Im Herzen von Asien. Erster Band.
Part 13
Hinter +Atschal+ veränderte er wieder sein Aussehen und schrumpfte auf nur 20 Meter Breite zusammen, war 7 Meter tief und hatte keine Spur von Anschwemmungen. Die Uferterrassen sind steinhart gefroren, und stößt die Fähre dagegen, so ist es, als schramme sie an einem Marmorkai entlang. Hier haben wir rechts den Ufersee +Ak-kumning-jugan-köll+ (der große See im weißen Sande), der zwischen unfruchtbaren Dünen eingebettet liegt und so groß ist, daß die Stimme vom einen Ufer nicht bis zum anderen dringt. Auch am 19. passierten wir eine Reihe Uferseen, und es ist ein charakteristisches Zeichen des Tarim, daß diese immer zahlreicher werden, je mehr er sich dem Lop-nor nähert.
Der Sonnenuntergang rief merkwürdige Beleuchtungen hervor. Die ganze Steppe leuchtete in so intensivem, feurigem Gelb, als wäre das Schilf ringsumher in Brand geraten. Dunkel und schweigend schlängelte sich der Jumalak-darja mit pechschwarzem Wasser durch die Schilfdickichte, in denen der Königstiger hinterlistig versteckt liegt. Es pfeift und knistert in den Eisscheiben, die alle Lagunen bedecken. Manchmal leuchtet es in dem dunkeln Wasser vor uns wie ein Blitz auf, wenn eine vorher unsichtbare Treibeisscholle sich in einem Wasserwirbel querstellt und sich eine glashelle Ecke, in der die Strahlen der untergehenden Sonne sich widerspiegeln und wie in einem Prisma spielen, über die Oberfläche des Wassers erhebt. Kahl und schwarz stehen die Pappelstämme da und strecken ihre knorrigen, dürren Arme über den Fluß hin, noch im Tode seine lebenspendende Flut segnend.
Wieder wurde der Fluß so krumm, daß ich täglich oft ein paar hundert Kompaßpeilungen machen mußte, um alle Bogen auf der Karte eintragen zu können. Wir hatten noch einen Lopmann als Cicerone angestellt, der uns in einer mit Eis bedeckten Lagune im Vorbeifahren einige Fische fing. In derartigen klaren, stillen Wasseransammlungen pflegen die Fische sich gern aufzuhalten. Das Netz wird quer vor der Mündung der Bucht ausgespannt, und es war lustig anzusehen, wie geschickt der Fischer seinen Kahn führte. Im Achter stehend trieb er den Kahn mit dem breitblätterigen Ruder in sausender Fahrt über das Netz hinweg auf das in der Mündung spröde Eis, das unter dem Gewichte des Kahnes brach und dann mit dem Ruder bis ans Binnenende der Bucht zerschlagen wurde. Die Schollen wurden in die Strömung hinausgeschoben und die Fische mit dem Ruder nach dem Netze hingejagt, das dann in den Kahn gezogen wurde. Ist das Eis zu stark, so werden die Fische nur durch Ruderschläge gegen seine Decke aufgescheucht. In den großen Uferseen wird der Fischfang auch im Winter und selbst wenn sie ganz vom Flusse abgeschnürt sind, betrieben.
Am 20. November führte die Richtung des Jumalak-darja auf der letzten Strecke der Tagereise ganz gerade nach Ostnordost. In weiter Ferne entdeckten wir mit dem Fernrohre etwa zehn Männer am Strande, bei denen wir Halt machten. Es waren die Beks der in der Nähe des Flusses liegenden Ortschaften Tograk-mähälläh und Kara-tschumak. Sie teilten uns mit, daß sie von Fu Tai, dem Generalgouverneur von Urumtschi, Befehl erhalten hätten, einem „Tschong mähman“ oder vornehmen Gaste, der den Jarkent-darja herunterfahre, entgegenzukommen. Die Chinesen behielten uns also, wenn auch sehr von weitem, im Auge, und das Gerücht von der Reise auf dem Wasser hatte sich weit verbreitet. Doch niemand wußte, woher wir kamen und wo unsere Reise enden sollte; alle fanden nur, daß wir sehr sonderbare Geschöpfe seien. Mehr als zwei Jahre später fragten mich indische Kaufleute in Ladak, ob ich nichts von einem weißen Manne wüßte, der mehrere Monate lang einen großen Fluß im Norden hinabgesegelt sei; auf dem Indus, erklärten sie, würde eine solche Fahrt unmöglich sein.
Junus Bek, der vornehmste unserer neuen Freunde, erwartete uns seit mehreren Tagen und war schon flußaufwärts geritten, aber wieder umgekehrt, da er von einer Fähre nichts hatte erblicken können.
+Ketschik+, der Punkt, an dem wir jetzt lagerten, ist von großem Interesse. Der Name bedeutet „Furt“, weil hier die Straße zwischen Kakte und Karaul den Fluß kreuzt, wie gewöhnlich an einer geraden Stelle, wo der Grund keine tiefen Gruben hat. Hier gähnt links ein mächtiges, mit Schlamm gefülltes Bett. Ich erfuhr, daß dieses Bett der frühere Lauf des Tarim gewesen und der Fluß darin mindestens 50 Jahre geströmt habe, da die Greise es schon in ihrer Kindheit gekannt hätten. Vor vier Jahren habe der Fluß seinen Lauf verändert und dieses alte Bett so vollständig verlassen, daß nicht einmal während der Hochwasserperiode ein Tropfen dort hineinlaufe. Der neue Lauf, dessen Wiedervereinigung mit dem alten Bette wir erst nach mehreren Tagen erreichen sollten, zieht sich nach Südosten durch öde Gegenden, wo es früher nur Uferseen gegeben hatte. Es ist eine neue Illustration der Veränderungen der Gewässer dieser Gegenden, die zunehmen, je weiter abwärts wir kommen und je geringer der Fallwinkel des ganzen Tarimbeckens wird. Wenn der Fluß schließlich im Lop-nor-Gebiete selbst in völlig ebenes Terrain übergeht, hört alle Ordnung auf, und eine Karte hat nur während der Zeit ihrer Aufnahme Gültigkeit. Flüsse wie Seen verändern hier ihre Lage und Wassermenge von Jahr zu Jahr, und derjenige, welcher den Lauf des Flusses bis zu seiner Auflösung und Vernichtung mitgelebt hat, versteht, daß auch sein Endpunkt, der Lop-nor, ein wandernder See sein +muß+, ein See, der periodisch von Norden nach Süden und von Süden nach Norden wandert, ganz wie das Messinggewicht am Ende eines schwingenden Pendels. Das Pendel hier ist der Tarim. Es mag sein, daß die Perioden ein paar hundert Jahre lang sind, aber in der Geschichte der Erde verschwinden sie wie Schwingungen des Sekundenpendels.
Die seltsame Gegend, die wir in den folgenden Tagen durchstreifen sollten, war auch den meisten Eingeborenen ein unbekanntes Land, denn dort hätten sie nichts zu tun, erklärten sie. Doch so viel wußten sie, daß der neue Wasserlauf an einigen Punkten Gefahren und Schwierigkeiten biete, und Junus Bek hatte daher einige Kundschafter mit Kähnen vorausgeschickt, um uns da, wo es aufpassen hieß, zu warnen (Abb. 42).
Der 21. November war unser erster Tag auf dem neuen Flusse, wo die Stromgeschwindigkeit manchmal 100 Meter in der Minute überstieg. Die Beks mit allen ihren Geschenken wurden an Bord verstaut, und vor uns gingen zwei Lopkähne, der eine davon mit vier Ruderern. Dieser sah von hinten prächtig aus, denn er war schmal wie eine Wanne, alle Männer ruderten im Stehen, aber nur der letzte Mann war sichtbar, und die vier Ruder wurden ohne Takt ins Wasser getaucht. Noch wuchs das Schilf ziemlich dicht aber struppig durcheinander und stand in Gürteln und unterbrochenen Feldern. Die Richtung des Bettes ist unbestimmt; große, abgerundete Bogen gibt es nicht, wohl aber kleine, die sozusagen nach dem einzuschlagenden Kurse umhersuchen und tasten. Die Wassermasse teilt sich unaufhörlich um kleine Holme, wo man den verkehrten Weg einschlagen könnte, wenn nicht die Kähne vorausgingen und die Ruderer mit den Rudern sondierten (Abb. 43). Enge Passagen, steckengebliebene Pappelstämme, Anhäufungen von Kamischwurzeln und Reisig, scharfe Ecken und rauschende Stromschnellen halten uns in beständiger Spannung. Daß das Bett sich neugebildet hat, sieht man auch daran, daß hier und dort mitten darin frische Pappeln stehen, die aber zum Tode verurteilt sind. Sie waren so gefährlich und drohend, daß wir das Zelt und das meteorologische Häuschen abnehmen mußten. Rechts hatten wir eine ganze Reihe Seen; der letzte von ihnen heißt +Buja-köll+ und mündet wieder in den Hauptfluß ein; der Vereinigungspunkt bildet ein Labyrinth von kleinen Eilanden.
Hinter dieser Stelle tritt die +Tschong-ak-kum+, wie die große Sandwüste hier genannt wird, auf. Die Dünen rücken uns auf beiden Seiten immer näher, und der Vegetationsgürtel schrumpft plötzlich zusammen.
Als die Dämmerung hereinbrach, siedelte ich in die Jolle über und folgte dem Geschwader der Lopleute. Mit schwindelnder Fahrt ging es über kleine Wasserfälle, und man befand sich in ununterbrochener Spannung. Als wir in die Sandwüste hineinkamen und auf beiden Seiten hohe Dünen hatten, wurde es Nacht, und wir machten Rast. Die Lopleute hatten Treibholz in ihren Kähnen gesammelt, und bald erhellten zwei schöne Feuer die Wüstenlandschaft und ihren unverhofften Gast, den Jumalak-darja. Der Fluß wird hier auch Tärim, Jangi-darja oder Tschong-darja genannt.
22. November. Der Jumalak-darja fließt nach Südosten; sein vier Jahre altes Bett bohrt sich durch die peripherischen Teile des öden Wüstenmeeres, und die Dünen, die es gewagt haben, sich ihm in den Weg zu stellen, sind von unwiderstehlichen Wassermassen über den Haufen geworfen worden. Der Sand ist ohnmächtig dieser wilden Kraft gegenüber, die, den Fallgesetzen gehorchend, die tausendjährige Wüste durchbricht, sich zwischen den aufgestellten Sandwogen einen Weg bahnt und an ihrer Basis zehrt.
Auf beiden Seiten erheben sich Dünen bis zu 15 Meter Höhe, auf dem rechten Ufer aber, wo der Sand mächtiger ist, ist er oft auch unfruchtbar. Dann und wann passieren wir eine einsame Pappel, während die Tamarisken, diese Kinder des Wüstensandes, recht zahlreich auftreten und schmale Kamischbänder sich meistens an beiden Ufern hinziehen. Es ist merkwürdig, daß die Dünen eine so feste Basis haben können, daß sie aus der Wasserfläche als ganz senkrechte Wand emporsteigen können; dies kommt daher, daß sie unten feucht sind. Höher hinauf ist der Sand ebenso lose wie gewöhnlich; er rieselt in kleinen Furchen an der Düne herunter und bildet da, wo die senkrechte Wand anfängt, kleine Kaskaden und Fälle, und er fährt so lange fort zu rinnen, als er von oben herab Zufuhr erhält; läuft aber das Stundenglas ab, so ist die Düne tot und von Wind und Wellen fortgetragen. Doch unter anderen Formen wird sie wieder auferstehen und ihre rastlose Wanderung fortsetzen. Auch das Wüstenmeer hat sein Leben, das hier ebenso gesetzmäßig pulsiert wie im Schatten der Palmen.
Auf diesen unglaublich öden Ufern sah alles tot aus; keine Menschen, keine Tiere, nicht einmal Raben und Geier, diese Gäste der Einöden. Nur ein „Saldam“ war in einer Pappel zu sehen; es ist eine aus Ästen und Zweigen geflochtene Art Nest, in dem sich der Schütze versteckt, wenn er auf die Antilopen wartet, die bei Sonnenaufgang zur Tränke kommen. Wieder sind wir von Friedhofstille umgeben; kein Gruß dringt aus der Tiefe der Wüste zu uns, nur die Strömung singt dem Sande ihr murmelndes Lied, das auf den Lippen des Tarim bald im Froste erstarren wird.
Dieselbe Strömung führt uns mit jeder verrinnenden Stunde immer tiefer in die Dünen hinein. Mit seltsamen Gefühlen gleitet man in diesem unbekannten Lande, das nicht einmal unsere Lopmänner je besucht hatten, auf dem Wasser dahin. Jetzt, wenn jemals, dienten sie als Avisos. Sie senken die Ruder ins Wasser und verschwinden in der nächsten Biegung, sie sind eine Weile außer Sicht, tauchen aber wieder vor uns auf, sobald sie eine kritische Stelle bemerkt haben. Sie umfahren uns wie Schaluppen eine Fregatte, gehen dann voraus und zeigen das Fahrwasser. Und die schwere Fähre gleitet ruhig den Jumalak-darja hinab. Wunderbar, diese Sandwüste -- auf dem +Wasser+ zu durchkreuzen; einst war ich in derselben Wüste aus Mangel an Wasser fast verschmachtet!
Einmal verkündeten die Kahnleute, daß sich der Fluß in fünf Arme teile. Sie führten uns nach demjenigen, den sie für den größten hielten. Das Wasser schäumte weiß zwischen ein paar Reisigholmen; es galt, den rechten Kurs zu halten. Die Fähre glitt in den Durchgang hinein, schrammte auf beiden Seiten, gelangte wieder in offenes Wasser und stieß dort auf Grund. Das Bett war querüber gleichmäßig seicht, aber vorwärts mußten wir, und wir kamen auch über diese Stelle hinweg, dank den wenigen Zentimetern, die das Wasser während des letzten Tages gestiegen war; wäre es um ebensoviel gefallen, so wäre es uns schlimm gegangen. Wie oft streifte der Boden der Fähre unmittelbar über Bänke und Untiefen hin, ohne daß wir es ahnten! Vielleicht oft so dicht, daß nicht ein Blatt Papier dazwischen Raum gefunden hätte. Noch war uns aber der Fluß gewogen, noch führte er uns vorwärts, dem Ziele entgegen.
In einem Tograkhaine, wo wir eine Weile landeten, waren sehr viele Tigerspuren. Wir gingen eine Strecke landein und hielten von Hügeln Ausschau, doch ist es mir nie geglückt, dieses grausame, in seiner imponierenden Kraft dennoch fesselnde Tier zu Gesicht zu bekommen.
Der ganze Jangi-darja oder „neue Fluß“ gibt uns wieder einen Beweis für die Neigung des Flusses, nach rechts zu drängen. Am linken Ufer finden wir, daß das Wasser nach dem Flusse zurückstrebt, am rechten, daß es sich von ihm zu trennen sucht, um das Terrain immer weiter nach rechts hin vorzubereiten. In alten Zeiten ergoß sich der Tarim in den alten, nördlichen See Lop-nor, jetzt mündet der Fluß in den südlichen; diese Verlegung der Mündung war ein Riesenschritt nach rechts.
Während der letzten Tage sahen wir nicht viel Eis; die Strömung war zu reißend, als daß es sich hätte ansetzen können. Doch ging die Temperatur schon gegen 8 Uhr auf -6 Grad herunter. Mit jedem Tage wird der Wettlauf zwischen uns und dem Zufrieren des Flusses immer interessanter. Viele Tage konnten wir nicht mehr vor uns haben, denn die Kälte wurde von Nacht zu Nacht größer. Doch so lange wir die Fähre behalten durften, war es herrlich, und mit Zittern und Zagen dachte ich an den Tag, an welchem wir gezwungen sein würden, uns von unserem gesicherten Heim zu trennen und unsere schwimmende Wohnung im Stiche zu lassen. Wie man das Haus liebt, in dem man lange behaglich gewohnt hat, so würde ich diese Flotte, die uns so treu durch Ostturkestan getragen hatte, vermissen. Ich würde die große Annehmlichkeit vermissen, Tag und Nacht das Lager aufgeschlagen zu wissen, alles fertig und alles bereit zu haben, keine Arbeit zu haben mit Belasten und Abladen, Zeltaufschlagen und Füttern der Karawanentiere. Jeden Augenblick hatte ich die Dunkelkammer zur Verfügung und brauchte nur meine Hand mit einem Becher auszustrecken, um ihn mit süßem, kaltem Wasser gefüllt zurückzuziehen.
Am 23. November hatten wir noch immer 70,7 Kubikmeter Wasser. Es langte also noch, aber das Eis -- wann würde dieses uns den Weg abschneiden? Wir wollten vorwärtsgehen, bis wir die Eisfesseln nicht mehr sprengen konnten, und wenn wir dann einfrören, würden wir ins Winterquartier gehen, ein großes Lager anlegen und die Karawane aufsuchen. Landeten wir in einer waldlosen Gegend, so sollte der Rumpf der Fähre Stück für Stück als Brennholz verwendet werden. Die alte, gute Fähre! Es sollte ihr Lohn sein, daß sie uns, nachdem sie uns ans Ziel getragen, auch im Loplande an den Winterabenden Licht und Wärme spendete!
Elftes Kapitel.
Im Kampf mit dem Treibeise.
Am Anfange unserer Fahrt vom 24. November machte der jetzt von Wald begleitete Tarim ein paar große Bogen und nahm darauf die Form eines ziemlich regelrechten ~W~ an. Dann und wann begegneten wir Lopfischern; an Stangen vor ihren provisorischen Hütten sahen wir lange Reihen von zum Trocknen aufgehängten Fischen. Hier und dort hing eine getrocknete Fischhaut an einer Stange am Ufer. Dies bedeutete, daß hier nicht von jedermann gefischt werden durfte und daß der, welcher herkömmlicherweise hier Anspruch auf die Fischereigerechtigkeit erhob, sein Wahrzeichen aufgerichtet hatte.
An einer gefährlichen Stelle hing es an einem Haar, daß wir Schiffbruch gelitten hätten. Es war eine scharfe Biegung, wo die ganze Strömung unmittelbar am Fuße der Erosionsterrasse entlang ging. Eine dadurch unterminierte gewaltige Pappel war über den Fluß gefallen und lag, etwa einen Meter über der Wasserfläche, wagerecht gerade über demjenigen Drittel der Breite, wo die Strömung war (Abb. 44). Die übrigen beiden Drittel nahm ein langsam kreisender Wirbel mit Gegenströmung ein. Ein Lopkahn konnte mit Leichtigkeit unter dem Stamme durchgleiten; wäre aber die Fähre damit in Kollision geraten, so wären Zelt, Kisten und schwarze Kajüte unfehlbar über Bord gefegt worden, und wäre die Fähre dabei in eine schräge Lage gekommen und hätte ihr Oberbau genügenden Widerstand geleistet, so wäre sicher die ganze Herrlichkeit gekentert. Es wäre zu einer Kraftmessung zwischen dem Oberbau und der Pappel gekommen, und der Baum war so massiv, daß er ganz danach aussah, es mit jedem aufnehmen zu können.
Gerade an diesem Punkte ging die große Fähre der Flottille voran und glitt sorglos auf ihrer ruhigen Bahn dahin, ohne an einen Hinterhalt zu denken, als Palta just in dem Augenblicke, da wir in den Sog der Strömung hineintrieben, einen verzweifelten Schrei ausstieß, denn wir hatten nur einige zehn Meter die Pappel wie eine Barriere vor uns. Die Stangen reichten hier nicht bis auf den Grund, weshalb die Männer paarweise zu den neugezimmerten Stoßrudern griffen. Das war ein Geschrei und eine Aufregung! Mit rascher Fahrt trieben wir auf die Pappel zu und sahen, wie ernst die Lage war. Die Strömung bildete gerade an dieser Stelle einen kleinen Wasserfall, und die Geschwindigkeit war so groß, daß ein Schiffbruch das Werk eines Augenblickes hätte sein können. Der Gedanke durchzuckte mich, daß ich wenigstens die fertigen Kartenblätter und die Notizbücher retten müßte, denn bei einem Schiffbruche in diesem Strudel würde alles in der trüben Wassertiefe verloren gehen. Die Leute arbeiteten mit grimmiger Kraft. Islam und der Bek standen vorn, bereit, die Pappel anzupacken und so den Stoß abzuschwächen. Da gelang es den Lailikmännern im letzten Augenblick, die Fähre mit Gewalt aus der Strömung heraus- und in den Wirbel hineinzustoßen, wo sie sich langsam im Kreise drehte und in die Gegenströmung hineinglitt. Natürlich wäre sie wieder nach der Pappel hingetrieben, wenn nicht Alim ins Wasser gesprungen, das nur 1,4 Grad warm war und ihm bis an die Achselhöhlen reichte, und mit einem Tau auf das linke, niedrige Ufer geklettert wäre. Er zog uns dann an der gefährlichen Stelle vorbei.
Während wir uns im Wirbel drehten, sausten Kasim und Kader mit der kleinen Fähre und der Jolle an uns vorbei, ebenfalls gerade auf die Pappel los. Sie führten jetzt ein geschicktes Manöver aus. Sie waren vor dem Ungetüm gewarnt worden und hatten rechtzeitig die Jolle losgemacht, die sie im Vorbeifahren mit einem kräftigen Stoße nach der großen Fähre hintrieben. Mit Hilfe ihrer Ruder war es ihnen gelungen, so dicht an das rechte Ufer heranzukommen, daß Kasim mit einer Leine an Land springen konnte. Die kleine Fähre war indessen schon bei der Pappel angelangt, und es fehlte nicht viel zu einer Havarie, um so mehr als Kasim sich an den Ästen festhalten mußte, um nicht über Bord gefegt zu werden.
Hätte dieses Abenteuer in dunkler Nacht stattgefunden, so wäre das Zufrieren des Flusses an der Unterbrechung der Wasserreise unschuldig gewesen. Doch auch diesmal hatten wir das Glück als Gast an Bord und trieben flußabwärts weiter. Mit jedem Tage stieg die Verwunderung der Lailikmänner. Sie meinten, der Fluß müsse doch einmal ein Ende nehmen, aber er eile immer weiter nach Osten. Es schwindelte ihnen beim Gedanken an die wachsende Entfernung, und sie konnten sich keinen klaren Begriff davon machen. Es war ihnen nur, als sei ihr Haus und Heim in Lailik in weiter Ferne hinter Stürmen und Nebeln, Sandwüsten und undurchdringlichen Wäldern verschwunden.
An Bord war es wieder ruhig, und die Klänge des Symphonions beherrschten bei Sonnenuntergang die Stimmung. Islam brachte mir gerade einen Teller mit frischgekochtem Fisch, der delikat duftete: da ertönten wilde Hilferufe von flußaufwärts, wo Kasim und Kader hinter uns zurückgeblieben waren. Das Geschrei war so durchdringend und angstvoll, daß wir alle bestürzt waren. Ich gab Befehl sofort zu landen, aber die Fähre befand sich mitten auf dem Flusse, und es dauerte eine Weile, ehe die Leute sie ans rechte Ufer bringen konnten. Ich fürchtete, daß einer der Männer am Ertrinken oder schon ertrunken sei.
Sofort nach dem Landen eilten alle Männer durch Schilf und Gestrüpp das Ufer hinauf. Ich sollte unverzüglich Nachricht über das Vorgefallene erhalten. Bald kam einer der Lopmänner mit dem Berichte, daß die Proviantfähre an einem aus dem Flußgrunde aufragenden Baumstumpfe, der kaum bis an die Oberfläche reichte und nicht beachtet worden sei, gekentert sei. Da kein Menschenleben verloren gegangen, war ich wieder beruhigt und verzehrte meine inzwischen kaltgewordene Portion Fisch.
Jetzt folgte ein tragikomisches Schauspiel. Auf der Oberfläche der Strömung kamen viele unserer Sachen in vergnügtem Durcheinander fröhlich angetanzt; ihnen auf den Fersen folgten die Lopkähne, um aufzufischen, was sich noch retten ließe. Da sah man Eimer und Schüsseln, Kisten mit Mehl und Obst, Brotfladen, schwimmenden gelben Seerosen vergleichbar, Stangen, Ruder und andere leichte Dinge. Einige Sachen waren an der Unglücksstelle selbst, wo auch unsere beiden Schafe an Land geschwommen waren, gerettet worden, verschiedenes aber, wie eine Metallaterne, eine Axt, ein Spaten u. dgl., war unwiederbringlich verloren.
Jetzt lagerten wir da, wo wir waren, und Islam und Alim zündeten ein paar gewaltige Feuer an. Erst spät abends, nachdem ich mehrere Stunden in der Dunkelkammer gearbeitet hatte, kehrten die anderen mit den verunglückten Booten und deren klatschnassem Inhalt zurück. Kasim war sehr niedergeschlagen; er habe aber dem Mißgeschicke nicht vorbeugen können. Sie waren in einen Stromwirbel geraten, wo sie einem auf Grund gestoßenen Stamme auszuweichen versucht hatten, und waren darauf von der Strömung unwiderstehlich einem anderen zugetrieben worden, den sie nicht gesehen und vor dem sie sich nicht mehr hatten hüten können. Die Jolle erhielt den ersten Stoß und einen langen Riß an der einen Seite, glücklicherweise über der Wasserlinie. Kader, der nicht schwimmen konnte, hatte sich in die Jolle gerettet, als die Fähre kenterte, Kasim aber schwang sich auf den Stamm und blieb dort, um Hilfe rufend, sitzen, bis der Kahn anlangte. Sie hatten dann nach den verlorenen Sachen gesucht, das Wasser aus der Fähre und der Jolle geschöpft und sich schließlich zu uns begeben, wo Männer und Sachen an den Feuern nach und nach trocken wurden.
25. November. Die „Schang-ja“ oder Beke von Tschong-tograk und Arelisch erwarteten uns heute und hatten ein paar Kähne mitgebracht, so daß unser Geschwader jetzt zehn Fahrzeuge zählte, die in feierlicher Prozession den Fluß hinabglitten (Abb. 45). Die beiden Beke nahmen rechts und links von Palta Platz und halfen beim Rudern, so daß wir jetzt etwas schneller als die Strömung gingen. Meine eine Jollenhälfte wurde zur allgemeinen Heiterkeit von einem ungeübten Schiffer manövriert, während Islam damit beschäftigt war, ein Stück Leder über den Riß der anderen Hälfte zu nähen. Bei +Tokkus-kum+ (neue Dünen) lagerten wir (Abb. 46). Unsere muhammedanischen Freunde glaubten, wenn das Wetter still bleibe, könnten wir die Reise noch 20 Tage fortsetzen; nach einem Buran aber könne der Fluß in einer einzigen Nacht zufrieren. Er gefriere von der Mündung aufwärts, also gegen die Strömung. Sie wollten beobachtet haben, daß das Wasser um so schneller fließe, je kälter es sei, was theoretisch richtig sein mag, für das Auge aber kaum bemerkbar ist.