Im Herzen von Asien. Erster Band.
Part 41
Je mehr wir uns in den folgenden Tagen dem Arka-tag näherten, desto wüster wurde das Land. Am 27. September suchten wir vergebens nach einem Grashalm; keine Spur von Pflanzen- oder Tierleben war zu erblicken. Es ging bergauf und bergab, über Berge und Täler, die jetzt stets durchquert wurden. Kaum ist man nach einem Flusse hinuntergelangt, so muß man sich schon wieder an der anderen Seite hinaufarbeiten, und obgleich diese Höhenunterschiede nur 100 Meter betragen, so werden sie doch durch die unaufhörliche Wiederholung mörderisch. Nach vielen zeitraubenden Bogen und Rasten erreichten wir endlich den Hauptpaß dieser neuen Bergkette (5203 Meter). Unmittelbar nördlich davon erhob sich ein einzelner Bergrücken, der auf der östlichen oder auf der westlichen Seite umgangen werden mußte. Ich entschied mich für die letztere und ritt der Karawane weit voraus. Als es dunkelte, mußte ich jedoch Halt machen und die anderen erwarten. Sie kamen todmüde in kleinen Partien an und hatten einen Schimmel aus Jangi-köll in hoffnungslosem Zustand zurückgelassen.
Nach dem Abendessen inspizierte ich mit der Laterne, wie gewöhnlich, besonders nach schwereren Tagereisen, das Lager (5111 Meter) und die Tiere. Sowohl die Kamele wie die Pferde waren geknebelt, damit sie nicht auf die Suche nach Weide gingen. Die Leute schliefen, müde von den Strapazen des Tages. Ich selbst wollte gerade einschlafen, als der Türvorhang der Jurte von einem heftigen Windstoß in die Höhe gerissen wurde und feiner Schnee hereinwirbelte.
Am nächsten Morgen waren wir wieder von Winterlandschaft umgeben (Abb. 153). Doch die Wolken verzogen sich bald; es wurde ruhig, und die Sonne glühte mit intensiver Kraft.
Unsere Straße ging jetzt nach Nordwesten ein schmales, von roten Felsen, Sandstein und Schiefer eingefaßtes Tal hinab, das in ein Längental ausmündete. Solange wir uns in dem engen Durchgange befanden, dessen Bach über Nacht zu Eis gefroren war, hatten wir Schutz vor dem Winde, sobald wir aber die Hügel hinter uns hatten, fuhr der Wind, der sich eben erhoben hatte und bald zu einem vollständigen Orkan aus Westen anschwoll, über die Karawane her. Man muß die Knie ordentlich andrücken, um nicht aus dem Sattel geworfen zu werden. Pferde, Reiter und Kamele beugen sich nach der Windseite hinüber und liegen auf dem Winde; die ganze Karawane sieht schief aus, alle leichten Gegenstände, die Pferdeschwänze und die Kleider der Leute stehen auf der Windseite wie Flaggen ab. Die Atmung wird erschwert, man erstickt beinahe. Die Kamele schwanken in ihrem wiegenden Gange. Das erste beste Weideland sollte das Signal zur Rast geben, denn lange kann man in solch einem Winde nicht gehen; wer es nicht selbst erprobt hat, kann sich keinen Begriff davon machen.
Am Südufer des Sees lagerten wir an einem kleinen Bache.
Bei der veränderlichen Temperatur und dem ewigen Witterungswechsel wird die Haut empfindlich. Besonders Nase und Ohren sind übel daran und blättern unaufhörlich ab. Die Nägel werden spröde wie Glas und springen ein, und beständig hat man Schmerzen in den Fingerspitzen.
Mehrere Pferde waren jetzt kränklich, und Mais hatten wir nur noch für zwei Tage. Daher wurde der Reisvorrat hervorgesucht; alles, was wir davon entbehren konnten, sollte den Tieren gegeben werden. Unser kleinster Maulesel wäre uns in diesem Lager Nr. 61 (4907 Meter) beinahe gestorben, wurde aber von Tscherdon, der ihn auf burjatische Weise behandelte, gerettet. Das Tier schwoll unförmlich auf und krümmte sich am Boden. Nachdem der Kosak durch Befühlen eine passende Stelle ausgesucht hatte, nahm er einen Pfriemen und rannte ihn dem Tiere mit einem kräftigen Stoße bis an den Stiel in den Leib. Da strömte Gas heraus, aber kein Tropfen Blut. Dann wurde der Maulesel gezwungen, aufzustehen. Ein Strick wurde um sein Hinterteil geschlungen. Ein Mann zog ihn vorwärts, und ein zweiter prügelte ihn mit einer Holzlatte. Jedesmal, wenn er hinten ausschlug, zogen zwei Männer an dem Stricke, so daß der Esel von rechts nach links gerissen wurde. Über die Methode selbst mag man sagen, was man will, aber diese echte Pferdekur hat dem Tiere geholfen. Es wurde gesund, war mit auf dem Ritte nach Lhasa, zog mit durch ganz Tibet nach Ladak, ging über den Kara-korum nach Kaschgar und befand sich ausgezeichnet, als ich Ende Mai 1902 in letzterer Stadt von ihm Abschied nahm.
Nach einem Rasttage zogen wir uns an dem kalten letzten Tage des September recht warm an, um die Verschanzungen des Arka-tag zu erstürmen. Wir folgten dem Ostufer des Sees und gingen nach Norden, wo sich ein vorteilhafter Paß zeigte. Dann aber zwang uns eine Bucht, die der See nach Osten ausschickt und in die sich ein Fluß ergießt, zu einem bedeutenden Umwege.
Bald gelangten wir an ein Erosionstal, das uns einen guten Weg nach den Höhen bot. Ich ritt mit Tscherdon und Mollah Schah voraus nach dem Passe hinauf. Von der Südseite, auf der wir uns befanden, war der Paß leicht zu ersteigen, und wir erreichten bald seine Schwelle; auf der Nordseite aber, wo die Schichtköpfe zutage treten, fiel er sehr steil ab.
Gerade auf diesem Kamme, der fast die ganze Erdrinde überragt und wie ein Schwungbrett in den Weltenraum hinauszeigt, tobte der Schneesturm mit solcher Wut, daß man das Gefühl hatte, verloren zu sein. Ich hatte kaum die Kraft, die nötigen Beobachtungen auszuführen. Die Hände werden steif und ganz gefühllos. Die Höhe betrug 5203 Meter. Da die Karawane auf sich warten ließ, gingen die beiden Männer wieder zurück. Ich kehrte dem Sturme den Rücken zu und kauerte mich nach Möglichkeit zusammen. Nach dem Abgrunde im Norden zu ist jetzt nichts weiter zu sehen als wirbelnde Schneewolken, ein kochender Schneekessel; es heult und stöhnt auf allen Seiten, es pfeift, wenn der Wind sich über den scharfen Paßkamm wälzt.
Nun ertönten die Kamelglocken ganz in der Nähe. Die Tiere zogen wie Schatten an mir vorüber, ihre Tritte waren nicht zu hören. Turdu Bai ging vornübergebeugt, den einen Arm zum Schutze erhoben, als arbeite er sich durch ein Dickicht hindurch. Jetzt galt es, auf der Nordseite des Passes hinunterzusteigen; es war, als sollte man sich auf gut Glück in einen unbekannten Abgrund stürzen, dessen Boden nicht zu sehen ist.
Um bei der Hand zu sein, sobald die Kamele der Hilfe und Stütze bedurften, gingen alle zu Fuß. Kutschuk geht voran und untersucht den Weg. Er nimmt die Wand in unzähligen Zickzacklinien. Wir müssen alle zehn Schritte stehenbleiben, damit uns nicht das Gesicht erfriert. Wir gleiten und rutschen auf dem Schnee hinunter. Ein Kamel gleitet aus und fällt, rollt noch ein halbes Mal herum, aber bleibt in so vorteilhafter Stellung liegen, daß es aufstehen kann, ohne erst abgeladen werden zu müssen.
Jetzt war der Tag zu Ende, und es wurde dunkel; aber wir gingen trotzdem weiter, bis wir den steilen Abhang hinter uns hatten. In finsterer Nacht lagerten wir auf einer Halde (4977 Meter), wo es keinen Grashalm gab; Feuerung hatten wir auch nicht, nur Wasser in Gestalt von Schnee und Eis, davon aber im Überfluß.
Als die Sonne am 1. Oktober aufging, konnten wir sehen, wie sich die Gegend, in der wir in der Dunkelheit Halt gemacht hatten, ausnahm. Vollständiger Winter umgab uns auf allen Seiten, und dabei schneite es noch immerfort. Die Tiere waren steifbeinig und hungrig; daher rasteten wir schon nach wenigen Kilometern auf einer Halde mit leidlichem Graswuchse (4899 Meter). Mit wehem Herzen gab ich Befehl, das letzte Schaf zu schlachten; es kam mir wie ein Mord vor.
Am 2. Oktober zogen wir 30 Kilometer nordwärts bergab. Noch eine Tagereise half uns dieses freundliche, langsam abfallende Tal weiter. Die Luft war klar geworden, und wir sahen das Tschimengebirge in einer Entfernung von gewiß 100 Kilometer vor uns liegen. Doch bevor wir aufbrachen, war schon wieder der Westwind im Gange, um uns auf unseren elenden Kleppern vor Kälte erstarren zu lassen.
Das Tal erweitert sich, und wir sehen im Norden den See +Atschik-köll+. Wir hätten bleiben sollen, wo der Bach, dem wir bisher gefolgt waren, endete, aber wir hofften, den See bald zu erreichen und dort Quellen zu finden. Die armen Tiere waren ganz erschöpft. Das Pferd, auf dem ich nach Andere geritten war, blieb mit Nias zurück, und ein zweiter Schimmel wurde mit Kutschuk als Pfleger zurückgelassen. Sie sollten uns langsam nachkommen. Wir ritten nach Norden weiter, es dämmerte und wurde dunkel, aber der Mond erhellte mit seinem bleichen Lichte die kalte Einöde. Wasser war nicht zu sehen, und der See blieb eine ziemliche Strecke östlich von unserem Wege liegen. Frierend ging Turdu Bai zu Fuß voraus. Wir waren seelenfroh, als er endlich stehenblieb und uns zurief, wir hätten einen sich in den See ergießenden Fluß erreicht. 37½ Kilometer täglich war ungefähr das meiste, was die Tiere nunmehr aushalten konnten. Die kranken Pferde erreichten wirklich noch dieses Lager Nr. 65 (4251 Meter), aber erst gegen Mittag und nachdem sie die Nacht in einiger Entfernung vom Lager zugebracht hatten. Sie wurden dann aufs beste gepflegt und mit Reis traktiert.
Ein eigentümlicher, kalter, feuchter Nebel lag am 6. Oktober über dem Seebecken, und durch seinen Schleier zeichnete sich die nördliche Bergkette matt und schwach, aber doch malerisch ab. Sie schien leicht auf die Leinwand des Himmels hingeworfen zu sein, und zu oberst leuchtete der Schnee halbklar hindurch. Infolge der gedämpften Nuancen schien die Kette noch mindestens eine Tagereise entfernt zu liegen.
Die Karawane ist im Sterben, und im Begräbnistempo schreiten wir die langsame Steigung hinan. Kulane und besonders Orongoantilopen kommen zu Hunderten vor. Jolldasch erbeutete eine der letzteren, die er über die Nase biß und sie dann festhielt, bis Tscherdon hinzukam und sie erstach; dadurch erhielten wir eine sehr notwendige Verstärkung unseres Proviantes.
Die Steigung nimmt zu; wir überschreiten zahllose Schluchten und Pässe; oft müssen wir eine Weile rasten, um die Tiere Atem schöpfen zu lassen. Bald wird gemeldet, daß ein Pferd nicht weiterkann. Kaum ist es erstochen worden, als sich schon ein zweites hinlegt, um nicht wieder aufzustehen. Ehe wir diesen abscheulichen Paß erreichten, der für eine ausgeruhte Karawane eine Bagatelle gewesen wäre, waren noch zwei Pferde verlorengegangen, unter ihnen mein treuer Wüstenschimmel, der mich nach Tschertschen und Altimisch-bulak getragen hatte.
Die Aussicht vom Passe war ebenfalls nicht erfreulich. Auf beiden Seiten hatten wir kleine Gletscherzungen und im Norden ein Gewirr von Bergen. Merkwürdigerweise bekamen wir die Kamele hinüber, worauf wir in einer Kluft lagerten, in der jedoch weder von Gras noch von Brennmaterial die geringste Spur zu finden war.
Soviel Reis, wie nur irgendwie entbehrt werden konnte, wurde an die letzten Pferde verteilt, die angebunden und mit Filzdecken zugedeckt wurden. Am Morgen lag eines von ihnen tot in der Reihe mit vorgestrecktem Halse, starren Augen und schon steif gefroren. Keiner hatte gemerkt, wann und wie seine Qual zu Ende gewesen war, und die noch vorhandenen Pferde schenkten ihm keine Aufmerksamkeit. Sie waren zu erschöpft und ermattet, um Teilnahme zu zeigen; sie schienen sich nur nach Ruhe zu sehnen, und sie starben ohne einen Seufzer, ohne einen Klagelaut, während es mich unsagbar schmerzte, ihren Untergang auf meinem Gewissen zu haben.
Bewundernswert in ihrer Resignation lagen die Kamele wie gewöhnlich regungslos in derselben Stellung, in der wir sie am Abend vorher verlassen hatten. Sie waren mit Reif bepudert und blickten sehnsüchtig nach dem Tale hin, dem wir dann nach Nordosten folgten. Sehr lange konnten wir es nicht mehr aushalten. Die Tagemärsche wurden immer kürzer, und die Kräfte der Tiere waren bis aufs äußerste erschöpft.
Die Nacht auf den 8. Oktober war ruhig, kalt und klar, und die Minimaltemperatur sank bis auf -18,3 Grad. Eiskalte Luft strömte durch das Tal herunter; es war der gewöhnliche Nachtwind, der wie Wasser in seinem Bett strömt. Schon um 8 Uhr hatte er aufgehört zu wehen, und wenn kein Sturm losbricht, kehrt er im Laufe des Tages um. Diesem scharfausgeprägten Tale folgten wir nach Nordosten. Eine frische Karawane könnte von hier in vier Tagen nach Temirlik gelangen, mit uns aber ging es langsamer. Nur sechs kleine Stücke Brot waren noch da, und Reis hatten wir für drei oder vier Tage. Es hatte den Anschein, als würden wir während der letzten Strecke hungern müssen. Es wäre schön gewesen, wenn wir hätten Brennmaterial finden können, aber diese Gegend wird nicht von Yaken besucht.
In pfeifendem Schneegestöber zogen wir durch dieses Tal, das sich bald zu einem Hohlwege zusammendrängt, dessen Boden mit ganzen Mauern und Stapeln von herabgestürzten, teilweise rundgeschliffenen Blöcken bedeckt ist. Es ist ein außerordentlich energisch in den Granit eingesägtes Durchbruchstal, und die Landschaft trägt die gewöhnlichen wilden, felsigen, malerischen und launenhaften Charakterzüge des Granits. Ich saß buchstäblich festgeschneit auf meinem stolpernden Pferde, die meisten der Leute aber mußten zu Fuße gehen, da ihre Reittiere gefallen waren. Unaufhörlich kreuzten wir den Fluß, um möglichst auf den ebeneren Erosionsterrassen bleiben zu können. Oft trägt das Eis des Flusses sogar die schweren Kamele und muß dann mit Sand bestreut werden; da aber, wo es nicht trägt, wird es vorher mit Steinen und Stangen zertrümmert. Manchmal brechen die Tiere ein und fallen. Die alten Kamele bewährten sich auf diesem schwierigen Terrain vorzüglich, trotzdem sie nun auch noch die Lasten der toten Pferde tragen mußten.
Das Tal trägt den Namen +Togri-sai+ (das gerade Tal) (Abb. 154) und ist den Goldgräbern aus Tschertschen und Kerija wohlbekannt; hier gibt es nämlich ein Goldfeld, das wir auf dem heutigen Marsche passierten. Vor ungefähr einem Monat sollten die letzten Goldgräber abgezogen sein; jetzt gab es im Tale keine frischen Spuren von menschlichen Besuchern mehr. Wir hatten ungefähr die Hälfte unseres Weges zurückgelegt, als wir die drei ersten, aus Granitstücken erbauten Hütten passierten. In der Nähe sahen wir eine Menge Gruben in den Schuttbetten, umgeben von Sand- und Schuttwällen, welche die Goldgräber aufgeworfen hatten. Selten sind diese Gruben mehr als 2½ Meter tief. Man kann sie zu mehreren Hunderten zählen; die meisten sind längst verlassen, einige aber scheinen während des letzten Sommers bearbeitet worden zu sein. Die Hütten sind sehr provisorisch, viereckig mit 2-3 Meter langen Seiten; die Mauern sind von Blöcken ohne das geringste Bindemittel aufgetürmt, und das Dach besteht im besten Falle aus grober Leinwand oder einer Filzdecke, unter die eine Stange gelegt wird. Hier und dort laufen in diesem asiatischen Klondike Gänge und Zäune zwischen den Schutthaufen hin, und an einigen Gruben waren Zeichen aufgerichtet, z. B. ein Antilopenschädel oder eine Kulanhaut auf einer Stange, wodurch das Besitzrecht angezeigt wird. Manchmal hat der Besitzer sein Gebiet noch besonders mit einer niedrigen Mauer von Granitstücken eingefriedigt.
Einige Hütten besaßen sehr einfache Öfen zum Brotbacken. Die Goldgräber bringen einen Vorrat von Mehl mit, leben im übrigen aber von Yak-, Kulan- und Antilopenfleisch, das ihnen von den Jägern, die um des Verdienstes willen in dieser Wildnis mit ihnen kampieren, für eine geringe Summe überlassen wird. Die Vorräte werden auf Eseln hierher befördert, die für die Zeit von zwei Monaten, während welcher in den Gruben gearbeitet wird, in die tiefer gelegenen Täler, wo es Weideland gibt, hinuntergeschickt werden. Nur in zweien der Hütten fanden wir einiges Hausgerät, ein paar plumpe Harken, um den Schutt von den goldhaltigen Gesteinarten zu entfernen, eine Bahre, ein paar Dachfirststangen und einen Trog zum Backen oder Goldwaschen. Wir machten uns kein Gewissen daraus, dieses vortreffliche Holz, das uns mehrere Tage ein prächtiges Feuer liefern sollte, mit Beschlag zu belegen.
Eines der Kamele verfiel sichtlich und wurde zurückgelassen, sollte aber am folgenden Morgen in das Lager geholt werden. Bei kaltem Wetter mit Schneegestöber und -3 Grad zogen wir außerordentlich langsam abwärts. Erst um 11 Uhr lagerten wir in 4515 Meter Höhe nach diesem anstrengenden, aber interessanten Tage; eben war der Mond wieder aus der Nacht der Schneewolken hervorgetreten.
Zweiunddreißigstes Kapitel.
Ein trügerisches Feuer.
Das Kamel starb während der Nacht und war schon steif gefroren, als Turdu Bai es aufsuchte. Es wurde der Preis, den die Götter des Togri-sai-Tals für den Brennholzraub forderten. Jetzt blieb uns gerade noch die Hälfte der ursprünglichen Zahl der Karawanentiere, 6 Kamele, 3 Pferde und 1 Maulesel. Da auch diese Tiere sich in jämmerlicher Verfassung befanden, mußten alle Mann zu Fuß gehen.
Es ist lehrreich, die Kamele zu beobachten (Abb. 155). Sie sind prächtige Tiere, stets ruhig und geduldig in ihrem harten, ermüdenden Dienste, und es ist ein Vorbild für den Menschen, einen solchen Riesen ohne einen traurigen Blick in seinem erlöschenden Auge, ohne einen Klagelaut über den Verlust eines Lebens, dessen einzige Befriedigung mit frischen, sättigenden Weideplätzen verknüpft gewesen ist, zusammenbrechen zu sehen. Das Tier machte seinen Tagemarsch, solange es noch konnte; es ging mit schwankenden Füßen, aber hocherhobenem Kopfe, es suchte nicht mehr nach Gras zwischen diesen unfruchtbaren Granitfelsen; würdig und majestätisch blieb es bis an die Stelle, wo sein Gebein im Tale bleichen wird. Als es nicht mehr imstande war, noch einen Schritt weiter zu tun, als die Schatten des Todes sein Bewußtsein umflorten, nahm es einen letzten Abschied von dem entfliehenden Tage und legte sich so bequem nieder, wie das Schuttbett es erlaubte. Den anfeuernden Schlägen setzte es stolze Verachtung entgegen; einige Peitschenhiebe mehr oder weniger bedeuteten für das Tier nichts mehr, das jetzt im Begriffe stand, das irdische Leben für immer zu verlassen.
Das Tal erweitert sich immer mehr. Nach Weide suchen nützte nichts, und die Tiere konnten nicht weit gehen. Wir mußten Halt machen, um sie ruhen zu lassen, und die letzten Packsättel wurden ihres Strohpolsters beraubt.
Langsam, müden Schrittes wanderten wir am 10. Oktober nach Nordnordost in demselben Tale weiter. Auch ich ging zu Fuß, um das mir noch zur Verfügung stehende Pferd zu schonen. Der Fluß ist nach den -18,8 Grad in der Nacht fest zugefroren. Ich ging nach der rechten Talseite hinüber, um das Gestein zu untersuchen, und fand dort durch reinen Zufall einige sehr interessante Zeichnungen. Sie sind auf von Wind und Wetter blankgeschliffenen, dunkelbraun gewordenen Flächen von sonst hellgrünem Schiefer angebracht, und dadurch, daß sie mit einem spitzen Werkzeug durch die äußerste Rindenschicht hindurch eingehauen sind, treten sie deutlich in hellen Linien auf dunkelm Grunde hervor. Ihr Alter muß bedeutend sein, denn einige Teile der Bilder sind verwischt.
Die dargestellten Szenen sind alle dem Leben eines Jägers entnommen. Dieser Jäger ist ein vielseitiger Mensch gewesen. Er hat Yake, Kulane, Orongoantilopen und Wölfe im Gebirge, Enten, Gänse und Tiger am Lop-nor gejagt. Besonders beachtenswert ist der Umstand, daß alle fünf abgebildeten Schützen sich des Bogens bedienen. Die Felsenzeichnungen rühren also von einem Meister her, dem Feuerwaffen noch unbekannt waren, denn sonst hätte er die Flinte auf ihrer Stützgabel abgebildet. Die langen Pfeile haben nach vorn gerichtete Widerhaken und gleichen dem Dreizacke Neptuns.
Obgleich nur mit ein paar Konturlinien ausgeführt, sind die verschiedenen Tiere charakteristisch und leicht erkennbar gezeichnet. Die Schützen sind in verschiedenen Positionen dargestellt, bald stehend, bald kriechend, bald liegend; derjenige, welcher seinen Pfeil gegen den Tiger richtet, hat es für das Sicherste gehalten, im Sattel sitzenzubleiben. Die drei Felsplattenflächen, denen der Meister seine Kunstwerke anvertraut hat, sind 1½ und 1 Meter hoch und die Bilder ungefähr 3 Dezimeter lang. Gewiß stammen sie aus der Zeit, als Mongolen am Lop-nor wohnten und wahrscheinlich einen Teil des Sommers im Gebirge zubrachten.
Eine kräftige Stütze für die Richtigkeit dieser Annahme erhielt ich an dem Punkte, wo wir am linken Ufer des Flusses auf ziemlich gutem Weidelande lagerten (4067 Meter). Hier fanden wir einen mongolischen Obo, einen zusammengetragenen Steinhaufen mit Schieferscheiben, in welche alle „~Om mani padme hum~“ (O das Kleinod im Lotos, Amen), das Fundamentaldogma des Lamaismus, in tibetischen Buchstaben eingehauen war (Abb. 157).
Wegen dieser Menschenspur war uns die Stelle sympathisch, und wir hielten uns noch einen Tag bei dem Obo auf. Dieser Tag brachte eine große, erfreuliche Veränderung in unserer Lage hervor. Tscherdon hatte dicht beim Lager mit Aldats letztem Schusse einen jungen Kulan erlegt, als Mollah Schah atemlos zu mir gelaufen kam und mir sagte, er habe fern im Osten zwei Jäger zu Pferd gesehen. Er wurde sofort beauftragt, ihnen nachzusetzen und sie um jeden Preis ins Lager zu bringen. Sie kamen und waren anfangs ein wenig scheu, wurden aber bald zutraulich. Drei Monate hatten sie im Gebirge zugebracht und die Goldgräber mit Kulanfleisch versehen. In Temirlik waren sie nicht gewesen; wir schwebten also noch immer in Unkenntnis über unser Hauptquartier.
Durch diese unerwartete Berührung mit Menschen nach 84tägiger Isolierung hob sich die Stimmung. Ich kaufte sofort ihre beiden Pferde, die, mit den unseren verglichen, wie englisches Vollblut aussahen. Ein kleiner Sack Weizenmehl kam uns ebenfalls vortrefflich zupasse. Was uns aber am meisten interessierte, war die abends am Lagerfeuer geführte Unterhaltung. Mollah Schah hatte sich schon erboten, zu Fuß nach Temirlik zu gehen und eine Entsatzkarawane aufzubieten, doch das war jetzt nicht mehr nötig. Togdasin, so hieß der eine Jäger, kannte die Gebirgspfade genauer und sollte auf seinem eigenen, eben an mich verkauften Pferde nach dem Hauptquartier reiten und eine Entsatzkarawane holen. Er sollte in zwei Tagen dort sein und Islam Bai den Auftrag bringen, uns mit 15 Pferden und Proviant bis an die Quellen von Supa-alik, zwei Tagereisen westlich von Temirlik im Tschimentale, entgegenzukommen.
Um 11 Uhr in der Nacht sprengte Togdasin fort. Er nahm ein paar leere Konservenbüchsen mit, um seine Legitimation als mein Kurier zu bekräftigen und Islam begreiflich zu machen, daß er mir neue Büchsen von derselben Art mitzubringen habe. Togdasins ganzer Proviant bestand aus einem kleinen Stück Kulanfleisch. Ich beneidete ihn nicht um seine nächtliche Reise; die letzte Nacht hatten wir -20,2 Grad gehabt; es war ihm aber eine ansehnliche Vergütung versprochen, wenn er seinen Auftrag gut ausführen würde. Er konnte sich natürlich mit dem Pferd aus dem Staube machen, aber ich vertraute ihm, obwohl er uns fremd war, und er vertraute uns.
Die beiden folgenden Tagemärsche führten uns aus dem Togri-sai hinaus eine gute Strecke ostwärts im Tschimentale. Der +Piaslik+, die mächtige Bergkette, die sich auf der Südseite des Tales erhebt und die Fortsetzung des Tschimen-tag bildet, sandte eine ganze Reihe wilder, felsiger Kulissen nach Norden in das Tal hinein. Am 14. Oktober brachen wir in ungewöhnlich heiterer Stimmung auf, die dadurch, daß fast alle zu Fuß gehen mußten, nicht herabgedrückt wurde. Nach unseren Berechnungen mußten wir am Abend mit der Rettungsexpedition zusammentreffen.