Im Herzen von Asien. Erster Band.

Part 12

Chapter 123,560 wordsPublic domain

Die Fährleute nahmen einen kleinen Kahn in Beschlag. Alim führte eine förmliche Wasserpantomime auf mit seinen verzweifelten Versuchen, des Bootes Herr zu werden; wie er auch ruderte, er konnte es nicht dazu bringen, gerade vorwärtszugehen, war aber desto öfter nahe daran, zu kentern. Bei Tschong-aral wurde das Boot gegen ein größeres vertauscht. Es war nicht unsere Absicht, den Kahn zu stehlen und so die friedlichen Ufer zu brandschatzen, wir bezahlten ihn vielmehr noch an demselben Abend. Islam und Mollah trieben nun in dem Kahne, und die Flottille hatte sich also um ein Fahrzeug vergrößert.

In der Gegend von +Gädschis+ mündet links ein Arm des Schah-jar-darja (Mus-art), der vom Chan-tengri kommt. Er ist in der Mündung 29 Meter breit, und, soweit das Auge flußaufwärts reicht, sieht es nicht aus, als ob diese Breite sich verminderte. Das Bett war mit stillstehendem Wasser von 78 Zentimeter Durchsichtigkeit gefüllt, während das des Tarim nur bis 4 Zentimeter durchsichtig war. Das Wasser hatte infolgedessen eine herrliche rein blaue Farbe, und die Grenze war ziemlich scharf.

Während ich damit beschäftigt war, den Arm von der Jolle aus zu untersuchen, erschien der Joll-begi von Tschimen, ein alter Mann in veilchenblauem Tschapan. Er brachte Briefe von Nias Hadschi und den Kosaken mit, die uns mitteilten, daß es der Karawane gut gehe.

Bei dem Dorfe +Teres+ erwarteten mich am Ufer eine Menge Geschenke, wie Schafe, Früchte, zwei Kisten Birnen aus Kutschar, eine mit Granatäpfeln, ferner Hasen, Fasanen, Hühner, Eier und Milch, kurz eine willkommene Verstärkung des Proviants. Unser Transportmittel hat vor Kamelen den Vorzug, daß es nie knurrt, wenn man ihm auch noch soviel aufpackt; es geht darum doch ebenso weit und ebenso gut.

Wir lagerten an dem Punkte, wo der Weg von Kara-dasch und Kungartschak-bel nach Tschimen, Schah-jar und Kutschar über den Fluß führt. Es war genau dieselbe Stelle, wo wir 1896 den zugefrorenen Fluß kreuzten. Chalil Bai, der alte Ehrenmann, in dessen Hause ich damals zu Gaste war, kam mir, auf einen Stock gestützt, trotz seiner 73 Jahre entgegen. Es ist stets ein großes Vergnügen, alte Freunde wiederzusehen; es ist ein Band, das wiederangeknüpft wird. Ich saß lange mit dem Alten in gemütlicher Unterhaltung am Feuer.

Während der zwei Rasttage, die wir am Ufer von +Tschimen+ zubrachten, wurde wie gewöhnlich eine astronomische Ortsbestimmung nebst verschiedenen Nacharbeiten ausgeführt und der Fluß gemessen. Hier fand uns Abdurahman, der erste Dschigit aus Kaschgar; er hatte in seiner versiegelten Posttasche lauter gute Nachrichten. Er nahm meine Post und außerdem noch einen hermetisch verlöteten Blechkasten mit Negativen mit nach Kaschgar zurück. Ein neuer Jäger wurde angenommen und ein Vorrat von Öl gekauft, für den Fall, daß nächtliche Fahrten mit Fackeln in Frage kommen würden.

Der 10. November war der erste wirkliche Wintertag. Der Morgen war bitterkalt, feuchter Nebel lag über der Erde und verteilte sich erst unter dem recht scharfen Südwestwinde, der sich jetzt erhob und unsere Fahrt sehr beschleunigte. Der Boden war weiß bereift, und auch die Fähre und die schwarze Kajüte waren weiß. Die Luft war grau und neblig, der Himmel mit Wolken bedeckt, und die ganze Landschaft mit blauweißen, winterkalten Tinten gefärbt.

Noch um 10 Uhr vormittags hatten wir -2 Grad und nachmittags um 5 Uhr wieder -1 Grad; nur fünf Stunden erhob sich die Quecksilbersäule ein wenig über den Nullpunkt. Das waren trübe Aussichten, denn wenn der Fluß jetzt zuzufrieren begann, wurden wir unvermeidlich vor Beendigung der Flußreise vom Eise eingeschlossen. Wir sehnten uns von diesem offenen, kahlen, jedem Wind und Wetter preisgegebenen Tschimen, wo das Brennholz sehr knapp ist, fort. Abdurahman, der Kurier, wurde in dem Kahne über den Fluß gesetzt, sein Pferd schwamm nebenher; ich war herzlich froh, als ich ihn mit der kostbaren Posttasche glücklich auf dem anderen Ufer sah.

Der Bek von Schah-jar, der mit Reitergefolge hierher gekommen war, um mir seine Aufwartung zu machen (Abb. 40), schenkte mir einen Hund, ein junges Tier, das wie ein Fuchs aussah, den Namen Dowlet erhielt und ein komischer vierbeiniger Clown war. Gleich vom ersten Tage an hielt er wütende Wache an Bord und wurde der auserkorene Liebling aller zweibeinigen Passagiere mit Ausnahme des Hahnes.

So lichteten wir denn unsere Anker und glitten fort von denen, die am Ufer standen und uns mit staunenden Blicken nachschauten. Die Flottille bestand jetzt aus vier Fahrzeugen. Da wir jetzt gewöhnlich zwei Wegweiser hatten, mußte der eine mit dem Kahne vorausgehen und Kasim mit der schwer belasteten Proviantfähre hinterdrein fahren. Die Tagereise wurde lang, aber der Wind half schieben. Das offene Bett erstreckte sich in Krümmungen nach Osten. Hier und da berührten wir Wälder auf beiden Seiten, sonst war das ganze Land eine Kamischsteppe mit ausgedehnten Hochwasseranschwemmungen.

Es war schön, an diesem Abend die steifgefrorenen Glieder am Feuer wärmen zu können. Der Sicherheit halber wird jetzt stets ein kleiner Holzvorrat an Bord genommen, falls es dort, wo man lagert, kein Brennholz geben sollte.

Am 11. November passierten wir verschiedene Hirtenlager, und am 12. begann der Uferwald wieder häufig und schön zu werden. Alle geschützten Buchten und Arme waren jetzt morgens überfroren, und manchmal sahen wir kleine Eisscheiben, die sich am Ufer gebildet hatten, auf dem Wasser schwimmen.

Der Fluß heißt hier Ugen oder Ögen, aber auch Terem oder Tarim. Die Kähne haben schon genau dieselbe Form und dasselbe Aussehen wie im Loplande. Mehrere tausend Wildgänse schwebten täglich über unseren Häuptern hinweg. Oft waren die Flügel der Pfeilspitze mehrere hundert Meter lang, und manchmal schien der Führer den anderen um etwa 30 Meter voranzufliegen. Wahrscheinlich waren es die letzten Pilger, die sich durch die Kälte der letzten Tage hatten zum Aufbruch bestimmen lassen. An den Pappeln sitzt kaum noch ein einziges Blatt; sie haben ihr gelbes Herbstgewand abgeworfen und warten auf den Winter.

Am nächsten Tage passierten wir den Punkt, wo der Intschikke-darja von links gerade in einer scharfen Biegung nach Norden einmündet. Es fängt an, im Zelte grimmig kalt zu werden, und ich pflege in der Jolle Platz zu nehmen, um mich ein bißchen der Sonne zu erfreuen. Die Temperatur des Wassers ist jetzt mittags nur 2 Grad über Null, und die langen Stangen haben unten eine Eishülse. In Biegungen, in denen die Südsonne nicht ankommen kann, ist die Uferlinie von einem fußbreiten, höchstens 12 Millimeter dicken Eisrande eingefaßt, der jetzt ein wenig über der Wasserfläche schwebt, die gefallen war, seit er sich gebildet hatte.

Wir mußten im Dunkeln lange nach einem geeigneten Lagerplatze suchen. Islam und Nasar gingen zu Fuß und waren bald außer Sicht. Doch spät abends leuchtete in der Ferne ein Feuer. Sie hatten an einer Uferstelle Halt gemacht, wo eine alte Sattma stand, und nährten nun, ohne Rücksicht auf die Hütte und ihren Besitzer, das Feuer mit dem dürren Holze.

Unsere Tage flossen ruhig, still und einförmig dahin. Das Eintreten des Winters veränderte unsere Lebensweise nur wenig. Es ging nur mehr Brennholz drauf, aber unser Lieferant brummte nicht; es handelte sich bloß darum, im Dunkeln passende Stellen mit trockenem Holze zu finden, denn mit solchen, wo nur junge Bäume wuchsen, war uns wenig gedient. Ich wurde jetzt erst um 6½ Uhr geweckt, und es war wenig angenehm, bei 11-12 Grad Kälte aufzustehen und die eiskalten Kleider anzuziehen. Die Toilette wurde daher mit einer virtuosenhaften Geschwindigkeit abgefertigt, zu der die Gründlichkeit in umgekehrtem Verhältnis stand. War man angekleidet und hatte man um 7 Uhr die ersten meteorologischen Ablesungen gemacht, so war es um so schöner, nach dem Feuer eilen zu können, das in der Morgenkälte lebhaft brannte, nachdem es über Nacht den Boden um sich herum erwärmt hatte. Wenn ich ans Ufer komme, begrüßt mich von allen Seiten ein freundliches, höfliches „Salam aleikum“. Die Männer sitzen dann gewöhnlich beim Frühstück, das aus gekochtem Schaffleisch mit Bouillon, worin Brotstücke schwimmen, und Tee besteht. Auch ich verzehre nun mein Frühstück am Feuer. Darauf werden die gewöhnlichen Ufermessungen vorgenommen, und wenn alles fertig ist und die Lebensgeister wieder angeregt sind, kommandiere ich „Mangele“ (Weiterfahren!), und in einem Augenblick sind die Taue gelöst, die Stangen im Wasser, und die Fähre setzt ihren langen Weg den Tarim hinab fort.

Der Fluß ist glücklicherweise so tief, daß wir nur selten auf Grund stoßen, und in den meisten Fällen können wir uns mit den Stangen wieder flottmachen. Das Achterdeck gewährt einen recht malerischen Anblick. Männer, Schafe, Hühner, Säcke, Kisten durcheinander, und eine Rauchsäule zieht von ihrem Feuer über den Fluß hin, so daß die Fähre von fern wie ein Dampfer aussieht. Dort wird Brot gebacken, meine gewaschene Wäsche an ausgespannten Leinen getrocknet, schmutziges Geschirr abgewaschen und Werkzeuge und Hausgerät angefertigt. Naser war damit beschäftigt, mit dem Beile ein gewaltiges Steuerruder zurechtzuhauen, mittelst dessen man mit der in Gegenströmung geratenen Fähre würde ausbiegen können. Kasim und Kader haben sich in den Besitz zweier Kähne gesetzt, mit denen sie die kleine Fähre manövrieren, wenn die Stangen nicht bis auf den Grund reichen. Wenn der Tag einförmig zu werden beginnt, wird von allen Seiten ein Lied angestimmt, das in dem Schweigen der Wälder recht stimmungsvoll erklingt. Gegen Abend erstirbt jedoch der Gesang. Alle sehnen sich nach dem großen Lagerfeuer, aber wir fahren noch eine ziemliche Weile nach Sonnenuntergang im Mondschein weiter. Keine Feuer leuchten an diesen einsamen Ufern, nur die Reflexe des Mondes folgen geschäftig den Ringeln auf der Wasserfläche, und das Achterdeckfeuer wirft einen matten Schein auf das Schilf am Uferrande.

Wenn ich endlich „Indi toktamiß“ (Anhalten) kommandiere, wird es an Bord lebendig. Im Nu wird die Fähre festgemacht, einige Feuerbrände und alles notwendige Küchengeschirr an Land getragen, in einem gewaltigen Topfe der Asch (Reispudding) mit Fleisch und Gemüse zubereitet und die Kiste mit meinem Service, Tee, Gewürzen und Konserven neben das Feuer gestellt, wo jetzt auch ich mein spätes Mittagessen zu verzehren pflege. Alle Zutaten zum Pudding sind an Bord vorbereitet worden, und es dauert daher auch nicht lange, bis Islam mit der Meldung „Asch taijar“ erscheint. Nicht lange währt es, so legen sich die Männer um das Feuer herum in ihren Pelzen schlafen; solange jenes groß und hoch ist, lassen sie den Pelz vorn offen, doch sobald sie schläfrig werden, hüllen sie sich ganz darin ein und kriechen näher an das verkohlende Feuer heran, das nachts sich selbst überlassen bleibt. Sie schnarchen schon eine gute Weile, ehe ich mit den Tagesaufzeichnungen fertig bin und ihrem Beispiele folgen kann.

Zehntes Kapitel.

Der Jumalak-darja auf dem Wege durch die Sandwüste.

Am 14. November wurde die Tagereise mit einer mittleren Geschwindigkeit von 44 Metern zurückgelegt. Während der Nacht hatte sich Eis zwischen den Fahrzeugen der Flottille gebildet, die als festgefrorenes Ganzes am Ufer lag. Nur für die kleine Jolle war dies gefährlich, denn die scharfen Eisscheiben konnten wie Messer auf ihren straffgespannten Segeltuchrumpf wirken. Die Uferanschwemmungen sind steinhart und geben einen harten, scharrenden, fast klingenden Ton von sich, wenn sie mit den beeisten Stangen in Berührung kommen. Während des Tages wurde jedoch nur eine einzige Treibeisscholle beobachtet, die in dem trüben Wasser kaum zu sehen war. Noch geht der Erdfrost nicht tiefer als ein paar Zentimeter, wodurch gerade an der Uferlinie eigentümliche Leisten, Scheiben und Wülste entstehen, nachdem der darunterliegende lose Schlamm fortgespült worden ist. Doch sobald die Sonne etwas wärmende Kraft erhalten hat, werden sie wieder weich und fallen polternd ins Wasser. Wildgänse sind nicht mehr zu sehen.

In einiger Entfernung von uns standen vier Männer wie Bildsäulen und betrachteten uns. Als wir jedoch näherkamen, nahmen sie Hals über Kopf Reißaus, ihre Habseligkeiten und vier böse Hunde zurücklassend, die uns wohl eine Stunde unter wütendem Bellen verfolgten. Später sahen wir ihre Pferde weiden; auch diese folgten uns am Ufer.

Als es dunkel wurde, mußte Rehim Bai, der eine unserer Cicerones, mit dem Kahne vorausgehen und das Fahrwasser zeigen. Er hatte an einer schrägstehenden Stange eine gewaltige chinesische Papierlaterne, in der eine helleuchtende Öllampe brannte. Er mußte sich ein paar hundert Meter vor uns halten. Ich machte die Kompaßpeilungen an der Laterne ebenso sicher wie bei Tageslicht.

Gleich unterhalb des Lagers +Teppe-teschdi+ passierten wir am Tage darauf die Grenze zwischen den Verwaltungsbezirken Schah-jar und Kutschar. Die Grenze war durch ein kegelförmiges Gebinde von Stangen und Stöcken bezeichnet; östlich davon dürfen nur Kutscharer Hirten ihre Schafe weiden.

In der Nähe von +Källälik+ fanden wir inmitten mehrerer Schafhürden eine außergewöhnlich gut gebaute Lehmhütte. Ein Hund, eine Hühnerschar und einige Lämmer waren die einzigen Geschöpfe, die wir erblickten; aber wir sahen bald, daß die Bewohner die Flucht ergriffen hatten, sowie sich die Fähre an ihrem Ufer gezeigt hatte. Auf dem Herde in der Hütte brannte Feuer unter dem Topfe, und Kleidungsstücke und Werkzeuge lagen umher. Die benachbarten Dickichte wurden durchsucht, aber niemand gefunden. Schließlich zeigte sich von weitem ein Knabe, der nach einer energischen Treibjagd eingefangen wurde. Der Ärmste war aber so furchtsam, daß er nicht dazu vermocht werden konnte, den Mund aufzutun, noch weniger, uns Aufklärungen zu geben. Er zitterte an allen Gliedern und wagte nicht einmal aufzusehen.

Was für phantastische Sagen und Märchen in den Wäldern des Tarim über unsere Fähre und ihre weite Reise wohl in Umlauf sein mochten! Wie oft passierten wir leere, verlassene Hütten, deren Einwohner sich eben erst aus dem Staube gemacht hatten! Was sollten diese einfachen Hirten denken, wenn sie ein solches Ungetüm herannahen sehen, ein ungeheueres Wassertier, das mit nach vorn und hinten ausgestreckten Fühlhörnern lautlos wie ein Tiger schleicht? Viele liefen kopflos davon, als sei ihnen der Böse selbst auf den Fersen, andere blieben in gemessener Entfernung am Waldrande stehen, um zu sehen, was hieraus werden würde, und noch andere liefen außer sich herum, als habe ein Waldgeist sie erschreckt. Doch wie dem auch sei, wenn man die Anlage der Orientalen für Übertreibungen und Aberglauben kennt, kann man davon überzeugt sein, daß in dem Kielwasser unserer Fähre eine ganze Menge Legenden und Geschichten entstanden, die, von der Tradition geschützt, mit der Zeit noch zu einer ungeheuerlichen Erzählung von dem den Tarim hinab erfolgten Siegeszuge des Flußgottes, des Wüstenkönigs oder des Waldgeistes verbessert werden.

Im Lager +Chade-dung+ wurden am 16. November die Führer aus Tschimen entlassen, weil sie die Gegend und die Namen der Wälder hier nicht mehr kannten. Als wir das Lager verließen, hatten wir also keinen anderen Wegweiser als den gewundenen Lauf des Flusses, und es galt, um jeden Preis einen Mann zu finden, der mitkommen wollte. Endlich sahen wir einen Hirtenknaben mit seiner Herde und kamen ihm ziemlich nahe, ehe er uns gewahr wurde; da lief er aber auch schon davon, so schnell ihn seine Beine trugen. Wir mußten ihn jedoch haben, und so wurde wieder eine zeitraubende Treibjagd angestellt, die damit endete, daß er erwischt wurde. Er teilte uns mit, daß die Gegend +Sarikbuja+ heiße und wir weiter unten auf dem linken Ufer noch vor Abend dort ansässige Menschen finden würden. Die Auskunft war richtig, und wir erhielten bald einen kundigen Lotsen.

Jetzt tauen die Eisscheiben, die sich auf den ruhigen Uferlagunen ausbreiten, nicht mehr in der Sonne auf; sie nehmen ungestört an Dicke zu und tragen die Hunde, denen es auf ihren Schwimmtouren oft ordentliche Mühe macht, ein von dünnem Eis eingefaßtes Ufer zu erklimmen. Diese Eisränder werden jetzt sichtlich größer und scheinen stillschweigend übereingekommen zu sein, daß sie eine Brücke über den ganzen Fluß spannen und uns unerbittlich den Weg versperren wollen.

Es wurde jetzt Regel, daß die Fahrt jeden Tag mindestens zwölf Stunden dauerte, und die Papierlaterne half dem Monde abends beim Leuchten. Heute abend loderte in der Ferne ein einsames Feuer am Ufer; es war in +Dung-kotan+, welchen Punkt ich 1896 berührt hatte und der aus diesem Grunde für die Karte von Bedeutung war. Der hier wohnende Bai Kader erteilte mir manche wichtige Auskunft über die mit der Jahreszeit wechselnden Eigenschaften des Flusses.

Kader erzählte uns auch, daß der Tiger in der Gegend ziemlich häufig vorkomme. Ich kaufte von ihm das schöne Fell einer großen Bestie, die hier vor vierzehn Tagen erlegt worden war. Man erstaunt darüber, daß diese einfachen Waldmenschen mit ihren primitiven Vorderladern es fertig bringen, einem Tiere wie dem Tiger den Garaus zu machen. Ohne List würde es jedoch nicht gehen; denn der Tiger ist zu stark für sie. Er raubt ein Pferd, eine Kuh oder ein Schaf und schleppt seine Beute ins Schilf hinein. Hier frißt er sich satt und läßt den Rest bis auf weiteres liegen, und wenn er seiner Wege geht, benutzt er stets einen ausgetretenen Hirtenpfad. Infolge dieser Eigentümlichkeit wird er Joll-bars (joll = Weg, Steig, bars = Tiger) genannt. Aus der Fährte sieht man, wohin er gegangen ist und von woher man ihn erwarten kann, und an den Resten der Beute erkennt man, ob er zurückzukommen beabsichtigt, wenn er wieder hungrig wird. Dann wird auf dem Wege das Fangeisen oder die Falle (Kappgan oder Tosak) aufgestellt, unter ihr eine 50 Zentimeter tiefe Grube gegraben und das Ganze sorgfältig mit Zweigen, Reisig und Blättern bedeckt. Der Tiger tritt, wenn er Pech hat, in das Eisen und sitzt dann fest. Die Falle ist von Stahl und so schwer, daß der Gefangene sie nur mühsam mitschleppen kann, wenn er sich zurückzieht. Sie loszuwerden ist unmöglich, denn sie packt sehr fest und ist mit scharfen Widerhaken versehen. Die Spur ist sehr deutlich und leicht zu verfolgen, doch die Jäger lassen ihn mindestens eine Woche damit gehen, bevor sie sich ihm zu nahen wagen. Der Tiger, der jetzt der Fähigkeit, sich frei zu bewegen, beraubt ist, kann sich nicht länger Nahrung verschaffen und ist ausgehungert und elend. Er muß die unschuldige Kuh, die er ins Dschungel geschleppt hat, verwünschen und fühlt, wie ihm die Tatze abstirbt. Endlich wagen sich die Männer zu Pferd mit geladenen Flinten an ihn heran und schießen nun gewöhnlich vom Sattel aus, um weniger angreifbar zu sein, wenn der Tiger es mit dem Reste seiner Kraft versuchen sollte, sich auf sie zu stürzen. Der Tiger, dessen Fell ich jetzt kaufte, war ganz erschöpft gewesen, als sich die Jäger bis auf 40 Meter Schußweite an ihn herangewagt hatten, und nach der ersten Kugel, die ihm ins linke Auge ging, hatte er sich auf die Seite gelegt. Doch solchen Respekt hatten sie vor ihm, daß sie ihm vom Sattel herab noch fünf Kugeln gaben, ehe sie sich ihm zu nähern wagten. Man kann sich ihre Befriedigung denken, als sie den ärgsten Feind ihrer Herden getötet hatten.

Der Tosak ist ein sinnreiches Instrument, ein Tellereisen oder richtiger eine Kneifzange, deren beide Bogen mittelst zweier stählerner Federn von großer Spannkraft zum Zusammenklappen gebracht werden. Die Schneiden der beiden Bogen tragen scharfe ineinandergreifende Zähne. Die Federn spannen mit so großer, elastischer Kraft, daß man sich aufs äußerste anstrengen muß, um beide Bogen in die Lage zu bringen, die sie beim Aufstellen der Falle haben müssen. Die Bogen liegen nun an dem Stahlringe und werden einfach durch einen Bindfaden und einige Holzpflöckchen in dieser Lage festgehalten. Der Bindfaden bildet den Durchmesser des Rings; auf ihn muß der Tiger treten, wenn die Zange augenblicklich zusammenklappen und seine Tatze festklemmen soll. Einmal war ein Tiger nur mit den Zehen darin sitzengeblieben, hatte diese abgerissen und war, wenn auch als Krüppel, doch noch entkommen.

Nach dem Lop zu tritt der Tiger häufiger auf, besonders auf dem Südufer; bei Tage zeigt er sich selten, doch nachts streift er geisterhaft auf den Hirtensteigen umher.

Der Tigertöter begleitete uns am 17. nach Ostnordosten. Der Fluß ist schmal und gewunden, und seine nächsten Umgebungen bilden ein Gewirr von Altwassern, Armen, die sich nur während der Hochwasserperiode füllen, und von Uferseen, umgeben von Schilf und Wald. Im großen und ganzen ist meine Karte über den Fluß eine Augenblicksphotographie, denn kein Jahr vergeht, ohne daß neue Arme entstehen, alte Krümmungen verlassen werden und Uferlagunen sich bilden oder austrocknen. Es ist ein unruhiger Fluß; das Land ist flach, und das Bett verändert launenhaft seine Lage.

Nach Sonnenuntergang stieg der Mond rotgelb an einem blauen Himmel auf, der jedoch immer dunklere Schattierungen annahm, während der Mond immer weißer und heller wurde. Gegen diesen Hintergrund stachen die Umrisse der Ufer so scharf ab, als seien sie aus schwarzem Papier ausgeschnitten; alles sah in dem winterlich farblosen Tone, der in der Natur herrschte, kalt und frostig aus. Der Tarim lag blank und glänzend da, und nur um steckengebliebene Treibholzstücke herum war die Strömung zu erkennen. Wenn der Mond tief stand, schien seine Scheibe vom einen Ufer zum anderen zu rollen, je nachdem der Fluß einen Bogen nach rechts oder nach links machte.

Am 18. November trafen wir bei +Lämpa-akin+ die ersten Lopleute. Es war ein Greis mit seinen beiden Söhnen, die in drei Kähnen mit Netzen und anderen Geräten auf dem Wege flußaufwärts waren, um zu fischen. Sie waren ganz verdutzt, als wir sie mitten in einer Biegung überraschten, gewannen es aber nicht über sich, davonzurudern, obgleich dies mit ihren schnellen, leichten Nußschalen eine Kleinigkeit gewesen wäre. Die Jünglinge durften weiterfahren, den Alten aber nahmen wir nach vielem Wenn und Aber mit. Er kannte die Gegend bis in die kleinsten Einzelheiten.

Bei +Koral-dung+ (Wachthügel) wurde auf dem rechten Ufer längere Rast gemacht. Hier ist die Grenze zwischen Kutschar und Lop. Unmittelbar im Süden des Hügels glänzt im Sonnenscheine der +Koral-dungning-köll+ mit grünblauem, kristallhellem Wasser, zur Hälfte mit Eis bedeckt und von Tamariskenhecken und außerordentlich dichten Kamischfeldern umgeben, in denen zahlreiche Tigerspuren von den nächtlichen Wanderungen des schwarzgestreiften Raubtieres Zeugnis ablegen (Abb. 38). Im Sommer werden diese Felder überschwemmt, und der Boden war noch feucht; aber jetzt stehen nur noch die seichten Uferseen voll Wasser. Der Fluß, der von hier an +Jumalak-darja+ (der runde Fluß) genannt wird, zieht sich nach Nordosten, macht aber bald wieder einen Bogen nach Südosten und gleicht einem schmalen Bande zwischen den Schilffeldern (Abb. 39, 41).