Part 23
Unsre Wapare essen die Nashornvögel gerne; noch beliebter aber sind bei ihnen die grünen und fetten Papageientauben. Deshalb sagt der Jäger: ~Sikakenje mivwi na mahondo, ninga žekiza nnegera-ni?~ = Ich werde doch meine Pfeile nicht alle auf die Nashornvögel verschießen; wenn die Tauben kommen, was soll ich dann auf die Sehne legen? Dies Gleichnis läßt sich natürlich gleich allen andern bei den verschiedensten Gelegenheiten verwerten. So gebraucht die Hausfrau es -- um nur ein Beispiel anzuführen -- wenn sie einen Speisevorrat aufhebt für etwa noch später kommende Gäste oder gar ihren Mann.
Die Eule ist nach der Anschauung unsrer Wapare die Dienerin des bösen Zauberers, das einzige Lebewesen, das es mit ihm hält. Ergreift nun der Häuptling, vielleicht weil er sich hat bestechen lassen, die Partei eines Mannes, der nach Ansicht aller Ältesten seinen Prozeß verloren hat, so läßt sich wohl der Kläger ob solcher offensichtlichen Rechtsbeugung in seinem Zorn auf den Richter zu den Worten hinreißen: ~Waoka mnkwingwi, wamuka na msavi~ = du bist eine Eule geworden, die es mit dem bösen Zauberer hält.
In einer ganzen Reihe von Sprichwörtern verspottet der Negerphilosoph den Gierigen, der immer in Angst lebt, er könne irgendwie benachteiligt werden, oder ihm könne das beste Stück entgehen. In seinem Bestreben, recht viel zu bekommen, schneidet er an dem Fleisch herum, bis er die Strafe hat: ~Msulu echwa chaa chakwe~ = der Gierige schneidet sich zuletzt in seinen Finger. Oder er wählt lange aus, um ja das beste Stück des bereits zerlegten Ochsen zu bekommen, auch hier zu seinem eignen Schaden, denn: ~Msagura maeto eguha ieto la ivende~ = der Wählerische greift schließlich nach einem Stück Fleisch, das einen dicken Knochen hat. Deshalb bezähme dich, du Gieriger, sonst ergeht es dir wie jener Hyäne. „Es war einmal eine Hyäne, die durch den Busch ging und an einen Scheideweg gelangte. Als sie sich die beiden Wege genau betrachtete, bemerkte sie auf beiden die Spuren von Kühen. O, dachte sie, ich werde den Kühen nachgehen, vielleicht ist eine unterwegs krank geworden und liegengeblieben. Die beiden Wege liefen zuerst nebeneinander her, und es fiel der Hyäne schwer, sich für den einen oder andern zu entscheiden, da beide Beute verhießen. So lief sie mit den linken Füßen auf dem einen und mit den rechten Füßen auf dem andern Wege. Und weil die Unersättliche in ihrer Gier keinen Weg aufgeben wollte, diese Wege aber immer weiter auseinandergingen, zerplatzte sie schließlich mit lautem Knall.“
Die meisten solcher Weisheitssprüche lassen sich in der Heidenpredigt gut verwerten, so die folgenden: ~Vazoro na vazoro tevekombolana~ = Sklaven können sich nicht gegenseitig freimachen. Der Eingeborne hält seine Kühe nicht alle im eignen Stall, sondern stellt sie in verschiedenen Landschaften bei seinen Freunden unter, „teilt sie aus“, damit zur Zeit einer Viehseuche nicht sein ganzer Besitz auf einmal gefährdet ist. Ja, wenn er genügend hat, dann borgt er auch ganz gerne dem andern ein Stück Vieh; denn gerät man selbst einmal ins Unglück und verliert all sein Eigentum, dann kommt einem solche noch ausstehende Forderung sehr gelegen. Deshalb sagen die Vaasu: ~Kugwirisha si kunesha, kuinkiža ni kuvika~ = festhalten ist kein mehren, aber austeilen bedeutet sparen. An Hand eines solchen Spruches kann man leicht Texte wie Matth. 6, 19. 20 erklären. Oder wir wollen ihnen das Psalmwort predigen: „Auf Gott hoffe ich und fürchte mich nicht; was können mir die Menschen tun?“ Ps. 56, 12. Der kritisch veranlagte Neger hat in seinem Herzen sogleich allerlei Bedenken, wenn er sie auch nicht äußert. Er philosophiert: „Ja, so sagt ihr Europäer, ihr seid die Herren im Lande, ihr glaubt auch nicht an Zauberer, die Häuptlinge und Mächtigen im Volke können euch in der Tat nichts anhaben; aber auf uns paßt der Spruch doch wohl nicht.“ Wie gut ist es da, wenn man ihnen mit einem ihrer Sprichwörter zeigen kann, daß der Gedanke des Psalmisten bereits keimhaft in ihrem eignen Volksempfinden vorhanden ist und nur durch den christlichen Glauben veredelt werden soll. Denn unsre Eingeborenen sagen: ~Kizinya kigango, lukumbi lwekidofa luna-ni~ = wenn nur das Dach in der Mitte am Firstbalken dicht ist; wenn es auf der Veranda durchregnet, das macht nichts. Damit will der Mwasu sagen: Wenn der Oberhäuptling auf meiner Seite steht, dann brauche ich die andern nicht zu fürchten. Wie leicht hat es da der Missionar, der solche Sprüche kennt, auf Gott als den Obersten aller hinzuweisen und das Gefühl der Geborgenheit unter seinem Schutze mit Paulus zu preisen: „Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?“
Auf der andern Seite lehrt die Negerweisheit aber auch, daß alles verloren ist, wenn +der+ uns verläßt, auf den allein wir bauen konnten. Wenn jemand von einer Schlange gebissen wird, so ist das allerdings sehr gefährlich; aber man braucht die Hoffnung nicht aufzugeben; denn da ist der Mnkulo-Baum. Von dessen Holz läßt man sich schnell etwas auf die Wunde schaben, und das Gift wird zerstört. Die Kraft des Mnkulo-Baumes ist eben doch noch größer als selbst die des Schlangengiftes. Was für das Haus der Firstbalken, das ist für die Medizin das Mnkulo-Pulver. So ist Gott für uns die einzige Rettung aus irgendwelcher Not.
Doch der Parephilosoph spinnt den Gedanken des Gleichnisses weiter. Für den Schlangenbiß hast du zwar den bekannten Baum als Gegenmittel. Was kannst du aber anwenden, wenn dieser Baum, der doch schon das kräftigste aller Heilmittel ist, dich „beißt“, d. h. statt deine Rettung deine Vernichtung will? ~Wekiumwa ni nyoka, uneshaiwa mnkulo, mira wekiumwa ni mnkulo, uneshaiwa-ni?~ = Wenn du von einer Schlange gebissen wirst, schabt man dir Mnkulo(pulver) auf die Wunde, aber wenn du vom Mnkulo gebissen wirst, was dann? Die Frage bleibt unbeantwortet. Es gibt dann eben keine Rettung mehr. Nun wird plötzlich dem ungläubigsten Heiden klar, warum Könige, Große und Gewaltige an jenem Tage zu den Bergen und Felsen sagen werden: „Fallet über uns und verberget uns vor dem Angesichte des, der auf dem Stuhl sitzt, und vor dem Zorn des Lammes (das sonst immer nur als Heiland den Menschen gegenübergetreten, jetzt als der, der die Kelter des Zornes Gottes tritt)! Denn es ist gekommen der große Tag seines Zorns, und wer kann bestehen?“
Wunderbar weiß der Eingeborne in der Not zu trösten, und mancher Europäer, der mit seinem schwarzen Diener, Dolmetscher oder Soldaten gemeinsam schwere Stunden verlebte, hat das bezeugt. Angesichts des Todes, der einem sein Liebstes geraubt hat, fügt man sich in das Unabänderliche: ~Nkore ya Murungu teikombolwa~ = die Beute Gottes kann man nicht wieder auslösen. Gewöhnlich sind es gerade die besten, die früh dahingerafft werden, wie auch der Jäger die guten Pfeile zuerst verschießt. Damit tröstet man die Hinterbliebene, indem man sagt: ~Mivwi yedi teikaa he iziaka~ = die guten Pfeile bleiben nicht lange im Köcher.
Wie die Märchen, so verraten auch die Simo unsrer Wapare ihren prächtigen Humor und ihre in manchen Dingen optimistische Lebensauffassung. Selbst einer an und für sich unangenehmen Sache versuchen sie noch eine Lichtseite abzugewinnen, wie auch unser Dichter sagt: „So schwarz ist keines Unglücks Nacht, ein Blümlein hängt an seiner Kette.“ Der Eingeborne gibt den gleichen Gedanken durch das folgende drastische Gleichnis wieder: ~Kugwa he muti nikwo na kusea~ = nachdem man vom Baume heruntergefallen ist, ist man damit auch herabgestiegen. Gewiß, das Herunterfallen von einem Baum ist an und für sich nichts Angenehmes. Wenn es aber einmal Tatsache geworden und man mit ziemlich heiler Haut davon gekommen ist, dann gilt es zu überlegen, ob an dieser Kette nicht ein Blümlein hängt. Das ist hier der Fall; denn der Abstieg von einem hohen Baume ist nicht immer leicht und ungefährlich. Wer aber heruntergefallen ist, der ist damit der Mühe des Abstiegs enthoben. Mit solchen Erwägungen tritt der Mwasu würdig an die Seite Leberecht Hühnchens, der es bekanntlich ähnlich machte.
Eines Tages sah ein Neger, wie ein Huhn trotz seiner kurzen Füße und seines geringen Körpergewichtes auf einem schlüpfrigen Wege einen Fehltritt tat und ausrutschte. Daran knüpfte er seine Betrachtungen. Wenn das schon bei einem Huhn vorkommt und entschuldigt werden muß, wieviel mehr bei einem Menschen, der soviel größer und schwerer ist. Deshalb warnt er vor allem unbarmherzigen Richten mit den schönen Worten: ~Heshereta nkuku, kalando muntu~ = ein Huhn gleitet aus, wieviel mehr ein Mensch! Man sieht ja auch viel leichter den Splitter in des andern Auge als den Balken im eignen. So geht es dem Affen, der seine Genossen in der krummen, buckligen Haltung auf den Bäumen sitzen sieht und sich ausschütten möchte vor Lachen, weil der eigne Buckel seinen Augen verborgen bleibt: ~Ntumbiri iseka nundo ya mwiyae, yakwe teiwene~ = die Meerkatze lacht über den Buckel ihres Genossen, weil sie den eignen nicht sieht.
Ein Gläubiger, der seinen Schuldner ziemlich häufig besucht und mahnt, entschuldigt seine Ungeduld mit den Worten: ~Hantu hena mpengo, tehetera lumi~ = wo eine Zahnlücke ist, da fährt die Zunge immer wieder hin. Die Hausfrau, welche von Gästen und Besuchern, die natürlich auch bewirtet sein wollen, überlaufen wird, klagt wohl halb scherzend, halb ernsthaft: ~Mi ni inoo la nzieni, evecha eranoa~ = ich bin wie ein großer Stein am Wege, an dem niemand glaubt vorübergehen zu können, ohne sein Messer zu wetzen. Mit trefflichem Humor erinnert der Volksmund den Gast, der sich bei seinem Freunde am Fleisch einer ihm zu Ehren geschlachteten Ziege gütlich tut, daran, daß eine Liebe der andern wert ist: ~Wekila ibuži la mwiyao, lako libigwa ni mutwi~ = wenn du die Ziege deines Freundes verspeist, dann hat deine Ziege zu Hause (als Vorbote ihres nahen Todes!) bereits Kopfschmerzen. Hat man dir eine Ziege geschlachtet, wirst du deinen Freund nicht mit Bohnen und Tomatentunke abspeisen können.
Die Neger sind sehr gastfrei und nehmen anderseits die Gastfreundschaft ihrer Stammesgenossen unbedenklich in ausgedehnter Weise in Anspruch. Aber auch sie wissen, daß es zu Hause am besten ist: ~Hetu ni hetu~ = zu Hause ist zu Hause. Hat man es draußen noch so gut, man kann sich doch nicht so geben wie zu Hause, denn: ~He vujeni uia sa ng’ombe, henyu uia sa nzao~ = in der Fremde brüllst du nur wie eine Kuh, zu Hause brüllst du wie ein Bulle. Manche Frau mag das schon ihrem Manne, der sich nur bei andern zusammennahm und bescheiden zeigte, während er zu Hause „wie ein Bulle brüllte“, auch in diesem, ebenfalls sehr zutreffenden Sinne gesagt haben. Einen ähnlichen Gedanken drückte einmal unser schwarzer Ältester Hezekiel aus, als er seinen Brüdern vorhielt: „Wir haben zwei Gesichter, ein sanftes, gutmütiges, das zeigen wir +fremden+ Männern und Frauen, und ein strenges, hartes, das setzen wir auf, sobald wir mit unsern eignen Frauen sprechen.“ Hoffentlich leidet keiner der lieben Leser und Leserinnen an solchem „zweiten Gesicht“ der Frau bzw. dem Manne gegenüber, und ist ihnen im Gegenteil nur die gegenseitige Liebe und das Aufeinander-Angewiesensein bekannt, von dem einer meiner schwarzen Freunde an seine Braut schrieb: ~We na mi tukee sa mpombe na nguluma, žesishigana mira žifwia hamwe~ = du und ich, wir sind wie der Fisch und das Wasser, die nicht voneinander lassen können und zusammen sterben. Damit wollte er sagen: Wir gehören zusammen und sind aufeinander angewiesen wie der Fisch auf das Wasser. Vertrocknet es, so muß er auch sterben.
Damit will ich abbrechen. Ich hoffe, die Leser haben an Hand der wenigen Sprichwörter einen kleinen Einblick in die Gedankenwelt der Wapare tun können. In meiner sprachlichen Sammlung, die leider in Afrika verbleiben mußte, hatte ich Hunderte solcher Simo zusammengestellt. Aber hier fehlt der Raum, selbst nur die alle anzuführen, deren ich mich heute noch entsinne. Wenn irgend etwas dazu angetan ist, die Schwarzen uns innerlich näherzurücken, so ist es nach meinem Dafürhalten die Beschäftigung mit ihrer Sprache und allem, was damit zusammenhängt. Dann merkt man bald: die Leute sind nicht so primitiv, wie sie durch das Fehlen der meisten technischen Errungenschaften auf den ersten Blick scheinen. Jedenfalls sind sie gute Menschenkenner, die mit ihrem gesunden Urteil meistens den Nagel auf den Kopf treffen und z. B. mit den Spitznamen, die sie dem Europäer oder auch den Stammesgenossen geben, zeigen, daß sie das Charakteristische an einer Person alsbald erfaßt haben. Ja, nicht nur trifft das bei Personen zu, sondern, was weitaus schwieriger ist, bei ganzen Völkern. Wenigstens kenne ich ein Beispiel dafür aus allerjüngster Vergangenheit. Die Engländer nahmen die Kolonie. Sie brachten Kleider, und +die+ wurden von den Negern durchweg mit Jubel begrüßt. Mancher Eroberer mag den Jubel auf sich bezogen haben, das war dann fast durchweg ein Irrtum. Bald stellten die Neger auch Vergleiche zwischen den beiden Rassen an. Hier in einem kurzen kisuaheli Wortspiel das Ergebnis dieser „primitiven“ Philosophen: ~Wadachi maneno makali, roho mzuri. Wangereza maneno mazuri, roho mkali!~ = Die Deutschen: strenge Worte, gutes Herz. Die Engländer: gute Worte, strenges Herz! Wer wollte es unternehmen, die beiden Nationen noch treffender und kürzer zu charakterisieren?
Manchmal schätzt man eine Sache erst dann richtig ein, wenn man sie verloren hat. Ich habe schon mit vielen „Afrikanern“ gesprochen, die ihre Liebe zu den Schwarzen erst jetzt entdeckt und ihnen im stillen manche ungerechtfertigte Schroffheit abgebeten haben. Aber gerne haben wir die Schwarzen alle gehabt, und sie uns. Die Worte, die mir einige unsrer Waparechristen nachriefen, als wir von Afrika als Gefangene nach Indien gebracht wurden, habe ich nicht so aufgefaßt, als ob sie mir oder uns Missionaren allein gälten, sondern sie waren der Abschiedsruf aller Schwarzen an alle Deutschen: ~Nkwina kusia ni kuzana!~ = Unsre Sehnsucht hört erst auf, wenn wir uns wiedersehen! Und sie haben uns nötig. Sie brauchen nicht nur Leute, die ihnen die Errungenschaften der Technik und Kultur übermitteln, sondern sie brauchen mehr. Trotzdem sie geistig längst nicht so tief stehen, wie man gewöhnlich annimmt, brauchen sie einen Erretter. Einen Erretter aus dem Sumpfe der Immoralität -- die aber nicht schlimmer ist als hierzulande; einen Erretter aus den Banden des Aberglaubens -- den man aber auch bei uns reichlich findet; vor allem jedoch einen Erretter aus dem Banne der Furcht, die sie zu Dingen treibt, die man +nur+ bei Heiden finden kann. Diese Furcht bildet ihre große Not, und von der wollen wir im nächsten Kapitel sprechen.
Sechzehntes Kapitel.
Die Not der Heiden und das Evangelium.
Die heiße, helle Tropensonne lacht an einem wolkenlosen Himmel. Sie taucht die weite Steppe und die hohen Berge in ein blendendes Licht, leuchtet auch hinein in einen grausigen Abgrund, an dessen Rand ein kleiner schwarzer Säugling friedlich schläft. Wie mag er nur in diese gefährliche Lage gekommen sein? Wir sehen, daß die geringste Bewegung ihm den Tod bringen muß. Aber gleich wird ja die sicherlich schon besorgt suchende Mutter glücklich ihren schwarzen Liebling an ihrem Herzen bergen. Nun reibt er sich die Äuglein, reckt die Ärmchen und Beinchen, gerät ins Rollen -- und ist im nächsten Augenblick unsern Augen entschwunden. Zur selben Zeit sitzt die arme gequälte Mutter in ihrer Hütte und klagt um ihr Kind, das als „Zahnkind“ ein Opfer der heidnischen Furcht hat werden müssen. „O weh, o weh, mein Kind, mein Kind,“ klingt erschütternd ihre Totenklage. Sie sieht im Geiste ihren Liebling am Rande der Klippe, sieht seinen zerschellten Körper am Fuße des Abgrundes, sieht, wie in der Nacht aus dem Busch ein paar feurige Augen auftauchen, verschwinden und wieder näher kommen. Im Geiste hört sie kurz darauf das schaurige, höhnische Lachen der Hyäne, die die letzten Spuren des furchtbaren Mordes verwischen wird. Da wird es Nacht in ihr, wie es draußen Nacht geworden ist; aber aus ihrem Herzen ringt sich, wenn auch mit andern Worten, doch unbewußt das ergreifende Gebet des Jeremias: „Die Ernte ist vergangen, der Sommer ist dahin, und uns ist keine Hilfe gekommen. Ich bin zerschlagen wegen der Tochter meines Volkes, ich gehe trauernd einher, Entsetzen hat mich ergriffen. Ist denn keine Salbe in Gilead, oder ist kein Arzt da?“ -- Das ist die Not der Heiden.
Ein anderes Bild! Acht Männer ziehen durch die Landschaft. Einer von ihnen führt an einem Strick einen Schafbock, ein andrer trägt allerlei Eßgeräte und sonstige Sachen in seiner Hand, die wahrscheinlich dem alten kranken Manne gehören, den die andern mit sich zerren. Der Alte jammert und fleht um sein Leben, aber immer weiter bewegt sich der traurige Zug. Unter einer riesigen Kandelabereuphorbie wird der Kranke angebunden. Bald hallen durch die Stille des afrikanischen Busches die Axtschläge der Männer, die darangegangen sind, den Baum zu fällen, der im nächsten Augenblick mit gewaltigem Krachen umstürzt und den Alten unter der Last seiner dornigen und fleischigen Äste begräbt. So hatte es das Orakel angeordnet, um Unglück von der Familie abzuwenden; denn auf Schritt und Tritt verfolgt den Neger die Furcht vor den Geistern der Dämonen. -- Das ist die Not der Heiden!
Ein drittes Bild! Wir befinden uns bei einer Negerhütte, aus der uns Stimmengewirr entgegentönt. Plötzlich wird die Lehmwand des Hauses durchgebrochen und ein junges Mädchen zu dieser Öffnung hinausgestoßen. Es ist fast nackt, nur mit dem Fell eines soeben geschlachteten Opferschafes bekleidet. Hinter ihr her geht ein Medizinmann und entsühnt den Weg. Weinend zieht das Mädchen in die Steppe, während die Mutter in der Hütte sitzt und klagt: „O weh, wie schmerzt der Abschied so sehr; mein Kind, wenn ich rufe, antwortet nicht mehr.“ Das Mädchen hat gegen ein Gebot der Ahnen, nicht etwa der Moral, verstoßen. Nun ist sie lebendig tot. So hat es das Orakel durch den Medizinmann verlangt und auf all das Unglück hingewiesen, das über die ganze Sippe hereinbrechen würde, wenn man sich über die Gebote der Ahnen hinwegsetze. Die Furcht ist im heidnischen Herzen stärker als die Liebe. Aber die klagenden Männer und Frauen in der Hütte sind uns die beste Antwort auf unsre Frage: Was spielt sich hier ab? -- Es ist ein Kapitel aus der traurigen Geschichte der Not der Heiden.
Ein letztes Bild! Wir wollen in eine andre Hütte eintreten. Zuerst müssen wir uns an die Finsternis und den Rauch gewöhnen. Endlich können wir die Umrisse der Dinge erkennen. Wir stehen am Lager einer Frau, die soeben einem kräftigen Zwillingspaar das Leben geschenkt hat. Ermattet liegt sie da; aber sie kann keine Ruhe finden, denn aufgeregt schreien die anwesenden Frauen durcheinander. Zwillinge dürfen nicht am Leben bleiben. Der Zorn der Geister würde die ganze Sippe bedrohen. Die arme Mutter weiß, was ihnen bevorsteht. Aber doch will ihr Herz brechen. Soviel Schmerzen hatte sie aushalten müssen, so sehr hatte sie sich auf Nachkommenschaft gefreut, die das Band zwischen ihr und dem Gatten endlich fest gestalten würde. Mit angstvoll geweiteten Augen sieht sie nun, wie die Frauen Wasser in einen Holzmörser gießen und dann die Neugebornen mit den Köpfen so lange hineinhalten, bis sie ganz ruhig geworden sind. -- Die Ahnen haben ihr Opfer; aber die Tränen, die immer wieder aus den dunklen Augen der Mutter rinnen und das Fell netzen, auf dem sie liegt, diese Tränen zeugen von der Not der Heiden +ohne+ das Evangelium.
Wie freudig können demgegenüber unsre Christen bezeugen, daß völlige Liebe die Furcht austreibt! Wie oft kamen Christenfrauen zu uns, strahlend ihren kleinen Liebling auf dem Arm haltend. Er war ein „Zahnkind“ geworden. Lachend zeigte man uns die „bösen“ Zähnchen. „Früher hätten wir unser Kind töten lassen müssen; aber Christus hat uns von diesem Aberglauben freigemacht.“ Von solcher Freudigkeit selbst angesichts des Todes ist auch der Brief Hezekiels und Peteros, der S. 217. 218 wiedergegeben ist, ein Beweis. Ja, das ganze Denken der Heiden wird durch das Evangelium umgestaltet. Etwas Neues kommt in ihr Leben, das Furcht, Haß und Rachedurst überwindet. Davon legte nach dem Bericht eines unsrer Missionare Wazera ein gutes Zeugnis ab. „Im Jahre 1910, als Missionar R. noch unter den Wasanaki, einem Stamm in der Nähe des großen Victoria-Njansa-Sees, arbeitete -- für die er schließlich auch sein Leben ließ -- kam eines Tages ein wild aussehender junger Mann zu uns auf die Station, um für ein Lendentuch zu arbeiten und die Missionsschule zu besuchen. Wazera -- so war sein Name -- verursachte uns keine geringe Mühe, da er sehr streitsüchtig war und oft in Raufereien mit andern jungen Leuten geriet. Schließlich verließ er uns und kehrte nur dann und wann in unregelmäßigen Zeitabschnitten zurück, um seine Freunde zu besuchen. Man konnte jedesmal sicher sein, daß er auch mit irgend jemand in Streit geriet. Als er dann im Jahre 1913 darum nachsuchte, als Missionszögling aufgenommen zu werden, schien es noch, als hätte alles, was er bis dahin gehört und empfangen hatte, nur einen geringen Eindruck auf sein Geistesleben gemacht. Es war sogar fraglich, ob es überhaupt einen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Bald jedoch stellte es sich heraus, daß der ausgestreute Same aufzugehen begann. Mit ganzem Herzen und ganzer Seele gab er sich der Arbeit hin. Kehrte er abends von seiner Arbeit auf der Bananenpflanzung zur Missionsstation zurück, dann pflegte er gewöhnlich zu den andern zu sagen: ‚Freunde, wir wollen nicht mit leeren Händen zur Missionsstation zurückgehen. Hier sind einige reife Bananen, die wir mitnehmen sollten.‘ Schnell schnitt er die Büschel mit seinem Messer ab und begab sich dann, indem er selbst das größte trug, nach der Station.
Eines Tages wurde eine hochbetagte und schwache Frau, die die Gewohnheit hatte, jedesmal, wenn sie an unsrer Station vorbeikam, meiner Frau einen Besuch abzustatten, von einigen Burschen belästigt. Als Wazera dies hörte, stellte er sie wegen ihres Verhaltens ernstlich zur Rede und sagte darauf zu der Frau: ‚Komm, Großmutter, ich werde dich nach Hause begleiten.‘ Wenn er selbst nach Hause ging, seine Eltern zu besuchen, konnte er gewöhnlich einige besonders schöne Bananen mitnehmen, die er für sie gespart hatte. Kam er zur Station zurück, dann bereitete es ihm immer große Freude, wenn er unserm Kinde ein paar hübsche bunte Steinchen oder andre Kleinigkeiten mitbringen konnte. Zu unsrer größten Überraschung erschien er eines Tages mit einem Strauß schöner Blumen für ~mama wetu~ = unsre Mama, wie sie meine Frau nannten. Ich sage deshalb ‚zu meiner größten Überraschung‘, weil es sonst nie vorkommt, daß Blumen für einen heidnischen Afrikaner irgendwelchen Wert hätten, noch daß sie dort jemand zu schätzen wüßte. Abends aber pflegte Wazera über seinem Neuen Testament zu sitzen und darin zu lesen, bis er nicht mehr sehen konnte. Ab und zu stellte er dabei Fragen, die uns deutlich verrieten, daß der Geist Gottes an seinem Herzen arbeitete und immer mehr von ihm Besitz ergriff.