Im Herzen von Asien. Zweiter Band.
Part 31
Wir zogen also längs des nördlichen Ufers weiter; es wurde eine Wanderung in den schönsten Schlangenlinien. Ein gerade nach Osten gehender Weg führte über die Hügel, aber die Tibeter hielten sich hinter uns und hüteten sich wohl, ihn uns zu zeigen. Wir gingen also am Strande entlang und nahmen so alle Buchten, Landzungen und Halbinseln mit, ohne zu wissen, nach welcher Seite der See ausbog. Wenn wir infolgedessen auch viele unnötige Schritte machten, so erhielt ich doch wenigstens eine getreue Karte des launenhaften Sees, und eine herrlichere Landschaft als diese hatten wir in Tibet noch nicht gesehen. Nach allen Seiten hin öffneten sich großartige Perspektiven in Buchten und Fjorde hinein, die zwischen malerischen, dekorativen kleinen Bergketten mit steil nach dem See abfallenden Abhängen tief in das Land einschnitten. Hier und dort tauchten kleine Inseln auf, gewölbt wie Delphinrücken. Alte Uferlinien waren hier nicht zu sehen, und das süße Wasser sprach dafür, daß der See, der +Nakktsong-tso+ heißt, Abfluß nach einem weiter südlich liegenden Salzsee hat.
Nachdem wir einige Stunden in allen möglichen Richtungen gewandert waren, überraschten wir die Tibeter, die ihre Zelte am Ufer aufgeschlagen hatten und ihre gewöhnliche Teerast hielten. Sie hatten dadurch Zeit gewonnen, daß sie einen Richtweg hinter den Uferfelsen benutzt hatten. Wir zogen an ihnen vorbei, bis der See definitiv nach Südosten abzubiegen schien. Hier traten die Berge vom Ufer zurück, das eben und mit festem Kiese bedeckt war und den Kamelen ein vortreffliches Terrain bot. Am östlichen Ende des Sees lagerten wir bei einem Zeltdorfe. Die Späher waren uns auch diesmal zuvorgekommen und hatten schon ihre Zelte aufgeschlagen.
Kalpet hatte oft gesprochen und besonders Rosi Mollah, seinen Kerijaer Landsmann, gerufen; er hatte um Wasser gebeten und darum, daß seine Lage auf dem Kamele verändert werden möchte, wenn er sich auf einer Seite müde gelegen hatte; manchmal rief er laut und deutlich, das Kamel gehe zu schnell. Als er jedoch in der Nähe des Lagers längere Zeit still gewesen war, hielt die Ambulanz, welche die Nachhut der Karawane bildete, und Mollah horchte. Er holte mich sofort, und es war nicht schwer zu konstatieren, daß mein armer Diener verschieden war. Sein Ausdruck war ruhig und verklärt, aber die Augen hatten ihren Glanz verloren. Er war schon kalt, obwohl es kaum eine Stunde her war, seit er zuletzt um Wasser gebeten hatte. Mollah drückte ihm für immer die Augen zu, und dann setzte die jetzt in einen Leichenzug verwandelte Karawane ihren Weg fort. Die Muselmänner hatten, wie gewöhnlich, gesungen, um sich den Marsch weniger langweilig zu machen; jetzt aber wurde es still wie in einem Grabe, und nur die Tritte der Tiere auf dem Sande und Kiese des Ufers und das keuchende Atmen der Kamele unterbrachen das Schweigen. Wir standen wieder vor dem furchtbaren, erbarmungslosen Ernste des Todes, und wieder führten wir einen Toten auf einem lebendigen Katafalke mit uns (Abb. 270).
Als wir an den Zelten der Tibeter vorbeizogen, kamen diese uns entgegen, um uns zu sagen, daß es bis zur nächsten Stelle mit Weide noch weit sei. Ich teilte ihnen mit, daß wir einen Toten bei uns hätten, der begraben werden müsse, was sie sehr ruhig anhörten, uns dann aber einen Platz anwiesen, wo dies am besten geschehen könne.
Sobald das Lager fertig war, sprach ich mit Mollah und Turdu Bai über die Beerdigung; sie schlugen vor, sie bis zum nächsten Morgen aufzuschieben und dann mit den üblichen Zeremonien vorzunehmen. Die Leiche wurde für die Nacht in das eine weiße Zelt gelegt und sollte von einem Wächter vor den Hunden geschützt werden.
Kalpets Beerdigungstag, der 12. September, brach strahlend hell und klar an; nur dann und wann segelte in der frischen Seebrise, welche die Wellen ans Ufer rauschen ließ, ein kreideweißes Wölkchen über den Himmel. Das Grab war schon fertig, und im Todeszelte waren Hamra Kul, Mollah Schah und Turdu Bai damit beschäftigt, die Leiche in ein Laken zu hüllen, nachdem sie vorschriftsmäßig gewaschen worden war. Dabei hatten sie sich das Gesicht außer den Augen mit weißen Binden umwunden, um nicht die Leichenluft einatmen zu müssen. Vor dem Zelte saß Rosi Mollah und las laut aus einem Gebetbuche. Das Grab war nicht viel mehr als einen Meter tief, und seine eine Längsseite bildete eine Höhlung, in welche die Leiche hineingeschoben werden sollte. Hierher lenkte der Leichenzug seine Schritte. In eine weiße Filzdecke gewickelt, lag der Tote lang, mager und kalt auf einer Kamelleiter und wurde von Mollah Schah, Islam, Li Loje, Chodai Kullu, Ördek, Hamra Kul und Kutschuk getragen (Abb. 269). Die improvisierte Bahre wurde auf den Rand des Grabes gestellt und Kalpet dann vorsichtig in seine letzte Ruhestätte hinabgelassen (Abb. 271), wobei Mollah Schah und der Mollah mit hinabstiegen, um ihn unter den Vorsprung, der sich über der Aushöhlung in der Seite des Grabes wölbte, zu legen. Der Mollah setzte sich dann und hielt folgende Rede an den Verstorbenen:
„Du bist ein rechtschaffener, rechtgläubiger Muselmann gewesen, du hast niemals einem von uns etwas zuleide getan, du läßt eine Lücke zurück, und wir beweinen dein Hinscheiden, du hast dem Tura gut und redlich gedient.“
Nachdem die beiden Männer aus dem Grabe gestiegen waren, wurde die Kamelleiter quer über die Öffnung gelegt und das Ganze mit einem Filzteppiche bedeckt, dessen Kanten mit Erdschollen beschwert wurden; darauf wurde der Grabhügel über dem Teppiche aufgeworfen, welch letzterer dieses Gewicht natürlich nicht sehr lange würde aushalten können, -- es bedurfte nur eines Regens oder des Darüberlaufens umherstreifender Yake, um das Ganze zum Einstürzen zu bringen. Als der Hügel fertig und am Kopfende mit einem ebenso vergänglichen Denkmale aus Erdschollen und einigen dar aufgestellten Steinen verziert war, warfen sich die Muselmänner um das Grab herum auf die Knie, hielten sich die Handflächen vor das Gesicht und murmelten leise Gebete, die nur dann und wann von den Gebetformeln des Mollah unterbrochen wurden.
Und dann war der feierliche Akt vorbei und Kalpet der Erde wiedergegeben. Wir kehren, wie aus einer Kirche, aus einer Sonntagsstimmung in der Wildnis, zu den Sorgen des Alltagslebens zurück. Wir packen unsere Habseligkeiten ein, brechen unsere Zelte ab, beladen unsere geduldigen Kamele, steigen zu Pferd und ziehen von diesem dritten Todeslager fort. Alles erscheint so eitel und zwecklos, wenn man eben am Rande eines Grabes gestanden hat, wo man sich von dem erhabenen Ernste des Lebens und des Todes durchdrungen gefühlt und das Stundenglas ablaufen gesehen hat. Und dann kommt man zu den unbedeutenden kleinen Sorgen eines neuen Tages zurück und setzt seine endlose Wanderung über die Gebirge ohne Rast und Ruhe fort! Auf der Karte steht neben diesem Lagerplatz ein schwarzes Kreuz. Heute ist das Grab sicherlich schon verschwunden. Die Nomaden treiben ihre Herden darüber hin, und ringsumher in den Bergen heulen in den Winternächten die Wölfe. Und sollte das Grab wirklich noch nicht verschwunden sein, so weiß doch keiner, wer der Tote war. Der Rechtgläubige ruht in heidnischer Erde, aber seine Ruhestätte ist doch mit Gebeten aus dem Koran geweiht worden.
Nach der Beerdigung kam Rosi Mollah mit folgendem Anliegen zu mir: „Ehe wir uns nach Beendigung dieser Reise trennen, gebt mir, bitte, ein schriftliches Zeugnis, daß Kalpet eines natürlichen, ehrlichen Todes gestorben ist, damit seine Brüder in Kerija nicht glauben, er sei von mir oder irgendeinem anderen von uns totgeschlagen worden.“ Dies versprach ich, und es geschah auch, worauf das Zeugnis nebst Kalpets Lohn an seine Brüder geschickt wurde.
Die Tibeter, die dem Begräbnisse zusahen, erlaubten sich die Bemerkung, daß wir uns viel zu viel Mühe damit machten. „Werft den Toten den Raben und den Wölfen hin!“ sagten sie. Dies tun sie selbst, wie wir bei einer spätern Gelegenheit mit eigenen Augen sahen.
Die Muselmänner verbrannten das Zelt, in welchem Kalpet aufgebahrt gestanden, seine Kleider und seine Stiefel. Bei der heutigen Gelegenheit waren alle üblichen Zeremonien beobachtet worden; als Aldat starb, war er wie er ging und starb begraben worden.
Heiterlächelnd verjagte der Tag die traurige Erinnerung des Morgens, und wieder entrollte die Erde, auf deren Oberfläche wir ein so flüchtiges, unsicheres Dasein führen, vor uns eine ihrer schönsten Landschaften. Auch jetzt gingen wir durch ein Felsentor im Südosten. Links zeigte sich noch einmal ein Teil des Selling-tso. Von einer niedrigen Paßschwelle erblickten wir nach Süden hin eine offene, weite Ebene, die ganz hinten vom Gebirge begrenzt wurde. Die Tibeter waren uns auf den Fersen. Links von uns lagen einige schwarze und zwei blauweiße Zelte, wohin sie sich begaben. Als wir dicht bei diesem Zeltdorfe waren, sprengte eine Reiterschar an mich heran und überbrachte mir die Nachricht, daß zwei hohe Herren aus Lhasa angelangt seien, weshalb sie uns bitten müßten, der Verhandlungen wegen in ihrer Nähe zu lagern. Anfangs weigerte ich mich und sagte, wir hätten mit diesen Leuten nichts zu schaffen, sondern würden weiterziehen. Doch als es nachher um ihr Lager herum von Soldaten zu wimmeln begann und mir gesagt wurde, daß sie mir Botschaft direkt aus Lhasa brächten, hielt ich es für das Klügste, wenigstens zu hören, was sie eigentlich wollten, und bat die Tibeter, ihren hohen Herren zu sagen, daß ich mit ihnen sprechen würde, wenn sie zu mir kämen.
Jetzt zeigten sich zwei ältere Männer in roten Gewändern. Sie saßen zu Pferd. Vier Fußgänger hielten jedes Pferd am Zügel und führten die hohen Herren zu mir, der ich im Sattel sitzen blieb. Sie grüßten höflich und sahen freundlich und gutherzig aus: die Berichte, die sie während der letzten Tage über uns erhalten hatten, waren sicher zu unserem Vorteil ausgefallen. Sie hatten mir, wie sie sagten, so wichtige Mitteilungen zu machen, daß ich unbedingt bei ihnen lagern müsse; nach vielem Wenn und Aber ging ich schließlich darauf ein.
Doch als wir unser Lager aufgeschlagen hatten, verging eine lange Zeit, ohne daß die Gesandten etwas von sich hören ließen. Ich schickte nun den Lama mit dem Bescheid dorthin, daß +sie+ uns gebeten hätten zu bleiben und sich nun gefälligst sputen möchten, wenn sie mir etwas so Wichtiges zu sagen hätten, da wir sonst wieder aufbrechen würden. Dies half. In ihrem Lager wurde es lebendig. Die beiden Gesandten kamen schleunigst aus dem Zelte und ritten zu uns; die Entfernung betrug kaum 150 Schritt. Der Sicherheit halber umgaben sie sich mit einer starken Eskorte, die jedoch nicht mit Feuerwaffen, sondern nur mit Schwertern bewaffnet war. Sie saßen ab und traten mit artigem Gruße in das Küchenzelt ein, das für Audienzen gewöhnlich ausgeräumt und mit einem bunten Chotaner Teppich geschmückt wurde. Auf diesem Teppich nahmen wir Platz, während draußen ein dichter Kreis von Kosaken, Tibetern und Muhammedanern um das Zelt herum stand. Der Lama, mein Dolmetscher, mußte zwischen uns sitzen.
Sie stellten sich als Mitglieder des „Dewaschung“, des Heiligen Rates in Lhasa, vor, denen der Auftrag geworden sei, mich zu verhindern, nach dieser Stadt zu reisen. Sie wußten, daß ich schon auf einem anderen Wege mit nur zwei Begleitern nach Lhasa zu reiten versucht hatte, aber aufgehalten und von Kamba Bombos Leuten über die Grenze gebracht worden sei. Nun hieß es wieder wie damals: „Nach Süden dürft ihr keinen Schritt weiter“, und dieses Thema wurde drei Stunden lang in allen möglichen Variationen wiederholt.
„Wir haben Millionen Soldaten, und wir werden euch daran verhindern!“
Als ich fragte, was sie wohl machen wollten, wenn wir doch nach Süden gingen, antworteten sie, das würde entweder ihnen oder uns den Kopf kosten.
„In unserer Order steht, daß wir enthauptet werden, wenn wir euch hier durchlassen, und dann können wir lieber erst mit euch kämpfen; das ganze Land ist voller Soldaten.“
Ich bat sie, sich unserer Köpfe wegen ja nicht aufzuregen, da sie an diese doch nicht herankönnten, denn teils hätten wir Beistand von höheren Mächten, teils besäßen wir fürchterliche Waffen.
Beide Gesandten wurden außerordentlich aufgeregt, schrien, schwitzten und gestikulierten, und als ich trotzdem ruhig blieb und ihre Drohungen mit trocknem Lachen erwiderte, platzten sie beinahe vor Ärger.
„Kari-sari? (was sagt er)“, fragten sie unaufhörlich.
„Er sagt, daß er nach Süden weiterziehen will.“
„Mig jori (wenn er Augen hat), wird er morgen sehen, wie wir eure Karawane zurücktreiben“, riefen sie; unaufhörlich schrien sie „mig jori, mig jori!“
Ich lachte nur und erwiderte schließlich:
„Mig jori, wenn ihr Augen habt, so paßt morgen auf, wenn wir südwärts ziehen; haltet aber eure Flinten bereit, denn es wird euch heiß um die Ohren werden!“
Da schlugen sie einen anderen Ton an und baten flehentlich, wir möchten doch endlich die Reise nach Süden aufgeben. Wenn wir auf demselben Wege, den wir gekommen, wieder umkehren wollten, sollten wir Führer und Proviant und alles, was wir nur brauchten, haben, ja, dann würde alles in jeder Hinsicht gut werden.
Ich hatte gar nicht die Absicht, noch weiter „wider den Stachel zu löcken“; tatsächlich hatte ich für diesmal genug von Tibet und sehnte mich nach Ladak und noch mehr nach Hause, nach meiner schwedischen Heimat. Spaßeshalber aber sagte ich noch einmal, daß alle ihre Versuche vergeblich seien.
„So“, antworteten sie, „nun gut, wir werden nicht auf euch und eure Leute schießen, aber wir werden eure Reise unmöglich machen!“
„Wie soll das geschehen?“
„Zehn, zwanzig von unseren Soldaten werden je einen eurer Reiter festhalten, und ebenso viele jedes Kamel, wir werden eure Tiere festhalten, bis sie nicht mehr stehen können und stürzen.“
„Wenn wir dann aber auf euch schießen?“
„Das macht nichts; wir werden auf jeden Fall getötet, wenn wir euch durchlassen. Wir haben bestimmte Befehle aus Lhasa erhalten.“
„Zeigt mir sie, dann werde ich nicht weiter nach Süden gehen“, antwortete ich.
„Sehr gern“, sagten sie und ließen das Papier aus dem Zelte der Gouverneure holen. Es wurde von dem jüngeren Gesandten vorgelesen und war ein recht merkwürdiges Aktenstück. Schereb Lama las mit und konnte kontrollieren. Nach einer ersten Vorlesung und Übersetzung nahmen wir es langsam Punkt für Punkt noch einmal durch, so daß ich es in mongolischer Sprache mit lateinischen Buchstaben abschreiben konnte. Später übersetzte ich es ins Schwedische.
Es lautete, wie folgt. Zuerst die Adresse auf der Außenseite des zusammengefalteten Papieres:
„Im Jahre der eisernen Kuh, den sechsten Monat, am 21. Tage. Dieses Schreiben soll den beiden Gouverneuren von Nakktsong zu Händen kommen. Es ist vom Dewaschung und wird mit der Post befördert. Im siebenten Monate, am 22. Tage muß es angelangt sein.“
Und dann das Schreiben selbst:
„Im Jahre der eisernen Kuh, im sechsten Monate, am 19. Tage ist hier von dem Gouverneur von Nakktschu ein Schreiben angekommen, daß der Sekretär der Mongolen Tsange Chutuktu, der Lama Sandsche, nebst mehreren Pilgern die Wallfahrt nach Dscho-mitsing in Hamdung gemacht hat und er sowohl wie Tugden Dardsche dem Gouverneur von Nakktschu (also Kamba Bombo) gewisse Mitteilungen gemacht haben.
„Der Gouverneur von Nakktschu hat (seinerseits) dem Dewaschung (folgende) Mitteilungen gemacht. Tsanges Sekretär hatte gesagt, daß er um die Zeit, als er sich auf den Weg gemacht, europäische Männer gesehen habe und eine Strecke weit in ihrer Gesellschaft gereist sei. Nachdem sie eine Menge Kleidungsstücke gekauft, seien sie weitergezogen. Im Basare habe er zwei Russen gesehen. «Wohin reist ihr», habe er gefragt, «seid ihr Lamas?» «Wir sind Lamas», hätten sie geantwortet. Der Arzt Schereb Lama, ein Chalchamongole, sei mit ihnen zusammengereist und ihr Führer gewesen. Unterwegs habe er sechs russische Leute marschieren sehen. Eine Menge Kamele und Leute seien im Anzuge.
„Nach Namru und Nakktsong sollen schleunigst Schreiben abgesandt werden, so daß es überall bekannt wird, daß von Nakktschu an und landeinwärts, soweit mein (d. h. des Dalai-Lama) Reich reicht, russische (europäische) Männer keine Erlaubnis erhalten, nach Süden zu ziehen. An alle Häuptlinge sollen Schreiben erlassen werden. Bewacht die Grenzen von Nakktsong; es ist notwendig, das Land Stück für Stück streng zu bewachen. (Diese Stelle lautet auf Mongolisch. “Nakktsäng-tsonguin tsachar hara, gadser gadser sän harreha kerekté„. Die Provinz wird hier also «Nakktsäng-tsong» genannt, aber sonst hörten wir sie stets kurzweg «Nakktsong» nennen, wie auch der See Nakktsong-tso hieß.) Es ist absolut unnötig, daß europäische Männer in das Land der heiligen Bücher kommen, um sich dort umzusehen. In der Provinz, die euch beiden untertan ist, haben sie durchaus nichts zu suchen. Wenn sie sagen, daß es notwendig sei (so wisset), daß diese beiden Anführer nicht nach Süden reisen dürfen. Sollten sie dennoch ihre Reise fortsetzen, so verliert ihr euren Kopf. Zwingt sie, umzukehren und den Weg, auf dem sie gekommen sind, wieder zurückzugehen.“
Durch dieses Schreiben kam für uns Licht in verschiedene Punkte, die uns bisher dunkel geblieben waren. Lama Sandsche und Tugden Dardsche gehörten zu der Karawane von mongolischen Pilgern, die im Mai 1900 Tscharchlik passiert hatte. Schon in Korla und Kara-schahr waren sie mit meinen burjatischen Kosaken und mit dem Lama zusammengetroffen, und die Mitteilungen, die sie hierüber gemacht hatten und die hier in dem Dokumente angeführt waren, entsprachen in der Hauptsache der Wahrheit. „Eine Menge Kamele und Leute“, bezieht sich auf die große Karawane unter Tschernoff und Turdu Bai.
Sobald sie in Nakktschu angelangt waren, hatten sie Kamba Bombo über alles Geschehene Bericht erstattet, und dieser hatte sofort einen Kurier nach Lhasa an den Dewaschung gesandt. Der Kurier langte am 19. des 6. Monats in Lhasa an, und schon am 21. wurde das ganze Land im Norden und Westen der Hauptstadt, besonders die Provinzen Namru und Nakktsong, benachrichtigt, daß scharf aufgepaßt und das Eindringen von Europäern in das Land verhindert werden müsse. Der Ausdruck „die Provinz, welche euch beiden untertan ist“ beweist, daß das Schreiben, welches mir jetzt vorgelesen wurde, besonders an die beiden Gesandten, die uns hier am Nakktsong-tso den Weg versperrten, gerichtet war. Der ältere hieß Hladsche Tsering, der jüngere Junduk Tsering. Sie sind also die Gouverneure von Namru und Nakktsong. Doch nach anderen Aufklärungen, die wir erhielten, scheint es, als hätten sie sich zur Zeit von Kamba Bombos Schreiben zufällig in Lhasa aufgehalten und dort die eben angeführte Order persönlich in Empfang genommen. Ihnen waren auch eine Menge Einzelheiten von meinem ersten Vordringen nach Lhasa und von Kamba Bombos Art und Weise, uns festzunehmen, bekannt. Mit „diese beiden Anführer“ sind sicherlich Tschernoff und Sirkin gemeint, denn wir hatten, als Kamba Bombos Leute uns festnahmen, erklärt, daß im Hauptquartiere zwei Europäer seien, die Rache nehmen würden, wenn uns ein Leid widerführe. Wie wir gefürchtet, hatten die mongolischen (tangutischen) Pilger uns einen bösen Streich gespielt! Doch auch ohne ihre Angeberei hätten wir bald festgesessen, denn sowohl Kamba Bombo wie jetzt Hladsche Tsering erzählten, daß Yakjäger, die uns gesehen, sofort Bericht darüber erstattet hätten.
Ich konnte darauf nichts weiter erwidern, als daß alles in Ordnung und sie völlig in ihrem Rechte seien, uns den Weg zu versperren, und ich sagte ihnen ehrlich, daß die von ihnen beobachtete Absperrungspolitik die einzige sei, die ihr Land vor dem Untergange bewahren könne.
„Rund um Tibet herum, im Norden, im Süden und im Westen haben die Europäer entweder die Länder eurer Nachbarn erobert oder sie von sich abhängig gemacht; jetzt geht auch China allmählich unter, euer Land ist in Asien das einzige, das noch unberührt ist.“
„Re, re“, antworteten sie, „so wollen wir es haben! Es tut uns euretwegen sehr leid, daß ihr nicht nach Lhasa reisen könnt, aber wir müssen unseren Befehlen gehorchen. Für uns wäre es viel angenehmer gewesen, wenn wir Befehl erhalten hätten, euch nach Lhasa zu führen und euch alles zu zeigen.“
Um eine Aufklärung zu erzwingen, fragte ich, ob sie etwas dagegen hätten, meinen chinesischen Paß nach Lhasa zu schicken, während welcher Zeit wir ja die Antwort zusammen erwarten könnten.
„Unter keiner Bedingung, und zwar aus zwei Gründen. Erstens hat der Kaiser von China hier bei uns überhaupt nichts zu sagen, und zweitens würden wir dann beim Dewaschung in den Verdacht geraten, in eurem Interesse tätig zu sein, und im günstigsten Falle abgesetzt werden.“
Schereb Lamas Name kam in dem Dokumente vor. Hier hatten sie ihn leibhaftig vor sich. Sie sagten ihm, daß, wenn es nicht meinetwegen wäre, sie ihn eigentlich mitnehmen und an die Behörden von Lhasa ausliefern müßten, von denen er seine wohlverdiente Strafe erhalten würde, weil er einen Europäer nach Lhasa habe führen wollen. Sein Name sei jetzt in dieser Stadt bekannt und stehe schon im Buche der Verdächtigen. Es sei für ihn selbst das Beste, sich in der heiligen Stadt nie wieder sehen zu lassen. Sie hielten unserem armen Lama eine donnernde Strafpredigt. Aber jetzt, da sein Spiel doch verloren war, nahm auch er kein Blatt mehr vor den Mund; er legte ordentlich los, machte die beiden Gesandten schonungslos herunter und fragte, mit welchem Rechte sie einen Lama züchtigen wollten, der kein tibetischer Untertan sei; er habe von dem chinesischen Gouverneur in Kara-schahr Erlaubnis erhalten, mit mir zu reisen; der Prior seines dortigen Klosters habe gleichfalls seine Einwilligung dazu gegeben, und er werde bei seiner Rückkehr berichten, wie die tibetischen Behörden sich betragen hätten. Da ich fürchtete, daß der Zank in Handgreiflichkeiten übergehen würde, holte ich die große Spieldose, deren Musik wie Öl auf die Wogen wirkte.
Hladsche Tsering war übrigens der Typus eines tibetischen Gentleman, ein wirklich netter, gemütlicher alter Onkel, von dem schließlich alle Mitglieder unserer Karawane, sogar der Lama, entzückt waren (Abb. 272). Niemand wird mir widersprechen, wenn ich sage, daß er viel mehr Ähnlichkeit mit einem runzeligen, alten Mütterchen als mit einem gebieterischen Statthalter hatte. Man betrachte nur das Bild, das ich von ihm zeichnete. Sein völlig bartloses Gesicht, die Art, wie er sein Haar trug, der Zopf, die Mütze mit dem Amtsknopfe, die Ohrringe, alles trug dazu bei, ihm einen so stark femininen Anstrich zu geben, daß ich ihn in vollem Ernst fragte, ob er am Ende nicht doch ein altes Weib sei. Diese Aufrichtigkeit, die manches andere männliche Individuum sehr übel genommen haben würde, machte auf Hladsche Tsering einen ganz guten Eindruck; er lächelte freundlich, nickte und verzog sein Pergamentgesicht zu den muntersten Grimassen, hielt sich die Hand vor die Augen, lachte schließlich derart, daß ihm die Tränen über die Wangen liefen, und versicherte, er sei wirklich ein Mann.
Um 7 Uhr abends ging ich mit Schagdur und dem Lama nach seinem Zelte und kam erst um Mitternacht wieder nach Hause. Jetzt wurde von unseren Plänen kein Wort mehr gesprochen, wir amüsierten uns nur und scherzten miteinander wie zwei junge Studenten. Jeder prahlte mit seinen Waffen. Daher schlug ich vor, Schagdurs Säbel gegen ein tibetisches Schwert zu probieren. Nach der Probe sah dieses wie eine Säge aus, aber später sahen wir auch mehrere von ziemlich gutem Stahl. Hladsche Tsering zeigte uns, daß er auch einige recht brauchbare Revolver hatte.