Im Herzen von Asien. Erster Band.

Part 42

Chapter 423,548 wordsPublic domain

Im Norden erhebt sich der +Illwe-tschimen+ mit seinen schneebedeckten Gipfeln (Abb. 156); über alle die zahllosen, jetzt trockenen Schluchten, die seine Abhänge durchfurchen, mußten wir hinüber, und sie machten uns viel Mühe. Mollah Schah verbürgte sich dafür, daß wir die Quellen von Supa-alik, wo wir Islam am Abend treffen sollten, noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen würden, aber er wußte in der Gegend offenbar nicht Bescheid, und der zweite Jäger hatte uns nur zwei Tagereisen weit begleitet und war dann wieder umgekehrt.

Es wurde dunkel, es wurde pechfinster, ohne daß wir einen Schimmer von den Quellen erblickten. Wir verloren den Pfad, dem wir bisher gefolgt waren. Hier und dort wuchsen Jappkakbüsche, Gras aber fehlte. Dank dem festen Boden hielten jedoch die Tiere diese lange Wanderung aus. Nachdem wir, müde und schläfrig, anderthalb Stunden in rabenschwarzer Nacht marschiert waren, blieben Mollah Schah und Nias, die vorangingen, stehen und signalisierten ein Feuer in der Ferne. Dieser Anblick elektrisierte uns alle, und wir beschleunigten unsere Schritte. War das Feuer klein, so konnte es in der Nähe brennen, war es aber groß, so würden wir es über Nacht nicht mehr erreichen. Jedenfalls war es klar, daß der Kurier in Temirlik gewesen war und daß Islam sofort mit der Hilfsexpedition aufgebrochen, spornstreichs hierher geritten und vielleicht gerade angekommen war, Feuer zum Abendessen angezündet hatte und bis zum Ausgange des Mondes zu rasten beabsichtigte, um uns dann noch weiter entgegenzugehen. Er mußte sich sagen, daß unsere Lage, da wir uns so verspäteten, kritisch sein konnte und daß wir, von allem entblößt, schneller Hilfe bedurften. Jetzt endlich fühlten wir uns wirklich erleichtert; es war uns, als hätten wir das Ende unserer Mühen und Entbehrungen gerade vor uns und brauchten uns nur wenig anzustrengen, um es zu erreichen. In später Nachtstunde würden wir dieses gleich einem Leuchtturme freundlich lockende und leitende Feuer erreichen, wir würden bald um seine Glut herumsitzen und uns mit den Unsrigen unterhalten, würden erfahren, wie es ihnen gegangen, und von unseren Abenteuern erzählen, während eine prächtige, heißersehnte Mahlzeit für unsere ausgehungerten Mägen zubereitet würde.

In schwarzer Nacht gingen wir gerade auf das Feuer zu, das bisweilen verschwand, jedoch bald wieder aufloderte. Wir hatten einen Lotsen, der uns vor allen gefährlichen Schluchten warnte. Ich hielt mich an dem Boote, das von einem Kamel getragen wurde, und ging immer nach der anderen Seite hinüber, wenn mir die Hand zu erfrieren begann; dann hielt ich mich mit der anderen, bis auch diese alles Gefühl verloren hatte und die erste inzwischen wieder warm geworden war.

Während einer langen Strecke war das Feuer nicht sichtbar, unsere Hoffnung erlosch, und die Müdigkeit kam wieder. Vielleicht lagerten dort nur einige Goldgräber. Wir blieben stehen und riefen und sammelten Jappkakbüschel, mit denen wir ein gewaltiges Feuer anfachten. Doch kein Zeichen von Verständigung ließ sich wahrnehmen. Aus dem Revolver wurden ein paar Schüsse abgefeuert, die in der dunkeln Nacht klanglos verhallten, ohne auch nur von einem Echo beantwortet zu werden. Mit verhaltenem Atem lauschten wir; still wie ein Grab lag die Gegend, und das Feuer zeigte sich nicht mehr. Vielleicht waren sie von einem forcierten Ritt todmüde und schliefen fest.

Als wir unser eigenes Feuer, an dem wir eine halbe Stunde gerastet und uns für eine Weile erwärmt hatten, verließen, war die Dunkelheit vor uns noch undurchdringlicher als vorher. Ein Blinder kann keine schwärzere Nacht vor Augen haben, und unwillkürlich blickte ich zu den Sternen empor, um mich zu überzeugen, daß ich mein Augenlicht nicht verloren hatte. Stunde auf Stunde marschierten wir nach Osten weiter und zogen unsere müden Tiere, die Weide zu wittern schienen, da sie sich nicht weigerten, uns zu folgen.

Jetzt flammte das Feuer wieder auf, und die eben noch stumm einherwandernden Männer sprachen wieder eifrig miteinander. Wir passierten die ersten Malgunsträucher, deutliche Vorboten nahen Wassers; wir konnten nicht mehr weit von den Quellen entfernt sein. Dann wurde dieser falsche Feuerschein wieder matter und erlosch. Die Männer riefen alle fünf Minuten mit der ganzen Kraft ihrer Lungen, aber ihre Stimmen verhallten ungehört in der Nacht. Ich hätte mich versucht fühlen können zu glauben, ein Irrlicht wolle uns foppen, es schwebe vor uns her und entferne sich in dem Maße, wie wir uns näherten.

Unsere Geduld war auf eine zu starke Probe gesetzt worden, unser mit dem Feuer entflammtes Interesse erschlaffte wieder, als jenes erlosch, und die Müdigkeit erhielt von neuem die Oberhand. Als wir den nächsten Gürtel von Buschholz und Gestrüpp erreichten, kommandierte ich zu allgemeiner Zufriedenheit Halt. Wir waren über 12 Stunden gewandert, hatten aber dennoch nicht mehr als 43 Kilometer zurückgelegt.

Menschen und Tiere waren so erschöpft, daß die Karawane sich beim Scheine des in aller Eile angezündeten Feuers höchst kläglich ausnahm. Der Atem der Kamele bildete in der Kälte Wolkensäulen, die Leute saßen jeder da, wo er stehengeblieben war, auf der Erde, und die fehlgeschlagene Hoffnung ließ uns unsere Erschöpfung doppelt fühlen.

Doch auch eine erfreuliche Entdeckung wurde in dem Feuerscheine gemacht. Es stellte sich heraus, daß unser Glücksstern uns nach einem vorzüglichen Weideland mit gutem, hohem Gras und Brennholz in Hülle und Fülle geführt hatte. Eine Kanne Flußwasser war noch da, und es reichte zu einer Tasse für die Person. Tee und ein paar Stücke Kulanfleisch, die über dem Feuer geröstet wurden, waren alles, was wir noch besaßen. Das Lager wurde ganz provisorisch aufgeschlagen, da wir am folgenden Morgen auf jeden Fall früh aufstehen und die Quellen suchen wollten. Das trügerische Feuer ließ sich nicht wieder sehen, aber der Mond schien, und für den Fall, daß die Unsrigen sich in der Nähe befänden und in der Nacht weiterzureiten gedächten, unterhielten wir noch anderthalb Stunden lang ein großes Signalfeuer. Und dann fielen wir unter dem klaren, sternenfunkelnden Himmelsgewölbe in einen todähnlichen Schlaf. Wir befanden uns hier wieder auf einer Höhe von nur 3471 Meter.

Am Morgen des 15. Oktober fanden die Männer eine nur ein paar hundert Meter entfernte Süßwasserquelle, und da das Lager in jeglicher Hinsicht vortrefflich war, beschlossen wir, hier den Gang der Ereignisse abzuwarten. Mollah Schah, der auf Kundschaft ausgewesen war, erklärte, das gestrige trügerische Feuer sei von Jägern angezündet worden, die jetzt mit ihren gesammelten Fellen nach Tschertschen zurückkehrten und uns augenscheinlich absichtlich auswichen, weil sie nicht wissen konnten, was für Leute wir sein würden. Wir waren also wieder auf uns selbst angewiesen und wußten nicht, was wir von der Hilfsexpedition und der Zuverlässigkeit des Kuriers Togdasin denken sollten. Tscherdon hatte von ihm etwas Pulver und Blei erhalten und war den ganzen Morgen fort, um uns eine Antilope zu verschaffen. Den Tieren ist jedoch in dieser von Jägern oft besuchten Gegend schwer beizukommen.

Um 2 Uhr kam er mit leeren Händen wieder. Dafür aber sagte er, daß er im Westen etwas Schwarzes sehe, von dem er erst geglaubt habe, es sei eine Kulanherde, das er jetzt jedoch für Reiter halte, die sich unserem Lager näherten.

Ich eilte mit dem Fernglase hinaus. Eine berittene Schar sprengte wirklich in einer Staubwolke heran. Von einem Hügel beobachteten wir die Schar mit größter Spannung. Sie war noch weit, weit entfernt, aber über den Vegetationsgürtel hinweg, den sie noch nicht erreicht hatte, gut zu sehen. Infolge der Luftspiegelung schien sie etwas über dem Erdboden zu schweben, doch an den auf und nieder hüpfenden Bewegungen merkte man, daß die Männer im Galopp ritten. Jetzt verschwanden sie zwischen der dunkleren Vegetation, aber die Staubwolke erhob sich noch über den Büschen. Es mußten die Unseren sein, die unser Signalfeuer nicht bemerkt hatten, sondern erst in der Frühe weitergeritten waren, bis sie die Spur der Kamele gefunden hatten und dann umgekehrt waren, um uns ausfindig zu machen.

Die Spannung erreichte ihren Höhepunkt, als zwei Reiter diesseits des Gebüsches auftauchten; dann erschienen noch zwei und eine ganze Herde von Pferden, die jene vor sich her jagten. Sie ritten in Karriere. Jetzt erkannte ich Islam an seinem Lederbaschlik. Er ritt auf einem Schimmel an der Spitze. Er trieb sein Pferd zu noch schnellerem Laufe an, so daß er einige Minuten vor den anderen ankam, stieg in einiger Entfernung ab und grüßte. Er sah gesund und munter aus und meldete, daß im Hauptquartier alles in Ordnung sei. Die übrigen waren Musa aus Osch, Chodai Värdi und Tokta Ahun aus Abdall.

Es war ihr Feuer gewesen, das wir gesehen hatten. Sie waren richtig in aller Frühe aufgebrochen und scharf nach Westen geritten, bis sie unsere Spuren gesehen und erkannt hatten, daß wir aneinander vorbeigegangen waren.

Islam hatte 15 fette, starke Pferde, sowie Proviant mit und brachte mir lauter erfreuliche Nachrichten. Der Postdschigit Jakub war aus Kaschgar gekommen, und mit einem Schlage wurde ich durch Brief- und Zeitungspakete meiner Heimat und der Zivilisation wieder ganz nahegerückt. Kurz nach unserem Aufbruch von Mandarlik hatten sie das Lager nach Temirlik verlegt, wo sie sich bei mongolischen Erdhöhlen niedergelassen hatten. Der Amban von Tscharchlik hatte in eigener hoher Person dort einen Besuch abgestattet, ebenso der Mongolenhäuptling Pschui aus Zaidam, aber beide hatten wieder heimkehren müssen, ohne mich zu sehen. Ersterer hatte 30 mit Mais beladene Esel mitgebracht. Seit ein paar Wochen hatten die Daheimgebliebenen unsertwegen in der größten Unruhe geschwebt, da wir versprochen hatten, höchstens 2½ Monate fortzubleiben, und nur für diese Zeit Proviant mit hatten.

Hunderte von Fragen und Antworten kreuzten einander, und erst spät in der Nacht kam ich zur Ruhe. Die Männer saßen lange plaudernd an einem großen, flammenden, jetzt von vielen Händen unterhaltenen Feuer; sie hatten einander so viel zu erzählen, und alle waren froh und zufrieden über das Wiedersehen. Welch ein Unterschied gegen den Abend vorher, an dem wir, von allem entblößt, aufs Geratewohl Halt gemacht hatten! Die Raben des Elias waren wiedergekommen, und unsere dreimonatigen Mühen und Strapazen hatten ihr Ende erreicht.

Eine Veranlassung zur Trauer war Aldats Tod. Sein Bruder Kader Ahun hatte sich selbst nach Tschimen begeben, um ihn zu treffen, und erhielt jetzt eine eingehende Beschreibung von der Krankheit und dem Tode seines Bruders. Er erkannte auch, daß wir gut gegen Aldat gewesen waren, alles getan hatten, um ihn zu retten, und daß alle sein Hinscheiden beklagten. Kader Ahun sagte, daß er auf die Trauerbotschaft vorbereitet gewesen sei. Vor einiger Zeit habe er geträumt, daß er über eine große Ebene reite und meiner Karawane begegne. Vergebens habe er unter den Leuten seinen Bruder gesucht, und als er erwacht sei, habe er gewußt, daß Aldat ein Unglück zugestoßen sein müsse. Wir rechneten aus, daß der Traum genau mit Aldats Tod zusammentraf, und daß er nicht erdichtet war, konnte Schagdur konstatieren. Kader Ahun hatte dem Kosaken nämlich lange, bevor Nachrichten von uns eingelaufen waren, sein Gesicht mitgeteilt und hinzugefügt, daß Aldat sicher tot sei. Dies war der einzige Fall von Telepathie, der mir auf meinen Reisen vorgekommen ist.

Nach weiteren zwei, der Ruhe, Lektüre und astronomischen Beobachtungen gewidmeten Tagen ritten wir am 18. Oktober fast 50 Kilometer ostwärts über kahle Einöden und Sandgürtel. Unsere Kamele und letzten Pferde wurden unbeladen langsam nachgeführt. Es war sehr behaglich, wieder auf einem großen, fetten, ausgeruhten Pferde zu sitzen, und ich freute mich, daß unsere überlebenden Tiere jetzt über ein halbes Jahr in Frieden weiden und der Ruhe pflegen würden; sie hatten es verdient.

+Bag-tokai+ (der Gartenwald) ist der Name einer kleinen, armseligen Oase, die von Quellen aus dem sonst ganz sterilen Erdreich hervorgezaubert worden ist. Hier trafen wir acht Männer aus Bokalik, die auf dem Heimwege nach Tschertschen 11 Yake, 4 Kulane und 2 Orongoantilopen geschossen hatten. Sie konnten beim Verkauf der Felle auf guten Verdienst rechnen. Wir gaben ihnen so viel Reis, wie wir entbehren konnten; sie hatten den ganzen Sommer nur von Yak- und Kulanfleisch gelebt, und wir wußten selbst, was es heißt, es schlecht zu haben, und wie schön es ist, wenn der Speisezettel ein wenig Abwechslung bringt.

Unsere Karawane war wieder zu einer ansehnlichen Reiterschar angewachsen, als wir am 20. Oktober die Richtung nach Nordosten, nach Temirlik, einschlugen. Die bösen Geister des Westwindes hatten sich wieder verschworen, uns noch einmal tüchtig durchzubleuen, bevor wir bei den Fleischtöpfen des Hauptlagers anlangten.

Auf halbem Wege begegnete mir Schagdur; mit militärischer Haltung saß er wie aus Erz gegossen auf seinem Pferde. Unser Zusammentreffen war freudig, und wir hatten einander viel zu erzählen. Die meteorologischen Ablesungen hatte er vortrefflich besorgt, und die selbstregistrierenden Instrumente waren fehlerlos gegangen. Es dämmerte schon, als wir die Quellen von +Temirlik+ erreichten. Hier kamen mir Faisullah und Kader, der mit auf der Fähre gewesen war, entgegen und zeigten mir unsere sechs ausgeruhten Kamele, die den ganzen Sommer ungestört geweidet hatten. Am rechten Ufer des kleinen Baches, der von den Quellen gebildet wird, stiegen die Funken mehrerer Feuer in die Luft empor; hier stand das neue Hauptquartier wie ein Dörfchen. Dort sah man zwei Zelte und die große mongolische Jurte, eine von Schilf und Zweigen erbaute Hütte, ganze Stapel von Maissäcken und den schwereren Teil der Kamellasten (Abb. 158). Ali Ahun, der Schneider, und Jakub, der Postdschigit, begrüßten uns hier, und dazu noch viele Leute, die ich noch nie gesehen hatte und die nur zufällige Gäste waren.

Auf dem linken Ufer steht eine doppelte Lößterrasse. Auf dem unteren Absatz war bereits meine kleine Jurte aufgeschlagen und der angeheizte Ofen hineingesetzt. In die obere Terrasse, die eine lotrechte Wand bildet, haben die Mongolen in alten Zeiten Grotten hineingegraben, die vorzügliche Zimmer abgeben (Abb. 159). Eines von ihnen hatte Schagdur schon als eine vortreffliche photographische Dunkelkammer eingerichtet, und sämtliches photographisches Zubehör stand dort bereit zur Benutzung beim Entwickeln der Platten, die während der tibetischen Expedition aufgenommen worden waren.

Damit war diese mühevolle Reise beendet, und wir konnten uns mit gutem Gewissen ein paar Wochen der Ruhe hingeben. Die Reise hatte zu großartigen geographischen Entdeckungen geführt, aber sie hatte auch bedeutende Opfer an Strapazen, Leiden und Leben gekostet. Von den 12 Pferden lebten nur noch 2 und von den 7 Kamelen Los 4. Eines von ihnen erreichte glücklich Temirlik und stand zwei Tage stolz aufrecht in dem gelbgewordenen Grase; am dritten Tage legte es sich hin und starb, ohne die Weide auch nur angerührt zu haben. Und auch ein Menschenleben war verloren gegangen.

Dreiunddreißigstes Kapitel.

Über sechs Pässe.

Nachdem ich in der Jurte an den Quellen von Temirlik ordentlich installiert war, wurde der Tag folgendermaßen eingeteilt: erst schlief ich gründlich aus, dann aß ich mein Frühstück, beschäftigte mich einige Stunden damit, Beobachtungsreihen und Tagebücher ins Reine zu schreiben, um die Abschriften nach Hause schicken zu können, und schrieb Briefe nach Europa; hierauf las ich schwedische Zeitungen in einem von Islam gebauten Lehnstuhle am Ofen, in dem beständig ein gemütliches Feuer knisterte. Wenn es dunkel wurde, wurde die schwarze Grotte erleuchtet, wo ich bis zum späten Abend Platten entwickelte. War ich mit allen diesen Arbeiten fertig, so erhielt ich in der Jurte mein Mittagessen oder Abendessen, wie man es nennen will.

Meine Zeit wurde aber auch von vielen anderen Dingen in Anspruch genommen. Löhne für die vergangene Zeit wurden ausbezahlt. Wir kauften vier vortreffliche Kamele und besaßen jetzt im ganzen 14. Musa aus Osch und der junge Kader wurden entlassen, weil sie sich nach Hause zurücksehnten; der erstere mußte die gewaltige Post mitnehmen, die ich für Kaschgar fertiggemacht hatte. Diese Post war in vieler Beziehung wichtig. Ich hatte einen Überschlag über den Bestand der Reisekasse gemacht und erkannt, daß er nicht ausreichte. Ich schrieb daher an meinen Vater und an den schwedischen Gesandten in Petersburg und bat, daß eine größere Summe in russischem Papiergeld an Generalkonsul Petrowskij geschickt werden möchte, der letzteres dann in chinesisches Silbergeld einwechseln und mir im nächsten Sommer nach Tscharchlik schicken sollte. An Oberst Saizeff schrieb ich und bat ihn, mir eine neue Sendung Konserven nach Osch zu schicken.

Vom 25. Oktober bis zum 4. November machten die Kosaken einen Jagdausflug nach dem Kum-köll; sie wurden von Tokta Ahun, Mollah und Togdasin begleitet und sollten ein paar Aufgaben lösen. Da ich selbst nicht Zeit hatte, den Tschimen-tag und den Kalta-alagan auch von dieser Gegend aus zu überschreiten, erhielt Schagdur den Auftrag, eine Kartenskizze von dem Wege, den sie zurücklegten, zu zeichnen, auf dem ganzen Zuge meteorologische Beobachtungen auszuführen und namentlich die Höhe der Pässe zu bestimmen. Er löste diese Aufgabe tadellos, und seine Karte stimmte vorzüglich, wie sich bei der später von mir ausgeführten Kontrollrechnung herausstellte. Jedenfalls füllte Schagdur durch diese von ihm gemachte Arbeit eine wichtige Lücke in meinen eigenen Aufnahmen aus. Als die Kosaken wiederkamen, brachten sie obendrein noch eine ganze Herde erlegten Hochwildes mit (Abb. 160). Aber kalt und unfreundlich war es in den Bergen gewesen, die jetzt vom Scheitel bis zur Sohle kreideweiß glänzten.

Unser Lager bot denselben lebhaften Anblick dar wie früher Tura-sallgan-ui am Tarim. Alle Goldgräber und Jäger, die von Bokalik zurückkehrten, statteten uns natürlich einen Besuch ab, und aus den Tiefländern kamen Leute, welche Dienst suchten. Doch auf meiner Terrasse hatte ich Ruhe und Frieden und Aussicht auf das Lager jenseits des Baches, über den eine kleine Brücke führte. Nur Hunderte von Raben störten mich mit ihrem heiseren Krächzen und mußten jedesmal, wenn eine astronomische Beobachtungsreihe vorgenommen werden sollte, durch einige Flintenschüsse erst verscheucht werden.

Am 11. November waren wir wieder zum Aufbruch bereit. Es war mein Wunsch, ein vorher nie besuchtes Gebiet des Tschimen-tag und des Akato-tag zu erforschen, eine Karte davon aufzunehmen und so eine große Lücke in meiner Karte von Nordtibet auszufüllen. Ein Vergnügen war es nicht, diese neue Exkursion, die mindestens einen Monat in Anspruch nehmen würde, im bitterkalten Winter anzutreten; lieber wäre ich nach den östlichen Wüsten gegangen, wohin ich mich sehr sehnte, aber auch diese Arbeit mußte ausgeführt werden.

Als Teilnehmer waren Tscherdon, Islam Bai, Turdu Bai, Tokta Ahun, Chodai Bärdi und Togdasin, der die betreffende Gegend ganz genau kannte, ausersehen. Kutschuk und Nias begleiteten uns den ersten Tag, um die Pferde führen zu helfen, die, ausgeruht und munter, anfangs ihre Lasten abzuschütteln versuchten. Es waren ihrer 13; wir hatten auch 4 Maulesel, dafür aber keine Kamele. Ich hatte mir selbst das Versprechen gegeben, daß ich es nicht wieder so schlecht haben sollte wie das letztemal, und nahm daher einen reichlichen Vorrat Konserven, sowie den Ofen mit. In Temirlik sollte Schagdur Chef sein und mit den meteorologischen Ablesungen fortfahren. Mein sämtliches zurückbleibendes Gepäck wurde zum Schutze vor Feuersgefahr in einer der Grotten untergebracht, an deren Eingang beständig Wache gehalten werden sollte.

Da das Gebiet, welches wir jetzt erforschten, den Gegenden, die wir im vorigen Sommer gesehen hatten, sehr ähnelte, werde ich mich in der Folge kurz fassen. Sechs Tagemärsche führten uns nach dem Ajag-kum-köll, wohin wir 140 Kilometer hatten. Den ersten Tag durchquerten wir das Tschimental, seinen ebenen, unfruchtbaren Lehmgrund und auf seiner Südseite einen Gürtel von höchstens 15 Meter hohen Dünen und traten darauf wie durch ein Riesenportal von lauter Granitfelsen in den Tschimen-tag ein. Die ganze Zeit über stiegen wir nach Süden aufwärts. Von unserem Lager, wo ich es bald ebenso warm und gemütlich hatte wie in Temirlik, beherrschte man das ganze Tal nach Norden hin bis an den Akato, dessen domförmiges Gebirge sich ohne eine Spur von Schnee auf seinem Kamme gen Himmel erhob.

Als ich nach einer herrlichen Nacht aus meinen Träumen geweckt wurde, konnte ich mich erst gar nicht in die Tatsache hineinversetzen, daß wir uns jetzt wieder auf dem Marsche befanden. Die kurze Ruhezeit war gar zu schnell vergangen. Doch zu Grübeleien haben wir keine Zeit; das Frühstück wird gebracht und verzehrt, dann geht es wieder vorwärts durch eine Gebirgslandschaft von Granit in allen erdenkbaren Abarten. Jetzt führte uns Togdasin nach dem Tschimen-tag über eine Kette von Vorbergen auf einem bequemen Passe, auf dem der Schnee eine zusammenhängende Decke bildete. Die Löcher der Murmeltiere waren zur Hälfte vom Schnee verstopft, in welchem auch keine Spuren von diesen Tieren zu sehen waren. Sie waren schon für den Winter zu Bett gegangen und hatten es gut und warm in ihren Höhlen. Sie tun wohl daran. Nordtibet ist schon im Sommer so unfreundlich, daß man gut tut, es im Winter zu meiden.

Der Hauptpaß, der uns über den Tschimen-tag selbst führte, war sehr bequem und bestand aus weichen, abgerundeten Hügeln ohne anstehendes Gestein. Auf seiner Südseite gelangten wir in dasselbe Längental, das wir im Juli weiter oben im Osten gekreuzt hatten. Unweit des Lagers heißt die Gegend +Att-attgan+ (das erschossene Pferd), weil dort ein Jäger, der längere Zeit Pech gehabt hatte und am Verhungern gewesen war, schließlich sein Pferd hatte erschießen müssen, um Fleisch zu bekommen. Unser Lagerplatz am Flusse heißt +Mölle-koigan+ (der fortgeworfene Sattel), weil er hier seinen Sattel im Stiche gelassen hatte.

Als wir auf der anderen Seite in ein schmales Tal eintraten, das nach dem Kamm der Kalta-alagan-Kette hinaufführte, scheuchten wir eine friedlich an den Abhängen weidende Yakherde auf. Sie ergriff die Flucht und erschreckte ihrerseits eine Kulanherde, die sich höher oben befand. Jetzt wälzten sich die schweren Bataillone lawinengleich in Wolken von Sand und Staub den Berg hinab.

Im Süden des Passes haben wir einen steilen Abstieg in einer mit Granitblöcken und Schutt besäten Talfurche. Nach dem Austritt aus der trompetenförmigen Mündung des Tales schwenkt unser Weg nach Südwesten und Westen ab und begleitet den Fuß der Bergkette (Abb. 162, 163), deren Ausläufer und Verzweigungen von Wetter und Wind in launenhafter Weise geformt worden sind. Sie gleichen Tischen, Lehnstühlen, Schalen und Hälsen mit Köpfen, und manchmal hat sich die Kraft des Windes quer durch dünnere Partien durchgefressen.

Der +Ajag-kum-köll+ blitzte am südwestlichen Horizont wie eine riesenhafte Schwertklinge. Da aber der Weg dorthin noch weit war, lagerten wir in der Einöde, wo trinkbares Wasser in 1,42 Meter Tiefe gegraben wurde.