Im Herzen von Asien. Erster Band.

Part 37

Chapter 373,557 wordsPublic domain

Es ist eigentümlich, in verhältnismäßig so kurzer Entfernung wie zwischen dem Akato-tag und diesen Gegenden so ungleichartige Naturverhältnisse zu finden. Bald muß man lange Tagemärsche machen, um eine erbärmliche Quelle zu finden; bald braucht man nur, wo man will, auf den Boden zu stampfen, um die Grube sich gleich mit Wasser füllen zu sehen.

Auf einem niedrigen sattelförmigen, die Wasserscheide bildenden Paß, nach dem wir hinsteuerten, ging gerade ein einsamer Wolf in Gedanken versunken spazieren, ergriff aber die Flucht, sobald er uns erblickte. Wir befanden uns gerade auf dem Passe (5111 Meter), als der übliche Sturm kam. Als der Donner rollte, klang es wie das Kugelrollen auf einer riesenhaften Kegelbahn oder das Bombardement einer Festung. Es war erst 4 Uhr, aber es wurde so dunkel wie an einem Herbstabend. Die Pferde gehen schräge, um den Hagelschauer zu parieren. Das Lager wurde in aller Hast mitten in einem Morast aufgeschlagen. Ehe man noch mit dem Aufschlagen fertig wird, ist man schon pudelnaß, und wenn man dabei dem Schauer nicht die ganze Zeit den Rücken zudreht, so schlägt einem der Hagel ins Gesicht. Nach zwei Stunden war der Sturm vorüber, und die Sonne guckte hervor, aber wir lagen im Schatten, und der Sonnenschein vergoldete wie hohnlächelnd die Hügel im Osten.

Der große Paßhasser konnte nicht mehr bis zum Lager gehen, sondern war jenseits des Passes zurückgelassen worden. Um zu versuchen, ob wir ihn nicht doch noch retten könnten, blieben wir einen Tag in diesem greulichen Lager in 5076 Meter Höhe. Tscherdon und Turdu Bai ritten am Morgen hin, kamen aber mit der Nachricht wieder, daß das Tier dem Tode geweiht sei. Sie hatten es dazu gebracht, sich zu erheben und einige Schritte zu gehen, dann aber war es auf die Seite gefallen, und da es nicht dazu vermocht werden konnte, aufzustehen, hatten sie es totgestochen.

Den ganzen Tag goß es. Ich hatte +2 Grad in der Jurte und konnte nichts weiter tun, als mit Pelzen zugedeckt lesen. Man muß sich sehr genau überlegen, wohin man empfindliche Sachen legen kann, denn durch das Dach tropfte das Wasser, und ich hatte an beiden Seiten des Bettes ein paar kleine Seen, die abgeleitet werden mußten. Überall ist es naß und ungemütlich; man sehnt sich von einem solchen Platze fort, einerlei wohin, denn schlimmer kann es nicht werden. Tscherdon und Turdu Bai waren vom Regen überfallen worden, als sie bei dem Kamele waren. Sie saßen fünf Stunden bei ihm, unter ihren Mänteln zusammengekauert, und ihre Pferde waren bis an den Bauch gelbbraun; nach dem frischen Regen waren sie doppelt so tief wie gestern eingesunken.

Der 14. August brach endlich mit Sonnenschein an. Die Temperatur war in der Nacht auf -3,2 Grad heruntergegangen, so daß der Boden am Morgen steinhart gefroren war und eine dünne Eiskruste die in unseren Spuren entstandenen Pfützen bedeckte, aber die Freude währte nicht lange, denn schon am Vormittag war alles wieder naß und weich.

Der heutige Tag brachte uns über diese greuliche Bergkette hinüber, die uns so viel Mühe gekostet hatte. Von ihrem leichten, hügeligen Passe aus sah man wieder ein Längental, das im Süden von einem neuen, ansehnlichen Rücken begrenzt wurde. Weiter aufwärts im Tale, nach Südwesten zu, schimmerte der Boden grün; dorthin lenkten wir unsere Schritte, denn der Weide bedurften wir jetzt am allermeisten.

Sobald wir den Platz erreicht hatten und uns endlich auf trockenem sandigem Boden befanden, wurde Halt gemacht; es war ein Vergnügen, die Tiere in dem dünnen Grase wieder aufleben zu sehen. Alles, was Bettstücke und Decken hieß, wurde auf dem Sande ausgebreitet, um im Sonnenbrande zu trocknen (Abb. 130); die Jurte und das Zelt trockneten am besten, wenn sie in gewöhnlicher Weise aufgeschlagen wurden.

Am 15. August waren gerade 15 Jahre vergangen, seit ich meine erste Reise nach Asien angetreten hatte; ich konnte den Tag nicht besser als durch Verweilen an diesem gastfreundlichen Platze feiern. Das Wetter war gut, obwohl es ein paar Stunden regnete, und die Temperatur stieg auf etwas über +15 Grad. Die müden Tiere erholten sich sichtlich, und da wir nicht wußten, was unserer wartete, wurde ihnen noch ein Ruhetag zugestanden. Wenn es dunkel wird, kommen die Kamele ganz von selbst gravitätisch nach dem Lager gezogen, doch in einem Halbkreis können sie sich nicht ohne Hilfe legen. Sobald der Tag graut, erheben sie sich und gehen wieder auf die Weide. Man denkt, es müsse sie ermüden, die ganze Nacht mit erhobenem Kopfe in derselben Lage zuzubringen, aber es scheint ihnen gar nichts auszumachen.

Dieser Platz (Abb. 131) rettete uns für die nächste Zukunft. Er glich einer Oase in der Wüste (Lager 27). Tiere und Menschen sammelten hier neue Kräfte. Letztere hatten eigentlich nichts weiter zu tun, als Brot zu backen, schmutziges Zeug zu waschen und Feuerung einzusammeln, die uns eine kleine in harten Büscheln wachsende Pflanze mit trockenem Stamme, die „Jer-baghri“ genannt wird, lieferte.

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Eine lange Seefahrt.

Am 17. August brachen wir auf, um die nächste, von Osten nach Westen gehende Bergkette zu überschreiten. Der Anstieg macht sich unseren müden Tieren bald recht fühlbar. So, wie wir jetzt zogen, waren wir gezwungen, unnötigerweise über drei Pässe zweiter Ordnung zu gehen, ehe wir den Hauptpaß erreichten. Hinten im Westen erhebt sich der mächtige Gebirgsstock mit den Gletschern und den ewigen Schneefeldern im Osten erscheint ein Tafelberg, dessen Kammlinie so gerade ist, als sei sie mit einem Lineale gezogen worden; wahrscheinlich war der Berg mit dem porösen Tuff, der in diesen Gegenden allgemein vorkommt, bedeckt. Vom Passe führte ein zwischen roten Hügeln eingeschnittenes Tal langsam nach Süden. Sein Bach mündet schließlich in einen wohl 10 Kubikmeter Wasser führenden Fluß vom nächsten Gletscher. In der Nähe des Zusammenflusses hatte sich die Karawane auf einem mageren Rasenplatze, wo der sandige Boden wenigstens trocken war, im Lager Nr. 28 niedergelassen (Abb. 132).

Jetzt hatten wir nur noch zwei Schafe, von denen hier eines dem Hunger geopfert werden mußte. Das letzte blökte ängstlich und suchte vergeblich seinen toten Kameraden. Schlimmer war, daß Aldat, als er auf eine Orongoantilope schoß, seine Flinte ruinierte; eine hinten am Laufe befindliche Stahlschraube wurde losgesprengt und hätte ihn beinahe ins Gesicht getroffen. Zum Glück fand er die Schraube wieder; sie wurde nun mit Stahldraht und einem Lederriemen in ihrer Lage so festgemacht, daß die Flinte im Notfalle benutzt werden konnte.

Als wir am Tage darauf gerade aufbrechen wollten und die Tiere schon zum Beladen bereitstanden, verdunkelte sich der Himmel in beunruhigender Weise, weshalb wir es für das klügste hielten, noch eine Weile zu warten; wir wären in ein paar Minuten durch und durch naß geworden. So warteten wir denn einen Regenguß nach dem anderen ab, und auf diese Weise ging der Tag hin. Um 2 Uhr klärte es sich auf, aber nun war es zum Aufbrechen zu spät. Statt dessen begab ich mich mit dem großen photographischen Apparat nach der nächsten Gletscherzunge und wollte mich gerade anschicken, ein paar Aufnahmen zu machen, als der Himmel wieder seine freigebigen Schleusen öffnete. Gleichzeitig näherte sich von Süden her, schwarz wie die Nacht, ein Hagelsturm, der sich wie eine dicke Masse über die Erde hinwälzte und ihre Oberfläche hinter sich weiß färbte.

Es war uns einerlei, wohin uns unser Weg das Flußtal abwärts führte, die Hauptsache war, daß wir niedrigere Gegenden mit Weide erreichten. Wir folgten dem Flußlaufe über 30 Kilometer weit, lagerten aber eine ziemliche Strecke von seinem Westufer entfernt. Zu Anfang des Marsches hatten die Leute einen recht ungewöhnlichen Fund gemacht, nämlich ein Stück eines alten Muhammedanerhemdes, ein Tauende und ein Holz mit Kerben, wie es beim Beladen der Tiere gebraucht wird. Ob diese Sachen von einer mongolischen Pilgerkarawane oder von Hauptmann Wellbys Reise herstammten, ließ sich nicht feststellen; letzteres ist jedoch nicht unwahrscheinlich. Wellby und Malcolm reisten 1896 gleichzeitig mit mir durch Nordtibet, von Westen nach Osten, von Ladak nach Zaidam und wählten das Längental, welches meiner Route nach Süden hin zunächst liegt. Sie machten eine denkwürdige, schöne Reise. Ein paar Jahre darauf fiel Wellby im südafrikanischen Kriege, in dem auch Malcolm schwer verwundet wurde.

Der größere Teil des Tages wurde von einigermaßen gutem Wetter begünstigt; die Regenschauer fielen in solchen Pausen, daß wir dazwischen wieder trocken wurden, doch kaum war dies geschehen, so goß es wieder vom Himmel herunter, daß das Wasser von den Lasten rieselte und unsere Anzüge vor Nässe glänzten. Jolldasch fing ein ganz kleines Wölflein, einen wütenden, kleinen Teufel, der gebunden mitgenommen wurde und die verzweifeltsten Versuche zur Wiedererlangung seiner Freiheit machte.

Am 20. August war der Boden im großen ganzen so eben, daß sich keine Rinnsale oder Erosionsfurchen bilden, sondern sich das Wasser in zahllosen kleinen, trüben Lachen ansammelt. Die Grasvegetation wird allmählich besser, als wir sie bisher in Nordtibet gesehen haben, und hier und dort wächst üppiger wilder Lauch. Die Kamele fressen diese Pflanze mit Begierde, und auch in unseren Suppen schmeckte sie gut.

Nach Süden hin ist das Land bis ins Unendliche offen, und keine mächtigen Bergketten stellten sich uns mehr in den Weg. Am Horizont zeigten sich allerdings Bergkämme, aber sie sahen ganz unschuldig aus. Das Land hatte Plateaucharakter angenommen, und wir wanderten über unabsehbare Hochebenen hin. An dem Ufer eines Tümpels weideten drei große schwarze Yake. Sie setzten uns in schwerem Galopp nach, wahrscheinlich in dem Glauben, daß wir zu ihren alten Bekannten gehörten. Als sie nur noch 200 Schritt entfernt waren, erkannten sie ihren Irrtum und kehrten in langsamem Trabe um. Im Südosten erblickten wir einen ungeheueren See, an dessen Nordwestufer die Weide ziemlich gut war, weshalb wir das Lager Nr. 30 dort aufschlugen.

Der 21. August wurde zur Ruhe und zu astronomischer Observation bestimmt. Das Wetter war herrlich, wirklich warm, und Fliegen summten wieder in der Luft. Wir hatten die Zelte unweit des Ufers auf sandigen Hügeln, die das Regenwasser aufsaugen und davon nicht schlammig werden, aufgeschlagen. Der Strand selbst war flach und kiesig, und ein 50 Zentimeter hoher Kieswall zeigte, wie weit die Wellen zu dringen pflegten. Das Wasser war bittersalzig, aber in der Nähe gab es glücklicherweise eine süße Quelle. An Feuerung litten wir keinen Mangel, denn hier wuchsen Jappkakstauden in ziemlicher Menge; einige Männer brachten ganze Arme voll davon ins Lager. Ihnen war unheimlich zumute, denn sie hatten ganz seltsame Klagelaute gehört und glaubten, es seien Menschenstimmen gewesen. Doch Aldat, der von der Jagd zurückkam, erklärte, es seien Wölfe. Außer sich warf er seine Flinte hin, die ihm noch nie so schlechte Dienste geleistet. Er hatte einen Kulan und einen Yak verwundet, aber beide hatten die Flucht ergriffen. Gestern hatte er eine Orongoantilope angeschossen, deren Skelett wir später auf dem Marsche fanden; das Fleisch und die Eingeweide waren von Wölfen gefressen worden. Es fing an Zeit zu werden, daß Aldat uns etwas Fleisch verschaffte, denn wir lebten jetzt meistens von Reis und Brot. Ein paar Konservendosen hatte ich noch, und Tscherdon bewirtete mich täglich mit einer vortrefflichen Suppe von grünen Erbsen, wildem Lauche und Liebigs Fleischextrakt, der mir auf dieser Reise große Dienste leistete.

Jetzt wurde folgende Verabredung getroffen. Am 22. August sollte Kutschuk mich schräg über den See nach einem ziemlich bedeutenden Gipfel, der sich im Südosten zeigte, hinrudern. Gleichzeitig sollte die Karawane nach Westen und Süden um den See herummarschieren und am Ufer vor dem erwähnten Gipfel Halt machen. Da ich fürchtete, daß es ihnen vielleicht unmöglich sein möchte, auf diesem Wege hinzugelangen, ließ ich Mollah Schah auf Rekognoszierung dorthin reiten. Er kam am Abend wieder und versicherte, daß keine Hindernisse vorlägen. Im Westen hatte er einen zweiten, ebenso großen See gesehen, in den sich wahrscheinlich das Schmelzwasser des Gletscherstockes ergoß. Die Sache lag also klar, und ich hielt es für selbstverständlich, daß die Karawane vor uns an dem verabredeten Platze eintreffen würde, da Tiefenlotungen und andere Beobachtungen naturgemäß ziemlich viel Zeit kosteten. Tscherdon wurde daher ermahnt, bei der Ankunft ein Feuer anzuzünden, das uns abends als Leuchtfeuer dienen sollte und nach welchem wir, wenn es nötig wäre, unseren Kurs rechtzeitig ändern könnten.

Warm und klar brach der Tag an; nur einige leichte Wölkchen segelten an dem türkisblauen Himmel, und spiegelblank lag der See. Während die Karawane beladen wurde, brachten wir das Boot am Ufer in Ordnung. Segel, Ruder und Rettungsbojen wurden mitgenommen, im übrigen nur die notwendigen Instrumente. Wir fuhren eine gute Weile vor der Karawane ab, sahen aber nachher ihre lange Reihe am Ufer entlang schreiten.

Mit der Uferlinie beginnt die zusammenhängende Salzkruste, die den ganzen Seeboden bedeckt und hier anfänglich 2-4 Zentimeter dick war. Sie bricht unter unseren nackten Füßen. Wir mußten das Boot nämlich erst 1½ Kilometer in den See hineinziehen, ehe es schwamm, und in dieser Entfernung vom Strande betrug die Tiefe noch kaum 50 Zentimeter. Jetzt steuerten wir erst nach einer kleinen Insel in Ostsüdosten. Kutschuk brauchte nicht zu rudern, sondern schob das Boot vorwärts; das Ruder scharrte wie auf Stein, wenn es die allmählich immer fester werdende Salzkruste berührte.

Dieser umfangreiche See ist nur ein kolossaler Salztümpel ohne Spur von Leben. Keine Schwimmvögel, keine Wassertiere, keine Algen waren zu sehen. Auch der Uferstreifen ist, soweit der Wellenschlag reicht, unfruchtbar; nur auf den sandigen Hügeln, welche die Wasserfläche um einige Meter überragen, wächst Gras.

Wir landeten an der kleinen, birnförmigen Insel, deren größte Höhe 5 Meter über dem Wasserspiegel nicht übersteigt. Sie liegt wie eine Semmel im See und hat vortreffliches, geschütztes und unberührtes Weideland. Das Gerippe eines Vogels war das einzige Lebenszeichen, das wir finden konnten. Die Aussicht aber ist großartig und orientierend. Nach Westen und Osten erstreckt sich völlig offenes Land, auf dem bis an den Rand des Horizontes auch nicht der kleinste Berggipfel sichtbar ist. Im Nordwesten glänzt das mächtige Firnmassiv, vor dessen Gletscherzungen wir vor ein paar Tagen lagerten. Im Süden erscheinen flache, weich abgerundete Landrücken und im Norden die sich hie und da bis zu Schneebergen erhebende größere Kette, die wir zuletzt überschritten hatten.

Darauf steuerten wir nach Südosten in der Richtung des vereinbarten Sammelplatzes. Nur in einem Ringe um die Insel herum lag Kies auf plastischem blauem Ton, dann aber setzte die Salzkruste wieder ein. Die Tiefe nahm ein wenig zu, so daß Kutschuk das Boot nicht mehr mit dem Ruder weiterstoßen konnte, sondern rudern mußte.

Die Tiefenverhältnisse in diesem See waren höchst unerwartet. Der Boden ist beinahe ganz eben, und die größte Tiefe betrug nur 2,33 Meter. Der See liegt also wie eine papierdünne Wasserschicht über der Salzkruste und ist nur halb so tief wie die Kara-koschun-Sümpfe. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Lotungsstellen beliefen sich auf einen oder ein paar Zentimeter. Ich hatte eine mehrere hundert Meter lange Lotleine mit Bleigewicht mitgenommen, doch meistens genügte das 2,13 Meter lange, in Dezimeter und Zentimeter eingeteilte Ruder.

Gerade im Osten schien sich der See bis ins Unendliche zu erstrecken, einer Meeresbucht vergleichbar; dies beruhte aber auf einer durch Luftspiegelung hervorgerufenen Sinnestäuschung.

Es war ein wunderbarer, in Wahrheit höchst außergewöhnlicher Tag, den wir auf diesem Salzsee zubrachten. Das Wetter war prächtig; kein Lüftchen regte sich, und der Himmel spiegelte sich deutlich im Wasser wieder. Nur um die Randgebirge herum lag ein Kranz von dichteren weißen Wolken. Die Sonne, ein seltener Gast in diesen Gegenden, wärmte ordentlich; man freute sich, wieder etwas vom Sommer zu sehen, und träumte von den entflohenen Annehmlichkeiten dieser Jahreszeit. Es war schon wohltuend, das Gesicht in der Strahlenflut baden zu können und nach all der Nässe und Kälte in der Nachbarschaft des Arka-tag einmal wirklich das Gefühl des Trockenseins zu haben, aber ohne die giftigen Insekten, die tiefer unten die treuen Sommerbegleiter der Sonne bilden. Um uns herum ist es so still wie im Grab; keine Fliege summt in der Luft, kein Fisch plätschert im Wasser, das leblos daliegt wie eine chemische Lösung, überall war es still und friedlich wie an einem Sonntage. Die vor kurzem noch so unruhigen Geister der Luft und des Wetters hatten sich einen freien Tag gemacht, wahrscheinlich nur, um sich zu neuem wildem Streitgetümmel auszuruhen.

Die Landschaft hat in dieser reinen, verdünnten Luft einen ganz ungewöhnlichen, leichten Ton. Man könnte sie mit einer Braut in weißer und hellblauer Seide vergleichen; es ist das duftigste Aquarell in den zartesten Farben, denn alles ist ätherisch und durchsichtig wie eine Luftspiegelung oder ein Traum. Nur unmittelbar beim Boote schimmert das Wasser grün, sonst ist es hellblau vom Widerscheine des Himmels.

Welch herrliche Art, nach dem nächsten Lagerplatze zu gelangen, verglichen mit dem Reiten mit der schwerfälligen, müden Karawane! Ich saß im Vorderteile des Bootes so bequem wie in einem Lehnstuhl und machte meine Beobachtungen und Aufzeichnungen wie vor einigen Monaten auf der Fähre. Der Kurs war ein für allemal gegeben, und ein Blick nach dem Berggipfel genügte zur Kontrolle der Richtung. Die Geschwindigkeit wurde alle fünf, die Tiefe alle zehn Minuten gemessen, und Kutschuk sang und summte zu den Ruderschlägen allerlei Weisen. Er ruderte das Boot mit einem Ruder, das bald an der Backbord-, bald an der Steuerbordreling senkrecht ins Wasser getaucht wurde. Mast und Segel waren in der Mitte des Bootes querüber festgebunden, um uns nicht im Wege zu sein. Mäntel hatten wir nicht mitgenommen; hätte ich mich erwärmen müssen, so würde ich mit dem zweiten Ruder geholfen haben, nun aber freute ich mich untätig meines Daseins, aller Hagelschauer uneingedenk. Die Temperatur stieg auf 14 Grad und betrug im Wasser 17,1 Grad; es war ordentlich warm.

Das Wasser ist so salzig, daß die ins Boot fallenden Tropfen wie Stearin erstarren. Nachdem das Wasser verdunstet ist, bleibt eine kreideweiße dünne Glocke zurück, die jedoch gewöhnlich einfällt. Das Lotungsruder wird so weiß, als wäre es angestrichen, unsere Hände werden weiß und rauh, unsere Kleider von Spritzern weißgetüpfelt, und der Strommesser glitzert mit tausend Facetten. Die Ränder und der Boden des Bootes sehen aus, als wäre es kürzlich zu einem Mehltransport benutzt worden.

Während der ersten Stunden sahen wir die Karawane am Westufer entlang schreiten, und ich beobachtete mit dem Fernglase ihren gewöhnlichen ruhigen Gang und ihre Marschordnung. Sie beschrieb einen Bogen, während wir in gerader Linie nach dem Sammelplatze ruderten. Zuerst entfernten wir uns demnach voneinander, darauf verschwand die Karawane hinter den Uferhügeln, mußte aber bald am südlichen Ufer wieder auftauchen, und dann würden wir uns einander wieder nähern und schließlich an demselben Punkte zusammentreffen. Aber sie erschien nicht wieder. War sie vielleicht auf schwankenden Boden gestoßen und mußte einen Umweg machen, sammelten am Ende die Leute unterwegs noch Brennholz oder war gar Wildbret geschossen worden, das erst abgehäutet, zerlegt und eingepackt werden mußte?

Kilometer auf Kilometer blieb die Tiefe 1,88 Meter. Stunde auf Stunde schien sich der Abstand zwischen uns und dem Südufer nicht zu verringern. Aber, wie gewöhnlich, verging die Zeit auf dem Wasser schnell. Am Nachmittag bedeckte sich der Himmel mit leichten, dünnen Wolken, und die blaue Wasserfläche nahm eine marmorierte Schattierung an. Das Boot schoß in gerader Linie nach Südosten, und das Wasser plätscherte um das Ruder; dies war der einzige Laut, der die Stille auf diesem tibetischen „Toten Meere“, dessen Spiegel 4765 Meter über dem Weltmeere liegt, unterbrach.

Um 4 Uhr guckte die Sonne wieder hervor. Unter der sinkenden Sonne schien sich der See am weitesten nach Westen auszudehnen; es ist die Strahlenbrechung, die diese Sinnestäuschung hervorruft. Die Karawane war nicht zu sehen, aber die Entfernung war auch bedeutend, und sie mochte wohl hinter einigen Uferhügeln marschieren.

Gegen Abend sah der vor kurzem noch so klare, blanke Wasserspiegel beim Südufer mattgeschliffen aus. Ein brausendes Geräusch ließ sich immer deutlicher vernehmen und wurde von Kutschuk für das Rauschen eines in der Nähe mündenden Flusses gehalten. Bald wurde uns jedoch klar, daß das Brausen von einem sich erhebenden Winde herrührte, in dessen Bahn wir bald hineingerieten. Der Wind kam von Osten; es ruderte sich schwer, und als er stärker wurde, hißten wir Segel und änderten den Kurs in Südwest ab. Mit reißender Fahrt und in hohem Seegange strichen wir nach dem Ufer hin, wo sich die Brandung weißschäumend und donnernd über scharfkantige Kiesel wälzte, die das Segeltuchboot aufzuschlitzen drohten. Das Segel wurde rechtzeitig gerefft, Kutschuk sprang ins Wasser, ich half mit dem Ruder, und so brachten wir das Fahrzeug unverletzt an Land und zogen es hoch am Ufer hinauf.

Bevor die Dämmerung in Dunkelheit überging, eilten wir nach den nächsten Hügeln hinauf, um nach der Karawane auszuspähen. Doch von Menschen und Tieren war keine Spur zu entdecken! Die ganze Gegend lag schweigend und ausgestorben, beinahe unheimlich vor uns, und mir war zumute wie beim Eintreten in eine Klosterruine, in der seit tausend Jahren niemand gewesen ist. Während Kutschuk Jappkakbüschel sammelte, ging ich weiter in die Hügel hinein, wurde aber von ein paar Buchten und Lagunen aufgehalten, deren nur von einer außerordentlich dünnen Wasserschicht bedecktes Salz wie Eis glänzte. Ein Kulanschädel lag, verwittert und gebleicht, an einem Abhange, und in dem losen Erdreiche stand eine Bärenspur eingedrückt. Ich lauschte und rief, aber die Karawane war und blieb verschwunden.

Als ich nach dem Landungsplatze zurückkehrte, war es schon dunkel. Kutschuk hatte einen gewaltigen Armvoll Jappkak zur Feuerung zusammengesucht, und ich half ihm den Vorrat noch vergrößern. Jetzt war es ganz klar, daß sich den anderen irgendein unerwartetes Hindernis in den Weg gestellt haben mußte, sonst wären wenigstens ein paar Reiter nach dem Sammelplatze gekommen, um uns Bescheid und -- was für uns das Wichtigste war -- Essen, Wasser und warme Kleider zu bringen. Erst überlegten wir, ob wir nicht den heftigen, günstigen Wind benutzen und westwärts segeln sollten; aber in der Dunkelheit wäre dies doch zu gewagt gewesen, besonders da der Wind immer heftiger wurde. Vielleicht hatte die Karawane auch einen so weiten Umweg machen müssen, daß sie noch gar nicht hier sein konnte.