Im Herzen von Asien. Erster Band.

Part 34

Chapter 343,639 wordsPublic domain

Vor dem Aufbruch zur ersten tibetischen Expedition gönnten wir uns im Hauptquartier im Tale von Mandarlik eine Woche Ruhe. Es war eine weidereiche, schöne, herrliche Gegend, die zwischen mächtigen Granitfelsen eingeschlossen war. Auf einer Terrasse am linken Ufer des munter rauschenden Flusses dieses Tales erhob sich unser wanderndes Dorf. Die Kosaken und der Schneider Ali Ahun, der beständig vollauf zu tun hatte, residierten in der großen mongolischen Jurte, hinter welcher Schagdur aus mitgebrachten Brettern eine Einfriedigung zimmerte, um das meteorologische Häuschen vor etwaigen Besuchen der Kamele zu schützen. Die Muselmänner wohnten teils in zwei geräumigen Zelten, teils in den schützenden Verschanzungen, die dadurch entstanden, daß die Kamellasten und die Maissäcke in Kreisen und Reihen aufgestapelt wurden. Ich selbst hauste in der kleinen Jurte, vor welcher alle meine Kisten standen, die zum Schutze gegen die oft genug fallenden Regenschauer mit einer weißen Decke zugedeckt waren. Die Aussicht talaufwärts war großartig; im Hintergrund erhob sich der Hauptkamm des Tschimen-tag mit seinen bei klarem Wetter blendenden Schneefeldern (Abb. 120). Die Kamele, die jetzt fast zwei Monate im Gebirge geweidet hatten und bald ins Feuer sollten, waren rund wie Tonnen und glänzten vor Fett. Auch die anderen Karawanentiere hatten es in jeder Beziehung gut. Von der Schafherde waren noch 42 Stück da; die verlorenen Hunde wurden durch drei zugelaufene ersetzt, welche halbwilde Deserteure von den nächsten mongolischen Lagerplätzen in Tschurchak waren.

Nach diesem Orte machte Schagdur einen Ausflug und wurde dort sehr freundlich aufgenommen. Die Mongolen versprachen uns alles, was wir an Tieren brauchen würden, zu verkaufen, und hofften, daß ich ihnen gelegentlich einen Besuch abstatten würde. Tscherdon ritt eines Tages talaufwärts, stieß dort auf eine Herde von 50 Yaken und erlegte eine prächtige fette Kuh. Ich beschäftigte mich mit Beobachtungen und Exkursionen und bereitete die nächste Reise vor. Proviant für sieben Mann auf 2½ Monate wurde beiseite gestellt. Alle überflüssigen Gäste, die unser Lager bevölkerten, wurden fortgeschickt.

Im Hauptquartier blieben Islam als Karawan-baschi, Faisullah als Hüter der vier Kamele von Abdall, Chodai Kullu, Kader und Chodai Värdi zur Besorgung der Pferde, Ali Ahun als Schneider und Schagdur als Bedeckung und Meteorolog. Er sollte die ganze Zeit über täglich dreimal ablesen und die selbstregistrierenden Instrumente in Gang halten. Musa aus Osch sollte uns bis an den Kum-köll mit sechs Pferden begleiten, die dazu bestimmt waren, anfangs den anderen Tieren die Lasten zu erleichtern, und Tokta Ahun sollte von dort mit ihm umkehren. Letzterer hatte gebeten, den Sommer in Mian, wo er Weizen baute, zubringen zu dürfen, erhielt aber Befehl, sich in 2½ Monaten wieder bei uns einzufinden und dann ein halbes Dutzend Kamele mitzubringen.

Die Karawane war mit besonderer Sorgfalt ausgewählt und folgendermaßen zusammengesetzt: Tscherdon als meine rechte Hand, Zelterrichter, Kammerdiener und Koch, Turdu Bai als Karawan-baschi für die sieben Kamele, Mollah Schah als solcher für die elf Pferde und einen Maulesel, Kutschuk als Ruderer für die geplanten Seefahrten. Nias aus Kerija, ein Goldgräber, den wir im Gebirge getroffen hatten, sollte als Handlanger der höhergestellten Muselmänner fungieren, und Aldat war so weit Wegweiser, als seine Kenntnis der Gegend reichte. Jolldasch kam natürlich mit und wohnte, wie gewöhnlich, in meiner Jurte. Von den übrigen Hunden nahmen wir nur Maltschik mit, sowie einen großen, gelben Mongolenhund, der einem Wolfe glich. Die zurückbleibenden Hunde zausten die abreisenden, mit denen sie nicht in Eintracht gelebt hatten, zum Abschiede noch tüchtig im Nacken. Von den Schafen wurden sechzehn mitgenommen, die der Goldgräber Nias hinter der Karawane hertrieb.

So zogen wir denn fort aus den Wohnungen des Friedens, unbekannten Schicksalen in unbekannten Teilen der Erde entgegen, und der Klang der Glocken und Schellen hallte von Mandarliks Granitfelsen wider (Abb. 121). Bald ließen wir das Haupttal, das sich bis an die Schneefelder hinauf zu erstrecken schien, rechts liegen und folgten einem kleinen, wasserlosen Tale. Von einem kleinen Passe zweiter Ordnung läuft nach Südosten ein von Jägern und Goldgräbern ausgetretener Pfad, der uns über ausgedehntes, kupiertes Weideland führt.

Obgleich wir im Zickzack über Hügel und Pässe auf und nieder wandern, gelangen wir doch allmählich in immer höhere Regionen.

Im Tale +Kar-jakkak+ (der fallende Schnee) fing die Natur schon an, einen mehr alpinen Charakter anzunehmen. Die absolute Höhe betrug 3984 Meter. Ein klarer Bach rieselte zwischen rundgeschliffenen Granitstücken, und auf seinen Uferwällen waren niedliche Blumen in üppiges Moos und Gras eingebettet. Überall war Überfluß an Kulan- und Yakdung, der uns gute Feuerung lieferte. Ein paar Yakschädel verkündeten, daß Jäger die Gegend besuchen, wo ihnen eine Höhle mit Feuerherd als Nachtlager dient. Das Murmeltier (Dawagan) hatte an mehreren Stellen seine Löcher in den Boden gegraben; die lebhaften, achtsamen Nagetiere saßen an den Eingängen ihrer Wohnungen und pfiffen, wenn wir herannahten. Rebhühner gackerten geschäftig auf den Berghalden.

Im oberen Teile dieses einladenden Tales schlugen wir Lager. Allerdings waren wir nicht sehr weit gekommen, aber ausgeruhte Tiere unter schweren Lasten dürfen zu Anfang nicht angestrengt werden. Das Gepäck wird mit der Zeit leichter, ja der Proviant vermindert sich leider viel zu schnell, und gegen ihn spielt das Gewicht der gesammelten Gesteinproben keine Rolle, obwohl auch diese schließlich zu einer nicht unbedeutenden Last anwachsen.

Wir hatten Mandarlik bei stechendem Sonnenbrand und Mückenspiel verlassen, aber schon jetzt sahen wir uns vom kalten Herbst umgeben. Als ich am anderen Morgen aus der Jurte trat, herrschte vollständiger Winter; der Schnee fiel in dichten Flocken, und der Boden verschwand unter einer kompakten Schneedecke. Mitten in Asien Mitte Juli vollständiger Winter! Wenn der Sommer schon so ist, bekommt man Respekt vor dem Winter in diesen Bergen.

Wir warteten besseres Wetter ab, aber das Schneien dauerte fort, und der Tag war verloren. Bisweilen fiel der Schnee nicht in Flocken, sondern in runden Hagelkörnern, die kräftig auf das Dach der Jurte schmetterten. Die Temperatur hielt sich etwas über Null, und gegen Mittag taute der Schnee auf der Jurte auf und tropfte durch alle Säume hinein.

Diese vierte Parallelkette des Kwen-lun-Systems zeigte sich schon bei der ersten Bekanntschaft den vorhergehenden sehr unähnlich. Letztere waren trocken, hatten keinen ewigen Schnee und besaßen abgerundetere Formen; hier waren wir in wirklichen Alpen mit Niederschlägen und reicher Vegetation. Bisher hatten wir 13-14 Stunden von einer der spärlich vorkommenden Quellen zur anderen wandern müssen; hier fanden wir auf Schritt und Tritt Wasser.

Obgleich das Schneien auch am 22. Juli fortfuhr, beschlossen wir trotzdem aufzubrechen. Der weiche Boden war glatt und tückisch, aber die Kamele kamen doch gut vorwärts. In den Tälern fiel der Schnee in großen, federleichten, feuchten Flocken, die verschwinden, sobald sie den Boden berühren, der nach und nach durchtränkt und naß wird. Auf den Höhen fiel er in Gestalt runder, leichter Graupeln. Diese sind für den Reitenden angenehmer, weil sie leicht herunterrollen, während man von den Flocken naß wird. Es tropft von der Mütze; die Hände sind naß und steif, das Kartenblatt wird knitterig und ruiniert. Der Blick dringt nicht weit, man erhält keinen Überblick über die Anordnung und Gestalt der Bergkämme. Nur im Norden wurde es ein paarmal hell, und man erblickte wie durch einen Tunnel den kuppelförmigen, flach gewölbten Rücken des Akato.

Der Tagemarsch führte in einem Bogen um einen mächtigen Teil des Tschimen-tag, immer bergauf und bergab. Nach all diesem durchkältenden Schnee war es schön, in +Jappkaklik-sai+ (3998 Meter), wo Teresken wachsen, die Weide aber kümmerlich ist, rasten zu können.

Die Temperatur sank abends unter Null; der Schnee blieb daher liegen und häufte sich zu einer dicken Schicht an, da er den ganzen Abend außerordentlich dicht fiel. Eigentümlicherweise war es dabei von Zeit zu Zeit im Zenit so klar, daß wir die Sterne funkeln sahen, während der Schnee in gewaltigen Flocken durch die Luft wirbelte. Ein Vorteil war, daß er nicht mehr schmolz, sondern sich wie eine wärmende Decke auf und um die Jurte legte. Die Temperatur ging auf -4,8 Grad herab.

Als am nächsten Morgen der Tag graute, wurde ich von einem entsetzlichen Lärm im Lager geweckt und eilte hinaus. Der Hirt Nias und alle Schafe, bis auf vier, wurden vermißt, und an den Spuren im Schnee konnte man leicht erkennen, daß uns während der Nacht Wölfe in dem Schneesturm und der dabei herrschenden undurchdringlichen Finsternis einen Besuch abgestattet hatten. Sofort wurden alle Mann auf die Fährte losgelassen, und Tscherdon nahm seine Flinte und stieg zu Pferd. Erst gegen 10 Uhr kamen sie mit Nias und einem Schafe wieder. Neun der übrigen hatten sie hier und dort zwischen den Hügeln erfroren gefunden; nur eines fehlte ganz.

Den Hergang beschrieb Nias folgendermaßen. Er hatte wie gewöhnlich im Freien unter einem Filzteppich neben seinen Schafen geschlafen, von denen nur vier angebunden gewesen waren; wenn nämlich nur einige stillstehen, bleiben die übrigen auch an der Stelle. Mitten in der Nacht hatten ihn Tritte im Schnee und das Blöken der Tiere, das jedoch das Heulen des Sturmes nur schwach durchdrang, aus dem Schlafe geweckt. Er fuhr in die Höhe und sah drei Wölfe, die gegen den Wind auf die Schafe losfuhren, um sie aus dem Lager zu treiben. Nias verfiel gar nicht darauf, erst die anderen Leute zu wecken, sondern stürmte, ohne sich zu besinnen, zu Fuß den Schafen nach. Er war die ganze Nacht wie ein Verrückter hinter ihnen hergelaufen, hatte aber nur das eine retten können. Der schlaue Angriffsplan war so gut geglückt, daß die Hunde nichts gemerkt hatten. Der „Mongole“ war schon wieder durchgebrannt, Jolldasch schlief in meinem Zelte, und der unerfahrene Maltschik lag, wie ein Igel zusammengerollt, hinter dem Zelte der Leute. Es nützte wenig, daß die Leute über alles, was Wolf heißt, fluchten und die Graubeine verwünschten; unser Proviant war und blieb schwer geschädigt. Aber Schafe sind und bleiben Schafe; warum mußten sie den sicheren Hafen des Lagers verlassen und ihren listigen Feinden gerade in den Rachen laufen?

Als wir dieses traurige Lager verlassen hatten und unseren Weg nach dem Passe hinauf fortsetzten, waren wir sehr erstaunt, das vermißte Schaf über die Hügel galoppieren zu sehen, wobei es uns erschreckt, wild und vorsichtig betrachtete und anscheinend nicht recht wußte, ob es uns für Freunde oder Feinde halten sollte. Doch sobald das arme Tier seine fünf Kameraden erblickte, gesellte es sich auf der Stelle zu ihnen. Es war wohl die ganze Nacht umhergeirrt, hatte sich zu seinem Glücke von den anderen getrennt und war so den Wölfen entwischt, die es übrigens, als sie sich ertappt sahen, für gut befunden hatten, sich zurückzuziehen.

Der Tag war klar und herrlich, und der Schnee schmolz weg. Wir schritten nach dem Hauptpasse des +Tschimen-tag+ (4269 Meter) hinauf, von wo aus man nach Süden ein stattliches Panorama vor sich hat. Eine neue Bergkette, der Ara-tag, zieht sich von Westen nach Osten hin; er ist jetzt ganz mit Schnee bedeckt, obwohl nur einige Gipfel im Südwesten wirkliche Firnfelder tragen. Das breite Längental zwischen Tschimen-tag und Ara-tag heißt einfach +Kajir+ (Lehmschlammtal) und wird von einem Flusse durchströmt, der nach Westen fließt. Wo er blieb, machten wir später ausfindig.

Von dem orographischen Bau des Tschimen-tag will ich jetzt nur sagen, daß er Mangel an Ebenmaß zeigt. Das Tschimental liegt 2961 Meter über dem Meere, das Kajirtal 4185 Meter, weshalb wir hier eine Stufe höher nach dem nordtibetischen Plateau hinauf gelangt sind. Wenn man den Tschimen-tag von Norden betrachtet, hat man eine gigantische Bergkette vor sich; von Süden gesehen, erscheint er unbedeutend, weil der relative Höhenunterschied gering ist.

Auch in diesem Lager hatten wir ein kleines Abenteuer mit den Schafen. Als ich wie gewöhnlich nach der meteorologischen Ablesung die Abendrunde machte, stellte sich heraus, daß von den sechs Schafen nur zwei angebunden waren. Da aller Wahrscheinlichkeit nach auch hier Wölfe umherstreiften, befahl ich, daß alle Schafe angebunden werden sollten. Doch als die vier losen Schafe gebunden werden sollten, jagte ihnen dies einen solchen Schreck ein, daß sie in wilder Flucht ins Gebirge hinaufrannten. Trotzdem es schon pechfinster war, eilten ihnen alle Mann nach, und eine halbe Stunde lang hörte ich verhallende Rufe von den Hügeln.

Schließlich kam Tscherdon mit zweien wieder, die er mit dem Lasso glücklich eingefangen hatte. Erst nach zwei Stunden näherte sich die Treibjagd auf die anderen wieder dem Lager; aber die armen Tiere waren derartig verängstigt, daß es unmöglich schien, sie zu ergreifen. Schließlich gelang es freilich, aber nur durch List. Erst wurden sie talabwärts getrieben und dann in Schlingen gefangen. Sie wurden von nun an immer angebunden, bis sie der Reihe nach geopfert wurden, um nicht den Wölfen, sondern uns selbst zugute zu kommen.

Von herrlichem Wetter begünstigt, bereiteten wir uns am Tage darauf unter tiefblauem Himmel, ohne ein Wölkchen, ja ohne einen Luftzug, auf die Erstürmung der nächsten Verschanzung in Nordtibets Randgebirgen, des +Ara-tag+ (Zwischenkette), vor. Auf dem Passe +Ak-tschokka-aituse+ (der weiße Felsenpaß, 4373 Meter) wiederholte sich das Panorama von gestern, nur sah man jetzt eine neue westöstliche Kette, den +Kalta-alagan+ (Kaltas Jagdgebiet), von dem der Ara-tag durch ein neues Längental geschieden wird, das sich weiter westwärts mit dem vorhergehenden vereinigt. Der vereinigte Fluß durchbricht darauf den Tschimen-tag und strömt in das Tschimental.

Zwei prächtige Kulane sprengten in unserer unmittelbaren Nähe heran und guckten über die hohe Terrasse; man hätte sie für zahme Pferde halten können. Als sie uns erblickten, stoben sie davon und setzten quer über das Tal, wobei sie mit unglaublicher Gewandtheit an dem jähen Abhange herab- und ebenso sicher an dem gegenüberliegenden hinaufkletterten, um im Nu zwischen den Hügeln zu verschwinden.

Die Unseren waren weit voraus. Ich wurde beständig durch Beobachtungen auf Pässen und in Tälern, Sammeln von Gesteinproben, Photographieren, Skizzieren usw. aufgehalten. Tokta Ahun kannte freilich einen Weg nach Südwesten über die nächste Kette, aber aus den Spuren ersahen wir, daß Aldat den Weg nach Osten durch das Haupttal hinauf eingeschlagen hatte.

In einem Seitental mit magerer Weide manövrierte eine Herde von zehn Kulanen und zwei kleinen Füllen, die erst ein paar Tage alt sein konnten; sie waren nett und geschmeidig und folgten ohne Schwierigkeit dem schnellen Laufe der älteren, als diese uns vorn und auf den Seiten umkreisten und unser Tun und Lassen mit größtem Interesse beobachteten.

Noch immer ging es höher hinauf; über einen hügeligen Paß gelangten wir in ein anderes, tief und energisch eingeschnittenes Tal. Es begann zu dämmern und kalt zu werden, und wir sehnten uns nach dem Anblicke der Rauchsäule, die wie gewöhnlich verkünden sollte, daß die Karawane einen geeigneten Lagerplatz gefunden. Doch die Spur schlängelte sich immer weiter aufwärts, und soweit der Blick reichte, sah man keine Zelte. Die Vegetation nahm ab, und wir näherten uns immer kälteren Regionen.

Es war klar, daß die Karawane den Weg über den Paß hinüber fortgesetzt hatte; doch nach dem mächtigen Flusse zu urteilen, dessen Tal wir folgten, mußte der Paß über den Kalta-alagan noch weit entfernt sein, und wir zerbrachen uns den Kopf darüber, weshalb die anderen einfach drauflosgegangen waren und nicht da Halt gemacht hatten, wo es noch Brennholz und Weide gab. Bei Sonnenuntergang ballten sich schwere, drohende Wolken zusammen; als es aber dunkel geworden war, zerteilten sie sich wieder, und eine sternklare Nacht brach herein. Die Berge verschmolzen immer mehr zu schwarzen Silhouetten, und die Kartenarbeit konnte nur mit Schwierigkeit fortgesetzt werden. Der Bach war noch groß und das Tal mit Schutt angefüllt, trotzdem aber sahen wir noch die Spur, die um einen Felsvorsprung bog und in ein kleines Nebental hineinging, das anscheinend nach einem näheren Passe hinführte.

Jetzt war alle Arbeit unmöglich. Was tun? Einfach in der Nacht weiterreiten, war keine Kunst, aber es durfte mir nicht passieren, daß ich in meiner Karte eine Lücke entstehen ließ, noch dazu an einem so wichtigen Punkte, wo es sich darum handelte, einen Paß erster Ordnung zu überschreiten. Ich blieb daher einfach da, wo wir waren, und befahl Tokta Ahun weiterzureiten, bis er die Karawane erreichte, und dann mit meiner Jurte und meinen Kisten zurückzukehren.

Währenddessen hatten Tscherdon und ich es in der nächtlichen Kälte und Dunkelheit in diesem Lager, das 4652 Meter über dem Meere lag, nichts weniger als gemütlich. Um 9 Uhr beschäftigten wir uns mit den meteorologischen Ablesungen. Dann waren wir der Untätigkeit und Erwartung preisgegeben. Wir kauerten uns dicht nebeneinander nieder, um uns warm zu halten, und unterhielten uns von ähnlichen Lagen, in denen wir uns früher einmal befunden hatten. Tscherdon hatte in dieser Hinsicht von den Manövern in Transbaikalien nicht viel zu berichten, ich aber hatte in Persien inmitten der Schakale im Freien gelegen, war am Ufer des Kara-kul im Pamir beinahe erfroren und hatte viele unheimliche Nächte in der Takla-makan-Wüste durchwacht.

Zum Schlafen war es zu kalt; die Kälte wurde immer stärker, wir hatten keine Pelze und mußten uns bewegen, um nicht zu erfrieren. Aber schließlich macht sich nach elfstündigem Ritt und all der damit verbundenen Arbeit Müdigkeit geltend, und der Kopf wird einem wüst und schwer. So krochen wir denn wieder zwischen zwei Felsblöcken, die uns Schutz gewährten, zusammen. Langgezogenes Wolfsgeheul in der Ferne ermunterte uns wieder, die Flinte wurde in Bereitschaft gehalten und die ungeduldig zwischen den Steinen scharrenden Pferde in unserer unmittelbaren Nähe angebunden. Hätten wir nur Feuer anmachen können, so wäre die Lage weniger ungemütlich gewesen, doch wie wir auch in der Nachbarschaft umhersuchten, wir fanden weder Yakdung noch Teresken. Es war zu dunkel; man konnte nur mit den Händen umhertasten, und es blieb uns nichts weiter übrig, als durch Stampfen und Armbewegungen dafür zu sorgen, daß der Blutumlauf nicht ins Stocken geriet.

Nach fünf unendlich langen Stunden hörten wir Hufe auf dem Schutte klappern. Kutschuk und Tokta Ahun kamen mit zwei Pferden und der Jurte. Eine halbe Stunde später erschien Turdu Bai mit den Kisten und Küchengeschirr auf Kamelen. Sie schoben alle Schuld auf Mollah Schah, der mit den Pferden weitergezogen sei, als Aldat ihm von einem guten Weideplatze an einer kleinen Quelle jenseits des Passes erzählt habe. Sie brachten einen Sack voll Feuerung mit, und das Mittagessen schmeckte nach siebzehnstündigem Fasten gar zu schön. Es graute schon über den kahlen Bergen, als wir uns schlafen legten.

Ermattet von den Anstrengungen des Tages und der Nacht kamen wir am folgenden Morgen nicht vor 10 Uhr in Gang; nun wurde die noch fehlende Strecke nach dem Lager Nr. 14, wo die übrigen warteten, zurückgelegt. Der Anstieg nach dem +Awraspasse+ (4786 Meter), auf dem wir den Kalta-alagan überschreiten, ist ganz unbedeutend. Hier entrollt sich uns eine unendlich weitgestreckte, großartige Aussicht nach Süden; aber jetzt handelt es sich nicht mehr um eine einzige, leicht orientierte Bergkette, sondern um eine ganze Welt von Bergen, deren richtige Einteilung Monate in Anspruch nehmen würde.

Von dem Passe führt ein trockenes Quertal auf offenes, flaches Terrain hinab. Bei einigen Hügeln, wo eine Quelle entspringt, hatte die Karawane am vorhergehenden Abend das Lager aufgeschlagen. Mollah Schah und Musa erhielten für ihren unnötig langen Marsch gehörige Schelte.

26. Juli. Jetzt ging es nach Westen weiter, in rechtem Winkel gegen die Route der letzten Tage und in der Richtung nach dem oberen Kum-köll, der mit dem Fernglase in der Ferne zu sehen war, später aber wieder durch kleine Hügel und Bodenanschwellungen verdeckt wurde. Auch jetzt marschierten wir in einem großen, breiten Längentale, das den Südfuß der mächtigen Kalta-alagan-Kette begleitet. Im Süden begrenzt unser Tal ein kolossaler Sandgürtel, der mir anfangs eine kleinere, mit den übrigen parallellaufende Kette von Hügeln zu sein schien, sich aber, als wir näherkamen, als eine Reihe von Dünen entpuppte, die beinahe ebenso gewaltig waren wie in der Takla-makan und die gleiche Farbe hatten. Dieselben Vorbedingungen für die Entstehung eines Sandmeeres, die in der Wüste vorhanden sind, finden sich also auch hier auf 4000 Meter Höhe vor. Die nördliche Grenze des Sandgürtels markiert sich außerordentlich scharf gegen den weichen oder kiesigen Talboden, wo die Tereske und andere Brennholz liefernde Büsche zerstreut wachsen. Die Dünenkämme ziehen sich in nord-südlicher Richtung hin und scheinen von vorwiegend westlichen Winden gebildet worden zu sein.

Mit dem Sande zur Linken und dem Kalta-alagan zur Rechten wurde der Tagemarsch recht einförmig. Das einzige, was dem Auge ein wenig Abwechslung gewährte, war das Tierleben. Kulane waren den ganzen Tag außerordentlich zahlreich; wir sahen sie überall auf den gleichmäßig und langsam nach dem See abfallenden Steppen grasen und auch miteinander kämpfen.

Die Murmeltiere beobachteten uns von ihren Löchern aus. Sie sahen zu drollig aus, wenn sie auf den Hinterbeinen standen und die Vorderpfoten über der Brust kreuzten. Erst wenn die Hunde ganz nahe sind, stürzen sie sich Hals über Kopf in ihre Höhlen. Auch Hasen waren häufig, und Wildenten sah man nach dem See fliegen. Die Mücken machten einen Angriff, der jedoch bald nach Sonnenuntergang endete. Den ganzen Tag herrschte Sommer; die Mittagstemperatur stieg auf +20 Grad, und es kam uns heiß vor, weil die Luft windstill war; man würde die bedeutende Höhe vergessen haben, wenn nicht selbst geringfügige Bewegungen Atemnot und Herzklopfen verursacht hätten.

Während des Rittes wurden zwei Kulanfüllen lebend gefangen. Aldat und Tscherdon ritten auf eine Herde von 34 Tieren zu, die bei ihrem Herannahen die Flucht ergriff. Eine Mutter aber blieb mit ihrem viertägigen Füllen zurück. Als sie die Gefahr näherkommen sah, ließ sie das Junge im Stich und vereinigte sich mit der Herde. Das Füllen blieb ruhig stehen und ließ sich ergreifen, ohne auch nur einen Versuch zur Flucht zu machen. Aldat nahm es vor sich auf den Sattel, dann wurde es, in eine Filzdecke gewickelt, auf ein Kamel gelegt. Es schien diese Beförderungsart ganz natürlich zu finden, aber es war auch noch nicht lange her, seit es von der Mutter in wiegendem Gange über diese Berge, die sein Aufenthaltsort werden sollten, getragen worden war. Das andere Füllen wurde auf dieselbe Weise beim Lager Nr. 15 gefangen.

Als ich im Lager anlangte, liefen die Füllen ganz ungeniert umher und zeigten keine Spur von Furchtsamkeit, wenn man sie streichelte (Abb. 122, 123). Es war mein Wunsch und meine Absicht, den Versuch zu machen, sie mit Mehlgrütze großzuziehen, bis sie sich selbst ernähren konnten, was im Alter von 20 Tagen geschehen soll. Wir würden sie mit der größten Liebe gepflegt haben und sie hätten uns über die Höhen ihres Heimatlandes begleitet. Doch als wir über die Sache sprachen, versicherte Tokta Ahun, daß sie binnen fünf Tagen sterben würden; er habe achtmal versucht, Kulane aufzuziehen, aber es sei stets mißlungen.