Im Herzen von Asien. Erster Band.

Part 36

Chapter 363,701 wordsPublic domain

Unterdessen wurden die Zelte so schnell wie möglich aufgeschlagen; der Regen plätscherte, und es wehte ein heftiger Wind. Mollah Schah dagegen ritt weiter, um zu sehen, wohin das Tal führte; gab es hier keinen Paß, der sich überschreiten ließ, so würden wir durch das Weiterziehen mit der ganzen Karawane die Tiere nur unnötig ermüden. Der Regen ging um 4 Uhr in Hagel über, was weit besser war. Wir waren jedoch mit unserem ganzen Sack und Pack bereits so durchnäßt, daß wir von dem Wechsel keinen Vorteil mehr hatten.

Nach dem Regen wurden alle Lasten bedeutend schwerer für die armen Tiere. Diese fingen auch schon an nachzulassen. Tscherdons Reitpferd hatte all seine Freßlust verloren und sah jämmerlich aus. Dies schmerzte den Kosaken, der eine unendliche Liebe für seinen Rappen hegte, tief. Er hatte ihn vorzüglich dressiert. Wenn er den Rappen beim Namen rief, kam dieser gelaufen und legte seinen Kopf auf Tscherdons Schulter. Der kleine burjatische Kosak war ein richtiger Akrobat. Er stand auf den Händen im Sattel, wenn der Rappe im Schritt ging, sprang Bock und machte einen Purzelbaum über ihn hinweg. Das Tier stand bei solchen aufregenden Vorgängen ganz still. Tscherdon hegte und pflegte es daher, so gut er konnte, und war sehr niedergeschlagen, es krank zu sehen.

Die vier noch übrigen Schafe sind merkwürdig. Sie folgen der Karawane wie Hunde, erklimmen mit Leichtigkeit jede noch so steile Höhe und scheinen von der spärlichen, schlechten Weide ganz befriedigt zu sein.

Wir haben uns an die kolossale Höhe gewöhnt. Sitze ich still im Sattel oder Zelte, so spüre ich nichts davon, aber die geringste Anstrengung, wie einige Hammerschläge gegen eine Felswand, verursacht Atemnot und Herzklopfen. Ein Vorteil ist, daß wir von Moskitos und Bremsen, die spurlos verschwanden, befreit sind. Statt ihrer kommt hier eine Art gewaltiger Hummeln vor, die im Sonnenschein umhersausen und deren Summen wie Orgeltöne durch die Luft braust. Ihre Ausstattung paßt sich diesen winterkalten Gegenden an, denn sie tragen richtige Pelze und Überstiefel von dichten, gelben Haaren.

Bei diesem Lager fehlte jegliche Weide; es nützte also nichts, die Tiere frei umherlaufen zu lassen, es wäre sogar grausam gewesen. Statt Nahrung zu finden, erhalten sie nur Duschen von Wasser und Eis.

Nach einigen Stunden kam Turdu Bai mit Jolldasch zurück, den er jenseits des von ihm rekognoszierten Passes gefunden hatte. Der Hund war wie toll und verzweifelt hin und her gelaufen und hatte vergebens nach der Spur der Karawane, von der ihn ein ganzer Bergrücken trennte, gesucht. Ohne Hilfe würde er uns nie gefunden haben. Damit er es künftig unterließ, hinter Antilopen her zu jagen, bekam er zur Strafe nichts zu fressen und wurde außerhalb der Jurte angebunden.

Mollah Schah kehrte nach sechsstündiger Abwesenheit zurück und versicherte, daß der mit unserem Tale verbundene Paß überschritten werden könne. Doch was jenseits auf der Südseite lag, wußte er nicht, denn er hatte sich dort mitten in einem Schneegestöber befunden, das die Aussicht versperrte.

Als wir am Morgen diesen unwirtlichen Lagerplatz verließen, lag die Landschaft wieder unter Schnee. Am Vormittag zeigte sich jedoch die Sonne, die Schneefelder wurden kleiner, und man hörte überall Schmelzwasser rieseln. Das Tal stieg langsam und gleichmäßig nach dem Passe des Arka-tag an; sein Boden war mit schwarzem Schieferschutt bedeckt, der unter den Pferdehufen knisterte.

Der Paß bildete einen kuppelförmig abgerundeten Kamm, den sogar die Kamele ohne Schwierigkeit erstiegen. Mittelst des Photographiestativs wurde ein kleines Zelt für das Thermohypsometer errichtet, das eine Höhe von 5180 Meter anzeigte. +Wir befanden uns hier auf der+ -- der Kammhöhe nach -- +höchsten Bergkette der Erde+ (Abb. 129). Vor uns breitete sich das Längental aus, das ich 1896 durchwandert hatte. Gerade im Süden erhob sich ein kolossaler Gebirgsstock mit ewigen Schnee- und Firnfeldern und kurzen, nach allen Seiten auslaufenden Gletscherzungen -- aus der Vogelperspektive mußte er einem Seesterne gleichen. Nach Norden erstreckten sich drei breite, stumpfe Gletscher mit gewaltigen Stirnmoränen aus schwarzem Schutt. Von dem Felsstocke selbst sieht man nur einzelne schwarze und braune Zacken, sonst ist alles kreideweiß, und selbst das Eis ist überschneit.

Es ist sehr angenehm abwärts zu ziehen, wenn man mehrere Tage lang immer höhere Regionen mühsam erklommen hat. Die Tiere gehen leicht, und man hofft, eine Bodensenkung mit Weide zu finden. Wir zogen demnach in gutem Marschtempo das Quertal hinab, welches von dem Passe nach Süden in das Längental hinunterführt. In der Nähe seiner Mündung überraschte Aldat eine junge Orongoantilope, die er mit seiner plumpen, primitiven Vorderladeflinte erlegte. Es war ein schöner Zuschuß zu unserem Fleischvorrat, und unsere drei noch übrigen Schafe durften sich ihres Lebens noch ein paar Tage länger freuen.

Statt nach dem Flusse des Haupttales hinunterzugehen, bogen wir nach Westen ab und lagerten auf einer Halde, wo dünnes Gras wuchs. Da es Aldat auch hier gelang, eine prächtige Orongo zu erlegen, hatten wir für mehrere Tage Proviant. Der Reis ist auf diesen Höhen ein wenig appetitliches Gericht; der Pudding bäckt sich zu einem unschmackhaften Teige zusammen, und wir hatten beschlossen, die letzten Schafe so lange wie irgend möglich am Leben zu lassen. Leider hatte Tscherdon viel zu wenig Patronen mitgenommen und war anfangs viel zu verschwenderisch damit umgegangen. Für die Zukunft waren wir auf die Flinte Aldats angewiesen, dessen Munitionsvorrat glücklicherweise mehr als ausreichend war.

So war es uns denn endlich gelungen, den gewaltigen Wall zu bemeistern, den die Natur wie ein Bollwerk gen Norden aufgerichtet hat, um Tibets Geheimnisse zu schützen und zu umgürten. Schon lange hatten wir die Pfade der halbwilden Yakjäger und der törichten Goldgräber hinter uns zurückgelassen, und eine vollkommene ~Terra incognita~ breitete sich vor uns im Süden aus, wo ich nur an ein paar Punkten meinen früheren Weg sowie Wellbys, Rockhills und Bonvalots Routen schneiden würde. Das Wissen des Führers war erschöpft; er betrachtete die unendlichen Einöden, nach denen unser Weg führte, mit fragenden, fremden Blicken. Er konnte mir keine Auskunft mehr geben, woher die Wasserläufe, die wir überschritten, kamen, noch wohin sie gingen; ich bin nun auf mich selbst angewiesen und kann nur das auf der Karte angeben, was ich mit eigenen Augen sehe. Die Karte wird daher ein schmaler Gürtel um die Route, die wir einschlagen, aber es ist mein Plan, mir später durch neue Routen Gelegenheit zu verschaffen, den Bau des Gebirges klarlegen zu können.

Arbeit habe ich von früh bis spät vollauf, freie Augenblicke sind selten. Muß man in diesem Lande, das so öde ist, wie man es vom Monde annimmt, auch viel Ungemach ertragen, so wird man dafür doch täglich durch Entdeckungen und Erfahrungen überreich belohnt. Es ist ein großer Reiz, zu wissen, daß man überall der erste ist, der über diese Berge wandert, wo es weder Wege gibt noch je gegeben hat und wo man vergeblich nach anderen Spuren als denen sucht, welche die gespaltenen Hufe der Yake und Antilopen und die runden der Kulane in den Boden eingedrückt haben. Das Gebiet ist herrenlos; Flüsse, Seen und Gebirge haben keine Namen, ihre Ufer und Schneefelder sind nie von den Blicken eines anderen Forschungsreisenden als den meinen betrachtet worden; sie bilden mein ephemeres Eigentum. Es ist erhebend und wonnig, seinen Weg über die gewaltigen Gebirge zu suchen, wie das Schiff seine spurlose Bahn durch die Dünungen des Weltmeeres zurücklegt; hier aber sind die Wellen, die über das tibetische Hochland hinrollen, in Stein verwandelt, und alle Entfernungen, alle Dimensionen sind in so gigantischem Maßstabe angelegt, daß ein Marsch von Wochen die Situation nicht verändert; wir befinden uns stets im Mittelpunkte einer Welt von Bergen. Ebenso wunderbar ist es, inmitten der Stürme, dieser Revolutionen des Luftkreises, zu leben, welche über die kahlen Berge jagen und das Gestein mit dem Feuer ihrer schnell einherrollenden himmlischen Batterien, mit ganzen Schauern schmetternder Hagelkörner beschießen.

Als ich in der Nacht hinaustrat, war der Himmel mit Wolken bedeckt, deren Ränder, vom Monde mit Silber umgossen, hier und dort hell glänzten. Nur das Gletschermassiv wurde nicht beschattet, und seine kalten Firnfelder wurden vom bleichen Lichte des Mondes beleuchtet. Meine Diener lagen in tiefem Schlafe, die Karawanentiere waren festgebunden, das Lagerfeuer verglomm, nur der Bach sang sein murmelndes, melancholisches Lied zwischen den Schieferscheiben in seinem Bette.

Still wacht die Nacht allein über der Wildnis; ringsumher breitet sich auf allen Seiten ein Chaos von unbeantworteten Fragen, von ungelösten Rätseln aus; fern im Süden ahnt man den Kamm des Himalaja und dahinter Indien mit seinen stickigen Dschungeln. Im fernen Westen verflechten sich unsere Berge mit dem Hochlande von Pamir, und wenn die Sonne bei uns aufgeht, hat sie schon ihr strahlendes Licht über das Reich der Mitte und die Gebirgsgegenden auf seiner westlichen Grenze ausgegossen. Im Norden, im innersten Asien, sind wir heimischer; aber hier in Tibet ist man einsam in einem unbekannten Lande. Vergebens späht man umher nach einem Feuer, nach der Spur eines Menschen; man hat einen unbewohnten und unbewohnbaren Teil der Erde erreicht, man hat das Gefühl, wie ein Staubkorn auf diesen unermeßlichen Flächen zu verschwinden, und glaubt zu spüren, wie der Planet mit schwindelnder Fahrt rastlos durch den Weltraum rollt.

Am 7. August zogen wir nach dem Lagerplatze Nr. 23, von Abdall an gerechnet. In der Hoffnung, einen meiner alten Seen zu finden, zogen wir in dem Längentale nach Westen. Jetzt war es mit Tscherdons Pferde zu Ende. Es wurde langsam von einem Manne geführt, fiel aber oft und konnte nur mit Mühe wieder aufstehen; dagegen war sein Appetit gut, und wir taten alles, um es zu retten. Tscherdon behandelte es auf mongolische Weise; er ließ es an den Ohrenzipfeln zur Ader und schnitt ihm ein paar drüsenähnliche Auswüchse aus den Bindehäuten der Augenlider fort, was ihm ein wenig zu helfen schien, denn es lief nun längere Strecken. Sobald wir einen Weideplatz erreichten, wollten wir Halt machen und ihm einen Ruhetag schenken. Ich wollte es töten lassen, doch da Turdu Bai glaubte, es sei noch zu retten, mußte Mollah Schah es uns nachführen.

Da wir vergebens nach einem See im Westen ausschauten, beschloß ich, nach Süden abzuschwenken, um die Bergkette zu überschreiten, die von dem Gletschermassiv nach Westen ging. Das Tal war ziemlich schmal; sein Fluß führte jetzt wenig Wasser, und auf der Südseite unterhalb der Moränen fanden wir, wie beim Kum-köll, ein Gebiet von Flugsand in ziemlich mächtigen, oft isoliert liegenden Dünen, die regelmäßige Halbmonde bildeten, mit dem konkaven, steilen Abhange nach Osten.

Von dem Bache, auf dessen Uferabhange wir lagerten, erschien das Gletschermassiv im Osten ganz nahe; wir hatten es also zur Hälfte umgangen.

Fünf Stunden später kam Mollah Schah. Er hatte das Pferd ein paar Kilometer vom Lager zurückgelassen; es war weder besser noch schlechter als am Morgen gewesen. Als sich jedoch Tscherdon dorthin begab, war das Tier schon verendet. Turdu Bai ritt ein Quertal in der jetzt zu überschreitenden Kette hinauf und kehrte am Abend mit der Nachricht zurück, daß der dortige Paß nicht gefährlich sei und daß sich südlich vom Passe ein großer See ausdehne. Weideland hatte er dagegen nicht gesehen.

Er mußte also am nächsten Tage den Weg zeigen. Das Tal stieg so eben und langsam an, daß der Paß uns keine Mühe machte. Von dem 5122 Meter hohen Passe aus hatten wir das schon so oft gesehene Panorama vor uns: ein Längental und eine teilweise mit ewigem Schnee bedeckte Bergkette. Diese mußte mit dem +Koko-schili+ identisch sein. Ein großer Teil des Talgrundes wurde von einem ansehnlichen See mit west-östlicher Richtung eingenommen.

Die Karawane, die, wie gewöhnlich, einen großen Vorsprung hatte, war, statt nach dem Ufer hinunterzugehen, noch eine ziemliche Strecke westlich vom See weitergezogen. An der westlichsten Bucht des Sees hatte sie Halt gemacht und das Lager Nr. 24 (5028 Meter) aufgeschlagen, das schlechteste, das wir bisher gehabt hatten. Soweit das Auge reichte, gab es weder eine Spur von Weide noch von Brennholz oder Dung zur Feuerung. Wir zerschlugen eine überflüssige Kiste, um wenigstens heißen Tee zu bekommen. Jedes der Tiere erhielt eine Handvoll Mais.

Kaum war das Lager in Ordnung, so brach ein wildes Unwetter los, erst Regen, dann Hagel und darauf wieder strömender Regen, der durch die Filzdecken in meine Jurte hineintropfte und rieselte. Der Sturm kam von Westen, und in der Nacht verwandelten sich die Niederschläge in Schnee. Die Kamele lagen im Halbkreise, alle an denselben in den Boden gerammten Pflock so angebunden, daß die Köpfe vor dem Winde geschützt waren. Die beiden äußersten waren mit Filzmatten zugedeckt. Sie froren derart, daß sie bebten, aber sie sind nach dem Verlieren ihrer Wolle auch beinahe nackt, und man beobachtet mit Interesse, wie die neue Wolle langsam hervorkommt und wächst. Sie wächst hier oben schneller als in den warmen Tiefländern; die Natur macht ihr Recht geltend und paßt sich den Verhältnissen an. Hätten die Pelze eine Ahnung von dem Winter gehabt, dem wir mitten im Sommer entgegengingen, so hätten sie ihre Besitzer wohl nicht verlassen.

Das Erwachen nach einer solchen Nacht ist nicht angenehm. Es ist einem kalt und frostig; alles ist feucht, Jurte und Gepäcklasten sind mit Wasser durchtränkt und die eigenen Kleidungsstücke naß. Am Morgen war die Luft mit feinem, leichtem Sprühregen erfüllt, und der Westwind heulte durch das Tal. Frierend und schauernd brachen wir mit unseren hungrigen Tieren auf.

Die neue Bergkette im Südwesten unseres Lagers sah niedrig und bequem aus, ja wir glaubten, daß sie, mit den vielen schon überschrittenen verglichen, die reine Bagatelle sein würde. Ihre Nordabhänge bestanden nicht einmal aus anstehendem Gestein, sondern nur aus niedrigen Hügeln; über diese hinüberzukommen, schien ganz einfach, aber in der Wirklichkeit wurde es das Ärgste, was uns bisher begegnet war. Zunächst war es durchaus nicht leicht, nach dem Fuße der Hügel hin zu gelangen, denn der Boden war überall sumpfig, und um die gefährlichsten Fallgruben, wo die Pferde bis ans Maul in den Schlamm gerieten, zu umgehen, mußten wir mit der größten Vorsicht weiterziehen. Wir hielten es jedoch für selbstverständlich, daß der Boden wieder hart und tragfähig werden würde, sobald wir den Abhang erreichten.

Erst ging es auch leidlich, denn der Boden bestand aus gelber Tonerde, die mit Steinen und Schieferstücken bedeckt war. Langsam zogen wir aufwärts. Nur ein großes Kamel, das gegen alles, was Paß hieß, einen ausgesprochenen Widerwillen hatte, blieb zurück und legte sich ganz gemächlich nieder; Turdu Bai blieb bei ihm.

Als wir glücklich auf den ersten Kamm hinaufgelangt waren, zogen wir auf seinem Rücken nach Südosten weiter. Ich ritt voran und folgte einer Yakspur, die anfangs zeigte, wo der Boden trug, höher oben aber in dem losen, durch und durch nassen Schmutze verschwand, in dem es unter den Hufen des Pferdes klatschte und quatschte. Schließlich sank das Pferd so tief ein, daß ich vorzog, abzusteigen und es zu führen. Ich hätte natürlich umkehren müssen, aber der Kamm erschien mir so verlockend nahe. Als ich einen Punkt erreicht hatte, wo mir der Stiefel im Schlamme beinahe steckenblieb, wartete ich auf die anderen. Die Männer gingen zu Fuß und keuchten bei jedem Schritte. Die wie immer geduldigen und fügsamen Kamele kamen hinterdrein, bei jedem Schritte fußtief einsinkend, aber doch besser von ihren Fußschwielen getragen als die Pferde von ihren Hufen. Eines von ihnen fiel und mußte abgepackt werden. Sie wunderten sich wohl, was wir mit diesen wahnsinnigen Anstrengungen auf schwankendem Boden mit merklicher Steigung und in so verdünnter Luft zu erreichen beabsichtigten.

Man wird vom Gehen schwindlig, der Boden gibt nach und scheint zu schwanken, unaufhörlich muß man stehenbleiben, um nach Luft zu ringen. Nicht einmal die ziemlich großen Schieferplatten, die hier und dort liegen, sind zuverlässig, sondern drücken sich allmählich in den Boden ein, und in der dadurch entstandenen Grube sammelt sich ein Wasserpfuhl. Man hört das Wasser unter dem Schutte sickern und brodeln; man wandert wie über unterirdische Fluten hin, die jeden Augenblick uns alle verschlingen können. Man meint, daß dieser Teig von Hügeln, der aus einer zähen Flüssigkeit oder Grütze zu bestehen scheint, mehr und mehr nach allen Seiten auslaufen müsse.

Eine solche Terrainform entsteht durch die ewigen Niederschläge, die beim Fallen in den Boden eindringen und nur einen unbedeutenden Beitrag zu den sichtbaren Flüssen und Bächen liefern. Auch das Fehlen jeglicher Vegetation mit ihren bindenden Wurzeln trägt dazu bei. Nicht selten stehen die Schieferplatten quer, und einigen Kamelen brachte das Abenteuer blutige Füße ein. An einer Stelle mußten ein paar Pferde, die buchstäblich drauf und dran waren, im Schlamme zu ertrinken, schleunigst von ihrem Gepäck befreit und herausgezogen werden.

Als die Lage gar zu schwierig wurde, schickte ich Tscherdon nach dem Kamme hinauf, um zu rekognoszieren. Er kehrte mit dem Bescheide zurück, daß dieser Kamm nur der erste einer ganzen Reihe solcher sei, die sich nach Süden ausdehnten und die Aussicht versperrten. Sie seien fleckig von Schnee, der durch sein Auftauen den Boden noch ungangbarer mache.

Seine Worte gaben endlich das Signal zum Rückzug. Wir hatten auf dieser erbärmlichen Strecke über vier Stunden verloren und uns unnötigerweise nach einer Höhe von 5248 Meter hinaufgearbeitet; schlimmer aber war, daß wir die Kräfte der Tiere so angestrengt hatten. Nach einigem Suchen fanden wir ein Erosionstal und zogen mitten in seinem Bache, der einzigen Linie, auf welcher der Boden trug, abwärts. Er bog nach Westen in das Längental ein; an seinen Ufern war der Boden ebenso lose und sumpfig wie oben auf dem Kamme. Von mehreren Seiten kamen Zuflüsse, so daß der vereinigte Fluß schließlich 8 Kubikmeter Wasser führte. Als wir endlich an seinem rechten Ufer in 5011 Meter Höhe ein wenig Weideland fanden, lagerten wir und beschlossen, die Tiere zwei Tage ruhen zu lassen.

Doch wie fiel es in diesem Lager Nr. 25 mit der Ruhe aus! Der Morgen sah allerdings vielversprechend aus, doch als ich mit dem Observieren der Sonne anfangen wollte, bedeckte sich der Himmel mit Wolken. Sodann sollten mein Bett, meine Filzdecke und mein Teppich nach der Nässe der vorhergehenden Tage getrocknet werden; doch kaum hingen sie auf der Leine, als der Himmel im Westen blauschwarz wurde. Wir konnten die Sachen kaum noch unter Dach bringen, bevor ein Hagelsturm mit Geheul und Geprassel durch das Tal fegte. Nachdem dieses Unwetter abgezogen war, hatte ich Gelegenheit, eine Sonnenbeobachtung zu machen, mit der ich eben fertig wurde, als ein neuer Sturm im Anzuge war, der ebenso schwarz wie der vorige aussah, aber siebenmal so arg war. Einige heftige Windstöße bildeten den Vortrab, dann folgten Hagel und nasser Schnee. Selten habe ich in Tibet ein ärgeres Unwetter erlebt. Es blitzte und donnerte mehrere Male in der Minute, und der Orkan fegte ganz dicht am Erdboden unmittelbar über unseren Köpfen hin. Es krachte, als zerrissen die Berge und als rollten Felsblöcke mit Donnergepolter in die Tiefe. Man schloß bei den blendenden Blitzen unwillkürlich die Augen und fühlte den Boden unter den Donnerschlägen erbeben. Es ist unheimlich und feierlich, sich in einem solchen Unwetterzentrum zu befinden und den Leidenschaften der Naturkräfte preisgegeben zu sein. Man legt seine Arbeit fort, sieht, lauscht und staunt.

Die Hunde heulten erbärmlich. Der Wind riß das Zelt der Männer um, und sie konnten es nur mit großer Mühe wieder festmachen. Die Landschaft wurde wieder mit Schnee und Hagel zugedeckt, unter welcher Decke die hungrigen Pferde ihr kärgliches Futter suchten.

Turdu Bai war den ganzen Tag mit den Kamelen draußen gewesen und kam abends heim. Sie legten sich in ihren gewöhnlichen Halbkreis und wurden bald überschneit, nachdem wir alles getan hatten, um sie warm einzupacken. Sie zitterten vor Kälte. Die Männer gaben zwei Filzteppiche her, ich einen, und die beiden, in welche die Boothälften eingenäht waren, wurden auch genommen und über die armen Tiere gedeckt.

Der zweite Rasttag war besser; die Sonne taute den Schnee auf, und der Hagelsturm kam erst um 5 Uhr. Als wir am 12. August nach Südosten zogen, um die Bergkette zu überschreiten, ging Turdu Bai mit zwei kranken Kamelen, die unbeladen blieben, voraus. Wir überholten ihn bald, denn er kam nur außerordentlich langsam vorwärts, da das eine Kamel, der Paßhasser, oft liegen blieb und sich eine Weile ausruhen mußte.

Vor uns waren keine hohen Berge sichtbar; doch der Boden war widerwärtig: ein einziger Morast von gelbem Schlamm, mit Wasser vollgesogen wie ein Schwamm, trügerisch selbst da, wo er mit dünnem Schutt bedeckt ist und sicher und vertrauenswürdig aussieht. Bei jedem Tritt sinken die Tiere fußtief ein, und da jeder Schritt ein Herausziehen der Füße aus dem zähen, saugenden Schlamme ist, ist das Vordringen sehr anstrengend. Der Boden ist jetzt so lose, daß die anfangs schwarzgähnenden Fußspuren sich bald wieder schließen und verschwinden. Im allerglücklichsten Falle sinken die Tiere nur etwa 10 Zentimeter ein, und man freut sich ihretwegen, wenn man an derartige rettende Inseln in einem unabsehbaren Sumpfe gelangt. Doch die Freude ist kurz; bald versinken sie wieder knietief, fallen, müssen von ihren Lasten befreit, herausgezogen und von neuem beladen werden. Ein fluchwürdiges Land! Daß Weide und Brennholz 5000 Meter über dem Meere fehlen, kann man verstehen, doch warum trägt uns die Erde nicht, warum droht sie die ganze Karawane zu verschlingen?

Kein einziges Fleckchen, wäre es auch nur so groß wie ein Fünfmarkstück, ist trocken; alles ist von Wasser durchtränkt; man befindet sich wie auf schlammigem Seeboden, von dem das Wasser gerade abgezapft worden ist. Die Tiere sind zu bewundern, daß sie überhaupt gehen; weshalb legen sie sich nicht nieder und weigern sich, sich in einem so barbarischen Dienste anzustrengen? Das große Kamel, der Paßhasser, hatte vollkommen recht, daß es sich nicht weiter abmühte. Das Innerste der Wüste Takla-makan ist nicht lebloser als dieses entsetzliche Bergland.

Alle müssen zu Fuß gehen; das Herz klopft, als wolle es zerspringen, und man schnappt nach Luft. Und wenn man wieder im Sattel sitzt, fällt das Pferd beinahe alle Augenblicke vornüber. Es ist, als wären ihm unausgesetzt die Füße mit Bindfaden festgebunden, der bei jedem Schritt erst abgerissen werden muß. Ich reite jetzt voran, um den Boden zu erproben. Aber die Lasttiere scheuen vor den tiefsten Spurgruben und weigern sich ihnen zu folgen; sie schwenken lieber seitwärts ab, aber nur, um an noch schlechtere Stellen zu geraten.

So schreiten wir Stunde auf Stunde dahin. Dieses Land will uns festhalten. Unser Vorrücken erinnert an einen Feldzug in Feindesland, wo man auf sich selbst und seine eigenen Vorräte angewiesen ist, sich immer mehr von einer sicheren Operationsbasis entfernt und auf dem Marsche nichts weiter findet als eingeäscherte Städte, zerstörte Dörfer und verwüstete Felder. Je weiter es geht, desto deutlicher erkennt man, daß die Schwierigkeiten des Rückzuges wachsen werden, und gerade diese Schwierigkeiten sind es, die anreizen. Mit gespanntem Interesse fragt man sich, ob es wohl gelingen werde, sie zu überwinden. Und man denkt nicht im entferntesten ans Umkehren!