Im Herzen von Asien. Erster Band.
Part 16
Das Zelt der Leute war unter der einzigen Pappel, die es im Lager gab, aufgeschlagen; dahinter lagen alle Kamellasten auf ihren Saumleitern aufgestapelt. Die Küche der Leute war ein Feuerherd unter freiem Himmel, umgeben von einer hohen Einfriedigung von Brennholz, die mit dem Winterbedarfe an Umfang zunahm. Das Ganze wurde von fünf Hunden bewacht, denn die Karawane hatte fünf Hunde aus Kutschar und Korla mitgebracht. Zwei von diesen waren unübertreffliche, schöne, sympathische Windhunde; sie wurden Maschka und Taigun genannt und waren schon vom ersten Tage an meine erklärten Günstlinge. Sie waren groß, hochgewachsen, weiß und sehr kurzhaarig, so daß sie im Winter beständig das Feuer aufsuchten und nachts bei mir in eigens für sie angefertigten Mänteln aus weißem Filz schliefen. Es war komisch zu sehen, mit welcher Gewandtheit sie ohne Hilfe in die Mäntel kriechen lernten und wie dankbar sie waren und wie wohlgefällig sie stöhnten, wenn man sie zudeckte. Auf dem Kriegspfade aber waren sie unüberwindlich und verbreiteten geradezu Entsetzen unter den Hunden der Umgegend. Ich habe nie Hunde auf so raffinierte Weise Krieg führen sehen wie Maschka und Taigun. Sie umkreisten ihren Gegner, bis sie ihn an einem Hinterbeine packen konnten, drehten ihn daran um sich selbst und ließen ihn erst los, wenn die Geschwindigkeit so groß war, daß der Ärmste kopfüber eine Strecke weit hintaumelte und dann heulend auf drei Beinen davonhinkte. Beim Füttern wagte keiner der anderen Hunde die Fleischstücke auch nur anzusehen, solange die Windhunde sich noch nicht sattgefressen hatten. Mir waren sie Gesellschafter und ein guter Ersatz für den ersten Dowlet, leider waren aber auch ihre Tage gezählt. Nach ihrer Ankunft im Lager fiel Jolldasch zwar nicht in Ungnade, er zog sich aber freiwillig ins Privatleben zurück und wagte mein Zelt nie zu betreten, wenn die Neuen dort waren. Er schlief aber getreulich vor dem Zelte, und wenn ich ihn beim Hinausgehen streichelte, sprang und bellte er vor eitel Dankbarkeit und Entzücken. Jollbars, der „Tiger“, war ein kolossaler schwarzbrauner Hund, ein Sohn des Lopdschungels mit Wolfsblut in den Adern, der immer an einer eisernen Kette bei den Kamellasten lag und so wild war, daß sich niemand in den Radius der Kette hineinwagte. Er war ein Hofhund furchtbarster Art, ein Ritter von den mörderischsten Reißzähnen, aber ich wurde selbst mit ihm bald gut Freund. Er spielte eine gewisse Rolle in der Karawane, begleitete mich auch auf dem Wege nach Lhasa, und als er zwei Jahre später spurlos verschwand, trauerten alle um ihn. Ich liebe die Hunde; sie gehen mit ihrem ganzen Wesen in den Mühen des Karawanenlebens auf und tun stets ihre Pflicht.
Als ich am Morgen des 10. aus dem Zelte trat, das noch immer an Bord stand, fand ich zu meinem Erstaunen das Holzgerüst zu einem ganzen Hause am Ufer aufgeschlagen. Der Bek von Jangi-köll hatte diese vorzügliche Idee gehabt; er hatte seine Leute aufgeboten, Bauholz besorgt und die Arbeit beim Morgengrauen anfangen lassen. Das Gerippe, das aus Pfählen, schmalen Stangen und Latten bestand, wurde im Laufe des Tages mit vertikal gestellten Schilfbündeln ausgefüllt, und sogar die Dachbalken wurden mit Kamischgarben bedeckt. Es wurde eine ideale Hütte von der im Loplande üblichen Bauart; sie enthielt zwei große Zimmer. Die Männer hatten sich das eine als meine Küche und Backstube, das andere als Aufbewahrungsort für mein ganzes Gepäck gedacht. Mir fiel jedoch ein, wie der bekannte Afrikaforscher Schweinfurth einmal Aufzeichnungen und Sammlungen von vielen Jahren dadurch eingebüßt hat, daß er sie in einer sehr feuergefährlichen Hütte aufbewahrte; ich ließ das Gepäck daher den ganzen Winter im Freien, es wurde aber mit Segeltuch und Filzdecken zugedeckt. Hätte es in meiner Absicht gelegen, in Jangi-köll zu überwintern, so hätte ich natürlich ein vollständiges, bequemes Holzhaus, in das die Fenster der Dunkelkammer hätten eingesetzt werden können, bauen lassen, aber ich hatte andere Pläne und sollte bloß einige Tage, zu drei verschiedenen Malen, an diesem schönen Orte Gastfreiheit genießen. Doch während dieser Tage kam mir die Hütte sehr zustatten, und sie erlangte einen gewissen Ruf im ganzen Loplande. Unser Lagerplatz wurde allgemein +Tura-sallgan-ui+ (das von dem Herrn erbaute Haus) genannt (Abb. 54), und mir ist von Lopliks versichert worden, daß dieser Name sich für alle Zeiten in der geographischen Nomenklatur der Gegend einbürgern werde, geradeso wie eine Stelle am Kuntschekkisch-Tarim noch heute Urus-sallgan-sal oder „Der Russe baute eine Fähre“ heißt, weil dort einst Kosloff auf einem Floße von dürren Tograkstämmen den Fluß überschritten hat.
Die Hütte sollte jedoch die Vergänglichkeit aller anderen irdischen Dinge teilen. Als die nächste Frühlingsflut das Bett des Tarim füllte, überschwemmte er hier seine Ufer und zerstörte nicht nur den Bootshafen, sondern riß auch unsere Hütten und die Pappel mit fort; da waren wir aber schon abgezogen und hatten unsere Penaten auf festerem Boden aufgestellt. Es war dies jedoch eine schlagende Bekräftigung meiner auf jahrelange Beobachtungen gegründeten Theorien über die hydrographischen Unberechenbarkeiten in den unteren Teilen des Tarimsystems; nicht ein Stück blieb von Tura-sallgan-ui übrig, keine einzige Spur wird in Zukunft von unserem langen Besuche an diesem reizenden, aber trügerischen Ufer Zeugnis ablegen.
Wie friedlich vergingen mir die Tage in Tura-sallgan-ui! Ich hätte als Gast des Schahs von Persien in den Spiegelhallen und Marmorsälen seines Palastes nicht in gehobenerer Stimmung sein können als hier zwischen den Kamischmauern dieser luftigen Wohnung, wo der Wind seine unendlich melancholischen Trauermärsche in den Schilfstengeln pfiff, dem Klagen unzähliger, friedloser Luftgeister vergleichbar.
Für unsere acht Pferde wurde aus demselben Material ein geräumiger Stall erbaut, dessen eine Längsseite nach dem Hofe zu offen blieb. Unsere Hühner erhielten neue Kameraden, und wir kauften auch Schafe und Kühe, die uns mit Milch versahen. Das Ganze wurde schließlich der reine Gutshof, der, wenn er auch gerade nicht als Muster eines solchen gelten konnte, doch der gemütlichste und behaglichste war, mit dem ich je zu tun gehabt habe. Zwischen den Hütten, dem Zelte, den Kamellasten, der Küche und dem Hafen entstand ein freier Platz, der Markt des Dorfes; dort brannte Tag und Nacht ein Feuer, um das herum Matten ausgebreitet waren und Gäste empfangen wurden; dies war der „Klub“. Das Feuer durfte erst im Mai des folgenden Jahres ausgehen; es wurde nicht von jungfräulichen Vestalinnen, sondern von bärtigen Barbaren unterhalten. Die Nachtwachen, die alle zwei Stunden abgelöst und von den Kosaken kontrolliert wurden, speisten die Flammen während der nächtlichen Stunden und wärmten sich dort in den kalten Winternächten.
Schon seit unserer Ankunft hatte ich Erkundigungen über die Wüste im Südwesten eingezogen, aber die Bevölkerung wußte von den Geheimnissen, die sich hinter dem hohen Sande verbargen, herzlich wenig. Längs des rechten Ufers erstreckte sich eine berghohe Wand von unfruchtbaren Dünen und lockte mich mit geradezu unwiderstehlicher Gewalt. Das einzige, was ich gewiß wußte, war, daß ich jetzt einen gefährlichen Streich auf ihre Verschanzungen wagen, einen Kampf auf Leben und Tod mit dem breitesten Gürtel der Wüste Takla-makan beginnen würde. Aber, wie gesagt, irgendwelche Auskunft von Wert konnte ich nicht erhalten. Was mich am meisten in Erstaunen setzte, war das Entsetzen, mit dem das Volk von der Wüste sprach, die gewöhnlich schlechtweg Kum, Tschong-kum oder, nach einer sagenhaften Stadt, die in ihrem Inneren begraben liegen soll, Schahr-i-Kettek-kum genannt wurde. Man hielt es für das Schlimmste, was einem Menschen passieren könne, wenn er sich freiwillig oder unfreiwillig dorthin verirrte; keiner war je dort gewesen; ehemalige Kameljäger und die heutigen Goldsucher hatten sich nur zwei Tagereisen weit vom Flusse zu entfernen gewagt und waren dann stets schleunigst wieder umgekehrt, von Entsetzen über diesen unheimlichen, gar kein Ende nehmenden Sand überwältigt. Wir wurden für Selbstmörder angesehen, als wir dorthin zu wollen erklärten, und man prophezeite uns, daß wir nie mehr zurückkehren würden. Ich beruhigte die Leute jedoch ein wenig, indem ich ihnen erzählte, es sei nicht das erste Mal, daß ich mich erdreiste, den Kampf mit der Sandwüste aufzunehmen.
Von Tura-sallgan-ui sah man im Südwesten eine Unterbrechung in dem Sandwalle. In ihr sollte das Becken des Basch-köll liegen, und am Ufer davor ist ein Dorf +Jangi-köll-ui+, in dem mehrere unserer Lieferanten und neuen Freunde wohnten. Das Wenige, was mir erzählt wurde, erhöhte nur noch mein Verlangen, die Wüste zu besuchen. In der Verlängerung der Seen in dieselbe hinein sollten sich offene, kahle Bodeneinsenkungen hinziehen, die trockenem Seeboden glichen, nach Ansicht der Eingeborenen aber durch Nordostwinde, die den Sand fortfegen, entstanden waren. Diese Senkungen werden „Bajir“ genannt, doch wie weit sie gehen, wußte niemand. Man hatte nur von früher gehört, daß vor vielen hundert Jahren fern im Südwesten ein heidnisches Volk unter dem Herrscher Atti Kusch Padischah gewohnt habe. Heilige Imame hätten sich zur Verbreitung des Islam dorthin begeben; da das Volk aber die neue Lehre nicht annehmen wollte, hätten die Imame den Fluch und die Rache des Himmels über das ganze Land herabgerufen; dann habe es tagelang Sand geregnet und Land, Volk und Städte seien darunter begraben worden.
Bevor ich endgültig aufbrach, wollte ich eine kürzere Versuchsexkursion machen, um zu rekognoszieren, und berief daher abends alle nach dem „Klub“, wo ich folgenden Tagesbefehl für den 11. Dezember erteilte. Die Kamele, die die Exkursion mitmachen sollten, mußten über den Fluß geführt werden, der notwendige Proviant war zu ordnen, und die Verbindung zwischen beiden Ufern offen zu halten. Während meiner Abwesenheit sollte die Hütte wohnlich eingerichtet werden. Das große, dem Flusse zugekehrte Zimmer sollte in zwei kleine geteilt werden, von denen das innere doppelte Kamischwände erhalten und mit Filz ausgeschlagen werden sollte, um es zugfrei zu machen. Der Fußboden sollte mit Binsen und Teppichen belegt werden, in der Mitte aber eine Feuerstelle und darüber ein Loch im Dache sein. Das neue Haus war bis zu meiner Rückkehr fertigzustellen.
Während ich am 11. meine wissenschaftlichen Beobachtungen machte, wurden Anstalten zum Überführen der Kamele getroffen, was durchaus nicht leicht war. Unsere Annahme, daß das Eis tragen würde, erwies sich als unrichtig. Ein heftiger Wind hatte die gefrorenen Stellen wieder aufgerissen; darauf war der Fluß in der letzten Nacht von neuem zugefroren, aber das Eis war noch nicht genügend tragfähig. Die Kamele hinüberschwimmen zu lassen, wäre ihr Tod gewesen. Der einzige Ausweg war, sie auf der großen Fähre zu transportieren, aber diese lag so fest wie in einem Schraubstock. Die Kosaken wußten aber Rat; sie boten Leute auf, die eine Rinne durch die fußdicke Eisdecke in unserer kleinen runden Bucht schlugen. An einer schmalen Stelle unmittelbar oberhalb des Lagers wurde ein Tau viermal über den Fluß gespannt. Die Strömung betrug hier beinahe einen Meter in der Sekunde, und gerade dieser Punkt war der letzte, der im Winter zufror. Die Stelle war bis auf ein ziemlich breites Eisband an dem niedrigen rechten Ufer noch vollständig offen. Die Fähre wurde an dem Tau hinübergezogen und nahm ein Kamel auf dem Achterdeck mit. Sie landete an der Eisdecke des rechten Ufers, die so fest war, daß sie die Kamele trug.
Gegen Abend besuchte mich ein chinesischer Siah (Schreiber); er war von dem Amban von Kara-schahr hergeschickt, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen, eigentlich aber war er ein unschädlicher Spion, der ausfindig machen sollte, was für ein Kunde ich sei. Nasar Bek, mein alter Freund und Wirt von Tikkenlik, kam spät abends und blieb über Nacht, so daß wir lange gemütlich miteinander plaudern konnten. Er teilte mir allerlei Interessantes mit. Zuerst wußte er zu erzählen, daß ein Russe von Dung-chan (Sa-tscheo) nach Tscharchlik gekommen sei und in einer Woche ungefähr hier sein werde; ich ahnte, daß dies kein Russe, sondern der französische Reisende Bonin sei.
Nasar Bek erzählte auch, daß sich in der Nachbarschaft von Jing-pen und Tikkenlik in der letzten Zeit einige Male wilde Kamele gezeigt hätten, und einmal hatte der Bek selbst eine Herde von fünf Tieren in der Nähe der Straße nach Turfan gesehen. Er wußte, daß zu den Zeiten seiner Vorfahren Beke aus Turfan gekommen waren, um von der Lopbevölkerung einen Tribut von Otterfellen für die Chinesen einzufordern. Sie pflegten östlich um den Bagrasch-köll über den Kurruk-tag und den Kum-darja, dann bei Turfan-köbruk über den Ilek zu gehen und am Kara-köll Halt zu machen. Aus chinesischen Quellen wissen wir, daß diese Angabe mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Der Otter (Kama) kommt im Tschiwillik-köll und mehreren andern Seen der Gegend vor, dagegen aber, soviel ich habe erfahren können, im Kara-koschun nicht; man muß sich dies merken, denn es läßt vermuten, daß die nördlichen Seen mit den südlichen, die ein ganz neues Gebilde ausmachen, nicht in Verbindung gestanden haben. Der Otter wird des Felles wegen mit einer Art Fischgabel (Sendschkak) auf dem Eise nach Schneefall gefangen. Man sieht dann in dem Schnee, dessen Menge in diesen Gegenden übrigens sehr unbedeutend ist, wo ein Otter gegangen ist; hat er sich z. B. in eine Wake begeben, um Fische zu fangen, so lauert der Jäger mit der Fischgabel an dem Loche oder er hat rings um das Loch eine Schlinge gelegt, die zugezogen wird, sobald das Tier wieder den Kopf aus dem Wasser steckt. Gibt es mehrere Waken, so werden an allen Schlingen gelegt und Wachen ausgestellt, da man nicht wissen kann, wo sich der Otter zu zeigen gedenkt.
Nasar Bek war vor ein paar Jahren in Tusun-tschappgan gewesen und hatte dort von einem Hügel herab ungefähr einen Tagesritt weit nach Nordosten eine Wolke oder Nebelwand (Bulut) gesehen, die seiner Meinung nach von einem im Norden des Kara-koschun liegenden unbekannten See herrühren mußte. Er glaubte, daß der Kum-darja, das ausgetrocknete Bett am Südfuße des Kurruk-tag, früher in diesen See gemündet habe, welche Vermutung von guter Urteilskraft zeugte und, wie ich später nachweisen konnte, vollkommen richtig war.
Vor 18 Jahren war der Bek in drei Tagen von Argan nach Lop geritten, wobei er das trockene Bett des Ettek-tarim als Straße benutzte. Vor 12 Jahren kamen noch wilde Kamele von Westen her an dieses Bett. Damals gingen öfters Kameljäger von Wasch-schahri nach Argan durch die Wüste, in der noch Tamarisken waren; über das Innere der Tschertschenwüste konnte aber auch Nasar Bek keine Auskunft geben.
Dies und vieles andere erzählte der dicke Nasar Bek, und ich merkte mir seine Worte; sie sollten nicht ohne Einfluß auf meine künftigen Pläne bleiben.
Dreizehntes Kapitel.
Eine französische Visite.
Der 12. Dezember, an dem die Exkursion beginnen sollte, setzte mit wenig einladendem Reisewetter ein, denn es stürmte heftig aus Südwest, und sobald man ins Freie trat, erstarrte man vor Kälte. Durch die Talsenkung des Basch-köll strich der Wind wie durch einen Flintenlauf. Die Kosaken, die sich wie Polarreisende eingehüllt hatten, nahmen unsere Jagdgewehre mit. An dem Ausfluge beteiligten sich außerdem nur Faisullah, Ördek und Pavan Aksakal (der weißbärtige Jäger), ein hochgewachsener, heiterer Greis aus dem Dorfe Jangi-köll, der bald einer unserer besten Freunde wurde und alles tat, um sich uns aufs beste nützlich zu machen. Die Karawane bestand aus vier Kamelen, auf denen wir abwechselnd ritten. Die Hunde Maschka und Taigun begleiteten mich zum ersten Male.
Meine Ausrüstung war so einfach wie nur möglich: eine kleine Kiste mit den notwendigen Instrumenten, Kodak, Fernglas und Küchengeschirr; ein Bündel Kissen, Filzdecken und Pelze bildeten mein Bett. Das Gepäck wurde in der kleinen Fähre hinübergebracht, die stets, solange es noch offenes Wasser gab, die Verbindung zwischen beiden Ufern aufrechterhielt und so fleißig benutzt wurde, daß wir eigens einen Loplik als Fährmann anstellen mußten. Die Kamele wurden auf dem rechten Ufer beladen; dann zogen wir nach dem Dorfe Jangi-köll. Ein Vorrat von Eis wurde mitgenommen, denn das Wasser des Basch-köll ist salzig, seit sein Kanal vor 10 Jahren abgesperrt wurde.
Das jetzt 20 Familien zählende Dorf lag früher am Kanale des Jangi-köll, als aber vor acht Jahren elf Einwohner an den Pocken starben, zogen die Überlebenden nach der Mündung des Basch-köll und nahmen den Dorfnamen mit. Erkrankt jemand an den Pocken, so ergreift alles, was in der Nähe ist, die Flucht.
Unsere Reise ging längs des Südostufers des Basch-köll weiter. Dieser war am Rande schon so fest zugefroren, daß er gerade einen Mann tragen konnte; im übrigen glich die Eisdecke einer sehr dünnen, schwankenden Scheibe, und in der Mitte des Sees sah man noch große, offene Stellen klaren, blauen Wassers, das jetzt in Wellen ging und den Eisrand zerfetzte. Daß der See nicht ganz zugefroren war, kam von seinem leichten Salzgehalte.
Einige Enten und Schwäne draußen auf dem Wasser hatten wohl das Fortziehen vergessen. Der See ist 20 Kilometer lang und an einigen Stellen nur einen, selten zwei Kilometer breit. Er zieht sich ganz gerade nach Südsüdwest hin und gleicht einem in die Sandwüste einschneidenden Fjord; in seinem fernen Hintergrunde erheben sich die Dünen kaum über den Horizont. Das Seeufer reicht jedoch nicht bis an die Basis der Dünen heran; ein Gürtel von sehr langsam abfallendem Erdreich liegt zwischen beiden und besteht aus mit Sand untermischtem Schlamm, in welchem man um die Sommerzeit einsinkt, der aber jetzt festgefroren war. Wenn man den Kanal, der vom Flusse nach dem See führt, jetzt öffnete, würde das Wasser um Manneshöhe steigen und diesen tiefliegenden Gürtel überschwemmen. Am Ostufer, wo wir wanderten, fallen die Dünen steil ab, am Westufer aber steigen sie treppenförmig auf, welches Verhältnis seinen Grund in dem im ganzen Loplande vorherrschenden östlichen Winde hat.
In einiger Entfernung vom Ufer sah man einige Brunnen, welche Schafhirten aus Jangi-köll gegraben hatten, weil das Brunnenwasser weniger salzhaltig sein soll als das des Sees. Diese Hirten besuchen auch von Zeit zu Zeit die Steppen am Kontsche-darja.
Wir machten am Südende des Sees, wo es gutes Brennholz gab, Halt, und das Biwak unter freiem Himmel -- wir hatten kein Zelt mitgenommen -- war wirklich gemütlich. Was machten wir uns daraus, daß es in der dunkeln Nacht um uns herum stürmte. Wir hatten in der Dunkelheit einen gewaltigen Arm voll trockener Tamariskenzweige gesammelt. Die Kosaken hatten ein vortreffliches, aus Rebhühnern, Reispudding und Tee bestehendes Mittagessen bereitet, und nachdem ich die auf dem Marsche gemachten Beobachtungen in das Tagebuch eingetragen hatte, legten wir uns schlafen, von dem Zufußgehen ziemlich müde. Sirkin deckte mich so sorgfältig zu, daß ich mir wie ein in Papier eingewickelter Hering vorkam.
Am nächsten Morgen war die ganze Landschaft mit einer gewaltigen Reifschicht überzogen, und die Dünen sahen wie beschneit aus. Die aufgehende Sonne drang nicht bis zu uns, sie wurde von den mächtigen Dünen im Osten verdeckt, und es war ein etwas ungemütliches Aufstehen, da wir 8 Grad Kälte hatten.
Im Süden des Sees steigt der Sand in nicht allzu steilen Absätzen an, und die Vegetation hört mit einem Schlage auf. Von der Höhe sieht man im Westen eine Bodeneinsenkung (Bajir), die etwa 1 Kilometer lang und ½ Kilometer breit sein mochte, mit feuchtem, unfruchtbarem Salzboden in der Mitte und vereinzelten Grasbüscheln am Rande. Sie hat die Form eines Kessels, da sie auf allen Seiten von kolossalen, steilen Dünen umschlossen ist, und gleicht dem Boden eines alten Sees, den der Flugsand sorgfältig zu vermeiden scheint.
Im Süden und Südwesten erscheint ein Meer von Sand mit außerordentlich markierten Protuberanzen oder kulminierenden Anhäufungen von Dünen, die den Wellen des Ozeans gleichen. Man kann sich vorstellen, daß in den zwischen ihnen liegenden Tälern zahlreiche Bajire liegen müssen. Die Protuberanzen sind hier näher aneinander als in den westlichen Teilen der Takla-makan, und oft sind die Dünen auf beiden Seiten steil, was eine Folge wechselnder Winde ist. Jedoch zeigen die großen Sandwogen, daß der Ostwind vorherrscht und kräftiger ist als alle anderen. Nachdem ich einen Überblick über das Terrain erhalten hatte und zu der Überzeugung gelangt war, daß dieser Punkt sich nicht eignete, um von hier aufzubrechen, da die Bajir des Basch-köll uns nur eine kurze Strecke weit bequemen, ebenen Boden bot, beschloß ich, für die große Wüstendurchkreuzung einen anderen Ausgangspunkt zu wählen und längs des Sees Jangi-köll nach Tura-sallgan-ui zurückzukehren.
Wir wandten uns also nach Osten, in welcher Richtung die steilen Seiten der Dünen uns zugekehrt lagen. Wir mußten über alle diese abschüssigen Treppenstufen hinüber und machten lange Umwege, um die Kamele über die Riesenwelle, welche die beiden Seebecken scheidet, hinüberbringen zu können. Die Tiere hatten vor dem unsicheren Boden Angst, und über die höchsten Pässe rutschten zwei von ihnen auf den Knien, wohl um dem Boden näher zu sein, wenn sie fallen sollten.
Während die Karawane weiterzog, führte mich Pavan Aksakal auf eine gut 100 Meter hohe Düne hinauf, die das ganze Land weit umher beherrschte und von der aus die Kamele in der Tiefe wie kleine Käfer aussahen. In der südwestlichen Verlängerung des Jangi-köll zeigten sich drei große, durch ansehnliche Sandmassen getrennte Bajire. Im Nordosten trat der See selbst mit graublauem, glänzendem Eise hervor und in größerer Ferne der mächtige Sandwall, der sich zwischen dem Jangi-köll und dem rechten Ufer des Tarim erhebt.
Mit Mühe lotsten wir die Kamele über einen gewaltigen Sandrücken und stiegen dann nach der großen viereckigen Bajir hinab, die dem innersten Teile des Jangi-köll am nächsten liegt. Ihr Boden ist ganz sandfrei und besteht aus konzentrischen Ringen. Zu äußerst, an der Basis der Dünen, haben wir weiche Stauberde, in welche die Tiere fußtief einsinken, dann folgt ein Ring sumpfigen Bodens, und zuletzt schneeweiße Salzkristallisationen. Im nordöstlichen Teile der Senkung finden wir einen großen und mehrere kleine Tümpel mit bitterem Salzwasser. Im Nordosten breitet sich ein Gürtel von zwei Meter hohem Schilfe aus; dort fanden wir einen vorteilhaften Lagerplatz mit einer Menge trockenen Brennholzes.
Vom See ist unsere Bajir durch eine 30 Meter hohe Sandenge getrennt, an deren Basis süße Quellen sprudeln; das Wasser derselben wird aber salzig, nachdem es sich im Grunde der Senkung gesammelt hat. Die ungewöhnliche Landschaft gewährte, vom Sandrücken aus gesehen, einen außerordentlich ansprechenden Anblick. Der Jangi-köll ist so lang und gerade, daß sein nördliches, dem Flusse zunächst gelegenes Ende, an dem es keinen Sand gibt, gar nicht zu sehen ist, und man hätte ebensogut glauben können, an einem Fjord mit dem Meere vor sich zu stehen wie an einem Wüstensee, der von gewaltigen Dünen eingefaßt wird. Das Wasser ist süß und soll höchstens 7 Meter tief sein. Es ist zwei Jahre abgesperrt gewesen und sollte, zum Besten des Fischfanges, noch sieben bis acht Jahre isoliert bleiben. Einige kleine, im Nordosten offengebliebene Stellen ließen jedoch auf unterirdische Quellen schließen. Doch der Zufluß durch sie hält nicht gleichen Schritt mit der Abnahme des Sees; daß sein Spiegel fällt, sieht man schon an den Rändern der Eisscheibe, die an den Ufern umgebogen zu sein scheinen.