Im Herzen von Asien. Erster Band.

Part 30

Chapter 303,592 wordsPublic domain

Die Exkursion, die wir am 25. Mai nach dem Beglik-köll unternahmen, wurde eine ziemlich muntere Fahrt. Früh am Morgen war die Luft außergewöhnlich frisch, obwohl das Minimumthermometer nicht unter +16 Grad heruntergegangen war; es ist merkwürdig, wie schnell sich der Körper an die verschiedenen Temperaturen gewöhnt; im Winter war es uns bei -10 Grad oft warm vorgekommen. Die Atmosphäre war vollkommen ruhig, und der Jekkenlik-köll lag spiegelblank, als wir nach dem Dorfe +Kattik-arik+ hinüber ruderten. Dieses besteht aus zwei Sattmen mit drei Familien, die uns freundlich begrüßten und uns halfen, die Kähne über eine schmale Landenge nach dem alten, jedoch noch mit stillstehendem, klarem Wasser gefüllten Bette des Jarkent-darja zu schleppen.

Der Abwechslung halber hatte ich Schagdur mitgenommen. Er war im Ablesen der Tiefen und Geschwindigkeiten schon ebenso geschickt wie Sirkin; nur eine Eigenschaft machte ihn für diese abenteuerlichen Seefahrten ungeeignet, und diese bestand darin, daß er nicht schwimmen konnte.

Still und ruhig lag der Beglik-köll da, und man ahnte kaum, daß dieser Wasserspiegel von den Mächten des Himmels zu schäumenden Wogen aufgepeitscht werden könne. Es tat mir beinahe leid, die Spiegelbilder, die sich naturgetreu wie Photographien auf der Wasserfläche zeigten, zerstören zu müssen. Heißer denn je brannte die Sonne. Ich mußte meinen weißen Anzug unaufhörlich mit Wasser bespritzen, um es einigermaßen kühl zu haben. Der ganze Tag wurde diesem See gewidmet, und dennoch kamen wir nicht mehr dazu, die Messungen auf ein paar Fjorden ganz zum Abschlusse zu bringen. Einer von ihnen wurde von einem Dünenkamme aus in die Karte eingetragen. Der Sand war glühend heiß, er brannte durch die Schuhsohlen, und es war daher schön, eine Weile auf der Kahnreling zu sitzen, mit den Füßen im Wasser zu plätschern und eine Pfeife Virginia zu rauchen.

Wir hatten dort noch nicht lange gesessen, als mein alter Freund Kirgui Pavan, auch Kurban genannt, auf die hohen, steilen Dünen des uns gerade gegenüberliegenden östlichen Ufers zeigte und mit fragendem Tone „Kara-buran“ (schwarzer Sturm) sagte. Dort sah man eine dunkle, ein wenig schräge Säule mit einem Kapitäl aus helleren Wolken am Horizont aufsteigen. Ähnliche Säulen tauchten nach und nach in langen Reihen auf beiden Seiten der ersten auf, Händen und Fingern vergleichbar; sie zogen sich allmählich zu einer zusammenhängenden Wand mit gezähnten Konturen zusammen, die immer höher wurde. Wir schwebten nicht länger über das, was uns bevorstand, in Ungewißheit.

Einen Augenblick überlegten wir die Situation. Die Lopleute stimmten dafür, zu bleiben, wo wir waren; darauf konnte ich aber durchaus nicht eingehen, nicht weil wir nicht genügend Proviant hatten und ich die Nacht lieber in meiner bequemen Hütte zugebracht hätte, sondern einzig und allein, weil die Chronometer zur bestimmten Zeit aufgezogen werden mußten. Kirgui Pavan war gar nicht dafür, bei einem von Osten kommenden Sturme am Westufer zu liegen. Er war außerordentlich vorsichtig und klug, hatte aber nie Angst, und wenn Gefahr vorhanden war, verlor er nie seine Kaltblütigkeit. Jetzt machte er seine Berechnungen und schlug dann vor, wir sollten versuchen, die Mündung des schmalen Kanales zu erreichen, der den Beglik-köll vom Flusse aus mit Wasser versieht und der so lang ist, daß wir am Morgen zwei gute Stunden gebraucht hatten, um ihn zurückzulegen. Doch von seiner Mündung trennte uns die größte Partie des Sees mit einem breiten Fjord, der sich westwärts in den See hineinzieht.

Nach dem Ostufer hinüberzugehen, wo wir unter den Dünen Schutz gehabt hätten, wäre das beste gewesen; aber obwohl der See noch so gut wie ganz ruhig dalag, rieten doch alle davon ab, denn die Entfernung war zu groß und es wäre uns nicht gelungen, noch hinüberzukommen. Es blieb uns also nichts weiter übrig, als die Fjordmündung zu kreuzen und dann am nördlichen Seeufer, wo wir zwischen kleinen Holmen und Inseln Schutz finden würden, entlang zu rudern.

Die Männer ruderten mit solcher Kraft, daß ich erwartete, die Ruder zerspringen zu hören; diese standen so straff gespannt im Wasser wie Pfeilbogen, als wir über das stille Wasser hinsausten, und der Schaum spritzte büschelförmig vom Bug der Kähne auf (Abb. 105). Wir machten fast 9 Kilometer in der Stunde. Die Leute waren fürchterlich ängstlich und unausgesetzt riefen sie mit dumpfer, hohler Stimme: „ja Allah!“ Noch war die Atmosphäre still, aber deutlich fühlte man, daß eine fürchterliche Revolution bevorstand, und man sah, wie der Sturm an Boden gewann.

„Jetzt ist er schon auf den äußersten Dünen“, sagte Kirgui Pavan in demselben Augenblick, als sich ihre Konturen auflösten und wie auf einer Schiefertafel ausgelöscht wurden; im Nu verschwand die ganze Dünenwand, der ganze Strand in dickem, gelbgrauem Nebel. „Rudert, rudert, Kinder, es gibt einen Gott.“ fügte er, die Leute anfeuernd, hinzu. „Chodaim var“ (es gibt einen Gott) war in allen kritischen Fällen sein stehender, beruhigender Wahlspruch.

Jetzt kamen die ersten Windstöße aus Ostnordost, dann hörte man das Brausen, als der schwarze Sturm auf das Wasser niederschlug, welches zischte und spritzte und in wenigen Minuten mit hohen, dunkeln, rollenden Wogen in völligem Aufruhr war. Je näher der Sturm kam, desto angestrengter wurde gerudert, und die Geschwindigkeit betrug jetzt bis an das Nordufer sicherlich 10 Kilometer. „Wir kommen nicht mehr hin,“ riefen sie, „ja Allah!“

Ich steckte die wenigen mitgenommenen Instrumente zu mir, zog mir Schuhe und Strümpfe aus und war auf alles gefaßt. „Jetzt ist er hier!“ schrien unsere Ruderer, die alle auf den Knien lagen, die Ruder fester fassend, und die Ruderschläge folgten so dicht aufeinander, als würden die Arme der Ruderer mit Dampf getrieben.

Gerade als der Sturm uns erreichte und die leichten Boote umgerissen hätte, wenn wir uns nicht rechtzeitig luvwärts gebeugt hätten, wurden wir in dicken Nebel gehüllt, der aus lauter feinem Staube bestand. Jetzt verhüllte er auch das westliche und nördliche Ufer, und recht ernste Gefühle bemächtigten sich unserer, als wir nichts weiter sahen als tobende Wellen, zwischen denen die Kähne wie Strohhalme verschwanden.

Kirgui Pavan aber und seine Ruderer kannten einen feinen Kniff, der darin bestand, bei jeder heranstürmenden hohen Welle die Kähne ein bißchen gegen den Wind zu kehren; auf diese Weise nahmen wir nicht so sehr viel Wasser ein, obwohl wir alle von dem aufspritzenden Gischt völlig durchnäßt wurden.

Wir waren noch im letzten Augenblick vom Westufer aufgebrochen; ein paar Minuten später und die Kähne wären untergegangen. Schön war es, als wir endlich die am Nordufer stehenden Tamarisken wie dunkle Flecke durch den Nebelschleier schimmern sahen, und bald darauf befanden wir uns im Schutze eines vorzüglichen Wellenbrechers, einer langen, schmalen Halbinsel.

Sirkin und Nasar Bek hatten sich unsertwegen sehr beunruhigt, und letzterer begab sich selbst mit zwei großen Kähnen von Jekkenlik nach dem Beglik-köll, um uns Entsatz zu bringen. Wir trafen ihn und seine Begleiter in der Nähe der Kanalmündung, und sie waren freudig überrascht, uns wohlbehalten auf dem Rückwege zu sehen. Er hatte Betten, warme Kleidungsstücke und Proviant mitgebracht, eine vollständige Ausrüstung, die Sirkin für den Fall, daß wir am Abend nicht zurückkehren könnten, zurechtgemacht hatte.

Bei solchem Wetter, in dem man nicht sieht, nach welcher Seite man schwimmen muß, hätte ein Schiffbruch draußen auf offenem See verhängnisvolle Folgen haben können. Alle, außer Schagdur, waren allerdings gute Schwimmer; dagegen ist die Tragkraft der Kähne, wenn sie erst mit Wasser gefüllt sind, gering; die Instrumente wären wohl für immer verloren gewesen.

Leicht war es nicht, die Fähre in dem so schilfreichen Jekkenliksee zu finden. Es war pechfinster, als wir an dem See anlangten, und der Sturm war jetzt auf dem Gipfel seiner Wut. Wir sahen absolut nichts, fühlten aber um so mehr, wie die Schilfhecken vom Buran auf unsere Kähne niedergeschlagen wurden und unser Gesicht peitschten. Ich mußte die ganze Zeit über die Arme hoch halten und mit ihnen abwehren, um nicht von den langen scharfen Blättern geschnitten zu werden. Rufen und Warnen nützte gar nichts, das Sausen des Windes in dem Kamisch ließ jeden anderen Laut ersterben. Wie die Ruderer den Weg fanden, weiß ich nicht, aber schließlich wurde doch das von Sirkin angezündete Feuer sichtbar. Wir befanden uns schon dicht vor dem Lager; obwohl die Scheiter in dem intensiven Winde weiß glühten, hatten sie den Nebel nicht weiter zu durchdringen vermocht.

Dies war einer der unheimlichsten Stürme, die ich je erlebt habe, und in dieser Nacht wurde nicht viel aus dem Schlafen. Das meteorologische Observatorium wurde hereingenommen, in den Kajüten wirbelten alle leichteren Sachen umher und mußten rechtzeitig fest verstaut werden, und durch die Filzdecken kam ein Regen von Sand und Staub. Am unruhigsten war ich des Feuers wegen, denn die Fähre war überall von Schilf umgeben; daher wurden sowohl an Bord wie auf dem Land die ganze Nacht hindurch Wachen ausgestellt.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Die letzte Reise der Fähre.

Den ganzen folgenden Tag tobte der Sturm, und geduldig mußten wir in Jekkenlik warten. Gegen Abend ließ er ein wenig nach, und ich machte in dem neuen Boote eine herrliche Segelfahrt über die offenen Flächen des Sees.

Am 27. Mai, der windstilles warmes Wetter brachte, wurde der Rest des Jekkenlik-köll bis an den Punkt zurückgelegt, wo sein Wasser in Kaskaden in das Bett des Tarim hinunterströmt. Wir waren umgeben von einer Flottille von 12 Booten mit 30 Mann Besatzung, die uns über die Fälle hinweghelfen sollten. Es war ein eigentümliches Gefühl, als die Fähre von Fallkamm zu Fallkamm sank; sie beugte sich mit ihrem Vorderteile vornüber, um im nächsten Augenblick von der aufgeregten Wassermasse in Empfang genommen zu werden. Es herrschte die größte Spannung, und die Leute schrien, daß einem der Kopf schwindeln konnte; aber es lief doch alles glücklich ab, und die Fähre glitt ruhig auf den Tarim hinaus.

Am folgenden Tage wurden alle unnötigen Gäste, mit dem alten Naser Bek an der Spitze, verabschiedet, und in ihrer Einwohnerzahl dezimiert, zog die Flottille langsam flußabwärts. Die Tage waren folgendermaßen eingeteilt. Bei Sonnenaufgang wurde ich von Schagdur geweckt und inspizierte dann das Lager mit einem „Guten Morgen, Kosaken“, was mit militärischem Honneurmachen und „Starovie schelajim vasche prevoschoditelstvo“ (wir wünschen Euer Exzellenz Gesundheit) erwidert wurde; an die Muselmänner wurde der gewöhnliche Gruß „Salam aleikum“ (Friede sei mit euch) gerichtet, der wie ein Echo von allen Lippen zurückschallte. Das Frühstück bestand aus Fisch, Eiern, Tee und Brot. Während des Tages stand das Teegeschirr in meiner Kajüte, und der Samowar war bei den Kosaken stets angeheizt. Die Hauptmahlzeit wurde gegen 8 Uhr abends eingenommen und bestand aus Reispudding, Fisch, Kaffee und Milch. Die Arbeit wurde, solange es Tag war, ununterbrochen fortgesetzt, und den Abend nahm das Eintragen der am Tage gemachten Beobachtungen in Anspruch.

Schagdur machte sich vortrefflich, und ich gewann diesen prächtigen Kosaken, zu dem ich unbeschränktes Vertrauen hatte, immer lieber. Er hatte schon ziemlich geläufig mit den Muselmännern sprechen gelernt und nahm aus eigenem Antrieb bei Sirkin Unterricht in meteorologischer Beobachtungskunst, sowie im Lesen und Schreiben in russischer Sprache, worin er sich während dieser Fahrt so vervollkommnete, daß er mir später bei mehreren Gelegenheiten, als wir getrennt waren, Briefe schreiben konnte. Hätten die Kosaken einen weniger guten Charakter gehabt, so wären sie vielleicht während der Reise verdorben worden, denn sie hatten sehr viel Freiheit, solange sie in meinen Diensten standen. Doch ihre Disziplin erschlaffte nicht um Haaresbreite, und nie vergaßen sie die Achtung, die sie dem ihnen zugeteilten Vorgesetzten schuldig waren.

Der Beste unter den Muhammedanern war Kirgui Pavan, der siebzigjährige Kameljäger aus Tikkenlik, ein durch und durch ehrlicher, anständiger Mensch, angenehm und munter im Umgang. Er hielt sich tagelang vor dem Schreibtisch im Vorderteile auf, wo er die Steuerbordstange führte, während Aksakal aus Jangi-köll, ein großer, starker, weißbärtiger Mann von 60 Jahren, die Backbordstange hatte. Es bereitete mir ein Extravergnügen, der Unterhaltung dieser beiden Greise über die Aussichten der Fahrt und die beständig größer werdenden Entfernungen, die sie von ihrer Heimat im Nordwesten trennten, zuzuhören. Sie zerbrachen sich den Kopf darüber, wie sie überhaupt wieder zurückkommen sollten, und ich mußte sie wiederholt beruhigen und ihnen versprechen, daß ich für ihre Rückkehr sorgen würde. Vorläufig war Kirgui Pavan das Land noch bekannt, und es war ein großer Vorteil, ihn beim Beginnen jedes neuen Kartenblattes nach der nächsten Hauptrichtung des Flusses fragen zu können, denn sonst geschah es leicht, daß die angefangene Zeichnung nach einer Weile über den Rand des Blattes hinausging.

Ördek, der sich so vortrefflich gemacht hatte, meldete sich krank und mußte zu Kahn nach seiner Heimat zurückgebracht werden. --

Wir hatten beim Einbrechen der Dunkelheit die Fähre vertäut, ich hatte zu Mittag gegessen und war mit meinem Tagebuch beschäftigt, als die Hunde zu bellen begannen und ein unbekannter Kahn im Dunkeln heranruderte und anlegte. Ich glaubte, ein Loplik wolle uns besuchen, doch es ertönten schnelle Schritte auf dem Seitengange der Fähre, die Filzvorhänge meiner Kajüte wurden zurückgeschlagen, und die wohlbekannten Züge des Dschigiten Musa zeigten sich. Er war in 33 Tagen mit Post von Kaschgar geritten und war uns von dem Lager in Jangi-köll, das er öde und leer gefunden, flußabwärts zu Boot gefolgt. Die Ankunft der Dschigiten bildete stets die großen Festtage der Reise, an denen die Verbindung mit der Heimat und der Außenwelt wieder angeknüpft wurde. Nachdem Pakete von Briefen, Büchern und Zeitungen auf dem Fußboden aufgereiht worden, wurde die Kajüte zugemacht, und ich legte mich hin und las bis um 3 Uhr morgens.

29. Mai. Mein alter Lotse Kirgui Pavan teilte mir wie gewöhnlich die Namen der Gegenden und einzelnen Stellen mit und erzählte mir alles, was er von dem Flusse aus früherer und aus jetziger Zeit wußte. An einen Hügel bei einer einsamen Pappel namens Kamschuk-tüschken-tograk (die Pappel, wo sich Kamschuken niederließen), knüpfte er eine dunkle Geschichte von Menschen unbekannten Stammes, aber obenerwähnten Namens, die vor mehreren Jahrzehnten von Korla gekommen und auf einigen aus Pappelstämmen zusammengefügten Flößen den Kontsche-darja hinuntergegangen waren. Es waren etwa fünfzig Familien mit Frauen und Kindern, aber verhältnismäßig wenig alten Leuten gewesen. Sie reisten langsam, rasteten hier und dort ein paar Tage, waren arm und tauschten sich gegen Flinten und Pulver Lebensmittel ein. Kirgui Pavan hatte sie in seiner Jugend selbst gesehen. Er erinnerte sich, daß sie geschickte Schützen gewesen, die sich von Fischen und Wildschweinfleisch ernährt haben. Ihr Führer hieß Jiwen (Iwan?) und hatte das Land vorher allein besucht, um zu sehen, ob es sich zur Ansiedelung eignete. Beim Schafschlachten hatten sie nicht ebenso verfahren wie die Muselmänner, sondern das Schaf erst durch einen Keulenschlag vor die Stirn betäubt. Ein älteres Mitglied ihrer Gesellschaft war von den Lopbewohnern Jeghalaghak, der „Weinende“, genannt worden; seine Gattin war gestorben und lag bei der obenerwähnten Pappel begraben. Auf Befehl Aschur Beks von Turfan hatten sie nach dreijährigem Aufenthalt im Loplande, wo sie bis Tscharchlik gekommen waren, auf demselben Wege wieder zurückkehren müssen. Die Rückreise hatten sie zu Land angetreten und waren in einer dunkeln Nacht von einem Buran überfallen worden. Hierbei verschwand ein junges Mädchen, die Braut eines Mannes namens Eweranj. Dieser war vor Gram beinahe wahnsinnig geworden und hatte seine Verlobte Tag und Nacht gesucht; da sie sich aber offenbar im Sturme verirrt hatte, hatten sie sie ihrem Schicksale überlassen und waren weitergezogen. Alle sprachen fließend „Turki“ und sagten, daß sie Flüchtlinge seien.

Diese unzusammenhängende, bruchstückhafte Erzählung war die einzige Raskolnikenüberlieferung, die ich im Loplande hörte. --

Gegen Abend begann der Fluß wieder unruhig und launenhaft zu werden; er teilte sich in mehrere Arme, unter denen wir unseren Weg mit großer Vorsicht auswählen mußten, und ergoß sich schließlich in den neuen See +Sattowaldi-köll+, wo wir auf einer kleinen Insel, dem einzigen in Sehweite befindlichen festen Boden, lagerten. Hier waren die Mücken noch lästiger als gewöhnlich, und ich hatte in meiner Kajüte ein brennendes Becken mit Kamischhäcksel, um Ruhe vor ihnen zu haben.

Die nächste Tagereise führte ununterbrochen über Seen und durch ein Labyrinth von engen Kanälen, in denen wir nur mit Hilfe aufgebotener Leute vordringen konnten. Wir lagerten jedoch abends wieder auf dem alten Tarim, der hier 23,8 Kubikmeter in der Sekunde führte.

Nachdem am 1. Juni der Dschigit Musa mit der neu gefüllten Posttasche wieder zurückgeschickt worden war, setzten wir unseren Weg auf dem Flusse fort. Der Tarim fing an, unangenehm gewunden zu sein, und der Wind war uns hinderlich; bisweilen half nicht einmal das Arbeiten mit Rudern und Stangen, und erst am Abend des 2. Juni erreichten wir +Ajag-argan+, wo wir auf derselben Landzunge lagerten, wo unser Zelt schon zweimal aufgeschlagen gewesen war.

Hier blieben wir verschiedener Arbeiten wegen zwei Tage liegen. Die Muselmänner beschäftigten sich mit gründlicher Reinigung der Fähre. Ich maß die beiden Flüsse, die der Tarim bei Argan aus dem Tschiwillik-köll erhält und die zusammen 36,5 Kubikmeter Wasser führten. Wir würden also während der noch folgenden Tagereisen nicht über Wassermangel zu klagen haben. Der vereinigte Fluß, der von hier an auch Baba Tarim (Flußgreis) genannt wird, hatte jetzt 60,8 Kubikmeter in der Sekunde.

Die Strecke am 5. Juni war voller Biegungen und Windungen und führte durch ziemlich üppigen Wald, der jetzt in seiner größten Sommerpracht stand. Das Wasser des Flusses hatte 23,5 Grad. Sirkin pflegte oft von der Fähre hineinzuspringen und eine kleine Schwimmtour um sie herum zu machen. Ich selbst badete nur um Mitternacht und 7 Uhr morgens, hatte aber den ganzen Tag über einen großen Zuber mit Wasser in meiner Kajüte, um mich zwischen den Kompaßpeilungen erfrischen zu können. Jeden Abend legten die Kosaken ihre Netze aus, und wir konnten uns also selbst mit Fischen versorgen. Eines Morgens betrug der Fang zwanzig Stück, die so groß waren, daß ein Fisch gut für einen hungrigen Mann ausreichte.

Flußabwärts nehmen Bremsen, Mücken und Moskitos in beängstigendem Grade zu, und wo sie sich zusammentun, hat man keine sonderliche Freude am Dasein. Sie sind außerordentlich gesellschaftlich und übertreffen einander an Aufmerksamkeit. Doch gegen sie zu kämpfen, ist ganz vergeblich; man zieht dabei in jedem Falle den kürzeren. Die Stiche der Bremsen brennen wie Feuer, und jeden Abend liegen Hunderte dieser Insekten tot um den Schreibtisch herum, so daß täglich ausgefegt werden muß. Die Hunde führen einen verzweifelten Krieg mit ihnen und haben nur nachts Ruhe. Die Hütten, die wir gelegentlich passieren, sind unbewohnt, und Hirten fehlen, weil ihre Herden von den Bremsen vernichtet werden würden. Die Kaufleute, die in dieser Jahreszeit zwischen Tscharchlik und Korla reisen, reiten nur nachts und schützen ihre Tiere in Kamischhütten.

Wir rasteten bei +Küjüsch+, um dort unser Abendbrot zu essen und den Fluß zu messen, aber um 10 Uhr brachen wir wieder auf und hatten noch ein paar Stunden Nutzen vom Monde. Nachdem dieser untergegangen war, umgab uns tiefes Dunkel. Vor uns war nur die uns führende chinesische Papierlaterne zu sehen, die, an ihrer Stange schaukelnd, wie ein Elmsfeuer über das Wasser hinhuschte. Die Nacht war absolut ruhig und windstill; kein Laut war zu hören, kein Hauch zu spüren. Die Bremsen schlummerten längst zwischen Gras und Schilf, bisweilen plätscherte ein Fisch im Wasser, oder man hörte das leise Rauschen um einen steckengebliebenen Stamm.

Auf der Kommandobrücke saßen die Kosaken, rauchten ihre Pfeifchen und amüsierten die Gesellschaft mit der Spieldose, wodurch sie auch die Leute wachhielten, was jedoch infolge der Furcht derselben vor dem Anprallen gegen überhängende Pappeln und dem Aufgrundgeraten eigentlich überflüssig war. Sirkin hatte eine gewaltige Ölfackel angezündet, um die Ufer zu beleuchten, und er und Schagdur berichteten mir ständig von dem Aussehen der Ufer, z. B. „rechts dichter Wald am Ufer, links Kamischfelder, Gesträuch und junger Wald“ usw. Die Kompaßrichtungen wurden nach der Laterne gepeilt.

So gleiten wir denn, von stiller Nacht umgeben, diesen endlosen Fluß hinab. Alle freuen sich nach einem glühend heißen Tage der erquickenden Kühle und können jetzt ihre sommerlich dünnen Kleidungsstücke öffnen, ohne juckende Stiche befürchten zu müssen. Ich begleite am Schreibtische mit der Flöte die wohlbekannten Melodien der Spieldose, die Kosaken qualmen ihre Schifferpfeifen, Kirgui ruft dann und wann sein: „Chabardar“ (gebt acht), wenn er besondere Wachsamkeit für nötig hält, und Stunde auf Stunde gleiten wir den gewaltigen Fluß hinab, seinem Grabe in der Wüste entgegen. Das Stundenglas ist bald abgelaufen; es sind die letzten Pulsschläge, denen wir folgen, und mit einem Gefühle des Bedauerns sehe ich eine Flußbiegung nach der anderen hinter uns verschwinden.

Wenn dann die Musik den Reiz der Neuheit eingebüßt hat, stellen sich Müdigkeit und Schlaflust ein. Die Spieldose verstummt, die Fackel darf erlöschen, Sirkin pufft Aksakal, dessen geneigter Kopf bedenklich hin und her schwankt, wird aber selbst eine Weile darauf überrascht, wie er, den Rücken an die Reling gelehnt und den Kopf über den Rand hinaushängend, mit weitgeöffnetem Munde eine Serenade zu Ehren des Sandmannes anstimmt. Hinterlistig gerät seine Mütze ins Gleiten und fällt ins Wasser, er fährt auf und ist eine Weile munter wie ein Fisch.

Um 2 Uhr nachts erbarmte ich mich meiner müden Diener, die nicht von denselben Interessen wachgehalten werden konnten wie ich. Wir vertäuten die Fähre am Ufer, und nach fünf Minuten herrschte an Bord lautlose Stille.

Wir hatten jedoch nicht lange geruht, als ein neuer Buran heransauste und meine Filzdecken losriß; er tobte den ganzen Tag und machte uns das Aufbrechen unmöglich. Erst um 10 Uhr abends nahm er ab und gönnte uns Zeit zu einer dreistündigen Fahrt. Aber am 8. und 9. Juni hielt uns der wütende Sturm wieder fest. Kleine Flugsanddünen lagerten sich überall in der Kajüte ab; man braucht beim Schreiben kein Löschpapier; ich selbst bin wie mit Puder überschüttet, in der Teetasse kann man, wenn man sie zuzudecken vergißt, alluviale Gebilde und sedimentären Schlamm studieren, und Schagdurs Frühstückskotelette sind mehr sandig als gesalzen.

Ganz passend, um mir während dieses gezwungenen Wartens Beschäftigung zu geben, langte noch ein Dschigit an, und ich dachte mir gleich, daß er mir wichtige Nachrichten bringen würde, denn er war ein Extrakurier, dessen Absendung nicht vereinbart worden war. Konsul Petrowskij teilte mir denn auch mit, er habe vom Generalgouverneur von Turkestan ein Telegramm bekommen, daß die beiden Kosaken Sirkin und Tschernoff unter den jetzigen unruhigen Verhältnissen an mehreren Grenzen Asiens nicht länger zu entbehren seien, sondern nach Kaschgar zurückgeschickt werden müßten.