Im Herzen von Asien. Erster Band.

Part 33

Chapter 333,586 wordsPublic domain

Von dem oberen Teile einer schmalen, abfallenden Talfurche öffnet sich die Perspektive über die Oase, den Bach und die Herberge +Hung-lugu+, ein doppelt angenehmer Anblick nach einem solchen Tage. Sobald wir dort angekommen waren, wurden die Hunde nach dem Bache gebracht, und es folgte ein Trinken, das gar kein Ende nehmen wollte. Sie liefen in das frisch sprudelnde, schwach salzhaltige Wasser, das sie mit großer Begierde „löffelten“, wobei ihre Augen vor Freude strahlten. Manchmal ging es zu schnell, und das Wasser kam in die unrechte Kehle; dann husteten und räusperten sie sich, um sofort weiterzuschlürfen. Darauf legten sie sich der Länge nach ins Wasser, wälzten sich in dem am Ufer wachsenden Grase, bellten vor Freude und tranken von neuem.

Die Vegetation ist in diesem herrlichen Tale üppig und besteht hauptsächlich aus prächtigen, zu wirklichen Bäumen entwickelten Tamarisken, im übrigen aus Gras, Kamisch und allerlei Kräutern; in einer Erweiterung des Tales steht sogar eine Gruppe alter knorriger Pappeln. Wir zogen talaufwärts weiter. In einem herrlichen Tamariskenhaine fanden wir die Pferdekarawane, die den ganzen Tag bedeutenden Vorsprung gehabt hatte, und eine kleine Karawane von sieben Eseln und sieben Schafen, die Numet Bek einen Tag vorher von Abdall geschickt hatte, um uns mit Proviant zu unterstützen.

Nichts kann herrlicher sein, als nach 14½stündigem, angestrengtem Marsche durch eine Wüste von 70 Kilometer Breite eine solche Oase zu erreichen. Hier wurde auch in der Dämmerung eines der gemütlichsten Lager, die ich je gehabt habe, aufgeschlagen. Meine Jurte wurde zum ersten Male am Außenrande des Tamariskenwaldes aufgerichtet und war mit Bett, Teppich und Kisten so nett, sauber und einladend, daß ich die Fähre und ihre behagliche Kajüte nicht länger vermißte. Schagdur, Turdu Bai und Mollah Schah pflanzten ihr weißes Zelt unter den Tamarisken auf, die anderen kampierten in einem Dickicht, das einer Laube glich. Um 9 Uhr zeigte das Thermometer +20 Grad und im Wasser +12,8 Grad, so daß mir die gewöhnliche Abenddusche nach all der Hitze ziemlich kalt vorkam. Schon hier befanden wir uns in einer Höhe von 1953 Meter, 1115 Meter über Abdall.

Alle waren entzückt über den Tagesbefehl für den 3. Juli, der auf Ausruhen an der +Tattlik-bulak+ (süßen Quelle) lautete. Über die Hitze brauchten wir uns nicht länger zu beklagen; die Sonne stach mittags allerdings, aber es wehte aus Südwest, nicht gleichmäßig und ununterbrochen wie in der Ebene, sondern stoßweise, manchmal so heftig, daß die Jurte umzufallen drohte, manchmal hörte der Wind auf und machte der Windstille Platz. An der linken Talseite steht ein kleiner senkrechter Wall von Rollsteinen, und aus dieser Wand sprudelt mit einer Temperatur von +10 Grad die kristallklare süße Quelle hervor. Auf dem Walle oberhalb erhebt sich eine Steinpyramide mit ein paar Stangen. Auf einer derselben las ich: P. Splingaert 1894 und C. E. Bonin 1899.

Die Vegetation ist reich, obwohl sie nur in wenigen Arten auftritt. Von Tieren kommen nur einige kleine Vögel, Ameisen, Spinnen, Fliegen, Zecken und Käfer vor. Ein paar Bremsen hatten sich hierher verirrt; sie waren vielleicht von unseren eigenen Kamelen mitgebracht. Wir genossen unser Glück in vollen Zügen, und alles wäre gut gewesen, wenn wir nicht Maschka, den Liebling aller, verloren gehabt hätten. Beim Aufbruch von diesem herrlichen Ruheplatze wurden einige Veränderungen mit dem Gepäck vorgenommen. Die Jolle wurde in eine Filzdecke genäht, um vor dem Scheuern geschützt zu sein, und die Jurte wurde auf die Pferde geladen, die immer zuerst nach dem Lagerplatz gelangten. Von nun an sollte ich schon bei der Ankunft mein Haus fertig finden.

Der Weg führt zwischen Felsen von schwarzem Schiefer in dem Tale des Baches von Tattlik-bulak aufwärts. Die Tamarisken stehen gerade in Blüte, und ihre prachtvollen Blütentrauben mit ihrer reinen violetten Farbe erheitern sozusagen die sonst eintönige, braungraue Berglandschaft (Abb. 114). Unaufhörlich kreuzen wir den kleinen Bach, dessen frisches Wasser in unmittelbarer Nähe zu haben uns sehr angenehm war, da der Tag heiß wurde. Im Winter ist dieses ganze Tal mit Eis bedeckt. Der Bach friert nach und nach zu, und diejenigen, welche dann hier durchkommen, müssen auf dem Eise gehen. Man vermeidet dann diesen Weg, weil die Tiere sich leicht die Beine brechen können. Hier lag noch ein totes Kamel von einer mongolischen Pilgerkarawane, die diesen Weg im Winter gemacht hatte; es war auf dem Eise ausgeglitten und hatte ein Bein gebrochen. Gleich hinter Tattlik-bulak steht eine kleine Gruppe von Pappeln, und zwischen ihren Ästen lagen Stangen, die eine Art Bahre bildeten. Hier sollen früher Kameljäger ihr erlegtes Wild auf die Bäume gelegt haben, um es vor Hunden und wilden Tieren zu schützen. Jetzt kommen selten wilde Kamele in diese Gegend.

Als wir am Abend auf der kleinen Weide von +Basch-kurgan+ ankamen, war mein tragbares Hotel schon fertig und möbliert, ganz wie ein Wirtshaus an der Landstraße (Abb. 116). Doch darf ich dort nicht eintreten, um mich ausschließlich der recht notwendigen Ruhe hinzugeben. Nein, erst werden Thermo- und Barograph ausgepackt, dann die heute unterwegs gesammelten Gesteinproben etikettiert und eingepackt, darauf die Kartenblätter gezeichnet und zuletzt die Aufzeichnungen und Beobachtungen eingetragen. Um diese Zeit ist das Mittagessen fertig; ihm folgen um 9 Uhr die gewöhnliche meteorologische Ablesungsreihe und das Ablesen des Hypsometers; wenn dann auch noch die Chronometer aufgezogen und verglichen sind, gehe ich ins Freie, um eine Weile mit den Hunden zu spielen und sie zu füttern. Vor 11 Uhr ist die Tagesarbeit selten zu Ende; dann lese ich noch eine halbe Stunde im Bett, bevor ich in der frischen, gesunden Gebirgsluft fest einschlafe.

Um die Höhen nicht zu schnell zu nehmen, hatten wir beschlossen, während des Rittes nach dem Hauptquartier oft Rasttage einzuschieben; so wurde auch Basch-kurgan ein Tag geopfert. Hier treffen drei Täler zusammen, die in das lange Tal von Tattlik-bulak übergehen. Der Name „Festung des Talkopfes“ schreibt sich von der Ruine eines auf einem isolierten Hügel thronenden kleinen chinesischen Forts her. Schagdur und Mollah, mein Sekretär von Abdall, machten einen weiten Ausflug nach Osten, auf welchem ersterer nach einiger Unterweisung im Gebrauch von Kompaß und Uhr eine rohe Kartenskizze von dem Lande zu machen beauftragt war. Es war das erstemal, daß er eine solche Aufgabe löste, und wenn die Karte auch nur als Kroki verwendbar war, gab sie mir doch einen guten Begriff vom Verlauf der Bergketten und Täler in jener Richtung. Schagdur vervollkommnete sich später zu einem bedeutenden Grade von Sicherheit in der Auffassung des Terrains.

Bei Basch-kurgan kreuzten wir die untere Kette des Astin-tag, welche das Tal von Tattlik-bulak durchbricht; ein Paßübergang ist daher unnötig. Der nächste Tagemarsch führt uns weiter aufwärts nach dem Hauptkamme desselben Bergsystems. Dorthin gelangten wir jedoch nicht in einem Tag, sondern wir lagerten unterwegs schon in +Basch-joll+, einem kleinen Weideplatz mit einer herrlichen Quelle (+5,8 Grad) und den Ruinen einer chinesischen Festung.

Am 8. Juli hatten wir einen langen Wüstenweg vor uns und nahmen Wasser mit. Um 6½ Uhr brachen wir auf und zogen immer höher nach dem Kamme des Astin-tag hinauf. Auf beiden Seiten erheben sich steile, wilde, zackige Felsenmassen. Der Hohlweg erweitert sich und führt nach einem bequemen, hügeligen Passe hinauf, der merkwürdigerweise keinen anderen Namen als „Dawan“, der Paß, hat. Der bisher nach Osten führende Weg bog jetzt nach Süden ab. Doch auch ostwärts erstreckt sich zwischen felsigen Bergen ein Tal, in welchem zwei wilde Kamele davonflüchteten. Dies ist im innersten Asien das dritte Gebiet, wo ich wilde Kamele getroffen habe, und ich bin, nach den Beobachtungen, die später gemacht wurden, in der Lage, eine Karte ihrer Verbreitung zu geben.

Auf dem Passe sprühregnete es leicht; als wir aber hinuntergingen und das breite, flache Längental, das den Astin-tag vom Akato-tag trennt, überschritten, begann es tüchtig zu regnen, und der Donner rollte über den Bergen. Das Land ist eine Wüstenei; man sieht keine Spur von Leben. Wir waren über 13 Stunden geritten, als wir endlich die namenlose Steppe erreichten, wo die Karawane Halt gemacht hatte und die Tamariskenbüsche Feuerung gaben, wo aber weder Wasser noch Weide zu finden war.

Am Morgen des 9. Juli war der Himmel völlig klar und die Temperatur auf +0,7 Grad heruntergegangen. Die jetzt herrschende Marschordnung war folgende: voran gingen die Esel und die noch übrigen Schlachtschafe. Ihnen folgten Mollah Schah und Kutschuk mit den Pferden, und da sie schneller ritten als alle anderen, waren sie stets die ersten an den Lagerplätzen. Dann kamen Turdu Bai und Mollah mit den Kamelen und zuletzt ich mit Schagdur und Tokta Ahun. Letzterer war mein Cicerone, da er die Gegend sehr gut kannte. Schagdur hielt mein Pferd, wenn ich Berggipfel anpeilte oder Gesteinproben abschlug, deren Einpacken in Zeitungspapier seine Sache war. Infolge all des dadurch verursachten Aufenthalts langten wir stets ein, zwei Stunden später im Lager an als die anderen.

Im Südwesten leuchten die Firnfelder eines prachtvollen Bergmassivs, +Illwe-tschimen+ genannt; an der uns zugekehrten Seite desselben liegen zwei kleine Salzseen, der +Usun-schor+ und der +Kalla-köll+.

Während der kurzen Rast an einem Quellbecken am Fuße des Akato-tag veränderte sich plötzlich das Wetter; der Himmel überzog sich, und es gab einen Platzregen; wir waren augenscheinlich schon mitten im Klima Tibets, wo Sonnenschein, Wind und Regen miteinander in wenigen Minuten abwechseln.

Von der Quelle gehen wir durch eine trockene Rinne nach Südwesten. Hier erhob sich ein heftiger Südweststurm, der keinen Regen brachte, aber Staub und Sand aufwirbelte und uns so das Gesicht peitschte, daß die Haut schmerzte. Er kam wie eine kompakte gelbgraue Wand von lauter Wirbeln angezogen und hüllte uns in einen Nebel ein, der die Landschaft auf allen Seiten verschwinden ließ. Nichts als der Weg ist sichtbar; man schwankt im Sattel und kann nur mit Mühe seine Aufzeichnungen machen, wobei die Marschroutenblätter beinahe zerrissen werden. Nach zwei Stunden endete der Orkan ebenso plötzlich, wie er losgebrochen war. Wir waren sozusagen durch einen Fluß von Wirbelwind gewatet. Im Gegensatz zu den Stürmen des Tieflandes klärte sich die Luft sofort auf und wurde wieder ebenso rein und durchsichtig wie vorher. Daß der Flugsand von diesen heftigen Bergwinden wirklich weitergetragen wird, sahen wir sofort; auf dem leichten Doppelpasse des Akato lagen kleine Dünen angehäuft, die südwestliche Winde dorthin geführt hatten.

Auf dem Südabhange, den wir südostwärts kreuzten, wiederholte sich dasselbe orographische Relief, das wir beim Astin-tag gesehen hatten. Der Sai, der harte Schuttkegel, fällt langsam nach einem neuen Riesentale ab, das sich von Westen nach Osten zieht und im Süden von einer neuen Bergkette, dem Tschimen-tag, begrenzt wird. Der Sai geht in Kakir, horizontalen, im Wasser nach Regen abgelagerten Tonschlamm, über. Hier lagen die Gerippe der beiden Pferde, die von Tscherdons und Faisullahs Karawane gestorben waren. Endlich hob sich vom Ufer eines kleinen Sees, der nur den Namen „+Köll+“ führt, einen halben Kilometer Durchmesser hat und von Rasen umgeben ist, die Jurte ab.

Seltsamerweise traten jetzt wieder Mücken und Bremsen auf, und namentlich die ersteren plagten uns sehr, bis wir das Hauptquartier in Tschimen-tag verlassen hatten. Sobald man einen Augenblick stillsteht, wird man von ihnen umschwärmt; Pferde und Hunde werden ebenso heftig angegriffen, aber die Haut der Kamele ist für ihre feinen Folterwerkzeuge zu dick. Hier in den Bergen leben und regieren die Mücken jeden Sommer 2½ Monate. Man wundert sich, daß ihre Larven die hier im Winter herrschende strenge Kälte überdauern können.

Am 10. Juli zogen wir schräg über das Tal nach Südosten und kreuzten dabei verschiedene Rinnen, bis wir an die Schlucht Temirlik kamen, wo wir an einigen von frischer Weide umgebenen Quellen rasteten.

Es war eine wahre Feuerprobe, am folgenden Morgen mitten im ärgsten Mückentanze die astronomischen Beobachtungsreihen auszuführen; die Mücken nahmen immer die Gelegenheit wahr, wenn ich an den Schrauben drehte und mich nicht verteidigen konnte.

+Temirlik+ (2961 Meter über dem Meere) sollte später während der Reise ein wichtiger Punkt werden. Auch jetzt stellten sich mehrere Gäste in unserem Lager ein. Gleichzeitig mit uns kamen vier Goldgräber aus den Gruben von Bokalik an; sie hatten sich ein paar Monate im Gebirge aufgehalten, aber nicht so viel Gold gefunden, daß es der Rede wert war, und kehrten daher mißmutig nach Chotan zurück. Während des Ruhetages stieß die in Tscharchlik bestellte Maiskarawane mit ihren fünf Führern und einem artigen Briefe des Ambans, den ich S. 284 mitgeteilt habe, zu uns. Schließlich kamen auch Boten aus dem Hauptquartier, wohin wir noch zwei Tagereisen hatten, mit der Nachricht, daß dort alles gut stehe.

Der eine war Chodai Värdi, „der von Gott Gegebene“, wie der Name besagt, tatsächlich aber ein unangenehmer Kerl aus Jangi-köll, der mir später einmal beinahe einen verhängnisvollen Streich gespielt hätte. Der andere hieß Aldat und war afghanischen Stammes, wohnte aber in Tschertschen. Er hatte in den Bergen überwintert, um Yake zu schießen, deren Haut er an Kaufleute aus Kerija verhandelte. Er war ein prächtiger, hübscher junger Mann, der jährlich als Nimrod in diesem wilden Gebirge umherstreifte. Er wandert im Herbste hierher und nimmt großen Munitionsvorrat mit. Die Flinte und der Pelz sind das einzige, was er sonst noch zu tragen hat, und dann streift er den ganzen Winter wie ein halbwilder Bergbewohner ohne Zelt und Proviant umher und lebt von dem Fleisch der Yake, die er schießt, und stillt seinen Durst aus den Quellen, die der ewige Schnee speist. Im Sommer kommen dann seine Brüder mit Eseln, um die Yakfelle von seinen verschiedenen Stapelplätzen abzuholen; sie schneiden die brauchbaren Stücke aus und bringen sie nach Tschertschen. Islam hatte ihn engagiert, weil er alle Gebirgsgegenden bis an den Fuß des Arka-tag genau kannte; weiter südlich war Aldat aber nie gewesen.

Aldat war ein seltsamer, aber sympathischer Mensch, hatte eine Adlernase und einen Vollbart, sowie den harmonisch geformten Schädel der arischen Rasse, ein Typus, dessen edle Züge durch keinen Tropfen mongolischen Blutes verdorben waren. Das einsame, düstere, an Entbehrungen reiche, aber dennoch fesselnde Leben, das er auf den Bergketten und in den engen Tälern des Kwen-lun zu führen gewohnt war, spiegelte sich wider in seinem wehmütigen Blicke, der zu grübeln und zu fragen schien. Er war noch nicht lange bei uns, als er sich auch schon gut zurechtfand. Er redete nie unnötigerweise, antwortete kurz und klar auf Fragen und ging, die Flinte auf der Schulter, beinahe stets für sich allein. Sein Gang war königlich; er schien über den Boden hinzuschweben, wurde nie müde und verspürte nichts von dem ermattenden Einflusse der Luftverdünnung.

Ich fand großen Gefallen an Aldat und schlug ihm vor, sich an unserer ersten Tibetexpedition zu beteiligen, was er ohne Zögern annahm. Das Leben, das er führte, erschien mir ebenso unerklärlich wie verlockend. Ich fragte ihn, was er anfange, wenn die Jagd fehlschlage und er nichts zu essen habe. „Dann hungere ich,“ antwortete er, „bis ich wieder einen Yak finde.“ Wo er schlafe? In Klüften und Schluchten, manchmal auch in Höhlen. Ob er sich vor Wölfen fürchte? Nein, er habe Zunder, Stahl und Stein und zünde allabendlich ein kleines Feuer an, an dem er sein Yakfleisch brate; überdies vertraue er auf seine Flinte. Sich verirren? Nein, das könne er nicht; er kenne alle Pässe und habe die Täler unzählige Male durchstreift. Und das beständige Alleinsein falle ihm durchaus nicht schwer; er habe keine anderen Freunde, die ihm fehlen könnten, als seinen alten Vater und seine Brüder.

Ein unruhig umherirrender Geist in Menschengestalt! Ich kann mir kaum ein Land denken, in dem das Alleinsein unheimlicher ist als Tibet; die Wüste wäre nicht schlimmer. Bei Tag geht es noch an, aber nachts, wenn die Kälte die Haut schmerzen macht und die dunkeln Bergketten sich unheimlich drohend im Mondschein erheben! Armer Aldat, wie manches Mal war er müde und matt nach fehlgeschlagenen Hoffnungen an die einsame Quelle gekommen, wo nur die Antilopen zu trinken pflegten, und hatte sich, in seinen Pelz gehüllt, am Rande ihres Bettes hingelegt und dort den langsamen Gang der Stunden der Nacht abgewartet. Und wenn die Sonne, seine einzige Freundin in der Wildnis, endlich aufging, geschah es nur, um ihn zu ermahnen, die Jagd nach wilden Yaken ohne Rast und Ruh wie ein Spürhund fortzusetzen. Sein Leben war in Wahrheit gefährlich, arm und groß, und, als er schon lange tot war, konnte ich nicht verstehen, wie er es ausgehalten hatte; noch heute ist er mir ein Rätsel. Ich hatte alles, dessen ich bedurfte, Diener, eine Leibwache von Kosaken, Wächter und Hunde, aber dennoch war mir, wenn der Schneesturm klagend um die Jurte sauste und die Wölfe in den Bergen heulten, oft ganz wunderlich zumute.

Die Leute, die mich auf dieser Reise nach dem Hauptquartier im nördlichen Tibet begleiteten, sollten sich alle auf die eine oder andere Weise auszeichnen. Turdu Bai war, wie schon erwähnt, der beste Muselmann, den ich in meinem Dienste gehabt habe, und wenn er zugegen war, war ich stets der Kamele wegen beruhigt. Schagdur war über jedes Lob erhaben, und ich kann nicht Worte genug finden, um die Dienste, die er mir leistete, zu würdigen. Er lernte alles, vergaß nichts und brauchte nie erinnert zu werden, und ich hatte ihn stets gern in meiner Gesellschaft. Es war ein gewisses Etwas an ihm, das ihn so sympathisch machte. Ich bewunderte hauptsächlich seinen wilden, verwegenen Mut in Gefahren und die Ruhe, mit der er schwere Aufgaben übernahm. Zweimal hatte er später Gelegenheit zu zeigen, wie gern er sein Leben für mich hingegeben hätte. Es war ein ebenso erhebendes wie wohltuendes Gefühl, sich von solcher Treue in der blindesten, uneigennützigsten Gestalt, die ich je kennen gelernt, umgeben zu wissen; daher hielt ich sehr viel von diesem jungen burjatischen Kosaken, der in seiner Heimat vor den Götzen des Lamaismus gekniet hatte, ihnen jetzt aber verächtlich den Rücken kehrte. Es war nicht mein Verdienst, daß dies geschah, denn ich fühlte mich nicht berufen, den Glauben der Asiaten zu erschüttern, wohl aber gab das Leben in meiner Karawane sowohl Schagdur wie den anderen mancherlei zu denken, wovon sie früher nie geträumt hatten.

Tokta Ahun aus Abdall war ein durchaus ehrlicher Naturmensch, ein verständiger Kerl, der mir von großem Nutzen war. Ich habe vorher erwähnt, daß er sowohl die Pferde wie die Kamele nach Temirlik begleitete und jetzt mit uns zum dritten Male in zwei Monaten die Reise nach dem Hauptquartier hinauf machte, das kürzlich der Mücken halber von dieser Quelle nach +Mandarlik+ (3437 Meter) verlegt worden war. Da er bei einer späteren Expedition eine hervorragende Rolle spielen wird, sage ich jetzt nichts weiter über ihn.

Auch mit Kutschuk wird der Leser bald genauere Bekanntschaft machen; er war ein prächtiger, außergewöhnlich tüchtiger Mensch. Auch Mollah Schah war mit in Nordtibet.

Bleibt also nur noch Mollah, der „Herr Doktor“, eine klassische Erscheinung von fünfzig Lenzen, ein kleines, dürres, verhutzeltes Männchen, ohne ein Härchen auf Kinn und Lippen, weshalb wir ihn manchmal scherzend fragten, ob er nicht eigentlich ein verkleidetes Weib oder im besten Falle ein Mongole sei, welche Reden für die Gläubigen des Propheten gerade nicht schmeichelhaft sind. Er redete mit einer Stimme, die scharf wie ein Pfriemen war, und schwatzte immer, sogar abends, wenn keiner zuhörte. Doch er war sehr lustig, wußte gut Bescheid und war bei allen beliebt. Auch Mollah Schah werde ich noch genauer vorstellen, denn er begleitete mich auf der zweiten Expedition nach dem Lop-nor.

Der Abend wurde durch ein rasendes Gewitter aus Westen verherrlicht, und die Windstöße drückten beinahe die Jurte nieder, die auf allen Seiten verankert werden mußte. Ein strömender Regen durchweichte unsere Wohnungen und machte den Boden schlüpfrig, und die Leute, die den Mais gebracht hatten, kauerten sich unter den Filzstücken und Sackleinwandstreifen, die sie zur Hand hatten, wie Murmeltiere zusammen. Die jungen Hunde bellten wütend bei den Donnerschlägen, die sie jetzt zum ersten Male hörten und wohl für irgendeinen unerlaubten Spektakel in den Bergen hielten. Doch da es fortfuhr zu donnern, beruhigten sie sich allmählich und knurrten nur noch leise. Schließlich schienen sie dahinterzukommen, daß der Donner zum Stück gehöre und sich durch Hundegebell nicht erschrecken lasse.

Am 12. Juli gingen wir nach Osten über das Tal +Usun-jar+. Hinter der trockenen Schlucht +Basch-balgun+ verlassen wir den Vegetationsgürtel und reiten auf hartem, unfruchtbarem Kiesboden weiter; links aber sehen wir noch immer den hellen Grasgürtel, der sich bis an den Geröllfuß des Akato erstreckt, von wo aus die Karawane von ein paar Kulan- oder wilden Eselherden neugierig betrachtet wird.

Östlich von der Quelle +Kumutluk+ sieht man im Nordosten die bedeutende Wasserfläche des +Gas-nor+ einen großen Teil des Talgrundes einnehmen. Die Ufer sind von so heimtückischen Sümpfen umgeben, daß man nur an einem einzigen Punkte an den See gelangen kann. Sie glänzen hier und dort kreideweiß wie von Schnee, und das Wasser ist scharf salzig. Im Westen des Gas-nor liegt eine kleine Süßwasserlagune, Ajik-köll genannt, weil sich dort Bären von den Früchten der Sträucher ernähren sollen.

Bei +Tschiggelik+ (Binsenstelle, 2977 Meter) oder Dundu-namuk (mittelste Quelle), wie die Mongolen den Platz nennen, wachsen „Boghana“-Sträucher, Kamisch und Binsen; hier war die Luft buchstäblich voll von Mücken und Moskitos, die uns ärger peinigten als je am Tarim und ein Jucken wie von einem Ekzem hervorriefen.

Jetzt hatten wir nur noch eine Tagereise vor uns. Wir ritten gegen Süden das Tal von Mandarlik hinauf, das sich zwischen 8 Meter hohen Geröllterrassen scharf markiert und höher oben von einem kristallhellen Bach durchrauscht wird. Wir treten in dieses Quertal auf dem Nordabhange des Tschimen-tag ein; die äußersten Felsausläufer lassen wir hinter uns zurück, die Granitmassen mit ihren wilden, bizarren Vorsprüngen rücken einander immer näher. Wendet man sich im Sattel um, so sieht man wie durch ein breites Tor den Gas-nor und dahinter in der Ferne den Kamm des Akato-tag. Das breite Tschimental läuft im Osten in das Zaidambecken aus.

In einer Erweiterung des Mandarliktales weiden unsere Pferde, Maulesel und Kamele. Tscherdon, Islam, Faisullah und die anderen kommen uns zu Fuß entgegen, und bald darauf sind wir wieder daheim in einem großen, gut ausgestatteten Hauptquartier (Abb. 117, 118, 119).

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Über den Tschimen-tag, Ara-tag und Kalta-alagan nach dem oberen Kum-köll.