war niemand mehr an dem Strande, auf den uns der Sturm widerstandslos geschleudert haben würde. Wir versuchten vergebens, irgendeine freundliche Landspitze zu erreichen, hinter der wir hätten Schutz finden können, aber es blieb uns nichts weiter übrig, als draufloszurudern und uns nach der vor dem Wind geschützten Seite der nächsten Felseninsel im Westen hinzuarbeiten. Unter diesen Umständen konnten natürlich nur wenige Lotungen gemacht werden; als größte Tiefe wurden 42 Meter festgestellt.
Wir arbeiteten jetzt wie Galeerensklaven gegen Wind und Wellen an (Abb. 277). Mit jeder Schlagwelle erhielt ich eine kalte Dusche und wurde bis auf die Haut durchnäßt. Es leckte und tropfte von meiner Mütze, und meine Brille leistete mir schlechte Dienste. Notizbücher, Decken und sonstige Sachen waren wie ins Wasser getaucht. Endlich aber erreichten wir doch die Insel; hier war der Wellenschlag geringer. Noch unmittelbar am Ufer betrug die Tiefe 34 Meter. Ganz erschöpft von der Anstrengung vertäuten wir das Boot. Es wurde ganz aufs Ufer hinaufgezogen, damit es uns nicht forttriebe, in welchem Falle unsere Lage höchst bedenklich gewesen wäre.
Die kleine Insel hat die Gestalt eines Sattels; sie besteht aus zwei Bergkuppen mit einer flachen Einsenkung in der Mitte, einer Landenge, die nur 300 Meter breit ist. Ich ging über die Enge nach dem Westufer, gegen welches die Wellen mit erschreckender Wut anstürmten. Welche Freude haben wir jetzt an der Sonne, die uns von dem glänzend türkisblauen Himmel herab mit ihrem goldenen Lichte überflutet, während der Wind über den launenhaften See hinfährt und die Wellen zum wilden Tanze auffordert.
Nachdem wir uns mit unserem unfreiwilligen Gefängnisse bekannt gemacht hatten, wurde das Lager aufgeschlagen (Abb. 278); wir breiteten mein provisorisches Bett am Ufer aus, das Boot schützte einigermaßen gegen den Wind, eine Filzdecke diente als Sonnendach. Infolge einer glücklichen Eingebung hatte ich Lektüre mitgenommen. Kutschuk schnarchte schon. Der Wind heulte in den Felsen; ich sehnte mich danach, ihn schwächer werden und verstummen zu hören. Um 3 Uhr wußten wir nichts Besseres anzufangen, als Feuer anzumachen und Tee zu bereiten. Jappkak und Argol waren in Menge vorhanden. Kutschuk ging von Zeit zu Zeit über die Enge, um sich nach dem Sturme umzusehen, kam aber stets mit dem Bescheide wieder, daß es undenkbar sei, bei solchem Wetter mit dem Boote hinauszugehen. Mit Hilfe des Fernglases sehen wir auf dem nördlichen Seeufer mehrere große Herden und Zelte.
Es ging gegen Abend. Der Wind flaute nicht ab; immer noch hörte man den See gegen das Westufer der Insel branden, wo die Wellen unter der Peitsche des Sturmes ihre Sklavenarbeit ausführen. Sie haben das Recht, soviel sie wollen gegen diese heiligen Ufer zu schlagen, an denen wir nur wie Zugvögel vorbeistreichen dürfen. Als wir nach Süden gingen, hinderten uns die Tibeter, jetzt, da wir uns nach Westen wenden, hindert uns der Sturm. Ich hatte unserem lärmenden Gefolge entgehen und mich in Einsamkeit der Stille der Natur erfreuen wollen; jetzt wollte ich viel lieber zu ihm zurückkehren, als auf dieser kleinen Felseninsel gefesselt sein. Es gehörte die Geduld eines Engels dazu, hier untätig und gebunden zu liegen, während das Tagesgestirn seinen Lauf nach Westen fortsetzte. Wie mir zum Hohne ging die Sonne klar unter, tiefe Schatten senkten sich auf das Lager herab, während das Ostufer noch in Licht getränkt lag. Doch bald kletterten die Schatten auch die Berge hinauf, deren Gipfel eine Weile scharlachrot leuchteten. Als auch ihre Glut erloschen war, stieg die Nacht blaukalt und rein aus dem Osten auf. Wie gern hätten wir heute so wie gestern die Uferfeuer lodern sehen, doch heute Abend war es dunkel und still, und nirgends war ein Feuer zu erblicken. Der Halbmond war die einzige Laterne, die uns in unserem Gefängnisse gewährt wurde, das wir so gern verlassen hätten, das aber trotzdem in seiner Weise friedlich und reizend war.
Vielleicht legte sich der Sturm über Nacht. Wir legten uns früh schlafen, und Kutschuk hatte Befehl, mich ein paar Stunden nach Mitternacht zu wecken. Um 4 Uhr rüttelte er mich wach. Die Sterne funkelten hell, aber der Wind war noch ebenso heftig. Trotzdem standen wir auf. Bald flammte das Feuer und erhellte das steinige Ufer. Es waren beinahe -5 Grad, und der heiße Tee schmeckte gut. Oft pflegte der Morgen ganz windstill zu sein. Unser Plan war jetzt, nach dem Südufer hinüberzurudern, wo wir unter den Felsen leidlichen Schutz finden mußten und uns schlimmstenfalls von einer Landspitze zur anderen schieben konnten. Wir hatten genug von dieser Robinsonade und sehnten uns nach der Sonne. Stumm und nachdenklich saßen wir während des Wartens am Ufer. Endlich graute im Osten der Tag, und die Bergkämme hoben sich schwarz auf dem immer helleren Hintergrunde ab. Auf einmal ging die Sonne wie eine blendende Feuerkugel auf.
Statt abzunehmen, nahm der Sturm an Heftigkeit noch zu. O welch himmlischer Geduld bedurften wir jetzt, wenn auch dieser Tag verloren gehen sollte, während die Karawane ihren Weg nach dem unbekannten Westen fortsetzte! Ein richtiger Passatwind wehte gleichmäßig und stark, ohne einen Augenblick schwächer zu werden, und leichte, weiße Wölkchen segelten zeitweise über den See hin. Der Tschargut-tso zieht sich langgestreckt von Osten nach Westen. Ich beschäftigte mich, nachdem ich mit der mitgebrachten Lektüre fertig war, damit, eine Karte des Sees zu zeichnen und darüber nachzudenken, wie günstig oder ungünstig die verschiedenen Windrichtungen für uns gewesen wären. Neun verschiedene Fälle waren denkbar. Am besten wäre östlicher Wind gewesen, doch auch solcher aus Nordosten und Südosten hätte uns geholfen. Windstille wäre beinahe ebensogut gewesen. Hätte Südwind oder Südwestwind geherrscht, so hätte das Südufer uns Deckung geboten, bei Nord oder Nordwest hätten wir unter dem Nordufer Schutz gefunden. Aber von allen diesen Fällen war natürlich keiner eingetreten, nur der neunte, westlicher Wind, für uns der direkte Gegenwind und die einzige Richtung, die uns das Aufbrechen unmöglich machte.
Auch dieser Tag war verloren. Wir verträumten die Zeit an unserem Ufer; von dem anderen her ertönte es wie das Donnern eines riesenhaften Wasserfalles, die Wellen gingen meterhoch, wir waren an unseren Felsen festgeschmiedet. Ich machte eine Kartenaufnahme von der Insel, während Kutschuk ganze Haufen Brennmaterial einsammelte; es war das einzige, womit er sich die Zeit vertreiben konnte. Nachher „versammelten wir uns zum Mittagessen“; mein Schutzzelt mußte mit Steinen verankert werden, damit es nicht fortflog. Dann gehe ich nach dem Südwestufer, wo die Felsen steil in den See hinabstürzen. Dort sitze ich und höre mit Genuß dem lärmenden Spiele der Wellen zu; ich schließe die Augen, um besser träumen zu können, aber in jedem Wellenschlage liegt wie ein Hohngelächter die Frage: „Was hast du in diesem heiligen Lande zu suchen?!“ Ich gehe dann nach dem nördlichen Berge, um Abschied von der Sonne zu nehmen. Als die neue Nacht hereinbricht, lassen wir uns an einem gewaltigen Lagerfeuer nieder und setzen unser ~dolce far niente~ fort.
Um 6½ Uhr schien die Heftigkeit des Windes abzunehmen, und die Hoffnung erwachte wieder. Um 7 Uhr ließ sich deutlich erkennen, daß die Windgeschwindigkeit abgenommen hatte, aber die dichter gewordenen Wolken schwebten mit derselben gräßlichen Eile unter dem Monde durch, der gleich einer silbernen Muschel über ihnen segelte.
Mit steigender Spannung beobachteten wir die Himmelszeichen und gingen wieder nach dem Westufer, aber der See sah noch immer ebenso aufgeregt aus, und wir mußten weiter warten. Direkt nach Westen hatte ich die Richtung nach der nächsten kleinen Felseninsel eingepeilt, und wir hofften noch vor Monduntergang dorthin zu gelangen; später würde es pechfinster werden. Nach und nach flaute der Wind ab, und wir packten unsere Sachen zusammen. Als wir im Begriff waren, das Boot ins Wasser zu setzen, schmerzte es mich beinahe, diese kleine Insel, die uns eine Freistatt gegeben und auf der ich zwei friedvolle Tage zugebracht hatte, auf ewig verlassen zu müssen.
Wir schieben unser Fahrzeug in die Nacht hinaus und streichen vor dem Winde gedeckt am Ostufer entlang. Die südliche Klippe der Insel ragt wie ein rabenschwarzes Gespenst aus den Wellen empor; ihre Wände sind von dem bleichen Mondlichte schwach beleuchtet. Als wir die Spitze umschifft hatten, kam uns der Wellengang direkt entgegen; aber jetzt war er nicht gefährlich, und die Jolle schaukelte sanft und leicht. Von der nächstgelegenen kleinen Felseninsel, unserem nächsten Ziele, war keine Spur zu erblicken; sie verschwamm mit den Gebirgen im Westen, aber ich wußte, daß sie von uns in West zu Süd lag, und gab Kutschuk dementsprechende Anweisungen beim Rudern. Selbst wenn das Wetter so ruhig und gut ist wie jetzt, ist es nicht gerade gemütlich, mitten in der Nacht auf einem unbekannten See zu schaukeln. Alles ist schwarz und undeutlich, man erhält keinen Begriff von den Umrissen der Ufer; nur die zurückgelegte Linie, ihre Zeiten, Tiefen und Geschwindigkeiten sind ebenso sicher zu bestimmen wie bei Tageslicht. Das Wasser ist schwarz wie Tinte, nur das Silber der Mondstraße tanzt auf den sich zur Ruhe legenden Wellen; der Himmel ist dunkelblau, die Wolken segeln stumm und düster wie Schatten und eilfertig wie Pilger nach Osten, doch am schwärzesten ist der Gebirgsrahmen ringsumher.