Im Herzen von Asien. Erster Band.

Part 15

Chapter 153,640 wordsPublic domain

An der Kanalmündung +Daschi-köll+ überraschten uns zwei Reiter am Ufer. Hassan Bek von Teis-köll hatte sie ausgeschickt, um uns ausfindig zu machen. Der Sohn des Beks mit einem Gefolge von zehn anderen Männern erwartete uns eine ziemliche Strecke weiter unten bei +Momuni-ottogo+. Er hatte mit den beiden Spähern verabredet, daß diese, falls sie uns träfen, ihn durch angezündete Feuer davon benachrichtigen sollten. Sie ritten nun wieder zurück, und wir sahen eine Rauchsäule nach der anderen aufsteigen, und als wir Momuni-ottogo erreichten, brannte dort ein Feuer, und die ganze Gesellschaft erwartete uns mit einem Dastarchan.

Hassan Beks Sohn brachte wichtige Nachrichten. Meine Karawane hatte sich drei Tage in Teis-köll aufgehalten und sollte gestern nach Jangi-köll und von dort weiter nach Argan, dem in Lailik festgesetzten Vereinigungspunkte, ziehen. Da wir aber jeden Augenblick einfrieren konnten und es von Wichtigkeit war, die Kamele nahe zur Hand zu haben, schickte ich an Nias Hadschi und die Kosaken einen reitenden Eilboten mit dem Befehl, sie sollten da, wo sie sich gerade befänden, bleiben. Ferner erfuhr ich, daß sich mein alter Freund Chalmet Aksakal aus Korla bei der Karawane befinde und Parpi Bai mich in Karaul erwarte.

Über die Eigenschaften des Flusses in diesen Gegenden wurde mir mitgeteilt, daß er von Anfang Dezember bis Anfang März zugefroren und dann noch einen halben Monat mit porösem Eise bedeckt sei. Das Hochwasser erreiche diese von den Quellen so weit entfernten Gegenden erst Anfang August und stehe Ende September oder Anfang Oktober am höchsten. Nachher falle der Wasserstand täglich, sei aber einige Zeit vor dem Zufrieren keinen Veränderungen unterworfen. Wenn der Fluß zugefroren sei, steige das Wasser, was seinen Grund darin haben solle, daß das Treibeis sich nach der Mündung hin zusammenpacke und zu einer Art Damm aufstaue. Wenn dieses sich wieder verteilt habe, falle das Wasser von neuem. Während des Juni habe es seinen tiefsten Stand, und man könne dann an mehreren Stellen den Fluß zu Pferd durchwaten.

Es versteht sich von selbst, daß die Unterschiede zwischen dem Hochwasser und dem niedrigsten Wasserstande im unteren Tarim, der so weit vom Gebirge liegt, viel unbedeutender sein müssen als z. B. im Jarkent-darja bei Jarkent oder im Aksu-darja bei Aksu. Je weiter abwärts wir kommen, desto mehr gleichen sich diese Unterschiede aus, und die Wassermenge wird auch in wesentlichem Grade von jenen unzähligen Lagunen und Uferseen reguliert, welche die Ufer des Tarim wie Schmarotzer, die sein Blut aufsaugen, begleiten. Die im Jarkent- und Aksu-darja, im Chotan-darja und Kisil-su so gewaltige Frühlingsflut verliert daher unterwegs nach und nach ihre ungestüme Überschwemmungskraft. Denn erst müssen die Lagunen, die im Sommer ausgetrocknet sind, neu gefüllt werden, wozu ungeheure Wassermengen gehören. Erst nachdem sie den ihnen zukommenden Anteil erhalten haben, macht sich das Hochwasser in den unteren Regionen fühlbar. Wenn der Zufluß von oben sich verringert und aufhört, wirken diese Behälter wieder als Reservoire. Um die Zeit, als wir Lailik verließen, hatte das Hochwasser Momuni-ottogo und Karaul erreicht, jetzt aber, Anfang Dezember, hatte es schon vor ein paar Monaten seine trübe Flut in die äußersten Seen des Tarimsystems ergossen.

Bei Momuni-ottogo waren wir wieder mit freundlichen, dienstwilligen Eingeborenen in Berührung gekommen. Die Nacht war dunkel und bitterkalt, und der eintönige Zug des Treibeises wurde dann und wann von einem eigentümlichen Laute übertönt, der dadurch hervorgebracht wurde, daß unsichtbare Kräfte neue Netze von glashellem Eise über die ruhigen Flächen des Flusses spannten. Der Tag war im ganzen hell und freundlich gewesen; wir hatten eine lange lehrreiche Fahrt gemacht und erfreuliche Nachrichten von den Unseren erhalten. Es war aber auch schon der erste Adventsonntag, und wir standen auf der Schwelle des Grabgewölbes des Tarim, das immer mehr mit Kränzen von weißen Immortellen überhäuft wurde.

Zwölftes Kapitel.

Wir frieren fest und gehen ins Winterquartier.

Während der letzten drei Tagereisen nahm die Strömung an Schnelligkeit zu; am 4. Dezember legten wir im Durchschnitt 1 Meter in der Sekunde zurück, bisweilen aber war die Fahrt beinahe unangenehm stark, und die Fähre strich längs der Ufer hin, daß es in den Eisrändern krachte. Der Pappelwald hört nach und nach auf, und bei Karaul, wo der Ugen-darja mündet (Abb. 50), ist das Land entweder ganz kahl oder mit Kamischfeldern, kleinen Sanddünen (Abb. 52) und Tamarisken bedeckt.

Wir lagerten bei +Karaul+, denn dort erwarteten uns Parpi Bai und eine große Zahl anderer Eingeborener. Mein alter, treuer Diener von 1896 eilte an Bord, ergriff meine Hände und führte sie an seine Stirn; er war so gerührt über das Wiedersehen, daß er lange kein Wort hervorbringen konnte. Wie Islam Bai war auch er gealtert und graubärtig geworden, aber er sah ebenso prächtig aus wie früher, um so mehr als er jetzt eine besonders kleidsame Tracht trug, eine mit Pelz verbrämte blaue Mütze und einen dunkelblauen Tschapan (Abb. 51).

Den nächsten Tag blieben wir in Karaul. Ich mußte eine astronomische Beobachtung vornehmen und die Wassermenge des Ugen-darja und des Tarim messen. Jener führte gar kein Treibeis, dieser aber war voll davon, und das Messen war schwerer als gewöhnlich. Der Hauptfluß hatte jetzt 55,7 Kubikmeter, der Ugen-darja nur einige wenige. Das Wasser des Ugen ist bis zu 69 Zentimeter Tiefe durchsichtig, das des Tarim bloß bis auf 8 Zentimeter. Noch 300 Meter unterhalb des Zusammenflusses kann man den Unterschied zwischen dem Wasser beider Flüsse deutlich wahrnehmen.

Der Aksakal von Korla kam mir hier auch entgegen und brachte ein paar Kisten mit Birnen und Trauben mit, sowie einige hundert Zigaretten, die der russische Konsul in Urumtschi mir vor vier Jahren geschickt hatte, die aber jetzt erst ihren Bestimmungsort erreichten.

Karaul ist der Punkt, wo der Tarim sein scharfes Knie macht, um nach dem Lop-nor abzubiegen. Die Richtung ist Südost, und zeitraubende Bogen kommen nicht vor. Die Stromgeschwindigkeit war stark, und als wir einmal gegen einen im Grunde steckengebliebenen Pappelstamm stießen, half das nachschiebende Treibeis der Fähre darüber hinweg. Es war aber eine ungemütliche Geschichte; die ganze eine Seite wurde über das Wasser gehoben, schrammte auf der Pappel entlang und knallte dann förmlich auf die Wasserfläche nieder.

Der 7. Dezember war der letzte Tag auf dem Tarim im Schifffahrtsjahre 1899, das wußten wir schon am Morgen, denn die Karawane erwartete uns bei Jangi-köll, wohin wir nur noch eine Tagereise hatten, und kurz unterhalb dieses Punktes war der Fluß seit zwei Tagen in seiner ganzen Breite zugefroren. Wir traten also die Fahrt mit gemischten Gefühlen an; die Lailiker freuten sich, daß die Stunde ihrer Befreiung geschlagen hatte, Islam und Kader sehnten sich nach ihren Kameraden und nach dem Leben auf festem Boden, ich selbst war froh, daß die Reise so gut geglückt war und an einem für meine Pläne so geeigneten Orte endete; andererseits begann ich aber die letzte Tagereise mit wehmütigen Gefühlen, denn ich würde die Fähre, die dritthalb Monate mein friedliches Heim gewesen, mit Bedauern verlassen.

Drei Beke von den nächsten Dörfern und eine unabsehbare Reiterschar begleiteten uns auf dem Ufer, doch an Bord durfte nur der Bek von Jangi-köll, mit dem wir später noch viel zu tun haben werden.

Die letzte Tagesfahrt war eine der interessantesten der ganzen Flußreise, denn sie führte uns in ganz anders geartete Gegenden, als wir bisher passiert hatten. Der Fluß strömt beinahe gerade nach Südosten. Links dehnen sich endlose Gras- und Kamischsteppen aus, auf denen sich sehr selten eine einsame Pappel erhebt, rechts türmt sich ununterbrochen der hohe, unfruchtbare Sand auf, dessen Basis vom Flusse bespült wird. Das Ungewöhnliche ist, daß dieser Sand nichtsdestoweniger einer ganzen Reihe höchst eigentümlicher, von lauter öden Dünen ohne Spur von Vegetation umgebener Seen Raum gewährt. General Pjewzoff hatte auf seiner Reise einige von ihnen bemerkt, aber weder er noch ich hatten geahnt, daß ihre Zahl so groß sei, und es gehörte daher jetzt noch zu meinem Reiseprogramm, sie näher zu untersuchen, eine Karte von ihnen aufzunehmen und sie auszuloten.

Der Fluß war jetzt ganz mit Treibeis erfüllt, und nur ein Drittel der Fläche, wo sich die Stromfurche hinzog, war eisfrei, sonst war alles zugefroren. An einigen Stellen kamen wir nur mit Mühe hindurch auf Kosten der Eisränder, die klirrend wie Glas zersplitterten. Den Eisschollen wurde der Platz knapp; sie prallten aneinander und schoben sich übereinander, wobei sie Miniaturterrassen oder auf dem Eisbande der Ufer weiße Wälle bildeten. Die ganze Masse trieb mit unwiderstehlicher Kraft vorwärts; die Blöcke, die nicht mitkommen konnten, waren auf sich selbst angewiesen, während wir uns mitten in der Bahn hielten und sicher auf das Ziel losgingen.

+Tus-algutsch-köll+, der „See, wo Salz genommen wird“, ist die erste der langen Reihe von Wüstenlagunen, die gleich Trauben an einem Stengel am rechten Ufer des unteren Tarim hängen. Obgleich ich später reichlich Gelegenheit finden werde, diese seltsamen Gebilde zu besuchen, konnte ich mich nicht enthalten, schon jetzt an Land zu gehen, um wenigstens einen Blick auf den See zu werfen. Der Kanal, der den See mit dem Flusse verbindet, war an der Mündung mit Lehm und Reisig verstopft. Das Wasser wird auf diese Weise 2-3 Jahre lang isoliert, und die darin eingeschlossenen Fische sollen fett und schmackhaft werden, sobald das Wasser einen schwachen Anflug von Salz bekommen hat. Der zweite See ist der +Seit-köll+; er zieht sich beinahe eine Tagereise weit landeinwärts in den Sand hinein; seine drei Kanäle waren ebenfalls abgesperrt worden, um das nächste Hochwasser zu verhindern, mit dem See in Verbindung zu treten.

In der Nähe der Mündung dieser Seen sahen wir mehrere verlassene Dörfer. Die aus Pappelholz und Kamisch gebauten Hütten (Abb. 53) standen noch da und sahen ziemlich neu und brauchbar aus, aber nicht ein einziges lebendes Wesen war zu sehen, und in dem Sand, der sich ringsumher schneewehenartig angehäuft hatte, war nicht einmal eine Fußspur zu entdecken. Mir wurde erzählt, daß die Bewohner dieser, wie auch die einer ganzen Reihe anderer, weiter flußabwärts liegender Dörfer vor sieben Jahren fortgezogen seien, nachdem die Pocken (Tschitschek) die Bevölkerung in schrecklicher Weise dezimiert hätten. Den Überlebenden wurden von den chinesischen Behörden Wohnsitze auf dem linken Ufer angewiesen. Sie hatten vorher hauptsächlich vom Fischfang gelebt, nun aber wurde ihre Lebensweise eine ganz andere; sie bestellten ihr Feld, säten Weizen und erwarben sich ihren Unterhalt auch mit Viehzucht. Der Boden ist jedoch mittelmäßig, und obwohl sich ohne Schwierigkeit Kanäle vom Flusse ziehen lassen, reicht der Ertrag des Bodens doch nicht für ihren Unterhalt aus, und sie müssen oft ihre Schafe verkaufen, um sich Mehl aus Korla zu verschaffen. Die reichsten Eingeborenen besitzen bis zu tausend Schafen, aber die meisten sind arm und begeben sich im Sommer nach ihren alten Seen, um dort zu fischen. Hierbei bewohnen sie jedoch nicht ihre alten Hütten, an denen für die meisten so traurige Erinnerungen hängen, sondern lagern unter freiem Himmel. Jetzt haben die Chinesen Zwangsimpfung eingeführt, welcher die skeptische Bevölkerung sich und ihre Kinder unterwerfen muß.

Auch am Seit-köll gingen wir an Land und bestiegen eine hohe Düne, von der man eine prächtige Aussicht über den See hat, der sich nach Südsüdwesten hinzieht und einem Fjorde zwischen steilen Felsen gleicht.

Die Flußkrümmung, an welcher der Seit-köll liegt, ist außerordentlich energisch in den Sand eingeschnitten, wo sie gleichsam eine vorgeschobene Bucht des Flusses bildet. Früher hatte das Sandmeer sich weit nach Nordosten erstreckt, war aber nach und nach von dem Flusse, der also auch hier nach rechts zu wandern scheint, zurückgedrängt worden.

Über die Bildung der Wüstenseen gaben mir die Landeskinder ziemlich phantastische Aufklärungen. Sie behaupteten, erst seien die Kanäle gegraben worden, dann habe sich der Fluß während der Hochwasserperiode durch sie neue Bahnen gesucht; große Wassermassen hätten sich in den Sand hineingewälzt, die Dünen verdrängt und jene großen Seen gebildet, die gewöhnlich nach dem Manne heißen, dem sie ihre Entstehung verdanken sollen. Es versteht sich von selbst, daß trotz alles Grabens keine Seen entstehen würden, wenn es in der Plastik des Bodens nicht schon gewisse notwendige Vorbedingungen gäbe. Auch der +Dasch-köll+ ist in hydrographischer Hinsicht sehr eigentümlich. Dieser See liegt ganz dicht am Ufer des Flusses, ist aber noch durch einen bedeutenden Sandwall von ihm getrennt. Neulich hat der Fluß einfach die ganze Düne fortgespült, und seine Wasserfläche hängt jetzt unmittelbar mit dem Spiegel des Sees zusammen. Die Fläche des Sees steigt und senkt sich mit der des Flusses. --

An einem Punkte namens +Arelisch+ begegneten uns Tschernoff und Faisullah und weiter abwärts Nias Hadschi und mehrere der Karawanenleute und begleiteten uns auf dem Ufer mit einer ganzen Reihe neuangeschaffter Hunde. Ihre Freude, uns gesund und munter auf der alten Fähre wiederzusehen, läßt sich nicht beschreiben. Sie hatten es kaum für möglich gehalten, daß mich dieses Ungetüm Hunderte von Meilen würde transportieren können, während sie auf staubigen Wegen so manchen ermüdenden Schritt getan. Jetzt konnten wir bleiben, wo wir wollten, denn wir waren wieder mit der Karawane in Verbindung. Da mir aber Tschernoff sagte, wir hätten nur noch ein paar Stunden bis an einen Punkt, wo das Treibeis sich zusammengepackt habe und zu einer dichten Masse zusammengefroren sei, durch die nicht hindurchzukommen sei, beschloß ich, beim Scheine der Laternen weiterzufahren.

Die letzte Nacht unserer Flußreise war schon einige Stunden unter ihrem schwarzen Schleier dahingeschritten, als ein großes Feuer am linken Ufer aufflammte. Es war von unseren Karawanenleuten an einem geeigneten Landungsplatze gleich oberhalb der Eisbarre angezündet worden. Hier legten wir zum letztenmal an und gingen müde und frierend nach dem Feuer hinauf, wo wir bald in lebhaftem Gespräche mit den Unseren waren.

So hatte denn diese märchenhafte, friedvolle Reise ihr Ende erreicht! Wie im Traume konnte ich zurückblicken auf alle die verflossenen Tage mit ihren reichen Erfahrungen, auf unser einsames Leben an Bord, unsere Abenteuer und Exkursionen, unsere venezianischen Abende und den endlosen Wald, der unseren Weg mit seinen gelben Blättern bestreute. Nie hat sich eine Reise so glücklich und bequem ausführen lassen; sie bildete in der Tat einen passenden Übergang zwischen dem stillsitzenden Leben in Stockholm und den mühevollen Jahren, die jetzt vor mir lagen. Ich war wie auf einem Triumphwagen mitten in das Herz von Asien geführt worden und nun war ich dort; und wohin ich mich wendete, lockte das Unbekannte mit magischer Anziehungskraft. Es war ein eigentümliches Zusammentreffen, daß uns das Eis gerade an dem Punkte, an dem sich die Karawane befand, den Weg versperrte. Sie war vor drei Tagen hier angekommen und hatte durch ausgesandte Kundschafter Kenntnis vom Herannahen der Fähre erhalten, worauf sie im ersten besten Dorfe geblieben war. Es war durchaus keine Enttäuschung, daß wir den anfangs bestimmten Vereinigungspunkt Argan nicht vor dem Zufrieren des Flusses erreicht hatten, sondern im Gegenteil ein großer Vorteil. Es stellte sich nämlich heraus, daß Jangi-köll der vorzüglichste Ausgangspunkt für die großen, gefährlichen Expeditionen war, die ich nach den Wüsten im Osten und Westen plante, und daß es überdies noch den Vorzug hatte, nicht sehr weit von Korla entfernt zu liegen, der nächsten Stadt, wo wir das, was wir zur Ausrüstung der Karawane brauchten, finden konnten.

Jetzt war keine Eile mehr nötig, und es war zu schön, am Morgen des 8. Dezember ruhig ausschlafen zu dürfen. Die Kosaken suchten einen sehr geeigneten Platz für das Winterquartier aus, der einige hundert Meter oberhalb des Punktes, an dem wir Halt gemacht hatten, ebenfalls auf dem linken Ufer des Flusses lag. Dorthin wurde das ganze Gepäck der Karawane gebracht, und hier schlugen die Leute ihre Zelte auf. Dort war ein vorzüglicher, jetzt fest zugefrorener kleiner Hafen mit steilen Ufern, dessen Eis mit Äxten und Stangen aufgebrochen wurde. Die Fähre, die während der Nacht auch tüchtig festgefroren war, wurde aus ihren Banden befreit und nach dem Hafen gezogen, wo sie am Ufer vertäut wurde, welche Vorsichtsmaßregel jedoch überflüssig war, da sie sehr bald von fußdickem Eise eingeschlossen war. Im Laufe des Winters gefror das Wasser hier zum Teil bis auf den Grund, und unsere weitgereiste Wohnung lag wie auf einem Bette von Granit.

Der erste Abend im Winterlager führte eine jener unangenehmen Entdeckungen herbei, die jedoch etwas ganz Gewöhnliches sind, wenn man so naiv oder gutmütig ist, allzu großes Vertrauen auf die Ehrlichkeit eines Muhammedaners zu setzen. Nias Hadschi hatte in Lailik 4½ Jamben bekommen, mit denen er teils den Lebensunterhalt der Karawane bestreiten, teils allerlei Einkäufe machen sollte. Die Summe war so reich bemessen, daß ein hübsches Stück Geld hätte übrigbleiben müssen. Statt dessen aber hatte mein Karawan-baschi unterwegs noch eine Anleihe von gegen 4 Jamben gemacht. Jetzt wurde am Feuer Gericht abgehalten; ich hatte auf dem Richterstuhle -- einem Mehlsacke -- Platz genommen, und der angeklagte Sünder, seine Ankläger, die Zeugen und Zuhörer standen um mich herum; es war feierlich und tragisch, und gern hätte ich noch ein paar Jamben dazubezahlt, wenn ich mit meinem Diener nicht hätte ins Gericht zu gehen brauchen. Doch um ein Exempel zu statuieren, den anderen zur Warnung, und die Autorität, die der Führer haben muß, aufrechtzuhalten, nahm ich Nias Hadschi vor und verlangte von ihm Rechenschaft darüber, wie er die ihm anvertrauten Gelder verwaltet habe. Wie er diesem Verlangen nachkam, wird jeder sagen können, der je mit Muhammedanern zu tun gehabt hat; er suchte mir auseinanderzusetzen, daß nicht ein Tenge unnötig ausgegeben sei und daß er ehrlich und treu seinen Auftrag ausgeführt habe -- aber er log. Sirkin hatte auf meinen Befehl auf der Reise Buch geführt, und es war leicht, die Ausgaben zu kontrollieren. Außerdem wurde ihm zur Last gelegt, daß er hochmütig und stolz gegen die anderen gewesen sei. In Aksu hatte er seine eigenen, in Korla seines Sohnes Schulden bezahlt, und dieses Herrchen hatte er mir noch obendrein als Geschenk mitgebracht. Ich wollte ihm nicht an diesem Tage, der für mich so glückbringend gewesen, ein zu strenges Urteil sprechen; überdies hatte ich ihn ja selbst in Versuchung geführt, indem ich ihm soviel Geld anvertraut hatte. Das Urteil lautete auf Entlassung; im Laufe des folgenden Tages sollte er das Lager verlassen.

Eigentümlich sind diese Muselmänner; man wird nie recht klug aus ihnen. Dieselben Männer, die ihn eben noch angeklagt hatten, legten nun Fürbitte für ihn ein und baten, ich möchte ihn doch nur degradieren und als Koch der Muselmänner behalten. Es nützte ihnen jedoch nichts; das Urteil war gesprochen, und ich wollte meinen Entschluß nicht ändern. Es tat mir freilich leid, den alten Mann, den Mekkapilger, den Freund des Propheten und Prschewalskijs einstigen Diener, allein in den öden Winter hinauszuschicken. Ich versprach, der ganzen Geschichte nicht mehr zu gedenken, und als er abzog, gab ich ihm noch eine halbe Jamba mit auf den Weg, die seine Tränenfluten stillte. Hiermit war seine kurze Geschichte zu Ende, und er war sicher der Ansicht, noch gut davongekommen zu sein. Er hatte bei unserer herumziehenden Theatertruppe von Karawane als ein Schauspieler figuriert, der nur im ersten Akte auftritt. Doch im Laufe des Stückes werden immer neue Schauspieler die alten ablösen und ihre Rollen mit wechselndem Glück spielen. Der Souffleur ist das Gewissen, die Bühne das innerste Asien, und die Zuschauer sind die Sterne des Himmels und die am Tage heulenden Stürme. Wenn man den Himmel als Zuschauer hat, muß man gut spielen und muß mild gegen schlechte Spieler sein. --

Während der drei Tage vom 9. bis zum 11. Dezember wurde das Lager und die Zusammensetzung der Karawane für die nächste Zukunft geordnet. Chalmet Aksakal erhielt den Auftrag, uns von Korla eine Verstärkung einiger unserer Vorräte, zwei mongolische Filzzelte und fünf Maulesel zu besorgen, sowie einige Silberbarren in Kleingeld umzuwechseln, und zwar in Tengestücke aus Jakub Beks Zeit, die zwischen Korla und Tscharchlik noch gangbar sind und von denen 21 auf 1 Sär gehen. Musa Ahun sollte ihn nach Korla begleiten und mit den Sachen zurückkehren. Ferner sollte Chalmet Aksakal meine große Post mitnehmen und nach Kaschgar weiterschicken.

Die vier Männer aus Lailik, unsere guten, prächtigen Fährleute, traten jetzt vom Schauplatze ab und kehrten in ihre ferne Heimat zurück. Ihr vereinbarter Monatslohn wurde verdoppelt, und ich bezahlte ihnen die Heimreise. Ihre Dankbarkeit war groß, und mit Tränen in den Augen beteten sie „Dua“ und „Allahu ekbär“ für mich; mit Bedauern trennte ich mich von diesen Männern, die in jeder Hinsicht ein gutes Andenken hinterließen. Sie wollten zu Fuß nach Korla gehen, wo der Aksakal ihnen beim Einkaufen guter Reitpferde helfen sollte. Ich habe nachher nichts wieder von ihnen gehört, hoffe aber, daß sie glücklich nach Hause gelangt sind.

Trotz dieser großen Verminderung des Karawanenpersonals bot das Lager doch ein außerordentlich lebhaftes Bild dar. Die mir am nächsten im Range Stehenden der Leute waren die Kosaken und Islam Bai als unser Karawan-baschi. Parpi Bai wurde zum Oberaufseher der Pferde ernannt und benutzte seine freie Zeit zur Falkenjagd. In Friedenszeiten wurde der Falke mit lebendigen Hühnern gefüttert, ein greuliches Schauspiel. Turdu Bai und Faisullah waren für die Kamele verantwortlich und hielten abwechselnd an den Weideplätzen derselben Wache. Kurban, ein sechzehnjähriger, hübscher, offener und heiterer Junge aus Aksu, war Laufbursche, führte die Pferde zur Tränke und brachte denen, die draußen die Kamele hüteten, Essen. Ein mit diesen Gegenden außerordentlich gut bekannter Loplik, der treffliche Ördek, wurde für die grobe Arbeit im Lager, wie Wassertragen für die Küche, Holzfällen in dem nächsten dürren Walde und Futterholen für die Pferde, angenommen. Im Hafen wurde eine Wake aufgehauen und ständig offengehalten, das Kochwasser aber wurde stets aus dem Flusse geholt, wo es, weil fließend, frisch und rein war. Die Kamele trugen das Brennholz ins Lager, und unsere nächsten Loplik-Nachbarn verschafften uns auf Veranlassung des Beks der Gegend schon am ersten Tage tausend Bündel Klee und tausend Bündel Heu. Auch ein Schmied wurde für diverse Arbeiten angenommen; er mußte anfangs Sirkin helfen, mir Schlittschuhe zu machen. Ich hatte mir nämlich gedacht, mit diesem Transportmittel über die Seen zu ziehen, doch sie fielen nicht so aus, daß ich sie zu etwas anderem hätte benutzen können, als mir in der Nachbarschaft Bewegung zu machen.

Das Lager bekam Besuch von ganzen Scharen von Lopliks (Abb. 55). Sobald unsere Nachbarn gehört, daß wir uns in ihrem Lande niedergelassen und in der Wildnis ein kleines Dorf angelegt hatten, wallfahrteten sie scharenweise dorthin; sie brachten stets Geschenke mit und gaben uns so viele Aufklärungen, wie sie nur konnten. Es war ein fortwährendes Kommen und Gehen, und wenn ich an Bord im Zelte arbeitete, hörte ich ein ununterbrochenes Stimmengewirr wie von einem Marktplatze.