Im Herzen von Asien. Erster Band.

Part 17

Chapter 173,590 wordsPublic domain

Wir folgten dem Westufer nach Nordnordost. Der See hat dieselbe Form und Größe, sogar dasselbe Aussehen wie der Basch-köll und gleicht einem breiten Flusse. An einem Fischereiplatze mit Feuerspuren lag etwa ein Dutzend Kähne eingefroren am Ufer. Streckenweise wanderten wir auf dem Eise, das rein und durchsichtig wie Spiegelglas über kristallklarem Wasser lag. Bis in drei Meter Tiefe traten die kleinsten Einzelheiten auf dem Grunde hervor, und anfangs fühlte man sich unsicher, als sollte man über das Wasser einer ruhigen Bucht gehen. Es glich einem riesengroßen Aquarium mit Algen, die regungslos waren wie Korallen, und mit großen schwarzrückigen Fischen, die in den Algenbüschen schlummerten und von den Kosaken durch Stampfen aus ihrem starren Winterschlafe aufgeweckt wurden. Sie bewegten dann langsam die Flossen und zogen sich ruhig und gemächlich in die Tiefe zurück. Die kleinen Fische schossen in ganzen Schwärmen am Ufer entlang, wo das Eis 10,2 Zentimeter dick war, während es nur hundert Schritte weiter seeeinwärts bloß 3 Zentimeter Dicke hatte. Nie habe ich einen so wunderbar schönen Eisspiegel gesehen. Ich fühlte mich beinahe versucht, mich hier für den Winter niederzulassen, nur um in einer provisorischen Eisjacht über seine glatte Bahn hinzusegeln, statt mich in den mörderischen Sand hineinzuwagen!

An den Kanälen des Jangi-köll vorbei begaben wir uns längs des rechten Tarimufers nach dem Ausgangspunkte der Exkursion, wo der Fährmann uns mit seinem Fahrzeuge erwartete und Islam Bai und Parpi Bai uns in Empfang nahmen. Im Lager war alles ruhig.

Der Tagesbefehl für den 15. Dezember lautete, daß Tschernoff, Islam und Ördek zu Pferd den Seit-köll untersuchen und nachsehen sollten, ob das Land in seiner südwestlichen Verlängerung sich zum Ausgangspunkte der Wüstenreise eignete. Sie führten ihren Auftrag schnell und gut aus. Tschernoff und Ördek, die beide Rekognoszierungen mitgemacht hatten, konnten infolgedessen Vergleiche über die Güte beider Wege anstellen. Nach anderthalbtägiger Abwesenheit kehrten sie mit einer in großen Zügen entworfenen Kartenskizze über ihre Tour zurück. Meine Kundschafter versicherten, daß solcher Sand, wie wir ihn am Jangi-köll gesehen, dort weit und breit nicht zu erblicken sei und daß die Anhäufungen, welche die Bodensenkungen trennen, sogar zu Pferde passiert werden können. Von ihrem äußersten Südpunkte aus hatten sie noch einige Bajirmulden sich nach Südwest hinziehen sehen; durch diese würden uns wenigstens die ersten Tagereisen in hohem Grade erleichtert werden. Auch jetzt waren die Dünen weißbereift gewesen, und Ördek sprach den Gedanken aus, daß man bei Wassermangel seinen Durst mit Reif stillen könne. Ich vermutete indessen, daß der Reif nur in der Nähe des Flusses so reichlich sei und nach den zentralen Teilen der Wüste hin abnehmen werde.

So wurde denn beschlossen, das Seebecken des Tana-bagladi zum Ausgangspunkte der Wüstenreise zu wählen.

Bei meiner Rückkehr von der Rekognoszierung hatte sich das Aussehen des Tarim in einiger Hinsicht verändert. An der Fährstelle war jetzt nur noch ein Drittel der Breite offen, und das Treibeis hatte sich noch mehr vermindert, seit sowohl oberhalb wie unterhalb des Lagers große, ruhige Strecken des Flusses zugefroren waren. Das Wasser wurde klarer und war auf 19 Zentimeter durchsichtig, aber es war im Fallen begriffen und in einer Woche 24 Zentimeter gesunken, so daß die Eisfläche eine Schale mit klaffenden Rissen bildete.

In Tura-sallgan-ui verbrachte ich wieder ein paar herrliche Ruhetage, und die Hütte wurde zu einer behaglichen Wohnung eingerichtet. Das innere Zimmer, wo meine Kisten, Instrumente, Schreibsachen usw. geordnet wurden und das von dem äußeren durch einen von einem Dachbalken herabhängenden, dicken Vorhang von rotem Filz getrennt wurde, war jedoch nicht warm zu bekommen. Inmitten all dieses trockenen Schilfes wagte ich nicht einen Ofen aufzustellen, da es nur einiger Funken aus seinem Rohre bedurfte, um das Ganze in Brand zu setzen. Daher wurde in die Hinterwand des Gemaches eine Tür gebrochen und unmittelbar vor dieser das Zelt aufgeschlagen; hier war die Benutzung des Ofens nicht mit Feuersgefahr verbunden. Die Außenseite des Zeltes wurde zusammengenäht, und rundherum schütteten wir einen Wall auf, um alle Zugluft abzusperren. Hier wurde mein Bett ausgebreitet; auf einem Tische hatte ich einige Arbeitsgeräte usw. Ich residierte demnach in einer Wohnung von drei Zimmern und fühlte mich in meinem eigenen Dorfe so wohl, daß es einer guten Portion Energie bedurfte, um alles zu verlassen und das Weihnachtsfest in der Wüste zu feiern.

Doch wer konnte der „Urus Tura“ (der russische Herr) sein, der sich unseren Gegenden nähern sollte? Da ich wußte, daß Charles Eudes Bonin von China aufgebrochen war, um den Kontinent über Sa-tscheo, Lop und Urumtschi zu durchqueren, nahm ich an, daß er es sein müsse, und schickte ihm daher einen Eilboten entgegen, mit der Einladung, zu mir zu kommen und bei mir zu wohnen. Dieser Auftrag wurde Parpi Bai anvertraut, weil es Bonin interessieren mußte, einen Mann zu sehen, der den Prinzen von Orléans und Bonvalot auf ihrer Reise durch Tibet begleitet hatte und der Zeuge der Ermordung von Dutreuil de Rhins gewesen war.

Am Abend des 16. kam Parpi Bai mit einer von französischer Artigkeit überfließenden Antwort wieder. Bonin -- er war es in der Tat -- war in dem 10 Kilometer nördlich von unserem Dorfe gelegenen Örtäng (Gasthause mit Posthalterei) von Dschan-kuli angekommen. Bei hellem Mondschein ritt ich dorthin und fand den berühmten Reisenden, von seinen anamitischen, französisch sprechenden Dienern umgeben, in einer Gaststube, die ein mitten auf dem Fußboden brennendes Feuer mit Rauch erfüllte.

Auf einer langen Reise durch öde Gegenden kann es nichts Angenehmeres geben, als einen Europäer zu treffen. Jetzt war es mehr als je der Fall, denn Bonin war ein reizender, heiterer, witziger und gelehrter Herr, und es war für mich ein unvergleichliches Vergnügen, seinen interessanten Erfahrungen und Hypothesen zu lauschen. Er hatte eine alte Pilgerstraße über den Astin-tag nach Tibet gefunden und eine ehemalige Heerstraße, die von Sa-tscheo nach der Gegend führte, wo der alte Lop-nor gelegen hatte, und in betreff der Wanderung dieses Seebeckens hatte Bonin dieselben Ansichten wie ich.

Bonin lud mich zu einem vortrefflichen Abendessen ein; am folgenden Morgen nach dem Frühstück begaben wir uns nach Tura-sallgan-ui, wo wir einen außerordentlich gemütlichen Tag verlebten (Abb. 56). Mein französischer Gast nahm mit großem Interesse das Dorf und seine Sehenswürdigkeiten, die Hütten, den Klub und den Hafen mit den eingefrorenen Booten in Augenschein. Die ganze Karte über den Tarim mit seinen zahllosen Krümmungen passierte Revue, und als der Mond aufging, machten wir sogar eine kleine Bootfahrt zwischen dem Treibeise.

Doch als der Abend kalt wurde, lud ich meinen Gast in das Zelt ein, und nun wurde im Ofen so eingeheizt, daß es in dem eisernen Rohre krachte. Ein „lukullisches“ Mahl wurde aufgetragen und alles, was das Haus vermochte, hergegeben, alle Speicher und Vorratskammern gebrandschatzt. Die Hauptgerichte waren schwedische Kaisersuppe, tatarischer Schißlick und turkestanischer Reispudding, dann folgte eine ganze Reihe Konserven, die wir mit dem Inhalte der einzigen, meinen ganzen Weinkeller bildenden Flasche, die Oberst Saizeff in einem unbewachten Augenblick in eine meiner Kisten eingeschmuggelt hatte, anfeuchteten; nach dem Essen gab es Tee und Zigarren. Es war der vergnügteste Abend, den ich im innersten Asien verlebt habe; erst nach Mitternacht endete das Gelage, das auch durch Tafelmusik verschönt wurde; Bonin machte es sich im Zelte bequem, und ich übernachtete im kalten „Salon“.

Am Morgen des 18. fuhr Bonins weitgereister chinesischer Karren vor; die Abschiedsstunde schlug, und wir trennten uns: er, um in sein Vaterland zurückzukehren, ich, um in der Tiefe der Wüste zu verschwinden. Er hatte sein gut ausgeführtes Tagewerk hinter sich, vor meinem Blicke wogte in undurchdringlichem Nebel eine ganze Welt von Rätseln. Als alles fertig war, wurden Bonin und seine Diener unter der großen chinesischen Laterne, die an einem Pfahle in der Mitte des Marktes hing, photographiert (Abb. 57). Er trug einen langen, roten Mantel und ein ebenfalls rotes Baschlik und glich einem lamaistischen Pilger. Ein kräftiger Handschlag, und ~au revoir~! Er verschwand in seinem Karren, der zwischen den Gebüschen fortrollte. So war ich denn wieder allein, aber ich bewahrte unser Zusammentreffen als eine der angenehmsten Episoden der ganzen Reise in meinem Gedächtnis. Ein Hauch aus Europa war mit der Morgenröte über den Lop-nor zu mir gedrungen und mit der untergehenden Sonne wieder im Westen verschwunden. --

Der stolze Tarim machte jetzt seine letzten Anstrengungen, um vor dem langen Winterschlafe noch ein bißchen zu leben. Gleich oberhalb des Lagers war der Fluß jedoch schon so fest zugefroren, daß man auf dem Eise hinüberreiten konnte, und infolge der großen Wassermassen, die auf diese Weise in dem Bette gebunden worden waren, fiel der Wasserstand am Lager immerfort. Wenn dieses kompakte Wintereis an der Lenzsonne schmilzt, entsteht eine erste Frühlingsflut, die „Mus-suji“ (Eiswasser) genannt wird; diese reichliche Flut war es, die der Fähre im nächsten Jahre weiter nach Südosten verhelfen sollte.

Der 19. Dezember war für längere Zeit unser letzter Tag in Turasallgan-ui und verging unter Vorbereitungen zur Wüstenreise. Nach den Rekognoszierungen hatten wir den Tana-bagladi zum Ausgangspunkte bestimmt; doch lange hatten wir hin und her überlegt, ehe wir soweit gelangt waren. Die Eingeborenen, denen das Ganze als ein unheimliches, wahnsinniges Unternehmen erschien und die augenscheinlich nicht wünschten, daß Selbstmörder gerade von ihren friedlichen Hütten aus aufbrächen, rieten mir, die Wüste zu umgehen und die Durchquerung von Tschertschen aus nach dem Jangi-köll hin zu beginnen, und auch meine eigenen Leute fanden, daß dies ein kluger Vorschlag sei -- sie könnten uns dann mit einer kleinen Entsatzexpedition entgegenkommen und von einem bestimmten Tage an, wenn unsere Ankunft bevorstehe, allabendlich auf einer himmelhohen Düne einen Holzstoß anzünden, der unsere Schritte in die rechte Richtung lenken würde. Der Gedanke an diese Fackel der Winternacht, die auf der äußersten Klippe des Wüstenmeeres brennen und wie ein Leuchtturm ihren blendenden Schein über die Dünenkämme werfen sollte, war malerisch, phantastisch und recht verlockend. Wie festlich könnte dann unser Einzug in die warmen Hütten von Jangi-köll sein, wenn wir erschöpft, auf dem Schiffe der Wüste schaukelnd gerade auf das freundlich lockende gelbe Licht zusteuerten, dessen Schein uns das Ende unserer Mühsal verkündete! Doch ich ließ mich dadurch nicht verlocken; es war besser, mit ausgeruhten Tieren und von einem festen, sicheren Punkte aus aufzubrechen, und dabei blieb es.

Mein alter erfahrener Diener aus den Takla-makan-Tagen, Islam Bai, wurde auch jetzt Karawan-baschi; die übrigen Teilnehmer waren Turdu Bai, Ördek und Kurban. Wir hatten nur sieben Kamele und ein Pferd, und von den Hunden durften nur Jolldasch und Dowlet ~II~ mitkommen, da ich die empfindlichen Windhunde der Mittwinterkälte unter freiem Himmel nicht aussetzen wollte.

Eine aus Parpi Bai, Faisullah und einem Loplik namens Chodai Verdi nebst drei Kamelen bestehende Hilfskarawane sollte uns die vier ersten Tage begleiten und dann nach Hause zurückkehren.

Die Kisten, die in der Hütte gestanden hatten, wurden für den Winter an Bord der Fähre gebracht, um gegen Feuersgefahr geschützt zu sein, und auf dem Dache der Dunkelkammer hatte das meteorologische Häuschen seinen ständigen Platz; dort arbeiteten der Thermograph und der Barograph ununterbrochen den ganzen Winter hindurch. Sirkin hatte es lernen müssen, mit ihnen umzugehen, und hatte seit dem 7. Dezember gründlichen Unterricht in meteorologischer Beobachtungskunst erhalten. Er wurde Oberhaupt und Leiter des Winterlagers; sein meteorologisches Journal führte er so genau, daß die Daten desselben als Stütze meiner eigenen, auf der Reise gleichzeitig ausgeführten Beobachtungen von großem Werte waren. Die Kosaken, die ich blutenden Herzens als Bedeckung des Lagers zurücklassen mußte, logierten in ihrem Zelte, in das sie den Ofen setzten, erhielten zwei Jamben zur Bestreitung der Haushaltkosten und hatten Überfluß an Proviant. Sie übernahmen auch die Verantwortung für den Wachtdienst und die Pflege unserer zurückbleibenden Tiere, deren Zahl sich um drei junge Maulesel vergrößert hatte, die wir für den außergewöhnlich billigen Preis von 70 Sär bekommen hatten und die 3½ Jahre aushielten.

Die Ausrüstung wurde mit größter Sorgfalt gewählt; es galt, mit leichtem Gepäck in den hohen Sand hineinzugehen, nichts Überflüssiges durfte mitgenommen werden. Wir hatten Reis und Mehl für zehn Tage, fertiggebackenes Brot für vierzehn Tage und für ebensolange „Talkan“, geröstetes Weizenmehl, das so wie es ist verzehrt wird. Ich nahm einige Konservenbüchsen, Tee, Zucker und Kaffee mit, die Männer einen Block chinesischen Ziegeltee. Der Proviant sollte also nur bis Tschertschen reichen, wo wir unsere Vorräte leicht erneuern konnten.

In der einzigen Kiste, die ich mitnahm, lagen das Universalinstrument mit Stativ, meteorologische Instrumente, Nivellierspiegel, Kodak, Marschroutenbücher, Bandmaße, Proberöhren, Karten über Ostturkestan, eine Menge Kleinigkeiten und Kleider. Die Chronometer trug ich stets bei mir.

Am 20. Dezember morgens um 7 Uhr weckte mich Islam mit der Frage, ob wir reisen wollten, da es heftig aus Südwest stürme. Es war dies deutlich zu merken, denn das Zelt blähte sich wie ein Gummiball und der Rauch drang aus dem Ofenrohre in meine Behausung; aber der Aufbruch war auf diesen Tag festgesetzt, und es ist nicht klug gehandelt, eine einmal beschlossene Sache auf die lange Bank zu schieben. Ich aß also ein letztes Frühstück in meinem warmen Zelte, dann wurde das Gepäck nach dem rechten Ufer gebracht, wo sich die Beke und die Bevölkerung der Gegend versammelt hatten, um uns zu einem Abenteuer aufbrechen zu sehen, von dem wir, wie sie fest glaubten, nie wieder zurückkehren würden!

Das Beladen der Kamele begann. Meine Instrumentkiste, mein Bettsack und die Kiste mit dem Küchengeschirr bildeten eine Kamellast, der Hauptproviant und die Kleider der Leute eine zweite; das dritte Kamel war mit massiven Holzklötzen beladen, das vierte mit Mais für die Tiere und die drei übrigen mit Eis, das in kompakten Klumpen in Tulumen (Schläuchen von Ziegenfell) verwahrt wurde. Die drei Reservekamele hatten tüchtige Lasten, die aus lauter Holz und Eis bestanden. Alle Reisenden waren mit guten Winterkleidern und warmen Pelzen ausgerüstet.

Vierzehntes Kapitel.

Ins Herz der Wüste Takla-makan.

Mit dem Flusse zur Rechten und dem gewaltigen Sande zur Linken zogen wir gerade nach Westen. Der Tarim war auf dem ganzen Wege stromaufwärts fest zugefroren; wir verließen ihn aber bald und bogen in den Sand ein, dem Südostufer des Tana-bagladi-Sees folgend. Eine 20 Zentimeter dicke Eisscheibe bedeckte ihn; offenes Wasser war nirgends zu sehen. An unserem Ufer war die Tiefe so bedeutend, daß wir trotz des klaren Wassers nicht bis auf den Grund sehen konnten. Als wir die äußerste Seebucht im Süden erreichten, wurde eine kurze Rast gemacht; vier kleine Waken wurden in das Eis gehauen, und die Kamele durften noch einmal, das letzte Mal für längere Zeit, so viel trinken, wie sie konnten. Sie schienen zu wissen, daß sie Durst leiden würden, denn sie tranken lange und mit langem, saugendem Schlürfen. Nach jeder Wiederholung schnaubten sie und bewegten ihre weichen Lippen, daß die Wassertropfen weit umherspritzten und Eiszapfen in ihrem üppigen Winterbarte hingen. Sie waren ein wenig ängstlich davor, sich mit ihrem ganzen Gewicht über das spiegelblanke Eis zu beugen, das deshalb erst mit Sand bestreut werden mußte. Auch der kleine Schimmel von Kaschgar, die Hunde und die Männer benutzten die Gelegenheit, um sich ordentlich satt zu trinken; denn wenn wir auch für 20 Tage Eis mitgenommen hatten, konnte es dennoch sein, daß wir später mit dem kostbaren Getränke würden vorsichtig umgehen müssen.

So wurde denn dieses letzte Wasser verlassen. Wir gingen über die Dünen, welche das Seebecken im Süden begrenzen, und lagerten an einem zugefrorenen Salztümpel, in dessen nordöstlichem Teile Kamisch wuchs, in welchem die von ihren Lasten befreiten Kamele weiden durften.

In dem dichtesten Schilfe wurde ein kleiner, runder Aushau gemacht, in welchem wir uns niederließen, vor dem Winde geschützt, aber nur mit dem Himmel als Dach. Von dürrem Schilfe wurde ein Feuer angezündet das dann haushälterisch mit Spänen von dem ersten Holzklotze genährt wurde. Parpi Bai war Koch. Er wusch den Reis, legte ein Stück Fett in den Topf, in dem kleine Fleischstücke, Zwiebel und Suppenkraut kochten, streute den Reis hinein und fügte eine Kanne Wasser hinzu, worauf er den Topf mit einem Deckel zudeckte; der Pudding muß kochen, bis das Wasser teils verdampft, teils in den Reis eingezogen ist; so wird ein orthodoxer Reispudding bereitet. Einige nette Lopleute, die uns aus eigenem Antriebe begleitet hatten, überraschten uns abends mit je einem Armvoll Brennholz und Eis. Wir brauchten also unsere eigenen Vorräte von diesen beiden wichtigen Dingen nicht gleich am ersten Abend in Anspruch zu nehmen.

Als ich am folgenden Morgen aus meinem Bette kroch, tobte noch immer der Sturm aus Südwest, aber die natürliche Schilfhütte schützte uns vor ihm, und das Feuer verbreitete wohltuende Wärme in dem Halbdunkel. Die Tagereise ging in jeder Beziehung gut, da das Terrain wider Erwarten günstig war. Unser Weg war uns vollständig durch jene eigentümlichen Bajirmulden vorgeschrieben, die in einer Reihe nach Südwesten laufen. Im Südwesten unseres Lagerplatzes gehen wir über eine sehr niedrige, bequeme Sandschwelle nach der ersten Bajir, an deren Anfang einige von Salzkristallisationen umgebene Salzwassertümpel liegen -- wie gewöhnlich in dem Teile der Bodensenkung, der dem Flusse zunächst liegt. Die zweite und dritte Bajir waren ein wenig kleiner. Man konnte fürchten, daß dies ein Zeichen des Aufhörens der Bajire sei und wir wieder in lauter Sand wie in der Takla-makan würden waten müssen, aber die Bajir Nr. 4 beruhigte uns; sie war ebenso groß wie die drei ersten zusammengenommen. Diese Mulden, deren Boden in gleicher Höhe zu liegen und vollständig eben zu sein scheint, sind voneinander durch schmale Landgürtel getrennt.

Der Bajirboden ist selten fest; hier bestand er aus feinem, feuchtem Staube, in den die Kamele 40 Zentimeter tief einsanken, und die Wanderung war langsam und ermüdend; wir brauchten vier Minuten zu einer Strecke von 200 Meter, legten also nur 3 Kilometer in der Stunde zurück. Das erste Kamel hat es am schlimmsten, denn es muß einen Weg für die anderen auspflügen, das letzte dagegen geht beinahe wie auf einem angelegten Fußpfade, den ich auf meinem kleinen Schimmel auch benutzte. Meine Männer gingen zu Fuß, außer Parpi Bai, der auf einem Kamele oben auf einem Holzhaufen saß.

Der Gestalt nach sind alle diese Bajire einander gleich, und man findet, daß dieselben Naturkräfte sie alle gebildet haben. Denn dasselbe Relief kehrt mit bewunderungswürdiger Regelmäßigkeit wieder. Sie erstrecken sich von Nordosten nach Südwesten und sind im allgemeinen nur einen Kilometer breit. Wir wandern stets an einem der „Ufer“ hin, weil der Boden da, wo der Sand in den Staub übergeht, am härtesten zu sein pflegt. Gleich den Seen sind sie überall von Sand umgeben, aber die Dünen des südöstlichen Randes bilden eine fortlaufende zirka 33 Grad steil abfallende Wand, während im Nordwesten die Luvseitenabhänge der Dünen langsam zu einer Kulmination ansteigen, an deren Westfuße man sicher darauf rechnen kann, noch eine Bajir zu treffen. Es versteht sich von selbst, daß die von uns eingeschlagene Richtung die einzig mögliche war; sie mußte uns gerade auf unser Ziel, das Dorf Tatran am Tschertschen-darja, eine Tagereise unterhalb der Stadt Tschertschen führen. Nach Osten oder Westen zu gehen, ist in dieser Wüste sogar für einen Fußgänger beinahe ganz unmöglich.

Wir schreiten schwer und langsam beim Klange der Glocke des letzten Kameles dahin. Die Landschaft ist unsagbar tot und öde; selbst die Sandwüsten auf dem Monde, wenn es solche gibt, können nicht jeglichen organischen Lebens barer sein als diese hier. Es ist nichts, absolut nichts vorhanden, was darauf schließen ließe, daß hier je Leben in irgendeiner Gestalt existiert habe. Nur die Spuren der drei Kundschafter, die ich ausgeschickt hatte, bewirkten eine Unterbrechung der leblosen Einförmigkeit; auch sie hörten bald auf (Abb. 58).

Kurz vor dem Ende der Bajir Nr. 4 machten wir Halt -- Lager Nr. 2 --, aber jetzt fehlte uns die Schilfhecke, und wir waren dem wirbelnden Flugsande völlig preisgegeben. Die Kamele wurden angebunden, damit sie nicht ihrer Gewohnheit gemäß nachts nach den üppigen Weideplätzen am Flusse durchbrannten. Zwei kleine Feuer wurden angezündet; es waren unser zu viele, um an einem Feuer Platz zu finden.

Das große, alles beherrschende Gesprächsthema ist: wie weit erstrecken sich diese gesegneten Mulden? Denn so weit sie reichen, hat es keine Not. Ich erklomm die nächste hohe Düne. Die Landschaft, die sich nach Osten hin aufrollt, ist geradezu unheimlich; dem Blicke begegnen auf dieser Seite nur die steilen Abhänge auf den südöstlichen „Ufern“ der Bajire, und man sieht nur ein aufgeregtes Sandmeer in riesenhaften Wogen, die im Begriffe gewesen zu sein scheinen, gerade auf den Zuschauer loszurollen, aber unterwegs erstarrt waren und jetzt nur eine erlösende Zauberformel abwarten, um nach Westen weiterzurauschen. Nach meinen topographischen Arbeiten von der vorigen Reise mußten wir bis Tatran 285 Kilometer haben, also beinahe doppelt so weit wie von den Seen des Masar-tag nach dem Chotan-darja, welche Entfernung hingereicht hätte, eine ganze Karawane zu töten! Islam und ich, die jene Reise nie vergessen konnten, sahen nur zu wohl ein, wie gewagt diese neue Wüstenwanderung tatsächlich war.

Man bedenkt sich erst noch, ehe man aus den Pelzen kriecht, wenn ein frischer westlicher Buran weht und die Luft mit Flugsand erfüllt ist, so daß sich das Tageslicht in Dämmerung verwandelt und wenn es obendrein -11 Grad kalt ist. Auf dieser ganzen Expedition, die zwei Monate dauerte, schlief ich jede Nacht, außer in Tschertschen, unter freiem Himmel, was mir in keiner Weise schlecht bekam. An den Holzspänen und Eisstücken wurde schon jetzt gespart.

Parpi Bai war kränklich, und ich wollte ihn schon vom Lager Nr. 2 zurückschicken, aber er konnte in seinem schweren Pelze nicht gehen und Tura-sallgan-ui in einem Tage nicht erreichen; eines der Kamele mußte sich seiner erbarmen. Es war die einzige meiner Wanderungen, an der er teilnahm; seine Tage waren gezählt.

Heute wurden 22,4 Kilometer zurückgelegt, größtenteils auf ebenem Bajirboden; die Sandengen zwischen den Mulden wurden nach und nach höher und breiter. Das einzige nicht recht Gute war, daß die Depression sich fortlaufend nach Südwesten erstreckte; hielt diese Richtung an, so würden wir in das grenzenlose Sandmeer hineingeraten und in die diagonale Richtung nach Nija hinüber gezwungen werden, was mehr wäre, als eine Karawane auch unter den günstigsten Verhältnissen würde aushalten können. Andererseits aber wäre es töricht gewesen, von der von den Bodensenkungen vorgeschriebenen Richtung abzuweichen, denn ein günstigeres Terrain konnte man sich in einer Sandwüste nicht wünschen.