Im Herzen von Asien. Erster Band.

Part 6

Chapter 63,696 wordsPublic domain

In einer Linksbiegung berührten wir die Landstraße nach Maral-baschi und sahen von fern die Pappeln an dem Stationshause Meinet. Ein Mann saß auf einer Landspitze und erwartete uns, um Grüße von der Karawane auszurichten. Die Kosaken hatten ihn gebeten, uns einen Napf Milch zu bringen, den wir im Vorbeifahren auffingen; er muß aber lange auf uns gewartet haben, denn die Milch war schon sauer.

Bei +Besch-köll+ (die fünf Seen) wurde eine Flußmessung vorgenommen. Das Bett war 86,4 Meter breit und hatte 2,22 Meter größte Tiefe, die Geschwindigkeit betrug 42,4 Meter in der Minute, und die Wassermenge belief sich auf 84,7 Kubikmeter in der Sekunde.

Am 19. September wurden neue Erfahrungen in der Flußschiffahrt gemacht. Von frühmorgens an wehte eine lebhafte, frische Nordwestbrise, und wir fanden bald, daß sie die Fahrt der Fähre nicht nur in hohem Grade hemmte, sondern sie an breiten Passagen mit langsamer Strömung und Gegenwind auch gänzlich zum Stillstehen brachte. Das Zelt und die schwarze Kajüte gaben einen Windfang ab, und die kleine Proviantfähre, der jeglicher Oberbau fehlte, hatte jetzt stärkere Fahrt.

Der Lauf des Flusses ging eine gute Weile nach Norden, und der Nordwestwind, der 3,71 Meter Geschwindigkeit in der Sekunde hatte, war uns hinderlich. Die Männer mußten unaufhörlich auf der Steuerbordseite stoßen und schieben, um einen Anprall an das rechte Ufer zu verhindern. Ein heftiger Windstoß entführte mein schönes Kartenblatt, das aber weit davon mit der Jolle wieder aufgefischt wurde; es war zu kostbar, um den Göttern des Flusses geopfert werden zu können.

Als wir später nach Osten und Südosten umbogen, hatten wir den Wind mit uns, und die Fähre ging 21 Meter schneller als die Strömung, die heute 38,4 Meter in der Minute betrug. Bei der nächsten Biegung nach Nordwesten war der Wind so heftig, daß wir halten mußten. Es ist klar, daß die Karte ein falsches Bild von dem Flusse geben würde, wenn man nicht stets den Einfluß des Windes auf den Gang der Fähre berücksichtigte. Doch dies ließ sich sehr leicht dadurch erreichen, daß während der Fahrt der Unterschied zwischen der Geschwindigkeit der Strömung und der des Schiffes gemessen wurde.

Bei +Schäschkak+, wo wir lagerten, hatte das Ufer eine Höhe von 2,3 Meter. Wir mußten eine kleine Treppe in seine Wand graben, um eine bequeme Verbindung zwischen der Fähre und dem Lande zu haben. Hier wohnen vier Hirtenfamilien, die 200 Schafe, sowie Ziegen und Kühe besitzen. Sie sind auch Ackerbauer und bauen Mais und Weizen bei den Hütten; die Felder bewässert ein gegrabener Kanal. Daß selbst diese schmalen Bewässerungskanäle den Fluß brandschatzen, versteht sich von selbst. Die Hirten mußten uns alles, was sie über den Fluß wußten, mitteilen und erzählten uns auch, daß ihre Waldgegend Hirschen, Antilopen, Wildschweinen, Wölfen, Füchsen, Luchsen, Hasen und Fasanen als Aufenthaltsort diene; Tiger gebe es dagegen hier nicht.

Bei diesem Lager betrug die Breite des Flusses nur 42,6 Meter und die Wassermenge 67,16 Kubikmeter, was ein bedenkliches Fallen in +einem+ Tage verriet. An den jetzt herannahenden Herbst denkend, begann ich zu fürchten, daß wir noch nicht bis ans Ende des Flusses gelangt sein würden, wenn uns der Winter in seine Eisbande schlüge, und es kam sehr darauf an, in Zukunft möglichst viel aus jedem Tage zu machen. Die Hirten sagten, es sei beinahe zwei Monate her, daß das Wasser seinen höchsten Stand gehabt habe, und der Fluß friere in dieser Gegend nun wohl in 75 bis 80 Tagen zu. Das Eis bleibe 2½ bis 3 Monate liegen und im Frühling könne man an mehreren Stellen zu Fuß durch das Bett waten.

Als ich am folgenden Morgen erwachte, sah der Himmel unheilverkündend aus. Die Nacht war die kälteste gewesen, die wir bisher gehabt (+2,9 Grad), und die Luft war mit den Vorboten des Herbstes beladen, die das Gelbwerden des Laubes verursachen. Es lag wie eine Dämmerung über der Erde. Doch dies waren weder Wolken noch Nebel, sondern feiner Flugsand, der von einem Sarik-buran (gelber Sturm) über den Boden hingeführt wurde, von welchem Sturme man aber an Bord nichts merkte, weil die Fähre im Windschutz unter der Uferwand lag. Die Landschaft sah düster aus, und die Tamarisken und Schilfdickichte der Ufer verschwanden schon auf eine Entfernung von nur 200 Meter im Nebel. Die Fährleute glaubten mit Recht, daß es schwer sein würde, bei diesem Winde zu treiben, und wir beschlossen abzuwarten, wie das Wetter sich gestalten würde.

Jetzt und später oft benutzte ich die unfreiwillige Ruhe zum Segeln mit der englischen Jolle, die jedoch für diesen Sport eigentlich nicht bestimmt war, da sie weder Kiel noch Steuer hatte. Sie konnte also nur bei günstigem Wind benutzt werden; ein im Achter festgebundenes Ruder diente als Steuer. Bei dem starken Winde flog sie fast wie eine Ente über das Wasser, und das Wasser zischte förmlich um den Vordersteven. Ich segelte flußaufwärts und hielt mich außerhalb der Strömung; die Ufer eilten an mir vorüber, ich wurde wie über große, offene Seen zwischen den niedrigen Schlamminseln hingetragen, das Wasser kochte um das Boot herum, und der Wald verschwand im Windstaube. Nach mehrstündiger, herrlicher Fahrt meinte ich, es sei nun Zeit, umzukehren. Ich nahm Mast und Segel ab und suchte die Strömung auf, um mich von ihr heimtreiben zu lassen. Dies ging jedoch nicht so leicht, wie ich gehofft; der Wind war so heftig, daß die Oberströmung gehemmt wurde und daher äußerst langsam war. Doch auch hiergegen gab es guten Rat; nur einen Fuß unter der Oberfläche war die Strömung ebenso stark wie gewöhnlich, und als ich die Ruder so festband, daß die Blätter vertikal ins Wasser herabhingen, trieb das Boot mit der Schnelligkeit der Unterströmung flußabwärts.

An einer Stelle, wo ich zu landen beabsichtigte, war der Boden außerordentlich tückisch; er gab nach, und ich versank bis zu den Hüften und wäre noch tiefer eingesunken, wenn ich mich nicht rechtzeitig am Bootrande festgehalten hätte. Endlich tauchte das weiße Zelt der Fähre aus dem Staubnebel auf, und ich legte an ihrer Seite an. Um schnell zur Hand zu sein, wenn sie gebraucht würde, lag die Jolle stets am Achter angebunden im Schlepptau der Fähre. Man konnte mit ihr jeden Augenblick an Land gehen, ohne mit der großen Fähre anlegen zu müssen. Islam Bai pflegte sich in ihr ans Ufer rudern zu lassen, wo er dann stundenlang den Wald durchwanderte und oft mit Fasanen und Wildenten zurückkehrte. Für ihn war die Flußreise recht einförmig, und er ergötzte sich daher oft an kleinen Jagdausflügen.

Am 21. September war das Wetter andauernd herbstlich und so unfreundlich und kalt, daß man die Winterkleider hervorholen mußte. Der Himmel war so finster und staubtrübe, als wäre er mit Regenwolken bedeckt. Es war, wie gewöhnlich, der östliche Wind, der den Staub mitführte; der Westwind ist stets klar und rein. Den ganzen Tag hielt der Ostwind an. Der Karawane war er sicher willkommen, uns aber war er es nicht, denn er wirkte sehr nachteilig auf den Gang der Fähre ein: hatten wir ihn mit uns, so ging es zu schnell, und hatten wir ihn entgegen, zu langsam, und sobald sich der Fluß schlängelt, hat man den Wind von allen möglichen Seiten. Die stauberfüllte Luft beschränkt den Umfang der Aussicht. Wo der Fluß für eine Weile gerade ist, verschwindet seine breite Wasserfläche wie in weiter Ferne, und man kann nicht, wie bei klarem Wetter, von den dunkeln, waldigen Landspitzen darauf schließen, nach welcher Seite die nächste Kurve abbiegt.

In gewaltigen Krümmungen ging es weiter den Tarim hinunter. In einer scharfen Biegung unterhalb von +Scheitlik+, wo der Fluß nach Süden umschwenkt, wurden 6 Meter Tiefe gemessen, und die Strömung war trostlos langsam. Hätte ich nicht die Karte vor mir gehabt, so hätte ich aus dem Flusse gar nicht mehr klug werden können, denn er fließt nach allen Himmelsrichtungen. Im großen ganzen geht er nach Nordosten, doch nicht selten treiben wir eine Weile nach Südwesten.

Dowlet leistet mir treu Gesellschaft, Jolldasch aber bleibt unter Deck. Er hat Schläge bekommen, weil er einen unverschämten Besuch bei der Proviantniederlage gemacht hat, und schämt sich jetzt. Wenn sich aber Männer und Herden und besonders Hunde an den Ufern zeigen, kommt er wie ein Pfeil hervorgeschossen, um Dowlet vom Vorderdecke aus bellen zu helfen. Mir machten die Gesellschaft der Hunde und auch ihre Streiche an Bord großes Vergnügen; sie hatten sich vollständig an unsere Art zu reisen gewöhnt und streiften wie kleine Hausgeister umher. Wenn ihnen die Ufer verdächtig erschienen, standen sie ganz vorn auf dem Vorderdeck und verübten entsetzlichen Lärm, und sobald wir uns für die Nacht lagerten, warteten sie nicht, bis die Landebrücke, eine Planke, ausgelegt worden, sondern sprangen an Land, um einander spielend im Walde zu jagen. Beim Abendessen leisteten sie mir Gesellschaft und schliefen stets im Zelte.

Das Wasser war jetzt so kalt, daß die Männer nicht unnötigerweise hineinsprangen. In ruhigen Krümmungen (Bulung) und im Walde waren die Mücken schrecklich lästig und zudringlich. Es ist eine Art kleiner grauer Mücken, die man nicht eher sieht, als bis sie einem zu Leibe gehen und stechen; sobald es aber ein bißchen weht, sind sie fort. So hat selbst die Windstille ihre Schattenseiten.

Am Ufer sahen wir eine große Schar Männer mit ihren Pferden; sie waren abgestiegen und schienen uns zu erwarten. Es stellte sich heraus, daß es der Bek von Aksak-maral war, der sich auf dem Wege nach Merket befand und die Gelegenheit benutzte, einen Dastarchan aufzutischen, den wir uns aus Höflichkeit gefallen lassen mußten.

Auch an diesem Abend wurde der Fluß gemessen. Wir machen gewöhnlich etwas vor Sonnenuntergang Halt, damit wir fertig werden, ehe die Dämmerung in Dunkelheit übergeht, und der Lagerplatz wird stets so gewählt, daß alles Wasser in einem schmalen Bette von großem Gefälle, an dessen Ufer es Brennholz gibt, vereinigt ist.

Zur Messung ist das kleine Boot mit seinen Rudern nötig, ferner der Anker mit seinem Tau, eine lange Stange, Strommesser, Bandmaß, Uhr und Notizbuch; Islam oder einer der Fährleute helfen dabei. Die Breite wird direkt mit dem 50 Meter langen Bandmaße gemessen; ist der Fluß breiter, so wird in den Grund eine Stange als Merkzeichen gestoßen. Nachher wird auf einer Reihe von in gerader Linie liegenden Punkten die Tiefe gemessen, und an denselben Punkten in zwei oder mehreren verschiedenen Tiefen die Geschwindigkeit des Wassers festgestellt. Beim Lager von +Att-pangtsa+ betrug die Wassermenge 59,1 Kubikmeter in der Sekunde. Der Fluß nimmt also immerzu ab, was jedoch für das Auge nicht sichtbar ist; jeder Teil des Bettes enthält ungefähr ebensoviel Wasser wie bisher, aber die Geschwindigkeit nimmt ab.

Am Morgen des 22. September flog eine Anzahl Gänse in wohlgeordneter Phalanx nach Südwesten; wahrscheinlich ist Indien ihr Ziel. Am rechten Ufer geht vom Flusse ein schmaler Kanalarm ab, der eine in der Nähe liegende Mühle treibt. Er zeigt das eigentümliche Verhältnis, daß das Land hier niedriger ist als die Oberfläche des Flusses, selbst bei dessen gegenwärtig niedrigem Wasserstande.

Zwischen den Bäumen des linken Ufers erblickten wir einige Wanderer; sie schienen auf uns zu warten. Bald erkannten wir Sirkin, Nias Hadschi und den On-baschi von Ala-aigir. Sie wurden aufgefordert, uns nach diesem Orte, wo die Karawane seit ein paar Tagen der Ruhe pflegte, zu begleiten. Da sie an Wasserreisen nicht gewöhnt waren, machte ihnen die Abwechslung viel Vergnügen.

Der Tograkwald war bedeutend größer als bisher, und manchmal glitten wir unter schattigen Gewölben so still und feierlich wie eine Prozession hin. Der Wald stand am üppigsten auf dem konkaven Ufer der scharfen Krümmungen, wo das Wasser sich das ganze Jahr hindurch den Wurzeln nähert.

Als wir vor Ala-aigir vorbeifuhren, mußten unsere Männer wieder an Land gesetzt werden; nun erst waren wir endgültig von der Karawane abgeschnitten. Sie erhielten Auftrag, Parpi Bai, meinen alten treuen Diener von meiner ersten Reise durch Asien, der jetzt in Kutschar wohnte, nach Karaul zu schicken, um dort unsere Ankunft zu erwarten.

In der +Togluk+ (Verdämmung) genannten Gegend blieben wir die Nacht. Sobald ich den Lagerplatz ausgewählt und „Halt“ gerufen habe, stößt Palta seine lange Stange in den Grund, stemmt den Fuß gegen einen Querbalken und zwingt mit seiner ganzen Schwere das Achter der Fähre, sich in einem Bogen nach dem Ufer hinzudrehen, wo einer der Leute mit dem Tau in der Hand an Land springt.

In einer scharfen Biegung gerieten wir in den Wirbel der Gegenströmung und hatten alle Mühe wieder herauszukommen; die 5 Meter langen Stangen erreichen nicht den Grund, und der Wirbel versucht uns festzuhalten. Es bleibt uns kein anderer Ausweg, als mit einem Tau an Land zu rudern und dann die Fähre so weit zurückschleppen, bis sie wieder in der Strömung ist.

Darauf erreichen wir den Punkt, wo sich der Fluß in zwei Arme teilt. Der linke, kleinere heißt Kona-darja; durch ihn strömt Wasser nach Maral-baschi; der rechte, Jangi-darja, ist das Hauptbett des Flusses und soll sich erst vor vier Jahren gebildet haben. Aksak-maral gerade gegenüber vereinigen sich beide Betten wieder. Der Jarkent-darja hat also auch hier einen Schritt nach rechts getan, und wir sollten bald finden, daß das Flußbett immer veränderlicher wurde, je weiter wir flußabwärts kamen. Diese Veränderlichkeit erreicht ihr Maximum im Lopgebiete, wo das Flußbett periodenweise wie ein Pendel hin und her schwankt, was mit Veranlassung zu der wechselnden Lage des Lop-nor gibt.

Gleich unterhalb des Hauptarmes, der auch Kötteklik heißt, weil an seinen Sandbänken Treibholz und Stücke von verdorrten Pappeln in großer Menge hängengeblieben sind, rasteten wir eine Weile. Die Fährleute erklärten, wir seien einer gefährlichen Stelle, von der wir in der letzten Zeit viel reden gehört, ganz nahe. Schon in Lailik hatte man uns gesagt, daß im Kötteklik ein etwa 10 Meter hoher Wasserfall sei; jetzt schrumpfte er freilich auf einen Meter zusammen, wir würden aber doch, um glücklich hinüberzukommen, 30-40 Mann zur Hilfe brauchen. Die einzig mögliche Art weiterzukommen sei, das ganze Gepäck an Land zu bringen und die Fähre über den Fall zu ziehen. Der On-baschi von Ala-aigir wurde daher beauftragt, etwa 20 Mann aufzutreiben und sich am nächsten Morgen in aller Frühe mit ihnen einzustellen.

Der ruhige, klare Tag war noch nicht weit vorgeschritten, und ich beschloß daher, mit der Fähre bis an den Wasserfall zu gehen, um die Stelle genauer in Augenschein zu nehmen. Wir glitten flußabwärts, zwischen Holmen von Treibholz hindurch, wo die Strömung stark und der Durchgang oft so eng war, daß die Fähre nur eben hindurchkam. Einen großen Teil des Weges mußten die Männer, im Wasser gehend, die Fähre schleppen, damit sie sich nicht festklemmte, und dennoch fuhr sie nicht selten an einem gesunkenen Pappelstamme fest. Blieb sie mit irgendeinem Punkte des Vorderteiles hängen, so drehte sie sich ganz herum. Es veranlaßte allgemeine Heiterkeit und eifriges Rufen, wenn die vordersten Männer ganz unvermutet in tiefes Wasser gerieten und ein gründliches Bad nahmen, ehe sie den Rand der Fähre ergreifen und über die Reling klettern konnten.

So erreichten wir eine Stelle, wo das Wasser mit beunruhigendem Getöse brauste und rauschte. Die Männer erklärten, dies sei der erste Katarakt (+Scha-kurun+). Er sah sehr unschuldig aus, und seine Schwelle war nicht höher als 10 Zentimeter. Die Fähre glitt leicht hinüber, ohne sich im mindesten auf die Seite zu legen. Zwei folgende Fälle waren ebenso unbedeutend. Einer hatte freilich tiefes Wasser, aber ein paar Meter weiter unten war er wieder sehr seicht, weil das Wasser den Boden unter dem Wasserfalle aushöhlt und dann gleich wieder ablagert.

Nachdem wir über diese „gefährliche“ Stelle hinweg waren, nahm der Fluß sein altes Aussehen wieder an, war jetzt aber schmal und tief. Die Fähre hatte die ganze Zeit über vortreffliche Fahrt. In einer scharfen Krümmung ging es so schnell und das Schiff steuerte so energisch dem konkaven Ufer zu, daß wir es nicht aufhalten konnten, sondern gegen das Ufer prallten und sofort stehenblieben. Meine obere Tischkiste wäre über Bord geschleudert worden, wenn Palta sie nicht noch rechtzeitig festgehalten hätte.

Als wir bei einer einsamen Pappel in der Gegend von +Kötteklik-ajagi+ lagerten, langte unser On-baschi mit 20 Reitern an. Sie waren ganz verdutzt, daß wir ohne ihre Hilfe über die Fälle gekommen, und mußten nun wieder nach Hause zurückkehren.

Der Bek von Aksak-maral kam auf Besuch und wurde, da er in der Gegend gut Bescheid wußte, eingeladen, uns ein paar Tage zu begleiten. Unsere Art zu reisen interessierte ihn außerordentlich, er glaubte jedoch, daß es während der Hochwasserperiode mit großen Schwierigkeiten verbunden gewesen wäre, die Flußreise zu machen. Man hätte dann keine Stangen finden können, die bis auf den Grund reichten, und die Fähre wäre steuerlos mit der heftigen Strömung getrieben und in den Biegungen mit solcher Wucht angeprallt, daß die Kisten vom Deck herabgeglitten wären. Ein anderer Nachteil während einer früheren Jahreszeit wäre die Hitze gewesen, und vor allem die Mücken, die noch im Herbst sehr lästig waren. Wir hatten also die günstigste Jahreszeit gewählt.

Der Jangi-darja oder Kötteklik-Arm hatte bloß noch 36,9 Kubikmeter Wasser in der Sekunde; 22,7 Kubikmeter, die durch den Kona-darja nach Maral-baschi gehen, hatten wir verloren. Sollte es uns gelingen, mit der Fähre weiterzukommen, wenn sich der Fluß noch einmal teilte?

Fünftes Kapitel.

Der verzauberte Wald.

Am 24. September machten wir eine lange, interessante Fahrt auf einem neugebildeten Arme des Jarkent-darja. Wir brachen früh auf, nachdem wir Abschied von Kasim-on-baschi genommen hatten, der jetzt nach Lailik zurückkehrte und einen Teil des Lohnes der übrigen Leute mitnehmen mußte. Diese Vorschüsse sollten an die Familien oder Eltern der Männer abgeliefert werden.

Schon am Anfang ist der Fluß sehr tief und schmal, kaum 20 Meter breit, und die Breite verringert sich später noch mehr. Nun führte uns das Wasser in einen schwierigen, ungemütlich schmalen Durchgang, der mit Treibholz überfüllt war. Oft war der fahrbare Kanal so eng, daß die Fähre beide Seiten streifte und mit größter Behutsamkeit manövriert werden mußte, um ihr Anprallen zu verhüten, was bei der hier herrschenden starken Strömung, die sehr oft schäumende Strudel bildete, hätte kritisch werden können. Auf jeder Ecke stand ein Mann mit einer langen Stange und hielt das Schiff von den Gestrüpphaufen ab, und Kasim diente mit der kleinen Fähre als Lotse. Die Jolle hatten wir an Bord, da sonst ein verräterisch lauerndes Treibholzstück ihr dünnes, sprödes Segeltuchgewebe hätte zerfetzen können. Am schlimmsten war es, wenn wir im schnellen Fahren zwischen zwei Treibholzhaufen sitzenblieben, ohne daß wir die Katastrophe verhindern konnten. Da mußten wieder alle Mann ins Wasser und schieben, brechen und beim gemeinschaftlichen Anfassen singen und das vor uns liegende Fahrwasser untersuchen.

Der Strom war zu einem unbedeutenden Flüßchen zusammengeschrumpft, und es war Gefahr vorhanden, daß es uns nicht gelingen würde, alle Hindernisse zu besiegen, die unserer sicher noch warteten, ehe wir den Aksu-darja und den eigentlichen Tarim erreichten. An einigen Stellen teilt sich der Fluß um wirkliche, bewachsene Inseln, und man zerbricht sich den Kopf, ob einer der Arme trägt oder ob wir steckenbleiben und die Fähre werden zurückschleppen müssen.

Schließlich erweiterte sich der Fluß, und man hat eine ausgedehnte Aussicht nach Nordosten, wo sich eine einsame hohe Düne, Karaul-dung (Wachthügel), erhebt. Vor sich hat man ein großes Haff oder seeartige Erweiterung des Flusses, der jedoch bald wieder schmal wird. Wir wählen einen Arm rechts herum, waren aber noch nicht weit gekommen, als wir uns auch schon oberhalb einer Stromschnelle mit nur 6 Zentimeter Wasser gehörig festfuhren.

Wir versuchten die Fähre zu schieben und zu schleppen, aber vergebens; sie stand wie auf dem Grunde festgesogen. Alles schwere Gepäck wurde an Land gebracht und Kisten und Proviant am Ufer aufgetürmt; dann schoben wir mit vereinten Kräften, doch nur, um die Fähre noch tiefer in den Lehm hineinzuschieben. Nun wurde der Bek beauftragt, aus dem in der Nähe liegenden Aksak-maral Leute herbeizuschaffen. Einige seiner Diener hatten uns den ganzen Tag am Ufer reitend begleitet, und der Bek konnte sich also zu Pferd schleunigst nach dem Dorfe begeben. Er kam nach ein paar Stunden mit 30 Leuten zurück, die aus allen Kräften zugriffen. Ich ging mit gutem Beispiel voran, und unsere Bemühungen waren von Erfolg gekrönt: die Fähre glitt ruckweise über die Stromschnellen, aber nur, um eine Strecke weiter unten wieder unverbesserlich festzusitzen.

Da standen wir nun wieder, und ich überlegte schon, ob dies der gefürchtete Punkt wäre, an dem wir von unserem Heim Abschied nehmen müßten. Was sollten wir dann anfangen? Die kleine Fähre reichte nicht entfernt für das Gepäck aus, und von der Karawane waren wir abgeschnitten. Es wäre uns wohl nichts weiter übriggeblieben, als eine neue Schiffswerft anzulegen, Schreiner und Schmiede aus Aksak-maral kommen zu lassen und eine neue, kleinere und leichtere Fähre zu bauen. Doch ich zitterte vor dem Zeitverluste, da ich wußte, daß das Wasser tagtäglich fiel, und der Gedanke, daß die stolze Tarimfahrt schon hier vielleicht unterbrochen werden müßte, schmerzte mich.

Nein! Wir +mußten+ über diese seichten Stellen hinweg, wo es keine tieferen Stromfurchen gibt, wo das Wasser vielmehr über die ganze Breite auf seichtem Grunde brodelt. Wir drehten die Fähre ein paarmal im Kreise herum; hierdurch wurde der Tonboden so aufgelockert, daß wir weiterschieben konnten und endlich über die Schnellen hinauskamen.

Unterhalb dieser war es wenigstens so tief, daß die Fähre eine gute Strecke weit trieb, bis wir die letzten und größten Schnellen erreichten, deren Schwelle 20 Zentimeter hoch war und wo das Wasser einen geradlinigen Katarakt von Ufer zu Ufer bildete. Hier betrug die Tiefe überall wenigstens ½ Meter, und die Strömung war so reißend, daß die Männer ein Kentern der Fähre befürchteten. Der Sicherheit wegen wurde wieder das ganze Gepäck an Land getragen; ich blieb allein an Bord, um mit in den schäumenden Wasserfall hinunterzugehen, was die Leute für sehr bedenklich hielten, da sie glaubten, daß das Schiff in den kochenden Wirbeln unterhalb des Falles umschlagen würde. Sie zogen die Fähre bis an den Punkt, wo die Wassermasse sich über die Schwelle wälzte, und ließen sie los, nachdem sie ihr die rechte Richtung gegeben; sie glitt so artig wie nur möglich über die Schwelle. Als sie mitten darüber schwebte, fiel die vordere Hälfte klatschend auf das Wasser, während die hintere von dem nachdrückenden Wasser emporgehoben wurde. Gleich unterhalb des Falles wurde Halt gemacht.

Die Mücken waren am Abend eine schreckliche Plage. Sie traten in ungeheuren Mengen auf, und vergebens versuchte man, sie sich vom Leibe zu halten. Sie sind widerwärtige Quälgeister, besonders wenn man die Hände voll Arbeit hat und halbnackt sein muß, um jeden Augenblick in den Fluß springen zu können. Es scheint, als warteten sie nur darauf, daß man komme, und man wundert sich, wovon sie leben, wenn man nicht da ist.