Im Herzen von Asien. Erster Band.
Part 11
Nun war ich wieder ganz allein im Herzen von Asien; nur die schäumenden Schlagwellen, die herbstlich gelben Schonungen und der in ungezügelter Raserei dahinjagende Wind leisteten mir Gesellschaft, und ein Gefühl des Wohlbehagens erfüllte meine Seele, als gehörten diese unendlichen Strecken mir, und als könnte ich, unabhängig von Mandarinen und Häuptlingen, hier im Lande herrschen, wie ich wollte. Der Wind flüsterte mir ins Ohr, daß dieser gewaltige Fluß hier viele tausend Jahre auf mein Kommen gewartet habe und daß der Tarim, dem Gebote eines höheren Willens gehorchend, seine blanke Bahn nur deshalb durch die Wüste ziehe, damit er mir die beste Fahrstraße nach dem Herzen des Kontinents bieten könne. Wer konnte mir das Eigentumsrecht auf diesen Wasserweg streitig machen? Vielleicht die Hirten, die mit ihren Herden an den Ufern wanderten und wie erschreckte Antilopen entflohen, sobald wir lautlos hinter den Landspitzen auftauchten? Wer konnte uns anhalten, uns Zoll und Paß abfordern? Vielleicht die Tiger, deren smaragdgrüne Augen abends zwischen den Nadeln der finsteren Tamariskendickichte funkelten? Niemand kannte diesen Fluß besser als ich. Die Jäger, diese Kinder wilder Wälder, die wir tagelang mitnahmen und die wir verabschiedeten, sobald ihr Wissen erschöpft war, kannten nur die Gegend, innerhalb deren Grenzen sie der Spur des flüchtigen Hirsches zu folgen pflegten, aber jenseits dieser Grenzen verloren sie sich in Mutmaßungen über das für sie Geheimnisvolle und wußten weder, woher der Fluß kam, noch wohin seine unerschöpflichen Wassermassen eilten. Ich dagegen sammelte in meinen Tagebüchern alles, was die Söhne des Landes wußten; ich lebte Stück für Stück mit diesem rastlosen Flusse, ich fühlte ihm jeden Abend den Puls und maß seine Wassermenge genau, und ich wußte, daß, wenn der Fluß auch Jahrtausende hindurch derselbe geblieben war, er doch sein Bett veränderte, während sein Wasser seinem Untergange in dem fernen Lop-nor entgegeneilte, wo es in anderer Gestalt wieder auferstehen und seinen Kreislauf zwischen Himmel und Erde fortsetzen würde. Die Geschichte und der Lebenslauf des Tarim lagen bei mir in Wort, Bild und Karte wie in einem Archive verwahrt, und kein Tag verging, ohne daß sich das Material vermehrte und zu einer Monographie anwuchs, von der ich in dieser Arbeit nur einen ganz geringen Teil, ohne die ermüdenden Einzelheiten, mitteile.
Auf einer solchen Eilfahrt bei günstigem Winde gedenkt man gar nicht der zunehmenden Entfernungen. Endlich aber erwachte ich aus meinen Träumen, steuerte nach dem nächsten Ufer, zog das Boot hinauf und vertäute es und ging dann in den jungen Wald hinein, um ein Feuer anzuzünden und mein mitgebrachtes Frühstück zu verzehren.
Auf der Rückfahrt dachte ich an die nächste Zukunft und sah sie in den lichtesten Farben glänzen. Was sie in ihrem Schoße tragen konnte, wußte ich nicht, aber ich wußte, daß alle Pläne, um gut zu gelingen, klug ersonnen sein mußten, und deshalb drängten sich mir eine Menge Fragen auf: Würden wir mit dem ganzen Flusse vor Eintreten der Winterkälte fertig werden? Wo sollte das Hauptquartier, von dem die großen Exkursionen ausgehen sollten, aufgeschlagen werden? Würden die Dschigiten mich finden und mir gute Nachrichten aus der Heimat bringen? -- Zu rechter Zeit war ich wieder an Bord und kopierte Negative. Ich wollte der Sicherheit wegen von allem zwei Exemplare haben. So wurden z. B. die täglichen Aufzeichnungen erst mit Bleistift in kleine Bücher geschrieben und dann abends mit Tinte in das große Tagebuch eingetragen. Dies verursachte viel Extraarbeit, verlieh aber auch ein Gefühl der Sicherheit; +ein+ Exemplar wenigstens mußte doch glücklich mit heimgebracht werden können.
Das einzige, was meine Geduld sehr auf die Probe stellte, war der Wind oder vielmehr, daß wir meistens Gegenwind hatten. Am 1. November machte der Fluß eine Biegung nach Norden, und der Wind kam aus derselben Richtung. Vorn im Zelte hatte ich den ganzen Tag Schatten, obwohl die Sonne gerade jetzt ein willkommener Gast gewesen wäre. Die Minimaltemperatur war auf -8,8 Grad heruntergegangen, das Wasser in dem auf meinem Nachttische stehenden Glase und die Tinte waren gefroren, und ich schauderte, wenn ich in die eiskalten Kleider kroch. Es wäre einfach gewesen, ein Kohlenbecken in das Zelt zu stellen, aber ich wollte dies so lange wie möglich vermeiden, um den Gang der selbstregistrierenden Instrumente nicht zu stören.
Von +Kara-tograk+ an ist der Fluß so gerade wie noch nie. Er erstreckt sich unendlich weit nach Nordnordosten und vor uns, am Horizont, schien die Wasserfläche direkt in den Himmel überzugehen; es ist, als verließe sie die Erde und ergösse sich in den grenzenlosen Weltenraum.
Während der letzten Tage hatten wir beobachtet, daß der Fluß ein wenig stieg, was davon kam, daß die Kanäle für dieses Jahr gesperrt worden waren und nun dem Flusse den Rest der Anleihe zurückzahlten. Die gewaltige Wassermasse arbeitete mit großer Energie in dem Bette, und an ein paar Stellen, wo die Sanddünen unmittelbar nach dem Ufer abfielen, sah man, wie sie an der Basis unterminiert wurden, so daß allmählich immer neuer Sand nachrutschte.
Wo die Uferwand aus Lehm besteht, ist sie oft nicht nur lotrecht, sondern hängt sogar über. Gerade als wir an solch einem vorspringenden Tische vorbeistrichen, stürzte dieser ins Wasser, überschüttete die Steuerbordseite mit einer kalten Dusche und verursachte solchen Seegang, daß die schwere Fähre stark schaukelte. Ziemlich oft ertönen dumpfe Schüsse wie von einer fernen Festung, wenn Blöcke, die ihr Gewicht nicht mehr zu tragen vermögen, ins Wasser stürzen.
Eine Strecke weiter unten tauchte eine einsame Wanderin aus dem Schilfe auf. Sie rief uns an und sagte, sie wolle uns zehn Eier schenken. Die Fähre wurde nur so nahe ans Ufer geschoben, daß ihr Achter das Schiff berührte, Islam nahm das Bündel mit den Eiern in Empfang und gab der Frau einige Münzen. Wir brauchten nicht einmal anzuhalten, um das Geschäft abzuschließen. Doch keiner an Bord konnte sagen, wer die Wanderin sei. Es ging uns mit ihr wie mit dem Winde, wir wußten nicht, woher sie kam, noch wohin sie ging.
An dem Lagerplatze dieses Abends, der +Leschlik+ hieß, führten die Fährleute zur Belustigung der anderen ein komisches Schauspiel auf. Zwei Männer tragen je einen Kameraden wie einen Mehlsack auf dem Rücken. Dieser wird, ohne den Zweck zu ahnen, an Händen und Füßen gebunden, jene haben sich mit Stöcken bewaffnet und prügeln aus Leibeskräften auf einander los. Die Schläge treffen die unglücklichen Mehlsäcke, die in Wut geraten und einander ausschimpfen. Wenn es dem einen Träger gelungen ist, dem Sacke seines Gegners einen Hieb zu versetzen, so sucht sich der Gegner zu rächen und prügelt den Sack des ersten Trägers so, daß der Stock pfeift. Das Opfer treibt dann seinen Träger an, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, und dieser schlägt nun wieder -- nicht den, der die Prügel ausgeteilt hat, sondern seinen gefesselten Reiter. Palta und Naser waren es, die schlugen, und Kasim und Alim diejenigen, welche die Schläge erhielten. Palta und Naser lachten, daß ihnen Tränen in die Augen traten, während Kasim und Alim vor Wut heulten und die Zuschauer, zu denen auch ich gehörte, vor Lachen beinahe erstickten. Um Gelegenheit zur Rache zu erhalten, schlugen Kasim und Alim vor, sie wollten nun auch eine Weile die Rolle der Träger spielen, wogegen aber die beiden anderen protestierten; sie hatten zu nachdrücklich drauflosgeschlagen und hatten nun ein schlechtes Gewissen. Diese Posse hatte den Vorteil, daß beide Parteien in der Abendkälte erwärmt wurden.
Neuntes Kapitel.
In schwindelnder Fahrt flußabwärts.
Die Temperatur der Luft und des Wassers war in langsamem, aber stetigem Sinken begriffen, und es war klar, daß der Tag, an welchem das Treibeis seine größten Dimensionen annehmen würde, nicht mehr lange auf sich warten lassen konnte. Die Achterdeckspassagiere ließen sich von der Kälte nicht anfechten. Jetzt hatten sie immer ein größeres Feuer auf dem Herde und hockten in ihren Pelzen um die Glut herum, plaudernd, Märchen erzählend, Kader als Vorleser zuhörend oder Brot backend. Auch die Fährleute wärmten sich dort der Reihe nach ein bißchen, ich aber konnte meinen Schreibtisch nur zwischen langen Kompaßpeilungen verlassen, um ihrem Beispiele zu folgen.
Der Joll-begi versäumte nie, mir alle Namen oder Flußbettveränderungen mitzuteilen, doch heute, 2. November, war er unpäßlich. Er bekam eine Dosis Chinin und hatte sie kaum hinuntergeschluckt, als er auch schon versicherte, er fühle sich bedeutend besser. Die Einbildung tut viel hier auf Erden. Der gute Mann war gewiß ganz einfach seekrank infolge der rasenden Geschwindigkeit unserer heutigen Fahrt.
In der kalten, ruhigen Morgenluft, in welcher der Schall scharf und deutlich weithin über die Wasserflächen getragen wird, hörte es sich an, als würden in der Gegend eine Masse Häuser niedergerissen, denn unausgesetzt stürzten Sandmassen und Erdblöcke, die über Nacht gefroren, in der Sonne aber wieder aufgetaut waren, in den Fluß. Es ging prächtig. Nur einmal fuhren wir fest; es sah eigentümlich aus, als das Wasser plötzlich um die Fähre, die eben noch so schön mit dem Strome trieb, zu kochen und zu schäumen anfing. Es brauchte aber keiner hineinzuspringen, denn da das Vorderende aufgerannt war, drehte sich das ganze Fahrzeug im Kreise und wurde dadurch wieder flott.
Kasim geht wie gewöhnlich voran und unaufhörlich ruft er und warnt vor Untiefen, steckengebliebenem Treibholz, abgestürzten Uferwällen oder anderen kritischen Punkten. Palta führt das Kommando auf der großen Fähre; er ist stets kaltblütig und guter Laune, brüllt aber die Männer im Achter fürchterlich an, wenn ein schnelles Manöver ausgeführt werden muß, um einen Zusammenstoß zu vermeiden. Die anderen setzen blindes Vertrauen in seine Seetüchtigkeit; er hat aber auch mehrere Jahre die Fähre zwischen Lailik und Merket geführt.
Heute durfte keiner schlafen; alle standen mit festgefaßten Stangen spähend da, als ob sie eine Katastrophe erwarteten. Die Strömung ließ ihnen keine Ruhe, und immer schneller ging es den Tarim hinunter.
Ein einziges Mal, in einer scharfen Biegung, in der die Strömung die Fähre mit wilder Hast gegen das Ufer drängte, konnten sie nicht ausweichen. Das schwere Fahrzeug trieb gerade auf das steile Ufer los, und nun galt es, rechtzeitig mit den längsten Stangen das Vorderschiff abzustoßen, die Fähre in einen spitzen Winkel mit dem Ufer zu bringen und sie so zu drehen, daß sie wieder mit der Strömung parallel lag. Doch die Leute kamen nicht mehr dazu; es ging zu schnell, das Vorderende stieß mit aller Kraft auf, und ein paar Purzelbäume waren die Folge. Weiter geschah kein Unglück, nur ein paar Schaufeln Erde fielen auf das Deck. Wir legten jetzt 78 Meter in der Minute zurück.
Von der Walddüne +Balik-ölldi+ (der tote Fisch) an wird die Stromgeschwindigkeit noch größer. Hier hat sich der Fluß auf einer Strecke von zwei Tagereisen seit drei Jahren ein neues Bett gegraben. Das alte, Kona-darja, bleibt trocken und verlassen zur Linken liegen, mit ihm auch der Wald.
In dem neuen Stromlaufe veränderte sich auf einmal der Charakter des Flusses. Er wurde schmal und gerade, und man sah alle Kennzeichen dafür, daß er von der Erosion des Wassers noch nicht genug ausgearbeitet worden war. Die Landschaft war öde, der Boden bestand aus Sand. Das Bett ist außerordentlich scharf markiert. Da wo die Krümmungen das Bett noch nicht haben erweitern können, gleicht es einem engen Korridor, und von den hohen, jähen Ufern stürzen Massen von Sand und ganze Blöcke in den Fluß, so daß es aussieht, als steige am Wasserrande Rauch auf. Wiederholt liefen wir Gefahr, von derartigen Erdrutschen ertränkt zu werden. Wenn je, so hieß es hier aufpassen; es ging mit schwindelnder Fahrt, und wir hatten das Gefühl, als würden wir widerstandslos in einen Strudel hineingerissen; doch es blieb uns nichts weiter übrig, als bereit zu stehen und die Stöße zu parieren.
Nun hörten wir Kasim der großen Fähre ein verzweifeltes Halt zurufen. Der Fluß war nur 20 Meter breit, mitten im Fahrwasser war eine treibende Pappel auf Grund geraten, und auf derselben hatte sich eine solche Masse von Reisig und Schilfwurzeln aufgehäuft, daß das Ganze einen kleinen Holm bildete. Weißschäumend wirbelte das Wasser um den Holm, und wäre die Fähre der Strömung gefolgt, so hätte sie unfehlbar anprallen müssen und wäre dann von der Wucht des Stoßes und dem nachdrängenden Wasser zum Kentern gebracht worden.
Nur 50 Meter trennten uns von der gefährlichen Stelle; die Katastrophe schien unvermeidlich. Die Angst schnürte mir die Kehle zusammen; ich fürchtete, daß in diesen kochenden Strudeln alles verloren gehen könnte, und an Bord herrschte ein entsetzlicher Wirrwarr. Im letzten Augenblick gelang es dem flinken Alim, mit einer Leine an Land zu springen. Das Ufer war sehr steil, und beinahe wäre er in den Strom hinuntergerutscht, faßte aber noch festen Fuß und zog die Leine aus Leibeskräften an, unterstützt von den anderen, die unter dem wilden Ruf „ja Allah“ die Stangen entgegenstemmten. Die Fähre machte kurz vor dem Holme Halt, und die Strömung kochte und wogte um sie herum.
Um Kasim rekognoszieren zu helfen, stieg ich in die Jolle, die ich mitten in der Strömung verankerte, um auch mit dem Strommesser die Geschwindigkeit zu messen. Doch in dem hier herrschenden Sog war dieses Manöver ziemlich gefährlich, ehe man es richtig ausführen konnte. Das erste Mal war ich drauf und dran zu kentern; das Boot war halb voll Wasser und das in Arbeit befindliche Kartenblatt durchweicht. Sowie der Anker Grund gefaßt hatte, legte sich die Jolle so schief, daß die eine Längsseite gegen die Strömung lag; doch nachdem das Ankertau in das Vorderteil gezogen worden war, legte sich das Boot parallel mit ihr, ängstlich wie ein Pendel schwingend. Der Strommesser zeigte 101 Meter in der Minute, welche Geschwindigkeit sich während der ganzen Tagereise nicht verminderte.
Unterdessen gelang es den Männern, den Vordersteven der Fähre von dem gefährlichen Holme abzuhalten, und nun ging es über die schäumende Stromschnelle hinweg. Nachher wurde die Fahrt durch dieses öde Land, wo kein lebendes Wesen an den Ufern zu sein schien, ungehindert fortgesetzt. Nicht weit südlich vom Jangi-darja sollen Jäger dann und wann Spuren von wilden Kamelen finden, doch an den Fluß selbst kommen diese scheuen Wüstentiere niemals.
An dem Masar +Ala Kunglei Busrugvar+, wo sich einige Hirten aufhielten, erschien es uns passend, die Nacht zu bleiben, um so mehr, als die Männer dem Heiligen dafür danken wollten, daß er uns unbeschädigt über die Stromschnellen hatte kommen lassen.
Die Fähre mitten in der reißenden Drift zum Halten zu bringen, war nicht leicht. Ich landete zuerst mit der Jolle, Alim warf mir eine Leine zu, und dann zog ich die Fähre so dicht ans Ufer, daß er an Land springen und das übrige besorgen konnte (Abb. 36).
Als die Fähre vertäut war, rüttelte das Wasser an ihr; es knackte in ihrem Holzwerke, und um die Jolle herum, die vor dem Vordersteven angebunden war, brodelte weißer Schaum. Es dröhnt von den Jarufern, wo Blöcke herabstürzen, man hört den Sand sausend die Böschungen herunterrutschen, und es knistert in dem Lagerfeuer auf dem kahlen Ufer, sonst aber ist die Gegend friedlich, sogar die Hunde sind zur Ruhe gegangen, denn hier ist nichts anzubellen.
Am 3. November schlängelte sich das Bett mehr, die Fahrt war aber ebenso gut. Es wurde uns nur schwer, in scharfen Buchten mit Gegenströmung glatt durchzukommen. In einer solchen wäre die Jolle beinahe zwischen den beiden Fähren zerquetscht worden, wenn ich sie nicht noch im letzten Augenblick hätte retten können. Morgens früh war eine kleine Wasseransammlung am Ufer mit dünnem, spiegelblankem Eise bedeckt, dem ersten, was wir bisher gesehen. Schließlich passieren wir den Punkt am linken Ufer, wo der Jangi-darja wieder in den Kona-darja mündet; damit wird die Geschwindigkeit des Wassers wieder die gewöhnliche. In +Tellpel+, dem heutigen Lagerplatze, wohnen neun Hirtenfamilien mit 8000 Schafen.
Die Hirten dieser Gegend bedienen sich des folgenden Fischereigerätes. Es ist ein Netz, das fächerartig in einer dreizinkigen Gabel, die unmittelbar über der Wasserfläche an einer Achse befestigt ist, ausgespannt wird. Das Ganze gleicht einem Fledermausflügel, der mittelst einer Leine unter das Wasser herabgelassen und wieder in die Höhe gezogen werden kann. Wenn der Flügel heruntergelassen und aufgespannt ist, wird der Fisch in die Falle gejagt, und wenn man fühlt, daß er gegen das Netz stößt, schließen sich die Arme der Gabel, das Netz faltet sich wie eine Tüte und wird emporgezogen.
Der Joll-begi war verabschiedet worden; ein Hirt, der in der Geographie des Landes weniger gut als wünschenswert gewesen wäre, bewandert war, hatte uns nur einen Tag begleitet, aber in Tellpel fanden wir einen alten Ehrenmann, der für uns unschätzbar war. Er hieß Mollah Faisullah, war 54 Jahre alt, hatte einen großen weißen Bart und trug eine gewaltige Hornbrille; er war stets heiter und gesprächig und las den Achterdeckpassagieren vor.
Am 4. und 5. November nahm der Fluß wieder einen anderen Charakter an. Er war schmal, hatte ein deutlich ausgearbeitetes Bett und war ziemlich reißend. An beiden Seiten dehnte sich eine unendliche Steppe von gelbem Schilf, aus der einzelne, mit Tamarisken bewachsene Dünen wie Inseln hervortraten. Es war eine Zwischenstufe zwischen einem alten und einem neuen Bette, und tatsächlich sollte es auch erst acht Jahre alt sein. Der Tarim verändert also seine Lage, aber nur auf kurzen Strecken seines Laufes, und es ist interessant zu beobachten, daß wir die alten, verlassenen Flußbettstücke beinahe immer im Norden liegen lassen oder, mit anderen Worten, daß der Fluß nach rechts wandert. Daß an dem neuen Flußbette kein Pappelwald steht, ist natürlich, denn er hat noch nicht aufsprießen können. Doch an den verlassenen Strecken steht er dicht und üppig, obgleich er dort gewöhnlich zum Untergange verdammt ist, wenn das Wasser sich zurückgezogen hat.
Was dazu beitrug, die Einförmigkeit an Bord zu unterbrechen, waren die plötzlichen Einfälle der Hunde. Sie pflegten ins Wasser zu springen, an Land zu schwimmen und dann die Fähre am Ufer ganze Tagereisen zu begleiten. Was sie jedoch nie begreifen lernen konnten, waren die sich regelmäßig wiederholende Topographie des Flusses und seine Erosionsgesetze. Wenn die Fähre an einem konkaven Ufer entlang ging, liefen sie oberhalb des Zeltes nebenher; wenn dann aber die Wassermasse das Bett kreuzte, um am anderen Ufer einen ebensolchen Bogen zu beschreiben, schwammen sie hinüber, um wieder in unserer unmittelbaren Nähe zu sein. Dieses Manöver wiederholte sich überflüssigerweise bei jeder Biegung, und es war unmöglich, ihnen begreiflich zu machen, daß, wenn sie nur warteten, wir bald wieder an ihr Ufer zurückkehren würden. An einigen Tagen kreuzten sie den Fluß zwanzigmal und waren schließlich so erschöpft, daß sie heulten. Jolldasch war lustig anzusehen, wenn er im Wasser plätscherte, nach Atem rang und nach jedem kalten Schluck hustete.
Bei +Initschke+ hatte der Fluß 80,6 Kubikmeter Wasser in der Sekunde, und es war deutlich zu sehen, daß er allmählich stieg -- in einer Nacht um 5 Zentimeter. Diese letzte Messung erforderte dreistündige Arbeit bei Laternenschein. Der Fluß war zu breit, als daß wir, wie sonst, ein Tau von Ufer zu Ufer hätten spannen und das Boot an den Messungspunkten daran festbinden können. Die Strömung, die bis zu 86 Meter in der Minute betrug, war auch viel zu reißend, als daß sich das Tau überhaupt hätte hineinbringen lassen. Ich versuchte freilich, damit hinüberzurudern, doch gelang es mir nicht. Statt dessen wurde ein dünner, mit weißen Knoten eingeteilter Bindfaden von Ufer zu Ufer gespannt und an jedem Knoten die Jolle verankert.
In der Nacht auf den 5. November stieg der Fluß noch um 2 Zentimeter. Der Tarim fließt jetzt wieder nach Nordost. Auf einer sandigen Alluvialhalbinsel bei Hässemet-tokai saßen zwölf dunkelgraubraune, fast schwarze Geier, gewaltige, plumpe Vögel, die uns ruhig betrachteten und nur die Köpfe wie Sonnenblumen drehten, während die Fähre um ihre Landzunge herumfuhr. Sie hatten sich hier bei dem Kadaver eines Pferdes zusammengefunden. Die Geier waren entschieden satt; sie saßen in Gruppen in einiger Entfernung von dem Kadaver, schienen zu verdauen und ließen sich von einigen dreisten Raben Gesellschaft leisten. Etwas weiter unten passierten wir wohl 40 Geier, die auf den dürren Zweigen abgestorbener Pappeln thronten; sie saßen wie Höllengeister oder Todesdämonen in dem struppigen Walde da, und die Umgebung paßte gut zu ihrer unheimlichen Erscheinung.
Da war es angenehmer, den endlosen Karawanen der Wildgänse, die noch immer nach Westen zogen und aus Scharen von 80-100 Vögeln bestanden, mit den Blicken zu folgen. Sie fliegen in den feinsten Drachen- oder Pfeilspitzen, von denen gewöhnlich ein Flügel sehr lang und der andere kürzer ist. Stets sieht man an der Spitze einen Führer, der geradeaus fliegt und nie über die einzuschlagende Richtung unschlüssig zu sein scheint, während die Flügel, den Bewegungen des Führers entsprechend, hin und her wogen wie zwei im Winde flatternde Blätter.
Charakteristisch für diesen Teil des Tarimlaufes war auch die Menge des steckengebliebenen Treibholzes und der auf Grund geratenen Pappelstämme. Viele von diesen gehen mit der Zeit unter, andere befinden sich in einem Stadium abnehmender Tragkraft. Nur das eine Ende ist untergegangen, während das andere noch in der Richtung der Strömung liegt und nickend über der Oberfläche auf und nieder steigt. Oft sah ein solcher Pappelstumpf wie eine auf uns zuschwimmende Seeschlange aus. Doch nur das um das Hindernis herum kochende Wasser täuschte das Auge; wir waren es, die sich näherten und darüber hinwegglitten, während der Stumpf wie ein Wasserkobold gegen den Boden der Fähre schlug.
Aus dem Hirtengehöfte +Bostan+ nahmen wir am 6. November einen neuen Cicerone, einen Jäger, mit, aber Mollah Faisullah durfte trotzdem bei uns bleiben, denn er war lustig und heiter und las den anderen vor von den Taten und Leiden der Helden und von sagenhaften Städten mit tausend Toren und tausend Wächtern an jedem Tore. Die Bewohner von Bostan wollten uns Melonen schenken, wir nahmen sie aber nicht an, da solche Delikatessen jetzt nachts gefrieren. Dagegen ließen wir uns einen großen weißen Hahn gefallen, der kaum an Bord gebracht war, als er auch schon auf den alten Hahn losfuhr und ihn über Bord drängte. Da der neue Passagier entschieden alleiniger Herr im Hause sein wollte, mußte mein bisheriger Morgenwecker von Kasim in Obhut genommen werden. Von nun an waren sie die besten Freunde -- aus der Ferne; krähte der eine, so antwortete der andere sogleich; es klang ganz ländlich.
In +Kara-daschi+, dem Lager vom 6. November, waren wir dicht bei dem Punkte, wo wir nach dem gefährlichen Zuge durch die Wüste nördlich vom Kerija-darja im Jahre 1896 zuerst Wasser gefunden hatten.
7. November. Daß wir uns bevölkerten Gegenden näherten, sah man daran, daß hier und da Schilfhütten und sogar Lehmhäuser vorkamen und an den Ufern nicht selten Kähne angebunden lagen. Diese ähnelten immer mehr dem Lop-nor-Typus; sie waren aus einer einzigen Pappel ausgehauene, langgestreckte, schmale Fahrzeuge, die sich von den Lop-nor-Kähnen dadurch unterschieden, daß der Vorderrand in eine Art von durchbohrtem Handgriffe mit einer Leine auslief und das Hinterteil eine kleine Plattform, einen Sitzplatz, bildete (Abb. 37). Das Ruder ist schaufelförmig.