Im Herzen von Asien. Zweiter Band.
Part 30
Nun entspann sich die gewöhnliche zwecklose Unterhandlung. Der alte Häuptling, der übrigens ein sehr netter, liebenswürdiger Herr von angenehmem Äußern und aufrichtig in seiner Rede war, bat, als alles nichts half, wir möchten doch wenigstens noch vier Tage hierbleiben, während er Kuriere nach Lhasa senden und die Antwort des Dewaschung oder „Heiligen Rates“ in jener Stadt erwarten wolle. Ich sagte ihm, wir hätten keine Zeit dazu und gedächten morgen südwärts weiterzuziehen.
„Dann folgen wir euch, und wir werden euch schon daran verhindern, nach Lhasa zu gehen; wir erhalten bald Verstärkung.“
„Wenn ihr uns daran verhindern wollt“, antwortete ich, „so müßt ihr schießen, bedenkt aber, daß auch wir Gewehre haben.“
Da schüttelte der alte Mann den Kopf und versicherte, daß sie nie daran gedacht hätten, zu schießen, und fügte hinzu, daß so harte Worte zwischen uns nicht gewechselt zu werden brauchten. Ein paar Geschenke, die ihm angeboten wurden, schlug er aus, fügte aber hinzu:
„Wenn ihr hier vier Tage wartet, werde ich eure Gaben mit Vergnügen annehmen und erwidern, außerdem sollt ihr alles haben, was ihr für die Reise nach Ladak an Proviant und Karawanentieren braucht.“ --
Am Abend kam Kalpet in mein Zelt und beklagte sich schluchzend, daß einer der Leute ihn geschlagen habe. Ich hielt ein Verhör ab und ermahnte alle, freundlich gegen ihn zu sein, und Tschernoff, welcher der Oberaufseher der Karawane war, erhielt noch speziell den Auftrag, ihn zu pflegen. Der Mann tat mir schrecklich leid, denn er war eine Verkörperung der trostlosesten Verlassenheit, und nie werde ich den kummervollen Blick vergessen, der in seinem Auge lag und der sich in unendliche Dankbarkeit verwandelte, als ich seine Partei nahm und ihn mit den geeignetsten Drogen der Arzneikiste behandelte. Als ich ihn später besuchte, aß er mit gutem Appetit Reispudding, und ich glaubte, daß er an vorübergehender Bergkrankheit leide.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Tibetische Truppen versperren uns wieder den Weg.
Einer der Kamelveteranen von Kaschgar, der mehrere unserer Wüstenreisen mitgemacht hatte, war nicht mehr imstande, sich zu erheben, als wir am 7. September vom Lager 75 und den Steppen der „schwarzen Mütze“ fortzogen. Er wurde daher getötet; sein Skelett sollte als Andenken an unseren Besuch liegenbleiben.
Als die Karawane beladen wurde, kam der Bombo und machte einen letzten verzweifelten Versuch, uns zum Bleiben zu bewegen. Ich erklärte ihm rund heraus, daß unser Weg nach Süden führe. Da schwieg er und ging seiner Wege.
Wir folgten nun auf hartem, ebenem, vortrefflichem Boden dem Seeufer nach Westsüdwest. Rechts von unserem Wege erhebt sich ein jäh abfallender Landrücken, an dessen Fuß die Tibeter entlangreiten, -- sie sind jetzt 63 Mann stark. An einem Punkte, wo der See nach dieser Richtung hin ein Ende zu haben schien, zeigte die Weide ganz vortreffliches, dichtes, üppiges Gras; daher rasteten wir dort der Tiere wegen eine Weile. Nun kamen die Tibeter ebenfalls herangesprengt, schlugen in unserer Nähe ihre Zelte auf, sattelten ihre Pferde ab und ließen sie grasen. Sie nahmen wohl fest an, daß auch wir hier lagern würden. Bald darauf zeigten ihre Feuer, daß sie zu frühstücken beabsichtigten.
Unsere verdutzten Späher zurücklassend, steuern wir nach Südwesten, während das Seeufer nach Süden und Osten umbiegt. Wir gingen über vier alte Uferlinien, die außerordentlich deutlich von mächtigen Kieswällen markiert wurden, deren letzter und höchster sich wohl 50 Meter über den jetzigen Spiegel des Sees erhob. Von dem Walle hatten wir eine prächtige Aussicht über die blaue, klare Wasserfläche des +Selling-tso+. Dieser scharfsalzige See ist also in energischem Abnehmen begriffen; er schrumpft periodenweise zusammen und hinterläßt die Wälle als unverkennbare Wahrzeichen seiner früheren Ausdehnung.
Das vor uns liegende Terrain ist jetzt ziemlich eben, bis wir einen neuen Wall erreichen, der nach Nordwesten abfällt, wo sich wieder ein See zeigt. Darauf stehen wir am Rande einer außerordentlich eigentümlichen Bodensenkung, einer eiförmigen Arena, in deren Mitte einige Süßwassertümpel liegen. Unmittelbar südlich erhebt sich ein Bergrücken, der sich in westöstlicher Richtung hinzieht und dessen senkrechte Seitenwände einige hundert Meter hoch sind. Wir zogen nach seinem westlichen Ende. Jetzt tauchten auf einem Hügel acht Tibeter auf und beobachteten uns von dort. Als sie bald darauf wieder verschwanden, ahnte ich, daß wir uns auf einer Halbinsel befanden und daß sie glaubten, uns vorläufig wie in einem Sacke gefangen zu haben.
Sirkin und Schagdur wurden daher vorausgeschickt, um zu rekognoszieren, indes wir langsam weiterzogen. An dem Punkte, wo die Felswand jäh in das Wasser fällt, kamen sie uns entgegen und erklärten, es sei noch derselbe See. Wir waren also auf einer Halbinsel gewandert, die ihre felsgekrönte Front nach Süden kehrt. Es war immerhin den Umweg wert, daß ich die Karte auch an diesem Punkte vervollständigen konnte. In schönster Ruhe wandten wir uns um nach Nordnordosten und entfernten uns ein wenig vom Ufer des Selling-tso.
In einer Felsschlucht „fand“ Tscherdon zehn mit Fett gefüllte Schafmagen und nahm vier davon mit. Ganz dicht bei einem am Ufer liegenden kleinen Zeltdorfe lagerten wir. Die Gegend hieß +Tang-le+; die Bewohner waren nette Leute, weigerten sich aber ganz entschieden, etwas zu verkaufen. Ich zeigte ihnen die Fettmagen und fragte, was sie kosteten. Drei Tsos (die landesübliche Silbermünze in Lhasa, zirka 60 Pfennig) das Stück, antworteten sie; da mir aber der Preis viel zu hoch war, gab ich ihnen ihr Fett wieder und ließ sie gehen, nachdem sie die Bemerkung des Lama, daß, wenn wir nicht so gute Menschen gewesen wären, wie wir nun einmal seien, wir alle zehn Magen einfach hätten behalten können, gleichgültig angehört hatten, ohne ein Wort zu sagen.
Die Tibeter lagerten ein paar Kilometer von uns, außer fünfzehn Mann, die ihr Zeltdorf bei unserem Lager aufschlugen. Im Laufe des Abends führten sie verschiedene Manöver und Kampfspiele aus und schossen nach der Scheibe. Beinahe den ganzen Tag fiel dichter Regen, und ein paarmal fuhren heftige Windstöße mit solcher Gewalt über das Land hin, daß wir Halt machen und warten mußten. Mit Kalpet wurde es immer schlechter, er mußte auf seinem Reitpferde festgebunden werden, um nicht herabzufallen. Tschernoff war sein Krankenpfleger und ritt neben ihm. Am nächsten Morgen bat der Kranke, zurückgelassen zu werden, welche Bitte natürlich nicht gewährt wurde. Statt dessen wurde er so bequem wie möglich zwischen zwei Zeltballen auf ein Kamel gebettet.
Wenn nicht so frischer Wind gegangen wäre, würde ich den Weg über den See eingeschlagen haben, nun aber mußte ich mit der Karawane am Nordufer, das sich ziemlich gerade nach Westen hinzieht, entlangmarschieren. Sobald wir anfingen zu beladen, machten sich auch die Tibeter bereit, und nach einem Marsche von einigen Kilometern ritt unser alter Bombo mit zwölf Mann an uns heran und machte einen letzten verzweifelten Versuch, uns zu bewegen, geraden Weges nach Ladak zu ziehen. Als ich ihm jedoch sagte, ich ginge, wohin es mir passe, und er würde uns keine Furcht einjagen können, wenn er auch zehntausend Mann aufböte, sah er sehr niedergeschlagen aus und teilte mir mit, er werde uns jetzt unserem Schicksal überlassen und nach seinen Zelten im Nordwesten zurückreiten, worauf ich ihm glückliche Reise wünschte. Die Schar verschwand denn auch in jener Richtung, und es war wirklich schön, im Laufe des Tages unbelästigt zu bleiben. Erst gegen Abend tauchten in der Ferne zwei Reiter auf, offenbar Kundschafter, verschwanden aber wieder zwischen den nördlich von unserem Wege liegenden Hügeln.
Auch hier sind alte Uferwälle deutlich ausgeprägt, manchmal kann man auf einem solchen stundenlang wie auf einer Straße reiten. Nach Süden hin erstreckt der See seinen gewaltigen, blau und grün schillernden Spiegel bis in die weite Ferne.
Schließlich biegt das Seeufer nach Südwesten und Südsüdwesten ab. Zwischen einem Gewirr von Schlamminseln war das Wasser süß, hier mußte also ein Fluß münden. In kurzem gelangten wir an sein Ufer, und Schagdur machte bald eine vortreffliche Furt mit hartem Kiesboden ausfindig. Das Wasser war kristallklar, der Fluß mußte also von einem weiter aufwärts im Tale gelegenen See kommen. Beim Rekognoszieren hatte Schagdur einige Wildenten gesehen und vier geschossen, die flußabwärts trieben und von uns aufgefischt wurden. Zwei anderen, die nur verwundet waren, gelang es, an uns vorbei nach der Mündung zu kommen. Tscherdon ritt jedoch kühn mitten in den Fluß hinein und köpfte die eine mit seinem Säbel. Die andere verschwand zwischen den unzähligen Möwen, die sich in dem Mündungsgebiet aufhielten und das Wasser weißgetüpfelt erscheinen ließen. Ihre Anwesenheit schien auf das Vorkommen von Fischen in diesem Flusse hinzudeuten. Der Platz war viel zu einladend, als daß wir daran hätten vorbeigehen können; wir lagerten auf dem Gipfel der rechten Uferterrasse.
Kaum war das Lager errichtet (Abb. 266), so sahen wir schwarze Linien im Nordwesten und Nordosten. Es waren unsere zudringlichen Wachen; von Nordwesten kamen 53, von Nordosten 13, sie hatten jetzt eine nicht geringe Anzahl Packpferde bei sich. Sie waren augenscheinlich nur fortgewesen, um sich zu verproviantieren und sich für einen längeren Feldzug zu rüsten. Sie gingen an derselben Stelle wie wir über den Fluß und jagten dann in wildem Laufe vor, hinter und durch die Zelte, als wollten sie uns niederreiten! (S. bunte Tafel.) Doch, während sie heulten und ihre Lanzen über dem Kopfe schwangen, schienen sie uns nicht zu bemerken; sie streiften uns mit keinem Blicke, sondern ritten nur vorbei wie ein Wirbelwind, wie eine rollende Lawine. Die Schar sah malerisch aus in ihren bunten Gewändern und oft recht schönen Säbeln, ihren an den Gabelenden der Flinten befestigten weißen und roten Fähnchen und den Schwertern in silbernen Scheiden.
Im Südwesten von uns machten sie zu einer längeren Beratung Halt. Drei Männer traten vor, und die anderen sammelten sich in drei verschiedene Gruppen um sie, wie es schien, um zu lernen, wie mit Flinten umgegangen wird, denn diese waren die ganze Zeit über Anschauungsmaterial. Von Zeit zu Zeit stießen alle auf einmal ein seltsames Geheul aus. Dann wurden die Zelte aufgeschlagen, und die Männer ließen sich an ihren Feuern nieder.
Das Lager der Tibeter war auf einer unbedeutenden Anhöhe, die unsere Zelte beherrschte, aufgeschlagen, und die Kosaken hatten beobachtet, daß alle Flinten in eine Reihe mit der Mündung nach unserem Lager gelegt worden waren. Sie meinten, es sehe aus wie eine Schützenlinie und es sei nicht unmöglich, daß wir über Nacht einem mörderischen Feuer ausgesetzt werden sollten. Daher begab ich mich, als es dunkel geworden war, mit dem Lama und Schagdur nach dem Lager der Tibeter und ging in das Zelt des Bombo, wo ich höflich bewillkommnet und mir Tee und Tsamba vorgesetzt wurden. Innerhalb einer Minute war das Zelt vollgepfropft von Tibetern. Ich weigerte mich, an der Mahlzeit teilzunehmen, weil, wie ich sagte, der Bombo nicht angerührt habe, was ihm bei uns angeboten worden sei. „Re, re, re“, rief er („Wahr, wahr, wahr“). Er fragte nach meinem Namen, und ich erwiderte ihm, daß er ihn erfahren solle, wenn er mir sage, wie der Fluß heiße; er hatte aber keine Lust, auf den Tausch einzugehen. Später erfuhren wir jedoch, daß der Fluß +Jaggju-rappga+ hieß. Auf meine Frage, ob es im Flusse Fische gebe, wurde mir geantwortet. „Ja, in großer Menge.“ Ich versprach, den nächsten Tag hierzubleiben, aber nur unter der Bedingung, daß sie mir, um die Wahrheit ihrer Worte zu beweisen, bei Sonnenaufgang einen mittelgroßen Fisch in mein Zelt brächten. Sie versprachen, ihr Bestes zu tun, und erhielten leihweise ein Netz, von dem sie aber gar nicht wußten, wie sie es benutzen sollten.
Am frühen Morgen erschienen vor meinem Zelt einige Tibeter mit dem Netze, in dessen Maschen ein kleiner Fisch gefangen war. Sie waren mit ihrer Beute sehr zufrieden und versicherten, daß sie bei dem Fange beinahe umgekommen seien. Unsere Wachtposten hatten indessen beobachtet, daß einige Tibeter sich mit Tagesgrauen nach der Flußmündung begeben und dort eine Möwe belauert hatten, als sie gerade einen Fisch gefangen hatte. Diese hatten sie durch Steinwürfe gezwungen, ihre Beute an einer leicht erreichbaren Stelle fallen zu lassen. Unserem Versprechen gemäß blieben wir auf alle Fälle hier, um zu fischen.
Tscherdon und alle Muselmänner, außer unseren erfahrenen Lopfischern Kutschuk und Ördek, sollten das Lager bewachen; die drei übrigen Kosaken durften mitkommen. Von einer Masse von Tibetern gefolgt und von einem Kamele, welches das Boot trug, begleitet, ritten wir am rechten Ufer aufwärts, bis wir an eine Biegung gelangten, wo der Fluß zwei kleine Wasserfälle bildet, von denen der obere meterhoch ist, der untere aber nur 30 Zentimeter Fallhöhe hat. Hier donnert und kocht die Wassermasse in fest verkitteten Geröll- und Tonschlammschwellen. Das Bett ist eng und so tief, daß das Wasser blauschwarz aussieht. Unterhalb des unteren Wasserfalles bildet sich ein langsamer Wirbel, in den das Netz vom Ufer aus spiralförmig hinabgesenkt wurde. Dadurch, daß wir in einer Kurve ruderten, mit den Rudern schlugen, schrien und lärmten, jagten wir die Fische in das Netz hinein und fingen jedesmal zwei bis drei von ihnen. Nachdem ich 28 Stück gefangen hatte, ließ ich die anderen weiterfischen. Die Kosaken angelten vom Ufer aus und hatten auch guten Fang. Tschernoff schoß einige Wildenten, die wir mit dem Boote auffingen. Kurz, wir hatten einen entzückenden, erfrischenden Tag und eine angenehme Abwechslung nach den langen, anstrengenden Karawanenmärschen. Daß der Hagel alle Augenblicke auf uns niederprasselte, störte uns wenig; die Tibeter saßen auf der Uferterrasse und glichen, schwarz wie sie waren, einer Reihe Krähen auf einem Dachfirst.
Vom Fischereiplatze trieb ich mit schwindelnder Fahrt nach dem Lager zurück. Eine Schar Wildenten flog eilig vor uns her; wir fuhren weiter bis an die Stelle, wo sich der Fluß in den Selling-tso ergießt, und von dort ging ich nach Hause, während Ördek die Jolle nach dem Lager zurückrudern und stoßen mußte. Der Fluß sollte nämlich gemessen werden, und dabei ergab sich, daß er 34,6 Kubikmeter Wasser in der Sekunde führte.
Dreißig Tibeter mit dem Bombo an der Spitze besuchten mich am Abend. Sie waren so freundlich, mir zwei Schafe und drei Kübel voll prächtiger Milch zu schenken, wahrscheinlich als Belohnung dafür, daß wir, wie sie uns gebeten hatten, einen Tag hiergeblieben waren. Sie durften jetzt den Tönen der Spieldose lauschen und mehrere unserer Sehenswürdigkeiten betrachten, und der Bombo nahm die Geschenke an, die ihm angeboten wurden.
Die Kosaken sahen dem Scheibenschießen der Tibeter zu. Der Abstand betrug nur 40 Meter, und ein kleines Holzbrett an einer Stange diente als Scheibe. Von dreißig Schützen vermochten nur drei das Brett zu treffen -- ein mehr als klägliches Resultat. Die Kosaken baten, auch einen Versuch machen zu dürfen, aber darauf wollten sich die Schützen durchaus nicht einlassen; sie fürchteten wohl, übertroffen zu werden.
Als ich am nächsten Morgen geweckt wurde, waren die Lopleute schon eine gute Weile beim Fischen gewesen, und ich wies daher den Entenbraten, der sonst hätte mein Frühstück bilden sollen, zurück.
Der Morgen versprach mehr, als der Tag halten konnte. Er war schön und sonnig, aber kaum waren wir in Gang gekommen, so zogen die schwarzblauen Wolkenwände, die am Horizonte lauerten, herauf und entluden ihren Inhalt. Die Folge davon waren Hagel, Sturm, nasser Schnee und Platzregen, so daß der Boden wieder naß und schlüpfrig wurde. Der Tagemarsch war demnach in mehrerer Beziehung düster. Die Tibeter ermüdeten uns mit ihrem ewigen Quälen, daß wir umkehren sollten, und mit unseren beiden Kranken sah es auch schlecht aus; besonders Kalpets Zustand hatte sich sehr verschlimmert.
Durch das natürliche, imposante Felsentor, das durch eine Unterbrechung der im Süden des Jaggju-rappga-Tales liegenden Kette gebildet wird, ziehen wir nach Südosten. Über den Klüften und Vorsprüngen zur Rechten kreist ein Königsadler, wahrscheinlich derselbe, den wir gestern den Wildenten hatten auflauern sehen. Die Felstauben, die zierlich und elegant auf dem Boden trippelten, schienen vor dem Adler nicht den geringsten Respekt zu haben. Kulane und Orongoantilopen zeigen sich überall; sie, wie die Fische, scheinen gewohnt zu sein, daß sie von den Menschen in Frieden gelassen werden. Auf Delikatessen verstehen sich die Tibeter nicht. „Ebenso gut, wie man Fische ißt“, sagen sie, „könnte man ja Schlangen und Eidechsen verzehren; das ist genau dasselbe.“
Die Bergkette zieht sich wie eine Halbinsel in den See hinein. Auf ihrer Südseite reiten wir durch einen bedeutenden Fluß namens +Alla-sangpo+, und zu unserer Linken dehnt sich wieder der marineblaue Spiegel des Selling-tso aus. Hier und dort steht am Ufer ein Zelt. Im Südwesten zeigt sich bisweilen eine verwirrende Welt von Bergen, meistens aber verhüllen Regengüsse und Hagelschauer die Landschaft, so daß Dämmerung herrscht und ich ausschließlich nach dem Kompaß marschieren muß. Der Erdboden war ein einziger Sumpf. Die Tibeter ritten einen anderen Weg, und wir zogen es schließlich vor, ihnen zu folgen; doch jetzt machten sie Halt und meinten, daß wir uns selbst helfen könnten! Am Ufer zeigten sich Massen von Wildgänsen, die noch rechtzeitig vor unseren Gewehren flüchteten. Einen Augenblick klärte es sich über dem ausgedehnten See auf, und wir konnten leicht mehrere Stellen wiedererkennen, die wir am anderen Ufer passiert hatten, besonders die kleine Bergkette auf der Halbinsel, auf der wir hatten umkehren müssen.
Links lassen wir auch an unserem Ufer eine derartige kleinere Kette hinter uns zurück. Wir beabsichtigten gerade, zu einer Schwelle in Südsüdosten hinaufzuziehen, als Kutschuk und Chodai Kullu heransprengten und atemlos verkündeten, daß es Kalpet sehr schlecht gehe. Ich eilte dorthin und fand ihn mehr tot als lebendig inmitten der anderen auf einer Decke am Boden liegen. Er bat um Wasser; da es dieses in der Nähe nicht gab, durfte er so viel Milch trinken, als er konnte. Seine Augen hatten einen strahlenden, intensiven, aber glasigen Ausdruck; seine Gesichtsfarbe war gelb, die Lippen weiß.
An einem großen Tümpel mit Regenwasser lagerten wir bei strömendem Regen. Eines der Zelte wurde als Lazarett eingerichtet, und hier fand Kalpet Schutz vor der Witterung. Er lag ganz still und schien keine Schmerzen zu fühlen. Eine leichte Dosis Morphium verhalf ihm zum Schlaf. Der alte Muhammed Tokta, der auch ins Lazarett gebracht wurde, hatte eine schauerliche Krankheit. Sein ganzer Leib war geschwollen und sein Gesicht eine einzige Geschwulst; es war nicht gut für ihn, seinen Unglücksgefährten mit dem Tode ringen zu sehen.
Auch heute Abend kam unser Bombo auf Besuch, und als wir ihn baten, uns Milch aus dem nächsten Zeltdorfe zu besorgen, sagte er, daß die Pocken dort grassierten; falls wir dorthin gehen wollten, könnten wir es tun; er seinerseits danke dafür. Er brachte drei neue Gesichter mit, darunter einen alten, sehr netten Lama. Sie erklärten, direkt von den Gesandten zu kommen, die der Dalai-Lama ausgeschickt habe, um uns zu verhindern, nach Lhasa zu gehen. Dann folgten die gewöhnlichen Unterhandlungen und Bitten, daß wir doch um Himmels willen bleiben möchten, wo wir seien, damit wir nicht nur uns, sondern auch sie nicht ins Unglück stürzten. Die Gesandten von Lhasa seien nicht mehr weit und würden in zwei Tagen hier eintreffen. Ich blieb unbeweglich und sagte ihnen, es sei eine Schande, friedliche Gäste auf diese Weise zu behandeln und uns mit Hunderten von bis an die Zähne bewaffneten Spionen zu umgeben. Wir beabsichtigten nicht, Krieg zu führen, und hätten alles, was wir gekauft, ehrlich bezahlt. Über unsere Pläne würde ich nicht eher Auskunft geben, als bis die Gesandten angelangt seien. Sie waren verblüfft und sahen sehr sorgenvoll aus.
Um 7 Uhr erhob sich ein so heftiger Sturm, daß das ganze Lager fortzufliegen drohte und die Zelte von der Wucht des Hagels und Regens beinahe zu Boden gedrückt wurden. Nach einem letzten Besuche im Lazarettzelte (Abb. 267), wo Kalpet ruhig schlief und Muhammed Tokta über sein Herz klagte, gingen wir zur Ruhe, um die Sorgen des Tages in den Armen des Schlafes zu vergessen.
Sobald ich am 11. September aufgestanden war, besuchte ich die Kranken. Muhammed Tokta war unverändert; er war bei klarem Bewußtsein und scherzte sogar, hatte aber gemerkt, daß er allmählich das Gefühl in den Fingern verlor. Schlimmer war es mit Kalpet. Er rang mühsam nach Atem, seine Wangen waren eingefallen, aber die Augen hatten ihren Glanz beibehalten. Es schien mit ihm zu Ende zu gehen, aber er sprach vernünftig und sagte, er habe eine „kattik kessel“ (schwere Krankheit) und sei noch kränker davon geworden, daß einer seiner Kameraden ihn vor einigen Tagen geschlagen habe. In Wirklichkeit war es damit, wie sich herausstellte, nicht so schlimm gewesen, aber die Erinnerung daran erfüllte den Sterbenden ganz und gar, und er wußte von nichts anderem zu reden. Der arme Kerl, der dies auf seinem Gewissen hatte, würde jetzt viel darum gegeben haben, wenn er die Sache hätte ungeschehen machen können.
Allmählich schwand das Bewußtsein; er sprach nicht mehr, war total geistesabwesend und starrte in unbekannte Fernen, vielleicht nach dem Paradiese, das der Prophet ihm versprochen hatte. Ich wollte den Tag über hierbleiben, aber die Gegend war so erbärmlich, daß alle für das Übersiedeln nach einem besseren Platze stimmten. Kalpet wurde daher bequem und weich auf sein Kamel gebettet (Abb. 268), und der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Wir alle fühlten, daß heute der Tod mit der Karawane zog, und die Stimmung war daher gedrückt und düster.
Es ging nach Südosten. Von der ersten kleinen Paßschwelle sahen wir wieder einen außerordentlich schönen, von niedrigen Bergketten eingefaßten See mit bizarren Ufern vor uns liegen. Das Wasser war kristallhell; daß es diesmal nicht wieder der Selling-tso sein konnte, merkte man bald, denn hier sah man sowohl Wasserpflanzen als auch Fische, und das Wasser war so süß, wie das eines Flusses.
Das linke Seeufer sah bedenklich aus, denn steile Felsen fielen hier jäh ins Wasser hinunter, und ich hielt es daher für das Klügste, Sirkin und Schagdur auf Rekognoszierung auszuschicken. Inzwischen überfiel uns ein gewaltiger Hagelsturm, und Kalpet wurde mit einem Filzteppiche zugedeckt. Die drei neu angekommenen Tibeter ritten an mich heran, um mir zu erklären, daß es auf dem Westufer keinen Durchgang gebe, doch führe auf dem Nordufer ein Weg nach Osten, den wir benutzen könnten, wenn wir durchaus weiter wollten. Ich ahnte sofort, daß etwas dahinter liegen müsse; es blieb mir aber keine Wahl, um so mehr, als nachher die Kosaken die Aussage der Tibeter bestätigten.