Im Herzen von Asien. Erster Band.

Part 44

Chapter 441,360 wordsPublic domain

Mongolische Pilger begeben sich jährlich aus den russischen und chinesischen Vasallenländern im Norden über Temirlik, Ghas und Zaidam nach der heiligen Stadt. Sie wandern stets im Spätherbst oder Winter dorthin und kehren im nächsten Jahre um dieselbe Zeit wieder zurück. Während der warmen Jahreszeit gehen sie nie über Abdall, weil die Bremsen ihnen die Kamele ruinieren würden. Auf der Rückreise sind sie stets übel daran, weil ihnen von ihren Tieren nur noch wenige geblieben sind, und die meisten Männer gehen zu Fuß. In Abdall pflegen sie zu versuchen, ihre erschöpften Kamele gegen Pferde zu vertauschen, um dadurch instand gesetzt zu werden, ihre noch weit entfernte Heimat zu erreichen. Ein schwächliches Kamel hat gleichen Wert mit einem Pferd, drei schlechte Kamele mit einem gesunden, ein ganz abgetriebenes mit einem Esel. Ihren Proviant verwahren die Pilger in Säcken und Kisten, und auf der Rückreise kaufen sie in Abdall neue Vorräte. Wenn sie auf der Hinreise in das Land der Zaidammongolen gelangen, lassen sie alle Kamele bei ihren Stammverwandten zurück und reisen auf gemieteten Pferden weiter. In Zaidam haben viele Mongolen hierdurch ein bedeutendes Einkommen.

Sie müssen großes Vertrauen zu der Wahrheit ihrer Religion besitzen, da sie das Opfer eines ganzen Jahres voller Strapazen, Entbehrungen und Kosten bringen, um nur die heilige Stadt zu sehen und an den dortigen Tempelfesten und Prozessionen teilzunehmen. Sie richten es stets so ein, daß ein Pilger, der schon in Lhasa gewesen ist, mitkommt, und von Zaidam nehmen sie Führer, die alle geeigneten Lagerplätze kennen. Vier Monate sind sie unterwegs und richten sich ihr Karawanenleben so angenehm wie möglich ein. Während des Marsches sammeln sie „Argussun“ (Argol oder Yakdung) zum Brennen und sitzen abends um ihre Feuer, bereiten sich Tee und essen Tsamba, das tibetische Nationalgericht. Mit gespannter Erwartung nähern sie sich dem Ziele ihrer Träume, sehen eine Bergkette nach der anderen hinter sich verschwinden und empfinden ohne Zweifel, wenn hinter der letzten Höhe endlich Lhasas weiße Tempelfassaden glänzen, dieselbe heilige Ehrfurcht, die den Mekkapilger ergreift, wenn er zum ersten Male in seinem Leben vom Berge Arafat seine heilige Stadt erblickt.

Es war ein seltsames Gefühl, diese Pilger in der Nähe zu wissen und in den Spuren zu ziehen, die nach Lhasa führten. Einen Augenblick lang fühlte ich mich versucht, mich ihnen anzuschließen, nur Schagdur mitzunehmen und als Burjate verkleidet mit ihnen zu ziehen. Aber nein, es ließ sich nicht ausführen; ich hatte für den Winter andere Pläne und durfte mein Programm nicht ändern.

Wir folgten den wie helle Kreise in den Sand gedrückten Spuren der mongolischen Kamele. Im Norden unseres Weges zieht sich die Astin-tag-Kette so weit nach Osten und Westen hin, wie das Auge reicht. Gegen Abend nahm die Luft einen hellblauen Farbenton an, war aber im Zenit glänzend weiß, -- wahrscheinlich brachen sich die Mondstrahlen in seinen Eisnadeln; die Berge leuchteten in rosa Schattierungen, alles zeigte sich in schwachen, winterkalten Tönen; auch wenn man von lauter Wärme umgeben wäre, würde man sehen, wie diese Landschaft unter der vernichtenden Macht der Kälte erstarrt ist.

Wir wandern in dem Tale nach Osten und gelangen an den am Nordfuße des Akato-tag gelegenen Salzsee +Usun-schor+. Hier entspringen mehrere Süßwasserquellen, und nur da, wo sich ihre Rinnsale in den See ergießen, liegt Eis. Sonst ist das mit Salz gesättigte Wasser offen, obwohl es eine Temperatur von -7,9 Grad hat.

Es war schön, am Abend des 5. Dezember wieder daheim zu sein und im Lager alles gut und ruhig vorzufinden. Die Quellen von Temirlik waren jetzt von mächtigen Eisblöcken und Eiskuppeln umgeben. Togdasin hatte sichtlich einen ernstlichen Stoß bekommen, denn sein Zustand hatte sich nicht gebessert. Er wohnte in einer Grotte neben mir, und ich nahm mich in den Tagen, die ich jetzt im Hauptquartier zubrachte, seiner sehr an. Als das Hauptquartier Ende Dezember nach Tscharchlik verlegt wurde, kam er mit, und ich sah ihn dann erst im April des folgenden Jahres wieder. Er war ein Krüppel geworden; die Füße waren ihm buchstäblich Stück für Stück abgefallen, aber er war heiter und zufrieden, und ich gab ihm soviel ich konnte für seinen Lebensunterhalt.

In betreff der mongolischen Karawane erzählte Schagdur, daß sie einen Tag in Temirlik gerastet und aus 75 Männern, lauter Lamas, und zwei Weibern bestanden habe. Einer dieser Priester hatte einen besonders hohen vornehmen Rang, und ihm wurde von den anderen die größte Ehrfurcht erzeigt. Ungefähr 25 von den übrigen waren so arm, daß sie zu Fuß gingen und nur unter der Bedingung mitkommen durften, daß sie ihren wohlhabenderen Kameraden dienten. Letztere hatten eine Reisekasse von 10 Jamben pro Mann und außerdem noch eine Kasse von 120 Jamben, die für den Dalai-Lama bestimmt waren, weil sie für alle Feste und Feierlichkeiten, an denen sie teilnehmen, bezahlen müssen. Dies ist der Peterspfennig, von dem der Papst in Lhasa lebt.

Die Schar war gut bewaffnet und besaß 30 mongolische Flinten, 2 Berdan- und 1 Winchestergewehr; sie waren also auf die Abwehr tangutischer Räuberanfälle vorbereitet. Schagdur hatte einige von ihnen aufgefordert, mit ihm auf die Kulanjagd zu gehen, sie hatten aber erwidert, daß jegliches Blutvergießen verboten sei, weil es die Wallfahrt besudeln würde.

Der Mann, der zurückgeblieben war und den wir gesehen hatten, war ein Lama, der zehn Jahre in Lhasa gelebt hatte und jetzt noch drei dort bleiben sollte. Ich fragte mich, ob er Schagdur wohl wiedererkennen würde, wenn es uns später noch gelingen sollte, in die heilige Stadt zu gelangen.

Die Karawane zählte 120 Kamele und 40 Pferde. Außerdem hatten sie 7 Paradepferde bei sich, die mit der größten Sorgfalt gepflegt wurden und als Geschenk für den Dalai-Lama bestimmt waren. Der Proviant bestand aus gehacktem Fleisch in kleinen gedörrten, gefrorenen Stücken, geröstetem Weizenmehl und Tee.

Mit der größten Neugierde hatten sich die Pilger unser Lager angesehen und die Veranlassung meines Besuches zu erforschen versucht. Es unterliegt keinem Zweifel, daß sie bei der Ankunft in Lhasa ihre in dieser Beziehung gemachten Entdeckungen den betreffenden Behörden meldeten und daß dies eine der Ursachen war, weshalb die Grenze gegen Norden mit so großer Aufmerksamkeit bewacht wurde. Ich erhielt später eine Bestätigung für diesen Verdacht.

Schagdur hatte einige Neuigkeiten aufgeschnappt, die ich mir merkte. Die Mongolen hatten erzählt, daß alle Pilger, die sich Lhasa nähern, unter strenger Aufsicht stehen. Schon in Nakktschu werden alle angehalten und untersucht. Sie müssen ihre Namen angeben, die Orte, in denen sie leben, und den Namen des Oberlamas, unter dem sie stehen, und von ihm ein Zeugnis vorzeigen, in welchem angegeben wird, zu welcher Kloster- oder Tempelgemeinde sie gehören und was der Grund ihrer Wallfahrt ist. Wenn alle diese Formalitäten erledigt sind, wird ein Bericht darüber nach Lhasa geschickt, und die Pilger müssen warten, bis sie von den Behörden der Stadt besondere Pässe erhalten.

Sind sie erst damit versehen, so brauchen sie sich nachher keiner weiteren Kontrolle zu unterwerfen. Diese Vorsichtsmaßregeln sollen getroffen worden sein, um Russen, d. h. Europäer, zu verhindern, sich in Lhasa einzuschleichen. Aus denselben Gründen war vor einigen Jahren ein Erlaß an die Turgutenstämme, die russische Untertanen sind, ergangen, daß aus ihrem Lande künftig keine Pilger nach Lhasa geschickt werden dürften. Dieses Verbot war aber kürzlich aufgehoben, und die einige Zeit unterbrochenen Wallfahrten waren wieder aufgenommen worden.

Ein Lama der Pilgerkarawane hatte von einer Prophezeiung in einem in Lhasa befindlichen alten heiligen Buche zu erzählen gewußt, die verkündete, daß der Tsagan Chan, der „Weiße Zar“, einst über die ganze Welt herrschen, Tibet erobern und Lhasa zerstören werde. Die Lamas würden dann ihre Heiligtümer in unzugängliche Gebirge in Südtibet flüchten.

Der Lama hatte Schagdur eingeladen, mitzukommen; für ihn würde es leicht zu machen sein, besonders wenn er sich für einen Turguten ausgäbe. Ich unterhielt mich abends, wenn es im Lager still war, mit meinem treuen Kosaken über diese Dinge, die ihn in so hohem Grade interessierten. Schon als Kind hatte er von der heiligen Stadt gehört und brannte nun vor Eifer, einmal dorthin zu kommen. Er ahnte nicht, daß es meine Absicht war, es selbst auf den verbotenen Wegen zu versuchen. Doch wir mußten uns noch gedulden. Ich hatte vorher noch wichtigere Dinge auszuführen, und der ganze Plan des Versuchs, verkleidet nach Lhasa zu dringen, gehörte zu jenen waghalsigen Abenteuern, die nur Reiz ausüben, wenn man noch jung ist.

Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.