Im Herzen von Asien. Erster Band.

Part 18

Chapter 183,569 wordsPublic domain

Die schwindelnd hohen, unendlichen Sandmassen, die sich in diesem Teile des inneren Ostturkestan ausbreiten, gleichen in ihrer Anordnung einem Netze, in dessen Maschen die Bajire liegen. Wo wir auch vom Flusse aus die Reise angetreten hätten, stets wären wir in eine ununterbrochene Rinne von Mulden hineingeraten, die alle auf derselben Linie nach Südsüdwesten liegen. Die Depressionen erleiden schon jetzt eine deutliche Veränderung. Ihr Boden wird härter und bequemer für die Kamele, trockener und sandreicher. Ferner tauchen an den „Ufern“ Lehmränder in Gestalt von 1½ Meter hohen Tafeln und Terrassen oder nur unter dem Sande hervorspringenden Leisten auf; sind sie kein Gebilde der Winderosion, so können sie ihre Entstehung nur dem Wasser verdanken; sie gleichen uralten Uferlinien, die auf Seen oder Flüsse schließen lassen. Für die Annahme, daß die Bajirmulden alte Seedepressionen anzeigen, spricht ihre Beckenform und die konzentrisch angeordneten Gürtel von Terrassen aus mit Salz gemischtem Staube (Schor) und Salz, welches Aussehen auch die jetzigen Uferseen Jangi-köll, Basch-köll, Tana-bagladi usw. erhalten würden, wenn sie austrockneten.

Ich selbst neige mehr zu dem Glauben, daß wir jetzt auf dem Grunde eines riesigen Binnensees wanderten. Dafür sprechen die Niveauverhältnisse des ganzen Tarimbeckens, die Stromrichtung des Tarimflusses und des Tschertschen-darja und die Lage der Bajirketten; denn jede Bajirreihe bildet einen Bogen, dessen Mittelpunkt zwischen dem alten Lopsee und dem Kara-koschun, wo wir auch die tiefste Depression des Tarimbeckens finden, gelegen ist.

Von der sechsten Bajir an wurde der Boden so, daß man die Depression an jedem Punkte überschreiten konnte; die vorhergehenden waren in ihren inneren Teilen so weich und tückisch gewesen, daß man in ihnen spurlos hätte versinken können, wenn man sich zu weit vom Rande entfernt hätte. Ein interessanter Fund wurde in der Bajir Nr. 8 gemacht: einige poröse spröde Skeletteile von einem wilden Kamele.

Im Lager Nr. 3 wurde versuchsweise ein Brunnen gegraben, der schon auf 1,2 Meter Tiefe reichlich Wasser von +4,8 Grad gab, es war aber bitteres, konzentriertes Salz. Der Boden ist nirgends gefroren, obwohl die Feuchtigkeit bis an die Oberfläche reicht; er ist aber auch überall stark mit Salz vermischt.

23. Dezember. Heute weckte uns wieder ein richtiger Buran. Der Himmel war mit Wolken bedeckt und die Luft so mit Flugstaub gesättigt, daß die Landschaft, wenn man diese Heimat der Todesstarre so nennen kann, auf einige hundert Meter Entfernung verschwand und nur die nächsten Gegenstände seltsam und unheimlich hervortraten (Abb. 59). Die einzigen menschlichen Gäste, welche diese Wüste je gehabt, erstaunten darüber, daß der Flugsand, der besonders während der Frühlingsstürme in Menge treiben muß, die Bajire nicht ganz und gar ausfüllt und sie ganz von der Erdoberfläche vertilgt. Doch in Wirklichkeit scheint jedes Sandkorn ebenso treu, wie der elektrische Strom durch sein Kabel eilt, gewissen Bahnen zu folgen, die ihm nicht erlauben, sich in den Depressionen niederzulassen, sondern es zwingen, sich auf einem der Dünenabhänge niederzulassen. Es ist, als scheute der Sand die nackten Flächen. Natürlich werden diese Verhältnisse vom Winde diktiert.

Vom Lager Nr. 3 wurde die Richtung der Bajirreihe Südsüdwest, und ich hielt immerfort den Kurs auf das Dorf Tatran. Es war jedoch deutlich, daß wir uns immer höher werdendem Sande näherten; schon jetzt wuchsen die Engen zwischen den Bajiren an Höhe und Breite, und wir gingen längere Strecken in diesem Sande als auf ebenem, nacktem Boden. Ein paarmal suchten wir sogar vergebens nach einer Bajir; wir waren offenbar vom Wege abgekommen und hatten uns auf Protuberanzen zwischen Depressionen, die wir in der dicken Luft nicht sahen, verirrt. Die Karawane mußte Halt machen, während wir einen Übergang suchten und darauf die anderen anriefen.

Die Bajire 9-12 waren tief wie Kessel, aber so klein, daß sie unsere Wanderung wenig erleichterten, um so mehr, als ein System von kleinen Dünen in der Richtung von Nordosten nach Südwesten ihren Boden kreuzte. Als wir die zwölfte Depression gekreuzt hatten, sah es bedenklich aus; wir keuchten lange auf dem Wege über die nächste Schwelle, die kein Ende nehmen wollte, und die Kamele blieben immer öfter stehen; aber schließlich erreichten wir den höchsten Rücken, der uns einen angenehm überraschenden Anblick bot: vor uns und tief unter uns dehnte sich die dreizehnte Depression aus; ihr Boden war ganz sandfrei, und ihr anderes Ende verschwand im Staubnebel; sie mußte uns also ein gutes Stück weiterhelfen. In der Mitte dieser großen Bajir erhoben sich einzelne Terrassen von Tonerde in horizontalen Schichten, aus der Ferne Häuser- und Mauerruinen gleichend.

Wir lagerten zwischen zwei solchen Blöcken. Solange der Kochtopf und die Teekanne auf dem Feuer brodeln, hocken wir alle um dasselbe herum; nach dem Abendessen plaudern die Muselmänner über die Aussichten für den nächsten Tag, während ich beim Scheine einer Laterne meine Aufzeichnungen mache. Nur drei Holzstücke dürfen in jedem Lager draufgehen, zwei am Abend und eines am Morgen, sonst würde der Vorrat nicht zwei Wochen reichen.

Der Sturm legte sich während der Nacht, und als ich in aller Frühe aus meinem Pelzneste guckte, warf der Mond seine silberglänzenden Strahlen auf unser stilles Lager, wo alle fest schliefen und nur die schweren Atemzüge der Kamele das tiefe Schweigen unterbrachen. Ich mußte daran denken, daß der Mond, wenn er überhaupt die Fähigkeit besäße, auf menschliche Weise zu sehen und zu reflektieren, sich sehr über die armen Würmer wundern würde, die sich in den ewigen Sand hinein verirrt haben und die in ihrem Trotze über Teile der Erdoberfläche ziehen, die nicht für Menschenkinder geschaffen sind. Ich dachte mit Neid an seinen erhöhten Platz im Weltraume, der ihm nicht nur auf dieses Sandmeer im innersten Asien hinabzusehen erlaubte, sondern auch auf mein Heim im Norden, nach welchem meine Gedanken gerade an diesem Abend mit ganz besonderer Sehnsucht eilten, war doch heute der heilige Abend.

Müde von dem anstrengenden Sandmarsche des gestrigen Tages schliefen wir uns alle gemütlich aus, und die Sonne stand schon über den Kämmen der Dünen, als ich am Morgen erwachte. Alle Wolken und aller Flugstaub waren fortgezaubert worden, und das Sandmeer um uns herum glühte wie ein Lavastrom. Die Kamele, die stets dicht zusammengedrängt lagen, um sich aneinander zu wärmen, warfen lange, grelle Schatten auf den Boden, jenen seltsamen, öden Boden, auf dem man ein hilfloser, linkischer Gast ist und den zu betreten man sich kaum berechtigt fühlt. Es ist, als gehörte er einem anderen Planeten an.

Jetzt wurde es im Lager lebendig; das Gepäck wurde wieder geordnet, aber die Auslese war schon so gründlich getroffen, daß nichts mehr entbehrt werden konnte. Parpi Bai, Faisullah und Chodai Verdi kehrten mit den drei Reservekamelen zurück. Es war die Rede davon, daß Kurban mit ihnen ziehen sollte, aber er war so heiter und vergnügt, daß das Weihnachtsfest ohne ihn noch einsamer geworden wäre, weshalb er bleiben durfte. Die Leute schienen ebenso verhext zu sein wie ich, sie wollten alle mit durch die Wüste.

Die Zurückkehrenden erhielten ein paar Eisstücke, einen Holzklotz und einige Brotfladen, eine sehr knappe Beköstigung für den heiligen Abend; sie sollten die Entfernung in zwei Tagereisen zurücklegen und versuchen, den Seit-köll zu erreichen, welcher von hier aus der nächste Punkt war, an dem es Wasser gab. Im Sande waren unsere Spuren verweht, in den Bajiren würden sie jahrelang erhalten bleiben. Gefahr war nicht vorhanden; wohin sie sich auch nach Norden wendeten, stets würden sie an den Tarim gelangen. Es war mir eine Beruhigung, sie in Sicherheit zurückkehren zu wissen, und auch für uns war ein großer Vorteil dabei; der Wasservorrat würde nun länger reichen, da sechs Personen weniger davon zehrten. Bald entschwanden sie unseren Blicken wie schwarze Punkte auf dem Gipfel der nächsten Sandenge.

Unsere sieben übrigen Kamele wurden nun mit schweren Lasten beladen, die jedoch mit jedem Tage leichter werden sollten. Bis der Proviant sich nicht bedeutend verringert hatte, durfte keiner reiten.

Rasch durchschritten wir den Rest der dreizehnten Bajir. Ihr Boden ist leicht gekörnt, knisternd, hart und trocken, hier und dort mit einer dünnen, reifähnlichen Salzschicht bedeckt. Doch gräbt man nur ein paar Dezimeter tief, so stößt man auf ein ziemlich mächtiges Lager von gediegenem Salze, das deutlich das Bett eines verschwundenen Salzsees anzeigt. Die Tafeln und die Terrassen, die selten mehr als 2 Meter Höhe erreichen, sind mit einer völlig horizontalen Schicht von gelbrotem, beinahe steinhartem Tone von ein paar Dezimetern Dicke bedeckt.

Die fünfzehnte Bajir war im Südwesten von gewaltigem Sand abgeschlossen. Wir arbeiteten uns hinauf; es war eine harte Anstrengung für die Kamele, diese zahllose Folge von Abhängen hinauf und hinunter zu überwinden.

Ich ging zu Fuß voraus, aber von einer Bajir war nichts zu sehen; ich hoffte eine wirklich große, ebene Fläche als Weihnachtsgeschenk zu erhalten, aber immer höher ging es hinauf in immer tiefer werdendem Sande, und schließlich erkannte ich, daß ich auf die Protuberanz zwischen zwei Depressionen geraten war.

Unvergeßlich ist mir das Gefühl des Ärgers, das mich überkam, als ich von der 60 Meter hohen, abschüssigen Düne unsere sechzehnte Bajir erblickte, die wie ein kohlschwarzer Topf unter mir gähnte; ihr Boden war bis an die Oberfläche durch und durch naß, um ihren Rand herum lief ein Ring von weißem Salze und ringsumher erhoben sich hohe Dünen; es war ein Höllenpfuhl, ein Loch, das ganz gut ins Reich der Toten hätte hinabführen können.

Doch nachdem mich die Karawane eingeholt, rutschten wir an dem Sandabhange nach dieser unheimlichen Mulde hinunter (Abb. 60) und folgten, wo der Boden trug, ihrem Rande. Nach einem Marsche von 15½ Kilometer hatten wir genug und lagerten an der südlichen Dünenschwelle der Bajir.

Wie düster der Tagemarsch auch gewesen sein mag, sobald ich Halt geboten habe, wird die Stimmung immer gleich fröhlicher. Islam macht sofort mein Bett am Feuer zurecht, Kurban sorgt für mein Reitpferd, Turdu Bai und Ördek laden die Kamele ab, deren Lasten so gelegt werden, daß sie sich am folgenden Morgen bequem wieder aufladen lassen. Darauf werden die Kamele in unserer unmittelbaren Nähe angebunden, die beiden Holzklötze in kleine Scheite zerspalten, Feuer angemacht und die Eisstücke zum Schmelzen in den Eisentopf und in einen eisernen Eimer gelegt, dann bereitet Ördek den Reispudding. Das Wasser, in welchem der Reis gewaschen wird, erhalten das Pferd und die Hunde; kein Tropfen darf umkommen. Nachdem das letzte Holzscheit des Abends verbrannt ist, bleibt nichts weiter übrig, als in die Koje zu kriechen. Wenn die Kamele nicht gar zu durstig werden, haben wir noch Wasser für 15 Tage und Holz für 11 Tage.

Nie habe ich den heiligen Abend in einer düsterern, einsamerern Umgebung zugebracht. Nichts weiter als die Kälte erinnerte an dieses frohe Fest, an dem sich alle Erinnerungen aufrollen und an dem Blicke, der sich in der ersterbenden Glut des Lagerfeuers verliert, vorüberziehen. Das fröhlichste, glücklichste aller Feste verbrachte ich in einem Höllenloche, wo nur der Tod oder der Mangel jeglichen Lebens einen seiner größten Triumphe feierte. Wie Fledermäuse im Winter saßen wir zusammengekauert um das spärliche Feuer, über dessen Kohlen nur noch die letzten blauen Flammen züngelten; wir hüllten uns dichter in die Pelze, um den eisigen Pfeilen der Mittwinternacht die Spitze abzubrechen, doch der Weihnachtsengel ging an uns vorüber, obwohl ihm alle Türen weit geöffnet waren. Es war ein Weihnachtsfest der Wüste, und selbst am Pol kann es nicht einsamer verlaufen.

Während des ersten Festtages war das Terrain so günstig, daß wir 18,2 Kilometer zurücklegen konnten. Hinter der Sandenge des Weihnachtslagers kamen drei kleine Mulden, aber die Bajir Nr. 20 lag groß wie ein Tal vor uns. Ihre Längsrichtung ging gerade nach Süden, und ihre östliche Sandmauer stieg bis gegen 100 Meter hoch direkt vom „Ufer“ auf. Wenn nur Ostwinde in der Gegend herrschten, würde man diese Regelmäßigkeit verstehen, doch im Winter waren südliche und nördliche Winde häufiger, und man sollte denken, daß diese die Mulden mit der Zeit ausfüllen mußten. In der westlichen Takla-makan hatten wir nur in dem dem Chotan-darja am nächsten liegenden Teile Flecke mit freiem Boden gefunden, also in einer Gegend, wo östlicher Wind vorherrscht.

Als wir die ganze Bajirreihe hinter uns hatten, gerieten wir wieder in gewaltigen Sand hinein, auf dem es beständig bergauf ging. Auf beiden Seiten unseres Kurses sahen wir Mulden; da sie uns aber nichts nützen konnten, zogen wir auf dem höchsten Kamme der Protuberanz weiter. Wenn man auf dem Kamme selbst bleibt, wo der Sand eine feste, zusammengepackte Masse bildet, wird der Marsch leichter, doch lag der Sand an mehreren Stellen so ungünstig, daß für die schwerbeladenen Kamele mit dem Spaten ein Pfad gegraben werden mußte. Obgleich wir uns alle durch Gehen warm zu halten suchten, erstarrten wir beinahe vor Kälte in dem heftigen Südwestwinde, der keinen Augenblick nachließ. Straußenfedern vergleichbar wirbelte der Sand von den Dünenkämmen, und alles verschwand in graugelbem Nebel. Man sieht, wie die scharfen Kammlinien unter der Einwirkung des Windes ihre Lage verändern. Der Sand durchdringt alles; er juckt auf der Haut des ganzen Körpers, er knirscht zwischen den Zähnen, und noch heute fallen Sandkörner aus meinem Tagebuche, wenn ich darin blättere.

Am 26. Dezember überschritten wir nicht weniger als acht Bajire, aber sie waren alle klein und von keinem Nutzen für uns, da wir erst nach ihnen hinunter und dann auf der anderen Seite gleich wieder hinauf mußten. Es tat mir leid zu sehen, wie dies die Kamele anstrengte, aber ich hoffte, daß ihre Kräfte ausreichen würden, und ihr Lohn sollte groß sein, wenn wir erst die üppigen Weiden des Tschertschen-darja erreichten. Wir wanderten also meistens zu Fuß im Sande, und nur auf ebenem Bajirboden benutzte ich die Gelegenheit, ein paar Kilometer zu reiten.

Die Sandengen werden auf Kosten des ebenen Bodens immer höher und breiter; für uns ist es ein Glück, daß ihr steiler Abhang immer nach Süden und ihr allmählich ansteigender nach Norden liegt. Bei jeder neuen Bajir gelangen wir an den Rand einer solchen jähen Sandklippe. Ohne sich zu besinnen, lassen sich die Kamele beinahe Hals über Kopf den Abhang hinabgleiten. Der Sand fängt dann an nachzugeben und gleitet wie in einem Wasserfall hinab, in dem sie mit steifen Beinen hinunterrutschen. Sie sind schon daran gewöhnt, balancieren sicher und fürchten sich nicht mehr vor den hohen Dünenkämmen.

Islam, mein alter erfahrener Wüstenlotse, geht gewöhnlich voraus und sucht die Kurve, die unser Weg bildet, soviel wie möglich auf derselben Ebene zu halten. Auf jedem neuen Kamme, nach welchem wir uns mühsam hinaufgearbeitet haben, machen wir Halt und schauen uns um, stets hoffend, in der Richtung des Weges eine neue Bajir zu finden, sehen uns aber meistens in der Hoffnung getäuscht und folgen dann den besten Dünenkämmen.

Im Lager Nr. 7 konnte ich meinen Dienern zu ihrer Beruhigung mitteilen, daß wir schon 2 Kilometer über die Hälfte des Weges nach dem alten Bette des Tschertschen-darja hinaus waren, von dessen Vorhandensein der russische Reisende Roborowskij vor einigen Jahren hatte erzählen hören und das nach seiner Karte etwa 65 Kilometer nördlich von dem jetzigen Flußbette liegen mußte. Noch besaßen wir 2½ Kamellasten Eis, was ausreichen mußte; dafür aber war zu befürchten, daß uns das Brennholz ausgehen und uns damit die Möglichkeit genommen werden könnte, das Eis zu schmelzen.

Am 27. Dezember brachen wir früh auf; die Leute fühlten sich in dieser endlosen Wüste entmutigt und hielten es für das beste, den Marsch zu beschleunigen, um in gastfreundlichere Gegenden zu gelangen, ehe unsere Vorräte gar zu sehr zusammenschmolzen. In der Nacht sank die Temperatur unter -20 Grad, und als wir aufbrachen, war es noch -18 Grad kalt. Doch der Sonnenaufgang war schön und der Himmel klar. Das Tagesgestirn war aber noch nicht viele Grade über den Horizont emporgestiegen, als auch schon die gewöhnlichen Wolkenbänke heraufzogen, um die Nachtkälte, die die Sonne noch nicht hatte vertreiben können, auf der Erdoberfläche festzuhalten.

Nachdem ich meinen Morgentee eingenommen, brach ich, gut eingehüllt, als Vorhut auf. Es wehte nicht, und mir wurde bald so warm, daß ich den Ulster fallen ließ, damit die Karawane, die meinen Spuren folgte, ihn mitnehme. Über zahllose Kämme hinweg erreichte ich endlich die Höhe der Schwelle, wo ich überlegend stehenblieb und das Terrain mit dem Fernglase untersuchte. Hinten in der Richtung des Kurses erschien eine Bajir, deren Boden ein außergewöhnliches Aussehen hatte und ganz schwarzpunktiert war. Voller Neugierde, was dies sein möchte, eilte ich von den Dünen hinab, und meine Verwunderung wurde noch größer, als ich vom Winde verwehte Kamischblätter und die Spuren eines kleinen Nagetieres fand, das nicht größer sein konnte als eine Ratte. Als ich näherkam, sah ich zu meiner Freude, daß in dieser Bajir Kamisch wuchs, wenn auch dünn und in welken, verdorrten Stauden. Doch es gab dort auch lebendes, gelbes Schilf; es hatte sich nur gegen die ebenso gelben meterhohen Dünen, welche die Bodensenkung in der Diagonale kreuzten, von fern nicht abgehoben.

Mich an dem Anblicke von Leben freuend, erwartete ich die Karawane. Die Männer waren froh, als sähen sie vor sich ein Paradies winken, und die Kamele blähten, die Weide witternd, ihre Nasenlöcher auf. Jetzt hielten wir Rat; Turdu Bai schlug vor, hierzubleiben, damit sich die Tiere ordentlich satt fressen könnten. Da wir jedoch vermuteten, daß die nächste Bajir noch besser sein würde, mußte Islam vorausgehen, um zu rekognoszieren, indes wir langsam seiner Spur folgten und die Kamele im Gehen fressen ließen. Der Kundschafter gab uns ein Zeichen ihm nachzukommen, und wir lagerten mitten in der Bajir Nr. 31, obwohl sie nicht besser war als die vorige.

Es war eine in hohem Grade unerwartete, staunenswerte Entdeckung, mitten in der Wüste, 120 bis 140 Kilometer vom nächsten Wasser entfernt, Vegetation zu finden. Daß dies nicht die äußerste „Strandinsel“ des Tarim sein konnte, lag auf der Hand, denn stark salzhaltiger Untergrund und wüstester Sand trennten uns von diesem Flusse. Ebensowenig konnte es einer der Vorposten des Tschertschen-darja sein, denn bis an diesen Fluß hatten wir noch 150 Kilometer. Vielleicht befanden wir uns in einer Gegend, welche einst der Fluß Kara-muran durchzogen hatte. Wie dem auch sei, alle lebten wieder auf, und wir sahen die nächste Zukunft in den hellsten Farben.

Die Kamele erhielten jedes seinen Eimer mit 30 Liter Wasser, das sie austranken wie unsereiner eine Tasse Tee. Es war ein tiefer Griff in unseren Eisvorrat. Die Blöcke wurden im Eisentopfe über Kamischfeuer geschmolzen, und die Lasten wurden dadurch leichter. Bei Tagesanbruch durften die Kamele auf die Weide gehen. Auch wir zogen aus dem dürren Schilfe Nutzen. Solange es noch Tag war, sammelten wir ganze Haufen davon und brauchten abends die vorgeschriebenen drei Holzklötze nicht in Anspruch zu nehmen.

Der Sonnenuntergang war an diesem Abend von einer ungewöhnlichen Farbenpracht. Die schweren Wolken, die den Himmel den ganzen Tag erfüllt hatten, verzogen sich; sie waren oben grauviolett mit einem goldglänzenden Rande, aber ihre Unterseite war ebenso schmutziggelb wie die Dünen, und man glaubte, das Spiegelbild der Wüste am Himmelsgewölbe widerscheinen zu sehen.

Fünfzehntes Kapitel.

Das endlose Wüstenmeer.

Das unfreundliche Wetter hielt noch immer an. Nach einer -21 Grad kalten Nacht erwachten wir am 28. Dezember wieder bei östlichem Winde, dicker Luft und bleischweren Wolken, an denen nicht einmal eine schwache hellere Färbung verriet, wie hoch die Sonne schon gestiegen war. Wir waren in das Land der ewigen Dämmerung hineingeraten. Auch am Kerija-darja hatte ich im Winter 1896 solches Nebelwetter gehabt; es muß wohl ein charakteristisches Zeichen des Winters der inneren Wüste sein. Man täuscht sich leicht in den Entfernungen und hält eine Bajir, in die man hinuntergekommen ist, für lang, weil ihr anderes Ende in weiter Ferne verschwindet; doch man ist noch nicht weit gelangt, so steigen schon die sie begrenzenden Dünenwände wie Gespenster aus dem Boden auf. Die Sandprotuberanzen vor uns gleichen im Staubnebel fernen Bergketten, und doch sind sie uns ganz nahe. Man täuscht sich beständig und weiß nicht, wohin man am besten seine Schritte lenkt, und auf dem Sattel wird man so vom Winde durchkältet, daß man vorzieht, zu Fuß zu gehen und das Pferd zu führen.

In der Anordnung des Sandes herrscht beständig dieselbe Regelmäßigkeit (Abb. 61). Gibt es auch sonst nichts in dieser Wüste, so treffen wir doch hier eine Kraft, die mit souveräner Allmacht aus diesem flüchtigen Material ein phantastisches Gebilde -- ein Mittelding zwischen Gebirge und Meer -- gestaltet. Jede einzelne Düne gibt die Form der großen Protuberanzen wieder, und die Form der Düne wiederholt sich in den unzähligen kleinen Wellen, die ihren Rücken kräuseln. Der tiefste Teil des Wellentales ist stets der, welcher der Basis der steilen Leeseite zunächst liegt, welches Gesetz auch für die Bajirmulden, die größte Wellentälerform der Wüste, gilt. Der Sand, der von granitharten Bergen stammt, muß treu denselben Gesetzen gehorchen wie das wenig beständige Wasser. Er wälzt sich in Wogen dahin, die denen des aufgeregten Ozeans gleichen; auch die seinen rollen unwiderstehlich vorwärts, nur ist die Bewegung unendlich viel langsamer.

In der Bajir Nr. 33 konnte ich ein gutes Stück vorausreiten. Mich lockte ein schwarzer Gegenstand, der sich höher erhob als das tote, vertrocknete Kamisch. Dieses ist selten mehr als ein paar Dezimeter hoch und sieht aus, als wäre es abgeweidet worden, obwohl es nur verkümmert und abstirbt, sobald seine Wurzeln nicht mehr zum Grundwasser hinabreichen. Der schwarze Gegenstand stellte sich als die erste Tamariske heraus. Noch lebte sie ein schwaches Leben, aber rund umher lagen längst abgestorbene, vertrocknete Zweige, ein willkommener Zuschuß zu unserem Holzvorrat.

Noch eine Stunde konnte ich reiten, ohne diese angenehme Bajir endigen zu sehen. Auch das Kamisch nahm kein Ende. Es lebt, ja besitzt sogar, besonders in der Nähe von Flugsand, vom Sommer her einen Anflug von Grün, ist aber auf ebenem Staubboden abgestorben. Es scheint beinahe, als sei der Sand für sein Gedeihen erforderlich oder trage dazu bei, es am Leben zu erhalten. Weitere Tamarisken sind nicht zu sehen; ich machte daher an einem Punkte Halt, wo das Schilf etwas dichter stand und gegen den Wind schützte; hier band ich das Pferd an und zündete ein kleines Feuer an.