Im Herzen von Asien. Erster Band.
Part 32
Du gleichst der weißen Ente. Ich möchte die Nacht an deinem Busen zubringen. Wenn du zum abendlichen Saitenspiele tanzest, umflattern dich die schönen Bänder. Ich sitze bei mir, du bei dir, aber ich weiß, daß du an mich denkst. Sende mir den Falken, den du auf deiner Hand trägst. Wenn ich mich abends hinlege, kann ich nicht schlafen, weil ich an dich denke. Deine Eltern wollen dich mir nicht geben, sie geben dich gewiß einem Bek aus Turfan. Die Leute sagen, daß deine Eltern dich mir darum nicht geben, weil sie mich nicht mögen. Meine Sehnsucht nach dir macht mir den Kopf wirr, mir ist, als drehten sich die Wolken um mich herum. Du hast einen vornehmen Mann bekommen, und ich bleibe einsam und verlassen. Ein anderer hat dich genommen, ich bekam dich nicht. Deine Mutter hat Brot und Saatkorn in Menge, ihr Vorrat nimmt kein Ende. Wenn deine Mutter morgens Brot backt, kocht schon der Kessel. Es ist so lange her, seit ich dich sah.
Es ist derselbe Klageton, der durch alle diese Liebesergüsse geht: es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu, wo man ihr auf Erden begegnet. Aber auch die Lieder, die nichts mit Liebe zu tun haben, sind ebenso wehmütig. So singt zur Zeit des alten Numet Bek (etwa 1700 geboren) ein Jüngling ein Lied an seinen Bruder; sie waren beide vom Kara-koschun, hatten sich aber nach Abdall begeben:
Reise du heim und erkundige dich, wie es dort steht; ich fahre aus und fange Fische. Wenn die Fische hier knapp sind, reise ich lieber nach Hause und fische dort. Ich sehne mich so nach Hause, daß ich nicht essen kann. Alle in dieser Gegend, Gute und Böse, schelten auf mich, so daß ich nicht essen kann. Ich kam hierher, um zu sehen, ob dies ein guter Ort sei, aber meine Frau und die Kinder blieben in Jatschi (Dorf am alten Kara-koschun). Wenn ich mit dem Kahne früh abfahre, komme ich in einem Tage heim. Jetzt reise ich; es war dumm, daß ich den Pelz und andere Sachen, die ich hätte zu Hause lassen können, mitnahm. Wenn die Abdalleute mich auch töten wollen, werde ich mich nicht umsehen, sondern heimreisen. Sie mögen nach Belieben hinter mir herschelten und schreien, aber heim fahre ich. Wie das Siebengestirn am Himmel und das Archari auf den Bergen ging ich von Hause fort, und nun weine ich. Jetzt fahre ich heim; lebe wohl du mein einziger Freund an diesem Orte. Wenn ich dich verlassen habe und nach Hause zurückgekehrt bin, sind wir wie durch einen hohen Berg getrennt.
Vor hundert Jahren sprach ein blinder Greis in Tusun-tschappgan seinen Schmerz in folgendem Liede aus, das noch gesungen wird:
Ich Armer bin von Gott mit Blindheit gestraft worden. Wie bin ich jetzt unglücklich; nun sehe ich weder die Hütten noch die Kamischhecken um sie herum, sondern muß einsam in meiner Sattma sitzen! Jetzt ist es traurig, ich kann meine Freunde weder sehen noch treffen, meine Knochen sind so weich wie Mehl geworden. Seit ich blind geworden bin, ist mir, als ob mein ganzer Körper schmerze. Gott hat mich hart gestraft, daß er mich die Hütten und die Kamischfelder nicht sehen läßt. Weshalb, Gott, ließest du mich geboren werden, wenn du mich nachher meines Augenlichtes berauben wolltest? Seit ich blind geworden, ist mein Inneres voll Kummer und Gram. Möchte Gott nie einen anderen Elenden mit Blindheit heimsuchen! Da ich nicht sehe, kann ich nicht gehen, ohne die Hände zum Fühlen auszustrecken. Meine Kinder rufen mir zu: du tust nichts, du fängst keine Fische, du verschaffst uns nichts zu essen. Es wäre besser, wenn Gott mich sterben ließe, statt mich zu meiner Qual in dieser Welt zu lassen. Früher konnte ich Geld verdienen, jetzt sehe ich es nicht einmal und kenne es nur wieder, wenn ich daran rieche. Gott hat mich hart gestraft, als er mich so elend werden ließ. Wenn ich mit meinem Weibe sprechen will, antwortet sie mir nur mit harten Worten. Als ich sah, erhielt ich gut zubereitetes Essen; jetzt stellt sie mir kaum Tee hin. Wenn ich nur sehen könnte, würde ich wie früher auf den See hinausfahren und meine Netze auslegen. Würde ich es jetzt versuchen, so würde ich den Weg nicht finden können und an die unrechte Stelle kommen. Als ich Kind war, müssen meine Eltern für ein Versehen meinerseits den Wunsch ausgesprochen haben, daß ich blind werden möchte. Früher konnte ich meine Netze auslegen, doch dem Blinden ist das Fischen unmöglich. Jetzt, da ich die Meinen nicht mit Fischen versehen kann, werden sie nur halbsatt. Ich glaubte, daß du, mein Sohn, mir auf meine alten Tage helfen und mich ernähren würdest, aber du hast mich von dir gestoßen.
Daß ein Volk, welches früher fast ganz von Fischnahrung gelebt hat, den Fischfang und die kleinen Abenteuer dabei besingt, ist selbstverständlich. Als Probe dieser kunstlosen Seepoesie mag das im Fischerdorfe Kara-koschun passierte und besungene Mißgeschick dienen:
Ich war draußen auf dem See, als der Sturm kam und meinen Kahn umriß, und hier liege ich nun, und Vater und Mutter wissen es nicht. Die Fische und das Brot, die ich mit hatte, landeten im Magen des Sees statt in meinem Magen. Beim Schiffbruche konnte ich nichts weiter retten als den Kochtopf, Gott sei gelobt. Ich habe gewiß harte Worte gegen einen Älteren gebraucht oder irgendein Unrecht getan, weil ich diese Strafe erhalten habe. Mein Kamerad, der gleichzeitig mit mir draußen war, verlor nichts; Gott muß ihn lieben. Ich hatte 30 Fische in einem Bunde und 12 in dem anderen, und alle gingen sie unter. Wenn ich jetzt aufstehe und mich spute, komme ich zum Abendessen nach Hause. Ich warf einen Blick auf die Binsenbündel, die auf dem Wasser schwammen, und eilte dann heim. Bei meiner Heimkehr schalten meine Eltern und sagten: Was hast du mit all den Fischen gemacht? Und ich antwortete: Wäret ihr froher über die Fische gewesen als über meine Rettung, so könnt ihr mich ja totschlagen. Du, mein Freund, komm, laß uns das Boot an Land ziehen und es zum Trocknen hinlegen.
Ich kann auch einige Proben geben, wie die Menschen, welche derartige Lieder singen, ihre Briefe schreiben, was ebenfalls von Interesse sein dürfte. Die Schriftstücke zeugen bei all ihrer sklavischen Untertänigkeit von großem Wohlwollen und großer Höflichkeit, und zwischen den Zeilen schimmert das Ansehen hervor, dessen sich unsere Karawane überall erfreute. Während meines Aufenthalts im Lande erhielt ich Massen von Briefen und mußte einen einheimischen Sekretär für ihre Beantwortung haben. Der Sekretär las mir die Briefe vor, und ich teilte ihm mit einigen Worten mit, was er antworten sollte. Es ist sowohl komisch wie für die Achtung, die wir genossen, bezeichnend, daß alle diese Briefe mit den Worten. „Dem großen König, dem gnädigen Herrn, Gottes Segen“ begannen. Als die Kosaken mich Exzellenz nannten, fand ich diesen Titel schon übertrieben, aber den Beken des Loplandes war er noch viel zu nichtssagend; sie kamen sofort mit Ullug Padischahim (Eure Majestät). Ich fühlte mich zweihundert Tage lang beinahe als König von Lop-nor.
Der alte Naser Bek von Tikkenlik überraschte mich mit folgendem Briefe:
Wir, Eure allerschlechtesten Untertanen, Naser Bek, mein Schwiegersohn und alle, Große wie Kleine, wünschen unserem großen Padischah, daß Ihr, was Gott gnädig geben möge, in Tschimen ruhig und friedvoll anlanget; und wenn Ihr dorthin gekommen seid, hatten wir zu Euch eilen und Euch dienen wollen, aber der Amban ist hier, und ich kann daher nicht um Urlaub bitten. Indessen wäre es notwendig gewesen, daß ich mich bei Euch eingestellt und meine Verbeugung gemacht hätte. Wenn Ihr mich durch eine Zeile von Tschimen wissen laßt, daß Ihr ruhig und friedvoll dort angekommen seid, wäre ich sehr dankbar. Zum Zeichen, daß ich lebe, sende ich Euch zehn Ellen weiße Leinwand. Bitte, vergeßt mich nicht.
Mirab Bek von Ullug-köll schreibt:
Eure niedrigen Sklaven und Diener, Mirab Bek von Ullug-köll und sein Sohn Baker Schang-ja, Seidulla Imam, Mahmet Baki Masin, Sati Ahun, Allah Kullu, alle großen und kleinen Bewohner Ullug-kölls, fragen durch diesen Brief nach der Gesundheit des Tura (des Herrn). Wir hätten Euch begleiten und Euch dienen müssen, konnten es aber nicht, weil wir den Amban fürchteten. Gott allein weiß, ob wir Euch noch einmal wiedersehen werden; doch hoffen wir es. Wenn wir erfahren, daß Ihr glücklich im Gebirge angelangt seid, werden wir in Wahrheit Gott danken, und wir werden beten, daß Ihr wieder hierherkommt, damit wir uns wieder treffen.
Mehr kollegialisch schreibt der Amban von Tscharchlik:
An den sehr lieben und gnädigen Herrn He-dani (Hedin) von Dschan Daloi aus Tscharchlik. Ich bitte, schriftlich mein Bedauern aussprechen zu dürfen, daß wir, als wir uns zum erstenmal in Tikkenlik trafen, keine Gelegenheit hatten, einander zum Gastmahl einzuladen. Wir trafen uns spät, Ihr fuhrt nach Eurem, ich nach meinem Bestimmungsorte, aber wir werden einander nie vergessen. Gebe Gott, daß wir uns einmal unter günstigen Verhältnissen treffen! Wir müssen uns nahetreten, einander kennen lernen und die besten Freunde werden. Möchten wir nicht anders als gut voneinander denken. Von woher und wann es auch sein möge, schreibt mir einen Brief und fordert mich zu einer Begegnung auf. Wir bitten, Euch mitteilen zu dürfen, daß wir den Brief von Chalmet Aksakal gelesen haben und sehr dankbar sind, daß Ihr uns gebeten habt, die Diebe ausfindig und dingfest zu machen. Wir haben die abhanden gekommenen Waren bei den Dieben gefunden und die Sache, die gesetzlich behandelt und abgeschlossen ist, schon erledigt. Wünscht Ihr noch etwas mehr, so seid so gnädig und laßt mich es wissen. Leider konnte ich nicht mehr zu Euch kommen, habe aber Nachricht erhalten, daß Ihr hier vorbeipassiert seid. Für alle Fälle schicke ich Euch 100 Dschin Reis und ein paar Flaschen Branntwein und bitte Euch, mich nicht zu vergessen.
Infolge der Etikette konnte er mich nicht aufsuchen, weil ich keine Miene gemacht hatte, ihm eine Visite abzustatten. Den Branntwein mußte der Bote wieder mitnehmen; dergleichen durfte es in unserer Karawane, wo strenge Mannszucht gehalten wurde, nicht geben. Im allgemeinen ist auf die Artigkeiten der Chinesen, ob sie mündlich oder schriftlich ausgedrückt werden, nicht viel zu geben, doch hinsichtlich Dschan Dalois hatte ich keinen Grund, mich zu beklagen. Als er ein Jahr darauf von dem Generalstatthalter in Urumtschi abgesetzt wurde, hieß es in Tscharchlik, der Grund seiner Absetzung sei seine allzu große Dienstwilligkeit gegen einen „Jang-kwetsa“ oder „fremden Teufel“. Von dem Boxeraufstande in China verspürten wir nicht einmal eine schwache Dünung; kein verhallendes Echo davon drang bis ins innerste Asien.
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Aufbruch nach Tibet.
Das Warten dauerte uns schließlich zu lange, und mit sehnenden Blicken betrachteten wir die Kurve des Barographen, die durchaus keine Neigung zeigte, Sturm zu verkünden. Ich lag meistens auf meinem Bett, las Bücher von Selma Lagerlöf und Kipling und studierte die buddhistische Mythologie; doch die Bremsen hoben die Belagerung nicht auf, und der Wind gab uns keine Gelegenheit, einen Ausfall zu machen und ihre Umzingelungskette zu sprengen. Nun verlor ich die Geduld und beschloß, am Abend des 30. Juni auf jeden Fall aufzubrechen. Die Karawane sollte zu Land den etwa siebenstündigen Weg um die Sümpfe machen und mich in Joll-arelisch oder an dem Punkte, wo die Straße nach Sa-tscheo sich von der ins Gebirge führenden scheidet, wieder treffen. Ich selbst wollte zu Kahn über dieselben Seen wie im April fahren, und da Joll-arelisch bereits auf einer der Karten von jener Exkursion eingetragen war, entstand also dadurch keine Lücke in der Karte.
Im Laufe des Tages wurde alles gepackt, Kisten und Lasten wurden geordnet, die englische Jolle verstaut, alle Forderungen bezahlt und die Post nach Europa den Kosaken überantwortet, die beide ihre Pässe und je ein Geschenk von 2 Jamben, sowie das Versprechen erhielten, daß ich sie ihrem obersten Kriegsherrn, dem Zaren, aufs beste empfehlen würde. Sie nahmen auch einen Brief nach Tscharchlik an Dschan Daloi mit, in welchem ich diesen bat, sofort 3000 Dschin Mais (30 Esellasten) in das Hauptquartier zu schicken. Die Bezahlung für die Furage und den Transport konnte ich erst beim Empfang aushändigen, weil ich infolge des unvorhergesehenen Aufbruchs der Kosaken ganz leere Taschen hatte. Die Kasse befand sich im Hauptquartier am Tschimen-tag.
Um 5 Uhr nachmittags fing das Beladen an. Sobald die Kamele ins Freie gekommen waren, wurden sie von Tausenden von Bremsen umschwärmt. Sie benahmen sich indessen würdig, mit ihrer gewöhnlichen Geduld; bei jedem fertigbeladenen Kamele wurden vier Männer aufgestellt, welche die Insekten mit großen Kamischblättern fortwedelten. Als alles zum Aufbruch fertig war, stieg Turdu Bai zu Pferd und begab sich an die Spitze des Zuges, der sich eiligst entfernte.
Jetzt kam die Reihe an die Pferde, welche störrisch waren, ausschlugen und sich sogar zu Boden warfen; die Lasten mußten sehr fest gebunden werden, damit sie sie nicht abschütteln konnten. Mollah Schah, Kutschuk und Tokta Ahun, Kuntschekkan Beks Sohn, marschierten mit ihnen den Kamelen nach.
Der Klang ihrer Glocken und Schellen war schon verhallt, als uns auf einmal einfiel, daß die Hunde fehlten. Sie waren auf eigene Hand auf Entdeckungsreisen ausgegangen und wurden erst nach einstündigem Suchen erwischt, gebunden und Schagdur übergeben, der der Karawane folgte, nachdem er seinen Kameraden Lebewohl gesagt hatte.
Der große, bequem eingerichtete Kahn, der mich nach dem verabredeten Orte bringen sollte, lag mit Proviant, Filzdecken, Rauchgeschirr und Laterne bereit. Jetzt stand das schlimmste bevor: der Abschied von den Kosaken. Voller Rührung dankte ich ihnen für ihre Dienste, und nach einem kräftigen Händedruck und einem letzten Lebewohl sah ich sie ihre Rappen besteigen und auf dem Wege nach Tscharchlik, das sie am nächsten Morgen zu erreichen gedachten, verschwinden. Sie waren mit Empfehlungen an Ambane, Beke und Aksakale versehen und sollten längs des Gebirges über Kopa und Sourgak reisen und von dort während der Nächte über Chotan und Jarkent nach Kaschgar reiten.
Es war pechfinster, als ich allein mit meinen Ruderern die Bootfahrt antrat. Meine Karawanen, Diener und Güter waren jetzt zerstreut, und es galt, sie wieder aufzulesen und das Ganze zu vereinigen. Die Strömung half uns, und mit sausender Fahrt ging es den Fluß hinab, dessen dunkle Ufer hinter uns verschwanden. In +Kum-tschappgan+ rasteten wir nur so lange, wie für den Rudererwechsel erforderlich war. Der Mond ging gerade unter, aber die Nacht war klar, und die Sterne leuchteten über den wandernden Seen hell wie Wachsfackeln.
Um 11 Uhr nachts verließen wir +Tusun-tschappgan+, von einem des Weges kundigen Manne in einem Einrudererkahne geleitet. Daß er in der Dunkelheit durch diese Labyrinthe von hohem dichtem Schilf, durch Tschappgane und enge Kanäle, Lagunen und Seen hindurchfand, war ein vollendetes Meisterstück. Die Männer ruderten ohne Zögern und Unterbrechung, als ob die Kähne auf unsichtbaren Schienen liefen. Sie sprachen nicht, sie ruderten nur, taktfest und stetig. In die dichten Hecken aber drangen die Lüfte der Sommernacht nicht; dort war es erstickend heiß, dumpfig und moderig, und Miasmen stiegen aus dem lauwarmen Wasser der Sümpfe auf. Ich schlummerte dann und wann ein wenig, und gegen Morgen begannen die Leute zu singen, um sich wach zu halten. Der Sate-köll war bedeutend seichter als im April, weshalb die Ruderer ausstiegen und mich weiterzogen; doch wir mußten bald den großen Kahn verlassen und uns des kleinen bedienen. Als auch dieser nicht weiter konnte, gingen wir zu Fuß durch den Schlamm und erreichten so das Ufer.
Jetzt folgte ein mehrstündiges Warten in der baumlosen, stillen, finsteren Einöde. Endlich ertönten Rufe, anfangs aus der Ferne, dann aus größerer Nähe; mit brennender Laterne gingen wir den Erwarteten entgegen. Es waren Schagdur und Tokta Ahun mit der Pferdekarawane. Sie hatten die Kamelkarawane bald überholt, und wir mußten nun auf diese warten. Die Lopleute gingen weit in den See hinaus, um eine Kanne süßen Wassers und einige Bündel Kamisch zur Feuerung zu holen, denn das Ufer war gänzlich ohne Vegetation.
Beim ersten Tagesgrauen kam die Kamelkarawane herangezogen; sie hatte sich in der Dunkelheit verirrt und war, durch einen Eselpfad irregeführt, zu früh nach dem Gebirge abgebogen. Sie zog jetzt weiter, ohne sich aufzuhalten; als die anderen mit dem Frühstück fertig waren, stiegen auch wir zu Pferde. Das Land ist entsetzlich öde; im Norden des Sumpfes geben wenigstens die Sanddünen der Wüste ein gewisses Relief, und der tote Wald verkündet, daß dort einst Leben geherrscht hat, hier aber gibt es gar nichts; die Erde ist eben wie ein Fußboden und besteht aus hartem, salzhaltigem Lehm, der einst unter Wasser gestanden hat.
Wir entfernen uns in spitzem Winkel vom Ufer, und die äußersten Seen des Tarim waren kaum noch wie eine dunkle, gleichsam über dem Horizont schwebende Linie sichtbar, als sich die Sonne im Osten erhob und ein Meer von Licht und Wärme über die Wüste fluten ließ. Das Tagesgestirn trat in seltener Schönheit auf. Seine Strahlen brachen sich in den feinen, leichten Wölkchen, die wie ein Schleier vor seinem Antlitz schwebten. Die Ränder der Wölkchen wurden von hinten erleuchtet und glühten wie Kränze von flüssigem Gold, die Mitte jeder Wolke aber färbte sich violett in verschiedenen Schattierungen. Die Luft war klar und still, und der Himmel prunkte in fleckenlosem, reinem Blau.
Noch schöner als dieses Schauspiel war jedoch das Gebirgspanorama, das in der schiefen, beinahe horizontalen Beleuchtung scharf und deutlich hervortrat; die Ketten zeigten abwechselnd hellbraune, rosa und violette Nuancen, die infolge der großen Entfernung nicht grell, sondern ruhig, gedämpft und harmonisch waren und einen entzückenden Hintergrund zu dieser dürren Wüste bildeten, wie ja auch der Sonnenaufgang viel schöner ist, wenn er auf eine schwüle, düstere Nacht folgt.
Die Sonne hat aber auch ihre Schattenseiten. Kaum guckt sie über den östlichen Wüstenrand, so füllt sich die Luft mit Millionen Bremsen, die, Wolkensäulen vergleichbar, Pferde und Reiter begleiten und umgeben. Man muß sich verteidigen, so gut man kann, und die Pferde werfen und schlagen mit Kopf und Mähne.
+Dunglik+ (die Hügel) ist eine kleine Oase auf dem Wege nach den Bergen und liegt gerade da, wo die flachen Schuttkegel der letzteren langsam anzusteigen beginnen. Von Abdall, das 838 Meter über dem Meere liegt, waren wir 203 Meter gestiegen. Alle waren müde von der durchwachten Nacht; ich selbst schlief unter der ersten besten Tamariske ein und wachte erst wieder auf, als mir die Sonne auf den Kopf brannte. Da siedelte ich in das Zelt über und setzte mich dort, sehr leicht gekleidet, zum Arbeiten hin.
Am folgenden Morgen wurde ich um 3 Uhr geweckt, Lichter und Laternen wurden angezündet und das aus Tee, Eiern und Brot bestehende Frühstück gebracht. Das Gepäck wurde geordnet und die Tiere beladen; es fing an, im Osten hell zu werden, und als wir um 4½ Uhr aufbrachen, wobei wir Wasservorrat für uns selbst und die Hunde mitnahmen, war es schon ganz hell, und geschäftig gingen die Bremsen an ihr Tagewerk. Ich schlug ein paar Hundert tot, die sich auf der nackten Haut der Kamele festgesogen hatten. Sie summten in Schwärmen um uns und folgten uns ein paar Kilometer weit, wie vor Wut erglühend, als die aufgehende Sonne durch ihre mit Blut gefüllten Leiber schien. Es knallt, wenn die Peitschenschnur den aufgeschwollenen Sauger trifft und er platzt. Doch bald wagten sie sich nicht weiter vom Vegetationsgebiete zu entfernen, und wir waren sie für den Rest des Tages los.
Wir kamen jetzt auf den offenen, wüsten, kiesigen und unfruchtbaren Sai hinaus, der langsam nach dem Gebirge ansteigt; hier gibt es keinen Grashalm, kein Insekt, keine Spur von Leben, nur auf asphalthartem Boden dünn verstreuten Kies und Sand.
In launenhaft wechselnden Abständen sind kleine Steinpyramiden errichtet, deren einzige Aufgabe es ist, als Richtschnur beim Sturme zu dienen. Die Asiaten finden, daß sie ihren Wegen und Stegen einen gewissen Dankbarkeitstribut schuldig sind, der den Pyramiden in Gestalt eines Zuschusses von einem oder mehreren Steinen gebracht wird. Ohne Weg würden sie nicht nach Quellen und Weiden hinfinden, und besonders denkt der glücklich einem Sturme entronnene Wanderer an die, welche ihm unter schwierigen Verhältnissen folgen, und liefert daher gern seinen Beitrag dazu, die Wegweiser noch deutlicher zu machen.
Mittlerweile begann die Tageshitze mit heißen Dämpfen und Luftbewegungen anzurücken. Ich wußte, daß der Weg nach der ersten Quelle Tattlik-bulak weit war, denn dieser Schuttkegel am Nordfuße des Kwen-lun war an allen Punkten, wo ich ihn früher überschritten hatte, unendlich breit gewesen. Doch wenn ich gehofft hatte, ziemlich bald ins Gebirge hineinzukommen, so wurde diese Illusion vernichtet, als wir zwei mächtige Steinhaufen, zwischen denen der Weg hindurchführte, passierten und damit nach Tokta Ahuns wenig erfreulicher Erklärung gerade die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten. Wir ritten schon sieben Stunden in ununterbrochenem Karawanentempo.
Die kleinen, fünf Monate alten Hunde waren schon zu Anfang des Marsches müde und in einem Korbe auf ein Kamel gesetzt worden, wo es ihnen sehr gut ging. Als die Sonne zu stechen begann, wurden sie mit einer Filzdecke zugedeckt, und wir hörten nichts weiter von ihnen, bis wir an unserem Bestimmungsorte anlangten, wo sie munter und gesund, nur etwas steifbeinig, aus ihrem Verstecke hervorkamen und die Gegend in Augenschein nahmen.
Maschka und Jolldasch waren empfindlicher gegen die Hitze und schienen vor Müdigkeit erschöpft zu sein, als wir die zweite Hälfte des Tagemarsches antraten. Obgleich sie ein paarmal Wasser bekamen, blieben sie doch zurück und mußten geholt werden. Schließlich wurden sie gebunden auf ein Kamel gelegt. Aber diese Art zu reisen war nicht nach ihrem Geschmack; sie wälzten sich herunter, sobald das Kamel sich in seinen wiegenden Gang setzte. Dann blieben sie wieder zurück, und Schagdur ritt mit der Wasserkanne zurück. Nach ziemlich langer Zeit sahen wir ihn mit Jolldasch zurückkehren; er war sehr niedergeschlagen und meldete, daß Maschka gestorben sei. Beide Hunde hatten sich an einer schattigen Terrasse in einem Hohlwege halb eingegraben. Maschka hatte alles Wasser, das in der kupfernen Kanne war, bekommen und es gierig verschlungen. Dann hatte Schagdur Jolldasch an der Leine geführt und Maschka vor sich auf den Sattel genommen; er war aber noch nicht weit mit ihnen gekommen, als der Hund aufgeregt wurde, das Pferd in den Hals biß und den Kopf fallen ließ. Die letzten Wassertropfen nützten nichts; der beste und klügste aller unserer Hunde war und blieb tot und mußte am Wegrande zurückgelassen werden.
Jetzt war das Wasser zu Ende, und ich fürchtete das Schlimmste für Jolldasch. Nach mehrfachem Fortlaufen band ich ihn selbst auf einer Kamellast fest, wo er halb tot und seekrank geschaukelt wurde.
Im übrigen hielten sowohl Menschen wie Tiere sich gut. Es war aber auch einer großen Anstrengung wert, dem stickigen Sommer drunten zu entfliehen. Des Reitens müde ging ich mehrere Stunden zu Fuß. Die Landschaft bleibt sich gleich; die Steigung ist unmerklich. Gegen Abend wurde das Terrain kupiert, und wir gelangten zwischen niedrige Hügel von Rollsteinkies, Sand und Lehm. Später tritt anstehendes Gestein auf, außerordentlich verwitterter und brüchiger hellgrüner Schiefer und Granit. Wir folgen einem ausgeprägten Trockentale aufwärts, das Seitentäler aufnimmt, und die Landschaft wird immer kräftiger ausgemeißelt von Regenbächen, die jetzt keinen Tropfen Wasser mehr enthalten.