Im Herzen von Asien. Zweiter Band.

Part 20

Chapter 203,639 wordsPublic domain

Ich glaubte allerdings nicht, daß man uns totschlagen würde, aber jedenfalls mußte ich mich auf alle Möglichkeiten vorbereiten und solche Anstalten treffen, daß meine Karten und Aufzeichnungen um jeden Preis gerettet würden. Sirkin erhielt den Schlüssel zur Silberkiste, damit er in Tscharchlik eine neue Karawane ausrüsten konnte. Er bekam die Übersichtskarte über den von uns zurückgelegten Weg, und im übrigen würde ihr Ortssinn die Leute nicht im Stiche lassen; sie würden sich ohne Schwierigkeit zurückfinden. Es war freilich wenig wahrscheinlich, daß ein einziges Kamel noch eine solche Reise überleben würde, aber einige der Pferde sollten sie doch wohl aushalten können, und Sirkin wußte, welche Kisten um jeden Preis gerettet werden mußten. Wie lange sie auch im Lager Nr. 44 bleiben würden, stets sollte Tag und Nacht strenge Wache gehalten werden. Besonders da, wo die Tiere weideten, sollten sich stets einige bewaffnete Leute mit ein paar Hunden befinden.

Dann ging ich zum letztenmal unter „zivilisierten“ Verhältnissen zu Bett, schlief sofort ein und erwachte nicht eher, als bis Schagdur kam, um mich zu dem verhängnisvollen Aufbruch zu wecken.

Vierzehntes Kapitel.

Aufbruch nach Lhasa.

Eiligst kleidete ich mich in den mongolischen Anzug und wurde vom Scheitel bis zur Sohle ein Mongole (Abb. 245). Die während des Rittes zu gebrauchenden Instrumente, sowie Tabak und Fernglas wurden in ihren Verstecken untergebracht. Schon vom ersten Augenblick an fühlte ich mich in meinem mongolischen Rocke sehr gemütlich; er saß weich und gut, und das einzige, was ich entbehrte, waren die vielen Taschen, die ich in meinem Ulster hatte. Der Kompaß und das Marschroutenbuch wurden einfach vorn in den Rock gesteckt und von der gelben Leibbinde festgehalten. Auf dem Kopfe trug ich eine gelbe Mütze mit aufgekrempeltem Vorderrand. Die dicken, plumpen Mongolenstiefeln, mit denen ich schon lange gegangen war, damit sie genügend getragen und abgenutzt aussähen, paßten mir vortrefflich und waren infolge ihrer dicken Sohlen und aufwärtsgekehrten Spitzen auf feuchtem Terrain außerordentlich praktisch. Der Rock selbst hatte eine tiefdunkelrote Farbe. Der gelbe Pelz war heute morgen nicht nötig, da die Sonne sehr freundlich schien und Fliegen und Schmetterlinge die Luft erfüllten.

Ich sollte meinen Schimmel reiten, der jetzt schon lange wiederhergestellt war, und war gerade dabei, meinen weichen, bequemen Mongolensattel zurechtzurücken, als Sirkin von hinten kam und mich auf Mongolisch anredete. Er stockte jedoch sofort in seiner Rede und war ganz verdutzt, als er sah, daß ich es war; er hatte geglaubt, es sei der Lama. Ich fühlte mich durch diesen Irrtum außerordentlich geschmeichelt; meine Verkleidung konnte also entschieden für genügend gelten.

Jetzt wurden alle Hunde angebunden, außer Malenki und Jollbars, die uns freiwillig folgten. Unsere kleine Karawane wurde beladen, wir stiegen zu Pferd und ritten ab. Der Abschied rief viele Tränen hervor; Sirkin wandte sich ab, um seine Rührung zu verbergen, Hamra Kul aber weinte laut wie ein Kind und begleitete uns noch etwas zu Fuß, mit seinen großen Stiefeln ganz unbekümmert durch den Fluß watend.

Das Lager Nr. 44 verschwand hinter den Hügeln, und wir trabten schnell talabwärts. Würden wir diesen friedlichen Ort je wiedersehen? Ich zweifelte nicht an der mächtigen Hand, die bisher stets meine Schritte, durch Wüsten und über Berge, gelenkt hatte. Schagdur schwelgte förmlich in dem Gedanken an das beginnende Abenteuer. Der Lama war ruhig wie ein Stoiker, und als ich ihn der am Kum-köll getroffenen Verabredung gemäß fragte, ob er im Lager zu bleiben wünsche, wollte er nichts davon hören; jetzt wolle er mich nicht verlassen, sondern mit mir ziehen, wenn es ihm auch das Leben kosten sollte.

Schagdur ritt einen Falben, der Lama den kleinen, dreisten Maulesel, der im vorigen Jahr, bei dem See, wo die Leute die beiden Denkmale errichteten, beinahe verlorengegangen wäre. Meine beiden Reisegefährten führten die Lasttiere, und Ordek, der eines der Pferde ritt, hatte ein Auge auf die Lasten. Er sollte uns die beiden ersten Tagereisen begleiten, um nachts die Tiere zu bewachen. Noch drei Nächte würden wir drei Pilger also ordentlich ausschlafen können, ehe die Aufgabe, unsere Tragtiere zu bewachen, uns selbst zufiel.

Ein paar Stunden weit begleiteten uns Turdu Bai und Tscherdon. Dann kehrten auch sie nach einem letzten Lebewohl um. --

Das Flußtal ist eng und zwischen steilen Hügeln eingeschlossen. Den Fluß überschritten wir schon zu Anfang neunmal. Die ganze Landschaft leuchtet rot, denn hier haben wir roten Sandstein, der derartig verwittert ist, daß man ihn selten als anstehendes Gestein antrifft. Grus und Blöcke sind dafür um so häufiger.

Am rechten Ufer, wo eine gute Furt durch zwei kleine Steinmale bezeichnet war, sah man Spuren eines Jägerlagers. Drei rußige Steine bildeten eine Unterlage für einen Kochtopf. Auch ein noch nicht lange erlegter, aber jetzt ganz zusammengetrockneter Yak legte von menschlichen Besuchen Zeugnis ab. Ein Bär war gestern oder heute hier gewesen und hatte den Kadaver umgedreht.

Nachdem wir den Fluß noch ein paarmal gekreuzt haben, mündet unser Tal in weites, offenes, nur in der Ferne von Bergen begrenztes Terrain aus. Der Fluß durchzieht diese Ebene nach Nordosten, während wir den Weg nach Südosten einschlagen. Im Norden steht die vor kurzem überschrittene, so schwer zugängliche Bergkette mit zwei Pässen.

An Wild sahen wir zahlreiche Kulane, Hasen und Murmeltiere, sowie einen Wolf; später machten die Hunde noch einen Rundtanz mit einem alten Yak, den sie aufgespürt hatten. An einem offenen Quellbecken (Namaga), wo das Gras üppig stand, schlugen wir Lager, denn einer der Maulesel begann bedenklich zu hinken. Ich zündete Feuer an, indes die Männer die gröberen Arbeiten besorgten; Pferde und Maulesel wurden mit einem Stricke zwischen Vorder- und Hinterbein geknebelt, was sie verhindern sollte, sich allzuweit zu entfernen.

Darauf wurde das einfache Mahl von gebratenem Fleisch, Reis, Brot und Tee zubereitet; beim Essen bedienten wir uns der Hände, der chinesischen Stäbchen und einer kleinen mongolischen Holztasse -- Luxusartikel, wie Gabeln und Löffel, enthielten unsere Kisten nicht. Nur der Lama hatte keinen Appetit; er litt an heftigen Kopfschmerzen und befand sich wirklich schlecht. Es wäre doch hart, wenn er jetzt, da wir ihn so weit gebracht hatten, nicht imstande sein würde, die Reise mitzumachen; es stand aber zu befürchten, daß er mit Ördek würde umkehren müssen.

Ich lag noch eine Weile auf der Erde und ließ mich von der Abendsonne bescheinen, doch um 8 Uhr gingen wir zur Ruhe, weil wir nichts weiter zu tun hatten. Ördek hütete die Tiere, aber die drei Pilger schliefen zum ersten Male brüderlich zusammen in ihrem Wallfahrtszelte. Der Mond schien über der stillen Gegend; es war ein Segen, daß wir während dieser Nächte sein Licht hatten.

In diesem Lager wurde beschlossen, daß Ördek uns noch einen Tag begleiten sollte, denn dem Lama ging es sehr schlecht; er schwankte im Sattel und mußte oft absteigen, um eine Weile auf der Erde zu liegen.

Das Terrain ist in dieser Gegend vorzüglich, und wir legten auf dem festen Boden mit größter Leichtigkeit beinahe 40 Kilometer zurück. Die Hügel und Täler, die wir hierbei passieren, sind arm an Gras, aber desto reicher an Kulanen und Yaken, die bei verschiedenen Gelegenheiten zu Hunderten auftraten. Sie nehmen aber auch mit Moosen und Kräutern vorlieb, die unsere zahmen Tiere nicht fressen würden. Spuren von Menschen fehlen noch. Von Zeit zu Zeit reitet einer von uns auf den nächsten beherrschenden Hügel hinauf, um Umschau zu halten. Jetzt würden wir freilich, wenn wir Reiter oder ein Nomadenlager sähen, als ehrliche Pilger direkt dorthin reiten, aber wir mußten doch Ördek Gelegenheit geben, vorher unbemerkt zu verschwinden und nach dem Lager Nr. 44 zurückzureiten.

Die Richtung ist Ostsüdost. Im Osten erhebt sich ein gewaltiges Schneemassiv, und diesseits desselben liegt ein See von reinblauer Farbe. Am Seeufer, längs dessen wir nach Südosten hatten ziehen wollen, stiegen senkrechte, wie immer ziegelrote Sandsteinfelsen, das gewöhnliche Kennzeichen der tibetischen Landschaft, unmittelbar aus dem Wasser empor. Sie zwangen uns zu einem verdrießlichen Umwege nach Südwesten über beschwerliche Hügel, hinter denen wir wieder ans Ufer gelangen und an ihm auf viel bequemerem Terrain weiterziehen konnten. Konzentrisch längs des Ufers geordnete Absätze und Wälle lassen auf den ersten Blick erkennen, daß dieser Salzsee im Austrocknen begriffen ist.

Allzuweit konnten wir nicht reiten, um unsere schon angegriffenen Tiere nicht zu ermüden, und es wurde Zeit, ans Lagerschlagen zu denken. Trinkwasser schien es in der Nähe dieses Salzsees nicht zu geben. Wir folgten einem Kulanpfade zwischen zwei Uferwällen in der Hoffnung, daß er uns zu einer Quelle führen würde.

Im Süden des größeren Sees schimmerte jetzt der Spiegel eines kleineren Gewässers, das merkwürdigerweise süß war, obgleich seine Ufer ebenso flach und kahl aussahen. Obschon es hier sowohl mit der Weide wie mit der Feuerung schlecht bestellt war, wählten wir hier doch einen Platz für das zweite Nachtlager aus.

Der Lama fühlte sich besser, und die Stimmung war sehr gut. Wir saßen plaudernd um das Feuer und entwarfen unsere Pläne für die Weiterreise nach der heiligen Stadt. Ich berechnete die Marschroute des Tages und teilte den anderen mit, wie lang unser Weg noch sei. Der Lama erzählte von der Strenge, mit der die Tibeter in Nakktschu alle Pilger, die aus der Mongolei kommen, untersuchen. Wir hielten es daher für das Klügste, diesen Ort zu vermeiden und uns auf gebahnten oder ungebahnten Wegen nach dem Ostende des Tengri-nor zu begeben, um von dort nach dem Passe Lani-la zu gehen. Wir würden auf diese Weise die großen Pilgerstraßen zwischen Nakktschu und Lhasa erreichen und unter den übrigen Pilgern verschwinden.

Darauf folgte eine komische Szene. Mein Kopf sollte rasiert werden. Ich setzte mich neben dem Feuer auf die Erde, und Schagdur hauste mit der Schere wie ein Vandale in meinen Haaren. Nachdem ich auf diese Weise geschoren war, wurde mein Kopf eingeseift. Ördek kam mit dem Rasiermesser, und nach einer Weile glänzte mein Schädel wie eine Billardkugel. Schagdur und der Lama schauten zu und fanden die Situation höchst interessant. Schließlich nahm ich selbst den Schnurrbart vor, der ebenfalls ohne Erbarmen entfernt wurde, obgleich ich es eigentlich für jammerschade hielt, mein sonst ganz vorteilhaftes Aussehen auf solche Weise zu verschimpfieren. Ich tröstete mich damit, daß ich die Brauen und Wimpern behalten durfte.

Nachdem die Verwüstung so über mein Haupt hingegangen war, sah ich gräßlich aus. Doch hier war ja niemand, mit dem ich zu kokettieren brauchte, und es war schließlich einerlei, wie man in diesen ebenso glattrasierten Gebirgsgegenden aussah.

Meine Behandlung war jedoch noch nicht fertig. Wie ein alter, geübter Quacksalber begann der Lama mit sachverständiger Miene unter seinen Papieren, Beuteln und Medikamenten umherzusuchen und schmierte mir dann das Gesicht mit Fett, Ruß und brauner Farbe ein. Bald war das Werk getan, und nun glänzte ich wie eine Kanonenkugel in der Sonne. Ein kleiner Handspiegel überzeugte mich, daß ich wirklich schön echt aussah. Mir konnte vor mir selbst Angst werden, und ich mußte eine gute Weile in das Glas starren, ehe ich völlig davon überzeugt war, daß dieser mongolische Pavian wirklich mit meiner eigenen Person identisch war. Als die Salbe trocken war, nahm meine Haut eine mehr grauschmutzige Schattierung an.

Unser Lagerplatz lag offen auf der schmalen Landenge zwischen den beiden Seen; nur im Südwesten erhoben sich einige niedrige Hügel. Die Gegend konnte für vollkommen sicher gelten, denn weder alte noch frische Menschenspuren waren irgendwo zu sehen, und die Hunde verhielten sich ruhig. Gegen 5 Uhr erhob sich ein Nordsturm, der Wolken von Sand und Staub über den Salzsee und unser Lager jagte. Wir nahmen unsere Zuflucht zu der Jurte, und bereits um 8 Uhr fanden wir, daß es Schlafenszeit sei, und krochen auf dem Filzteppiche des Zeltes in unsere Pelze. Ördek bewachte die Pferde und Maulesel ungefähr 200 Schritte vom Lager entfernt. Er sollte die ganze Nacht wachbleiben, damit wir noch einmal gründlich ausschlafen könnten; am Morgen sollte er dann auf einem der vier Pferde nach dem Lager Nr. 44 zurückreiten.

Um Mitternacht wurde das Zelttuch auseinandergeschlagen. Ördek steckte den Kopf herein und flüsterte mit angsterfüllter Stimme: „Bir adam kelldi“ -- ein Mann ist gekommen! Seine Worte wirkten wie ein Donnerschlag. Alle drei stürmten wir mit den Flinten und dem Revolver in die Nacht hinaus (Abb. 246). Der Sturm tobte noch immer, und der Mond schien bleich durch zerrissene, schnell hinjagende Wolken. Ördek zeigte uns den Weg und berichtete, daß er zwischen den am entferntesten weidenden Pferden eine dunkle Gestalt habe umherhuschen sehen. Dies hatte ihn so erschreckt, daß er nach dem Zelte gelaufen war, anstatt Alarm zu schlagen.

Die Folge davon war natürlich, daß wir zu spät kamen. In dem matten Lichte des verschleierten Mondes sahen wir gerade noch, wie einige dunkle berittene Gestalten davonsprengten und zwei Pferde vor sich herjagten. Einen Augenblick darauf verschwanden sie hinter den Hügeln. Eine ihnen von Schagdur nachgeschickte Kugel richtete keinen Schaden an. Er, der Lama und Ördek verfolgten die Spur, während ich im Lager blieb, das vielleicht von einer ganzen Bande umringt war. Nach einer Stunde kehrten sie zurück, ohne etwas Weiteres gehört oder gesehen zu haben.

Jetzt berieten wir uns sofort über die Sachlage. Zunächst zählten wir unsere Tiere; alle Maulesel und die beiden schlechtesten Pferde waren noch da und weideten in größter Ruhe. Aber die beiden besten Pferde, mein lieber Schimmel und Schagdurs Falbe, waren fort. Aus den Spuren ergab sich, daß die Räuber drei berittene Männer gewesen waren, die sich, direkt gegen den Wind, an das Lager herangeschlichen hatten. Sie waren zu Fuß gegangen und hatten ihre Pferde in einer gut versteckten Bodensenkung geführt, in der zuzeiten Wasser nach dem großen See strömt. Von dort war einer der Männer allein auf allen vieren weiter gekrochen, bis er sich ganz in der Nähe der hintersten Pferde befand. Er hatte sie durch sein Aufspringen scheu gemacht und nach dem Ufer hinabgejagt, wo ihm die beiden anderen Männer mit den tibetischen Pferden entgegengekommen waren. Alle waren im Handumdrehen aufgesessen und dann über die Hügel gejagt, bei denen sie schon angekommen waren, als wir, noch ganz schlaftrunken, aus dem Zelte stürzten.

Ich glaube nicht, daß ich mich in meinem ganzen Leben je so geärgert habe wie diesmal. Sich seine Pferde vor der Nase der Nachtwache fortstehlen zu lassen, wenn man obendrein noch zwei große, bissige Hunde hat! In der ersten Wut wollte ich die ganze Reise nach Lhasa bis auf weiteres aufschieben und die Diebe ihren Streich teuer bezahlen lassen. Ich wollte sie wochenlang verfolgen, bis wir sie in Sicht hätten, und sie dann ebenso überfallen. Den einfältigen Ördek, der früher stets so tüchtig gewesen war, auszuzanken, vergaß ich dabei vollständig. Aber sein Mut beschränkte sich auf die Wüsten und andere unbewohnte Gegenden, und er mochte gewissermaßen recht darin haben, daß +Menschen+ von allem, womit man zu tun haben kann, das Schlimmste sind, viel schlimmer als Tiger und Sandstürme.

Nach und nach bekämpfte ich meinen Verdruß und erwog mit wiedergewonnener Ruhe unsere Lage. Wir folgten der Spur noch einmal bis auf die Höhen der Hügel, wo sie im harten Gruse verschwand. Schagdur wollte sich durchaus auf die Verfolgung machen, das Magazingewehr brannte ihm in den Händen. Er wollte sein Pferd, das er die ganze Zeit wie sein Kind gepflegt hatte, unter keiner Bedingung einbüßen. Doch auch er beruhigte sich, als ich ihn daran erinnerte, daß diese Männer, waren sie nun gewerbsmäßige Räuber oder nur Yakjäger, die sich die Gelegenheit nicht hätten entschlüpfen lassen wollen, ganz gewiß nicht vor dem nächsten Abend Halt machen würden. Wir hatten gar keine Aussicht, sie mit unseren müden Tieren einzuholen; sie hatten unsere besten Pferde, die ledig liefen, genommen, und ihre eigenen waren ganz gewiß kräftig und an die Bergluft gewöhnt.

Ferner kannten sie das Terrain, wir aber nicht. Sie konnten den Flußlauf und Schuttbetten, wo sich keine Spur verfolgen ließ, benutzen und uns auf diese Weise leicht irreführen.

Und schließlich, wenn zwei von uns die Verfolgung aufnahmen und zwei zurückblieben, so zersplitterte sich unsere kleine, an und für sich zu schwache Truppe, und die Klugheit verbot uns entschieden, einen so abenteuerlichen Plan auszuführen. Wir mußten froh sein, daß die Diebe sich mit zwei von unseren Tieren begnügt hatten, und ich tröstete Schagdur mit der Bemerkung, daß ich, wenn ich einer der Tibeter gewesen wäre, +alle+ unsere Tiere gestohlen hätte, um uns jegliche Verfolgung ganz unmöglich zu machen.

Wir hatten eine nützliche Lehre und eine Warnung bekommen! Aus dem Scherz war auf einmal Ernst geworden; hier galt es mehr als je die Augen offenzuhalten! Mitten zwischen diesen öden, stillen Bergen war eine Räuberbande, wie Gespenster in der Nacht, aus dem Schutze der Erde aufgetaucht; nicht einmal die Hunde hatten etwas gemerkt. Mit den Yakjägern vom Lager Nr. 38 hatten die Diebe vermutlich nichts gemein, dagegen ist es wahrscheinlich, daß die von Sirkin in unserem Tale gesehene Spur und der von den Muselmännern gehörte Schuß auf irgendeine Weise mit unseren nächtlichen Gästen in Zusammenhang standen. Sie hatten uns gewiß keinen Augenblick aus den Augen verloren, sie hatten sich vor der großen Karawane nicht sehen lassen wollen und hatten in irgendeinem versteckten Tale gelagert, aber stets auf eine Gelegenheit zum Überfall gelauert, die sich ihnen früher oder später darbieten mußte. Sodann hatten sie unsere kleine Pilgerschar beobachtet, waren uns von fern, durch Hügel verdeckt, gefolgt, hatten uns wie Wölfe umlauert und waren jetzt vom Sturm unterstützt worden.

Sicher war diese Erfahrung für uns nützlich. Mit einem Schlag waren wir uns über unsere Lage klar und erkannten, daß wir künftig auf dem Kriegsfuß leben und jeden Augenblick auf einen Überfall gefaßt sein mußten.

Ein kleines Feuer wurde vor dem Zelte angezündet; dort ließen wir uns nieder. An Schlaf war diese Nacht nicht mehr zu denken. Die Pfeifen wurden hervorgeholt, wir hüllten uns in unsere Pelze und plauderten, während der Mond von Zeit zu Zeit zwischen unheildrohenden Wolken hervorguckte. Dann wurde Tee gekocht, der nebst Reis und Brot unser Frühstück bildete. Beim ersten Tagesgrauen erhoben wir uns und rüsteten uns zum Aufbruch. Ich nahm den zweiten großen Schimmel, Schagdur Ördeks Pferd; der Lama hatte seinen Maulesel behalten.

Als die Sonne aufging, saß der arme Ördek weinend am Feuer. Er war ganz außer sich vor Angst, jetzt allein und unbewaffnet die 70 Kilometer nach dem Lager Nr. 44 zu Fuß zurücklegen zu müssen. Er bat und flehte, uns begleiten zu dürfen, und versprach, ein andermal besser aufzupassen; als ich aber unbeweglich blieb, bat er um den Revolver. Doch das nächtliche Abenteuer hatte uns gelehrt, daß es nicht ratsam war, in diesem Land ohne Waffen zu reisen.

In aller Eile schrieb ich auf ein ausgerissenes Tagebuchblatt einen Brief an Sirkin. Ich beschrieb kurz, was geschehen war, und ermahnte ihn, auf seiner Hut zu sein. Räuber streiften in der Gegend umher, und da sie offenbar mit unseren Verhältnissen völlig vertraut seien, müsse Tag und Nacht die strengste Wachsamkeit beobachtet werden. Vor allem hätten die im Lager Zurückgebliebenen darauf zu achten, daß nicht noch mehr Karawanentiere gestohlen würden. Ferner befahl ich ihm, die Diebe durch Tscherdon, Li Loje und noch einen Mann verfolgen zu lassen; mehr als eine Woche dürfe aber diesem Versuche nicht geopfert werden. Alle weitere Auskunft werde Ördek erteilen, der auch die Stelle kenne, von welcher die Spur ausgehe.

Von der durchwachten Nacht schmerzten mir die Augen, als die Sonne aufging. Ördek steckte den Brief in den Gürtel und erhielt noch eine Schachtel Zündhölzer, damit er sich bei seinem Nachtlager Feuer anzünden konnte. Als wir uns trennten, sah er aus wie ein zum Tode Verurteilter, der zum Richtplatze geht. Kaum aber waren wir zu Pferd gestiegen, so sahen wir ihn halb laufend längs des Ufers verschwinden. Er glaubte natürlich, es werde den ganzen Tag Räuber regnen und jeden Augenblick könne eine Flintenkugel durch die Luft pfeifen. --

Später, als alle unsere Sorgen um Lhasa glücklich überstanden waren, erzählte er selbst, wie sein Rückzug abgelaufen war. Am 29. Juli hatte er den ganzen Tag nicht eine Minute Halt gemacht. Er hatte es nicht gewagt, auf freiem Felde unseren Spuren nachzugehen, sondern sich wie eine wilde Katze in trockenen Bachbetten und Rinnen, sie mochten gerade oder krumm sein, weitergeschlichen. Den ganzen Tag über hatte er sich nach der Dämmerung und der Dunkelheit gesehnt. Doch als diese eingetreten war und der Regen schnurgerade herniederströmte, erschreckte ihn auch das nächtliche Dunkel, und er glaubte, überall Räuber zu sehen. Ein paarmal hatten ihn friedliche Kulane beinahe um den Verstand gebracht und ihn veranlaßt, sich wie ein Igel zusammenzurollen.

Endlich erreichte er in pechfinsterer Nacht den Eingang unseres Tales und beschleunigte seine Schritte noch mehr. Der Fluß rauschte laut in seinem Bette und übertönte jeden anderen Laut. Unaufhörlich glaubte Ördek jemand hinter sich herschleichen zu hören. Jeder Stein war ein lauernder Schurke, der nach seinem Herzen zielte. Wie er im Regen und in der Dunkelheit über die steilen Hügel gekommen war, wußte er selbst nicht; er war nur immer vorwärtsgeeilt, gestolpert, gefallen, wiederaufgestanden und unzähligemal durch den Fluß, dessen Wasser ihm bis zu den Hüften ging, gewatet.

Als er schließlich das Lager erreichte, wäre er von der Wache, die Lärm schlug, beinahe erschossen worden. Er hatte den Mann jedoch noch rechtzeitig angerufen, wurde erkannt und von seinen erstaunten Kameraden sogleich mit Fragen bestürmt. Eine gute Weile konnte er nicht antworten. Vor Müdigkeit erschöpft, brach er nach Atem ringend zusammen. Den Brotfladen, den er als Proviant mitbekommen, hatte er nicht angerührt, und sein Appetit kam erst wieder, nachdem er den ganzen nächsten Tag geschlafen hatte.

Ördeks Bericht und mein Brief erschreckten natürlich die Daheimgebliebenen, die das Schlimmste befürchteten, da es schon die zweite Nacht war, daß unser Lager einem Attentate ausgesetzt gewesen war. Indessen hatte die Nachricht das Gute, die Wachsamkeit aufs äußerste zu schärfen, und hätten sich ungebetene Gäste dort in der Nähe sehen lassen, so wären sie mit scharfen Patronen empfangen worden.

Gleich am Morgen rüstete sich Tscherdon, um unsere Diebe zu verfolgen. Er nahm Turdu Bai und Li Loje mit; Ördek konnte nicht mitgehen. Trotz des Regens war unsere Spur auf dem ganzen Wege deutlich erkennbar gewesen, und auch die Spur der Diebe wurde gefunden. Sie hatten am Morgen in einer Entfernung von 30-40 Kilometer vom Salzsee gerastet und waren dort von mehreren der Ihren mit 15 Yaken erwartet worden. Dann hatten sie den Ritt eine so lange Strecke auf Grus und im Wasser fortgesetzt, daß die Spur völlig verschwand und nicht wiederzufinden war. --