Im Herzen von Asien. Erster Band.
Part 43
Während des Rasttages, der hier unseren Tieren geschenkt wurde, erhielten Tscherdon, Togdasin, Islam Bai und Turdu Bai die Erlaubnis, auf die Jagd zu gehen. Sie ritten in zwei Partien, aber nur die beiden letztgenannten kamen abends wieder. Wir zerbrachen uns natürlich sehr den Kopf darüber, was den anderen passiert sein könnte, und als der Abend und die Nacht vergingen, ohne daß sie etwas von sich hören ließen, fürchteten wir, daß sie sich verirrt hätten. Erst am nächsten Morgen gegen 10 Uhr kamen sie in traurigem Zustand im Lager an. Eine Archariherde verfolgend, waren sie wilde Täler hinaufgeritten, hatten, als es gar zu steil wurde, ihre Pferde zurückgelassen und waren über Block- und Geröllmassen weiter geklettert. Auf einmal war Togdasin buchstäblich zusammengebrochen und hatte über entsetzliche Kopf- und Herzschmerzen geklagt. Er konnte keinen Schritt mehr gehen und sich, als Tscherdon die Pferde geholt hatte, nicht einmal im Sattel halten. Die Nacht verbrachten sie infolgedessen mitten im ärgsten Geröll, wo sie nicht einmal Wasser zum Trinken hatten. Der Kranke hatte den Kosaken gebeten, allein ins Lager zurückzukehren, da er selbst auf alle Fälle bald sterben werde und es ihm ganz gleichgültig sei, wo dies geschehe.
Beide blieben in der Kälte liegen, und Tscherdon rüttelte von Zeit zu Zeit Leben in seinen Kameraden und hinderte ihn am Erfrieren. Beim ersten Tagesgrauen machten sie sich wieder auf und schleppten sich langsam nach dem Lager hinunter. Togdasin befand sich in höchst bedauernswertem Zustande und mußte auf seinem Pferde festgebunden werden, als wir nach dem Seeufer hinabritten und in einer Gegend lagerten, die nur spärliche Jappkakbüschel und kleine Eisschollen am Ufer aufzuweisen hatte (Abb. 161).
Am Morgen des 18. November wurde das Boot (Abb. 164) zu einer Fahrt über die salzigen Tiefen des Ajag-kum-köll instand gesetzt (Abb. 165). Es wurde von Tokta Ahun gerudert und trug eine bedeutende Last, denn wir nahmen außer Segeln, Rudern, Rettungsbojen, Tiefenlotungsapparaten und Instrumenten auch Proviant für zwei Tage, nämlich Fleisch, Konserven, Brot und Kaffee, ferner Geschirr zum Bereiten der Speisen, eine Tschugun (Kupferkanne) mit Wasser und einen kleinen Beutel mit Eisstücken mit. Schließlich versahen wir uns auch mit Pelzen und Filzdecken; so war der Raum in dem kleinen Fahrzeug überall besetzt. Ich peilte ein für allemal ein kleines vorspringendes Vorgebirge im Südwesten ein, auf das wir in gerader Linie zusteuerten. Das Wetter war herrlich, der See lag ruhig und still, und nur eine kaum merkbare Dünung bewegte seine Fläche.
Einmal in der Viertelstunde maß ich die Geschwindigkeit und lotete die Tiefe, die nach der Mitte des Sees, wo sie 19,63 Meter betrug, zunimmt. Unweit des Nordufers stießen wir auf ein dünnes, loses Eisfeld, das mit Leichtigkeit forciert wurde. Diese Eisscheiben, die nur 1 Zentimeter dick waren, glänzten so intensiv im Sonnenschein, daß ihr Anblick ohne Schneebrille nicht zu ertragen war. Wahrscheinlich breitet sich vom Flusse eine Süßwasserschicht über den salzigen See aus, und diese ist es, die gefriert.
Das Arbeiten mit der Lotleine, die jedesmal, wenn sie heraufgeholt wurde, gefror und so steif wie Holz wurde, war ein ziemlich frostiges Vergnügen, und ich konnte mir zwischen den verschiedenen Lotungen kaum die Hände wieder warm reiben.
Die Stunden enteilten, ohne daß wir uns dem Vorgebirge merklich näherten. Aber wir kreuzten den See ja auch in der Diagonale. Am Nachmittag erhoben sich Staubwirbel und Tromben auf dem südlichen Ufer und verschmolzen bald zu einer einzigen graugelben Wolke, die über den Erdboden hinjagte. Das bedeutete nichts Gutes. Hier herrschte sichtlich starker Nordwestwind. Noch eine Weile, und wir hörten ein Brausen im Westen; die ersten Windhauche erreichten uns, den eben noch blanken Wasserspiegel trübte eine leichte Kräuselung, die mit großer Schnelligkeit zu Wellen und Wogen anschwoll, und je weiter wir in den Bereich der Windpeitsche eindrangen, desto höher wurden die Wogen. Wir behielten den Kurs bei, bis das Stampfen des schwerbeladenen Bootes uns zwang, nach Süden und Südosten zu rudern. Das einzige, was wir jetzt zu tun hatten, war, zu versuchen, möglichst schnell das nächste Ufer zu erreichen, denn es war nur zu wahrscheinlich, daß der Wind in einen Sturm ausartete und uns gegen eine unwirtliche Küste schleudern könnte, wo das zerbrechliche Fahrzeug vielleicht zerfetzt würde. Die Dämmerung war schon eingetreten, und es wäre unter allen Verhältnissen mit Gefahr verknüpft gewesen, in der Dunkelheit bei schwerem Seegang zu landen.
Die Karawane hatte Befehl, an demselben Tag 5 Stunden weit am Nordufer entlangzugehen und in dem neuen Lager nachts ein Feuer zu unterhalten, das uns zur Leitung dienen sollte, falls wir die Nachtzeit zur Rückfahrt benutzten. Dieses Feuer ist uns jedoch überhaupt nicht zu Gesicht gekommen, weil die Entfernung zu groß und die Luft voll dicken Staubes war.
Mittlerweile tanzte das Schiffchen auf seiner gefährlichen Straße weiter. Glücklicherweise hatten sich Wind und Wellen über das Eis am südlichen Ufer hergemacht; dieses hätte sonst unser Boot wie mit Messern zerschnitten. Die weiße Linie, die vor uns in der Dunkelheit leuchtete, war die Brandung der schäumenden Wogen am Ufer, das glücklicherweise aus Sand bestand und ziemlich steil nach dem See abfiel. Ehe wir uns dessen versahen, befanden wir uns mitten in der tobenden Brandung. Das Boot wurde von einer Welle auf das Ufer geworfen, aber vom zurücklaufenden Wasser sogleich wieder mitgezogen, dann von neuem emporgeschleudert, so daß seine Holzrahmen knackten und der Segeltuchrumpf sich bis zur Gefahr des Zerplatzens ausbauchte. Doch nun sprang Tokta Ahun ins Wasser, und mit vereinten Kräften zogen wir das Boot an Land, was uns jedoch erst gelang, nachdem ein paar heranstürmende Wellen hineingeschlagen waren und einen Teil unserer Habseligkeiten durchnäßt hatten.
Wir lagerten unmittelbar am Ufer im Schutze eines kleinen Hügels. Hier gab es sehr viele Köuruk-Pflanzen, eine Art kleiner, niedriger holziger Steppengewächse, die ein vortreffliches Feuermaterial abgaben und von denen wir einen gewaltigen Haufen sammelten. Das einzige Zeichen von Leben waren Gänsefedern und Kulanspuren. Von der Landschaft war nichts zu sehen, denn wir waren von undurchdringlicher Nacht umgeben und fanden das Brennmaterial nur mit Hilfe hier und dort angezündeter kleiner Filialfeuer.
Als der Vorrat hinreichend groß war, ließen wir uns mit umgehängten Pelzen am Lagerfeuer nieder, stellten die kupferne Kanne mit Wasser auf die Glut und bereiteten uns ein hochfeines Abendessen, das für mich aus Ochsenschwanzsuppe, Käse, Brot und Kaffee bestand, während sich Tokta Ahun an einer Hammelkeule gütlich tat und Tee dazu trank. Dann blieben wir noch gemütlich sitzen, qualmten mit unseren Pfeifen und schmiedeten großartige Pläne für die beschlossene Winterreise durch die Wüste Gobi nach den Kara-koschun-Sümpfen, die Tokta Ahun so genau kannte wie seine Tasche.
Der Wind flaute ab, der Himmel klärte sich auf und kündigte eine kalte Nacht an. Um 9 Uhr hatten wir -14 Grad, die Feuerung war zu Ende, und es war Zeit, sich schlafen zu legen. Mein ehrlicher Ruderer hörte meinen Vorschlag, die beiden Boothälften als Zelte zu benutzen, mit skeptischer Miene an; er mußte aber bald eingestehen, daß es eine außerordentlich schlaue Idee war. Wir rollten uns wie Knäuel unter der Bootschale zusammen und sahen mit einem gewissen Beben einer eiskalten Nacht entgegen. Ich schlief auch nur einige Stunden. Dann jagte mich die starke Kälte von -22,1 Grad auf, und ich weckte meinen Reisekameraden, der mir aus diesem nicht für helle Sommerträume geschaffenen Neste heraushalf.
Wir waren halb erfroren, als wir aus unseren dünnen Schalen krochen. In den Füßen hatte ich das Gefühl verloren, obwohl sie in vier Paar Strümpfen und gewaltigen, von Ali Ahun angefertigten, mit Lammfell gefütterten Stiefeln steckten. Unsere erste Sorge war daher, Material zu einem ordentlichen Feuer zu sammeln, und an diesem mußte ich mich ausziehen, um das Blut durch Reiben wieder in Umlauf zu bringen. Doch die Nachtkälte liegt einem noch den ganzen Tag in den Knochen, bis man wieder in seine gewöhnlichen, relativ bequemen Verhältnisse gelangt.
Bei 19 Grad Kälte stießen wir das Boot vom Lande ab und ruderten im herrlichsten Wetter über den See in der Richtung der Gegend, wo die Karawane, unserer Meinung nach, angelangt sein und uns erwarten mußte. Die Maximaltiefe betrug hier 24 Meter.
Schon weit draußen vom See aus glaubten wir, auf der rechten Spur zu sein, und vermeinten, Zelt und Jurte und Pferde zu sehen. Als wir uns aber genügend genähert hatten, um die Gegenstände mit dem Fernglase deutlich erkennen zu können, verwandelten sich jene beiden in zwei kleine Hügel, diese aber in eine Kulanherde. Wir landeten jedoch, um zu konstatieren, daß die Karawane hier vorbei und nach Westen weitergezogen war. Zwei Bären waren kürzlich nach Osten getrabt, um die Murmeltiere in ihrem tiefen Winterschlafe zu stören.
Es blieb uns also nichts weiter übrig, als am Ufer entlangzurudern, um die Unseren aufzuspüren. Ganz hinten im Westen zeigte sich unter der sinkenden Sonne eine Rauchwolke, wir konnten aber nicht entscheiden, ob sie von einem Feuer herrührte oder aus von fliehenden Kulanen aufgewirbeltem Staube bestand. Ein stumpfer Vorsprung nach dem anderen wurde in der Dämmerung umschifft, und Tokta Ahun schob jetzt das Boot in seichtem Wasser mit dem Ruder längs des Ufers weiter. Ich saß ganz steif gefroren in der vorderen Hälfte des Bootes, der Ruderer aber hielt sich warm und sang ein schwermütiges Lied aus den Hütten von Abdall. Schließlich drang ein Feuerschein durch das Dunkel, aber diese nächtlichen Feuer sind, so belebend sie auch anfangs wirken, meistens trügerisch. Nachdem wir drei Stunden auf den Schein zugerudert waren, verschwand er wieder. Wir setzten jedoch unseren Weg fort und stießen von Zeit zu Zeit gellende Rufe aus, die endlich durch Hundegebell beantwortet wurden. Da loderte das Feuer in unserer unmittelbaren Nachbarschaft auf, und ein Fackelträger nahm uns am Ufer in Empfang.
Togdasin, den wir gleich Aldat im Gebirge gefunden hatten, schien zu demselben Schicksale verurteilt zu sein wie dieser. Die Krankheit nahm sichtlich eine Wendung zum Schlechten. Der Mann lag, wie die Muselmänner zu tun pflegen, wenn sie sich schlecht befinden, auf den Knien mit vornübergebeugtem Leibe und auf die Erde gelegtem Kopfe; er konnte sich nicht überwinden zu essen, wollte aber unaufhörlich kaltes Wasser haben und phantasierte und stöhnte bei jedem Atemzuge.
Tokta Ahun teilte mir mit, daß diese Krankheit, die wohl eine außerordentlich bösartige Form von Bergkrankheit ist, unter den Jägern und Goldgräbern in diesen Gebirgen ziemlich häufig auftrete. Sie heißt bei den Muselmännern einfach Tutekk (Atemnot, Bergkrankheit), oder sie sagen auch „Is allup getti“ (hat die Bergkrankheit bekommen), gleichviel, ob von einem Mann, Pferd oder Kamel die Rede ist. Ist man früher einmal schwer krank gewesen, so hat man wenig Aussicht auf Genesung. Der von dem Übel Befallene hat anfangs das Verlangen, sich nach dem Tieflande hinunterzuflüchten, wohin er jedoch nie wieder gelangt, wenn er nicht im Gebirge selbst wieder gesund wird. Zwei Goldgräber waren diesen Sommer auf dem Wege nach ihrer Heimat bei Temirlik daran gestorben. Doch wenn die Krankheit schon Fortschritte gemacht hat, soll der Unglückliche seinen Zustand nicht mehr beurteilen können; er weiß nichts davon, daß er krank ist, und kann über sein Befinden keine Auskunft geben. Die Symptome bestehen in Anschwellen des Körpers, Schwarzwerden der Beine, gänzlichem Verschwinden des Schlafs und des Appetits, Schmerzen in Kopf und Herzen, dazu Durst, geschwächte Herztätigkeit und abnehmende Körpertemperatur. Nach Tokta Ahuns Erfahrung sollte Tabakrauchen das beste Mittel dagegen sein; deshalb sah man ihn beständig mit der Pfeife im Munde. Ich selbst habe die Bergkrankheit nicht kennen gelernt, nicht einmal in 5500 Meter Höhe. Die Hauptsache ist, sich nicht zu überanstrengen.
Wieder beschlich uns das Gefühl, den kalten, grausamen Tod in unserer Gesellschaft zu haben, als folge er, auf sein schon auserkorenes Opfer lauernd, mit der Sanduhr in der Hand der Karawane treu über alle Pässe und Ebenen. Am schlimmsten ist, daß man sich völlig machtlos fühlt, dem Kranken zu helfen, und sehen muß, daß die Behandlung, die man ihm zuteil werden lassen kann, erfolglos bleibt.
Sowohl für den Kranken wie für die Seefahrer war ein Ruhetag notwendig. Islam Bai erhielt diesen Tag eine Aufgabe zu lösen. Er sollte mit Kutschuk über den See rudern und eine Lotungsreihe ausführen, deren ich zur Vervollständigung der Seekarte bedurfte (Abb. 166). Das Kniffliche dabei war nur, daß Islam nicht schreiben konnte; er mußte daher mechanisch wie ein selbstregistrierender Apparat arbeiten. Die Uhr konnte er immerhin ablesen und verstand auch, alle fünfzehn Minuten die Lotungen anzustellen. Beim ersten Punkte knüpfte er einen Bindfaden mit einem Knoten um die Lotleine, beim zweiten Punkte einen mit zwei Knoten usw. Nachher wurden diese Abstände von mir mit dem Bandmaße gemessen. Die gemessene Linie konnte ich selbst vom Ufer aus feststellen, und die Durchschnittsgeschwindigkeit des Bootes war bekannt.
Pechschwarz senkte sich diese Nacht auf unser Lager herab; der Himmel war mit dichten, undurchdringlichen Wolken bedeckt, kein Unterschied machte sich zwischen Land, Wasser und Atmosphäre bemerkbar; unser kleines Gemeinwesen verschwand in einem unergründlichen, kohlschwarzen Raume. Öffne ich den Vorhang vor der Tür der Jurte, so fällt eine schwache Lichtstraße über den Boden, im übrigen ist das vor der Jurte der Leute brennende Feuer das einzige, woran das Auge einen Anhaltspunkt findet. Das Innere meiner Wohnung ist gemütlich möbliert, der Fußboden da, wo meine Kisten stehen, mit einem Chotaner Teppich bedeckt, mein Bett auf der Erde ausgebreitet, und auf ihm sitze ich mit gekreuzten Beinen, meine Aufzeichnungen machend oder an meinen Kartenblättern zeichnend. Tscherdon bringt von Zeit zu Zeit ein Kohlenbecken herein, ohne welches man bei 20 Grad Kälte schwer arbeiten könnte.
Wenn ich jetzt, nachdem Jahre vergangen sind und ich wieder von allem, was mir am liebsten ist, umgeben bin, zurückdenke an diese langen kalten, stillen Winterabende in Tibet, wundere ich mich beinahe, daß mir in dieser tödlichen Einsamkeit, die Tage und Jahre hindurch immer gleich einsam blieb, die Zeit nie lang geworden ist. Doch das beständig unerschöpfliche Arbeitsfeld hielt mich aufrecht; ich hatte stets treue, zuverlässige Diener, und für jeden Tag des Jahres hatte ich ein kleines Buch mit Bibelsprüchen, das, wie ich wußte, auch täglich in meinem Elternhause gelesen wurde.
Wie eine schwere Last lag es mir freilich auf dem Herzen, wieder einen Kranken im Lager zu haben, und Togdasins kurze Gebetrufe an den Gott der Muhammedaner, „Ja Allah, Ej Chodaim“, ließen mir keine Ruhe. Nicht einmal Kiplings herrliche Lieder in „~The seven seas~“ konnten meine Gedanken ablenken, als ich diesen Abend zur Ruhe ging.
Die Rückreise nach Temirlik, die am 22. November angetreten wurde, nahm 12 Tage in Anspruch und führte uns über die Bergketten Kalta-alagan und Tschimen-tag und zweimal über den Akato-tag.
Der erste Tagemarsch wurde fürchterlich. Wir gingen nach Westen und hatten den Wind, einen halben Sturm mit -2 Grad um 1 Uhr und -10 Grad um 2 Uhr, gerade entgegen; selten habe ich mich so gelähmt und erschöpft gefühlt. Es erfordert Geduld, der Karawane zu folgen und sich die Hände abwechselnd vor Kälte erstarren zu lassen. Die über Nacht auf dem Ajag-kum-köll entstandene dünne Eisdecke wurde vom Sturme zersplittert und nach Osten getrieben; der See sah unheimlich, kalt und dunkelblau und vom Wellenschaume weißgestreift aus. In solchem Wetter mit unserem kleinen Boote unterwegs zu sein, wäre wohl der sichere Untergang gewesen. Der ganze östliche Teil des Sees ist nämlich nur einen oder ein paar Dezimeter tief, das Boot wäre gegen den hier etwas festeren Eisrand geworfen und zerschnitten worden, und der Seeboden besteht aus Schlamm, in welchem man rettungslos versinkt. Die Kosaken hatten auf ihrem Jagdausfluge die Mündung des Flusses zu überschreiten versucht, aber das erste Pferd war bis an den Hals in den Schlamm gesunken und hatte nur mit großer Mühe noch gerettet werden können.
Der Tschimen-tag zeichnete sich auch an dem Punkte, wo wir jetzt diese Kette überschritten, durch eine höchst sonderbare Architektur aus. Das Tal, aus welchem man nach dem Passe hinaufgeht, liegt selbst so hoch, daß man die Paßschwelle kaum gewahrt. Auf der nördlichen Seite ist das Gefälle aber um so steiler. Hier stürzt sich ein zwischen nackten Wänden und Vorsprüngen eingeklemmter Hohlweg wie eine Treppe über Felsenschwellen und Gesteinplatten jäh nach dem Tale hinunter. Wir hatten einen langen Marsch gemacht; die Karawane ging voraus, und ich erreichte den Anfang dieses Korridors erst bei Einbruch der Dunkelheit. Islam erwartete mich mit einer Laterne, aber mein Pferd wäre trotzdem beinahe gestürzt, da es von einer Treppenstufe auf die andere springen mußte. Tief unter uns im Tale bei dem sandumgürteten und zu gewaltigen Eisblöcken gefrorenen Wasser der Quellen von +Kum-bulak+ leuchtete das Lagerfeuer, und nach vielen Mühen erreichte ich meine Jurte, die auf einem steil in die Tiefe abstürzenden Felsenabsatze aufgeschlagen war. Erst am Morgen, als wir reisefertig waren, merkte ich, wie gefährlich diese Lage gewesen war. Die Jurte stand gerade in der Mündung eines Abzugskanales für alle Blöcke, die von den oberhalb zunächst stehenden Felswänden abstürzten. Dann und wann ertönte in der Nacht das Echo eines Blocksturzes, aber meine Jurte war doch verschont geblieben.
Der Zug weiter durch das Tal hinunter war nicht leicht. An ein paar Stellen, wo der Granit mehrere Meter hohe Stufen in der Rinne selbst bildete, mußten alle Tiere abgeladen und dann vorsichtig an den Platten hinuntergelassen werden. Einmal überschritten wir eine gewaltige Eistafel, die den Talgrund wie gegossenes Porzellan ausfüllte und sich allen Spalten und Ritzen anschmiegte. Ihre glatte Oberfläche mußte erst mit Sand bestreut werden, damit die Pferde nicht fielen. Es war wirklich schön, diesen von Blöcken und Schutt angefüllten Hohlweg hinter sich zu haben und wieder in das Tschimental zu gelangen, wo wir an der Stelle lagerten, an der wir vor einem Monat mit der Hilfskarawane zusammengetroffen waren.
Von hier aus wurde Kutschuk mit dem sich jetzt etwas besser befindenden Togdasin und dem Boote nach Hause geschickt, während wir anderen nach Norden weiterzogen, um über den Akato-tag zu gehen.
Die Nacht auf den 28. November war mit ihren -24,6 Grad die kälteste, die wir bisher in diesem Winter gehabt hatten.
Ein düsteres, steiles Granittal führt nach dem 4926 Meter hohen Passe +Gopur-alik+ im Akato hinauf (Abb. 167). Mit einem Male konnten wir nicht hinauf gelangen, sondern lagerten in dem Tale zwischen Massen von Felsblöcken, wo es weder Wasser noch Feuerungsmaterial und auch kein Gras gab. Am folgenden Morgen strengten wir uns weiter mit dem Erklimmen der Abstürze an. Die Pferde atmen so schnell und mühsam, daß man erwartet, ihre Lungen würden zerspringen; sie bekommen keine Luft und müssen unaufhörlich ausruhen, um nicht zusammenzubrechen. Der Paß ist scharf wie eine Klinge und fällt nach beiden Seiten jäh ab. Alle gehen zu Fuß; ich lasse mich hinaufbugsieren, indem ich mich am Schwanze meines Pferdes halte. Lasten gleiten ab, und Pferde fallen. Hier heißt es aufpassen und zugreifen, sonst könnten sie in das abschüssige Tal Hunderte von Metern tief hinabrollen und zu Brei zerschmettert werden. Der Westwind heult so regelmäßig wie ein Passatwind, und es ist bei -15 Grad recht fühlbar kalt.
Die Maulesel gehen sicherer als die Pferde; daher mußte einer von ihnen meine Instrumentenkiste tragen. Endlich erreichen wir den Paß und haben von seinem scharfen Kamme eine großartige Aussicht. Mit einem Blick beherrscht man alle diese mächtigen, mit blendenden Schneepanzern bekleideten Bergäste, und im Westen breitet sich ein unentwirrbares Durcheinander von Felsen aus. Das Tal, das uns nach dem Passe hinaufgeführt hat, liegt wie eine schattige, jäh abfallende Rinne unter unseren Füßen, und wir erstaunen, daß es möglich gewesen ist, in ihm hier heraufzuklimmen. Im Norden erhebt sich der gewaltige schneebedeckte Gebirgsstock Illwe-tschimen mit seinen vielen bizarren Gipfeln, die wir von früheren Exkursionen her kannten.
Nach der üblichen Rast zu Beobachtungen sehnte ich mich nur nach dichteren Luftschichten und Schutz gegen den Wind. Jetzt folgen wir einem imposanten Tale, das auf beiden Seiten mehrere Nebentäler empfängt. Ihre Mündungen gleichen gigantischen Toren zwischen lotrechten Felswänden. Wenn man in die Tore hineinsieht, erblickt man im Hintergrunde die wunderlichsten Berggestalten, wo der Schnee auf allen Vorsprüngen in Friesen und Mustern liegt; in dem gedämpften Purpur der Abendsonne gleichen sie Galerien und Dekorationen in einem tibetischen Tempel.
Sobald die Pferde im Lager von ihren Lasten befreit worden waren, ergriffen sie die Flucht, wurden aber nach einer Weile wieder eingefangen und angebunden. Weide gab es nämlich in dieser Gegend (4057 Meter) nicht. Der Wind weht noch immer, und die Glut des Kohlenbeckens reicht nicht aus, um die Tinte in meiner Feder flüssig zu halten. Ich habe -12 Grad in der Jurte. Durch die unvermeidliche Zugluft von allen Seiten brennt mein Licht in drei Stunden herunter und ist von dicken Stearinstalaktiten umgeben. Tscherdon schoß einen Yakstier, und ich bedauerte Turdu Bai, Tokta Ahun und Chodai Värdi, die den Yak um 9 Uhr abends bei grimmiger Kälte zerlegen sollten. Solange das Fleisch warm war, konnten sie sich daran die Hände wärmen, aber gegen Mitternacht kehrten sie in das Lager zurück mit einem Bündel steinhartgefrorener Fleischstücke, die unter den Beilhieben wie Glas zersprangen.
Beim nächsten Lagerplatze fanden wir in den harten, gefrorenen Büscheln der Hochlandsteppe gutes Brennmaterial, und der Schnee schenkte uns Wasser. Am folgenden Morgen vergoldete die Sonne die Gipfel des Illwe-tschimen, während wir noch im Schatten lagen; es wehte nicht, wir sehnten uns in den Sonnenschein hinaus und waren bald im Gange. Von dem obenerwähnten Gebirgsstock geht ein Tal aus, dessen Gehänge außergewöhnlich gute Weide tragen. Daher blieben wir hier nach einem kurzen Tagemarsch, und ich war gerade dabei, das Stativ des Theodoliten aufzustellen, als der Weststurm kam und jeder Arbeit im Freien ein Ende machte. Er riß das Zelt der Leute um; es flog fort und landete auf dem Eise des Talgrundes.
Längs des zunächststehenden Berges sahen wir einen Mann auf einem Kamel reiten. Ich glaubte, es möchte ein Bote an mich sein, und schickte daher Tokta Ahun aus, um Erkundigungen einzuziehen. Der Mann war, wie sich herausstellte, ein Mongole und gehörte zu einer Pilgergesellschaft aus Kara-schahr, die auf dem Wege nach Lhasa war. Die anderen waren am Morgen hier vorbeigekommen, er aber war zurückgeblieben, weil sein Kamel nicht so schnell hatte laufen können.