Im Herzen von Asien. Erster Band.
Part 5
Noch ein Tag wurde Lailik geopfert wegen verschiedener Messungen und zur Feststellung einiger Werte, die uns späterhin von Nutzen sein konnten. Mit Bandmaßen wurde längs des rechten Ufers, dessen scharf abgeschnittener Rand 2½ Meter über der Wasserfläche lag, eine Basislinie von 1250 Meter Länge abgesteckt. Um diese Strecke zu treiben, brauchte die Fähre 26 Minuten, die kleine Jolle 22 Minuten 17 Sekunden; der Unterschied beruhte darauf, daß sich die Fähre nicht während der ganzen Zeit in der stärksten Strömung halten ließ, in deren Sauggebiete man jedoch die kleine Jolle leicht festhalten konnte. Die Strömung betrug also auf dieser Strecke zirka 50 Meter in der Minute oder etwas über 80 Zentimeter in der Sekunde. Um die gemessene Wegstrecke in gewöhnlichem Marschtempo zurückzulegen, brauchte ich 13 Minuten 45 Sekunden und machte im Durchschnitt 1613 Schritte; also waren 64 von meinen Schritten 50 Meter. Die Wassermenge des Flusses betrug hier bis zu 98,2 Kubikmeter in der Sekunde, die Maximaltiefe war 2,74 Meter (ganz dicht am rechten Ufer), das Bett war 134,70 Meter breit, und die größte Stromgeschwindigkeit betrug 0,893 Meter in der Sekunde. Für die Karte nahm ich als Norm an, daß 1 Minute Drift 50 Meter Weglänge und 1 Millimeter auf der Karte entspräche; es versteht sich aber von selbst, daß die Drift später bedeutend variierte, was auf die berechneten Entfernungen jedoch nicht einwirkte, da ich auf der ganzen Fahrt täglich mehrmals die Stromgeschwindigkeit maß.
Der Orientierung halber teile ich auch die wichtigsten Dimensionen der Fähre mit. Sie war 11,51 Meter lang, 2,37 Meter breit und 0,83 Meter hoch, wovon 0,23 Meter unter der Wasserlinie lagen, wenn das Schiff volle Last hatte und bemannt war. Bei 20 Zentimeter Wassertiefe mußten wir also festfahren, was auch täglich geschah. Die Reservefähre war 6 Meter lang und 1 Meter breit. --
Der 17. September war der große Tag der Abreise, und in früher Morgenstunde wurde die Karawane beladen. Die Kosaken und Nias Hadschi erhielten Auftrag, sie über Aksu und Korla nach Argan am untersten Laufe des Tarim zu führen, wo sie nach dritthalb Monaten eintreffen mußten und wo es uns nicht schwer werden konnte, durch Kuriere voneinander Nachrichten zu erhalten. Sie hatten Empfehlungsbriefe von Generalkonsul Petrowskij an die Aksakale (Konsularagenten) der beiden genannten Städte und ein paar gewaltige Pässe vom Dao Tai mit und wurden von ein paar chinesischen Untertanen, gewöhnlich muhammedanischen Beks oder Gendarmen, von Stadt zu Stadt eskortiert. Sirkin erhielt den Auftrag, ein kurzgefaßtes Tagebuch zu führen; er und Tschernoff bekamen ein Geldgeschenk und sollten, solange sie die Karawane eskortierten, ganz freie Station haben, so daß sie bei der Rückkehr nach Kaschgar ihren stehengebliebenen Lohn ohne Abzug einstreichen konnten.
Die Kamele befanden sich in bestem Wohlsein und hatten sich in dem jungen Walde fettgegrast. Auf dem Wege nach Lop sollten sie mit der größten Sorgfalt gepflegt und nicht überanstrengt werden; wir waren der Ansicht, daß sie beim Eintreten des Winters in wenigstens ebenso guter Verfassung wie jetzt sein und den Feldzügen in den Sandwüsten ohne Schwierigkeit entgegengehen könnten. Nias Hadschi erhielt 4½ Jamben zum Unterhalt der ganzen Karawane und zum Einkaufen großer Vorräte an Reis, Mehl und anderen Dingen, deren wir später bedürfen würden. Sirkin sollte über die Ausgaben der Karawane Buch führen. Als alles fertig war, nahmen sie Abschied, schwangen sich auf den Sattel und verschwanden langsam im Unterholz, bis das Glockengeläute nach einer Weile in der Ferne erstarb.
Mich begleiteten nur Islam, Koch, Bedienter und Faktotum in einer Person, und Kader, der eigentlich ein muhammedanischer Schreiber war, meistens aber als Islams Laufbursche fungierte. Die Besatzung der Flottille bestand aus vier mit langen, starken Stangen bewaffneten Männern (Sutschi, Wassermännern oder Kemitschi, Boots- oder Fährmänner). Einer hatte seinen Platz im Vorderschiffe, zwei im Achter der großen Fähre. Von ihnen wurde ununterbrochenes Aufpassen verlangt, denn an Stellen mit starker Strömung und scharfen Ecken zeigte die Fähre Neigung, gegen den stark unterwaschenen Uferwall zu stoßen, und dann mußte rechtzeitig von den Stangen Gebrauch gemacht werden. Der vierte Kemitschi führte die kleine Fähre und ging an der Spitze der Flottille, um die Tiefe zu untersuchen und uns vor seichten Stellen zu warnen; diese Fähre war vollgeladen mit Proviant, Mehl, Reissäcken und Früchten. Die Fährleute, die sich die ganze Zeit über vortrefflich führten, hatten 10 Sär (30 Mark) im Monat und alles frei, doch war es nicht leicht, sie zu überreden, mit nach Lop zu kommen; sie hegten eine kindische Furcht vor diesen fernen Gegenden, von denen sie noch nie hatten reden hören.
Nun wurde die letzte Hand an die Ausrüstung und Möblierung der Fähre gelegt, das Gepäck an Bord gebracht und das Küchengeschirr in der Nähe des Herdes auf dem Achterdeck geordnet. Das Zelt wurde auf der Plattform aufgeschlagen, seine herabhängenden Säume an den Außenrändern des Bretterfußbodens festgenagelt und im Inneren ein in munteren Farben gehaltener Teppich ausgebreitet. Das Möblement wurde so eingerichtet, daß das Feldbett an die Backbordlängsseite gestellt wurde und an seinem Fußende eine der Kisten stand; die beiden anderen standen auf der Steuerbordseite und dienten auch als Tische, auf denen stets eine Menge Instrumente, Karten und andere Dinge in malerischer Unordnung umherlagen. Am vorderen Rande der Plattform, in der Zeltöffnung selbst, hatte ich meinen aus der Proberöhrenkiste bestehenden Arbeitstisch, dessen Untergestell ein Koffer mit Winterkleidern bildete. Das Futteral des großen photographischen Apparates diente mir als Arbeitsstuhl. Öffnete ich die hintere Zelttür, so hatte ich freien Zutritt zum Kajütendach, auf dem allerlei Sachen, die nicht vom Wind fortgeweht werden konnten, wie Segel und Ruder, Strommesser u. dgl., aufbewahrt wurden. Hier war auch das Wetterhäuschen aufgestellt. Es umschloß den Baro- und Thermographen, die Maximal- und Minimalthermometer, das Psychrometer und drei Aneroide. Der Windmesser stand obendrauf; doch was er während der Flußreise mitzuteilen hatte, war von geringer Bedeutung, denn das Flußtal war durch Wälder und hohe Ufer geschützt, die den Wind zum großen Vorteile für den ungestörten Gang des Schiffes abhielten. Was Baro- und Thermograph auf vierzehntägigen Streifen aufzeichneten, war von größerem Interesse: man sah deutlich, wie das Barogramm das langsame Abfallen des Flusses nach Osten angab, während die gezähnte Linie des Thermogrammes immer niedriger wurde, je weiter der Herbst vorschritt und je mehr der Winter herannahte.
Die Fähre lag dem linken Ufer so nahe, als es die hier angehäufte Sandbank erlaubte. Doch um dorthin zu gelangen, mußte man eine ziemliche Strecke in dem seichten Wasser waten. Mit aufgekrempelten Kleidern zog eine ganze Karawane von Dörflern und Kindern zum letzten Lebewohl hinaus und bestürmte uns noch einmal mit Geschenken, die eiligst bezahlt wurden (Abb. 21).
Das Bild, das sich dem Blicke an Bord darbot, war so ansprechend und urgemütlich, daß ich die, welche im Wasser stehen blieben und uns lautlos die große Wasserstraße hinunterziehen sahen, beinahe bedauerte. Sie hatten den Vorbereitungen mit skeptischer Miene zugesehen und waren erstaunt darüber, wie gut sich schließlich alles gestaltet hatte. Es war Punkt 2 Uhr, als ich Befehl zum Aufbruch gab. Die Fährleute stießen das Schiff mit ihren langen Stangen in die Stromrinne hinaus, die Ufer glitten vorbei, und nach der ersten Biegung verschwanden die erinnerungsreichen Gegenden von Lailik und Merket.
Ich ließ mich sofort am Schreibtische nieder, wo ich monatelang wie festgenietet sitzen sollte; hier hatte ich meine Kommandobrücke und meinen Observationsplatz (Abb. 23). Ein Stück weißes Papier lag bereit; das erste Kartenblatt, Kompaß, Uhr, Diopter, Zirkel, Feder, Messer, Gummi, Fernglas usw., alles war zur Hand, und der Tisch stand so weit vor in der Zeltöffnung, daß ich sowohl nach vorn wie nach den Seiten freie Aussicht auf die Landschaft hatte. Jolldasch und Dowlet fühlten sich vom ersten Augenblick an völlig heimisch; während der heißen Stunden des Tages lagen sie keuchend unter Deck, in der Dämmerung aber kamen sie hervor und leisteten mir im Zelte Gesellschaft.
Wenn der Leser sich wundert, weshalb ich eigentlich diese Flußreise unternahm, und fragt, welchen Gewinn in geographischer Hinsicht ich von ihr erwartete, so antworte ich, daß dies erstens der einzige Weg durch ganz Ostturkestan war, den ich noch nicht kannte, und daß zweitens bisher noch nie eine Karte vom Laufe des Tarim aufgenommen worden war. Von Maral-baschi bis Jarkent waren Pjewzoff, ich und noch ein paar andere Reisende auf dem Karawanenwege am Flusse hingezogen, zwischen Schah-jar und Karaul waren Carey und Dalgleish und später auch ich durch die Uferwälder gegangen, und längs des untersten Teiles des Laufes war zuerst Prschewalskij, dann Prinz Heinrich von Orléans und Bonvalot, Pjewzoff, Littledale und zuletzt ich entlang gewandert. Aber die Wege und Stege, die dem Flusse folgen, berühren nur hin und wieder seine Krümmungen: die Wege sind, als wären sie zwischen den äußersten Kurven der Flußbiegungen auf einem der Ufer gezogen worden. Durch sie erhält man keinen Begriff von dem Verlaufe, dem Aussehen und den sonstigen Eigentümlichkeiten des Flusses. Unsere Kenntnis des Tarim war bisher auf derartige flüchtige Beobachtungen von geringem Werte gegründet gewesen. Als ich schließlich meine große Karte vom Tarim fertig hatte, fand ich, wie unähnlich ihr das bisherige Bild des Flusses war. Es war dies eine geographische Eroberung, die der Monate, die ihr geopfert worden, wohl wert war. Nie ist die Karte eines außereuropäischen Flusses so genau aufgenommen worden. Und wie interessant war es, das ganze Leben des Flusses so eingehend zu studieren, sein Steigen und Fallen, sein von verschiedenen Ursachen herrührendes Pulsieren, seine launenhaften Formationen und sein wechselndes Aussehen in verschiedenem Terrain! Nicht allein, daß ich so in täglicher, ununterbrochener Arbeit Material zu einer außerordentlich eingehenden Monographie über den größten Fluß des innersten Asien sammelte und einen Weg wählte, dem bisher noch nie jemand gefolgt war, sondern ich machte auch eine so idyllische, so angenehme Reise wie noch nie. Wenn man gewohnt ist, zu Pferd zu reisen oder die Gegenden von dem Rücken eines sich wiegenden Kameles aus zu betrachten, ist es ein Genuß sondergleichen, sich von der Strömung eines ruhigen, friedlichen Flusses befördern zu lassen, die ganze Zeit an seinem Arbeitstische im Schatten zu sitzen und sich die Landschaft entgegenkommen zu lassen, die sich selbst aufrollt wie ein ständig wechselndes Panorama, dem man wie von seiner abonnierten Theaterloge aus folgt und zusieht. Und es war ein großer Genuß, die ganze Zeit zu Hause zu sein, sein Arbeitszimmer, seine Schlafstube und seine Instrumente Tag und Nacht bei sich zu haben und sein Haus wie eine Schnecke durch das ganze innerste Asien mitzunehmen.
Meiner Ansicht nach hatte ich es weit besser und gemütlicher als auf einem europäischen oder amerikanischen Flußdampfer. Denn erstens war ich allein und brauchte mich vor niemand zu genieren. Wenn es mir zu heiß wurde, konnte ich mich entkleiden und vom Schreibtische direkt ins Wasser springen, was auf einem europäischen Dampfer nicht üblich ist, und ich konnte bleiben, wo und wie lange ich wollte, wenn wir an einer Stelle vorbeiglitten, die in irgendeiner Beziehung einladend aussah. Meine Mahlzeiten wurden mir am Schreibtische serviert, wann es mir paßte, und wenn sie auch weniger lukullisch waren als die europäischen, so haben mir diese dagegen selten so gut geschmeckt wie die an Bord meiner eigenen Fähre. Frisches Wasser und eine Luft, die der balsamische Duft der Pappeln alle Augenblicke erfüllte, hatten wir reichlich zur Verfügung. Ich hatte Bilder von denen, welche ich liebte und für die ich betete, in meiner Nähe aufgestellt und begegnete täglich ihren Blicken, die mich auf meiner einsamen Wanderung mit ihrer Liebe und guten Wünschen begleiteten, und es war herrlich, sich außer Hörweite der Verleumdung und der eingebildeten Klugheit zu wissen, welche der Unternehmungslust ebenso treu und sicher folgen wie die Delphine im Kielwasser eines Schiffes. Auf den provisorischen Tischen, die jedoch ihren Zweck vollständig erfüllten, lagen Bücher; ich hatte aber selten Zeit, darin zu lesen, denn jede Minute war von Arbeiten, die getan werden mußten, in Anspruch genommen. Und diese Arbeiten interessierten mich in solchem Grade, daß der Fluß doppelt so lang hätte sein können.
Viertes Kapitel.
Zweitausend Kilometer auf dem Tarim.
Unwiderstehlich trug die langsam und schwer dahingleitende Wassermasse unser Schiff auf ihrem breiten Rücken vorwärts; daß wir ebenso schnell wie die Strömung trieben, sah man leicht an den Treibholzstücken auf dem Flusse, die uns stundenlang begleiteten. Es war warm und still. Nur dann und wann ertönte das Gurgeln eines Wasserwirbels oder das Rauschen des Wassers gegen einen an einer Sandbank hängengebliebenen Baumzweig; ab und zu wurde die Stille von den Stangen unterbrochen, wenn die Fährleute, vom Avisomann Kasim gewarnt, sie ins Wasser stießen, um einer Untiefe auszuweichen.
Wir waren noch nicht lange unterwegs, als auch schon Gruppen von Landleuten und Frauen mit ihren Melonen, Schafen und anderen Dingen die Ufer garnierten. Aber dies lockte uns nicht mehr; wir wollten nicht bleiben und brauchten keine Verstärkung unserer mehr als reichlichen Verproviantierung. Der Tarim macht die tollsten Krümmungen; nacheinander treiben wir nach Nordwesten, Südosten, Norden, Nordwesten und Nordosten. Schon lange Strecken vorher sieht man an den Grenzlinien des Waldes, wo sich der Flußlauf seinen Weg im Terrain gesucht hat. Bei +Kalmak-jilgasi+ hatten sich eine Menge Leute versammelt. Da wir auch hier nicht hielten, liefen sie uns mit ihren Gaben nach, wateten schließlich an einer seichten Stelle in den Fluß (Abb. 22), kletterten auf die Fähre und legten ihre Waren auf dem Vorderdeck neben meinem Arbeitstische nieder. Es stellte sich heraus, daß es Frauen, Kinder und Verwandte unserer Bootsleute waren, die uns so überlistet hatten. Es gab keinen anderen Ausweg als anzunehmen, sich zu bedanken und zu bezahlen, was ich um so freigebiger tat, als ich es war, der die vier Männer ihren Familien entrissen hatte.
Nach halbstündiger Fahrt saßen wir zum ersten Male fest, aber der Stoß war so schwach, daß man das Stillstehen der Fähre kaum bemerkt haben würde, wenn man nicht gesehen hätte, wie das Wasser auf beiden Seiten an uns vorbeiströmte. Die Leute sprangen ins Wasser und machten die Fähre ohne Schwierigkeit durch Schieben wieder flott. Bei jedem Festsitzen benutzte ich die Gelegenheit zum Messen der Stromgeschwindigkeit. In den konkaven Kurven ist die Uferterrasse bis zu 3 Meter hoch, und oft fallen große Lehm- und Sandklumpen plumpsend herunter. Noch bedurfte es keines Führers; die Fährleute kannten mehrere Tagereisen stromab den Namen jeder Uferstrecke und jeder Waldpartie. Die Namen sind stets in einer oder der anderen Beziehung bezeichnend und lehrreich. So heißt eine von einer scharfen Biegung gebildete Halbinsel Araltschi, weil sie beinahe einer Insel gleicht; eine Waldgegend Tonkuslik, weil dort Wildschweine vorkommen; ein schmaler Teil des Flusses Kalmak-jilgasi (Mongolenpassage), weil in alten Zeiten Mongolen an den Ufern gewohnt haben sollen. Bei einer nach ihrem Erbauer Muhammed Ili-lenger genannten Poststation an dem großen Karawanenwege, der uns hier bei einer Biegung nach links nahe ist, hat der Fluß vor zwei Jahren auf eine kurze Strecke seinen Lauf verändert; das alte Bette heißt Eski-darja (der alte Fluß). Solche Launenhaftigkeiten des Flußbettes wurden oft beobachtet und stets auf der Karte eingetragen. In den verlassenen Betten bleiben gewöhnlich kleine, klare Wasseransammlungen (Köll = See) stehen.
Abends wurde man von dem starken Sonnenlicht in den westlichen Biegungen und der glänzenden Straße, die auf der Wasserfläche zitterte, etwas belästigt, ging es aber nach Norden oder Osten, so war die Beleuchtung herrlich.
Die Proviantfähre gewährte mit all ihrem Gemüse und ihren Melonen einen ländlichen Anblick; dort gackerten Hühner und krähte ein Hahn -- ihre Aufgabe war, mich mit frischen Eiern zum Frühstück zu versehen. Einige Schafe hatten ihre Freistatt auf der großen Fähre in einem kleinen Gehege auf dem Achterdeck, wo sie in schönster Ruhe ihr Futter verzehrten. Doch ihre Tage waren gezählt; das erste wurde in +Gasanglik+ geschlachtet, wo wir die Nacht blieben.
Wenn die Tagereise zu Ende ist, muß zuerst die Fähre festgemacht werden, damit sie während der Nacht nicht ins Treiben gerät (Abb. 24). Die Leute bringen am Ufer ihr Lager in Ordnung, um ein Feuer herum, auf dem bald die Teekannen summen und das Abendessen bereitet wird. Ihre Betten bestehen aus einer Unterlage von Filzmatten (Kigis) und das Deckbett bildet der Schafpelz (Pustun). Ich saß lange an meinem Schreibtisch und arbeitete in der stillen Nacht. Die Ruhe wurde nur unterbrochen durch Sandrutsche an den Biegungen, wo die Erosion ihre Minierarbeit ausführt. Manchmal klatscht es auf, als wäre ein Krokodil ins Wasser gegangen, doch solche Tiere gibt es im Tarim glücklicherweise nicht. Die Mücken waren lästig, bald aber würde ihnen die Nachtluft zu kalt für ihr Spiel. Der Mond goß sein Silberlicht über die breite Wasserstraße aus, die sich im Norden wie eine Gasse öffnete.
18. September. Der erste Morgen an Bord war frisch und kühl. Ich schlief stets in meinem Zelte, und es war schön, nicht vor Skorpionen, die an den Ufern ziemlich häufig sind, auf der Hut sein zu müssen. Eine Folge der Strömungsverhältnisse am Lagerplatze war, daß sich im Laufe der Nacht eine Menge Sand und Schlamm um die Fähre herum anhäufte und die Männer eine gute Weile arbeiten mußten, um sie loszumachen. Währenddessen trank ich meinen Morgentee; erst um 9 Uhr waren wir flott und glitten wieder den großen Fluß hinab, der hier jedoch noch recht einförmig war. Nur wenn man an den steilen Ufern (Jar oder Kasch = Strandterrasse, vgl. Jarkent, Kaschgar) vorbeistreicht, die mit jungen Pappeln, Gesträuch und jungen Hagedornhecken bekleidet sind, deren Wurzeln aus dem Uferwalle herauswachsen und ins Wasser hinabhängen, kann man manchmal recht hübsche Partien passieren.
Unsere Kemitschi sind ausgezeichnete Leute, die sich vorzüglich anlassen. Sie heißen Kasim Ahun, Naser Ahun, Alim Ahun und Palta; ein fünfter Mann, Kasim-on-baschi, begleitete uns nur die ersten Tage, um im Anfang mitzuhelfen. Alle sind ebenso mit dem Manövrieren der Fähre wie mit den Eigentümlichkeiten des Flusses vertraut und können es in den meisten Fällen schon der Form der Ufer und dem Kochen und Ringeln des Wassers auf der Oberfläche ansehen, wo es tief oder seicht ist. Oft werden die Sandbänke mitten im Flusse durch Treibholz, Pappelstämme, Reisigbündel und Schilfgarben, die in Drift geraten und hängengeblieben sind, angegeben. Liegt eine tückische Sandbank dicht unter der Oberfläche, so verrät sie sich doch gewöhnlich dadurch, daß das Wasser über ihr ruhig ist und dann gleich unterhalb der Bank eine Stromgasse bildet.
Ich unterscheide in der Folge zwischen konkavem und konvexem Ufer; das konkave ist dasjenige, welches direkt der von der Zentrifugalkraft bestimmten Erosionskraft der Wassermasse ausgesetzt ist und wo die 2 oder 3 Meter hohe Uferwand da lotrecht abgeschnitten ist, wo die Hauptmasse des Wassers strömt, wo wir also die größte Tiefe und die stärkste Geschwindigkeit finden. Das konvexe Ufer hingegen tritt in einer Biegung auf, sei es nach rechts oder nach links, und wird von den Eingeborenen fälschlich „Aral“ oder „Araltschi“ (Insel) genannt. Es ist eine flache, halbmondförmige, scharf markierte oder stumpfe Anhäufung von Schlamm, den seichtes, langsamfließendes Wasser hier während der Hochwasserperiode abgesetzt hat. Hätten wir die Reise anderthalb Monate früher angetreten, so wären diese Schlamminseln überschwemmt gewesen, der Weg wäre etwas kürzer und die Geschwindigkeit größer geworden. Schon jetzt war der Fluß so bedeutend gefallen, daß die noch vorhandene Wassermenge nur die eigentliche Erosionsfurche des Flusses füllte, die überall dicht an den konkaven Ufern hinläuft, d. h. zu alleräußerst in allen Krümmungen nach rechts und links, wodurch die Länge des Weges größer wird und das Abschneiden der äußersten Biegungen unmöglich gemacht ist. Für eine genaue Kartenaufnahme des Tarim war jedoch dieser Umstand ein Vorteil, denn die seichten Stellen lagen nun offen da, und man bekam einen deutlichen Begriff von der Plastik des Bettes.
In den Gegenden, wo wir uns jetzt befanden, war der Lauf des Flusses noch einigermaßen gerade, und ich machte in 25 Minuten nur eine Peilung. Aber bald änderten sich die Verhältnisse, und die Pausen zwischen den Peilungen überstiegen selten 3 oder 4 Minuten. Ich konnte kaum die Aufzeichnungen abschließen, bis wieder eine Peilung gemacht werden mußte, und die Kompaßnadel schwankte von einer Zahl zur anderen.
Der Fluß fällt nicht regelmäßig, sondern ruckweise, so daß um die Schlamminseln und die Halbinseln herum scharf markierte Erosionsränder entstehen. Doch sowie der Schlamm getrocknet ist, fällt er ab und man hört ihn überall ins Wasser plumpsen.
Eine vorspringende Landspitze heißt „Tumschuk“. Unterhalb einer solchen entsteht gewöhnlich eine Unterwasserbank, die bei noch niedrigerem Wasserstande freigelegt ist. Für uns waren solche Stellen die schlimmsten. Fuhren wir trotz aller Anstrengungen der Leute fest, so sprangen sie sofort ins Wasser und schoben uns flott. Das Aufgrundstoßen war bei dem weichen Boden so unmerkbar, daß ich gewöhnlich erst dann etwas davon gewahr wurde, wenn die Männer riefen „Laiga tegdi“ (ist auf den Lehm geraten), „Toktadi“ (ist stehengeblieben) oder „Turdi“ (hat sich festgefahren), „Tüschdi“ (ist abgeglitten, eigentlich fiel). „Mangdi“ oder „Mangadi“ (es geht) sind Ausrufe, welche verkünden, daß wir die Fahrt wieder aufgenommen haben. Stieß das Vorderteil auf, so drehte sich die Fähre im Kreise herum und der Kopf wurde einem so schwindlig wie in einem Karussell. Die Landschaft veränderte ihr Aussehen in einem Augenblick, und die Sonne schien verrückt geworden zu sein; eben hatten wir sie im Rücken, und nun stand sie vor dem Vorderschiffe.
Die Erscheinungen im Flusse, welche ständig wiederkehren, bezeichnen die Eingeborenen mit besonderen Namen. Kleine Strömungsanzeichen über einer Untiefe heißen „Kainagan-su“ (kochendes Wasser) oder „Kainagan-lai“ (kochender Schlamm). Wenn der Fluß sich teilt, spricht man einfach von dem linken und rechten Flußarme; ist der eine kleiner, heißt er „Kitschik-darja“ (kleiner Flußarm) oder „Partscha-darja“ (Flußteil); eine Sackgasse heißt „Bikar-darja“ und ein verlassener Arm „Eski“- oder „Kona-darja“, und wenn er eine isolierte Wasseransammlung enthält, „Köll“. Wenn der Fluß sich teilte, schwebten wir gewöhnlich in der größten Ungewißheit darüber, welchen Arm wir wählen sollten, und wir machten dann nicht selten Halt, um die Stelle mit der Jolle genauer zu untersuchen und zu peilen.
Im Vorderschiff hat mein Freund Palta (Abb. 25) seinen Platz; mit nackten Beinen und bereitgehaltener Stange saß er da, beobachtete aufmerksam den Fluß und folgte genau der von Kasim im Avisoboot angegebenen Richtung. Gewöhnlich sang er in schwermütigen Rhythmen ein Lied von den Abenteuern eines Königs, interessierte sich aber, ebenso wie seine Kameraden, stets sehr für das Navigieren und das Leben an Bord.