Im Herzen von Asien. Zweiter Band.
Part 21
Doch kehren wir zu unserer Pilgerfahrt zurück. Nachdem wir von Ördek Abschied genommen hatten, zogen wir nach Südosten und Ostsüdosten und legten auch an diesem Tage beinahe 40 Kilometer zurück (Abb. 247). Die Maulesel hätten noch weitermarschieren können, aber wir mußten die Pferde schonen. Zwischen dem Lagertümpel und einem anderen Gewässer, an dessen Ufern wir ziemlich frische Spuren von Schafherden sahen, zogen wir ein breites, grasreiches Tal hinauf. Rechts von unserem Wege ließen wir eine kleine hügelige Paßschwelle liegen, deren Ecke von ein paar Hundert Yaken rabenschwarz erschien. Wir musterten sie mit dem Fernglase und erwarteten ihren Wächter zu sehen, denn die Tiere machten keine Miene zu entfliehen. Vielleicht waren sie zahm. Doch als wir uns der Herde näherten, ergriff sie die Flucht, und Menschen zeigten sich nicht. Demnach konnten wir darauf rechnen, noch ein paar Tage lang keine Nomaden zu treffen, denn die wilden Yake halten sich nicht in der Nähe menschlicher Wohnungen auf.
In offenem Terrain mit freier Aussicht nach allen Seiten schlugen wir das Lager an einem kleinen Bache auf, an dem es gutes Gras und Yakdung zum Feuern in Fülle gab. Jetzt waren wir nur noch drei, und ich mußte beim Abladen, Zeltaufschlagen und allerlei gröberen Arbeiten helfen, was ich sonst nie nötig gehabt hatte, außer im Jahre 1886, als ich zweimal fast allein durch Persien gereist war.
Während Schagdur und der Lama die Tiere besorgten und sie auf der besten in der Gegend aufzufindenden Weide zur Hälfte, d. h. mit einem Stricke zwischen dem rechten Vorder- und dem linken Hinterbeine, fesselten, sammelte ich in meinem weiten Mantel trockenen Yakdung, welche Beschäftigung mir höchst interessant erschien. Die beiden anderen Pilger sprachen ihre Verwunderung darüber aus, daß es mir gelungen war, in kurzer Zeit einen so ansehnlichen Haufen zusammenzubringen.
Jetzt hieß es nicht mehr „Eure Exzellenz“, denn ich hatte Schagdur und dem Lama strengstens verboten, mir die geringste Spur von Ehrerbietung zu erweisen. Sie sollten mich im Gegenteil wie einen Stallknecht behandeln. Schagdur sollte als der Vornehmste von uns angesehen werden und hatte auf den Lagerplätzen seine Befehle zu erteilen. Ebenso streng war es verboten, russisch zu sprechen; von nun an durfte nur noch Mongolisch über unsere Lippen kommen. Schagdur spielte seine Rolle ausgezeichnet, und dasselbe dürfte ich auch von mir sagen können. Anfangs wurde es meinem Kosaken schwer, mich zu kommandieren, nach ein paar Tagen ging es aber ausgezeichnet!
Der Lama brauchte nicht als Schauspieler aufzutreten; er war, der er war, und so sollte es sein. Am schlimmsten war es für mich, der ich in zwei Rollen zugleich auftreten mußte, als Mongole und als Handlanger. Nachdem ich jedoch mit dem Dungsammeln zur Zufriedenheit meiner Herren fertig geworden war, aß ich zu Mittag, trank Tee, rauchte eine Pfeife, ging ins Zelt, legte mich nieder und schlief wie ein Stock bis 8 Uhr. Ich war da allein, die anderen trieben die Tiere zur Nacht ein. Noch eine Stunde durften diese in unserer unmittelbaren Nachbarschaft grasen. Schagdur und der Lama waren an diesem Abend weniger heiter als sonst. Sie hatten, während ich schlief, drei Tibeter zu Pferde gesehen, die von einem Passe im Osten kamen und nach Nordwesten ritten, wobei sie unserem Lager die Flanke zukehrten, so daß man nur ein paarmal hatte sehen können, daß es ihrer drei waren. An einem Punkte hatten sie gehalten, wie um sich zu beraten, worauf sie sich dem Lager genähert hatten, dann aber waren sie hinter einem Hügel verschwunden, um sich nicht wieder zu zeigen. Sie erwarteten wohl die Nacht, und ihr Benehmen kam uns höchst verdächtig vor. Es war uns jetzt klar, daß wir von Spionen und reitenden Späherpatrouillen umgeben waren; ob uns diese Reiter aus eigenem Antrieb oder auf Befehl beobachteten, konnten wir natürlich nicht wissen.
Um 8½ Uhr wurden die Tiere an ein längs der Erde zwischen zwei Pflöcken straffgespanntes Seil gebunden, und jetzt und in Zukunft folgender Lagerplan beobachtet. Der eine Eingang des prismatischen Zeltes war vom Winde abgekehrt und stand weit offen; unmittelbar davor waren die Tiere angebunden. Nächtliche Besuche kommen, aller Wahrscheinlichkeit nach gegen den Wind, besonders da, wo sie Hunde vorfinden.
Sobald es dunkelte, ließen wir das Feuer ausgehen und trugen die draußen noch umherliegenden Sachen, wie Kisten, Küchengeräte und Sättel, in das Zelt. Der große, schwarze Jollbars wurde vor den Pferden und Mauleseln angebunden. Von ihm konnte man das erste Warnungssignal erwarten. Malenki, ein bissiger, schwarz und weiß gefleckter Karawanenhund, war auf der Windseite hinter dem geschlossenen schmalen Ende des Zeltes angebunden.
Die Nacht wurde in drei Wachen, 9-12, 12-3 und 3-6 Uhr geteilt; gewöhnlich übernahm ich die erste, der Lama die letzte.
Jetzt hatte ich meine erste Nachtwache. Es war keine Kunst wach zu bleiben, denn teils hatte ich schon, während es noch hell war, ausgeschlafen, teils konnte man sich jeden Augenblick auf einen Überfall gefaßt machen. Schon vor 9 Uhr schliefen meine von den Anstrengungen der vorigen Nacht ermüdeten Kameraden und schnarchten laut.
Ich begann meinen Wachdienst, bald dicht bei dem Zelte, bald weit von ihm entfernt umherschlendernd. O diese finsteren Nächte, diese endlosen Stunden! Nie werde ich meine müden Schritte zwischen Malenki und Jollbars hin und zurück bis ins Unendliche vergessen! Die Minuten vergingen so langsam! Ich zählte zehn, zwanzig solche Promenaden, aber nur einige Minuten, höchstens eine Viertelstunde hatten sie in Anspruch genommen. Ich spielte mit Jollbars, der vor Freude heulte, wenn ich ihn besuchte, ich klopfte den Pferden und den Mauleseln den Rücken und ging dann weiter, um Malenki, der ganz allein hinter dem Zelte lag, zu streicheln.
Der Morgen war warm gewesen, und von Zeit zu Zeit hatte es tüchtig geregnet, der Abend aber war einigermaßen klar. Um 9½ Uhr brach ein Höllenwetter los. Der Himmel überzog sich mit rabenschwarzen Wolken, die von innen heraus durch zuckende Blitze erhellt wurden, und der Donner rollte mit infernalischer Kraft ringsumher in den Bergen und über unserem einsamen Lager.
Das Allerschlimmste aber war der Regen, der die Erde peitschte und wolkenbruchartig herniederströmte. Nie ist mir ein so entsetzlicher Regen vorgekommen. Er schmetterte und prasselte auf das Zelt, das einzufallen drohte und durch dessen Tuch ein feiner Staubregen in das Innere sprühte und sich dabei verteilte wie die Dusche einer Spritzflasche Eau de Cologne. Alles wurde durchnäßt, aber die Schlafenden kümmerten sich nicht um den Regen, sondern krochen nur tiefer unter ihre Pelze und fuhren fort Bretter zu sägen. Die Regentropfen trommelten lustig auf die mongolische Kasserolle und ihren Deckel, die wir beim Feuer hatten stehenlassen. Ich setze den schlüpfrigen Spaziergang zwischen den Hunden noch eine Weile fort, suche dann aber, naß wie eine ersäufte Katze, in der Zelttür Schutz. Von dem Mondschein hatte ich keinen Nutzen, denn die Wolken waren trostlos kompakt, und es sah aus, als wollte der Regen überhaupt nicht aufhören. Ganz undurchdringlich bleibt jedoch das Dunkel nicht; der Mond liefert wenigstens eine sehr schwache, diffuse Helle, in der sich die Umrisse der Karawanentiere ein wenig schwärzer als die Nacht um sie her abzeichnen, so daß ich von Zeit zu Zeit ihre Rücken zählen kann.
Ich zünde eine Pfeife und einen Lichtstumpf an, den ich in eine kleine Holzschachtel stelle; bei seinem Schein schreibe ich meine nächtlichen Betrachtungen nieder. Immer nur einen Satz, dann wieder eine Runde um das Lager. Es trieft mir von den Ärmeln, und die Mütze sitzt wie festgekleistert auf meinem kahlen Schädel. Nach den Abspülungen erinnerte mein geschminktes Antlitz sehr an das Fell eines Zebras. Die Temperatur sank nicht unter +4°, und von Kälte war daher keine Rede.
Der Regen strömt ohne Unterbrechung nieder, und sein eintöniges Plätschern übertönt alle anderen Geräusche. Doch was war das? Ein klagender Ton in der Ferne! Sollten die Tibeter gerade so ein Hyänenkonzert anstimmen wie 1896 die Tanguten bei Karascharuin-kubb? Nein, bewahre, es war Jollbars, der vor Ärger heulte, weil er draußen liegen und sich vollregnen lassen mußte. Und was war dies wieder für ein Lärm? Nur ein entfernter Donnerschlag. Der Donner und der Regen täuschen mich unaufhörlich. Ich eile mit dem Revolver unter dem Mantel ins Freie, stehe und warte dort eine Weile in der Nässe, horche angestrengt nach allen Seiten, da aber „im Schipkapasse alles ruhig“ ist, kehre ich zu meinem Lichtstumpfe zurück; die Pfeife will nicht mehr brennen, alles ist naß.
Die Stunden vergehen immer langsamer, und der Regen läßt nicht nach. „Das wird morgen ein schöner Ritt werden!“ dachte ich. Das einförmige Atmen der halbschlafenden Maulesel wirkt einschläfernd, und die Lider fangen an mir schwer zu werden. Es passierte mir aber nie, daß ich auch nur fünf Minuten einschlummerte. Sollten wir noch einmal überlistet werden, so sollte es wenigstens nicht während meiner Wache geschehen; ich hätte mich vor meinen Kameraden wie ein Hund geschämt und mich selbst verachtet.
Dann und wann schlagen die Tiere mit den Schwänzen, wenn der Regen ihre Seiten kitzelt. Die Hunde knurren bisweilen dumpf, und ich mache dann sofort die Runde um das Lager. Um 11½ Uhr streifte ich in der Dunkelheit umher, fest entschlossen, nicht eher ins Zelt zurückzukehren, als bis die Mitternachtsstunde geschlagen hätte und damit die Stunde meiner Befreiung gekommen wäre.
Es war denn auch 12 Uhr vorbei, als ich mich wieder bei meinem Lichtstumpfe niederließ. Jetzt rieselte es vom Pelze herunter, und die Stiefeln waren klatschnaß. Schagdur schlief so fest, daß es mir widerstrebte, ihn zu wecken, und ich hatte mich selbst überredet, seine Wache um eine halbe Stunde abzukürzen, als beide Hunde auf einmal wütend zu bellen begannen. Der Lama erwachte und eilte mit seiner Flinte hinaus, ich folgte ihm mit dem Revolver, das Licht wurde ausgelöscht, und wir schlichen uns gegen den Wind nach der verdächtigen Stelle hin. Dort hörte man deutlich Pferdegetrappel, und in einer anderen Richtung glaubte der Lama Hundegebell zu vernehmen. Er wollte schießen, aber ich wollte unter keinen Umständen derjenige sein, der anfing; gefiel es den Tibetern, uns den Krieg zu erklären, dann sollte ihnen freilich mit gleicher Münze heimgezahlt werden!
Daß sich einige hundert Meter von uns Reiter aufhielten, unterlag keinem Zweifel. Ich ließ den Lama beim Zelte bleiben, weckte Schagdur und ging mit ihm leise und vorsichtig in der Windrichtung, dann und wann lauschend. Da hörten wir, wie sich das Pferdegetrappel hastig entfernte; darauf wurde alles ruhig, und die Hunde stellten ihr Gebell allmählich ein.
Jetzt war die Reihe an Schagdur. Ich hörte seine Schritte draußen in dem Schmutz, als ich unter meinen feuchten Pelz kroch. Solche Nächte bringen mehr Spannung als Ruhe und sind mehr interessant als gemütlich. Aber man gewöhnt sich wohl daran, dachte ich, und nach einer Weile schlief ich gut und fest.
Schon um 5 Uhr weckte uns der Lama, der die letzte Wache hatte und es wohl für besser hielt, weiterzureiten als in den Tag hineinzustarren. Behaglich und vergnügt ist einem nach einer solchen Nacht gerade nicht zumute, nein, ungemütlich, steif, naß und frostig! Alles riecht schlecht und sauer; aber das gehört natürlich zur Sache und trägt dazu bei, den Eindruck der Echtheit zu erhöhen. Von wohlriechenden Lhasapilgern hat man noch nie reden hören! Und was mich betrifft, so fand ich, daß das Ganze sich gut anließ. Unter Verhältnissen wie den unsrigen wird die Stimmung außerordentlich von der Sonne beeinflußt. Man sehnt sich danach, sich umsehen zu können; die Nacht mit ihren heimtückischen Schatten ist auch dem unangenehm, der sich im Dunkeln nicht fürchtet.
Meine Muselmänner hatten mich entschieden für unzurechnungsfähig gehalten, als ich auf dieses wahnsinnige Unternehmen auszog. Es war in der Tat wahnsinnig, das läßt sich nicht leugnen, so viel zu wagen, ja das Leben zu riskieren, nur aus Lust, Lhasa zu sehen, das in seiner Topographie und seinem Aussehen durch Beschreibungen, Karten und Photographien von Punditen und Burjaten weit besser bekannt ist als die meisten Städte des innersten Asien. Doch ich muß ehrlich gestehen, daß ich mich nach den zwei Jahren ruhiger, friedvoller Wanderungen durch unbewohnte Teile des Kontinents und nach all meiner strebsamen Arbeit nun einmal nach einem wirklich haarsträubenden Abenteuer sehnte. Ich fühlte das unwiderstehliche Bedürfnis, meine Person in eine Lage zu bringen, in der das Leben auf dem Spiele stand, eine Situation, die Geschicklichkeit und Umsicht erforderte, wenn sie nicht zu einer Niederlage werden sollte, und in die wir uns so tief verwickeln würden, daß es noch schwerer wäre, sich mit heiler Haut wieder herauszuwickeln. Tatsächlich sehnte ich mich mehr nach dem Abenteuer als gerade nach Lhasa. Der Lama hatte mir die Stadt so gründlich beschrieben, daß ich sie schon satt bekommen hatte. Ich wollte die Tibeter sehen, mit ihnen reden und ausfindig machen, weshalb sie die Europäer so verabscheuen. Ein unkritischer junger Mann hat vor einigen Jahren erzählt, daß er in Tibet gefoltert worden sei, aber seine haarsträubenden Beschreibungen schreckten mich nicht ab -- aus dem einfachen Grunde, weil ich ihnen keinen Glauben schenke. Es wäre wirklich ein großer Gewinn für die Menschheit, wenn Personen, denen es schwer wird, bei der Wahrheit zu bleiben, das Bücherschreiben bleiben lassen wollten!
Fünfzehntes Kapitel.
Die ersten Nomaden.
Der Appetit ist so früh am Morgen schlecht. Das Frühstück besteht nur aus Brot und Tee (Abb. 248); doch sobald die Pfeife angezündet ist und man im Sattel sitzt, geht der Tag seinen ebenen Gang, obwohl das Zeichnen der Marschroute die Geduld auf die Probe stellt, wenn man ein Pferd hat, das sich wie eine alte abgenutzte Dreschmaschine bewegt.
Der Tag war ebenso trübe und düster wie die Nacht. Die Sonne läßt sich überhaupt nicht blicken; schwere, schwarze Wolken hängen überall, Vorhängen vergleichbar, und sie sehen so schwer aus, daß man meint, sie müßten herunterfallen und zerreißen.
Der Lama glaubte am Morgen, im Südwesten ein schwarzes Zelt zu sehen, und stimmte dafür, daß wir dorthin reiten und Erkundigungen einziehen sollten; ich zog es jedoch vor, geraden Weges auf den nächsten Paß in den südlichen Bergen, die jetzt von Hagel und Schnee kreideweiß waren, loszugehen.
Sobald wir in das Tal, in welchem ein Bach strömte, eintraten, nahm die Steigung zu und wurde bald steil. Wir verließen das Tal und ritten über Hügel von rotem, pulverisiertem Sandstein im Zickzack zum Passe hinauf. Von dort kamen wir einen steilen Abhang hinunter in ein ziemlich breites, südostwärts führendes Tal.
In einer Talweitung lag der Kadaver eines Schafes mit seiner Last, die aus Salz in einem zweiteiligen Beutel bestand. Wahrscheinlich hatte eine tibetische Schafkarawane unsere kleinen Räuberseen besucht, wo das Salz an einigen Stellen offenliegt und leicht erreichbar ist und wo wir auch Spuren einer Herde gesehen hatten. Feuerstätten werden immer häufiger; von tibetischen Mahlzeiten übriggebliebene Knochen und Schädel liegen umher.
Als unser Tal nach Südwesten abschwenkte, verließen wir es und ritten über die nächste Bergkette, wo Schagdur bald einen ziemlich stark benutzten Weg entdeckte. Von dem Passe hatten wir wieder eine umfangreiche, obgleich wenig aufmunternde Aussicht: Berge und Kämme überall, soweit der Blick nach Süden und Südosten reichte. Kein Mensch, kein schwarzes Zelt in Sehweite! Wir hatten also noch eine Frist vor neugierigen Blicken; aber wir ahnten doch, daß verborgene, schleichende Späher uns nicht aus den Augen ließen.
Der Himmel ist bleischwer und düster, und die Stunden vergehen langsam und ermüdend. Auch der Tag hat seine Spannung; wir wissen nichts von diesem Lande und seinen Verhältnissen, aber wir sind überzeugt, daß früher oder später etwas Außergewöhnliches eintreten wird. Wir müssen jede Minute auf unserer Hut sein, sonst wird uns ein Streich gespielt, wenn wir es am wenigsten erwarten.
Von dem Passe folgten wir einem deutlich ausgetretenen Wege, der in ein an Sümpfen, Tümpeln, Quellen, Bächen und üppiger Weide reiches Tal hinunterführte. Der in Hülle und Fülle vorhandene Yakdung war hier umgedreht worden, um besser zu trocknen; man beabsichtigte also, wiederzukommen und ihn zu holen. Überall waren Spuren von Nomadenlagern sichtbar.
Weiter abwärts schien die Weide abzunehmen. Als wir einen strategisch geeigneten Platz fanden, beschlossen wir daher, für die Nacht hier zu bleiben. Auf der 70 Meter breiten Landenge zwischen zwei kleinen Seen wurde unser nasses Zelt aufgeschlagen. Wir sehen der bevorstehenden Nacht mit einem gewissen Unbehagen entgegen und fragen uns, was sie wohl bringen werde.
Schon um 8 Uhr wurden die Tiere in gewöhnlicher Weise gebunden. Die Luft war ruhig, aber alle Himmelsrichtungen konnten als gleich unsicher gelten. Diese Nacht war noch ärger als die vorige; es war, als ob Tausende von Dachrinnen ihren Inhalt über unser Lager ausschütteten. Aber die hierzulande vorgeschriebene Regenzeit war da, und wir hatten kein Recht, uns zu beklagen. Wenn man, wie ich diesmal, vier Stunden Wache hält und bis auf die Haut naß wird, so weiß man ganz genau, wie ein richtiger, ehrlicher Regen beschaffen sein muß.
Von Zeit zu Zeit saß ich, einigermaßen geschützt, in der Zelttür. Es klatscht in den Packsätteln der Maulesel, von deren Ecken das Wasser in dicken Strahlen rinnt, wie in einer Waschmaschine. Die Tiere schütteln sich, daß die Tropfen nach allen Seiten spritzen. Bisweilen spitzen sie die Ohren, und die Hunde knurren dumpf. Malenki darf frei umherlaufen und schnüffelt auf einem alten Lagerplatze nach Knochen, denn er und Jollbars haben seit ein paar Tagen nichts als Brot bekommen.
Auf einmal fing der eine zu bellen an, und der andere stimmte bald ein. Es war nur ein Schreckschuß, denn nur einer der Maulesel hatte sich losgemacht und spazierte einen Abhang hinauf. Mir blieb nichts übrig, als ihn wieder einzufangen; aber dies war leichter gesagt als getan. Er war munter und lebhaft und sprang umher, und es dauerte lange, ehe ich ihn bei der Halfter packen konnte. Sein Betragen demoralisierte einen seiner Kameraden, der das Manöver wiederholte und gleichfalls mit großer Mühe eingefangen wurde.
31. Juli. Als ich nach mehrstündigem Schlafe geweckt wurde, um beim Einpacken und Beladen zu helfen, stürzte der Regen noch ebenso lustig nieder wie bisher, aber hier gab es keine Gnade: hinauf in den Sattel, sobald der Tag anbrach, und fort nach Südosten über beschwerliches, stark kupiertes Terrain. Jetzt hatte unsere kleine Gesellschaft keinen trockenen Faden mehr an sich, so daß uns der Regen eigentlich wenig genierte; aber wir sehnten uns danach, daß die Sonne sich einmal über uns erbarmte und uns trocknete.
Als ich mich auf meinen weichen, gepolsterten Sattel setzte, tropfte das Wasser aus ihm; nachher erhielt ich vom Regen eine so gründliche Dusche, daß das Wasser von meinen Kleidern in die Stiefel rann, in denen es bei der geringsten Bewegung plätscherte. Erhob ich meinen Arm, so klang es ungefähr, als ob ein Spüllappen ausgerungen werde. Das Ganze war recht betrübend; wenn es doch lieber geschneit hätte!
Der Weg, dem wir noch immer folgten -- schon jetzt war deutlich zu erkennen, daß er nach Lhasa führte --, ging über fünf Pässe, von denen jedoch die beiden letzten nur in kleineren Abzweigungen zwischen Tälern lagen, deren Bäche einem Haupttale zuströmten. Im Osten sah man den sich schlängelnden Fluß.
Unser Weg vereinigt sich mit einem anderen, von links kommenden. Er ist deutlich ausgeprägt, weil eine große Yakherde ihn benutzt hat. Infolge des heftigen Regens, der alle Spuren bald vertilgen mußte, konnten wir annehmen, daß die Tiere hier ganz kürzlich, vielleicht erst am Morgen, vorbeigezogen waren, und wenn wir uns beeilten, mußten wir die Karawane noch einholen können.
Es dauerte auch nicht lange, so unterschieden wir ganz fern im Südosten eine Menge schwarzer Punkte; es waren Yake, und später trat auch eine Schafherde aus dem Halbdunkel hervor. Ein Zelt, das bisher verdeckt gewesen war, tauchte am Ufer eines Baches auf. Schagdur und ich ritten weiter, während sich der Lama dorthin begab. Wir nahmen als selbstverständlich an, daß die Besitzer des Zeltes mongolische Pilger seien, und hatten beabsichtigt, uns ihnen anzuschließen; es stellte sich jedoch heraus, daß es Tanguten waren, die nach dem berühmten „Tempel der zehntausend Bilder“ in Kum-bum pilgerten. Sie blieben auf jedem Lagerplatze einen oder mehrere Tage, reisten sehr langsam und waren, ihrer Meinung nach, noch eine Monatsreise von Lhasa entfernt. Sie zeigten bedenklich viel Interesse für uns und wollten alles wissen, wer und wie viele wir seien, woher wir kämen, wohin wir zögen usw. Sie hatten 50 Yake, einige Pferde und drei Hunde, die von Jollbars und Malenki greulich zerzaust wurden.
Die Schafherde zählte nicht weniger als 700 Tiere und wurde von einer alten Frau gehütet, die augenscheinlich an Pilger gewöhnt war, denn sie zeigte keine Furcht. Nach all dem Regen, Schmutz und Dreck sahen wir wie leibhaftige Vagabunden aus, und kein Ritter von der Landstraße brauchte sich mehr vor uns zu schämen. Die Eleganz war gewissenhaft abgespült worden.
Die Alte teilte uns mit, daß wir im nächsten Tal ein schwarzes Zelt finden würden, wo man uns alles, dessen wir bedurften, vor allem Auskunft über den Weg nach Lhasa geben könne.
Einen Kilometer von dem Zelte, das sich richtig an der angegebenen Stelle befand, lagerten wir, der Vorsicht halber noch immer auf freiem Felde.
Der Lama begab sich sofort zu den Tibetern und kehrte sehr befriedigt zurück. In dem Zelte, das von Hunden bewacht war, hatte er einen jungen Mann und zwei Frauen angetroffen, die sich entschuldigten, uns heute Schafe, Milch, Fett und Tsamba nicht verkaufen zu können, da es Feiertag sei; wenn wir uns aber bis morgen geduldeten, so sollten wir erhalten, was sie abgeben könnten. Womit sie uns aber gleich versehen könnten -- weil wir friedliche Mongolen seien --, sei trockener Yakdung. Der Lama brachte einen ganzen Sack voll mit; es war zu schön, denn sonst wäre es uns in der ewigen Nässe kaum möglich gewesen, ein Feuer anzumachen. Auf die Frage, ob sie uns zwei Pferde verkaufen würden, hatte er die Antwort erhalten, daß darauf nur der Hausherr, der ausgegangen sei, Bescheid geben könne.
Der Lama hatte kaum über seine Mission Bericht erstatten können, als auch schon der in Frage stehende Mann in eigener hoher Person auf einem Hügel erschien, wo er in gebührender Entfernung stehenblieb und uns betrachtete. Ohne Ziererei oder Furcht kam er mit, als der auf ihn zugehende Lama ihn zu uns einlud, und setzte sich vor der offenen Zelttür auf den nassen Boden.
Dieser unser erster Tibeter mochte ein Mann von 40 Jahren sein; sein Name war Sampo Singi. Ein mehr schwarzes als sonnverbranntes, bartloses, runzeliges Gesicht; rabenschwarzes, schmutziges Haar in zottigen Strähnen, aus denen das Regenwasser auf den zerlumpten, sackähnlichen Mantel niedertropfte, Stiefel von grobem, ursprünglich weißem Filz, eine Leibbinde mit daranhängendem Tabaksbeutel und einer Pfeife, alles greulich schmutzig; dies war seine äußere Erscheinung. Sampo Singi war barhäuptig und, bis auf die Stiefel, barbeinig; mit anderen Worten, er hatte keine Hosen an. Es muß erfrischend sein, unter solchen Umständen bei Regenwetter zu reiten!