Im Herzen von Asien. Erster Band.

Part 40

Chapter 403,569 wordsPublic domain

Nach einem sehr notwendigen Ruhetage im Lager Nr. 48 (5073 Meter) zogen wir am 13. September nach Westen weiter (Abb. 144). Es war nicht unsere Absicht, einen Kranken den Strapazen der Reise auszusetzen, aber unsere knappen Vorräte erlaubten uns nicht, noch länger zu verweilen. Aldat hatte die ganze Nacht phantasiert, gestöhnt und Lieder in persischer Sprache gesungen. Die Behandlung, die ich für geeignet gehalten hatte, wirkte nicht. Er hatte die Herrschaft über seinen Körper und seinen Geist verloren, verfiel sichtlich und starrte mit wirrem Blicke ins Leere. Während des Marsches lag er auf einem Bett, das ihm auf einem Kamel zwischen ein paar Säcken zurechtgemacht worden war. Er hatte ein Kopfkissen, war mit Filzdecken zugedeckt und mußte festgebunden werden, um nicht herunterzugleiten (Abb. 145).

In dem Längentale gingen wir über eine niedrige Schwelle (5107 Meter) und folgten dann einem Bett, dessen Boden aus Sand bestand; es war ein vortrefflicher Untergrund, der die Tiere trug. Vor uns ging in aller Gemächlichkeit ein Yakstier, dessen schwarzer Fransenbehang die Erde berührte und der wie ein mit einer Trauerdecke versehenes Turnierroß aussah. Jolldasch lief ihm nach und zupfte ihn an den hinteren Zotteln. Der Yak drehte sich um, richtete den Schwanz in die Höhe und senkte die Hörner zum Angriff, worauf Jolldasch auskniff, um das Spiel nach einer Weile wiederzubeginnen. Eine Herde von 20 Archaris oder wilden Schafen verschwand wie der Wind, als Tscherdon mit Aldats Flinte sie zu beschleichen versuchte.

Das Tal, dem wir gefolgt waren, mündete in eine Ebene, in der wir an dem ersten Süßwassertümpel (4903 Meter) lagerten.

Von nun an wurde meine Jurte sowohl abends wie morgens geheizt. Der Deckel des großen Eisentopfes oder, wenn dieser gebraucht wurde, meine Waschschüssel wurde mit glühenden Kohlen auf einem Bett von Asche in die Jurte gestellt; dies war bei dem ewigen Winde, der über das Hochland hinstrich, wirklich notwendig.

Am 14. September konnten wir infolge des vorteilhaften, wenig kupierten Terrains volle 30 Kilometer zurücklegen. Die Landschaft wird durch zahllose kleine Salztümpel charakterisiert, von denen jeder das Zentrum eines ganz kleinen abflußlosen, sehr oft auch keinen sichtbaren Zufluß erhaltenden Beckens bildet. Wir suchten lange nach süßem Wasser und blieben bei einer kleinen Quelle, die mit spärlichem Graswuchs umgeben war. Das Wetter war zu Anfang des Tages herrlich gewesen, nachmittags aber kamen die gewöhnlichen Stürme, jetzt der Abwechslung halber von Osten. Es hagelte und gewitterte. Gerade als wir lagerten (4890 Meter), begann ein ärgeres Schneetreiben, als wir es je erlebt hatten. Das kurze Gras war bald unter dem Schnee begraben. Auf der Windseite meiner Jurte türmte sich eine ganze Düne von Schnee auf. Es war nicht leicht, um 9 Uhr die gewöhnliche meteorologische Ablesung auszuführen, denn es war so dunkel wie in einem Sacke, und man wurde in kompakte Wolken von wirbelndem Schnee gehüllt. Die Ablesungslaterne ist invalid geworden, denn drei ihrer Glasscheiben sind durch Pappe ersetzt, und die vierte ist in zwanzig Stücke zersprungen, die durch Papierstreifen und Syndetikon zusammengehalten werden. Der Schnee knirscht unter unseren Füßen, und man braucht sich nur ein paar Minuten im Freien aufzuhalten, um einem Schneemanne zu gleichen. Das Zelt der Leute schlägt und knallt im Winde; ich kann daraus entnehmen, wo es steht, denn obwohl es nur ein paar Meter entfernt ist, kann ich es im Schneegestöber nicht sehen. Man kann sich indessen noch freuen, daß man sich bei solchem Wetter unter Dach befindet, während die armen Tiere müde und frierend, die Schwänze gegen den Wind gekehrt, draußen stehen müssen. Es ist unheimlich in einem Lande, das nichts weiter als Wasser bietet, eingeschneit zu werden. Die Aussichten für die Zukunft sind auch nicht gut; all dieser Schnee kann schmelzen und den Boden in einen Schlammpfuhl verwandeln. Schon um 9 Uhr abends war die Temperatur auf -2,1 Grad heruntergegangen, nachdem wir um 1 Uhr +11 Grad gehabt hatten. Wir waren jetzt jedoch so von Schnee umgeben, daß sowohl das Zelt wie die Jurte die Nacht über warm gehalten wurden.

Die Stimmung wurde durch den Zustand des armen Aldat noch gedrückter. Er war von einer schweren Krankheit befallen, auf die ich mich nicht verstand. Er klagte über Schmerzen im Herzen und im Kopfe, und seine Füße waren kalt und hart wie Eis und sahen schwarz aus. Ich rieb sie tüchtig, um das Blut in Umlauf zu bringen, aber ohne Erfolg. Sie waren wie tot, und man konnte mit einer Stecknadel hineinstechen, ohne daß er es fühlte. Dieser Zustand schritt nach und nach immer höher an den Beinen hinauf. Spät am Abend gab ich ihm ein warmes Fußbad, das ihm gut zu bekommen schien. Merkwürdig kam es uns jedoch vor, daß er sozusagen verrückt geworden war. Während der Märsche schwatzte er ununterbrochen und rief seinem Kamele zu, es solle sich legen, und noch eine gute Weile, nachdem er im Zelte in sein Bett gelegt worden war, bat er die andern in der herzbewegendsten Weise, doch das Kamel halten zu lassen. Mollah Schah, der ihn von Tschertschen her kannte, erzählte uns, daß er früher verrückt gewesen, aber von einem gewissen Abdurrahman Chodscha, einem Ischan (Arzt), geheilt worden sei, welch letzterer in das Haus von Aldats Eltern gekommen sei, dort Gebetformeln über diesen gesprochen und ihn mit Koranversen beschriebene Papierzettel habe verschlucken lassen. Es war herzzerreißend, diesen vierundzwanzigjährigen, vor kurzem noch so kräftigen Mann in seinen Fieberphantasien von seinem Vater und seinen Brüdern in Tschertschen sprechen zu hören. Jetzt wurde nachts stets bei ihm Wache gehalten, und wir taten alles, um ihn zu retten. Doch dazu ist nicht viel Aussicht vorhanden, wenn man einen Sterbenden durch eisige Schneestürme und über himmelhohe Berge schleppen muß!

Von Hunger getrieben gingen die Pferde über Nacht auf Grasentdeckungsreisen aus, und es dauerte am Morgen ziemlich lange, bis wir sie wieder alle hatten. Jetzt schien die Sonne warm auf die 30 Zentimeter dicke Schneedecke, die durch ihre glänzend reine Weiße blendete. Der Tag wurde jedoch kalt und rauh, denn ein häßlicher Westwind wehte über die Schneefelder hin. Wenn er gelegentlich aussetzte, war es richtig heiß in der Sonne, aber schon nach ein paar Minuten waren wir wieder mitten im Schneegestöber. Dieses dauert zwar nie lange, und die Sonne tritt bald wieder aus den Wolken hervor, aber der Wind macht kalt. Es ist Winter und Sommer in brüderlicher Vereinigung, ein charakteristisch tibetisches Wetter.

Wir hielten jetzt konsequent nordwestliche Richtung ein und brauchten daher keine mächtigen Bergketten zu überschreiten. Das Land war nach dieser Seite ziemlich offen. Die Temperatur blieb den ganzen Tag unter Null, und der gefrorene Boden trug. Aber der Schnee verbarg die unglaublich dicht nebeneinanderliegenden Murmeltierlöcher, in welche die Pferde oft traten und dann fielen. Unsere Marschregel lautete jetzt: drei Tage Wanderung, den vierten Rast. Der 16. September, ein Sonntag, war solch ein herrlicher Ruhetag mit gutem Wetter (in 4997 Meter Höhe). Tscherdon hatte vorsorglich einige Patronen aufgespart, gab sie nun aber für einen jungen Yak hin, der uns einen großen Sack voll prächtigen Fleisches einbrachte; gut schmeckt es nicht, aber man ist wenig wählerisch, wenn einem nichts anderes geboten wird. Er schoß auch einen jungen Wolf, der es augenscheinlich auf unser letztes Schaf abgesehen hatte. Der Kadaver wurde eine willkommene Speise für einige Raben, die unsere immer müder werdende Karawane seit einigen Tagen begleiteten; vielleicht ahnten sie, daß es nicht mehr lange dauern konnte, bis jemand zurückgelassen werden würde.

Abends bat Aldat, die Nacht im Freien zwischen zwei Kamelen zubringen zu dürfen. Die Muselmänner glauben nämlich, daß die von diesen Tieren ausströmende Körperwärme einen Kranken, dessen Kräfte im Abnehmen begriffen sind, zu heilen und zu stärken vermag. Er wurde gut eingepackt in den Kreis gelegt, und Mollah Schah und Nias leisteten ihm Gesellschaft.

Am 17. September wurde ich frühmorgens durch einen entsetzlichen Lärm im Lager geweckt; die Hunde bellten, daß ihnen der Atem ausging, und die Männer überschrien sich förmlich. Ich guckte hinaus und sah kaum 50 Schritt vom Zelte einen großen Bären forttraben. Aus den Spuren im Schnee erkannten wir, daß er das Lager gründlich besichtigt und eine Runde um meine Jurte gemacht hatte. Als die Hunde anschlugen, hatte er es für gut befunden, den Rückzug anzutreten.

Das Wetter war jetzt gut, aber das Terrain geradezu abscheulich. Die kupierte Landschaft scheint mit kantigen, unangenehmen Tuffstücken in allen Größen bedeckt zu sein. Nicht ein Quadratfuß ist frei davon. Und gibt es eine kleine freie Stelle, so haben Feldmäuse und Murmeltiere sie benutzt, um dort ihre tückischen Höhlen zu graben. Unsere Tiere stolperten unausgesetzt gegen die spitzen Steine, und zwei von den Kamelen verletzten sich die Fußsohlen derartig, daß sie bluteten.

Dann folgte eine Strecke losen Bodens, der am Vormittag an der Oberfläche noch so fest gefroren war, daß die dünne Kruste die schweren Kamele trug. Doch allmählich taut diese obere Schicht auf, und dann gehen wir wie auf schwachem Eise. An einer Stelle waren die fünf Kamele in allerschönster Ruhe eben darüber hinweggeschritten, als das sechste, das letzte, mit beiden Vorderfüßen durchtrat. Es saß im Schlamme fest und sank immer tiefer hinein (Abb. 146). Die anderen gingen weiter, der Nasenstrick riß, und das Kamel brüllte vor Schmerz. Wir eilten herbei und nahmen ihm die Last ab. Dabei fiel es auf die Seite; der Boden wurde immer weicher, und schließlich schwamm es im Schlamme wie ein Stück Butter in einer Breischüssel. Wir banden Stricke um seine Beine, um sie nacheinander herauszuziehen, aber was wir auch mit ihm anstellten, es sank immer tiefer ein und hielt sich überdies ebenso regungslos still wie im Wasser. Ich fürchtete schon, daß wir sechs Männer es nicht würden herausholen können. Der Packsattel hatte sich im Schlamme festgesogen und wurde abgeschnallt. Schließlich kam ich auf den Gedanken, unter jedes Bein, das wir herausgezogen hatten, eine Filzdecke zu breiten, und dann wälzten wir es in die Höhe, bis es seine gewöhnliche Liegestellung einnahm. Nachdem es sich so eine Weile ausgeruht hatte, brachten wir es dazu, eine verzweifelte Kraftanstrengung zu machen; es taumelte nach dem festen Boden hin, während ihm der Schmutz klumpenweise von den Beinen und den Seiten fiel. Es war mit einem Schlammpanzer bedeckt, der mit Messern abgeschabt wurde, und stand zitternd da, außer Atem und kollerig.

Darauf erreichten wir ein eigentümliches Tal, das sich nach Ostnordost bis zu einem in 10 Kilometer Entfernung sichtbaren See erstreckte. Nordöstlich von diesem erhebt sich ein gewaltiges Schneemassiv, das wir den ganzen Tag auf der rechten Seite gehabt hatten und das entschieden der riesige Gebirgsstock war, dessen Nordseite ich 1896 umwandert und den ich +König-Oskar-Gebirge+ genannt hatte.

Im Talboden stehen tafelförmige, mit 15-20 Meter dicken Tuffbetten bedeckte Terrassen, und der Boden ist dicht mit Tuffblöcken besät.

Am folgenden Tag hatte die Sonne ihre Herrschaft wiedererlangt, und die Stürme schwiegen. Der Rest des letzten Schnees schmolz und verdunstete. Um 1 Uhr stieg die Temperatur bis auf +12 Grad. Es geht auf günstigem Terrain nach Nordwesten. Zur Linken zieht sich eine kleinere Bergkette hin, fern im Nordosten eine mächtigere und zwischen beiden ein Längental von dem gewöhnlichen Aussehen. Vor uns erhebt sich ein gewaltiges Schneemassiv, dessen Firnfelder in der Westsonne wie Silber glänzen, während die hügeligen schwarzen Seiten einem Panzerturme gleichen.

Einunddreißigstes Kapitel.

Aldats Tod.

So zogen wir durch das öde Tibet hin. Zwei Monate waren schon vergangen, ohne daß wir Spuren von Menschen gesehen hatten, und wir fingen an, uns zu den Unseren zurückzusehnen. Aber jeder Tagemarsch, den ich auf meiner Übersichtskarte mit Punkten verzeichnete, zeigte, wie langsam wir uns ihnen näherten und wie viele Tagereisen uns noch blieben. Über 400 Kilometer trennten uns noch von Temirlik.

Wir folgten dem Längentale nach Westen und blieben dadurch auf ein und demselben Niveau. Die Gegend ist außerordentlich wildreich. Schädel und Skeletteile von Yaken zeigen an, daß auch diese zähen Tiere sich der Macht des Todes nicht entziehen können.

Der dritte Marschtag hat seinen besonderen Reiz, denn dann wissen alle, daß wir morgen rasten dürfen. Den 20. September über blieben wir also im Lager Nr. 54 (4917 Meter) (Abb. 147). Tscherdon schoß mit Aldats Flinte einen fünfzehnjährigen Yak, der, bevor wir ihn abhäuteten und zerlegten, in mehreren Stellungen photographiert wurde (Abb. 148, 149, 151). Am Abend kam Tscherdon mit einer Orongoantilope heim, und nun wurde eine neue muselmännische Kur mit Aldat versucht. Der Kranke wurde entkleidet und in das noch weiche, warme Fell der Antilope gehüllt, das dicht an seinen Körper gedrückt wurde. Ich glaubte nicht recht an die Wirkung, und es tat mir bitterlich weh, daß ich ganz machtlos war und ihm nicht helfen konnte. Die letzten Abende gab ich ihm ein paar Zentigramm Morphium; er konnte sonst nicht einen Augenblick schlafen.

Auf dem Zuge nach dem Lager Nr. 55 hatten wir andauernd gutes Terrain. Ein paar Kilometer vom Ufer eines nicht unbedeutenden Sees, dem alle Bäche des südlichen Gebirges zuströmten, rasteten wir in einer ziemlich gastlichen Gegend. Der Boden war hier von Murmeltieren, deren Höhlen überall ihre gähnenden Eingänge zeigten, derartig zugerichtet, daß er wie wurmstichig aussah. Diese großen, starkgebauten Nagetiere sehen, wenn sie einzeln oder paarweise über dem Höhleneingang in der Sonne sitzen, unbeschreiblich drollig aus. Sobald wir uns nähern, rollen sie wie Billardbälle in ihre Löcher hinein, und sobald sie unsere schweigend und langsam dahinschleichende Karawane erblicken, lassen sie durchdringende, gellende Pfiffe ertönen, die von allen Seiten widerhallen. Die Karawane wird in diesem sonst so friedlichen Lande förmlich ausgepfiffen.

Ein alter Invalide, der taub gewesen sein oder sich von seiner sicheren Höhle zu weit entfernt haben muß, mußte diese Unvorsichtigkeit mit dem Verluste seiner Freiheit büßen. Er lag auf einem Abhange in der Sonne und sah prächtig aus, er hatte sogar Ähnlichkeit mit einem Menschen oder wenigstens mit einem Affen. Jolldasch flog wie ein Pfeil hin und störte das Murmeltier in seinem friedlichen Schlafe, und während es sich verteidigte, kamen die Männer, banden es und legten es unversehrt auf ein Kamel. Wir beabsichtigten, es zu zähmen; es lebte zwei Monate, blieb aber die ganze Zeit gleich wild. Sobald man sich ihm näherte, setzte es sich auf die Hinterbeine und war bereit, mit seinen messerscharfen Vorderzähnen, in denen es eine achtunggebietende Kraft besitzt, sofort zuzubeißen. Es biß große Späne aus den Stöcken, die man ihm hinhielt. Ein Biß von seinen Zähnen soll gefährlich sein und die Wunde sehr schwer heilen. In seine Höhle kehrte es nie wieder zurück, und es gewöhnte sich bald daran, auf dem Kamelrücken zu schaukeln.

Wo Murmeltiere, Dawagan werden sie von den Muselmännern genannt, vorkommen, kann man beinahe sicher sein, auch Bären anzutreffen. Der tibetische Bär lebt zum größten Teile von diesen Nagetieren, die er mit Haut und Haar, Knochengerüst und allem auffrißt. Er belauert sie nicht, wie Jolldasch es tat, sondern überzeugt sich nur, wenn er auf Besuch nach der Höhle kommt, ob die Herrschaften zu Hause sind. Mit seinen starken Tatzen gräbt er die Erde an den Seiten des Ganges auf und erwischt schließlich sein Opfer. Er macht sich auf diese Weise noch tüchtig Bewegung vor dem Mittagessen. Ein gewaltiger Erdwall verrät schon von weitem, daß ein Bär dagewesen ist und Haussuchung abgehalten hat.

Kleinere Herden von Kulanen kreisten auf diesem breiten Talboden. Sechs Kulane begleiteten uns in nächster Nähe wohl eine halbe Stunde weit. Sie sind außerordentlich hübsch anzusehen (Abb. 150); ihre schlanken Formen besitzen vollendete natürliche Schönheit; sie laufen im Halbkreise, einen Winkel von 45 Grad mit dem Erdboden bildend, und bleiben plötzlich ein wenig vor und neben uns in einer Reihe stehen. Ihre Bewegungen sind so regelmäßig und so sicher, als trügen sie unsichtbare Kosaken auf dem Rücken.

Während dieses Tagemarsches hatte Aldat zu Pferde sitzen können, obwohl gut festgebunden und beaufsichtigt. Wir hofften alle auf Besserung, aber abends wurde es wieder schlechter mit ihm. Jeden Atemzug begleitete ein stöhnender Laut, und er atmete 58 mal in der Minute, was selbst in einer Höhe von 4838 Meter abnorm ist. Seine Temperatur war merkwürdig niedrig; von den Herzschlägen war nichts zu vernehmen, wie angestrengt man auch horchte, und ebenso schwach war der Puls. Sein Bewußtsein umnachtete sich. Er sprach davon, fortgehen und Yake schießen zu wollen. Obwohl es gegen die Marschordnung verstieß, blieben wir seinetwegen einen Tag liegen. Die Leute wollten indessen gern weiter, denn mit unseren Vorräten war es schlecht bestellt; das Brot mußte in ein paar Tagen zu Ende sein, und Pulver war nur noch für ein Dutzend Schüsse vorhanden.

Da der Zustand des Kranken auch am Morgen des 23. September so gut wie unverändert war, obgleich er jetzt nur 24mal in der Minute atmete, beschlossen wir aufzubrechen. Daß er nicht mehr lange leiden würde, war klar, aber wir konnten nicht länger warten. Er wurde zwischen zwei Feuerungssäcke auf ein Kamel gebettet und erhielt eine weiche Unterlage von Filzdecken. Die Beine wurden in Filzmatten eingepackt, und unter den Kopf wurde ihm ein zusammengerollter Pelz geschoben. Über das Ganze wurden Stricke gebunden; er lag so bequem wie in einem Bett.

Gerade als das Kamel sich zum Aufbruch erheben sollte, hörte Aldat auf, zu atmen. Seine gebrochenen Augen, schöne, graue afghanische Augen, schienen in der Ferne ein Land zu suchen, wohin unsere Blicke nicht reichen. Er, der früher mit leichten, schnellen Schritten in den Spuren der Yake über die Berge geeilt war, hatte den Strapazen erliegen müssen und ein Leben beendet, das an Freuden so arm gewesen war.

„Getti“ (er ist fortgegangen), sagten die Muselmänner und standen schweigend um dieses seltsame Totenlager herum. Turdu Bai aber betrachtete die Lage von der praktischen Seite und fragte mich, was wir mit der Leiche machen sollten. Ich wollte ihn nicht sofort begraben, und alle waren sichtlich zufrieden, als ich „Marsch“ kommandierte. Das Kamel hatte ihn schon so manchen Tag getragen, und er war eine leichte Last. Ich hatte den Leuten versprochen, daß wir Temirlik in 18 Tagen erreichen würden, wenn wir 6 Rasttage machten und täglich 24 Kilometer zurücklegten. Sie zählten daher die Kilometer mit steigendem Interesse und waren eifrig darauf bedacht, keine Zeit zu verlieren.

So brachen wir denn auf und näherten uns dem Seeufer. Unsere Karawane hatte sich in einen Leichenzug verwandelt, der durch Tibets wüste Täler einen Kameraden zu Grabe trug. Keiner sprach; eine stille, feierliche Stimmung herrschte. Kulane und Yake weideten ungestört neben unserem Wege, und die schwarzen Totenraben folgten uns in weiten Kreisen.

Nun erreichten wir das Ufer, wo der Boden hart und vorzüglich zum Gehen war.

Der See nahm ein Ende, und wir zogen nach Nordwesten über eine langsam ansteigende kupierte Ebene, die von Furchen mit gefährlichem Schlammboden durchschnitten war (Abb. 152). In einer solchen fanden wir ein kleines Holzstück, das zu einem mongolischen Packsattel gehört hatte. Es war mürbe wie Rinde und stammte vielleicht von einer mongolischen Pilgergesellschaft, die sich aus den nördlicheren Tälern hierher verirrt hatte, oder auch von Hauptmann Wellbys und Leutnant Malcolms unglücklicher Karawane, deren Weg wir gerade heute gekreuzt haben mußten.

Während die anderen im Lager ihre gewöhnliche Arbeit verrichteten, gruben Mollah Schah und Nias ein Grab für Aldat. Ein Pelz wurde unter, ein zweiter über die Leiche gelegt, und so wurde er in dieser feuchten, heimtückischen Erde zur ewigen Ruhe bestattet.

Es war von allen Beerdigungen, bei denen ich zugegen gewesen bin, die einfachste; keine Zeremonien, keine Tränen, keine anderen Gebete, als die, welche ich stumm für die Seelenruhe des Toten in einer anderen, besseren Welt zum Himmel emporsandte. Das Grab wurde zugeschüttet und ein länglicher Hügel darüber aufgeworfen. Am Kopfende wurde eine Holzlatte eingerammt, an deren Spitze wir eine von Aldats eigenen Jagdtrophäen, einen Yakschwanz, als „Tugh“ festbanden, wie es die muhammedanische Sitte verlangt. Auf ein kleines Holzstück schnitt ich mit arabischen und lateinischen Buchstaben den Namen des Toten, das Datum und meinen eigenen Namen ein, für den Fall, daß das Schicksal jemand hierherführte, bevor alle Spuren des Grabes vertilgt sein würden.

Die Flinte des Toten, seinen noch nicht ausbezahlten Lohn und den Wert seiner Kleidung und seines Pelzes hatte ich später Gelegenheit, seinem Bruder, den wir im Tschimentale trafen, eigenhändig zu übergeben. Sein alter Vater besuchte mich ein Jahr später in Tscharchlik. Es war mir eine Beruhigung, daß die Mutter tot war und ihr der Kummer, einen so guten, prächtigen Sohn zu verlieren, erspart geblieben war.

Am 24. September wurde die Karawane außergewöhnlich früh fertig; meine Begleiter wollten gewiß möglichst schnell von diesem traurigen Friedhofe fortkommen. Die Muselmänner sprachen ein Dua (Gebet) am Hügel, dann wurde der arme Aldat in der großen Einsamkeit allein gelassen; keine anderen Pilger als die Tiere der Wildnis würden künftig nach seinem Grabe wallfahrten. Der schwarze Yakschwanz flatterte im Winde, wurde aber, als wir fortzogen, bald von den Hügeln bedeckt.

Wir mußten jetzt lange nach Norden ziehen und steuerten zuerst auf ein in der nördlichen Bergkette gähnendes Taltor los. Es war nicht leicht, dorthin zu gelangen. Der Boden besteht aus losem rotem Sand und wird von einer Menge 30-50 Meter tiefer Schluchten durchfurcht, nach deren Moorgrunde es steil hinuntergeht und in denen man leicht mit Mann und Maus ertrinken könnte, wenn nicht einer der Leute zuvor zu Fuß versuchte, ob der Moorboden trägt.

Der folgende Tagemarsch führte uns über mehrere parallele kleine Ketten. Als wir sie endlich überschritten und die Freude hatten, im Norden offenes, flaches Land, ein breites Längental, zu sehen, war dort keine Spur von Vegetation zu erblicken. Obgleich wir eine gute Tagereise hinter uns hatten, setzten wir daher unseren Weg quer über das Tal fort. Wir ritten stundenlang, ehe wir einige Grashalme und einen Süßwassertümpel fanden. Wir waren offenbar in ein vegetationsloses Gebiet gekommen und würden uns jetzt mit jedem Tage in immer unfruchtbarer werdenden Gegenden befinden.

Die verdünnte Luft dieses Hochlandes, das 5000 Meter über dem Meere liegt, tat mir nichts; ich hatte mich an sie gewöhnt, und auch meine Leute hielten sich tapfer. Vermeidet man alle Anstrengungen, so kann man die Luftverdünnung sicherlich ziemlich lange ertragen.