Part 5
Die Mädchen nehmen ihre kleinen Holzlasten ebenfalls auf, und der Zug setzt sich wieder dem Hause zu unter Trommelschall und Gesang in Bewegung. Wenn die als eigentliche Festleiterin bestellte Frau sie im Festhause hört, stößt sie den Freudenruf aus und kommt heraus. Der Zug geht viermal um die Hütte herum, worauf die Frau der Führerin und der Mwai ihre Lasten abnimmt. Sämtliche Tragpolster werden aufgehoben, um nachher ebenfalls verbrannt zu werden. Im Hause werden die Mädchen dann mit Bier und Speise bewirtet.
Nachdem sich alle gestärkt haben, treten sie wiederum vor die Hütte, und die Frau setzt der Mwai unter Freudentrillern eine Kürbisflasche zum Wasserholen auf den Kopf und sagt ihr: „Jetzt bist du eine Mwai wa shuke, nun darfst du wieder Wasser holen wie die andern.“ Die Mädchen gehen dann alle an die Schöpfstelle, um Wasser zu holen.
Des weiteren bringt die alte Frau das Mädchen in einen Bananenhain, um ihr bei einigen Hackenschlägen die Hand zu führen. Bald sagt sie dann: „Nun ist es Abend, du bist müde von der Arbeit, laß uns wieder nach Hause gehen.“ Dort angekommen, bindet ihr die Frau nach Landessitte einen kleinen Fasersack um, bringt sie in ein Bohnenfeld, führt ihre Hände zu den Bohnen, und die Mwai pflückt einige davon. Damit ist sie in alle diese Arbeiten, die ihr so lange untersagt waren, eingeführt und darf sie in Zukunft wieder verrichten. Die Frau erbittet von den Mädchen und auch von andern Leuten noch recht viele Perlschnüre, und die Mwai wird damit so geschmückt, wie das Bild es zeigt.
Bei dieser Gelegenheit will ich wenigstens erwähnen, daß es außer den hier beschriebenen Mädchenfesten noch eine Reihe anderer gibt, die den besonderen Stämmen eigentümlich sind. Sie weisen mehr oder weniger große Unterschiede auf oder sind ganz von den uns schon bekannten Festen verschieden. Das letzte Frauenfest des Stammes derer von Bwambo, der angeblichen Ureinwohner von Pare, heißt ~kuchungua ngovi~. Sie haben die gute Sitte, daß vor erfolgter Menstruation und dem sich daran anschließenden Fest bei ihnen ein Mädchen unter keinen Umständen heiraten darf. Die Bilder zeigen drei Novizen (~vai~) mit den eigentümlichen, über ¾ ~m~ hohen Kronen aus den jungen, noch unentwickelten Blattrieben des Zuckerrohres. Diese einzelnen Feste ausführlich zu beschreiben, würde hier zu weit führen.
Nach Ablauf einer oder mehrerer Wochen wird die Mwai „auf den Markt gebracht“ (~kufwinya mwai kiete~). Jene „Frau des Festes“ legt dem Mädchen allen Schmuck an, und die ganze Gesellschaft, die sich wieder eingefunden hat, begibt sich auf den Markt. In dessen Nähe angekommen, wird die Mwai von den Mädchen auf den Rücken genommen und getragen. Auf dem Marktplatz wird sie auf Bananenblätter gesetzt, manchmal wohl auch mit einem Tuch verhüllt. Andere wiederum stehen mit nach unten gerichteten Augen ruhig da. Ist der Markt vorüber, wird die Mwai wieder ein Stück des Weges auf dem Rücken getragen, um dann mit den andern zu Fuß nach Hause zu gehen. Nun ist auch den weiter Fortwohnenden, die zum Markt gekommen sind, bekannt geworden, daß die Jungfrau ihre Festeszeit ordnungsmäßig beendet hat und damit zumeist heiratsfähig geworden ist.
Am nächsten Tage wird dem Mädchen das in langen Strähnen herunterhängende Haar abgeschoren, von der Mutter sorgfältig gesammelt, und auf den Dachboden gelegt, damit es ja nicht einem Zauberer in die Hände fällt, der damit Unheil über das Mädchen bringen könnte. Immer noch muß die Mwai die ihr eingeschärften Umgangsformen beobachten, langsam gehen usw. Nach ungefähr einer Woche wird dem Mädchen das neugewachsene Kopfhaar bis auf eine kleine Stelle rundherum abgeschnitten. Die stehengebliebenen Haare werden wieder so mit dem Saft von ausgekautem Zuckerrohr behandelt wie während der Festzeit selbst. Nach Verlauf von ungefähr einem Monat wird das Haar noch einmal abgeschoren, und die schon mehrfach erwähnte Frau nimmt der Mwai den Stirnperlenkranz ab und stößt den Freudentriller aus. Die Mwai entledigt sich selbst der übrigen Ketten und Schmuckstücke. Die alte Frau richtet noch die für die moralische Auffassung unsrer Wapare bezeichnenden Worte an die Mwai: „Nun bist du aus dem Fest entlassen. Wenn wir dich jetzt sehen sollten, daß du dich mit den jungen Burschen abgibst, so haben wir nichts dagegen.“ .. Die Jugend ist dahin. Bald wird ein Mann, der oft seinem Alter nach ihr Großvater sein könnte, um sie werben, und wenn die Eltern sehen, daß er reich oder vornehm ist, dann haben sie viele Mittel an der Hand, das furchtsame heidnische Herz der Tochter ihrem Willen gefügig zu machen und oft den geliebten Jugendgespielen fahren zu lassen. Von ihm nimmt sie Abschied. Tränen werden nicht dabei geweint, dazu sind sie beide zu stolz. Sie sagt ihm wohl: „Ich muß ihn nehmen!“ Vor wenigen Wochen oder Monaten hatte man ihr der Sitte gemäß beim „Tanz des Weinens“ das Festlied gesungen:
Du Jungfrau, du wolltest doch weinen, nun weine! Beweinst du nicht, was heute vorgeht? Nur zu, bewein’ es. Das ist das Ende, das Allerletzte!
Wahrscheinlich hatte sie den Sinn dieses wie so mancher anderer Festlieder nicht verstanden. Aber bald dämmert ihr die Erkenntnis, daß sie damals wirklich Grund zum Klagen gehabt hat. Es war „das Ende, das Allerletzte“ der schönen, sorglosen Jugendzeit. -- -- -- In den kommenden Jahren der mühsamen Feldarbeit und aufreibenden Nachtwachen in dürftigen Wachhütten wird die bald verblühte Frau oft an ihre sorglose Jugendzeit denken, die sie zum größten Teil verbracht hat als
~Mwai wa nyumba.~
Sechstes Kapitel.
Die ersten Lebensjahre des Knaben.
=Der Zahnzauber= (~kusirika~).
Nachdem wir uns das Hauptsächlichste aus den Frauenfesten vor Augen geführt haben, wollen wir nun versuchen, die bedeutendsten Ereignisse im Leben des Knaben kennenzulernen. Über den Zahnzauber der Mädchen ist das meiste schon unter S. 31 ff. gesagt worden und braucht hier nur noch das eine oder andre nachgeholt zu werden.
Schon in den ersten Wochen nach der Geburt wird dem Kinde eine Bastschnur oder etwas ähnliches um den Hals gebunden, „damit er nicht aussieht wie ein Toter“, denn ein Toter wird ja auch begraben, wie er geboren ist, nämlich völlig nackt und ohne Schmuck. Oder sie sagen auch wohl: „Unser Junge soll nicht aussehen wie eine ~ibunga~, d. i. ein schlecht geformter Flaschenkürbis, dessen Hals ja ebenfalls keinerlei Schmuck aufweist.“
Während das Mädchen erst im vierten Monat in die Behandlung der Frau gegeben wird, geschieht dies bei dem Knaben bereits im dritten, in welchem er das erste Zahnamulett, das Mlinga, erhält, das wir schon beim Mädchen kennenlernten. Bis zum Durchbruch der unteren Zähne wird der Junge auf der nach unten gelegenen Hausseite behandelt. Die Behandlung der oberen Zähne wird auf der entsprechenden oberen Veranda vorgenommen. Allerlei Sympathiemittel dienen auch hier wieder dazu, den Durchbruch der gewünschten Zähne zu erleichtern und das vorzeitige „Herausplatzen“ der gefährlichen seitlichen Zähnchen zu verhüten. Dem ersteren Zwecke dient z. B. Kot von Schnecken. Wie aus dem Kopf der Schnecke die „Hörner“ hervorkommen, sollen auch auf der mit ihrem Kot bestrichenen Stelle die Zähne durchbrechen. Kot von Hyänen dient dem entgegengesetzten Zweck, nämlich der Verhütung des Durchbrechens der seitlichen Zähne. Wie diese feigen Tiere sich fast nie dem Menschen zeigen, sollen auch die „schlechten Zähne“ unsichtbar bleiben. Die erste Arznei heißt „Zugpflaster“, die andere „Zurückhaltungsarznei“. Sind die vier ersten Zähnchen glücklich durchgekommen, so wird das schon weiter vorn erwähnte Fest gefeiert: ~kumvonyesha mwana~ = das Zeigen des Kindes. Würde dies nicht geschehen, so müßten die Verwandten doch Befürchtungen hegen, ob alles mit der Zahnung in Ordnung sei. So aber kann jeder sich überzeugen, daß die Zähne regelmäßig gekommen sind, und keiner darf das Kind in späteren Jahren beschuldigen, daß es durch sein Dasein als „Zahnkind“ das Leben seiner Verwandten gefährde und nachträglich getötet werden müsse.
Erziehung bis zur Beschneidung und nachher.
Im allgemeinen sind die Wapare sehr nachsichtig gegen ihre Kinder und mit körperlichen Strafen nicht schnell bei der Hand. Ihre Erziehung liegt ihnen aber doch am Herzen. Eine Frau, die selbst sauber ist, erzieht schon ihren Kleinen zur Reinlichkeit und versetzt ihm wohl auch, wenn das Reden nichts nützt, einen Klaps; aber die körperliche Züchtigung ist bei ihnen immer die ~Ultima ratio~. Schon der kleine Junge ist bei irgendeiner Krankheit, nachdem der Arzt gerufen, von diesem behandelt worden, indem die betreffende kranke Stelle des Körpers mit einem kleinen Messer überall aufgeritzt und Arznei in die Wunden gerieben wurde. Dabei ging es natürlich nicht ohne viel Ach und Weh ab. Ist nun der Junge unfolgsam, so sagt die Mutter wohl: „Gleich werde ich den Doktor rufen!“ Das hilft in den meisten Fällen. Einmal ritt ich an einem Gehöft vorbei, als die Mutter gerade ihrem ungehorsamen Sohne sagte: „Siehst du, das ist der Europäer mit dem großen Tier, welches dich schon immer fressen sollte. Versprich mir, daß du dein Schwesterchen nie mehr auszankst!“ Als er mit der Abgabe des Versprechens zögerte, hielt ich mein Maultier an, und sofort gelobte er unter großem Geschrei, sich fernerhin sittsam zu betragen. Werden die Jungen größer, so machen sie sich bald über solche Drohungen der Mutter lustig. Da nimmt denn die Mutter als letztes Mittel einen großen Mattensack, tut Brennesseln hinein und auch den Bösewicht, der sich nun in dem zugebundenen Sack auf der Erde wälzt und dadurch das Verfahren zu einem immer peinlicheren macht. Diese Strafe soll eine sehr gefürchtete sein. Auch mit dem ~ngurunguru~, dem Waldungeheuer, von welchem wir noch weiter unten hören werden, wird den Kindern gedroht. Anderseits verspricht die Mutter als Belohnung für gehorsam getane Arbeit, den Kindern etwas vom Markt mitzubringen, etwa schöne, reife Bananen.
Spielend lernt das Kind zu arbeiten. Dem Knaben gibt die Mutter eine wilde Frucht, bindet eine Schnur daran und sagt zu ihm: „Das ist deine Kuh, führe sie fort.“ Sie macht ihm frühzeitig einen kleinen Bogen und kleine, einfache Pfeile, wenn er auch noch nichts damit schießen kann. Ihrer Tochter gibt sie ein Stück von einer Bananenstaude, zerstößt das eine Ende etwas, daß die Fasern wie die Haare einer Mwai wa nyumba herunterhängen, und sagt dem Mädchen: „Das ist dein Kind, verwahre es.“ Mit solchem Spielzeug sind die kleinen Parekinder mindestens ebenso glücklich wie die unsern mit ihren manchmal recht kostbaren Puppen und Pferden. Neues kann außerdem jeden Tag angefertigt werden. Die Phantasie des Kindes ersetzt auch bei den Negern das Fehlende.
Wird der Junge größer, dann übernimmt er schon selbständig kleinere Arbeiten. Er bewacht während eines kurzen Ausganges der Mutter den Mais, daß die Affen nichts stehlen, oder der Vater übergibt ihm ein krankes Schäflein, damit er es in der Nähe des Hauses an einem Stricke weide. Da wird dem Jungen dann die Phantasie rege. Er sieht sich schon als Besitzer einer großen Herde, bindet sein ihm anvertrautes Schaf an einen Baum und baut sich einen kleinen Stall. Dahinein trägt er allerlei Früchte, große und kleine, das sind seine Kühe und Ziegen. Und er hat sich so in sein Spiel vertieft, daß er gar nicht bemerkt, wie sich das Schaf mit einem Ruck losreißt und in Nachbars Garten den Mais abfrißt. Erst des Vaters scheltende Stimme ruft den in sein Spiel Vertieften in die Wirklichkeit zurück. Und wenn dann der Nachbar sich seinen Schadenersatz beim Vater holt, wird dem angehenden Hirten wohl auch handgreiflich demonstriert, daß die Arbeit, wenn auch spielend erlernt, einmal erlernt eben kein Spiel mehr ist.
Mit zunehmendem Alter verfertigt der Vater seinem Sohne einen richtigen Bogen und Pfeile und unterweist ihn gleichzeitig in der Kunst des Schießens. Fast jeder etwa zehnjährige Parejunge ist schon ein kleiner Meister im Verfertigen dieser Waffen. Zuerst übt er sich, indem er etwa auf eine Bananenstaude schießt, später auf Vögel und Affen. Beim Hüten lernt der kleine Bursche auf die mannigfaltigen Vorgänge in der Natur zu achten und seine Kenntnisse von all diesem würden manchen doppelt so alten Gymnasiasten in der europäischen Großstadt in Erstaunen versetzen. So ein Junge kennt schon die meisten Bäume bei Namen, weiß von den Gewohnheiten vieler Tiere und der Verwendung von mehr als einer Arzneipflanze. Auf der andern Seite erwirbt er schon in frühester Jugend besonders auf den Tanzfesten mancherlei Kenntnisse, die seine Gedanken vergiften und die es ihm nachher schwer machen, sein Herz dem Christentum zu öffnen. Solange die Jungen noch klein sind, schlafen sie zu Hause. Aber schon im jugendlichen Alter werden sie auf die nächtlichen Viravu-Tänze gebracht, damit sie sich beizeiten an diese Dinge gewöhnen. Bald wird es dann nicht mehr für anständig gehalten, daß sie zu Hause bei ihren Eltern schlafen. Sie suchen sich, meistens mehrere Genossen zusammen, eine Schlafstelle bei irgendeinem Bekannten, bei dem sie bleiben, bis sich jeder von ihnen selbst ein Heim gründet.
Zu Hause wird der Knabe früh daran gewöhnt, mit seinem Vater zu essen, das Mädchen mit ihrer Mutter, damit die Kinder, wenn Gäste kommen, keine Schwierigkeiten machen; denn dann müssen der Sitte gemäß Männer und Frauen ihre Mahlzeit getrennt einnehmen.
Die Missionsschule hat natürlich etwas ganz Neues in das Leben der Kinder gebracht. Zuerst verhielten sich die Alten sehr ablehnend, weil sie glaubten, jeder, der die Schule besuchte, müßte notwendigerweise zum Christentum übertreten. Auch verlangten sie wenigstens Tagelohn für jeden Schüler. Nachdem sie aber gesehen hatten, daß viele die Schule durchmachten, ohne Christen geworden zu sein, daß sie auch nicht dazu gezwungen wurden, haben sie mit raschem Blick den dargebotenen Vorteil erkannt. Wenn auch bei vielen die Bedenken noch nicht geschwunden sind, so dringen doch die meisten Eltern erfreulicherweise bei ihren Kindern auf einen regelmäßigen Schulbesuch, wenigstens war das in Pare der Fall, wo wir auf unsern vier Stationen und den dazugehörigen Außenschulen über 2000 Knaben und Mädchen in allen Elementarfächern unterrichteten. Die Kleinen lernen im allgemeinen sehr leicht, und es ist eine Freude, sie zu unterweisen, besonders wenn man etwa 150 aufgeweckte Steppenkinder vor sich hat. Dieselben dummen Streiche, die zu Hause in der Schule verübt werden, findet man auch hier wieder, und überhaupt ist der ganze Schulbetrieb der gleiche wie in Deutschland. Sobald der Junge schreiben kann, schreibt er leidenschaftlich gern Briefe. Ja, selbst die erste schüchterne Anfrage bei der künftigen Frau geschieht heutzutage brieflich. Ist der Junge etwa 16 Jahre alt, dann wird er von der Regierung zur Steuerzahlung herangezogen. Unter deutscher Herrschaft erhielt er eine Arbeitskarte, die ihn verpflichtete, innerhalb vier Monaten fünf Wochen beim Europäer zu arbeiten. Die Einführung dieser Sitte war für die allgemeine Hebung des Volkes sicher von Bedeutung. So ist der Parejüngling in einem Alter, wo die meisten Europäer noch Kinder sind, schon Arbeiter, Steuerzahler und oft auch Familienvater.
Die Beschneidung.
Das Alter der für diese -- bei unsern Wapare entschieden religiöse Handlung -- in Frage kommenden Knaben ist verschieden. Manche werden in früher Jugend beschnitten, andre erst, wenn sie 8-10 Jahre alt sind. Ich selbst konnte auf die Einladung eines hiesigen Häuptlings hin einmal der Beschneidung eines etwa sechsjährigen Knaben beiwohnen. Als „Festspeise“ wurde ein Ochse geschlachtet. Weniger vornehme Väter begnügen sich mit einem Ziegenbock. Während der Mann seine Freunde zum Zuckerrohrschneiden einlädt, ruft die Frau ihre Nachbarinnen, ihr bei der Bereitung der Speise und dem Zerreiben der Zuckerrohre zwecks Bierbereitung zu helfen.
Am Abend des der Beschneidung voraufgehenden Tages richtet der Vater in seinem Hause an die Ahnengeister etwa folgendes Gebet: ~Nkoma, guhani luhwa lwenyu, ambu mawa enyu e uko wanga. Mrereheni uu mwana, ambu yavo henevecha mkea aha. Uu mwana ni nkungu mposha, tevonwa ni mbiba. Mukome vibamba meso, kangi hasitee verigana.~ -- Ihr Ahnengeister, nehmt dieses Opfer von ungegorenem Bier an, denn euer gegorenes Bier ist oben auf dem Hausboden (wo es über Nacht der Gärung harrt)! Habt acht auf diesen Jungen, denn morgen wird ein Dieb hier vorbeigehen. Unser Junge ist eine taube Nuß, um die kümmert sich der Mbiba (Hamster) nicht. Macht alle die Käfer blind, sorgt dafür, daß kein Streit entsteht. -- Zum Verständnis sei folgendes bemerkt: Das eigentliche Wort für schneiden, ~kuchwa~, wird ungerne gebraucht, die Wunde würde dann schlecht heilen. Deshalb nimmt man dafür das Wort „stehlen“, der behandelnde Arzt ist der „Dieb“, der bei dem Hause vorbeikommen wird, um das Präputium zu stehlen. Der Junge wird mit einer tauben Nuß verglichen. Deshalb sollen sich die bösen Zauberer um ihn so wenig Mühe machen wie der Hamster um eine taube Nuß, die er schon beim Aufheben als solche erkennt und wieder fallen läßt. Auch werden die Geister gebeten, allen Käfern, gemeint sind die Hexen, die Augen zuzuhalten, damit sie durch ihren bösen Zauber die Wunde nicht zu einer schwer heilenden machen. Das würde auch geschehen, wenn die Gäste im Rausche einander Grobheiten sagen.
Zur gleichen Zeit betet der Hausarzt über seinem kleinen chirurgischen Messer zu seinen Ahnen wie auch zu den Ahnen der Familie derer, die das Fest veranstalten: „Ihr Geister, ihr habt euch doch bei Lebzeiten gekannt, helft meinem Messer, daß alles glücklich verläuft und ich ein angesehener Arzt werde, den alle Leute rufen.“
Am andern Tage findet dann die eigentliche Beschneidung statt. Etwas im Gebüsch verborgen treffen die Männer die Vorbereitungen, die in der Hauptsache im Schlachten und Zerlegen des Ochsen oder der Ziege bestehen. Sie erhalten gleich ihren Anteil, den sie mit nach Hause nehmen dürfen. Unterdes ist auch der Arzt erschienen. Schnell setzt sich einer der Männer auf ein bereitliegendes Fell. Der meist ahnungslose Junge wird gegriffen und auf dieses Mannes Schoß gesetzt. Andere halten ihn an Armen und Beinen fest, und in etwa einer Minute ist die Operation beendigt. Sie ist natürlich für den kleinen Kerl äußerst schmerzhaft, und er schreit dementsprechend unaufhörlich.
Nach Beendigung der Operation nimmt der Arzt einen Schluck Bier und bespützt damit die Wunde. Um zu verhüten, daß die Leisten oder andre Teile anschwellen, wird eine Schnur aus der Rinde des Rizinusbaumes mit vier Zauberknoten dem Knaben um den Leib gebunden. Das Präputium sowie das auf dem Fell haftende Blut wird sorgfältig in einen Ballen aus Kuhmist getan und dieser in die Wand des Hauses eingemauert. Denn wenn solche Seelenträger einem bösen Zauberer in die Hände fielen, wäre die schnelle Heilung der Wunde ausgeschlossen.
Das Messer des Arztes ist ein heiliges Messer, d. h. es wird zu nichts anderem als nur zum Zwecke der Beschneidung gebraucht. Nach der Operation findet ein Festmahl und Biergelage statt. Die Wunde wird am andern Tage von der Mutter oder vom Vater mit einer Feder gewaschen und mit feinem Sand bestreut. Ist dieser Sand am nächsten Tage festgetrocknet, so überläßt man das übrige ruhig der Natur. In etwa zwei Wochen ist alles verheilt. In diesen Tagen bedeckt der Junge nur den Oberkörper mit einem kleinen Lappen und wartet im Hause seiner Eltern die Heilung ab.
~Kuliwa masoro.~
Ist der Junge etwa 7 Jahre alt, so laden die Eltern wiederum ihre Verwandten und Nachbarn ein, um für den Jungen ein offizielles Mehlbrei-Essen zu veranstalten, damit er dann durch das Waldfest, welches im nächsten Kapitel beschrieben wird, in die Stammesgemeinschaft aufgenommen werden kann.
Nachdem Männer und Frauen das Bier bereitet und die Frauen außerdem für genügend Speise gesorgt haben, findet am vierten Wochentage die Zeremonie statt. In dem betreffenden Hause sind nur Frauen anwesend. Die Mutter und vielleicht auch Verwandte setzen sich in dem Hause auf die Erde. Sie sind alle unbekleidet. Eine Frau nimmt nun das Kind und setzt es viermal in den Schoß der Mutter und dann auch der andern Verwandten. Dabei hört man die üblichen Freudentriller. Darauf kommt der Vater mit drei seiner Genossen herein, und auch ihm gibt man das Kind in den Arm. Der Junge (oder das Mädchen) erhält nun einen neuen Namen, gewöhnlich den seines Großvaters väterlicherseits. Der nächstgeborene Junge würde den des Großvaters mütterlicherseits erhalten. Danach heißt auch das Festessen „Namen-Mehlbrei“. In der Hauptsache ist es den Leuten, wie mir scheint, daran gelegen, einen Grund zu haben, sich nochmals tüchtig zu betrinken und gut zu essen. Bei manchen Stämmen schließt sich daran noch ein weiteres Frauenfest, ~mchumbi~, welchem nur solche Frauen beiwohnen dürfen, die das gleiche Fest auch durchgemacht haben. Der Mutter werden Perlkränze und Schmuck umgehängt und andre Erinnerungen aus der Jugendzeit aufgefrischt, so daß sie sich für eine kurze Zeit wieder als Mwai wa nyumba fühlen kann. Eine nähere Beschreibung ist hier nicht angängig. Ich will nur noch erwähnen, daß es in dieser Zeit des Kampfes zwischen Christentum und Heidentum schon vorgekommen ist, daß Leute für ältere Kinder, die schon getauft waren und sich weigerten, das Fest mitzumachen, dasselbe auch ohne die Kinder feierten, um die hergebrachte Sitte dennoch zu befolgen.
Siebentes Kapitel.
Das Waldfest (~mshitu~).
Der Mshitu oder das Waldfest ist das erste aller Parefeste. Soll es gefeiert werden, so verbreitet sich die Kunde mit Blitzesschnelle durch alle Lande, selbst bis nach Usambara hinüber. In langen Schlangenlinien kommen dann aus allen Richtungen die Festteilnehmer mit den aufzunehmenden Knaben über die Berge gezogen, und weithin erschallt eins der Marschlieder durch die stille Landschaft: ~Kombo ehee, kombo-e, hoe!~ Über dieses berühmte Mshitu sind schon allerlei Märchen erzählt worden. Was ich selbst auf verschiedenen Festen, zu denen mir von den Leuten der Zutritt erlaubt worden war, sah, und was mir dann von meinen z. T. christlichen Gewährsleuten erklärt und ergänzt wurde, will ich in der Hauptsache im folgenden erzählen. Da die Lieder, die bei diesem Fest gesungen werden, sowie auch manche der symbolischen Handlungen z. T. äußerst anstößig sind, so muß ich mich darauf beschränken, nur eine Auswahl niederzuschreiben, bzw. den Text in der Übersetzung freier wiederzugeben.
Gewöhnlich hat jeder Stamm und jede Sippe ihren eigenen Mshitu oder Wald. Diese heiligen Wälder sind in grauer Vorzeit von den Ahnen angelegt worden. Sie dürfen zwar betreten werden, aber niemand fällt einen Baum oder sucht Holz in ihnen. Jeder „Holzfrevel“ wird mit einer Ziege gesühnt, die dann im Walde geopfert werden muß, damit er wegen der „Wunde“, die er erhalten hat, versöhnt wird.