Im Banne der Furcht

Part 4

Chapter 43,692 wordsPublic domain

Am Abend wird das Kind von zwei Mädchen besucht, die schon eingeweiht sind, das Fest aber noch nicht beendigt haben. Sie heißen ~vai va nyumba~. Zugleich kommen auch eine Menge junger Mädchen und Männer, um im Hause der Novize die berüchtigten Bauchtänze (~viravu~) zu veranstalten. Die Tänze an und für sich wirken auf die Leute äußerst erregend, und den Abschluß bilden die schlimmsten Orgien in den Nachbarhäusern oder auch im Freien. Die Mädchen tragen bei diesen Tänzen ihre Kleider, die Vortänzer der Männer haben nur einen Lendenschurz aus Bananenblättern an. Sie stampfen beim Tanzen mit dumpf dröhnenden Bambusstangen auf die Erde. Diese Viravu-Tänze werden vier Tage lang abgehalten.

Am fünften Tage findet die „Beraubung“ (~kidedeho~) statt. Männer und die kleinen Mädchen haben keinen Zutritt, nur Frauen und die Mädchen, welche das Fest schon hinter sich haben. Die beiden Vai va nyumba zeigen der Novize, wie sie sich zu verhalten hat. Sie muß fein züchtig auf den Boden schauen und darf sich nicht einmal den Schweiß abwischen, dafür hat sie sowie die andern beiden Vai ihre Helferin (~mkunjiga~). Die Beraubung findet auf dem Boden des Hauses statt. Nur die Novize und einige alte Frauen und Verwandte des Mädchens begeben sich dorthin. Die Leiterin faßt das Mädchen an dem Arm und setzt sie viermal einer jeden Frau in den Schoß. Bei der letzten Frau angelangt, werden dem Mädchen endgültig alle seine Kleidungsstücke abgenommen und die Festabzeichen angelegt. Die Frauen singen dabei folgendes Lied:

~Tunemuhambua, tunamunke vingi, twekimunka vingi, vinamuazere!~

Das heißt:

Wir werden sie berauben, und andres dafür geben, auch das, was wir ihr geben, wird sie sehr gut kleiden.

Nun bekommt sie statt der Perlenschnüre Eisenketten um Hals und Leib, sowie Ketten aus Kaurimuscheln, eiserne Hals- und Armbänder und einen Schamschurz, der aus lauter kleinen länglichen Eisenschellen besteht. Die Novize ist jetzt das geworden, was die Vaasu mit „Jungfrau des Hauses“ (~mwai wa nyumba~) bezeichnen. Sie wird von der Festleiterin über ihre neuen Pflichten belehrt: „Du darfst nun nicht mehr ans Sonnenlicht gehen, dein Aufenthaltsort ist dieses Haus. Nur nach Sonnenuntergang darfst du das Haus verlassen und dich draußen aufhalten. Wenn jemand ins Haus kommt, so flüchte in den äußersten Winkel; wenn jemand vorbeigeht und ins Haus hineingrüßt, so darfst du als Antwort nur pfeifen. Mit keinem Manne oder Knaben sollst du dich abgeben.“ Dies ist ein besonders wichtiges Gebot. Denn es kommt vor, daß eine solche Mwai in den Jahren, die sie nun im Hause zubringen muß, schwanger wird, besonders wenn der Vater aus Armut oder andern Gründen diese Zeit der Jungfrauschaft ungebührlich lange ausdehnt. Solche Mädchen heißen ~kirya~. Sie werden aus der Volksgemeinschaft ausgestoßen. Dem Mädchen wird das Fell eines Schafes auf den Rücken gebunden, dann wird ein Loch in die Lehmwand des Hauses gemacht und es durch diese Öffnung, das Symbol des Grabes, hinausgetrieben. Allein muß es irgendwo weit von den Seinigen die Niederkunft abwarten. Nie darf es nach Hause zurückkehren. Sieht die Mutter es zufällig später einmal auf dem Markt, so kehrt sie sofort um und weint, weil sie „die Tote“ wiedergesehen hat. Wenn sie vertrieben worden ist, stimmen die Zurückbleibenden den Totengesang an. Die Mutter klagt:

O weh, wie schmerzt der Abschied so sehr, mein Kind, wenn ich rufe, antwortet nicht mehr. Daß das Unheil käme über den Bösen (Verführer)! Wenn auch mich der Tod doch wollte erlösen von dem Schmerz, hier ohne mein Kind zu sein!

Bei einem Volke wie unsern Vaasu, die den Kindern den freien geschlechtlichen Verkehr, man kann ruhig sagen, zur Pflicht machen, sind es natürlich auch in einem solchen Falle nicht etwa moralische Bedenken, die zur Ausstoßung der Tochter führen, sondern wiederum die Furcht, die Ahnengeister würden sie bei Nichtbefolgung der althergebrachten Sitte umbringen.

Die Mwai wa nyumba führt ein sehr sorgenfreies Leben, besonders wenn noch viele andre Mädchen ihrer Altersklasse im gleichen Feste sind und sie sich auf den nächtlichen Viravu-Tänzen treffen können, wo sie dann mit ihren Trommeln den jungen Leuten zum Tanz aufspielen. Denn ihre Hauptbeschäftigung zu Hause ist die, etwa sechs Handtrommeln zu schlagen, die sie mit den Stielen zwischen ihren Beinen festklemmen. Noch heute klingt mir das melancholische Ping-ping, peng-peng, pang-pang, pong-pong, pung-pung der abgestimmten Trommeln in den Ohren, das ich so oft beim Ritt durch die Landschaft aus den Hütten schallen hörte. Wenn eine Mwai Tanzgesellschaft zu sich einladen will, setzt sie sich nach Sonnenuntergang vor die Tür und trommelt. Kurze Besuche oder Ausgänge darf sie ganz früh morgens oder abends machen, doch muß sie von einer Helferin begleitet sein. Früher blieben die Mädchen oft 5-6 Jahre im Hause. Heute ist diese Sitte durchbrochen, da die meisten Vai schon fröhlich in die Schule kommen. Nur die Helferin geht auch heute noch dem Mädchen, das nur alte Kleider anziehen darf, voraus. So paßt sich das Heidentum den Forderungen und Bedürfnissen der Neuzeit an, und es entstehen neue Sitten, die die Alten erst mit Verwunderung und Verachtung betrachten. Aber der Zeitpunkt ist nicht mehr allzufern, wo die alten Sitten der Vergessenheit anheimgefallen sein werden und das Christentum den Eingebornen bessere Werte gegeben hat. Da wird dann vielleicht die alte Großmutter den staunenden Enkelkindern abends am Feuer von den Tanzfesten, den Trommeln und Schellen erzählen und von dem Leben, das sie vor vielen, vielen Jahren geführt hat als

Mwai wa nyumba.

Fünftes Kapitel.

Das zweite Frauenfest.

(~Kufwinya~ = herausbringen.)

Etwa ein bis fünf Jahre, früher auch wohl noch länger, bleibt das Mädchen in der Hütte als „Jungfrau des Hauses“. Während dieser Zeit darf sie sich ihr Haar nicht scheren lassen, sondern sie trägt die jeder Mwai wa nyumba eigene Frisur. Zu dem Zwecke kaut sie Zuckerrohr aus, und mit dem so gewonnenen Sirup reibt sie den Kopf von Zeit zu Zeit ein. Gegen Ende der Jungfrauschaft hängen diesen Mädchen die zusammengeklebten Haare wie lange Stäbchen bis tief in den Nacken. Diese Frisur macht beim Tanzen jede Bewegung mit, und gerade darin soll, wie ich mir sagen ließ, der Hauptzweck der ganzen Manipulation liegen. Wahrscheinlich ist aber wohl, daß auch hier, wenigstens ursprünglich, aus religiösen Motiven und animistischen Vorstellungen das Abschneiden des Haupthaares verboten wurde.

Nach der oben angegebenen Zeit beraten sich die Eltern und beschließen das Mädchen „herauszubringen“, d. h. ihrer Mwaischaft ein Ende zu machen. Ihr selbst wird vorläufig nichts Näheres mitgeteilt, weil sie den Schritt aus dem Dolcefarniente einer Mwai wa nyumba ins Leben nur ungerne tun wird. Wohl aber wird ihr gesagt, sie möge zu einem sechs Tage lang währenden Kiravu-Tanz einladen. Mit ihm sollen nämlich die Festlichkeiten eröffnet werden. Diese besonderen Tänze heißen ~maaganya~ = Abschiedstänze.

Schon in jener Woche kommen hin und wieder Frauen und helfen der Mutter bei der Mehlbereitung. Der Haupttag aber ist Nguta, der erste Wochentag, an welchem alle diese Frauen zusammenkommen, um unter Freudentrillern der Mutter bei den Vorbereitungen zur Hand zu gehen.

Für denselben Tag hat auch der Vater seine Freunde zu sich gebeten, damit sie ihm bei der Bierbereitung helfen. Nachdem die Männer die Zuckerrohre geholt und auch gleich auf dem Felde geschält haben, bringen sie die Lasten nach dem Hause der Mwai. Der Vater geht mit leeren Händen dem Zuge voran. Die Männer singen:

~Oe, oe, hea! Ninkani shengo na lumo nizeharuria magenge! Magenge agwa na nyika, lila lakweia kwa mbee gu, oe, oe, hea!~

Der erotische Text ist hier zur Wiedergabe nicht geeignet. Zu Hause angelangt, umziehen sie die Hütte viermal. Dann nehmen ihnen die Frauen die Zuckerrohrlasten ab und geben ihnen Speise.

Abends ist wieder Kiravu-Tanz. Wenn die Leute sich müde getanzt haben, singen die Mädchen (~vabora va masambi~ und ~vabora va shuke~) der Jungfrau folgendes Lied:

~Serere, serere, Semboge woyoiyo, ahee, e Semboge ehee! Ibaru werati kuia, tuia? Tuiie cha yoo se? Ahee, etuiae! Serere, serere, ni mhero muhakano.~

Das heißt:

Du Mwai, du wolltest doch weinen, Nun weine! Beweinst du nicht, was heute vorgeht? Nur zu, bewein es! Das ist das Ende, das Allerletzte.

Dann werfen sie sich alle in einem Winkel über der Mwai zur Erde und weinen. Nach diesem Vorgang heißt der ganze Tanz ~kiravu cha kuia~ = der Tanz des Weinens. (Siehe ähnlichen Vorgang in Hes. 8, 14. Das Weinen über den Thammus [griech. Adonis], der Liebling der Liebesgöttin Venus, dessen zeitweiliges Verschwinden in der Unterwelt von den Weibern sieben Tage lang beweint wurde. Das Fest hatte wahrscheinlich seine tiefere Bedeutung im Verschwinden des schönen Naturlebens nach Eintritt der höchsten Sonnenhitze. Man beweinte die verschwundene Schöne des Jahres und zeigte Angst vor dem kommenden Winter. So wird hier von der sorgenfreien Jugend weinend Abschied genommen.)

Die Mwai selbst stimmt das Abschiedslied an:

~Ngoma yangu ya ugu, kishede changu, mcheku! Mcheku wanishina, vava wanishina, mwanifwinya, ne mdori. Nekibiga ngoma, tamwazihirwa?~

Das heißt:

Wo bleibt nun meine Trommel, wo bleiben meine Schellen, Mutter? (Schellen = Wahrzeichen einer glücklichen Jugend.) Mutter, du bist mir böse, und du Vater, du zürnst mir! Warum stellt ihr mich so jung schon ins Leben? Hat euch mein Trommelspiel etwa mißfallen?

Wenn das Mädchen dann immer mehr weint, sagt die Mutter wohl kurz: „Laß nur das Weinen, wer ist denn eigentlich gestorben? Willst du denn hier im Hause wie ein Ochse großgefüttert werden, ohne zu arbeiten?“ Einige der Mädchen bleiben auch während der Nacht bei der Jungfrau, die andern gehen wieder nach Hause.

Am nächsten Morgen begeben sich die Frauen zum Festplatz, um dort geschälte Zuckerrohre auf Steinen zu einer faserigen Masse zu verreiben. Diese wird von den Männern ausgepreßt und aus dem so gewonnenen Saft das Bier hergestellt. Die Arbeit wird regelmäßig von vielen Gesängen begleitet, und die Berge hallen wider von den Freudentrillern der Frauen. Den Abschluß bildet ein Festessen. Die andern Mädchen sind schon am Morgen ganz früh in die Büsche gegangen, um dort allerlei Früchte und Pflanzen zu suchen, oder wie es offiziell heißt: ~kuatunda~ = zu pflücken. Die so gesammelten Dinge werden sorgfältig vor den Augen aller Unberufenen, besonders der Männer, verborgen, indem sie in Säckchen gesteckt oder mit Bananenblattscheiden umwickelt werden. Bei den in der kommenden und besonders der nächstfolgenden Nacht stattfindenden symbolischen Tänzen spielen diese Dinge eine große Rolle. Aber selbst +dem+ Europäer, der mit ihren Sitten ziemlich vertraut ist, fällt es außerordentlich schwer, sich in diesem Wirrwarr von anscheinend nichtssagenden Handlungen und Gesängen zurechtzufinden und von allem die Bedeutung zu verstehen. Erschwert wird der Versuch bei den Liedern noch durch die altertümliche Sprache, der gegenüber oft meine sämtlichen Gewährsleute versagten. Vor Männern werden diese Dinge überhaupt streng geheim gehalten, und aus einer Heidenfrau ist unter keinen Umständen etwas herauszubringen, weil eine jede, die etwas ausplaudert, verflucht ist. So hieß es, bei diesen Forschungen das Eisen zu schmieden, solange es heiß war, denn die heranwachsenden Christenmädchen werden diese Dinge hoffentlich überhaupt nie kennenlernen. Den in jenen Jahren getauften Frauen und Mädchen war aber noch alles frisch im Gedächtnis.

Bei der Rückkehr vom „Pflücken“ singen die Mädchen:

~Ho cha ndere mbora dengera henyu! Ahee, ho cha ndere.~

Das heißt:

Mädchen, solange du noch zu Hause bist, geht es dir gut!

Die Gespielinnen der Mwai werden an der Tür der Hütte von einer Frau empfangen. Diese nimmt dem ersten Mädchen die „Sachen“ ab, und auch die andern bringen ihre „Geheimnisse“ ins Haus. Sie erhalten Speise, worauf die Nahewohnenden nach Hause gehen. Abends ist ein Tanz, der ~itunda idori~ = das kleine Pflücken heißt. Eingeleitet wird er damit, daß die Frauen alle die verfluchen, die sie bei ihren Festgeheimnissen belauschen. Die ganze Nacht hindurch werden schwer zu beschreibende symbolische Tänze aufgeführt, durch die der angehenden Frau und Mutter allerlei Lehren veranschaulicht werden sollen.

Am Morgen des dritten Tages gehen die Mädchen wiederum in die Büsche, ~kuatunda~ = weitere wilde Früchte usw. zu „pflücken“. Bei ihrer Rückkehr erhalten sie Speise und Bier. Auch die Männer haben sich zu einer kleinen Kostprobe eingefunden und sehen nach, ob das Bier schon gut ist.

Am Abend findet ein Tanz statt, der ~itunda ibaha~ = das große Pflücken heißt. Durch die an diesem und am vorhergehenden Tage geholten Früchte, Bananenblütenstengel usw. werden zumeist die an diesem Abend besungenen Naturvorgänge illustriert. Alle diese Tänze finden im Festhause statt. Etwaige Lauscher werden zuerst wiederum verflucht. Eine besondere Zeremonie wird mit allen den jungen Mädchen vorgenommen, die noch nie einem solchen Feste beigewohnt haben. Sie müssen sich an die Feuerstelle begeben. Auf jeder Seite steht eine Novize und eine Eingeweihte. Letztere streicht der Novize Asche an sämtliche Gelenke. Sie muß sich dann mit den Händen auf die Knie stützen, während die Eingeweihte von hinten herzutritt, ihr die Augen zuhält und den „Fluchtanz“ beginnt.

Eins der Lieder, die in jener Nacht gesungen werden, heißt ~Kaia mpelele, keyoie mpanga~ = der Klippschliefer weint angesichts der Höhle (die ihm doch Schutz und Versteck bietet). Damit wird auf die nunmehr bald bevorstehende Heirat des großjährig erklärten Mädchens angespielt und auf die Tatsache, daß jetzt die Sorgen erst kommen werden. Alle, die während der Tänze in der Hütte vom Schlaf überwältigt werden, „züchtigt“ man mit dem Stengel einer Schmarotzerpflanze (~kasosa~) bis sie wieder munter sind. Gegen Morgen werden zwei Knollengewächse (~maomba a nguve~) hervorgeholt, die mit Perlschnüren geschmückt sind und zwei Kinder vorstellen. Damit beginnt ein neuer Tanz und Gesang, in welchem die zukünftige Mutterschaft des Mädchens mit ihren Leiden und Freuden besungen wird. Beim Morgengrauen soll in einem weiteren Tanz der angehenden Gattin gezeigt werden, wie der Krieg mit rauher Hand das Familienglück zerstört und der Mann oft sein Leben lassen muß. Eine der Frauen steigt auf den Boden und ruft plötzlich: „Der Krieg ist gekommen!“ Die Untenstehenden stoßen daraufhin den Hilferuf aus und singen:

~Kimpanga, kimpanga, e, e hora ee, e ho ne Kiondo tearoka, tearoka e e hora ee eho.~

Das heißt:

O Schwert, o Schwert, dein Mann kommt nicht wieder, er kommt nicht zurück.

Dabei schlagen sie mit Lianen, die Schwerter vorstellen, auf die Erde. Am Morgen des vierten Tages wird die Öffentlichkeit wiederhergestellt, indem die Frauen und Mädchen mit der Mwai vor die Tür gehen und dort noch allerlei symbolische Tänze aufführen. Zum Schluß laufen die Mädchen mit der Mwai etwas vom Hause fort, nehmen Blätter von den nahen Sträuchern, werfen sie von sich und rufen: ~Nandigo we, Nandigo we, na ukatahuža, ihumpa lako zilo!~ Die Nandigo hatte nämlich vor langen Jahren das Schlimmste getan, was eine Mwai überhaupt machen kann, sie war vor Beendigung des Festes ~kirya~ geworden. An dieses Vorkommnis wird erinnert, wenn die Mädchen die Blätter von sich werfen und rufen: „Du Nandigo, wenn du auch schweigst, da ist deine Seuche!“ D. h. wir wollen davon nicht angesteckt werden. Unsre Mwai ist ja nun bald aus dem Fest entlassen. Sie hat sich ordentlich gehalten und es nicht so gemacht wie du.

Die Mwai wird darauf von ihren Gespielinnen mit trocknen Bananenblättern geschmückt, und auch die Mädchen selbst behängen sich damit. Abwechselnd nehmen sie dann die Mwai auf den Rücken und tragen sie bis nach ihrem Hause. Dort gehen sie mit ihr viermal um die Hütte herum. Dann nimmt eine Frau der Mwai den Bananenblattschmuck ab und legt ihn etwas entfernt von dem Hause auf die Erde. Die Mädchen werfen ihre Bananenblätter alle dazu. Darauf befiehlt ihnen die Frau, unter diese Blätter zu kriechen und grunzende Laute auszustoßen, während sie selbst eine große Schale mit Bier über ihnen opfert, indem sie es auf die Köpfe der Kinder und in den Haufen der trockenen Bananenblätter gießt. Dabei spricht sie die bedeutsamen Worte: ~Muni, wala ng’ombe!~ = Muni, nun hast du deine Opferkühe bekommen! Die letzten beiden Worte sprechen die umstehenden Frauen laut mit. Darauf dürfen die Kinder wieder hervorkriechen, und der ganze Blätterhaufe wird angezündet. Die Mwai und ihre Gefährtinnen müssen mehrere Male durch die Flamme springen, bis das Feuer nahezu ausgebrannt ist. Mit den Füßen treten sie die glimmende Asche vollends aus und tanzen auf ihr herum. In die Asche gießt eine Frau Bier, die Mädchen vermischen sie außerdem noch mit Kuhmist. Die so hergestellte geweihte Salbe streichen sie mit einem Pinsel, den sie sich aus einer jungen Bananenstaude herstellen, jedem Manne und Burschen, der zum Biertrinken in das Festhaus kommt, auf den rechten Fuß.

Als ich von dem oben erwähnten Brauch und dem Namen Muni hörte, mußte ich sofort an Moloch und den Sonnendienst im Altertum denken. Ich gehe wohl nicht fehl in der Annahme, daß wir es hier mit Überresten eines solchen Dienstes zu tun haben. Daß die Kinder als Munis Opfer bezeichnet werden und sie auch durch die Flamme springen müssen, erinnert augenfällig an den Molochdienst. Herrschte doch im Altertum die Sitte, Kinder durchs Feuer zu reinigen und zu weihen, eine Taufe, die schon in der Bibel verboten ist (3. Mose 18, 21). Hoffentlich läßt sich bei andern Stämmen noch mehr über ähnliche Vorkommnisse in Erfahrung bringen, die dann auch den Namen Muni vielleicht näher erklären oder die sprachliche Ableitung besser erkennen lassen.

Die kleinen Mädchen werden nun mit gekochten Bananen, Fleisch und Bier, die größeren Mädchen mit Maisspeisen und Bier bewirtet. Wenn sie sich sattgegessen haben, gehen sie nach Hause, die kleineren um nicht zurückzukehren, da sie bei dem Tanz in der letzten Nacht nicht anwesend sein dürfen.

Gegen 3 Uhr nachmittags gehen die Vai va shuke und die jüngeren Frauen wieder zum „Pflücken“ in den Wald. Sie bringen u. a. einen Blütenstengel der wilden Banane (~irigo~) mit heim. Am Festhause angekommen, ziehen sie viermal um dasselbe herum. Dann nimmt eine alte Frau dem führenden Mädchen den Sack ab, der die Festgeheimnisse (~ngasu~) enthält, und gibt ihnen allen Bier. Am Abend beginnt der Tanz, der die ganze Nacht hindurch währt. Ich will den Leser nicht mit einer Beschreibung der Einzelheiten ermüden. Die Vorgänge sind z. T. sehr schwer klarzulegen, wenn man nicht allzu ausführlich sein will, z. T. bleibt die Bedeutung dieser Tänze und Gesänge selbst den Eingeborenen dunkel.

Gegen Morgen wird an den oben erwähnten Blütenstengel der wilden Banane ein Strick aus Bananenfasern gebunden und dieser über die Erde geschleift. Der Irigo stellt ein Rind vor; die Mwai geht mit einem kleinen Stöckchen hinterher und treibt die „Kuh“. Die andern Frauen greifen dann auch nach dem Strick, als ob sie die Kuh rauben wollten. Die Mwai stößt den Hilferuf aus und sie lassen ihn wieder fahren. Endlich wirft die Führerin den Strick auf die Erde. Die Mwai ruft: „Laß das Fest noch nicht aufhören, mein Mann ist der Soundso.“ Die Erklärungen, die mir gemacht wurden, klangen alle sehr unwahrscheinlich. Die meisten Leute kennen die tiefere Bedeutung mancher religiösen Zeremonien selbst nicht mehr.

Unterdes ist es Morgen geworden. Nun ist der Augenblick gekommen, die Jungfrau aus dem Fest zu entlassen und sie dem Leben wiederzugeben. Die Frauen singen:

~Mwai, twakudoka shuke, kangi twakudoka kirama.~

Das heißt: Mwai, wir ziehen dir nun wieder ein gewöhnliches Kleid an, wie es die andern Leute auch tragen.

Eine Frau bringt ein Schurzfell, welches heute nach der Zeremonie gewöhnlich bald mit einem Stück Baumwollstoff vertauscht wird. Auch Perlschnüre werden ihr umgehängt. Die Mwai weint bei dieser Handlung, durch die sie vor einen neuen Lebensabschnitt gestellt wird. Sämtliche Frauen gehen alsdann mit ihr vor die Hütte. Hier wirft sich eine von ihnen auf eine Kuhhaut und legt die Mwai über sich, ähnlich wie wir es bei der Beschneidung sahen. Haben die Frauen festgestellt, daß die Mwai noch nicht defloriert ist, so stoßen sie alle die Freudentriller aus, und die Mutter sagt wohl: „Ich habe doch eine verständige Tochter geboren, die mich nicht vor allen Leuten beschämt.“ Die Mwai wird mit Butter gesalbt, man bindet ihr den Lederschurz wieder um, und nun wird sie viermal unter Freudentrillern in die Höhe geworfen, wobei die Frauen singen: ~Karya ng’ombe, karya ng’ombe, eya he he!~ = iß die Kühe, iß die Kühe! Dadurch geben sie ihrer Freude Ausdruck, daß der Mutter nun die beiden Ziegen (Kühe), die der kommende Bräutigam für die Jungfrau zu zahlen hat, nicht verloren gehen. Dem Mädchen wird gesagt: „Nun bist du eine ~mwai wa shuke~“ = eine bekleidete Jungfrau, die sich wieder außerhalb der Hütte aufhalten darf.

Am Nachmittag kommt der Onkel der Mwai mit vier oder sechs Kürbisflaschen voll Bier und ebenso vielen Frauen, die ihm das Bier tragen. Um die vorderste Flasche ist ein Ledergürtel gebunden, den die Mwai als ein besonderes Geschenk von ihrem Onkel erhält. Die Jungfrau wird bei seiner Ankunft von ihrer Führerin auf den Rücken genommen und alle umgehen das Haus in feierlichem Zuge viermal, indem sie wieder wie oben aus Freude ob der Unbescholtenheit des Mädchens singen: ~Karya ng’ombe, halele kitonga ni ndoyo, halele nitamya.~ Die Gäste erhalten Bier und bleiben bis zum Abend oder gar wohl die Nacht hindurch beisammen.

Die Mwai sitzt jetzt tagsüber nahe beim Hause im Freien und schlägt ihre Trommel wie zuvor. Weitere Ausgänge oder Hausarbeiten wie Wasser und Holz holen darf sie immer noch nicht übernehmen. Auch spricht sie mit jüngeren Männern nur nach Erhalt kleiner Geschenke. Noch eine oder gar mehrere Wochen vergehen. Dann ruft die Mutter wiederum ihre Gespielinnen, jene kleinen und größeren Mädchen, damit sie die Mwai auf ihrem ersten Ausgang begleiten. Die Vaasu nennen das ~kuramosha~ = aufs Feld bringen. Der geeignete Tag ist der zweite oder vierte Wochentag. Bald kann man ihren Gesang hören:

~Kushesha e, kushesha e, kwakwe mwai, e, kushesha ni kusheshera, e hoye e, hoye.~

Das heißt:

Verweilen, verweilen, verweilen muß die Mwai. Verweilen das meint langsam gehen, e hoye e, hoye.

Die Jungfrau wird mit diesem Lied erinnert, wie sie sich zu verhalten habe. Fein züchtig muß sie auf die Erde schauen, langsamen, würdevollen Schrittes einhergehen, ohne sich mit jemand zu unterhalten. Wie wir noch sehen werden, haben auch die Knaben ähnliche Festregeln zu beobachten.

Die Mädchen gehen so im Gänsemarsch weiter, bis sie an ein Gehölz kommen. Dort muß sich die Mwai auf die Erde setzen und nach gewohnter Weise ihre Trommeln schlagen. Ihre Freundinnen suchen inzwischen jede eine Last Holz und binden vier Stücke zu einer besonderen Last für die Mwai zusammen. Man zeigt ihr auch einen Ast, den sie mit einer Axt abschlagen muß, da sie jetzt gewissermaßen im kleinen alle die Arbeiten verrichten soll, die sie später als ~mwai wa shuke~ (bekleidete Jungfrau) und Frau zu übernehmen hat. Die Mädchen legen der Mwai ein Tragpolster (~ngata~) auf den Kopf und die Miniaturholzlast darauf. Dann bekommt sie ein kleines Stöckchen, welches sie bis zum Ende des Festes behält und das sie beim Gehen auf den nunmehr bald erlaubten Ausgängen lose in beiden Händen vor sich trägt. Nachher, wenn die Mwai endgültig aus dem Fest entlassen ist, wird dieses Stöckchen verbrannt.