Im Herzen von Asien. Erster Band.
Part 31
Diese Nachricht traf mich sowohl wie Sirkin, der uns danach in einigen Tagen verlassen mußte, wie ein Donnerschlag. Wir sprachen lange darüber und mutmaßten, daß an der sibirischen Grenze ernste Unruhen ausgebrochen seien; von den wahren Verhältnissen, dem Kriege in China, hatten wir ja keine Ahnung. Zunächst schickte ich sofort einen Eilboten mit einem Briefe an Tschernoff, daß er sich unverzüglich nach Abdall zu begeben habe. Sirkin mußte ja seinen Kameraden erwarten, einzeln konnte ich sie nicht reisen lassen. Als ich nun vor dieser gezwungenen Trennung stand, freute ich mich, daß ich in einem von Jangi-köll an den russischen Kaiser abgegangenen Briefe ausführlich von diesen beiden Kosaken und den unschätzbaren Diensten, die sie mir geleistet, gesprochen hatte.
Am Abend des 9. waren wir sehr in Unruhe um Schagdur, der gegen 5 Uhr auf die Jagd gegangen war. Als er um die Abendbrotzeit, um 9 Uhr, noch nicht da war, zündeten wir an verschiedenen Punkten des Ufers sechs Feuer an, die malerisch und unheimlich leuchteten und den feinen Staub, der noch immer die Luft erfüllte, rot färbten. Doch er kam nicht, und es war klar, daß er sich verirrt hatte. Ich schickte nun alle Mann mit Öl- und Kienfackeln nach verschiedenen Seiten aus. Ich hörte ihre Rufe in der Ferne verhallen und dachte an die Gefahren, die einen einzelnen Fremdling unter Flugsanddünen, Tigern und Wildschweinen umlauern können. Es wäre schlimm gewesen, drei von den vier Kosaken auf einmal zu verlieren.
Die Kundschafter kehrten einer nach dem anderen unverrichteter Dinge zurück. Um Mitternacht kam Schagdur selbst und berichtete, daß er ein Reh verwundet habe, das nach Westen in den Sand hinein geflohen sei. Er habe seine Beute stundenlang verfolgt, und als er beim Eintreten der Dunkelheit umgekehrt sei, habe er seine Spur verloren, sei aber gerade nach Osten gegangen. Dann sei er längs des Flusses am Ufer weitermarschiert, bis er endlich eines der Feuer erblickt habe.
Am 10. konnten wir weiterfahren. +Tuga-ölldi+ (das Kamel starb) ist eine Gegend auf dem linken Ufer. Mongolen, die zu Jakub Beks Zeit nach Lhasa pilgerten, pflegten aus Furcht vor Jakub Beks Leuten auf dem linken Ufer hinzuziehen. Auf einer solchen Reise war eines ihrer Kamele an diesem Punkte gestorben. Ein längst vergessenes, unwichtiges Ereignis bleibt so durch den Namen der Nachwelt erhalten. Jetzt benutzen die Mongolen stets die große Karawanenstraße, die am rechten Ufer entlang geht.
Bei Schirge-tschappgan hielten wir abends an, um den Fluß an demselben Punkte wie am 18. April zu messen; die Wassermasse betrug 68,3 Kubikmeter; der Fluß fällt also in dieser Jahreszeit sehr bedeutend. Nachdem der letzte Dschigit von hier nach Kaschgar zurückgeschickt worden war, fuhren wir nachts weiter und hatten mehrere Kähne vor uns, welche die Ufer mit Fackeln erhellten. Es war ein seltsamer Fackelzug, der in stiller Nacht den Tarim hinabzog, während die Kahnleute ihre eintönigen, schwermütigen Liebeslieder sangen.
Von der Strecke von Schirge-tschappgan bis +Tscheggelik-ui+ hatte ich 1896 eine Karte aufgenommen, und als wir am 11. Juni +Ak-köll+ passierten, sah ich, daß die früher hier befindliche große Flußbiegung verlassen worden war und der Fluß sich quer durch die Landzunge gearbeitet hatte.
Im Laufe des Tages hörte der Wald auf, und das Land war nach allen Seiten hin offen und flach. Die Luft war still, aber noch herrschte nach all den Stürmen Halbdunkel. Einige Kähne begegneten uns; in dem ersten saß Temir Bek von Tscheggelik-ui. Er wurde an Bord eingeladen und teilte mir unter anderem mit, daß es unmöglich sei, mit der Fähre jenseits seines Dorfes weiterzukommen, denn der Semillaku-köll sei ganz mit Schilf zugewachsen. Obgleich ich mich nach der frischen Gebirgsluft und meine Ruderer sich nach Hause sehnten, dachten wir doch mit einer gewissen Wehmut daran, daß dies die letzte Fahrt unserer alten Fähre war. In später Nacht vertäuten wir unser Fahrzeug zum letztenmal am linken Tarimufer, +Tscheggelik-ui+ gerade gegenüber.
Schon am folgenden Morgen schickte ich Kirgui Pavan auf Rekognoszierung nach den Seen. Er kam mit der Nachricht zurück, daß die Fahrstraße für die große Fähre unpassierbar sei. Um seine Ansicht zu bekräftigen, brachte er ein Bündel Kamischstengel mit, deren Länge die Tiefe des Wassers in den seichtesten Stellen angab. Er glaubte jedoch, daß wir mit 25 Mann in 4 Tagen einen fahrbaren Kanal herstellen könnten. Dieser Vorschlag wurde nicht angenommen, weil es bis Abdall nur noch drei Tagereisen waren. Ich beschloß daher, einige Tage in Tscheggelik-ui zu bleiben, weil ich der Dunkelkammer noch einmal zum Entwickeln bedurfte und ein paar neue Fahrzeuge hergerichtet werden sollten.
So brachten wir denn in diesem friedlichen Fischerdorfe eine behagliche Ruhewoche zu (Abb. 107). Wir lagen am westlichen Ufer und hatten Aussicht auf das Dorf mit seinen Kamischhütten, auf seine offenen Ställe (Abb. 108), wo Rinder, Pferde und Esel von Millionen Bremsen gepeinigt wurden, und den Strand, wo kleine nackte Kinder umherliefen und zwischen den Kähnen spielten. Der Hintergrund dieses lebhaften Bildes war ein ~memento mori~, der Begräbnisplatz des Fischerdorfes mit seinen Stangen und Wimpeln, die über den Wohnungen der Toten im Winde flatterten.
Jede Nacht arbeitete ich bis 4 Uhr in der Dunkelkammer; Sirkin war dabei mein Gehilfe, er holte reines Wasser und trocknete die Kopien. Das Wetter war eigentümlich, denn es stürmte beinahe ununterbrochen aus Nordosten. Wer sich einen ganzen Frühling und Vorsommer inmitten dieser ewigen Burane aufgehalten und ihre Gewalttätigkeit und Kraft, ihre umgestaltende Arbeit kennen gelernt hat, wundert sich nicht mehr darüber, daß die Verteilung der Wüsten, Seen und Flüsse in diesem Lande eine ständige Veränderung erleiden muß. Die Arbeit wurde von dem Heulen des Sturmes begleitet; beim Plätschern der Wellen und dem klagenden Sausen des Windes im Schilf legte man sich zum Schlafen nieder, und wenn man erwachte, hatte man wieder dasselbe wohlbekannte Pfeifen, dieselbe staubgesättigte Atmosphäre um sich herum. Einen Vorteil hatte dieses Wetter aber doch: es verscheuchte Bremsen und Moskitos und kühlte die Luft angenehm ab. Bisher hatten wir nur zweimal über +40 Grad im Schatten gehabt, jetzt zeigte das Thermometer selten über 25 Grad, nachts sogar nur +9,3 Grad und 11 Grad.
Die Kosaken machten kleine Ausflüge, um zu jagen und Fische zu fangen, beschäftigten sich im übrigen aber mit der Herstellung unserer neuen Fähren, die aus je drei langen Kähnen bestanden. Meine Pontonfähre wurde etwas ganz Außergewöhnliches (Abb. 110). Ein Bretterfußboden wurde quer über die Kähne gelegt und darauf ein prismatisches Gitter von Latten gestellt, das mit Filzdecken überzogen einem Zelte glich. Als ich am 18. Juni zum letztenmal auf der großen Fähre zu Mittag gespeist hatte, traf diese das Gesetz der Veränderung; die Kajüten wurden abgerissen, alle Nägel verwahrt und die mit Sand und Staub bedeckten Filzdecken ausgeklopft; meine Kisten wurden in die neue schwimmende Wohnung gebracht, die 26 Mann trug, also für mich, meine vier Ruderer und das Gepäck mehr als ausreichend war (Abb. 109). Ein Teil des Proviants wurde unter den Bretterfußboden in die Kähne gelegt, den Rest beförderten einzelne Kähne, die uns begleiten sollten. Wir hatten freilich weniger Platz als bisher, aber das neue Zimmer war doch außerordentlich gemütlich. Die Kosaken wohnten ebenso auf der zweiten Pontonfähre.
Kirgui Pavan, Aksakal und unsere alten Ruderer erhielten ihre Entlassung. Eines Abends gaben wir ihnen zu Ehren ein prächtiges Gastmahl; mehrere Schafe wurden geschlachtet, und die Reispuddinge dampften auf gewaltigen Holzschüsseln. Sie bekamen ihren Lohn in bar, ein paar Kähne und Proviant für die ganze Heimreise und bedankten sich dafür nach der Sitte des Landes mit Gebeten für mein Wohlergehen. Als ich am folgenden Morgen bei Sonnenaufgang aus der Laboratoriumhütte trat, standen sie alle in Reih und Glied und sprachen ihr Morgengebet. Bevor ich mich schlafen legte, sah ich sie noch ihre Boote bemannen und nach einem letzten Lebewohl die Heimreise antreten.
Beim Zurücklassen der Fähre war mir zumute, als sollte ich einen sicheren Haltepunkt verlieren und ein altes Heim verlassen. Sie hatte uns unter wechselndem Geschick treu den Fluß hinabgetragen und ihren Zweck auf vortreffliche Weise erfüllt. Sie wurde jetzt der Bevölkerung von Tscheggelik-ui geschenkt, die über das vorzügliche Beförderungsmittel -- besonders für Viehtransporte über den Fluß und das Hinüberschaffen von Gütern und Karawanen -- ganz entzückt war. Später hörten wir, daß der Amban befohlen habe, sie nach Argan zu schaffen, wo die Karawanenstraße den Tarim überschreitet und wo bisher nur eine sehr mangelhafte Fähre zur Verfügung stand. Kommt ein europäischer Reisender dorthin, so wird er sie gleich wiedererkennen, sei es auch nur an der Etikette. Schagdur hieb nämlich in ihre Seiten meinen Namen in großen lateinischen Buchstaben und die Jahreszahlen 1899-1900 ein.
Erst am 19. Juni gegen Mittag verließ unsere neue Flottille mit vielen neuen Ruderern und Beken Tscheggelik-ui. Ohne weitere Schwierigkeit ruderten wir mit prächtiger Fahrt über die Seen und durch ihre schmalen Durchgänge, in denen das Vordringen mit der großen Fähre unmöglich gewesen wäre. Nachdem wir bei dem Dorfe +Tokkus-attam+ gelagert hatten, gingen wir am folgenden Tag über den Semillaku-köll, dessen Tiefe nirgends 1 Meter überstieg. Der See Kara-buran war noch mehr gefallen und würde, wie man mir sagte, in zwei Monaten vollständig austrocknen; Anfang Oktober füllt ihn die Herbstflut wieder. An der Mündung des Tschertschen-darja wurde der Messungen wegen eine Weile gerastet. Obwohl das Flußbett scharf ausgeprägt, tief und mit Wasser gefüllt war, betrug sein Tribut an die Kara-koschun-Seen nur 4 Kubikmeter in der Sekunde.
Die letzte Tagereise auf dem Tarim war kurz und wurde zum Versöhnungsfest mit dem Winde, der uns vorher so oft Abbruch getan hatte. Jetzt wehte es gerade von Osten mit 11 Meter in der Sekunde und kühlte frisch und herrlich ab; die Ruderer brauchten tüchtig ihre Arme und fanden gute Hilfe an der Strömung (Abb. 112). Die Bremsen, die sich bei solchem Wetter hinausgewagt hatten, ließen sich in meinem Zelte nieder. Es wäre für beide Teile besser gewesen, wenn wir Waffenstillstand geschlossen hätten; hätten sie mich mit ihren Stichen verschont, so würde ich sie nicht totgeschlagen haben.
In Abdall trafen wir unsere alten Freunde Numet Bek und Tokta Ahun (Abb. 113). Letzterer hatte die Pferdekarawane und die Kamele bis an den Tschimen-tag begleitet und konnte mir mitteilen, daß in dem neuen Hauptquartier alles gut stehe. Die von uns im Frühling zurückgelassenen Kamele und mein kleiner Grauschimmel waren, fett und ausgeruht, mit ins Gebirge genommen worden. Der Kurier mit dem Briefe hatte schon lange sein Ziel erreicht, und in einigen Tagen mußten Tschernoff und die Karawane, die mich ins Gebirge führen sollte, hier sein.
Während des Aufenthalts in Abdall (Abb. 111) hatten wir anfangs gutes Wetter, d. h. Wind, der bis auf 16 Meter in der Sekunde anschwoll. Ich blieb daher an Bord der Pontonfähre wohnen, die ich beinahe nie verließ; es war der reine Stubenarrest. Ich saß die ganzen Tage am Schreibtisch und machte eine gewaltige Post fertig, welche die Kosaken nebst fertigen Platten mitnehmen sollten. Draußen heulte der Wind im Schilfe, der Bretterfußboden knackte von der Dünung und rieb sich an den Kähnen, und der Wellenschlag plätscherte gemütlich um die letzteren. Während der Windpausen machte ich astronomische Beobachtungen. Groß war mein Erstaunen, als ich, hiermit beschäftigt, eines Morgens einen Reiter nach den Hütten von Abdall sprengen sah und bald meinen prächtigen Tschernoff erkannte, der nach Empfang meines Briefes sofort in unglaublich kurzer Zeit aus dem Gebirge hierher geritten war. In den letzten 35 Stunden hatte er überhaupt nicht geschlafen, war aber geradeso munter und aufgeweckt wie gewöhnlich. Als ich ihn nachher zu einer längeren Segeltour einlud, berichtete er mir von dem neuen Hauptquartier, das für den Rest des Jahres meine Operationsbasis werden sollte. Es schmerzte ihn tief, uns gerade jetzt, da ein neues Kapitel dieser Reise begann, verlassen zu müssen.
Ein paar Tage darauf langten Turdu Bai und Mollah Schah mit vier Kamelen und zehn Pferden bei uns an. Obgleich sie, seitdem sie das Gebirge verlassen hatten, nur nachts marschiert waren, waren doch die Hälse und Beine der Kamele von den Bremsen blutig gestochen; die anderen Körperteile waren durch Filzdecken geschützt gewesen.
Jetzt trat ein unangenehmer Umschlag im Wetter ein. Der Wind hörte auf, und es folgte drückende Hitze. Wir mußten die Kamele mit größter Vorsicht und Sorgfalt schützen, denn die Luft wimmelte buchstäblich von Bremsen. Ich ließ daher ihretwegen eine Sattma ausräumen, die Wände derselben gut dichtmachen und stets ein paar Leute bei ihnen aufpassen, die nichts weiter zu tun hatten, als die Bremsen totzuschlagen, die sich dort einschlichen, um die armen Tiere zu stechen. Nachts durften sie auf die Weide gehen. Eines Morgens wurden sie vermißt, und Turdu Bai, der seine Schutzbefohlenen kannte, ahnte sofort, daß sie von diesem scheußlichen Orte durchgebrannt seien. Sie hatten sich, ihrer eigenen Spur folgend, auf den Weg nach dem Gebirge gemacht, wo, wie sie wußten, ihre Kameraden sie erwarteten und sie sich nicht von der Hitze und schmerzhaften Insektenstichen plagen zu lassen brauchten; sie wurden aber rechtzeitig wieder eingefangen und mußten sich in ihr Schicksal finden. Jeden Abend wurden sie im Flusse gebadet, was ihnen sehr gefiel.
Im Filzzelte auf der Pontonfähre war es bei dieser Hitze unerträglich. Draußen ertönte unausgesetzt ein summendes Brausen, und als ich den Filzvorhang zurückschlug, füllte sich das Zelt mit Bremsen. Ich nahm meine Dusche und kleidete mich schleunigst an; darauf wurde die Fähre nach dem rechten Ufer hinübergerudert, und ich eilte wie durch einen Kugelregen nach Tokta Ahuns Hütte. Dort war es schön; es war mindestens 6 Grad weniger heiß als im Zelt, und die Sonnenglut vermochte die dicken Kamischgarben des Daches nicht zu durchdringen. Die Hunde hielten den Umzug für eine brillante Idee; sie siedelten sich in je einer Ecke an und schlugen dadurch den Bremsen, die ihnen nicht folgen konnten, ein Schnippchen.
Inzwischen vergingen die Tage, und es wurde Zeit zum Aufbruch. Ich mochte gar nicht an die Trennung von Sirkin und Tschernoff denken; ohne sie würde es so leer und öde sein. Wir warteten nur auf den nächsten Sturm, der uns von den Bremsen befreien würde, denn bei dem jetzt herrschenden Wetter wurden wir von diesen unangenehmen Tieren buchstäblich belagert. Doch der Sturm kam nicht, und die Tage gingen hin. Wir versuchten freilich einmal, auf jeden Fall aufzubrechen, aber daraus wurde nichts; die Kamele warfen sich in Verzweiflung auf die Erde und wälzten sich die Lasten ab. Ich wollte der Kartenarbeit wegen nicht in der Nacht reisen; so warteten wir denn wieder, und ich schob den Augenblick der Trennung von Tag zu Tag hinaus.
Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Poesie im innersten Asien.
Solange wir still lagen, ging es uns nicht schlecht. Wir hatten alles, dessen wir bedurften, und die Bewohner von Abdall (Abb. 115) wußten gar nicht, was sie uns alles zuliebe tun sollten. Beschäftigung hatten wir auch vollauf; die Kosaken jagten Wildenten und machten Bootfahrten, wir maßen zum letztenmal den alten Tarim und fanden 43,7 Kubikmeter Wasser in der Sekunde. In zweieinhalb Monaten war der Fluß auf weniger als die Hälfte zusammengeschrumpft und er sollte im Sommer noch mehr abnehmen.
Während dieser Tage zeichnete ich zu meinem Vergnügen einige alte wohlbekannte Lieder auf, die seit über hundert Jahren von den Söhnen und Töchtern des Loplandes gesungen worden waren. Auch einige neue Lieder, welche die Fischer am Kara-koschun singen, schrieb ich nieder. Alle diese Lieder sind einfach und ungekünstelt und zeugen von beschränkter Phantasie und naiver Lebensanschauung. Aber sie beweisen doch, daß auch diesem kleinen Fischervolke, das seine Tage im Herzen von Asien abseits von den großen Karawanenstraßen und isoliert von anderen Stämmen einförmig verlebt, Poesie nicht fremd ist und daß die Liebe, bald süß, bald bitter, wie überall bei den Menschenkindern, auch bei ihnen herrscht. Durch diese Lieder erhält man auch einen Begriff von den Grenzen der Welt, in der sich ihre Gedanken und ihr Wissen bewegen. Doch sie verlieren durch Übersetzung und machen sich in ihrer ursprünglichen Form, in der Turkisprache mit holperig gereimten Versen nach einer eintönigen Melodie zu den Akkorden einer Dutar gesungen, viel besser. Die Wehmut, die sich wie ein roter Faden durch die Worte und die Musik zieht, paßt gut für den, der einsam ist, und läßt seine Hoffnungen schärfer hervortreten. Hier einige Proben dieser einfachen Dichtkunst.
Es folgt ein Lied, das Dschahan Bek, der Vater des alten Kun-tschekkan Bek, gesungen hat, das also gegen hundert Jahre alt ist; es spricht sich darin ein Weib aus, dessen Liebe verschmäht worden ist:
Die Geister haben dich schöner geschaffen als alle anderen Männer. Als du in deine Heimat zurückkehrtest, wäre ich dir nachgeflogen wie eine Gans, wenn ich Flügel gehabt hätte, und ich habe geschrien wie eine Wildgans. Du wußtest nicht, daß ich dich ein ganzes Jahr erwartet und auf deine Rückkehr wartend keinen anderen Mann geliebt habe. Ich erwarte dich seit lange und bitte alle, die zu dir reisen, dich, du meine andere Hälfte, zehnmal zu grüßen. Du nimmst alle auf, die vorbeiziehen und zu dir kommen, und du spielst und singst, aber wenn du spielst und singst, darf ich nicht mit dabei sein. Deine Füße scheinen gebunden zu sein, sonst kämst du her. Dein Name ist über ganz Alti-schahr bekannt. Mach’ es wie Juldus Wang, sei faul und laß andere für dich arbeiten. Wenn du mich nicht haben willst, komme ich doch und werde, so gut ich es kann, deine Magd. Alle Frauen raten mir, zu dir zu gehen; ein ganzes Jahr lang habe ich deinetwegen nicht lächeln können, denn du hast die Unwahrheit gesprochen; ich habe keine Freude von dir gehabt, meine Augen sind übergeströmt wie ein Fluß. Gott hat nicht befohlen, daß wir vereinigt werden sollen. Deine Wimpern und Brauen sind das Schönste, was es gibt.
Aus derselben Zeit stammt das mit Bitterkeit gemischte, sehnsuchtsvolle Lied eines Liebenden, dem seine Angebetete einen Korb gegeben hat:
Seitdem du dich zu Pferde fortbegeben, gehe ich hier umher und sehne mich nach deinen schwarzen Augenbrauen. Wenn ich Gelegenheit finde, reise ich dir im Laufe dieses Monats nach, um zu singen, zu spielen und zu trommeln. Du bist noch jung, und deine Eltern haben dich einem guten Manne gegeben. Du bist wilder als der Teufel, Jungfrau Sahib, du bist hartherzig; du verstehst meine Worte nicht, du wilder Teufel! Du bist wie das Wetter, bald trübe, bald sonnig. Deine Eltern hielten viel von dir und mußten dich fein und weich kleiden. Laß mich wissen, wann deine Hochzeit sein soll, damit ich komme und sie mitmache. Deine Mutter war besser als Imam Pattma und rein wie Nephrit. Imam Pattma liebt dich; als wir alle jung waren, spielten wir miteinander und waren Freunde. Du schwankst hin und her wie die Nackenfeder des Okkarvogels, und dein Ruf ist wie auf Flügeln bis Tschimen geflogen. Wenn wir uns im Herbst nach dem Tarim begeben, werden sich unsere Augen begegnen. Du bist jetzt vater- und mutterlos, aber alle werden dir mehr geben, als Vater und Mutter gekonnt hätten. Wenn du dein Gewand angelegt hast, gleichst du einem Sternwurme (Glühwürmchen).
Kuntschekkan Beks Schwiegervater pflegte nachstehendes Lied zu singen, das also wenigstens achtzig Jahre alt ist, obgleich es ebenso wahrscheinlich ist, daß es damals schon ein altes Lied war. Ein Liebender, der noch nicht alle Hoffnung aufgegeben hat, singt:
Ich bin sehr traurig darüber, daß ich nicht meine kleine Freundin nahm; ich friere deswegen wie eine verfrorene Fischotter. Du hast einen schönen Chalat, aber ich war nicht stark genug, um deinen Chalat zu gewinnen. Wenn ich dich jetzt nicht zur Frau bekomme, werde ich doch an deinem Hause vorbeireisen und dich sehen. Dein schwarzes Haar ist sehr schön; wenn ich dich bekommen hätte, würde dein schwarzes Haar an meiner Brust geruht haben, aber mein Nebenbuhler nahm dich und gab dich mir nicht. Hätte ich gewußt, daß du einen Ring am Finger trägst, so hätte ich nie mit dir bekannt werden wollen, aber ich komme im zehnten Monat. Wenn ich im zehnten Monat komme, werde ich dich fragen, wie es dir geht, du bezaubernder Engel, der du allein in deinem leeren Hause geblieben bist. Deine Brust ist so weiß wie eine angezündete Lampe; wenn du dein Gewand öffnest, sieht man deine kreideweiße Brust. Deine Nägel gleichen dem Tage. Ich liebe dich glühend, du bist wie der Stern, der in die Spur des Mondes tritt. Wenn ich dich bitte, ein wenig zu verweilen, eilst du auf deinem schnellen Pferde davon. Nun, da ich ein alter Bettler geworden, kann ich dich, die du die schönste der Frauen bist, nicht bekommen; du bist schöner als die Sonne. Du, Assan, begib dich zu ihr und bringe die Worte vor, die ich gesagt! Ich werde die Beke bitten, dich mir zu geben. Als ich deine Fußspuren auf dem feuchten Sande sah, weinte ich so, daß kleine Hügel unter Wasser standen. Du gleichst einer Fürstin, und hast deine Teetasse auf einer Metallschale. Ich kam nach Jatschi hinüber, um dich zu sehen, fand aber nur deine Schale mit Reispudding. Da ich dich nicht bekam, habe ich tot in dieser Welt gelebt. Ich werde Gott bitten, mich noch ein paar Jahre leben zu lassen, damit ich dich doch noch bekommen kann. Ich jagte meine alte Frau fort. Möge Gott dich mir geben. Du gehst so leicht, wie der Falke fliegt, aber dein Mann hat dich noch nicht verlassen, und ich bin allein.
Ein zehn Jahre altes Lied aus Argan, gesungen von einem Manne, der an die Unrechte geraten ist, lautet:
Wie Tajir Chan und Suja Chan in derselben Nacht starben, haben wir einander auch nicht bekommen. Tajir Chan starb in dem Dorfe seines Mädchens, ehe er es bekommen hatte. Kara Vater schlug ihn dreimal mit dem Schwerte, und nun erholt er sich nie wieder. Er war nicht schwer verwundet, muß aber viele Sünden auf seinem Gewissen gehabt haben, weil er doch gestorben ist. Wie keiner Tajir Chans Tod rächte, so wird sich auch niemand darum kümmern, daß ich dich nicht bekommen habe. Jetzt, seit ich mit dir bekannt geworden, kommt am Ende jemand und schlägt mich tot. Jetzt habe ich eine andere Frau genommen, und nun mögen sie mit dir tun, was sie wollen. Nun aber reut es mich, daß ich den Bek und Ahun nicht gebeten habe, lieber dich mir zu geben. Und nun denke ich, daß, wenn Gott mich nicht sterben läßt, die Menschen mich nie werden töten können. Es wäre freilich besser gewesen, mit dem ganzen Dorfe zu kämpfen und totgeschlagen zu werden, als die Frau, die ich jetzt habe, auf dem Halse zu haben.
Agatscha Chan war ein Mädchen aus Kum-tschappgan, das sich tröstete und sang:
Mein Freund ist hierhergekommen, und seitdem grünt alles. Es ist für dich, der du die Erde mit deinem Spaten bearbeitest, Zeit, deinen Weizen zu säen. Wenn ich die Sprache der Wildente verstehen könnte, würde ich sie fragen, wie es dir geht. Du kamst hierher, wolltest mich aber nicht ansehen, und dann reistest du wieder heim. Agatscha Chan begleitete dich nicht, sie stieg aufs Pferd und ritt mit einem anderen Manne fort.
Noch ein Liebeslied trostlosen Inhalts, das vor einigen Jahren in Tusun-tschappgan gedichtet ist, lautet: