Im Banne der Furcht

Part 22

Chapter 223,614 wordsPublic domain

Auch die +Lehre+ des Propheten ist dem Neger bedeutend bequemer als das Christentum. Vor allem darf er die Vielweiberei beibehalten. Jeder, der draußen gewesen ist, weiß, was das für den Schwarzen sagen will. Aber auch sonst sind die Forderungen des Koran nicht so streng, und wenig genau nimmt man es mit den Vorschriften, die da sind. Seine Amulette trägt der zum Islam übergetretene Heide ruhig weiter. Ja, er kauft sich von seinen jetzigen Lehrern noch neue mit arabischen Inschriften dazu. Recht bezeichnend war die Antwort des hiesigen Regierungshäuptlings, den ich, als er wieder einmal vollständig betrunken war, auf das Enthaltsamkeitsgebot des Propheten aufmerksam machte: ~Allahu aallam!~ = Gott weiß es am besten! war seine seelenruhige Antwort. Er bleibt trotzdem ein guter Mohammedaner, haben ihm doch seine arabischen Lehrer aus dem Koran vorgelesen: „Gott gönnt euch das Leichte, nicht das Schwere. ... Er will es euch leicht machen, denn der Mensch ist zur Schwachheit geboren.“

Ein weiterer Umstand, der die christliche Missionstätigkeit vor der des Islams beeinträchtigt, ist die Haltung der weitaus meisten Europäer draußen, die, gelinde gesagt, die Missionstätigkeit nicht gerade unterstützen. Während dem Schwarzen, der den Dingen nicht auf den Grund sehen kann, im Islam Afrikas wohl auch verschiedene Sekten, aber doch als einigendes Moment neben der Sprache bei ihnen allen eine religiöse Bekenntnisfreudigkeit entgegentreten, sieht er bei den Christen, daß ein innerer religiöser Zusammenhang zwischen den wenigen „Lehrern“ und den vielen offiziellen Bekennern kaum oder nur in wenigen Fällen besteht. Solche Erwägungen, die der Neger tatsächlich macht, treiben ihn dann leicht dem Mohammedanismus in die Arme.

Durch ihn ist aber dem Neger +innerlich+ nicht geholfen. Seine abergläubischen Vorstellungen behält er bei. Auch von seiner Furcht, dem Gepräge seiner animistischen und animalistischen Religion, wird er nicht befreit. Jesus ist hier der wahre Friedensspender, nicht trügerischen äußeren Friedens und Freudenrausches, wie ihn auch das Heidentum kennt, sondern „Friedens wie ein Wasserstrom“. Und die Erkenntnis, daß auch die Heiden durch das Evangelium diesen Frieden erlangen können, macht den Beruf des Missionars zu dem schönsten.

Wenn man sieht, wie die Heiden am Krankenbette ratlos stehen, wie sie von einem Medizinmann zum andern gehen, wie sie immer wieder den Wohnplatz wechseln, um die bösen Hausgeister loszuwerden, wie sie alle möglichen Opfer darbringen, zu denen das Orakel rät, selbst vor dem Kindermord nicht zurückschrecken aus Furcht vor den Ahnengeistern, wenn man die völlige Ratlosigkeit und Schmerzensausbrüche am Totenbett beobachten kann und dagegen z. B. eine junge Christenfrau auf ihrem Sterbelager fröhlich zeugen hört: „Ich fürchte mich nicht, ich glaube an meinen Heiland, ich weiß, daß mein Erlöser lebt, er ist mir kein Fremder,“ der zweifelt nicht mehr daran, daß das Christentum in Wahrheit kein Phantasiegebilde, sondern +die+ Kraft ist, die selig macht, die auch den Heiden gebracht werden muß.

Die alte Prophezeiung der Wapare-Medizinmänner, daß einst weiße Leute mit neuen Sitten kommen würden, hat sich erfüllt. Sie sind gekommen und haben die Errungenschaften einer alten Kultur mitgebracht. Besonders die Eisenbahn hat die Verhältnisse im ganzen Lande umgestaltet. Der Schwarze versucht sich der neuen Zeit anzupassen. Daß er dabei manchmal, besonders was Kleidung betrifft, zur Karikatur wird, liegt wohl in der Hauptsache daran, daß das gesunde Entwicklungsstadium fehlt. Doch wenn man den Neger am Telegraphen, am Telephon oder vor der Schreibmaschine sieht, den Lerneifer und die außerordentliche Auffassungsgabe der Kinder in den Schulen, besonders in den Steppenschulen beobachtet, so ist man sicher, daß auch das Wort vom Kreuz von diesen Völkern verstanden werden kann, gilt ihnen doch im besonderen die Verheißung des Messias: „Selig sind, die da geistlich arm sind; denn das Himmelreich ist ihrer!“

Fünfzehntes Kapitel.

Dichten und Denken.

Die Sprache ist der Schlüssel zur Erkenntnis der Psyche eines Volkes. In dem Maße, wie der Forscher lernt, die Sprache zu beherrschen, erschließt sich ihm das Verständnis für die Denkungsart der Leute und das ist für jeden Kolonisten nötig. Wohl jeder weiß zuerst mit ihren Sprichwörtern und Erzählungen wenig anzufangen. Schon die äußere Form, in der die Lehre geboten wird, um sie uns recht anschaulich zu machen, bringt mancherlei Unbekanntes. Durch diese uns fremd anmutende Schale können wir zum eigentlichen Kern nur langsam vordringen. Wenn z. B. das Sprichwort lautet: „Mit +einem+ Lianenstrick zieht man nicht +zwei+ Bienenstöcke in den Baum hinauf,“ so versteht jeder Eingeborene sofort, daß damit gesagt sein soll: „Niemand kann zwei Herren dienen.“ Er weiß, daß an einem solchen Strick jedesmal nur einer von den schweren hölzernen Bienenstöcken auf den Baum hinaufgezogen und dort aufgehängt werden kann, weil es aus vielen Gründen unpraktisch wäre, zwei zugleich daran zu befestigen. Ein derartiger Strick kann eben nur +einem+ Stocke dienen. Wenn man das alles weiß, ist der Vorgang ganz klar. So zeigt schon dieses Beispiel deutlich, wie schwer es ist, Europäer in die Gedankenwelt der Neger einzuführen, wenn ihnen die Kenntnis der rein äußeren Vorgänge, auf die im Märchen oder Sprichwort Bezug genommen wird, fehlt. Wenn der Neger mir erklärt: „Du bist eine Eule geworden und hältst es mit dem Zauberer,“ so muß ich erst die weiter unten erklärte Anschauung kennen, bevor ich verstehen kann, welchen Vorwurf er mir mit dem Sprichwort gemacht hat. Erst mit den Jahren gewinnt man diesen Einblick in ihre Sitten und erlangt eine Kenntnis von den Feinheiten der Sprache und ihrer Grammatik. Welch wunderbare Sprachschattierungen lassen sich allein mit den Präfixen erzielen! Vor den Stamm rundu des Zeitworts ~runda~ = dumm sein, setzt man entweder das ~m-~ der Menschen, das ~ki-~ der Sachen oder das ~i-~ der Klasse der großen oder verächtlichen Dinge und bildet so jedesmal das Wort „Dummkopf“, aber in feiner Weise den Grad der Verachtung immer mehr steigernd. So verfügt der Neger über eine einfache und doch ausgezeichnete Möglichkeit, sein Empfinden zum Ausdruck zu bringen. Und nun erst das bantu Verbum! Hier sind die Möglichkeiten fast unbegrenzt. Ob etwas schnell oder langsam, wiederholt oder nur einmal, gleichgültig oder intensiv getan wird, ob der Handelnde zur Zeit, in die uns der Bericht versetzt, noch dabei ist oder dabei war, seine Tätigkeit auszuüben, zusammengesetzte Futura neben dem einfachen Futurum, alle diese Dinge sind nur einige der vielen Überraschungen, die unser beim Studium warten. In den meisten bantu Grammatiken werden ja solche Formen behandelt; hier will ich mich darauf beschränken, auf die Abhandlungen unsres hervorragenden Forschers der Bantusprachen, Prof. ~D.~ Meinhof von der Hamburger Universität, hinzuweisen.

Für uns Europäer erfordert es ein angestrengtes Studium und ein völliges Sichversenken in die Eigenart der Neger, bis man gelernt hat, „schwarz zu denken“. So denken lernen muß aber jeder, der irgendwelchen dauernden Einfluß auf die Leute ausüben will, und dazu ist die Sprache der Schlüssel. Ist man jedoch erst einmal in der Lage, sich mit den Negern so zu unterhalten, daß man auch von den Alten verstanden wird, oder, was noch mehr sagen will, daß man auch sie versteht, dann ist der erste Schritt zum Verständnis ihres Dichtens und Denkens getan. Gerne würde ich dem Leser einige der schönen Paremärchen erzählen, in denen sich der Humor und die großartige Beobachtungsgabe der Neger widerspiegelt. Aber ich habe die Sache nach einem Versuch als zu schwierig wieder aufgegeben. Denn wenn man erst einmal am Lagerfeuer gesessen, den Erzählungen der Leute gelauscht hat und ihnen so recht folgen konnte, ja sich oft hat mitreißen lassen von der kaum zu übertreffenden Erzählerkunst, die durch lebhaftes Gebärdenspiel wirkungsvoll unterstützt wird, dann fühlt man, daß nur ein ganz geübter Schriftsteller es wagen darf, diese Märchen und Gleichnisse ins Deutsche zu übertragen. Außerdem geht in der Übersetzung gerade das, was den Kenner dabei am meisten ergötzt, nämlich die sprachlichen Feinheiten und die Tonmalereien, verloren. So will ich mich hier auf den Versuch beschränken, einen Teil ihrer Sprichwörter (~simo~) wiederzugeben; denn diese kurzen Simo haben schon manchem einen besseren Einblick in die Negerpsyche vermittelt, als eine lange Abhandlung es hätte tun können.

Der Neger ist ein guter Menschenkenner, der mit offnen Augen durchs Leben geht, wenigstens ist das von unsern Wapare wahr. Der unverdorbene Eingeborne ist äußerst feinfühlig und versteht den leisesten Tadel, der auf ihn besser wirkt als lange Schimpfreden. Er hat es seinerseits gelernt, nicht immer nach außen hin merken zu lassen, was in seinem Innern vorgeht. Deshalb läßt er sich auch durch des andern Maske nicht lange täuschen. Er ist kein Freund harter Reden, dazu mißt er dem Wort als solchem viel zu viel Kraft bei. Ein kühles und gemessenes Verhalten gilt bei ihm als ein viel würdigeres und eindrucksvolleres Zeichen der Unzufriedenheit als das bei Europäern oft so beliebte laute und polternde Schelten. Doch nun wollen wir versuchen, etwas von seiner Weltanschauung aus seinen Sprichwörtern kennenzulernen.

Auch der Parephilosoph hat den Egoismus der menschlichen Natur erkannt. Steuern, ja, die sind gut, wenn +die andern+ sie zahlen müssen. Man stimmt dafür, daß öffentliche Arbeiten vom Stamme für die Regierung geleistet werden, solange man als Aufseher oder sonstiger „Beamter“ +die andern+ zu solcher Arbeit heranziehen kann. Da sagen dann wohl diese „andern“: ~Ibuži la mwiyao telina kukoma~ = solange es sich um die Ziege des andern handelt, erscheint dir das Schlachten eine Kleinigkeit; aber deine eigene schonst du.

Wohl ist es Tatsache, daß des Freundes Auftrag uns oft mehr Kopfschmerzen verursacht als die eigene Sache, z. B. machen uns fremde Kinder, die uns für ein paar Tage anvertraut sind, mehr ängstliche Sorge als selbst die eignen, denn: ~Cha mwiyao kikuyaža meso, kangi si chako~ = die Angelegenheit deines Freundes läßt keinen Schlaf in deine Augen kommen, trotzdem sie dich eigentlich nichts angeht. Im übrigen aber ist, von solchen durch besondere Rücksichtnahme bedingten Ausnahmen abgesehen, jeder sich selbst der Nächste: ~Mwashotia ihemba erongoža lakwe~ = wer Maiskolben rösten will, legt seinen eignen zuerst ans Feuer, oder: ~Mwaimika nyoka evoka he magu akwe~ = wer den Platz nach einer Schlange ableuchtet, der fängt da an, wo er mit seinen Füßen steht. Erst nachdem man sich selbst sichergestellt hat, kann man auch an die andern denken. Bei diesem egoistischen Zug in der Welt ist es klar, daß der Schwache unterdrückt und im Falle des Mißlingens eines Unternehmens für alles verantwortlich gemacht wird. So würde der Paremann angesichts des Bestrebens fast der gesamten Welt, dem „verwaisten“ Deutschland die Schuld am Kriege aufzubürden, diese Unterstellung mit dem tiefsinnigen Spruch zurückweisen: ~Ihemba la mwana mkiva nilo lekomie moto~ = der Maiskolben des Waisenknaben hat natürlich das Feuer erstickt! Wenn alle um die Herdstelle herum sitzen und Mais rösten, dann liegen schließlich so viele Maiskolben im Feuer, daß es ausgeht. Der Waisenknabe, der nach seiner Eltern Tod keinen eigentlichen Verteidiger und Beschützer mehr hat, muß es nun erleben, daß man behauptet, ausgerechnet sein Maiskolben habe das Übel verschuldet! Der Leser kann sich denken, wie ein solches Sprichwort auch in diesem, wenn ich so sagen darf, europäischen Zusammenhang dem Neger die Lage in einem Augenblick so klar und verständlich macht, wie es eine lange Beweisführung nicht vermöchte. Er würde, wie es auch in der Vergangenheit geschehen ist, uns gleich mit einem andern Hinweis zu trösten suchen: ~Kushigire, teheterire kucha!~ = Laß nur gut sein, es hat noch nie aufgehört, wieder +Morgen+ zu werden! Denn wenn auch die Menschen allerlei Listen ersinnen, +ihre+ Pläne zur Ausführung zu bringen, sie müssen doch mit einer andern Kraft rechnen, die sie im letzten Augenblick noch verhindern kann, ihr Ziel zu erreichen: ~Muntu etega, Murungu eonza~ = der Mensch stellt die Fallen auf, aber Gott sieht nach, ob etwas gefangen ist (d. h. nimmt es manchmal aus der Falle und vereitelt somit die Pläne des Menschen). Diese Vorsehung ist es, die jemand oft gerade in das Unglück stürzt, das er seinem Nächsten gewünscht hatte. Deshalb warnt die Pareweisheit vor solcher Tücke: ~Wekimforira mwiyoa ikongo, we uneralisea~ = wenn du deinem Genossen eine Grube gräbst, so wirst du hineinfallen.

In den Simo der Wapare tritt es recht deutlich zutage, daß sie lachen und weinen, lieben, hassen und neiden genau wie wir. Hat ein tüchtiger Mann unter der Mißgunst der andern zu leiden, etwa dadurch, daß man ihn beim Häuptling anzuschwärzen sucht, so tröstet sein Freund ihn mit den Worten: ~Nkuku njewa niyo yekwahiwe ni kihama~ = das weiße Huhn hat (weil es sich durch die Farbe von den andern abhebt) besonders viel vom Habicht zu leiden. Manchmal bringt man auch einem unscheinbar aussehenden Manne, trotzdem er eine einflußreiche Stellung hat, nicht die rechte Ehrerbietung entgegen. Man läßt sich durch das Äußere zur Mißachtung verleiten, weil man bezweifelt, daß der andre Verstand genug habe, seinen Einfluß geltend zu machen. Aber der Parephilosoph macht auf das Gefährliche eines solchen Verhaltens aufmerksam, denn: ~Neri simba yebigiwe ni mvua ikee sa ifolong’o~ = selbst ein Löwe, wenn er vom Regen durchnäßt ist, sieht wie ein Hundsaffe aus, und: ~Mingori ya hale teina mabwe~ = von weitem sehen die Berge aus, als ob sie keine Felsen und Schluchten hätten. Lernt man sie aber erst einmal aus der Nähe kennen, findet man manches bedeutend anders als erwartet. Der Schein trügt eben, man muß den Dingen auf den Grund gehen, um sie richtig einschätzen zu können. Dabei sollte man auch an die Folgen einer Handlung denken. Wenn das immer geschähe, würde manche Torheit unterbleiben. Besonders die leichtsinnig veranlagte Jugend steht in Gefahr, sich durch den Schein oder die Lust des Augenblicks trügen und in Schwierigkeiten bringen zu lassen. Sie wird auf die Ntundwi-Frucht hingewiesen, die wohl eine schöne rote Schale hat, inwendig aber in der Hauptsache aus einem dicken Kern besteht. Darum heißt es: ~Usirerehe ntundwi kulangala, uko ndeni hena ibwe!~ = Laß dir die Augen von dem roten Glanz der Ntundwi-Kirsche nicht blenden, innen besteht sie fast nur aus dem Stein! Mit der Sünde, das wissen auch unsre Neger, macht man immer dieselbe Erfahrung wie mit einer andern Frucht, die „zuerst im Munde süß ist, aber nachher im Halse kratzt“.

Ja, wenn die Jugend nur immer auf den Rat der Alten hören wollte! Aber sie neigt vielmehr dazu, den Greis zu verachten, der nach all den überstandenen Lebensstürmen dem ausgewachsenen Bananenblatte gleicht, das vom Winde vollständig zerzaust und unansehnlich geworden ist. Es steht in starkem Gegensatz zu dem vom Safte strotzenden jungen Triebe. Daher die Ermahnung: ~We ntumburuju, usiseke isago, ambu isago nalo nekire ntumburuju!~ = Du frischer Trieb, lache nicht über das alte Bananenblatt, denn auch dieses war früher einmal ein frischer Trieb! So siehst du, was du später sein wirst. Wenn die Ehrerbietung, die aus solchen Überlegungen entspringt, dem Alter im allgemeinen entgegengebracht werden soll, so hat die Mutter ganz besonderen Anspruch darauf, denn: ~Kamango ni kamango, na kerekongomala~ = dein Mütterchen ist dein Mütterchen, auch wenn es runzlig geworden ist. Schöner könnte man wohl kaum zur Kindespflicht auffordern, als es hier unsre Wapare in ihrer melodischen Sprache getan haben.

Sie kennen und betonen auch den Wert der Erziehung in der Jugendzeit. Gewisse Schranken sind allerdings dabei durch die Vererbung gesetzt, denn: ~Ng’onji teishiga mbari~ = von einem Schaf darf man nur ein Schaf erwarten, und: ~Msese wekila magi iguhie he ikolo~ = wenn eine junge Henne die Eier auffrißt (anstatt sie auszubrüten), so hat sie das von der Mutter her. Mit diesen vererbten Untugenden muß man also rechnen. Was aber in der Erziehung getan werden kann, das muß in der Jugend geschehen. So wie man die Welsfische +vor+ dem Räuchern in die im Handel übliche Form, nämlich Kopf und Schwanz zusammengebogen, bringen muß, weil sie nach dem Räuchern platzen würden, so muß die Erziehungsarbeit dann geschehen, wenn die Kinder noch biegsam sind. Deshalb sagt man: ~Koma nguluma yecheri mbisi, wekiishiga ikaoma, wekiikoma ineboika!~ = Biege den Welsfisch, solange er noch roh ist; wenn du ihn erst räucherst und dann biegst, wird er brechen! So erzogen, werden gerade die jungen Leute nützliche Glieder der Gesellschaft werden und ihre besonderen Aufgaben trotz oder vielmehr wegen ihrer Jugend besser erfüllen können als die Alten; denn: ~Miti mifuhi niyo yegerira mako~ = auf den niedrigen Bäumen richtet man gewöhnlich die Kornspeicher ein; die bereits hochgewachsenen eignen sich dazu weniger.

Frühzeitig werden die Kinder angehalten, sich auf dem Acker und zu Hause nützlich zu machen. Daß Müßiggang aller Laster Anfang ist, wird dem Parekinde mit dem Hinweis auf die diebischen Affen klargemacht, die sich fast ausschließlich vom Stehlen der Feldfrüchte nähren. Und warum? ~Ntumbiri kuiva ni kusaima~ = der Affe stiehlt, weil er nicht ackert.

Im Lauf der Jahre erkennt man immer mehr, mit welch feinem Verständnis der Eingeborene die einfachsten Vorgänge des täglichen Lebens betrachtet und wie er in ihnen mit der Tiefgründigkeit eines Philosophen ewige Wahrheiten findet. Er sieht den Ackersmann, der mit seiner Hacke den Boden bearbeitet. Kling! die Hacke ist auf einen Stein gestoßen. Im nächsten Augenblick wird das Hindernis auf den Haufen zu den übrigen Steinen geworfen. Bald darauf wiederum der gleiche Vorgang. Wie wollte der Bauer auch jemals mit seiner Arbeit fertig werden, wenn er anfangen würde, alle Steine, die er auf seinem Acker findet, in die Hand zu nehmen, sie lange zu betrachten oder gar zu zählen? So ist es auch mit den Sorgen dieses Lebens. Zähle sie nicht, halte dich nicht lange mit ihnen auf, wirf sie kurz entschlossen fort, damit deine Arbeitskraft nicht gelähmt wird, denn: ~Wekitala mabwe, tukafwinye ngemo!~ = Wenn du die Steine zählst, wirst du das Tagewerk nie fertigbringen.

Unser Neger ist der geborene Diplomat. Wenn es seinem Vorwärtskommen dienlich ist, läßt er fünf gerade sein, wenn ein Mächtiger diese Behauptung aufgestellt hat. Denn die Großen muß man ehren, auch wenn man nicht immer von ihrer alles andre in den Schatten stellenden Weisheit überzeugt ist. Ich sehe meine schwarzen Freunde im Geiste vor mir, wie sie mit dem feinen Lächeln eines, der die Schwächen und Eitelkeiten der Menschen versteht, erklären: ~Lumbo lwa mfumwa teluna kivivi!~ = Die Gesänge des Häuptlings sind ausnahmslos schön!

Auch in andrer Hinsicht ist es geraten, im Verkehr mit solchen Menschen, die Gewalt über uns haben, vorsichtig zu sein. So ist es z. B. nicht ratsam, den Häuptling auf irgendeine notwendige Arbeit aufmerksam zu machen. Man würde sich dabei nämlich nur unnötig der Gefahr aussetzen, von ihm „ehrenamtlich“ mit der Erledigung dieser Arbeit betraut zu werden. Das sind ungefähr die Erwägungen, die unserm schwarzen Philosophen vorschweben, wenn er sagt: ~Mwamkumbusha mfumwa viratu niye evionja~ = wer den Häuptling an seine (von ihm vergessenen) Sandalen erinnert, der wird dann auch beauftragt, sie zu holen.

Aber selbst ein einflußreicher Mann sollte nie zuviel von seinen Untergebenen verlangen, vor allem nicht eine Arbeit, die einem Mann überhaupt nicht ziemt. Man ist ja willens, allerlei zu machen, gleich der Ratte, die alle erdenklichen Gegenstände annagt. Aber auch sie hat doch Dinge, an die sie nicht herangeht. Einen Tabaksbeutel z. B. läßt sie unberührt liegen, da er selbst ihrem wenig verwöhnten Geschmack nicht zusagt. Ebenso darf der Häuptling in dieser Beziehung den Bogen nicht zu straff spannen, denn man würde ihm sagen: ~Ku ngoswe ni ngoswe, mira sikale mfuko wa tumbatu~ = ich bin zwar nur eine Ratte, aber den Tabaksbeutel nage ich doch nicht an. Ganz besonders gilt dies mit Bezug auf solche Launen eines Mächtigen, deren Befriedigung mit Lebensgefahr für den Untergebenen verbunden sein würde. Gewiß, die Pareweisheit läßt nicht außeracht, daß auch gefährliche Versuche gemacht werden müssen. So muß man unbedingt festzustellen suchen, ob das Pfeilgift nach einer gewissen Zeit noch stark genug ist und tödlich wirkt. Aber dazu nimmt man, und das sagt man gegebenenfalls dem Häuptling auch, keine Menschen, sondern: ~Vusungu vuježwa he ichura~ = die Wirkung des Pfeilgiftes stellt man versuchsweise +an Fröschen+ fest.

Der Platz vor der Häuptlingshütte, wo die Prozesse verhandelt werden, ist der Ort, an welchem man die meisten Sprichwörter hören kann. Kläger und Verklagte, besonders aber die Ältesten des Landes, die als Beisitzer und Anwälte wirken, wetteifern darin, ihre Ausführungen durch solche Simo möglichst überzeugend zu gestalten. Ist da etwa ein Mann, der sich früher von seinem Nachbar eine Ziege geborgt hat, nun aber eine außerordentliche Gedächtnisschwäche zeigt, oder versucht bei einer Beleidigungsklage der Beleidiger seine Unschuld durch den Hinweis zu beteuern, daß er sich keiner verletzenden Äußerungen mehr entsinnen könne, so entkräftet der Kläger oder irgend jemand, der sich zu seinem Anwalt macht, diesen Beweis mit den Worten: ~Kihama kiivaa, nkuku teiivaa~ = der Habicht vergißt es (nämlich, daß er dem Huhn die Küken geraubt), das Huhn vergißt es nicht.

Sehr viele Sprichwörter der Neger sind dem Tierreich entnommen. Hier eine kleine Auswahl:

~Cheho mweteni tekiirwa nywa~ = Tiere, die im Wasser leben, fordert man nicht zum Trinken auf. Das hieße ja Wasser ins Meer gießen. Den gleichen Gedanken wollen die Leute ausdrücken, wenn sie sagen: ~Ena kise teirwa: dika!~ = Zu jemand, der immer gastfrei ist, sagt man nicht: Koche Speise! Das versteht sich bei einem solchen Menschen, sobald er Gäste hat, ganz von selbst.

~Iguro ligwirwa singo ni mwenye~ = nur der Herr kann seinen Hund ohne Gefahr am Halse fassen. Lehre: Mische dich nie in fremde Angelegenheiten, denn du weißt nie, welchen Ausgang sie für dich nehmen können.

~Kumogwa kwa ng’ombe ni masikio, mpembe žitameia vilanga~ = was zur Kuh von Geburt an gehört, sind die Ohren; die Hörner kommen dann später mehr zur Zierde hervor. Wenn also mein Haus auch noch nicht so schön verputzt und geweißt ist wie deins, so erfüllt es den eigentlichen Zweck eines Hauses genau so gut: es schützt mich vor Nässe und Kälte. Das weitere kann man als nebensächlich ruhig der Zeit überlassen.

Unsre Neger wissen auch, daß man die Haut des Bären nicht verkaufen darf, ehe man ihn erlegt hat. Da sie aber keine Bären kennen, so geben sie den Gedanken ihren Verhältnissen angepaßt in folgender Form wieder: ~Kadeje wesinakakoma usikafutie moto!~ = Für das Vögelchen, das du noch nicht geschossen hast, zünde lieber noch kein Bratfeuer an!

Wurde in früheren Zeiten jemand durch das Gottesurteil der bösen Zauberei überführt, so tötete man nicht nur ihn selbst, sondern auch seine Kinder und begründete das wohl mit dem Spruch: ~Nyoka teina ndori~ = bei Schlangen sieht man nicht auf die Größe, da die kleinen oft die gefährlichsten sind oder werden. Oder man sagte: ~Wekitema muti, isukuži lineraoka muti wa~ = wenn du den Baum fällst und den Stumpf stehen läßt, so wird wieder ein Baum daraus werden.