Im Herzen von Asien. Erster Band.
Part 35
Nun befahl ich, daß sie nach dem Platze, wo sie gefangen worden, zurückgebracht werden sollten, damit ihre Mütter sie leicht wiederfinden könnten. Tscherdon und Aldat stiegen sofort zu Pferde, aber Tokta Ahun sagte, daß dies nichts nützen würde. Er habe die Erfahrung gemacht, daß die Mutter, deren Junges man gefangen und berührt habe, von ihrem Kinde nichts mehr wissen wolle, sondern das Füllen wie einen Pestkranken fliehe. Sie scheine ihr verlorenes Kind weder zu vermissen noch zu betrauern, sondern fliehe mit der übrigen Herde und wolle nicht wieder nach dem Platze zurück.
Hätten wir dagegen eine Stute gehabt, so wäre das Aufziehen sicher möglich gewesen. Im Tschimentale sollen jährlich Massen von Füllen umkommen, weil sie in den ersten Tagen ihres Lebens den älteren Kulanen nicht folgen können, wenn diese vor einer drohenden Gefahr die Flucht ergreifen. Sie verhungern oder werden eine Beute der Wölfe. Wahrscheinlich vermögen die älteren jedoch sich zu einer geordneten Verteidigung gegen diese Raubtiere aufzuschwingen; sonst würde die neue Generation gar zu arg mitgenommen werden.
Inzwischen wurden unsere kleinen Gäste im Lager gehegt und gepflegt und lernten leicht die Mehlsuppe hinunterschlürfen. Doch sie waren dem Untergange geweiht, und als sie schon am Abend anfingen hinzusiechen und heftiges Verlangen nach der Muttermilch verrieten, ließ ich sie schlachten; es war der einzige Dienst, den ich diesen Kindern der Wildnis, die sonst in die Krallen der Wölfe gefallen wären, leisten konnte. Die Muselmänner nahmen die Häute und das Fleisch, das sie für besonders zart und wohlschmeckend hielten, mit.
Ehe die Füllen geschlachtet wurden, photographierte ich sie mehrere Male. Das eine war 90, das andere 91 Zentimeter hoch. Der Kopf ist unverhältnismäßig groß, und die Beine sind im Verhältnis zum Leib geradezu lächerlich lang entwickelt, aber diese Glieder sind ja auch dasjenige, dessen sie zuvörderst und am meisten bedürfen. Der Leib ist sehr kurz und zusammengedrückt und gibt kaum eine Andeutung von den edeln, harmonischen Formen, welche die ausgewachsenen Kulane kennzeichnen. Die, welche wir fingen, waren noch zu unerfahren, um das geringste Erstaunen über Menschen, Kamele und Zelte zu zeigen. Eine Woche später hätten sie sich weder fangen lassen noch wären sie unter uns umhergegangen, ohne einen Fluchtversuch zu machen. Man konnte sich durch Hinhalten eines Fingers überzeugen, ob sie hungrig waren; sie fingen dann an, eifrig zu saugen.
27. Juli. Nachdem die Minimaltemperatur in der Nacht knapp +1 Grad geblieben war, folgte wieder ein warmer, herrlicher Tag. Die Längentäler haben im allgemeinen ein gemäßigteres Klima, sie bilden aber auch die relativ niedrigen Gegenden des Hochlandes. Als wir uns zum Aufbruche rüsten wollten, stellte sich heraus, daß die Pferde fortgelaufen waren und sich talaufwärts nach den besseren Weideplätzen, wo sich die Kulane aufhielten, begeben hatten. Mollah Schah mußte eine halbe Tagereise zu Fuß machen, um sie zu suchen, und kam erst gegen 11 Uhr wieder.
Wir hatten bei +Bulak-baschi+ (erste Quellen) gelagert und ritten von dort nach Westen. Rechts haben wir den ganzen Tag eine ununterbrochene Reihe von Sümpfen, Mooren und Tümpeln. Das Gras ist üppig, aber der Boden trägt nicht einmal einen Fußgänger, sondern ist außerordentlich tückisch und gefährlich. Einige Becken sind ein paar hundert Meter lang. Das Wasser, welches sie speist, sprudelt in unzähligen Quelladern unter dem Sande hervor; diese vereinigen sich weiter unten zu einem Flusse, der am Ostende des Kum-köll mündet.
Wir spähten nach dem See aus. Endlich trat im Westen sein heller Streifen hervor. Der Tag war warm und ruhig, die Mücken lästig, und eine Bremsenart, „Ila“ genannt, peinigte die Pferde und machte sie durch Eindringen in ihre Nüstern unruhig und aufgeregt. Die Kulane schützen sich gegen diese Insekten dadurch, daß sie die Nüstern beim Grasen dicht am Boden halten, die Orongoantilopen, indem sie an den heißen Tagen im Sandgürtel bleiben und erst abends nach den Weideplätzen herunterkommen.
Die Yake schützen sich auf dieselbe Weise, gehen aber tiefer in den Sand hinein, weshalb wir sie auf dem heutigen Ritte nicht sahen, während wir überall Fußspuren und Dung von ihnen erblickten. Als aber gegen 4 Uhr ein heftiges Unwetter mit Hagel und Regen losbrach, mochten sich die Yake sagen, daß ihre Feinde sich zurückziehen würden, und nun erschienen sie truppweise auf den Dünenkämmen. Erst sahen wir eine Kuh mit ihrem Kalbe den steilen Abhang herunterrutschen; sie erblickte uns rechtzeitig und kehrte sofort wieder um. Dann zeigte sich eine große Herde von mehr als 30 Tieren, die sich in einer Reihe auf einem mächtigen Dünenkamme aufstellten und sich durch die Karawane nicht erschrecken ließ. Ich mußte eine Weile halten und diesen wirklich stattlichen Anblick durch das Fernglas genießen. Die Tiere hoben sich mit außerordentlicher Schärfe rabenschwarz vom gelben Hintergrund ab. Sie waren auf dem Wege nach ihren Weideplätzen am See, als sie sich davon abgeschnitten sahen. Man konnte beinahe beobachten, welchen Genuß ihnen der noch immer auf die Erde klatschende Regen bereitete. Die in dieser Gegend lebenden Yake sollen immer dieselbe Taktik befolgen, um den Bremsen zu entgehen. Die ganze Nacht gehen sie auf die Weide, bei Sonnenaufgang aber sieht man sie wieder den Rückzug nach den Dünen antreten, wo sie ruhig bleiben, bis die Dunkelheit einbricht oder ein Sturm sie wieder herunterlockt.
Die Reihe der Sanddünen nahm vom Regen einen dunkleren Farbenton an. Man meint, solch ein heftiger, plätschernder Regen müsse alles in einen Brei verwandeln, aber nicht einmal die scharfen Kanten der Dünen werden dadurch verändert, und die Regentropfen vermögen nur kleine Gruben auf der Oberfläche hervorzubringen. Der Sand nimmt nach und nach an Höhe ab und tritt weiter zurück; rechts haben wir den See, dessen Südufer sich nach Nordwesten hinzieht; hier grasten 14 große Yake.
Tscherdon, der mit mir ritt, konnte seine Augen nicht von ihnen abwenden und bat schließlich, ob er nicht sein Glück versuchen dürfe. Er schlich sich wie eine Katze nach einem gewaltigen Stiere hin; da dieser aber ruhig stehenblieb und ihn nur wütend, ohne eine Spur von Furcht betrachtete, wurde Tscherdon dabei unbehaglich zumute und er trat ohne Blutvergießen den Rückzug an. Ich hatte ihm anempfohlen, sich mit den Yaken vorzusehen und sich lieber nicht allein auf eine solche Jagd einzulassen, weil der Yak, wenn er verwundet wird, oft den Schützen angreift.
Ein wenig weiter vorn erblickte Tscherdon einen einsamen, vier Monate alten Wolf, dem er im Galopp nachsetzte und den er auch glücklich einfing. Der Gefangene blieb gefesselt im Lager. Die Hunde behandelten ihn mit größter Gleichgültigkeit, aber die Leute gaben ihm alle möglichen liebenswürdigen Ehrentitel, in Erinnerung an die neun Schafe, die jetzt gerächt werden sollten. Tokta Ahun riet mir, gut auf die Schafe aufpassen zu lassen, denn die Wölfin, die wahrscheinlich ihre Höhle in der Nachbarschaft habe, werde ihr Junges schwerlich aus dem Auge verlieren und, wenn ihm etwas Böses widerführe, an den Schafen Rache nehmen. Zweimal hatte er junge Wölfe gefangen, und beide Male hatten ihm die älteren Wölfe einen Esel zerrissen. Ausgewachsene Kulane lassen sie in Frieden, weil sie sie im Laufe doch nicht einholen können, jüngere aber pflegen sie in schlammige Moräste hineinzujagen und ihnen dort die Kehle durchzubeißen.
Das jetzt gefangene Wölflein, das aufgezogen und mitgenommen werden sollte, überlistete jedoch seine Wächter. Es biß nachts den Strick durch und entfloh mit dem Ende desselben. Die Muselmänner hofften, daß es, wenn es wüchse, von dem Stricke, den es um den Hals hatte, erdrosselt würde; ich hielt es jedoch für wahrscheinlich, daß die Mutter die Strickschlinge rechtzeitig durchbeißen würde.
Das Lager Nr. 16 am oberen Kum-köll war in jeder Hinsicht befriedigend. Es gab dort gute Weide und Brennholz, und das Wasser des Sees war süß. Die absolute Höhe betrug hier nur 3882 Meter. Im Norden erhob sich stattlich und deutlich der Kalta-alagan und erstreckte sich, soweit das Auge reichte, nach Westen. Im Süden war die Bergwelt in dicke Wolken gehüllt.
Am folgenden Morgen lag das Boot zusammengesetzt am Ufer bereit, und mit Kutschuk als Matrosen fuhr ich mit passendem Winde über den See, indem ich alle notwendigen Instrumente für die Kartenarbeit und die Lotungen, die Jurte usw. mitnahm. Wir waren noch nicht weit vom Ufer entfernt, als ein heftiger Windstoß die Rahe abbrach, so daß wir zurückrudern mußten, um sie erst zu reparieren. Beide Stücke wurden aneinandergebunden und mit Tamariskenlatten geschient; darauf steuerten wir in der Richtung nach einem Schneegipfel in Nordnordosten über den See. Ich hatte nicht erwartet, diesen See so seicht zu finden; die größte Tiefe betrug 3,73 Meter. Am Nordufer landeten wir auf einer kleinen Insel.
Jetzt begann der Himmel im Osten beunruhigend auszusehen, und das Tal füllte sich mit dichten Wolken. Über dem Dünengürtel wirbelten gelbe Sandwolken auf, und wir hielten es für das klügste, noch eine Weile zu warten. Der Sturm brach auch richtig los, und wir suchten uns vor dem Sturzregen dadurch zu schützen, daß wir uns gegen den Wind gedeckt zusammenkauerten. Der See ging hoch mit schäumenden Wogen, aber ich konnte, als der Regen aufgehört hatte, nicht der Versuchung widerstehen, das Segel loszumachen und das leichte Fahrzeug förmlich vom Ufer wegfliegen zu lassen. Jetzt hieß es aufpassen. Das ganze flache Tal war gleichsam eine Rinne für den Wind, der rücksichtslos über den See hinsauste. Dieser erstreckte sich vor uns, soweit der Blick reichte, und wir balancierten vorsichtig über die Wogenkämme, um nicht Wasser einzunehmen. Als der Wind stärker wurde und der Mast zu brechen drohte, mußte Kutschuk das Segel einziehen; dann trieben wir auch ohne dieses mit reißender Geschwindigkeit. Das Sondieren ließ sich nur bisweilen ausführen, denn die Fahrt war zu stark, aber die Geschwindigkeit konnte ich leicht messen und auch Kompaßpeilungen vornehmen.
Als der Wind an Stärke abnahm, hatte der See schon angefangen sich zu verschmälern, so daß wir nicht mehr weit von dem Punkte entfernt zu sein schienen, wo er sein überschüssiges Wasser in einen Fluß entleert und es nach dem weiter westlich gelegenen großen Salzsee +Ajag-kum-köll+ (unteren Sandsee) entsendet. Unser See wurde immer flacher, selten über einen Meter tief, und das naheliegende, langsam abfallende Südufer wurde von Schlammbänken fortgesetzt, über denen sich das Wasser bei den Ruderschlägen schwarz färbte. Enten und Gänse waren hier zahlreich. Letztere brüteten und konnten nicht weit fliegen, aber um so besser tauchen, was wir erfuhren, als wir versuchten, mit einer Schar um die Wette zu rudern und sie mit den Rudern anzugreifen.
Die Rückkehr von diesem herrlichen Ausfluge war tragikomisch. Wir ruderten aus Leibeskräften, aber der Wind erhob sich wieder, und nicht lange dauerte es, so fing es auch wieder an zu regnen. Wir wurden pudelnaß, wozu auch die dann und wann in das Boot schlagenden Wellen das Ihrige beitrugen. Endlich tauchten in der Ferne die Zelte auf, aber es dauerte noch ein paar Stunden, ehe wir sie erreichten. Ich hatte stets Pech mit den Seefahrten: sie konnten bei herrlichstem Wetter angetreten werden, endeten aber immer mit Sturm.
Achtundzwanzigstes Kapitel.
Fünftausend Meter über dem Meere.
Am 30. Juli wurden Tokta Ahun und Musa mit sechs Pferden nach dem Hauptquartier zurückgeschickt. Das Gepäck wurde dadurch für die zurückbleibenden Tiere etwas schwerer. Unsere Gesellschaft bestand nun aus mir, sechs Mann (Tscherdon, Turdu Bai, Mollah Schah, Kutschuk, Nias und Aldat), 7 Kamelen, 11 Pferden, 1 Maulesel, 5 Schafen und 2 Hunden. Am nächsten Morgen lag das Becken des Kum-köll in undurchdringlichen, feuchten Nebel gehüllt, und die Kalta-alagan-Kette war spurlos verschwunden. Die Luft war warm und still und mit Moskitos gepfeffert, die uns den ganzen Tag treu begleiteten. Wir sehnten uns nach Gegenden, in denen diese gemeinen Wesen nicht leben konnten, und gedachten, erst dann in ihre Heimat zurückzukehren, wenn der Winter ihnen den Garaus gemacht haben würde.
Der Kum-köll lag wie ein Spiegel da, verschwand aber hinter uns gleich im Nebel. Wir dringen in den westlichen Randgürtel des Sandes ein, wo die Dünen wie Landspitzen auslaufen; dazwischen finden wir festen Boden und eine Reihe kleiner Becken mit je einem schwach salzhaltigen Tümpel. Es ist eine schwere Arbeit für unsere Tiere, denn ihre Lasten sind ansehnlich; auf so bedeutender Höhe ist das Gehen schon auf ebenem Boden mühsam, und hier sinken sie dazu noch in den losen Sand ein.
Nachdem der Sandgürtel aufgehört hat, reiten wir über dünn mit Gras bestandenen kupierten Boden und gelangen an den Fluß +Pettelik-darja+. Er führte wohl 10 Kubikmeter Wasser in der Sekunde und war höchstens 65 Zentimeter tief, aber sein Boden war trügerisch und für die Kamele gefährlich. Turdu Bai und Mollah Schah probierten es wiederholt, ihn zu überschreiten, und versanken dabei mit ihren Pferden beinahe im Schlamm. Schließlich fanden sie eine Stelle, welche die Kamele trug, die, wenn der Boden unter ihnen nachgibt, unverbesserlich ungeschickt sind. Nach einem Marsche von noch einigen Stunden gelangten wir wieder an das Ufer des Pettelik-darja, wo wir Lager schlugen.
Der nächste Tagemarsch führte nach Südsüdost und war ebenso lang wie der vorhergehende. Es war der vierte Tag, daß wir über ebenes, offenes Terrain inmitten der höchsten Berge der Erde zogen. Der Fluß wurde von neuem überschritten, und vor uns erhob sich eine kleinere Bergkette, die uns den Weg versperrte und wahrscheinlich ein Ausläufer des Arka-tag war. Die öde Steppe dient zahllosen Orongoantilopen als Aufenthalt; doch wie sehr unsere Jäger sich auch bemühten, es gelang ihnen nicht, eine zu erlegen. Die Tiere scheinen hier die Gefahr kennen gelernt zu haben, denn das Land wird von Zeit zu Zeit von Goldgräbern und Yakjägern durchstreift; daher sind sie auf ihrer Hut und kommen nicht zu nahe an uns heran. Nun war Aldats Terrainkenntnis erschöpft; so weit südlich war er noch nie gewesen und von den anderen natürlich auch keiner, weshalb ich für die Zukunft selbst das verantwortliche Amt des Führers übernehmen mußte.
Wir richteten den Kurs auf einen Einschnitt in der Kette, wo sich ein vielversprechendes Tal öffnete. Doch als wir darin waren, stellte es sich heraus, daß es trocken war. Zur Rechten, d. h. an der linken Talseite, leuchtete jedoch in einer Schlucht frisches grünes Weideland, und dort fanden wir eine kleine Quellader, die unseren Bedürfnissen genügte.
Am 1. August legten wir 29 Kilometer nach Südsüdost zurück. Im großen betrachtet, führte unsere Reise nach Süden, weil ich alle diese Bergketten rechtwinkelig überschreiten und außer den geographischen Entdeckungen auch Material zu einem geologischen Profile sammeln wollte. Wir gedachten, soweit wie nur irgend möglich nach Süden zu gehen und wieder umzukehren, sobald die Hälfte unserer Vorräte verbraucht war. Bei dieser Berechnung vergaß ich jedoch einen wichtigen Faktor zu berücksichtigen, den nämlich, daß auf dem Rückwege die Kräfte der Tiere so gesunken sind, daß die Heimreise viel längere Zeit erfordert. Ich dachte zwar daran, aber mir war die Hauptsache, auf jeden Fall möglichst weit zu gelangen. Auf irgendeine Weise würden wir wohl wieder nach Hause kommen, schlimmstenfalls zu Fuß. Der Wendepunkt, hatte ich mir gedacht, sollte in eine weidereiche Gegend fallen, wo die Tiere sich ausruhen könnten. Ich ahnte nicht, wie anstrengend unser Rückzug sein und welche Mühe es kosten würde, mit den Resten der Karawane zurückzukommen.
Es war nicht leicht, die Granitmauer, die sich uns jetzt in den Weg stellte, zu forcieren. Es kostete den ganzen Tag, gelang aber schließlich doch. Durch gewundene Furchen und Täler, über Ausläufer und kleinere Pässe suchten wir uns einen Weg nach der Wasserscheide auf diesem neuen Kamme hinauf und sahen im Süden in ihrer ganzen Länge eine gewaltige, rabenschwarze, schneebedeckte Kette, die ich für den +Arka-tag+ hielt (Abb. 124). Ich kannte diese mächtige Bergkette von 1896 her und fürchtete, daß ihre Besteigung auch jetzt für uns eine harte Nuß werden würde. In dem Längentale vor dieser neuen Mauer lagerten wir an einem kleinen Bache. Die Weide war schlecht, aber Yakdung, unsere einzige Feuerung, reichlich vorhanden. Die Höhe über dem Meeresspiegel betrug hier 4638 Meter.
Der Tag war herrlich gewesen, ohne Bremsen und Moskitos. Um 7 Uhr begann jedoch der Regen auf die Jurte zu prasseln, und als ich ins Freie trat, sah ich nichts von den Bergen, denn alles war in Regenwolken gehüllt. Die paarweise gekoppelten Pferde lassen die Köpfe hängen. Sie blinzeln und sind halb im Schlafe, und das Wasser tropft von ihren Packsätteln und Mähnen herab. Die Kamele liegen dicht aneinander gedrängt, um sich warm zu halten; sie atmen schwer und scheinen sich des Ausruhens zu freuen. Das Lagerfeuer glüht und raucht vor dem Zelte der Leute, wo Tscherdon mein Mittagessen und Mollah Schah das der Leute bereitet. Bald daraus lassen Kutschuk und Nias die Pferde weiden; sie bleiben die ganze Nacht auf der Weide, doch ab und zu muß sich ein Wächter nach ihnen umsehen, damit sie sich nicht gar zu weit entfernen. Die Kamele können erst zur Weide gehen, wenn es Tag wird, und bleiben daher die ganze Nacht liegen, erhalten aber einige Scheffel Mais zum Abendessen. Jolldasch hütet sich, bei solchem Wetter auszugehen, sondern liegt lieber zusammengerollt in meinem Zelte. Maltschik hat die Entdeckung gemacht, daß es bei den Kamelen warm ist. Er hat einen schlimmen Fuß und ist in den letzten Tagen auf ein Kamel gepackt worden, dessen wiegende Bewegungen er mit der Geschicklichkeit eines Akrobaten und mit einer gewissen Eleganz pariert hat. Man ist froh, in die hell erleuchtete Jurte kriechen zu können, wenn draußen in der Dunkelheit der Regen die Erde peitscht.
Wir blieben den nächsten Tag dort, weil ich eine astronomische Beobachtung machen mußte, eine die Geduld auf die Probe stellende Arbeit, wenn man unaufhörlich durch Hagelschauer und Wolken unterbrochen wird. Der Morgen sah wenig versprechend aus. Seit Mitternacht hatte es geschneit, und das Schneien hielt noch bis 9 Uhr an. Das überhaupt spärlich vorhandene schlechte Gras lag unter einer weißen Decke begraben, und die Tiere wurden nicht zur Hälfte satt, obwohl sie den ganzen Tag nach Gras suchten. Die Berge zeichnen sich in wechselnden Beleuchtungen ab; bald stehen die Schneefelder grellweiß auf einem Hintergrunde von dunkeln Wolken, bald ist der Himmel im Hintergrunde klar, während die Schneefelder, wenn Wölkchen die Sonne verschleiern, einen kalten, stahlblauen Ton annehmen. Der ewige Schnee mit seinen rudimentären Gletschern, der sich gestern so scharf markierte, macht sich nicht länger geltend, denn alles ist gleich weiß.
Die Nacht auf den 3. August war eine der kältesten, das Thermometer fiel auf -5,2 Grad. Die ersten Symptome der Müdigkeit zeigten sich jetzt bei den Tieren; ein Pferd mußte ohne Last gehen, und ein Kamel ließ nach, wenn es bergauf ging. Wir zogen gerade ins Gebirge hinein, wo es uns am niedrigsten erschien, und gelangten in eine Talweitung, wo es von Hunderten von Orongoantilopen wimmelte; es waren große, prächtige Tiere mit Hörnern, die wie Bajonette in die Luft standen. Sie flüchteten schnell und leicht die Abhänge hinauf, und es schien ihnen nicht die geringste Anstrengung zu sein, in der verdünnten Luft über die Hügel zu eilen.
Von dieser Talweitung führte ein Tal nach Süden und ein zweites nach Südwesten; wir wählten das erstere (Abb. 125). Das Tal verschmälerte sich und wurde steil. Da hier dem Anscheine nach kein Vordringen möglich war, mußte Tscherdon weiterreiten und rekognoszieren, während wir warteten und ich mich mit Photographieren beschäftigte. Er kam bald mit dem Bescheid wieder, daß hier kein Weg für die Kamele sei, weshalb wir es in dem anderen Tale versuchten.
Dieses Tal bog nach Südsüdwesten ab und schien nach einem schneefreien Passe hinaufzuführen. Ich ritt voraus. Die Steigung war entsetzlich steil. Auf dem mit Schutt bedeckten Passe (Abb. 126, 127), dem höchsten Punkte, den wir bisher erreicht hatten (4962 Meter; der Montblanc hat nur 4810 Meter!), mußte ich eine halbe Stunde auf die anderen warten, die schwer und mühsam den steilen Schuttweg emporkeuchten. Die Aussicht vom Kamme war nichts weniger als erfreulich. Ein Chaos von Felsen, Bergästen und schneebedeckten Kämmen breitete sich im Süden vor uns aus. Es war klar, daß wir noch nicht auf dem Kamme des Arka-tag waren.
Endlich war es den anderen möglich, die Höhe zu erklimmen. Die Kamele hatten sich so angestrengt, daß ihnen die Knie zitterten. Ihre Nasenlöcher waren aufgebläht; sie brauchten mehr Luft, und müde und gleichgültig schweiften ihre Blicke nach Süden, als hätten sie die Hoffnung ganz aufgegeben, sich in dieser Welt von unfruchtbaren, kahlen Bergen je satt grasen zu können. Vom Passe ging es im Zickzack zwischen Felsvorsprüngen hindurch in ein kleines Tal hinunter, das nach Südsüdwesten führte. Auch dieses war in anstehendes Gestein von schwarzem Schiefer, Porphyr und Diorit eingeschnitten. An dem Bache wuchs nur Moos; doch da, wo er in ein mächtiges Längental mündete, wuchs auch „Jappkak“, von den Leuten sogleich zur abendlichen Feuerung gesammelt.
Dieses Längental durchfließt der größte Fluß, den wir gesehen, seit wir den Tarim verlassen hatten; bei einer Breite von 65 Meter und einer Maximaltiefe von 60 Zentimeter führte er 27 Kubikmeter Wasser in der Sekunde; er strömte nach Westnordwesten.
Nach einem schwierigen steilen Übergang auf das linke Ufer steuerten wir auf der Südseite hinauf, wo wir (4783 Meter hoch) auf offenem Terrain an einem Nebenflusse lagerten (Abb. 128). Ein wenig höher oben grasten 13 große, schwarze Yake. Sie beachteten uns nicht, doch als das Lager aufgeschlagen wurde, witterte der Führer Unrat, und die Herde setzte sich in geschlossener Reihe in Bewegung nach dem Arka-tag, dessen Hauptkamm sich jetzt in seiner ganzen düsteren Größe vor uns erhob. Kamen wir nur glücklich über ihn hinüber, so mußte nachher im Süden ziemlich offenes Terrain vor uns liegen.
Damit Tscherdon und Aldat die nächsten nach dem Arka-tag hinaufführenden Täler untersuchen konnten, blieben wir am nächsten Tag liegen. Am 5. August kamen wir an ein großes Tal mit einem wasserreichen Flusse, von dem wir hofften, daß es uns zu einem geeigneten Passe im Arka-tag führen würde.
Ein in seiner gigantischen Größe überwältigendes Panorama entwickelte sich vor uns. Die Ausläufer des Arka-tag glichen Sphinxen, die nach Norden starren und ihre Tatzen vom Flusse benetzen lassen. Bald verschleierte sich jedoch die starre Schönheit der Natur mit tröpfelnden Wolken und Regennebel, der den Blick trübte, während wir unseren mühsamen Marsch immer höher talaufwärts fortsetzten, wo die Luft kalt und rauh war.
Während wir nach dem besten Wege Ausschau hielten, wurde Jolldasch vermißt, der sich die Freiheit genommen hatte, mit Turdu Bai zu laufen. Dieser hatte ihn einer Herde Orongoantilopen nachsetzen gesehen und geglaubt, er würde sich, wie gewöhnlich, schon wieder bei uns einstellen. Aber er ließ nichts von sich hören, und als wir dann bei Platzregen bei der nächsten Talgabelung lagerten, kehrte Turdu Bai um, um den Hund zu suchen.