Im Herzen von Asien. Erster Band.
Part 39
Nachdem der Hagelschauer aufgehört hatte, tobte der Wind noch ärger; aber jetzt konnten wir wenigstens sehen, wo das Land lag (Abb. 141, 142). Wir hatten noch nicht den halben Weg zurückgelegt und steuerten nach einer Landspitze hin, hinter der wir im Windschutz sein würden. Die Wellen waren jetzt so hoch, daß wir das Ufer nicht sehen konnten, wenn wir uns in ihren Tälern befanden. Sie sahen unheimlich aus und waren, wenn die Sonne aus den Sturmwolken hervortrat, blank wie Delphinrücken und glänzten bald grün, bald blau, während die Sonnenstrahlen den spritzenden Schaum wie Juwelen funkeln ließen. Der Segeltuchrumpf der Jolle bauchte sich bei dem Stampfen aus; er war so gespannt, daß ein heftiger Seitenstoß ihn hätte sprengen können, und wir mußten das Boot jetzt mit beiden Rudern manövrieren und die Stöße parieren. Doch auch diesmal lief alles glücklich ab. Der Sturm ging vorüber, der Wind legte sich, die Einzelheiten des Ufers ließen sich erkennen, und wir änderten den Kurs, indem wir ihn jetzt gerade auf das Lager richteten. Der Sonnenuntergang war prachtvoll. Die Sonne selbst versteckte sich hinter einer kohlschwarzen Wolke, ihre reflektierten Strahlen aber glänzten wie Quecksilber auf der Oberfläche des Sees.
Wir hatten uns jetzt so weit von Turdu Bais Lager entfernt, daß wir an den Rückzug denken mußten. Nach meinem Besteck konnten wir nicht mehr weit von den Quellen des Jang-tse-kiang sein, und ich hatte den Gedanken an einen Versuch, sie zu finden, noch nicht gänzlich aufgegeben. Daß die drei großen Seen, die wir in dieser Gegend entdeckt hatten, mit ihnen nichts zu schaffen haben, war klar; diese Seen bilden ein abflußloses Becken für sich. Ganz sicher war ich meiner Sache jedoch noch nicht und ich beschloß daher, den 2. September einer Exkursion nach Süden zu opfern. Diese führten uns über wellenförmige Ebenen mit spärlichem Graswuchs und morastigem Boden, und nach einer Wanderung von 27 Kilometer machten wir am Ufer eines Flusses Halt, der sich in den nächsten See, einen südöstlich von den vorhergehenden liegenden kleinen Salztümpel, ergießt.
Weiter konnten wir mit unseren abgetriebenen Pferden und unseren zusammenschmelzenden Vorräten nicht gehen, sondern mußten am folgenden Tage wieder nach Westen ziehen, wobei wir in dem tückischen Boden beinahe steckengeblieben wären. Die Pferde sanken bisweilen 60 Zentimeter tief ein. Ein mächtiger, von den Bergen im Süden kommender Fluß strömte nach Norden, nach dem von uns übersegelten See hin; sein Bett bot uns guten, festen Boden zum Reiten dar.
Diese Gegend ist außerordentlich reich an Wild. Von Orongoantilopen sahen wir ein halbes Dutzend Herden von etwa je 20 Tieren; Yake und Kulane traten einzeln oder in kleinen Gruppen von ein paar Tieren auf; Feldmäuse, Murmeltiere und Hasen gab es überall, und am Seeufer schrien Gänse und Möwen. Die Karawane ritt in zwei Gruppen, zwischen denen eine Lücke von 50 Meter war. Gerade durch diese Lücke jagte Jolldasch drei Kulane, die in schmetterndem Trab vorbeisausten. Kaum war ich mit meinem kleinen photographischen Apparate in Ordnung, so waren sie schon fort. Eine Weile darauf verschwand der Hund, einer Orongoherde auf den Fersen folgend, und als er nach langer Abwesenheit wieder erschien, war er mit Blut befleckt und augenscheinlich übersatt. Es war ihm gewiß gelungen, eine der Antilopen zu erwischen, und er hatte an ihr eine ordentliche Mahlzeit gehalten. Auch Wölfe und Füchse streiften auf den Ebenen, die sich im Süden des Sees ausdehnen, umher.
Es war meine Absicht gewesen, am Tage darauf nach Norden über den See zu rudern, um eine neue Lotungslinie zu erhalten, aber wir erwachten unter höchst ungewöhnlichen Witterungsverhältnissen. Der Himmel war ganz klar, die Sonne schien in all ihrem Glanze, dabei aber wehte ein halber Sturm aus Norden, und die Wogen rauschten gegen das langsam abfallende Ufer. Aus einer Seefahrt konnte demnach nichts werden. Wir ritten daher westwärts weiter, immer am Ufer entlang, das hier so weich ist wie ein großes Moorbad, ein Schlammpfuhl, ein abscheulicher Sumpf, worin man bei jedem Schritt Gefahr läuft zu versinken. Ein seltsames, unwirtliches Land! Sogar die Erde scheint gleich der Luft verdünnt zu sein, ja selbst die Berge sind porös wie Bimsstein. Alles ist in einer Art Auflösungszustand; auf das Wetter ist hier gar kein Verlaß, und es ist lebensgefährlich, sich den Seen anzuvertrauen.
An einigen Stellen trägt der Boden, geht aber in Wogen und schwankt unter dem Gewichte der Pferde. Endlich nimmt der See ein Ende, und sein Wasser ergießt sich durch einen breiten, ziemlich großen Flußarm in den unteren süßen See. Hier hatten sich Hunderte von Wildgänsen niedergelassen, die in kurzen Kreisen ihre neugefiederten Flügel erprobten und sich zu der bevorstehenden Reise nach wärmeren Himmelstrichen vorbereiteten. Ein einsamer Königsadler beobachtete sie.
In der Nähe des Punktes, wo der Fluß in den unteren See mündet, wurde das Lager Nr. 62 aufgeschlagen. Von hier aus konnten wir von dem Hauptquartiere, wo Turdu Bai wartete, nicht mehr als eine Tagereise längs des südlichen Seeufers entfernt sein. Während Mollah Schah und Tscherdon zu Land weiterzogen, fuhr ich mit meinem sicheren Ruderer Kutschuk diagonal über den See. Ich trat die Fahrt im herrlichsten Wetter bei günstigem östlichem Winde an. Der Wind wurde stärker, schlug nach einer Weile aber wieder um. Die gewöhnlichen Vorboten des Sturmes, die schwarzen Wolken, verdunkelten den Himmel im Westen. Sie teilten sich in zwei Abteilungen. Die eine zog über die Berge im Süden hin und ließ eine weiße Schneedecke hinter sich zurück, die andere eilte uns über den See entgegen. Wieder erhoben sich die unruhigen Wellen, denen hier nie Ruhe gegönnt ist. Das Klügste wäre gewesen, mit dem Sturme zu treiben; aber dann hätten wir uns von den Unseren entfernt, die uns vom Nordufer, von welchem sie der breite Sund trennte, nicht hätten abholen können.
Wir beschlossen, mit Aufbietung aller unserer Kräfte gegen Wind und Wellen anzurudern. Schon stampfte das Boot greulich, und ich, der vorn saß, nahm das Spritzwasser jeder hohen Welle in Empfang und war bald klatschnaß (Abb. 143). Ein Gußregen tat das Seine, um die Situation noch unbehaglicher zu machen. Wir arbeiteten mit je einem Ruder, daß diese knackten, aber die Wellen warfen uns immer wieder zurück. Das Boot schwebt auf einem Wogenkamme oft zur Hälfte über dem Wasser und plumpst dann in das Tal mit einem Knalle hinunter, der leicht ein Sprengen des schwachen Fahrzeuges verursachen könnte.
Jetzt trat ein neuer, unheilvoller Umschlag in der Windrichtung ein; der Wind sprang mit ungeheurer Geschwindigkeit nach Süden um, so daß ein neues Wogensystem, welches das bisherige kreuzte, entstand. An den Kreuzungspunkten bilden sich Wellenpyramiden von doppelter Höhe. Es gilt ihnen entgegenzutreten, sie zu parieren und möglichst auf den verhältnismäßig ebenen Wasserflächen zwischen ihnen zu bleiben. Doch ehe man sich besinnen kann, wird die Jolle auf einen Wellenkamm gehoben, und balanciert man dann nicht, so kann man leicht kentern. Lotungen konnten nicht mehr vorgenommen werden. Man darf sich freuen, wenn man von diesem Abenteuer mit dem Leben davonkommt, und wir fragen uns unwillkürlich, ob diese oder die nächste Welle unser Boot umreißen wird.
So arbeiteten wir anderthalb Stunden, ehe sich die Sturmbö und mit ihr auch die Wellen legten. Doch der Himmel sah noch immer unheilverkündend aus. Überall sah man Sturmzentren, die Tromben mit schwarzen, hängenden Wolkendraperien glichen. Das Ufer schien noch immer gleichweit entfernt, als die zweite Bö kam und uns mit Massen von Schnee und Hagelkörnern, die uns gerade ins Gesicht schlugen, überschüttete. Man mußte den Kampf aufnehmen, denn ein unvorsichtiger Augenblick des Erschlaffens konnte bewirken, daß eine Welle die Gelegenheit benutzte und das Boot umkehrte. Den ganzen Tag arbeiten wir wie Galeerensklaven.
Während der Pause, die jetzt eintrat, beeilten wir uns Terrain zu gewinnen, denn der Himmel verfinsterte sich zum dritten Male, und die dritte Sturmbö sauste mit strömendem Regen auf uns los. War das Innere des Bootes vorher kreideweiß von Schnee und Hagel gewesen, so stand jetzt in beiden Hälften Wasser, das mit den Wellen im Takte plätscherte.
Nach achtstündiger angestrengter Arbeit erreichten wir endlich das Ufer; es war ein schönes Gefühl, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Von einem Hügel sah ich Mollah Schah, der uns an einer Landspitze mit vier Pferden erwartete. Wir steuerten dorthin und hielten zur Messung der Wassermengen in dem Sunde an, den wir vor einer Woche passiert hatten. Die Breite und die Tiefen wurden gemessen, aber nur drei Geschwindigkeiten konnten bestimmt werden, als die vierte Sturmbö kam. Obgleich die Sonne noch über dem Horizont stand, wurde es so dunkel wie bei Nacht, und nur zackige Blitze erhellten das unheimliche Chaos. Nur mit Aufbietung der äußersten Kräfte konnten wir über den 60 Meter breiten Sund hinüberkommen. Es war ein gründlicher Abschiedsgruß des entfliehenden Sturmtages. Wir hatten wirklich genug davon. Segel, Mast, Ruder und Rettungsbojen wurden am Ufer unter das umgekehrte Boot gelegt, ich verteilte die Instrumente unter uns, dann stiegen wir zu Pferd und trabten langsam nach Hause.
Das Reiten war gar zu schön nach all der anstrengenden Ruderarbeit. Jetzt glänzte der Mond zwischen zerrissenen Wolken hervor, und sein Licht vermischte sich in phantastischer Weise mit den zuckenden Blitzen, die einander unaufhörlich ablösten.
Ganz erschöpft kamen wir endlich in unseren kalten Hütten an, wo alles gut stand. Aldat hatte vier Orongoantilopen geschossen; wir hatten daher Proviant für ein paar Wochen. Die Kamele und die abgetriebenen Pferde waren fetter geworden und hatten sich ausruhen können. Doch der Sturm jagte noch immer über die Erde hin, als wir uns in Morpheus’ Arme warfen.
Der 6. September, an dem wir im Hauptquartier verweilten, hatte beinahe den Charakter eines Winterabends. Kein Schimmer war von der Sonne zu sehen, und die Hagelschauer folgten dicht aufeinander. Ich beschäftigte mich mit den Ergebnissen der Exkursion, Tscherdon und Kutschuk gingen auf ziemlich erfolgreichen Fischfang aus, und die anderen präparierten Orongoskelette. Eine der vier Antilopen hatte, schwer verwundet, die Flucht ergriffen und Aldat hatte sie verloren gegeben, Turdu Bai aber verfolgte die Spur und fand das Tier tot an einem Tümpel liegen, bewacht von einem Adler, der schon ein paarmal in die von der Kugel verursachte Wunde gehackt hatte. Er wurde jetzt eine leichte Beute.
Vielleicht erwähne ich in dieser Reisebeschreibung viel zu oft solcher Dinge und Verhältnisse, die dem Leser als reine Bagatellen erscheinen mögen; es geschieht jedoch, um ihm einen Begriff zu geben von dem Leben, das der einsame Wanderer in diesen öden, unbewohnten Gegenden führt. Aneinandergereiht können sie ein vollständiges Bild liefern von dem Verlaufe der Tage durch Monate und Jahre hindurch in dem kleinen Gemeinwesen, das unsere Welt ausmachte. Letztere ist nicht groß und sie lebt unter einförmigen Verhältnissen; dieselben Beschäftigungen kehren regelmäßig mit dem Glockenschlage wieder, und nur das Land, das wir durchwandern, hält mit seinen beständigen Veränderungen das Interesse wach.
Mit der Wahl meiner Diener hatte ich allen Grund zufrieden zu sein. Turdu Bai sorgt mit stoischer Ruhe für die Kamele, als wären es seine eigenen Kinder. Tscherdon ist ordentlich, pünktlich und aufgeweckt und überdies ein sehr komischer Geselle mit seiner eigenen kleinen Philosophie. Mollah Schah pflegt die Pferde tadellos, ist aber ein bißchen wortkarg, brummig und verschlossen. Während des Marsches wird die halbe Pferdekarawane von Kutschuk geführt, der, wenig über zwanzig Jahre alt, ein Riese ist, stets heiter und zufrieden, besonders wenn er auf dem Wasser sein kann, denn seit seiner Kindheit hat er die Ruder geführt. Ohne Aldat wäre unsere Lage jetzt recht besorgniserregend gewesen. Er hat uns mit frischem Fleische versorgt und läuft stets hinter Wildbret her. Sowohl im Lager wie auf dem Marsche mag er am liebsten allein sein, und er redet nur wenig. Nias verrichtet die gröberen Arbeiten, trägt Wasser, wenn wir lagern, sammelt Feuerung, treibt morgens die Tiere ein und hilft beim Beladen.
Am besten haben es die Hunde; sie erhalten frisches Fleisch im Überfluß und haben weiter nichts zu tun, als Wache zu halten; bellen sie einmal des Nachts, so gilt es nur Yaken, Kulanen oder unseren eigenen Tieren. Sie spielen mit dem letzten Schafe, das zu schlachten keiner übers Herz bringen kann; treu zu den Kamelen haltend, weidet es mit ihnen und ruht nachts zwischen ihren wärmenden Leibern.
Das Lager Nr. 43 wurde ein Wendepunkt. Weiter südlich konnten wir nicht gehen, da unsere Vorräte nur für 2½ Monate berechnet und wir schon 1½ Monate unterwegs waren. Reis hatten wir noch genug, aber mit dem Mehl mußte mit der größten Sparsamkeit umgegangen werden. Es war davon zuviel draufgegangen, als wir versuchten, das Kamel, welches starb, zu retten. Der Winter würde nicht lange auf sich warten lassen, und wir mußten daher in einem großen westnordöstlichen Bogen nach dem Hauptlager im Tschimentale eilen.
Ich wollte, bevor wir diesen Teil von Tibet verließen, noch eine der latitudinalen Bergketten, die in einem im Südwesten sich erhebenden gewaltigen Bergmassiv mit ewigem Schnee kulminierte, überschreiten. Im Lager Nr. 44 (4888 Meter) beschlossen wir also, die Karawane zu teilen. Turdu Bai sollte mit dem größeren Teile nach Westsüdwest durch das sich in dieser Richtung öffnende Längental ziehen. Er hatte Befehl, uns auf offenem Lande unmittelbar nordwestlich von dem Bergmassive, um dessen Südseite ich herumgehen wollte, zu erwarten. An dieser Exkursion, deren mutmaßliche Dauer auf vier Tage berechnet war, sollten Tscherdon und Aldat teilnehmen. Wir hatten nur sechs Pferde, die kleinen provisorischen Jurten, Proviant für eine Woche und Feuerung für zwei Tage. Ich würde mich mittelst meines Besteckes und des Kompasses schon zurechtfinden, aber von dem Gesichtspunkte aus, daß sich die Muselmänner verirren konnten, war das Ganze doch etwas abenteuerlich. Indessen mußten die Spuren der einen Gesellschaft doch immer der anderen als Leitschnur dienen, und gab es in der zum Sammelplatze ausersehenen Gegend gar keine Spuren, so sollte die zuerst angelangte Gesellschaft dort warten. Für den Fall aber, daß alle Spuren durch Schnee oder Regen bald verwischt werden würden, sollte Turdu Bai, wenn wir nach einer Woche noch nichts von uns hören ließen, alle Nachforschungen aufgeben und sich nach Norden nach dem großen Hauptquartiere durchzuschlagen suchen. Ihr Proviant reichte im Notfalle aus, und was uns betraf, so würde uns Aldat wohl mit Fleisch versorgen können.
Am 8. September brachen die beiden Abteilungen gleichzeitig aus dem Lager Nr. 44 auf. Nachdem wir den Fluß, der vor einigen Tagen unseren Marsch nach Süden gehemmt hatte, in seinem oberen Laufe überschritten hatten, gingen unsere Wege auseinander. Wir eilten nach Südsüdwesten. Nach einem mehrstündigen schnellen Ritt gelangten wir an eine Hügelreihe, der Quellen entsprangen, die kleine Becken kristallhellen Wassers bildeten und von niedrigem, dichtem, intensiv grünem Grase von der Weichheit eines indischen Rasens umgeben waren. Da nach Süden hin keine Weide zu erblicken war und wir in der Nähe der Quellen reichliche Feuerung fanden, weil Yake und Kulane sie zu besuchen pflegten, blieben wir dort in einer Meereshöhe von 4973 Meter.
Während des Rittes hatten wir Gesellschaft von ein paar großen, ganz hellgelben Wölfen, die uns mit gespannter Aufmerksamkeit beobachteten. Jolldasch, der sie in die Flucht jagen wollte, mußte an die Leine genommen werden; er wäre ihnen ein willkommener Bissen gewesen. Das Wetter war natürlich abscheulich. Es war der achtzehnte Tag mit Schnee- und Hagelsturm aus Westen; die Nacht aber war wie gewöhnlich windstill und sternklar.
Auch am 9. ritten wir bei starkem Wind nach Südwesten. Es geht bergauf und bergab über eine Menge Hügel. Wir nähern uns immer höheren Regionen. Ein aus lauter Moor bestehender Ausläufer mußte umgangen werden, bevor wir wieder nach Westen abschwenkten und das Schneemassiv vor uns hatten. Steifgefroren und abgespannt lagerten wir auf dem letzten Grasplatz.
Als das Lager fertig war, meldete Aldat, daß ein großer Yak in der Nähe weide, und bat, auf die Jagd gehen zu dürfen, was erlaubt wurde. Ich beobachtete ihn, wie er katzengleich in den Bodensenkungen hinschlich, um auf genügende Treffweite an das nichts Böses ahnende Tier heranzukommen. Er hatte dem starken Gegenwinde zu danken, daß er sich dem Yak bis auf 30 Schritt nähern und die Flinte auf die Gabel legen konnte. Der Schuß krachte, und der Yak machte einen Satz, daß der Sand hoch aufwirbelte, lief dann noch ein paar Schritte, blieb stehen, taumelte, versuchte sich im Gleichgewicht zu halten, fiel, stand wieder auf und wiederholte diese Bewegungen mehrere Male, bis er schließlich wie ein Klotz auf die Erde fiel und liegenblieb. Aldat lag noch, unbeweglich wie eine Statue, hinter seiner Flinte, um nicht die Aufmerksamkeit des sterbenden Tieres zu erwecken.
Tscherdon und ich begaben uns nun dorthin. Alle drei bis vier Schritte bleibt man stehen und hat das Gefühl, als müsse man in dieser ungeheuer verdünnten Luft von der Anstrengung sofort einen Herzschlag bekommen. Der gefallene Yak war ein großer fünfzehnjähriger Stier. Die Messer wurden hervorgeholt, der Kopf vom Rumpfe getrennt und die Eingeweide herausgenommen; dann blieb das Tier bis zum nächsten Morgen liegen, da das uns besonders nötige Fett erst dann geholt werden sollte. Betrübten Herzens mußte Aldat das prächtige Fell zurücklassen, das ihm in Tschertschen eine hübsche Summe eingebracht hätte, aber wir hatten nur drei Lastpferde, und ich versprach ihm, seinen Meisterschuß zum vollen Werte zu bezahlen.
Der 10. September war ein harter Tag. Vor Sonnenaufgang trieb Aldat die Pferde ein, die sich bis weit ins Tal hinunter verirrt hatten; dann ging er wieder fort, um das Fett und den Yakkopf in das Lager zu holen. Der Westwind, unser schlimmster Feind, verschlief sich und stellte sich erst um 9 Uhr ein; er entschädigte sich aber für den Zeitverlust, denn so arg hatte er selten getobt. Das Lager lag auch sehr offen und in einer Höhe von 5143 Meter, so daß der Wind in den hohen Regionen freien Spielraum hatte. Im Westen zeigte sich der auf der Südseite des Schneegebirgsstockes liegende Paß, über den wir hinüber sollten. Man bebte zurück vor dieser unheimlichen Schwelle, deren Höhe bedeutend sein mußte. Gefährlich sah der Paß jedoch nicht aus.
Da Aldat noch immer nicht kam, schickte ich Tscherdon aus, um tragen zu helfen. Erst um 11 Uhr kehrten sie zurück. Tscherdon hatte den jungen Jäger krank neben seinem Opfer liegend gefunden, außerstande, seine Arbeit fortzusetzen. Der Kosak half ihm nach dem Lager zurück und brachte einen Teil des Yakfettes mit. Der arme Jäger sah wirklich sehr angegriffen aus und hatte heftiges Kopfweh und Nasenbluten. Er mußte sich ruhig verhalten, während ich und Tscherdon das Zelt abbrachen und unsere Tiere beluden.
Die Erde war bei -6 Grad Kälte gefroren; in der vorhergehenden Nacht hatten wir sogar -10,7 Grad gehabt; dies waren deutliche Anzeichen des Winters. Aldat war so schwach, daß er ohne Hilfe nicht in den Sattel kommen konnte; schließlich aber waren wir mit allem in Ordnung und konnten uns auf den Weg nach dem abscheulichen Passe machen. Rechts von uns defilierten alle bisher aus der Ferne erblickten Schneegipfel vorbei, jetzt aber in unserer unmittelbaren Nähe. Als die Sonne kräftiger wurde, taute der Boden wieder auf, und wir mußten mühsam durch den Schlamm patschen. Stundenlang ging es bergauf; wir glaubten unaufhörlich, den Paß dicht vor uns zu haben, aber immer wieder war er in die Ferne gerückt. Neue Höhen, neue kleine Schwellen erheben sich vor uns; wir überschreiten sie und müssen dann sehen, daß die Aussicht nach Westen schon wieder von einer neuen Höhe verdeckt wird.
Die Pferde sinken in den Schlamm ein. Der lockere Boden ist mit Schieferplatten bedeckt; die armen Tiere gleiten auf ihnen aus, geraten in den Schlamm daneben und verletzen sich die Beine an den scharfen Kanten. Im Schutze eines großen Felsblockes rasten wir eine Viertelstunde, um unsere steifgewordenen Glieder wieder geschmeidig zu machen. Etwa 10-20 Meter nördlich von unserem Wege enden zwei scharfabgeschnittene Gletscherzungen. An ihnen entlang gingen ebenso langsam wie wir zwei Yake. Jolldasch lief hin und bellte sich heiser, aber sie schenkten ihm nicht die geringste Aufmerksamkeit. Manchmal blieben sie stehen und betrachteten uns, hielten uns aber sichtlich für ungefährlich. Diese großen Tiere bewegten sich auf diesem Moorboden und in dieser dünnen Luft mit beneidenswerter Leichtigkeit und Gewandtheit. Auf dem Passe zeigten die Aneroide eine Höhe von 5426 Meter; man hat dort genau die halbe Höhe der Atmosphäre unter sich!
Das Thermometer stieg an diesem Tage nicht einen halben Grad über Null, und der Wind drang uns durch Mark und Bein; Pelze und Lederwesten nützten gar nichts. Könnte man gehen, so wäre es leicht, die Körperwärme wieder zu erhalten, aber man kann nicht gehen, man hockt auf den vorwärtstaumelnden Pferden und sehnt sich nach einem leidlichen Lagerplatze. Der einzige Trost, den wir hatten, war, daß es wieder bergab ging, nachdem wir den Paß endlich erreicht hatten. In einer Höhe von 5263 Meter, 450 Meter über dem Gipfel des Montblanc, lagerten wir in einem vom Passe nach Südwest führenden Tale. Dort wuchsen einige erbärmliche Grashalme, und wir hatten nur noch eine Handvoll Feuerung. Aldat konnte nicht auf den Beinen stehen; er mußte an der Stelle, wo er vom Pferde heruntersank, bleiben und wurde sofort in Filzdecken eingepackt; wir konnten ihn nicht einmal dazu bewegen, ein wenig heißen Tee zu trinken, und er stöhnte die ganze Nacht.
Am folgenden Morgen erschien im Südwesten ein neues Schneemassiv und in seiner Südostverlängerung ein ganzer Kamm von schneebedeckten Bergen, gewiß die +Tang-la-Kette+. Von Osten nach Westen erstreckt sich ein Haupttal, in welches alle Flüsse und Bäche der Gegend einmünden. Um nicht alle ihre Täler überschreiten zu müssen, beschlossen wir, in dieses Längental hinunterzugehen. In der Nähe des Bergfußes erhob sich ein kleiner isolierter Hügel, auf dem Tscherdons scharfe Augen einige dunkle Punkte entdeckten, die er für Menschen oder Yake hielt. Wir machten Halt und beobachteten sie mit dem Fernglase. Etwas war es, denn sie bewegten sich, aber der eine Punkt schien unförmlich groß; vielleicht war es eine Yakkuh mit ihren Kälbern.
Angeregt von diesem Anblick schlugen wir die Richtung nach dem Hügel ein. Der arme Aldat befand sich jetzt so schlecht, daß er festgebunden werden mußte, um nicht herunterzufallen. Er redete unzusammenhängende Worte, schien zu phantasieren und bat unaufhörlich, wir sollten ihn zurücklassen. Als wir weiter unten am Abhange waren, konnten wir in den schwarzen Punkten zwei Männer erkennen, die Steine zu einer Pyramide sammelten. Noch ein bißchen weiter und wir sahen, daß die beiden Männer unsere Freunde Turdu Bai und Kutschuk waren, die sich am Abend vorher hierher begeben hatten, um nach uns auszuspähen. Da sie keine Spuren von uns hatten finden können, hatten sie beschlossen, in ihr Lager zurückzukehren, vorher aber noch ein Wahrzeichen für uns zu errichten. Für eine künftige Expedition wird die Pyramide, die über zwei Meter hoch ist, ein gutes Merkmal und ein leicht wiederzuerkennendes Zeichen sein.