Part 3
Am 4. Tage steht die Wöchnerin (~mvyee~) auf und fängt an, leichte Arbeit zu tun. Die Rückbildung der Organe geht bei den Schwarzen meist sehr schnell vor sich, und selten muß eine Frau ein längeres Wochenbett einhalten. Die Kinder sind bei der Geburt fast weiß oder doch ganz hellbraun. Aber in den ersten Tagen und Wochen dunkeln sie schnell nach, bis dann die Stammesfarbe erreicht ist. Hellfarbige Leute gelten für schöner als die tiefschwarzen. Ebenfalls eine Folge der abergläubischen Furcht ist der Brauch, in der ersten Zeit von dem Kinde als von einem „jungen Leoparden“ (~kataa~) zu sprechen. Die Kinder werden im Durchschnitt zwei Jahre und länger gesäugt, wenn nicht eine neue Schwangerschaft das Stillen früher verbietet. Im allgemeinen wird jedoch darauf gehalten, daß die Kinder nicht zu rasch aufeinander folgen.
Es wäre hier wohl der Platz, noch etwas über besondere Zufälle unter der Geburt und ihre Behandlung durch die eingeborenen Medizinmänner zu sagen. Wenn auch die Negerfrauen natürlicher leben als viele Europäerinnen und ihr Körper nicht durch irgendwelche äußeren Einflüsse in eine häßliche Form gedrängt worden ist, die dann später die Geburt zu einem lebensgefährlichen Vorgang machen, so kann man doch auch hier immer wieder von schweren Geburten hören, wenn auch die Mehrzahl ohne weitere Komplikationen verläuft. Ein Fall von vorliegender Plazenta ist mir bekannt geworden. Auch Querlagen, Fußlagen (~mwana akingama~) und Steißlagen (~mwana aza mchwiri~) kommen vor. Jede regelwidrige Lage hat nach der Geburt den Tod für das Kind zur Folge. Deshalb wird bei Querlagen versucht, diese beizeiten in eine Kopflage zu verwandeln. Gelingt das nicht durch den inneren Eingriff, oder wird das Kind überhaupt nicht geboren, so schreitet der Medizinmann zur Enthauptung im Mutterleibe. Der Arzt reinigt sich zuerst die Hände und schneidet die Fingernägel ganz kurz ab. Die Hände werden mit Butter eingefettet. Die Abbildung zeigt das gebräuchliche „chirurgische“ Messer. Es wird mit Bananenbast umwunden, und nur an der Spitze bleiben ungefähr 2 ~cm~ frei. Nun wird der Arm vorsichtig eingeführt und das Kind enthauptet. Läßt sich der Kopf selbst dann noch nicht herausziehen, so wird auch wohl der Unterkiefer abgeschnitten. Die anderen Teile werden dann so entwickelt. Nach der Beschreibung scheinen die Leute damit sehr gut Bescheid zu wissen, wie sie ja überhaupt als Hirten, die öfter Tiere schlachten, über den Knochenbau mehr wissen als der Durchschnittseuropäer. Kindbettfieber ist als Folge von zurückgebliebenen Teilen der Plazenta bekannt und wird mit allerlei Arzneien behandelt. Heiß zu trinkende Fleischbrühe spielt dabei eine Hauptrolle. Im allgemeinen haben die Eingebornen ziemlich genaue Kenntnisse von den Vorgängen bei der Geburt, nur daß solche Kenntnisse immer wieder durch den heidnischen Aberglauben verdunkelt und verkehrt werden.
Drittes Kapitel.
Die ersten Lebensjahre des Mädchens.
Namengebung.
Den Namen geben nicht die Eltern sondern die Frauen, die bei der Geburt halfen. Manchmal erhält das Mädchen den Namen der Großmutter, der Knabe den des Großvaters. Doch sprechen bei der Namengebung die verschiedensten Dinge mit. Fliegt z. B. gerade ein Heuschreckenschwarm vorbei, so heißt das Mädchen etwa Nanzige (Mutter der Heuschrecken), der Junge könnte in dem Falle Senzige (Vater der Heuschrecken) genannt werden (~nzige~ = Wanderheuschrecke). Oder das Kind wird während einer Hungersnot (~nzota~) geboren, dann kann der Mädchenname Nanzota, oder der Knabenname Senzota lauten. Geht im Augenblick der Geburt jemand an der Hütte vorüber, so wird dem Kinde der Name des Betreffenden gegeben. Besondere, auffallende Ereignisse, Kriege usw. beeinflussen die Namengebung gewöhnlich. Manchmal wurden Kinder, deren Anverwandte mich zur Geburtshilfe hatten rufen lassen Mwarimu (Lehrer) genannt.
Sobald die Knaben oder Mädchen zu jungen Männern und Jungfrauen heranreifen, legen sie sich neue Namen zu, bei denen sie sich auf den nächtlichen Viravu-Tänzen rufen. Da singt ein Mädchen etwa:
~Iyoyeo lele, ni mi ng’anya e, o, ee.~
Das heißt:
Seht alle hierher, ich bin die Soundso, juchhe!
Diesen neuen Namen führt sie nun fortan neben ihrem eigentlichen Kindernamen bis zu ihrer Verheiratung. Ähnlich geben sich auch die Knaben singend einen andern Namen, den sie aber oft, im Gegensatz zu den Frauen, auch als Männer noch beibehalten. Sind später in der Ehe Kinder vorhanden, so verdrängt der dann auftretende Nebenname Seng’anya, Kong’anya (Vater, Mutter des Soundso) manchmal den eigentlichen Namen.
Zahnzauber.
Im vierten Monat wird das Paremädchen in die Behandlung einer älteren Frau, der Mwasirika gegeben. Deren Aufgabe besteht darin, das Durchbrechen der zwei unteren und oberen Schneidezähnchen zu überwachen. Vor allem muß sie verhüten, daß die oberen vor den unteren herauskommen. Zuerst „bringt sie die Zähne zusammen“ (~kuvunganya majego~), indem sie unter ziemlichem Druck eine Massage des Zahnfleisches nach der Mitte hin ausübt. Damit aber ja nicht etwa die oberen oder seitlichen Zähne auch schon durchbrechen, streicht sie auf jene Teile des Kiefers eine Zaubersalbe, die aus Eidechsenkot und einigen Kräutern besteht. Diese „Behandlung“ wird einen Monat lang fortgesetzt, und zwar geschieht es im Lichte der auf- und untergehenden Sonne, die bei unsern Wapare verehrt wird. Im selben Monat bindet die Mwasirika dem Mädchen eine Schnur um den Hals, die aus dem Bast einer weißen Banane besteht. Daran bindet sie ein ganz kleines hölzernes Gäbelchen (vom Mrushu-Baum) mit zwei Ausgängen, entsprechend den zwei neuen Zähnen, die „herausgebracht“ werden sollen. Dieses Amulett heißt Mlinga. Im nächsten Monat macht sie mit dem langen Nagel des Daumens der rechten Hand da, wo die beiden Zähne zu erwarten sind, einen Schnitt ins Zahnfleisch des Unterkiefers. Das austretende Blut wird mit einem Blatt des Mdangu-Strauches abgewischt und auf die zwei wunden Stellen eine Salbe aus Asche und Salz gelegt, welche „gräbt“ und das Zuheilen verhindert. Dann hält sie das Kind hoch in der Richtung nach Sonnenaufgang und -untergang, sie „übergibt es der Sonne“, damit auch sie das Wachstum fördere.
Am nächsten Tage wird der Eiter, der sich auf der Wunde gebildet hat, mit einem Blatt des Mdangu-Strauches entfernt. Mit einer zugespitzten Kohle werden die Wundränder noch ein klein wenig auseinandergedrängt, und die Wunde wieder mit Asche und Salz bestreut. Mit dem kleinen Gäbelchen streicht die Frau dann zwei oder viermal über das Kinn nach oben. Sie darf nicht etwa fünfmal streichen, da dann ein fünfter Zahn durchbrechen könnte, der dem Leben des Kindes ein Ende machen würde. Diese Behandlung wird solange morgens und abends fortgesetzt, bis die unteren Zähne durchgekommen sind. Dann wendet die Frau ihre Aufmerksamkeit dem Oberkiefer zu, um auch da das Durchbrechen der Zähne zu überwachen und vor allem zu sehen, daß die beiden mittleren Zähne zuerst durchbrechen. Sind diese auch glücklich zum Vorschein gekommen, dann ist die Tätigkeit der Mwasirika beendigt.
Die Mutter des Mädchens darf in dieser ganzen Zeit kein Kleid nähen, da ja entsprechend jedem Nadelstich ein Zahn bei dem Kinde hervorbrechen könnte. Auch keinen Pilz wird sie ausgraben, da er nur „eine Wurzel“ hat (ungerade Zahl) und vielleicht die Veranlassung würde, daß statt der erwarteten zwei bzw. vier Zähne nur einer durchkäme. Im übrigen muß sowohl die Mutter des Kindes wie auch die behandelnde Frau in jeder Weise enthaltsam leben. Andre Gewohnheiten und Gebräuche lassen sich hier schlecht wiedergeben, nur will ich noch erwähnen, daß es verpönt ist, die Zähne bis zu einer gewissen Zeit beim wahren Namen zu nennen. Sie heißen vielmehr Vujembe, die kleinen Hacken, eine Sitte, die uns erst dann verständlich wird, wenn wir wissen, daß durch solche kleinen Kniffe die dämonischen Kräfte getäuscht werden sollen. (Vgl. S. 198-200.)
Die Mühe, die sich die Leute beim Überwachen dieses Vorgangs nehmen, hat ihren Grund wieder in einer abergläubischen Furcht. Die Regel bei ihnen ist folgende: Zuerst die unteren mittleren Zähnchen. Der Mondmonat, in dem das geschieht, muß unter allen Umständen vorüber sein, ehe die oberen Zähne durchbrechen. Kommen die oberen noch im selben Monat, oder kommen sie gar zuerst, oder kommen die oberen wohl im rechten Monat aber fast gleichzeitig mit anderen mehr seitlichen Zähnen, so ist damit dem armen Kinde das Todesurteil gefällt. Die Vaasu sagen dann: ~Mwana abuka ijego~ -- dem Kind ist ein Zahn herausgeplatzt; während der normale Ausdruck lautet: ~Mwana akweža ijego~ -- es hat gezahnt. Im ersteren Falle wird die ganze Verwandtschaft des Mannes und der Frau zusammengerufen und ihnen gesagt: „Beseht euch das Kind! Das ist nicht unser Kind! Wir haben etwas Schlechtes bei ihm gesehen!“ Wenn dann die andern den unzeitig hervorgekommenen Zahn bemerken, sagen sie: „Was sollen wir da tun? Nun kann das Kind nicht am Leben bleiben, sonst werden wir alle sterben müssen.“ Ist das Urteil im Familienrat gefällt, dann stimmen alle die Totenklage an und holen die Schüsseln, Geräte und Kleider des Kindes herbei. Später tragen die Verwandten das Kind und alle seine Sachen in den Busch. Kleine Kinder wurden einfach an den Felsen hinabgestürzt, größere erstickt. Man legte sie auch wohl, wenn sie schliefen, an das abschüssige Ufer eines Teiches oder einer hohen Klippe. Wachten sie später auf, dann wurde ihnen die erste Bewegung verhängnisvoll. Die Mutter saß währenddessen zu Hause und sang ein ergreifendes Klagelied:
O weh, o weh! Mein Kind, mein Kind! Wenn ich’s (das Unglück) bekriegen könnte, ich würde es bekriegen. Wenn ich es zertreten könnte, ich würde es zertreten. O weh, o weh! Mein Kind, mein Kind! Ihr Geister, warum habt ihr euch nicht besonnen, warum habt ihr mir mein Kind genommen? Ach hätt’ ich doch für es sterben können, wie gern würd’ ich ihm das Leben gönnen. Nun wird keiner in meinen Armen schlafen! O weh, o weh!
Es ist ergreifend, von solcher Klage zu hören und diese Nöte des Heidentums kennenzulernen. Viele Frauen wollen in ihrem Schmerz Selbstmord begehen. Wohl hat die Regierung derartige Greuel verboten; aber der Aberglaube und die Furcht sind größer als die Scheu vor der Regierung, und solche Kinder werden auch heute noch heimlich aus dem Wege geräumt.
Es ist früher schon vorgekommen, daß ein Vater sich weigerte, trotz des Unglückszahnes sein Kind töten zu lassen. Einige Fälle sind mir bekannt geworden. Das Kind wuchs auf, aber ein Verwandter nach dem andern mußte sterben. Das Orakel sagte: „Da ist einer, der euch alle umbringen wird. Nur sein Tod kann die Geister versöhnen.“ Das Kind war nun mittlerweile, wie in einem mir mitgeteilten Falle, zum Manne herangereift, der Frau und Kinder hatte. Nachdem mancher Versuch, ihn mit Gift zu ermorden, mißlungen war, lud man ihn einst zum Essen ein. Als er seine Hand in die Schüssel tauchte, wurde er überfallen und erwürgt. Auch die Kinder mußten sterben, um den Zorn der Ahnengeister zu besänftigen.
Im Banne der Furcht! --
Sind die vier Zähnchen gut durchgebrochen und auch in dem betreffenden Monat keine weiteren hinzugekommen, so wird ein kleines Fest veranstaltet, das heißt „das Kind zeigen“ (~kuvonyesha mwana~, oder: ~kuvambaža mwana~). Allen erschienenen Männern und Frauen wird das Kind „gezeigt“ und jeder muß sich die Zähne ansehen. Die Gäste begrüßen die glücklichen Eltern mit dem Gruß, der heimkehrenden Kriegern oder sonst Leuten, die einer schweren Gefahr entronnen sind, zuteil wird. Dabei werden Vater, Mutter und die nächsten Verwandten tüchtig an den Ohren in die Höhe gezogen, eine Zeremonie, deren Bedeutung mir nicht ganz klar geworden ist. (Vgl. Entsühnung nach dem Genuß eines toten Tieres. S. 178.)
Die Frau wird mit den Worten begrüßt: „Freundin, Heil dir!“ und sie erwidert: „Das geht uns alle an“ (denn wenn das Kind ein „Zahnkind“ geworden wäre, wären wir alle in gleiche Todesgefahr geraten; und wenn es hätte getötet werden müssen, dann wäret ihr ja ebenso traurig gewesen wie ich). Auch der Vater und die Verwandten werden ähnlich begrüßt. Die Besucher bringen dem Kinde kleine Geschenke mit, Perlenschnüre, Geld oder gar ein Stück Baumwollstoff. Die „Arzneien“ (Zaubergeräte) werden von der Mutter mit einem Säckchen voll Mais und einer Kürbisflasche voll Zuckerrohrbier zu der Frau gebracht, die die Zahnbehandlung gegeben hat. Der Säugling ist nunmehr in einen neuen Lebensabschnitt eingetreten, und die größten Gefahren, die das kleine Wesen schon in frühester Jugend bedrohten, sind glücklich überstanden, zur nicht geringen Freude der Eltern, die bis dahin oft genug für sein Leben haben zittern müssen.
=Schutzzauber= (~kikobwa~).
Die Kinder werden in einem Lederbeutel oder in einem Tuch auf den Hüften oder dem Rücken der Mutter getragen, in welcher Lage sie schön in Schlaf gewiegt werden. Etwa vom zweiten Monat nach der Entbindung an geht die Frau ihrer gewohnten Beschäftigung im vollen Umfange wieder nach. Will sie auf dem Felde arbeiten, nimmt sie das Kind mit und setzt es auf dem Acker in den Schatten eines Baumes. In den ersten Monaten wird aber ängstlich darauf geachtet, daß nicht viele Leute das Kind zu sehen bekommen, aus Furcht vor dem bösen Blick und sonstiger Verzauberung. Das gilt im besonderen für die Zeit, solange die Zähne noch nicht durchgekommen sind, also die Möglichkeit besteht, durch Verzauberung diesen Vorgang ungünstig zu beeinflussen.
Zum Schutz gegen diese Zauberer wird frühzeitig ein Medizinmann gesucht, welcher der Mutter und dem Kinde ein Amulett (~kikobwa~) macht, das beide vor den bösen Einflüssen schützt. Dazu schneidet er etwa 4 ~cm~ vom Hals einer Kürbisflasche ab. In diesen Zylinder werden von Fuß und Hand je ein Stückchen Zehen- bzw. Fingernagel, des weiteren ein kleines Büschel Haare und etwas Erde hineingetan, auf die man vorher den Schatten der Hände, der Füße und des Kopfes der Mutter hat fallen lassen. Die Wahl dieser Mittel läßt sich aus dem Seelenglauben der Neger erklären. (S. 164. 165.) Die Öffnungen des Behälters werden mit Wachs verschlossen. Dieses Amulett trägt das Kind an einer Schnur um den Hals. Für die Mutter wird ein gleicher Zauber bereitet und mit Nägeln und Haaren usw. des Kindes gefüllt. Der Medizinmann nimmt nun eine Schale mit Bier, setzt sich an dem Opferplatz neben der Haussäule auf die Erde und gießt etwas von dem Bier als Trankopfer für die Ahnengeister auf den Boden. Dabei betet er: ~Nkoma nijenjani, ambu nekirita, nde nywi vabaha, nemuarira. Ambu twekivona vwedi aho mtondo tunemukumbukawa!~ = Geister, helft mir! denn wenn ich auch hier behandle, ihr bleibt die Großen, denen ich vertraue. Wenn alles glücklich abläuft, so werden wir uns euer erinnern!
Der Rest des Trankopfers wird an die Hausbewohner verteilt, auch die kleinen Kinder trinken davon. Anschließend findet ein kleines Biergelage statt, bei welchem der Medizinmann den Eltern die Sorgen ob der Zähne des Kindes und seiner weiteren Entwicklung damit zu verscheuchen sucht, daß er sie auf den Schöpfer hinweist: ~Kiumbi ni kibaha~ = der Schöpfer ist groß, ihr habt eure Pflicht getan, nun laßt ihn sorgen!
Dem Kinde wird das Haupthaar nicht eher abrasiert, als bis es laufen kann. Die Mutter läßt dementsprechend ein Haarbüschel auf der Mitte des Kopfes stehen. Wird das Kind nachher krank, so wird es zum Hausarzt gebracht, der es behandeln muß. Nachdem die Zahnung glücklich vorüber ist, und das Kind laufen kann, wird der Arzt wieder gerufen. Er bringt den Ahnengeistern das versprochene Speis- und Trankopfer dar mit den Worten: „Habt Dank, ihr Geister, nun wissen wir, daß ihr mächtig seid und helfen könnt. Helft dem Kinde weiter; wenn es groß ist, wird es euch seinen Dank bringen.“
Der Rest des Trankopfers wird von allen Anwesenden getrunken, dann wieder andres Bier eingegossen, um dem Kinde und der Mutter den Kopf damit zu waschen, nachdem der Medizinmann ihnen die Haare abrasiert hat.
Beschneidung des Mädchens (~kuiva~).
Ist das Mädchen ungefähr vier Jahre alt geworden, dann sagt die Mutter zu ihrem Manne: „Jetzt wird es Zeit, daß wir unser Mädchen beschneiden lassen, damit sie nicht das Messer (mit Verstand) sieht“, d. h. versteht, was an ihr vorgenommen werden soll und aus Angst vor dem Messer fortläuft. Die Eltern beschaffen Speisevorrat für das Beschneidungsfest. Auch ein Ziegenbock wird bereitgehalten. Dann wird für den zweiten oder vierten Wochentag nach ihrer Zählung das Beschneidungsfest angesagt. Eine ältere Frau führt gewöhnlich die Operation aus.
Die Beschneidung findet im Busch nahe bei dem Hause statt. Die Frau bindet dem Mädchen je eine Zauberschnur um den rechten Fuß und um das Handgelenk. In diese Schnur hat sie unter Beschwörung Zauberknoten hineingemacht, die den allzu reichlichen Blutverlust verhindern sollen. Nachdem die anwesenden Frauen sich im Kreise aufgestellt haben, um jedem etwa heimlich Zuschauenden die Aussicht zu versperren, nimmt eine Frau ihre Kleider ab und legt sich auf die Erde. Das Mädchen wird nun auf diese Frau gelegt, und sofort treten einige andre hinzu, die es an Armen, Kopf und Beinen festhalten. Die Operateurin schneidet dann schnell die Klitoris ab und verbirgt sie in einem kleinen Ballen Kuhmist. Auch das Blut wird sorgfältig damit aufgetupft, um nichts davon in die Hände eines bösen Zauberers fallen zu lassen, dem damit die Macht gegeben wäre, das Kind zu verhexen. Diese Kotkugel wird in einem Spalt in der Hauswand versteckt und mit Lehm verklebt. Das Mädchen wird nach Hause getragen, nachdem man ihm eine Zauberschnur um den Leib gebunden und auf die Wunde etwas Butter gebracht hat. Die Operateurin bekommt Bier und einen Vorderfuß der inzwischen geschlachteten Ziege.
Die Wunde wird jeden Tag mit einer Feder gereinigt, bis nach einigen Wochen die Heilung eingetreten ist. Im Anschluß daran müssen sich die beiden Eheleute noch einer eigenartigen Zeremonie im Hause unterwerfen, deren Wiedergabe hier nicht angängig ist.
Nach der Beschneidung wartet das Mädchen ungefähr vier Jahre, um dann das nächste Frauenfest (~kuaika~) durchzumachen. Inzwischen unterrichtet die Mutter es im Ackern und Kochen. Auch übt es sich im Tanzen, darf es doch bald die Tanzfeste besuchen.
Viertes Kapitel.
Das erste Frauenfest.
(~Kuaika.~)
Mittlerweile ist das Mädchen etwa 7-9 Jahre alt geworden, und die Eltern denken daran, es in die Mysterien einzuweihen. Wenn ich schon die allgemeine Bitte voraussandte, keine erschöpfende Beschreibung aller hierher gehörigen Vorgänge zu erwarten, so möchte ich diese Bitte hier mit Bezug auf die Feste wiederholen. Man hat ja versucht, mit Alkohol und Geld die Zunge der Neger zu lösen. Es dürfte dies aber kaum der richtige Weg sein, denn dazu sitzt die abergläubische Furcht dem Neger zu tief im Herzen. Bei unsern Christenfrauen ist diese Furcht nicht mehr vorhanden, und so brauchen sie keine Rücksichten zu nehmen. Sie erzählen auch alles bis ins kleinste, wie es auf diesen Festen zugeht. Diese Beschreibungen bieten aber eine solche Fülle von Stoff, enthalten eine derartige Menge von schwer zu beschreibenden und auch höchst anstößigen Dingen, daß ich es mir versagen muß, hier darauf einzugehen, und mich deshalb nur auf die äußeren Umrisse beschränken werde. Auch die vielen Lieder, die da gesungen werden, bieten, abgesehen von ihrem fast durchweg erotischen Inhalt, wegen ihrer poetischen und altertümlichen Sprache der Übersetzung die größten Schwierigkeiten. Die Leute selbst verstehen den Sinn der Lieder zum Teil nicht mehr.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich über die Wocheneinteilung noch etwas sagen, da noch manchmal darauf Bezug genommen werden wird. Die Woche heißt ~ndisha~, gebildet von dem Stammwort ~kurisha~, hüten. Es ist die Hütewoche und zählt sechs Tage, nach welchen sich die Hirten ablösen. Der erste Tag heißt ~nguta~, dann zählen sie weiter: ~ndisha keri~ = zweiter Hütetag, ~ndisha katatu~ = dritter Hütetag, bis zum fünften Tage. Der letzte Tag heißt ~žekisia~ = wenn sie (die Hütewoche) aufhört.
Vor ungefähr 25 Jahren soll einer ihrer Propheten, vielleicht unter dem Eindruck der christlichen Festtage, von denen sie Kunde erhalten haben werden, den ersten und letzten Tag der Woche zu Feiertagen gemacht haben. Heute wird an den Tagen Nguta und Zekisia (dem ersten und letzten Tag der Woche) bei den Wapare auf Befehl eines ihrer großen Medizinmänner nicht geackert. Andre Arbeit ist erlaubt. Der zweite und vierte Wochentag sind die wichtigsten, an welchen man z. B. dem Schwiegervater die Morgengabe überreichen kann. Auch für die Frauenfeste sind diese Tage von Bedeutung.
Für das Fest legen die Eltern einen Speisevorrat zurecht. Zekisia, also am letzten Wochentage abends kommen 10-20 kleinere Mädchen zu der Novize, um bei ihr zu schlafen. Diese Mädchen heißen ~vabora va masambi~ = Schamschurzmädchen, denn sie tragen noch zwei Felle, ein langes hinten und ein kürzeres vorne. Ist das Mädchen in die Mysterien eingeweiht, so trägt es nur noch das bis an die Knie reichende vordere Fell, um auch dieses nach der Verheiratung gegen den eigentlichen Frauenfellschurz einzutauschen. Es wird dann entweder an jüngere Geschwister abgegeben oder als letztes Zeichen der Jungfrauenschaft zerrissen und fortgeworfen.
Am ersten Wochentage morgens ganz früh binden diese Mädchen der Novize so viele Bananenbastschnüre um den Leib, daß die beiden Schurzfelle darunter vollständig verschwinden. Dann kommen zwei alte Frauen, begrüßen den Vater und die Mutter und setzen sich erst ruhig hin, um sich dann plötzlich auf des Hauses Tochter zu stürzen, indem sie versuchen, ihr die beiden Schamschurze zu entreißen. Die kleinen Mädchen umgeben ihre Freundin, um sie zu „schützen“, aber mit Hilfe der Eltern gelingt es den beiden Frauen doch, die vielen Stricke, unter denen die Felle versteckt waren, zu durchschneiden. Nachdem eine Frau die beiden Felle gelöst hat, eilt sie vor die Hütte und stößt Freudentriller aus, in welche die andern Frauen einstimmen. Währenddessen sitzt das kleine Mädchen im Hause und weint:
~Woyami, isambi langu mcheku, mcheku wanishina, waniaika ne mdori, wajiwa ni ani vujikwi, wajiwa ni ani kapombe. Kave ii misi muniagana. Nanga namanya nikaaha.~
Das heißt in der Übersetzung etwa:
O weh Mutter, wo ist mein Fell, warum, o Mutter bist du mir böse? Warum muß ich ins Fest so schnell? Wer wird nun für dich auf Holzsuche gehn, wer wird für dich künftig Wasser holen? (Das ist ihr in Zukunft nicht mehr erlaubt.) Gegen mich habt ihr euch dieser Tage verbündet, hätt’ ich’s gewußt, ich wär’ fortgelaufen.
Die Mutter macht dem Weinen aber dadurch ein Ende, daß sie sagt: „Mach uns hier nicht nervös, wer ist dir denn gestorben, daß du so weinst?“ Das Mädchen bekommt vorläufig die beiden Schurzfelle wieder. Dann fängt die alte Frau an, sie mit Asche einzureiben, und das Mädchen selbst pudert sich am ganzen Körper damit ein. Das ist nun vier Tage lang ihre Arbeit, während welcher Zeit sie sich nicht waschen darf. Auch jeder Junge oder Mann, der in die Nähe der Hütte kommt, erhält von ihr ein Aschezeichen auf den Fuß.