Im Herzen von Asien. Erster Band.
Part 4
Inzwischen wurde es dunkel, und in den Basargäßchen waren die Papierlaternen schon angezündet. Gleich hinter der chinesischen Stadt war die Straße beinahe eine Stunde weit vollständig überschwemmt, und wie in einem seichten Flußbette plätscherten wir zwischen Gärten, Feldern und Lehmmauern dahin. Die Alleen waren nur als schwarze Schattenrisse zu erkennen, aber der Regen hatte aufgehört, der Weg war jetzt besser, und die Kamele konnten festen Fuß fassen. Es war jedoch schon spät, als wir in unserem provisorischen Lager im Dorfe +Musulman-natschuk+ zur Ruhe kamen, nachdem wir des Silbergeldes halber bei dem Gepäck Nachtwachen aufgestellt hatten.
Den Weg nach Lailik kannte ich zum größeren Teile von 1895 her und will ihn daher nur sehr kurz beschreiben. Der Tagemarsch am 6. September führte uns durch eine ziemlich spärlich bewohnte, aber recht gut angebaute Gegend. Von +Chan-arik+ an war der Weg durch eine üppige Allee von Maulbeerbäumen, Weiden und Pappeln begrenzt, die dichten, tiefen Schatten spendeten. Die Pappeln werden geköpft, um nicht in die Höhe zu wachsen, und bilden am oberen Teile des Stammes ein massiges Bündel aufwärtsstrebender Zweige. Auf weite Strecken hin vermag kein Sonnenstrahl durch das dichte Grün zu dringen, unter dessen kühlem Gewölbe es sich außerordentlich angenehm reitet. Der Weg glich an solchen Stellen einem Tunnel, durch welchen die Kamele, an einen Zug von lauter Güterwagen erinnernd, mit ruhigem, gleichmäßigem Gange hinschreiten und sich von dem grünen Hintergrund malerisch abheben. Es liegt etwas Feierliches über dem Marsche einer solchen Karawane dem Tode entgegen, der die meisten Kamele mit Gewißheit irgendwo in den Wüsten des fernen Ostens oder in den Berggegenden Tibets erwartet. Die Glocken läuten ihre abgemessene melancholische Melodie, welche unwillkürlich an eine Beerdigung erinnert; doch mit philosophischem Blick und ruhiger Haltung messen die prächtigen Tiere den Weg mit langen, langsamen Schritten unter ihren im Verhältnis zu ihren Kräften nicht schweren Lasten. Die Silberkamele tragen die schwersten Lasten, besonders ein Matador, dem allein 40 Jamben zuerteilt worden sind. Die Lasten sind ausgeglichen, und Unterbrechungen des Marsches kommen nicht mehr vor; nur hin und wieder muß, ohne daß das Kamel deshalb stehen zu bleiben braucht, eine Leiter etwas nach der einen oder anderen Seite hinübergerückt werden. Die Kamele haben starken Appetit und brandschatzen Weiden und Pappeln im Vorbeigehen, oft auf Kosten des Nasenstrickes. Wenn dieser zu hart angespannt wird, reißt er in der Mitte an seinem schwachen Punkte, wo seine beiden Hälften mit einer dünneren Schnur zusammengebunden sind, welch letztere reißt, ehe die Nase des Tieres hat Schaden nehmen können.
Jeder Mann unserer Gesellschaft hat seinen bestimmten Platz im Zuge und seine bestimmte Aufgabe bei der Aufrechterhaltung der Ordnung. Voran reiten die beiden Durgas aus Kaschgar, dann kommt Faisullah auf dem ersten Kamele, an dessen Seite Nias Hadschi ein Pferd reitet; auf dem sechsten Kamele hockt der junge Kader, und hinter dem siebenten reitet Islam. Die zweite Abteilung wird von Turdu Bai geführt, in ihrem „Kielwasser“ reitet Musa. Die Kosaken decken die Flanken; ich reite gewöhnlich hinterdrein. So geht es vorwärts durch Gärten und Dörfer, zwischen Mais- und Weizenfeldern hindurch, über Kanäle mit oder ohne Brücken (Abb. 13), über öde Steppen und kleine Sandfelder, wo vereinzelte, gleichsam verirrte Dünenindividuen von ungefähr 3 Meter Höhe ihre steilen Abhänge nach Osten kehren (Abb. 14). Im Dorfe +Jupoga+, unserer nächsten Raststelle, suchte man in mehreren Bassins das kostbare Wasser des großen Kanals Chan-arik aufzufangen.
Am 8. September erhielten die Tiere ihren ersten Ruhetag; ihre Packsättel waren seit Kaschgar nicht abgenommen worden, und man muß genau nachsehen, damit auf dem Rücken oder an den Seiten der Höcker, wo der mit Stroh gestopfte Sattel oder ein Teil der Last dicht anliegen und drücken kann, keine Scheuerwunden entstehen.
Nach einer ganz sternenklaren Nacht erscheint die Morgenluft beinahe kalt; die Minimaltemperaturen sind in beständigem Fallen begriffen, aber die Tageswärme steigt allmählich, je mehr wir uns von den gut bewässerten Vegetationsgebieten und den Bergen entfernen. Unterwegs hatten die Dorfbewohner mehrmals Dastarchane aufgetischt in Gestalt von Zucker- und Wassermelonen, in der Hoffnung auf ein anständiges Trinkgeld, eine Artigkeit, die auf die Dauer recht lästig wird.
Das Dorf ist bald zu Ende; dann folgt die hügelige Steppe, wo wir zahlreichen Landleuten begegnen, die den Ertrag ihrer Äcker und Gärten auf Eseln, Kühen und Pferden nach dem Markte in Jupoga bringen. Dann und wann wird die Steppe von einer unfruchtbaren Dünenreihe durchkreuzt; dazwischen sieht man Schafherden, Mais- und Baumwollfelder, trockene, jämmerliche Kanäle, die nur selten von der letzten Flut aus dem Chan-arik noch am Boden feucht sind. Rechts vom Wege zieht sich ein Gürtel hübsch blühender Tamarisken hin, eine wehmütige Erinnerung an das Heidekraut unserer Wälder. Die staubige Landstraße geht allmählich in einen Pfad über und zeigt damit an, daß der Verkehr nach Osten hin abnimmt. Am Rande von +Terem+ finden wir wieder den langen Bewässerungskanal Chan-arik mit 4 Meter breitem, gänzlich trockenem Sandboden und kleinen Brücken, die verraten, daß hier von Zeit zu Zeit auch Wasser fließt. Um den langen Wüstenmarsch des nächsten Tages, den ich schon von früher her kannte, abzukürzen, ritten wir durch das ganze Dorf und lagerten uns bei dem letzten nach der Wüste zu liegenden Gehöfte.
Am 10. September machte ich, für eine Zeit von mehreren Monaten, die letzte Reise zu Lande. Die Temperatur fiel während der Nacht auf 8,3 Grad, was einem nach einem Tage von über 30 Grad im Schatten grimmig kalt vorkommt. Als ich aufstand, war der größere Teil der Karawane schon marschfertig. Der Tag war heiß, der Marsch lang und ermüdend, und die Wassermelonen, die wir mitgenommen hatten, fanden reißenden Absatz. Steppen- und Wüstengürtel wechseln ab, die Dünen sind bald schwach mit Tamarisken bewachsen, bald völlig nackt; die ersteren heißen „Kara-kum“, die letzteren „Ak-kum“, was schwarzer und weißer Sand bedeutet (Abb. 15). Die Nachbarschaft des Flusses macht sich schließlich bemerkbar, indem kleine Gruppen von Pappeln (Tograk) auftreten und nach und nach immer frischer und laubreicher werden, je mehr wir uns der großen Wasserstraße nähern.
Bei der Poststation +Lenger+ wurden wir von einigen neugierigen Chinesen begafft und in der Dämmerung erreichten wir die breite mächtige Flut des Jarkent-darja. Der Fluß war hier in Arme geteilt, von denen der linke, an dessen Ufer wir hinzogen, viel zu seicht war. Wir zogen daher noch eine Weile in der Dunkelheit nach Norden weiter; von den Tritten der Kamele knisterte und krachte es in den trockenen Zweigen des Unterholzes und des Gesträuches. Das Terrain wurde jedoch nicht besser, und als sich das silberne Horn des Mondes im Walde versteckte, machten wir aufs Geratewohl Halt und schlugen, ziemlich müde von der dreizehnstündigen Reise, am Ufer unser Lager auf.
Endlich hatten wir den Fluß erreicht. Nun begann eine neue Abteilung der Reise und dazu eine Reisemethode, die ich bisher noch nicht erprobt hatte.
Drittes Kapitel.
Die Schiffswerft in Lailik.
Jetzt folgte eine knappe Woche für die Vorbereitungen zu der langen Flußreise. Islam hatte in Merket eine längere Unterhandlung mit Beks und Kemitschi (Fährleuten). Ich hatte gefürchtet, daß die Chinesen Mißtrauen gegen mein Vorhaben hegen würden und daß die Erfahrungen der Wüstenreise des Jahres 1895, deren Ausgangspunkt Merket ebenfalls gewesen, die Dorfbewohner abschrecken würden, uns beim Aufbrechen zu helfen. Denn damals war der Bek zum Dao Tai gerufen, verhört und getadelt worden, weil er mir nicht einen zuverlässigen Führer mitgegeben. Nun aber hatte Merket einen neuen Bek erhalten, dem der Dao Tai Befehl erteilt hatte, uns weiterzuhelfen und uns wie vornehme Leute zu behandeln. Islam kehrte denn auch bald mit dem Bescheid zurück, daß ein Fährmann uns sein Fahrzeug für 1½ Jamba zu verkaufen bereit sei.
Mit dem Kosaken Sirkin unternahm ich eine Probefahrt in dem englischen Segeltuchboote auf dem kleinen, abgeschnürten Flußarme, an dessen Ufer unser Lager aufgeschlagen war. Auch von Mast und Segel machten wir Gebrauch. Bei der schwachen Brise kam die vortreffliche kleine Jolle gut vorwärts; sie schien ein ziemlich sicheres Boot zu sein. Bei einem kleinen Nebenarme führten wir das Boot nach dem Hauptflusse hinaus, wo es ruhig und elegant, aber ziemlich schnell dahinglitt. Nur unbedeutende, langsam tanzende Wasserringel waren auf der Oberfläche des Flusses zu sehen und von Stromschnellen war nichts zu hören. Es war ein Genuß, sich so forttragen zu lassen, ein Vorgefühl des Behagens, womit die Flußfahrt später auf Hunderte von Meilen hin verknüpft sein sollte. Die Vereinigungsstelle des Seitenarms mit dem Hauptflusse schien noch fern zu sein, und wir hielten es für an der Zeit umzukehren. So schleppten wir denn das Boot in dem weichen, zähen Lehm bis an unseren Seitenarm. Doch auch in diesem herrschte eine Strömung, die kräftig genug war, um das Flußaufwärtsrudern zu schwer zu machen. Sirkin ging daher an Land und holte einen Mann und zwei Pferde. Mitten im Wasser reitend, zog er das Boot an einem Stricke nach. Manchmal blieb das Pferd in dem zähen Lehme beinahe stecken, und die Tiefe war stellenweise bedenklich groß. Einmal erreichte das Pferd den Grund nicht mehr; es wurde von der Strömung fortgerissen und war nahe daran sich zu überschlagen; der Reiter sprang ab und schwamm auf das Boot zu, das ich ihm entgegensteuerte. Doch ihm erschwerte die Kleidung die Bewegungen, und gerade als er nach dem Ruder griff, das ich ihm hinhielt, versank er ganz im Wasser. Endlich gewann er jedoch Halt am Bootrande und hätte die kleine Jolle beinahe umgerissen, als er sich hineinschwang. Alles ging so schnell vor sich, daß ich kaum dazu kam, mich zu beunruhigen. Doch was hätte es für ein Unglück geben können, wenn mein Kosak einen Starrkrampf bekommen hätte oder des Schwimmens unkundig gewesen wäre! Am Ufer war das Pferd, das seinen eigenen Weg geschwommen war, nahe daran, in dem zähen Schlamme umzukommen, aber es arbeitete sich ebenfalls wieder heraus. Sirkin war nach dem Bade ganz matt und angegriffen, aber seine kleine Schwimmtour hatte so einladend ausgesehen, daß ich mich entkleidete und ein erfrischendes Bad nahm.
Unser Versuch, wieder nach dem Lager zu kommen, war also gescheitert; glücklicherweise waren aber einige unserer Leute am Ufer flußabwärts gegangen, um uns zu suchen. Sie mußten uns vom Ufer aus an einer langen Leine ziehen, während ich das Boot mit dem einen Ruder in der Stromrinne hielt.
Das Lager bot bei unserer Ankunft ein lebhaftes Bild dar. Die Zelte waren von einer ganzen Volksversammlung von Besuchern umgeben (Abb. 16). Ich fand dort viele alte Freunde von 1895 wieder, Lailiks On-baschi (Bezirkshauptmann, eigentlich Chef von 10 Mann) und Örtängtschis (Gastwirte), verschiedene Bewohner von Merket und Frauen in langen Hemden von dünnem, rotem Zeuge mit ihren Kindern auf dem Arme.
Nachdem die Unterhaltung sich eine gute Weile um jene unglückliche Wüstenreise gedreht, wurden die Flußreise und die Fährfrage Gegenstand einer Diskussion. Um die Sache abmachen zu können, ritt ich mit einem großen Gefolge nach der Fährstelle zwischen Lailik und Merket, wo die von Islam vorgeschlagene Fähre lag. Ich fand sie vorzüglich, von kernfesten, ungehobelten Planken, die von mächtigen eisernen Krampen zusammengehalten wurden, neu erbaut und ganz dicht. Sie kam mir nur ein bißchen groß und schwer vor, was hier oben gewiß vorteilhaft ist. Doch wer konnte wissen, ob der Fluß überall gleich tief und wasserreich wäre, und viel wahrscheinlicher war es, daß es schwierig sein könnte, diesen schweren Koloß wieder flott zu machen, wenn er mit Unterwasserbänken in allzu innige Berührung gekommen wäre. Die Frage wurde mit den Lailiker Fährleuten von allen Gesichtspunkten aus erörtert; die meisten rieten uns, das „Schiff“ zu nehmen, wie es war.
Der Beschluß, der gefaßt und schon am folgenden Morgen ins Werk gesetzt wurde, bestand darin, das Schiff nach einem Punkte am rechten Ufer, unserem Lager gerade gegenüber, zu bringen (Abb. 17). Wir mußten eine Schiffswerft anlegen, wo eine Ausrüstung und Rekonstruktion mit wirklichem Vorteil stattfinden konnte. Bei unserem Lager auf dem linken Ufer ließ sich dies nicht machen, denn dort floß nur ein Seitenarm, der vom Hauptflusse durch eine tiefliegende, feuchte Schlammzunge, hinter der das Wasser zunächst seicht war, getrennt war. Auch das rechte Ufer war insofern ungeeignet, als es infolge der Erosion des Flusses eine anderthalb Meter hohe steil abgeschnittene Wand bildete. Häkim Bek aus Merket bot neunzig Landleute auf, die mit ihren Spaten einen nicht allzusteilen Abhang herstellten, auf den Bretter gelegt wurden; auf dieser Unterlage wurde die Fähre unter Gesang und Geschrei mit vereinten Kräften aufs Trockene gezogen. Der Bek, dessen Adern reicher an chinesischem als an muhammedanischem Blute waren, stand die ganze Zeit über mitten auf der Fähre; sie wurde dadurch gerade nicht leichter, aber er imponierte durch seine hohe Gegenwart, hielt eine lange Rute in der Hand, klatschte und schlug nach allen Seiten und kommandierte wie ein Zirkusdirektor. Die Kinder des Wüstenrandes verdoppelten ihre Kräfte, und der schwere Prahm wurde ruckweise auf ebenen Boden gezogen, wo er zwischen den Hagedornbüschen auf einigen Querbalken ruhte.
Als wir soweit gekommen waren, überlegten wir eine Weile, denn jetzt sollte der Beschluß gefaßt werden, der für den Ausgang der ganzen Reise wichtig sein konnte. Ein Mann erzählte nämlich, daß der größere Teil der an Lailik vorüberströmenden Wassermasse sich in einem breiten, seichten Arme in die kleinen Seen von Maral-baschi ergieße, deren Wasser durch Kanäle auf die Felder dieser Oase geleitet werden. Das eigentliche Bett des Jarkent-darja dagegen habe einen östlicheren Lauf nach Tschahrbag zu und sollte nur wenig Wasser in einem schmalen Bette mit großem Gefälle haben. Infolge dieser Aufklärungen wurde für den Anfang beschlossen, die oberste Planke an den beiden Längsseiten und die entsprechenden Teile vorn und hinten zu entfernen, wo dann mittelst der eisernen Zapfen neue Querhölzer festgemacht werden sollten. Für den Fall, daß wir infolge zu geringer Wassermenge die große Fähre würden im Stiche lassen müssen, wurde eine kleine Reservefähre gebaut. Zu dieser wollten wir im Notfalle unsere Zuflucht nehmen, damit wir die Flußreise nach dem Lop-nor, die ich um jeden Preis ausführen wollte, nicht abzubrechen brauchten.
Um jeden Augenblick vom Lager nach der Werft hinüberkommen zu können, mieteten wir eine der Fähren, die die Verbindung zwischen den Ufern auf dem Wege von Lailik nach Merket aufrechthalten. Ich befand mich meistens bei der Werft, um die Arbeit zu überwachen und die Fähre so zu bekommen, wie ich sie wünschte, bequem und gemütlich, wie mein schwimmendes Heim für lange Monate sein mußte.
Die Werft entwickelte sich allmählich zu einer Werkstatt, wo frisch gearbeitet wurde (Abb. 19). Schreiner aus Merket und sachverständige Leute aus Jarkent versammelten sich hier mit ihren Werkzeugen und verdienten so gut wie kaum je zuvor. Eine Schmiede mit einer kleinen, aus Ziegelsteinen aufgemauerten Esse und einem Blasebalge wurde zwischen den Büschen angelegt, und die Funken sprühten von den eisernen Krampen, die gerade gehämmert wurden. Der Bek war allgegenwärtig und führte mit milder Hand das Regiment über die, welche an der Arche zimmerten.
Aus dünnen Planken von trockenem, starkem Pappelholz sollte das Vorderdeck der Fähre gebaut werden, eine Plattform, auf der mein Zelt aufgeschlagen werden sollte und von deren vorderem Teile aus ich einen freien Ausblick auf den Fluß haben würde.
Hinter dem Vorderdeck wurde aus Stangen und Zweigen das Gerippe einer würfelförmigen Kajüte erbaut, die ich anfänglich zum Schlafzimmer für mich bestimmte; sie mußte in den kalten Herbstnächten leichter warm zu halten sein als das Zelt (Abb. 18). Sie erhielt jedoch schon während des Ganges der Arbeit eine ganz andere Aufgabe zu erfüllen, indem sie als photographische Dunkelkammer eingerichtet wurde. Drei kleine, mit Scheiben versehene längliche Fensterrahmen wurden in die Wände der Kajüte eingesetzt. In den einen Rahmen, mitten in der Wand, die an das Zelt grenzte, kamen dunkelrote Glasscheiben. Wenn ich nachts an diesem Fenster mit Entwickeln beschäftigt war, wurde draußen ein Stearinlicht davor, d. h. in das Zelt hinein, gestellt; vor Zug und Wind wurde die Flamme teils durch das Zelttuch, teils mittelst einer Holzkiste, die es wie ein Schilderhaus umgab, geschützt.
Die beiden anderen Fenster mit weißem Glase wurden an der Außenwand und an der Hinterwand angebracht; wenn man aufrecht stand, hatte man bei Tag durch sie die Aussicht auf den Fluß und das rechte Ufer; sie waren aber so eingerichtet, daß sie beim Entwickeln vollständig bedeckt werden konnten. An der Hinterwand lief eine niedrige Bank entlang, auf der vier ziemlich große, eigens zu photographischen Zwecken gekaufte Zuber mit reinem Wasser standen. Was das Waschen der Platten anbetraf, so wurde folgende praktische Einrichtung getroffen. Auf der vorderen Backbordecke des Kajütendaches wurde auf eine verstärkte Plattform ein Bottich gestellt, von dessen Boden ein Gummischlauch in die Kajüte hinabführte und in einen Samowar mündete, unter dessen Hahn ich die Platten bequem abspülen konnte. Wenn der Samowar gefüllt war, wurde der Zufluß mittelst einer Klemme am Schlauche abgesperrt, und wenn der Bottich leer wurde, brauchte ich nur der Wache zuzurufen, ihn wieder zu füllen. Das Flußwasser, das stets trübgrau von Schlamm und Staub ist, war natürlich für photographische Zwecke unbrauchbar, doch ganz kristallklares Wasser zu finden, war keine Kunst; es gab solches längs des ganzen Weges flußabwärts in kleinen, abgeschnürten Uferlagunen. Dagegen konnte das gebrauchte Waschwasser nicht entfernt werden; es überschwemmte nach meinen Arbeitsnächten den Boden der Fähre und machte am nächsten Morgen ein Ausschöpfen notwendig. Mich selbst belästigte der feuchte Boden der Kajüte gar nicht, denn ich hielt mich meistens im Zelte auf, dessen Fußboden einen Meter über dem Boden der Fähre schwebte.
Als das Holzgerippe der Kajüte fertig war, wurde es mit einer doppelten Schicht von schwarzen Filzmatten, die festgenagelt wurden, bekleidet; auch die Türöffnung konnte mit an ihrem oberen Teile befestigten Filzvorhängen verdeckt werden. Noch in der Mitte des September war die Hitze in der schwarzen Kajüte bei Tag unerträglich; es dauerte aber nicht lange, bis der Herbst dafür sorgte, daß dieser Unannehmlichkeit abgeholfen wurde. Bei Tage hatte ich dort selten zu tun, es sei denn, um zum Trocknen aufgestellte Platten zu überwachen oder Instrumente und andere im Laboratorium verwahrte Sachen zu holen.
In der Mitte des Schiffes, hinter der Kajüte, wurden etwas Proviant, ein paar Sättel und die Sachen der Leute aufgestapelt; für meine Diener war reichlich Platz im Achter der Fähre, wo eine kleine, runde Herdplatte von Lehm aufgemauert wurde, die Küche. Da es im Spätherbst und noch mehr im Anfang des Winters sehr kalt wurde, zündeten die Männer dort ordentliche Scheiterhaufen an.
So kleideten sich denn nach und nach meine Pläne in die Gestalt der Wirklichkeit, und schneller, als ich es zu hoffen gewagt, lag das stolze Drachenschiff fertig auf seinem Bette und sehnte sich, in sein Element zurückkehren zu dürfen. Während seiner Instandsetzung waren wir auf anderen Gebieten auch nicht untätig gewesen. In der Schmiede schmiedete Sirkin ein Paar fester Anker oder richtiger Dregganker mit sechs Armen, die uns später oft von großem Nutzen waren; namentlich war der kleinere Anker, der für die englische Jolle bestimmt war, jedesmal nötig, wenn die Geschwindigkeit des Wassers mitten im Flusse gemessen wurde und das Boot also still liegen mußte. Die kleinere Fähre wurde auch bald fertig. Ziemlich beunruhigend war es, zu sehen, wie der Wasserstand mit jedem Tage, der dahinging, ein paar Finger breit fiel; wir beeilten uns aber desto mehr und hofften, daß, wenn es uns nur gelänge, glücklich an den schmalen Stellen bei Maral-baschi vorbeizukommen, wir auch bis ans Ende des Flusses gelangen würden.
Während der letzten zwei Tage in Lailik wurden alle Vorbereitungen abgeschlossen. Das Gepäck wurde geordnet, und es handelte sich jetzt darum, nur das Allernotwendigste mitzunehmen, das jedoch drei große Kisten füllte. Als alles fertig war, erhielten die Schmiede und Schreiner, die uns behilflich gewesen, reichlichen Lohn; der Bek aber war zugegen und sah zu, daß keine unberechtigten Forderungen gestellt wurden. Am 15. September liefen beide Fähren von Stapel; mit der größeren machte ich eine kleine Probefahrt, die in jeder Hinsicht befriedigend ausfiel. Es war ein Festtag für die Dörfler der ganzen Gegend, die sich bei der Werft massenweise versammelten, um dem feierlichen Stapellaufe beizuwohnen. Alle brachten „Geschenke“ ~in natura~ mit, Schafe, Hühner, Eier und Brot, Melonen, Trauben und Aprikosen; auf diese Weise wurden wir auf mehrere Tage verproviantiert. Abends veranstaltete ich den Vornehmeren des Dorfes und unseren Arbeitern ein Gastmahl; es gab Reispudding und Schaffleisch, Tee und Obst, und während der Mahlzeit hatten wir Tafelmusik von unserem großen Symphonion. In der Dunkelheit wurden zwischen den Zelten Papierlaternen aufgehängt, und nun ertönten die bizarren Töne der Nagara (Trommel), Dutar (zweisaitige Gitarre) und anderer Saitenspiele schwermütig durch die klare, stille Nacht und riefen meine alten Erinnerungen aus dieser Gegend wieder ins Leben. Auch 1895 hatte ich eine bedeutungsvolle Reise mit Lailik und Merket als Ausgangspunkt angetreten. Doch wie verschieden waren die beiden Reisen. Damals waren wir nach dem unheimlichen, mörderischen Wüstenmeere aufgebrochen, jetzt schlugen wir eine Richtung ein, wo wir wenigstens nicht an Wasser Mangel leiden würden. Und dieselben Spielleute weihten auch die neue Reise ein, und Tänzerinnen in langen weißen Hemden, die dicken schwarzen Zöpfe über den Rücken herabhängend, mit kleinen Zipfelmützen und nackten Füßen tanzten zum Takte der Musik ihren stoßweisen, langsamen Kreistanz. Sie wurden am Tage darauf photographiert, nahmen sich aber im Tageslicht weniger vorteilhaft aus als bei dem verschönernden Lichte der Lampions (Abb. 20).