Im Banne der Furcht

Part 21

Chapter 213,671 wordsPublic domain

Ein Mganga reiste durch die Landschaft Vwaga und wurde zu einem Schwerkranken gerufen, für dessen Heilung man ihm eine Kuh in Aussicht stellte. Die Heilung gelang ihm; aber man wollte dann nur noch eine Ziege zahlen. Als der Mganga sah, daß er betrogen werden sollte, hieß er seine Begleiter mit den von andern Patienten erhaltenen Ziegen usw. vorausmarschieren. Er selbst gab sich den Anschein, als mache er gute Miene zum bösen Spiel und wolle die Behandlung des Kranken noch vorerst zum Abschluß bringen. Sein Patient mußte in eine leere Hütte gebracht werden. Er befahl den Leuten, draußen stehen zu bleiben und jeden Schmerzensruf des Kranken genau so zu beantworten. Das war weiter nichts Verwunderliches, weil ja bei jeder Behandlung die Wechselgesänge üblich sind. Als er dann in der Hütte mit dem undankbaren Patienten allein war, stach er ihm zuerst mit einem Messer ein Auge aus. Der entsetzte Mann schrie: „Woyahae, jetzt werde ich nicht behandelt, er sticht mir ein Auge aus!“ Der Chor draußen antwortete: „Eeee, o weh, jetzt werde ich nicht behandelt, er sticht mir ein Auge aus!“ Der Arzt stach ihm dann auch das zweite Auge aus. Der mißhandelte Patient schrie: „Jetzt sticht er mir auch das zweite Auge aus!“ Der Chor draußen: „Eee, jetzt sticht er dir auch das andre Auge aus!“ Der Ärmste sah, daß es ihm ans Leben gehen würde und rief noch einmal: „Ihr draußen, denkt nicht, daß ich euch etwas vormache, ich werde hier getötet!“ Aber wie Hohn klang die den Draußenstehenden vom Arzte vorgeschriebene Antwort an die Ohren des Kranken: „Eee, wir denken nicht, daß du uns etwas vormachst, du wirst jetzt getötet!“ Der Mganga erstach dann den Undankbaren, bedeckte ihn mit einem Tuch und befahl den Angehörigen, nicht vor Sonnenuntergang die Hütte zu betreten, damit der Zauber nicht verderbe. Als man die Leiche abends fand, war der Mörder über alle Berge. --

Wenn die Krankheit zu Befürchtungen Anlaß gibt, so ruft der Vater seine Kinder, oder, falls sie noch zu klein sind, einen vertrauten Freund, dem er die Sorge für die Kinder und ihr Erbe ans Herz legt. Er macht ihm auch seine Gläubiger und Schuldner namhaft, damit kein Unberechtigter mit einer Schuldforderung an die Kinder herantreten noch ein Schuldner die Bezahlung verweigern kann.

Wenn Heiden sterben.

Manchmal sind alle Bemühungen der Ärzte vergeblich. Der Kranke wird ohnmächtig (~esempuka~), die Augen werden gläsern, und der Tod schwingt seine Sense. Eifrig beugt sich der Medizinmann über den Sterbenden, um ihm durch andauerndes Bespützen seine Seelenkräfte mitzuteilen. Von Zeit zu Zeit legt er dem Kranken die Hand aufs Herz, um zu sehen, ob es noch schlägt. Ist der Tod eingetreten, dann sagt er wohl: ~Nkore ya Murungu teikombolwa~ = Gott kann man auch durch Zahlung eines Lösegeldes seine Beute nicht entreißen. Oder er nimmt gefaßt seine zahlreichen Arzneikalabassen fort mit den Worten: „Der Tod hat uns ausgelacht,“ d. h. er hat die Partie gewonnen. Sofort stimmen die Angehörigen und alle Anwesenden die Totenklage an (~ntiro~). Die Gattin weint, daß sie ihren Mann nicht mehr sieht:

„O weh des Jammers, wohin soll ich gehn? Ruf’ ich meinen Mann, antwortet er nimmer.“

Die Kinder beklagen den Verlust ihres Vaters, andre tragen dem Verstorbenen weinend Grüße an ihre Lieben in der Unterwelt auf. Im Augenblick ist das Haus voll mitleidiger Nachbarn, die mitweinen und die Angehörigen trösten: „Wir wollen nicht zuviel weinen, Tränen bringen ihn nicht wieder, sonst wäre schon mancher wiedergekommen.“ Das Begräbnis findet bald nach Eintritt des Todes statt. Während die Männer das Grab schaufeln, schweigt die Totenklage, weil man sonst auf felsigen Boden stoßen würde. Dem Toten werden beide Arme auf die Brust gelegt und die Beine hoch an den Körper angezogen. Sämtlicher Schmuck und auch die Kleider werden ihm abgenommen, und völlig nackt legt man ihn in hockender Stellung in die etwa 1½ ~m~ tiefe Grube. Dabei richtet man den Leichnam mit seinem Gesicht immer nach der Gegend, in welcher die Heimat seiner Sippe liegt. Ist das Grab bis an den Hals der Leiche zugeschaufelt, stützt man den Kopf durch vier kreuzweise eingelegte Stäbe. Diese haben den Zweck, den Schädel auch nach eingetretener Verwesung in seiner Lage zu erhalten, damit man ihn später leicht auffinden und in den „Tempel“ zu den übrigen bringen kann. Auf das fertige Grab legt man zu Häupten des Leichnams einen Stein oder Topf oder auch ein Stückchen des Mugi-Baumes, welches leicht anwächst. Übrigens sind die diesbezüglichen Sitten in den einzelnen Landschaften und Sippen verschieden. So legen andre ihre Toten auf die rechte Körperseite lang ausgestreckt ins Grab. Nach getaner Arbeit begeben sich die Totengräber wieder ins Haus, wo die Klage von neuem ertönt.

War der Verstorbene ein großer Häuptling, so wurde sein Tod jahrelang geheim gehalten, und erst im vierten Jahre nach seinem Ableben erscholl die Totenklage. In den früheren unsicheren Zeiten war das von Bedeutung. Denn die Gefahr lag nahe, daß irgendein feindlicher Häuptling auf die Kunde vom Tode seines Gegners die Tage der Verwirrung benutzte, die Hinterlassenschaft gewaltsam an sich zu reißen. So aber gewann man Zeit, alles zu regeln.

Eine eigentümliche Erscheinung bilden die _vatani_. Der Mtani ist eine Art Sühnepriester, der die Angehörigen fremder Sippen entsühnt. Hat z. B. jemand eine Ritualvorschrift übertreten, so bringt der Mtani das wieder in Ordnung, indem er den Ahnengeistern sagt, daß es sich in dem Falle ja nur um einen Tölpel und Dummkopf handle, der keinen Verstand besäße, der Sache sei also keine Wichtigkeit beizumessen. Diese Vatani kamen auch oft ins Sterbehaus. Sie scheinen mir mit ihren derben Späßen gewissermaßen den Sieg der Lebensfreude über alle Todestrauer zu versinnbilden. Der Mtani fragte wohl mit lauter Stimme draußen vor dem Trauerhause: „Was wird denn hier für ein Fest gefeiert? Ihr singt ja eigentümliche Lieder!“ Drinnen raunen sie einander zu: „Das ist die ‚Mtani-Pest‘.“ Der läßt sich aber nicht irre machen, weist auf den frischen Grabhügel und sagt: „Wer hat denn hier nach meinen Kartoffeln gegraben?“ Man bedeutet ihm, stille zu sein, der Soundso sei gestorben; aber er entgegnet, wenn irgend ein Hund stürbe, solle man doch nicht soviel Aufhebens machen. Bei solchen Späßen können manche der Anwesenden das Lachen nur schlecht unterdrücken. Der Bann, den der Todesfall auf die Herzen gelegt hatte, ist gebrochen, wenn auch auf eine uns Christen recht kläglich anmutende Art. Immerhin hat einer angesichts des Todes den Mut gefunden, zu rufen: „Es lebe das Leben!“ Etwas Ähnliches haben wir bei uns wohl in der lustigen Musik und dem Schmaus nach einem Begräbnis. Die Totenklage dauert zwei Tage. Am dritten Tage früh am Morgen versammeln sich die Verwandtschaft und einige Nachbarn im Sterbehause. Der Mtani ist auch da und nimmt sich gleich die Pfeife des Verstorbenen, um daraus zu rauchen. Die andern sagen ihm: „Du darfst doch nichts von der noch unentsühnten Hinterlassenschaft in Gebrauch nehmen!“ Der Spottvogel erwidert aber kaltblütig: „Unsinn, was ist denn da zu entsühnen, wenn so ein Kerl ins Gras beißt. Übrigens ist er mir gerade eben noch begegnet, er ist also gar nicht tot.“ Hat man noch dies und jenes besprochen und geordnet, gehen alle zum Fluß, wo der Mtani die Kleider des Verstorbenen wäscht. Die Witwe und der Erbe waschen sich am ganzen Körper, die andern nur Gesicht, Hände und Füße. Der Mtani führt dann den Zug wieder ins Haus zurück, wo er die soeben gereinigten Kleider sowie auch die Hinterbliebenen selbst mit dem Mageninhalt einer inzwischen geschlachteten Opferziege völlig entsühnt. Die Kleider übergibt er nach Vornahme noch andrer Zeremonien dem Bruder oder Erben und höhnt ihn: „Du freust dich ja doch, daß er tot ist und du all die Kleider und Frauen erben kannst!“ Und den andern ruft er glückstrahlend zu: „Doch eine schöne Sache, solch ein Todesfall; wenn der jetzt nicht gestorben wäre, hätten wir heute keinen Festbraten!“ Das gebratene Fleisch wird an die Anwesenden verteilt, das übrige nimmt man mit nach Hause. Diese Trauerfeier nennt der Mpare ~fwire~. Am gleichen Tage finden die oft schwierigen Verhandlungen betreffs der Erbschaft statt, und die Hinterlassenschaft samt den Frauen gehen in klarliegenden Fällen in den Besitz des Bruders über.

Am folgenden Tage werden den Hinterbliebenen vom Mtani die Kopfhaare abrasiert. Einige Tage später ritzt er ihnen leicht mit einem Messer die Schläfen, Stirn und alle Gelenke. Jeder kaut eine stark ölhaltige Nuß, und reibt sich mit dem so erhaltenen Brei ein. Die Rückstände werfen sie, ohne sich umzusehen, unter einen großen Baum mit den Worten: „Das Schlechte lassen wir hier zurück!“ Damit sind die Reinigungszeremonien beendet. Den Abschluß bildet auch hier ein kühler Trunk des bereitgestellten Bieres. Man erzählt sich noch dies oder jenes von dem Verstorbenen und tröstet sich damit, daß „die Erde nicht auswählt“, d. h. der Tod jeden wahllos ereilt, ja, sogar den Guten eher als den Schlechten; denn „der beste Pfeil bleibt nicht lange im Köcher“!

Zu erwähnen bleibt noch, daß man für eine Mwai, die vor beendetem zweiten Frauenfeste gestorben ist, das Fest zu Ende führt, damit sie nicht unfertig in die Unterwelt fahre. Es handelt sich hier um eine ähnliche Anschauung, wie sie bei uns der Nottaufe zugrunde liegt, indem auch hier die unbiblische Art der Taufe den Charakter eines heidnischen Zaubergebrauches angenommen hat.

Hat der Tote irgendein Gebrechen, sei es eine Wunde oder eine Geschwulst, so wird das betreffende Glied abgeschnitten und besonders begraben, damit die ganze Sippe nicht an denselben Übeln erkrankt. Stirbt eine schwangere Frau, so schneidet man den Leib auf und begräbt das Kind besonders. Leute, die an den Pocken gestorben waren, ließ man unbegraben im Busch liegen. Recht barbarisch war das Verfahren, sich der Aussätzigen zu entledigen; denn starben solche Leute zu Hause, glaubte man, die schreckliche Seuche würde die ganze Sippe befallen. Merkte man also, daß die Krankheit weit vorgeschritten war, besprach man sich mit den Angehörigen der Sippe und dem Sohne, welcher seine Zustimmung zur Beseitigung des Vaters geben mußte. Dann rief man acht Vatani. Vier von ihnen nahmen den sich heftig sträubenden Kranken und schleppten ihn weit fort in den Busch unter eine große Kandelabereuphorbie. Der Aussätzige wußte natürlich beim Erscheinen der Vatani sofort, was ihm bevorstand, und verfluchte seine grausamen Henker oder bat sie flehentlich, ihn doch nicht zu töten. Diese aber hießen ihn vorwärtsschreiten. An der Stelle, wo der zu fällende riesige Baum niedergehen mußte, wurde das Opfer festgebunden. Krachend fiel dann unter den Axtschlägen der Männer die Euphorbie um und bildete sofort mit ihren dornigen Zweigen einen Grabhügel über dem Kranken. Die andern vier Vatani schafften unterdes sämtliche Kleider und Gebrauchsgegenstände des Aussätzigen herbei und legten die Sachen neben dem Baume nieder. An Ort und Stelle wurde dann eine Sühneziege geschlachtet, an deren Fleisch die Männer sich nach der grausigen Arbeit stärkten.

Krankheit und auch Tod haben für den Mwasu stets tieferliegende Ursachen, die das Orakel feststellen muß. Die überlebenden Verwandten lassen sich nach einem Todesfall vom Nzaro eiligst die innere Ursache angeben; denn solange das betreffende Seelentier oder der Ahnengeist, auf dessen Einfluß das Orakel den Tod zurückführt, nicht versöhnt ist, schweben sie ebenfalls in Todesgefahr. So tritt uns auch hier wiederum das Grundübel des Animismus entgegen, die Furcht, die sich den Leuten an die Sohlen heftet und sie nicht nur während der Krankheit eines Familiengliedes, sondern selbst über dessen Tod hinaus ängstigt.

Vor einigen Jahren starb Rebeka, die Frau unsres Lehrers Petero Mlungwana in Usukuma. Er war mit seiner Gefährtin einem Ruf in unser dortiges Missionsfeld gefolgt, und diese erkrankte dort nach einigen Monaten am Schwarzwasserfieber. Unsre Pare-Lehrer waren gerade in der Kapelle in Kihurio versammelt, als die Nachricht eintraf. Wie ich nachher hörte, knieten sie alle nieder und baten Gott um Kraft für ihren Genossen in der Fremde. Ein Auszug aus einigen Briefen, welche sie ihm dann schickten, möge hier als Abschluß des Kapitels Platz finden. So schrieb der Lehrer Hezekieli Kibwana aus Buiko: „An meinen Bruder Petero! Ich habe gehört, daß Deine Frau verschieden ist. Ich weiß, jetzt bist du in großer Traurigkeit; aber wir alle kennen ja die Geschichte des Hiob. Ich bitte dich, laß das Wort in Offenbarung 2, 10 in dein Herz geschrieben sein. Du kennst mich, Petero, ich kann dir nicht viel sagen, denn du bist ja kein Unwissender. Du weißt, daß Reichtum und Armut, Trauer und Freude bei Gott alles eins ist. Du weißt auch, daß Gott unfehlbar ist. Man kann ihn nicht belehren, warum hast du es nicht so oder so gemacht. Verkündige Du nur den Namen Jesu mit Macht! Mache seine Wunder und seinen Ruhm kund! Denn unsre Hoffnung besteht nicht in einem Leben auf dieser Welt sondern in dem zukünftigen. Du weißt, wenn es mir möglich wäre, so käme ich jetzt zu Dir, aber ich habe keinen Weg. (Es war während des Weltkrieges). Aber da ist einer, dem niemand den Weg versperren kann, das ist der Herr Jesus. Sein Wort wird dich stärken und dein Herz erfreuen. Ja, Bruder, dieser Tod ist der Sünde Sold, wir können dem nicht aus dem Wege gehen; unsre Hoffnung aber ist die Wiederkunft des Herrn Jesu, der uns aus aller Not erlösen wird. Dann werden wir nie mehr Trauer haben oder den Tod sehen, sondern im ewigen Reich wohnen und ewiges Leben haben. Lies 1. Thessalonicher 4, 13-18 ....“

Der Schwager des Petero schrieb: „.... Als ich hörte, daß meine Schwester gestorben sei, habe ich große Not in meinem Herzen gehabt, nicht meiner Schwester wegen; denn wenn sie im Glauben gestorben ist, dann steht ja geschrieben: ‚Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.‘ Aber ich habe Schmerz deinetwegen gehabt. Hat meine Schwester, bevor sie starb, noch irgendein Wort Gottes gesagt, dann schreibe mir darüber ....“

So befreit die selige Hoffnung des Christen den Heiden nicht nur im Leben von der Götzenfurcht, sondern läßt ihn auch angesichts des Todes nicht verzagen und verhilft ihm zu einer tiefer gegründeten Lebensfreude, als die faden Späße des Mtani dem Heiden zu geben vermögen. Und wenn behauptet wird, das Christentum verdüstere die Gemüter, so kann der Gegenbeweis nicht schlagender erbracht werden als durch eine kleine Christenschar, die am offenen Grabe freudig und triumphierend singt:

„Christus, der ist mein Leben Und Sterben mein Gewinn; -- Ihm hab’ ich mich ergeben, Mit Fried’ fahr ich dahin.“

Vierzehntes Kapitel.

Mission, Islam und Neger.

Wohl manchem angehenden Missionar hat man in der Heimat von dem in Frieden und Bedürfnislosigkeit dahinlebendem Negervolke erzählt. Auch hat man ihm wohl die Berechtigung abgesprochen, diesem Naturvolke christliche Lehren zu bringen, nach denen es kein Verlangen trage und die auch eine viel höhere Kulturstufe zur Voraussetzung hätten. Im Missionslager dagegen wird gerade in diesen Jahren immer wieder darauf hingewiesen, daß bald die Stunde schlagen wird, in der die Afrikaner sich für das Christentum oder für den Islam entscheiden.

Über die Gefahr, die der sich immer schneller ausbreitende Islam für die Kolonien bildet, ist schon vieles geschrieben worden. Man kann die Frage vom religiösen oder vom politischen Standpunkt aus betrachten, in beiden Fällen aber muß man zu dem gleichen Schluß kommen.

Wer die Stärke der Schutztruppe kennt, muß sich wundern, daß eine solch erdrückende Übermacht von Negern, zum Teil sehr kriegslustigen und kriegsgeübten Stämmen, sich von dieser Minderzahl in Schach halten läßt. Warum kommt es nicht zu einer mächtigen Erhebung mit dem Ziele, die Herrschaft der Europäer zu beschränken oder gar abzuschütteln?

Der Gründe sind natürlich mehrere; aber ein Umstand, der die Kolonisatoren unterstützt hat, ist die sprachliche Zerrissenheit Afrikas und die zum Teil dadurch bedingte Aufteilung des Landes unter kleine und kleinste Häuptlinge. Wirklich mächtige Herrscher, die großen Reichen vorstehen, gibt es mit wenigen Ausnahmen nicht. Wir hatten in Afrika, bevor die deutsche Herrschaft eingriff, dasselbe Bild wie in Deutschland vor seiner Einigung: ungezählte Häuptlinge, die sich meistens grimmig bekämpften. Die erwähnte sprachliche Zerrissenheit begünstigte diese Fehden und steht heute noch der Einigung der verschiedenen Stämme unter einem Häuptling im Wege, natürlich nicht als einziges Hindernis.

Es ist nun wiederholt darauf gedrungen worden, für Afrika mit seinen Hunderten von Dialekten eine Verkehrs- und Einheitssprache zu schaffen. Das Kisuaheli, die Sprache der Küstenleute, der Wasuaheli, eignet sich hierzu am besten. Der Neger ist auch sehr begierig, das Kisuaheli als die Sprache der Gebildeten zu erlernen. Hand in Hand damit geht aber leider das Bestreben der Schwarzen, den Wasuaheli in andern Dingen, besonders in der Religion, ebenfalls gleich zu werden. Da diese nun zum weitaus größten Teil Mohammedaner sind, so kommt es schließlich dahin, daß der Neger glaubt, durch seinen Übertritt zum Islam die höchste für ihn erreichbare Stufe der Bildung erklommen zu haben.

Es könnte nun jemand den Einwand erheben, daß die Leute auch aus ähnlichem Grunde zum Christentum überträten. Dies ist im allgemeinen ausgeschlossen. Während der christlichen Taufe ein oft jahrelanger Unterricht vorausgeht, sind die mohammedanischen Lehrer sehr schnell mit der Taufe bei der Hand. Und was die soziale Stellung anbelangt, so sieht der Weiße gewöhnlich doch auch den getauften Neger nicht in dem Maße für gleichberechtigt an wie das der Araber oder Küstenneger mit dem früheren mshenzi, dem Buschneger, tut, wenn er einmal nach mohammedanischem Ritus getauft worden ist. Wie oft habe ich diese Leute in der Moschee sitzen sehen, immer wieder schreiend: ~La illah illa Allahu. Mohammed resoul Allah!~ = Kein Gott außer Gott! Mohammed ist sein Prophet!, ohne daß sie die Bedeutung selbst dieser wenigen stets wiederkehrenden Worte erfaßt hätten. Aber sie +fühlen+ sich als Mohammedaner, und dies Gefühl kann als einigender Faktor unter Umständen außerordentlich beachtenswerte Folgen haben.

Der Islam macht es seinen Anhängern nicht zu schwer. Deshalb treten denn auch alljährlich, besonders im Monat Ramazan, viele zu ihm über, ohne auch nur eine leise Ahnung von der neuen Lehre zu haben. Das Arabische bleibt dem Neger im allgemeinen ein Buch mit sieben Siegeln; aber über +eine+ Sache hat man sich doch schnell verständigt: Haß gegen die Ungläubigen! Offiziell sind sie allerdings alle die treuesten Untertanen; aber unter der Asche schlummert das Feuer. „Du täuschst dich, es ist noch nicht so weit,“ sagte ein mohammedanischer Häuptling einem andern, der ihn 1905 zum Losschlagen überreden wollte, als im Süden Ostafrikas der große Aufstand ausbrach. Daß aber der Europäerhaß tatsächlich gepredigt wird, läßt sich schon daraus erkennen, daß hoch in unsern abgeschlossenen Bergen sich schon einige Leute von dem Soliman erzählt haben, der einst an der Spitze aller Anhänger des Propheten die Europäer vertreiben würde. Wenn die Mohammedaner es nun fertig bringen, den Fanatismus, der sie selbst beherrscht, auch in die Reihen der Schwarzen zu tragen, dann dürfte sich die Lage ziemlich ernst gestalten. Daß es aber möglich ist, die Neger besonders in einem einheitlichen Sprachgebiet zu fanatisieren, hat der Aufstand 1904-05 im Süden der ostafrikanischen Kolonie bewiesen, wenn auch da der Fanatismus und die teilweise Einigung noch auf die Umtriebe eingeborner Medizinmänner zurückgeführt werden konnte. In einem „wirklichen hl. Kriege, in welchem auf der einen Seite +nur+ gläubige Moslem gegen die Ungläubigen kämpfen“ (Ausspruch eines Negerhäuptlings 1915), würde solche Einigung in Afrika für die Weißen katastrophale Folgen haben. In diesem Zusammenhange dürfte die Rede eines Schwarzen interessieren, die am 30. Aug. 1921 auf dem Panafrikanischen Kongreß in Brüssel gehalten wurde. Er sagte u. a.: „Der Augenblick ist gekommen, da +die 40 Millionen Schwarzen Afrika für sich+ verlangen müssen. Es handelt sich aber nicht darum, England, Frankreich, Belgien und Italien zu fragen: ‚Warum seid ihr hier?‘ sondern ihnen die Weisung zu erteilen, sich zu entfernen! Der blutigste Krieg kommt noch. Wenn erst Europa seine Kräfte gegen Asien einsetzen wird, wird für die Schwarzen die Stunde gekommen sein, das Schwert für die Erlösung Afrikas zu ziehen. Wer hat den Weltkrieg gewonnen? Das Blut der Schwarzen auf den Schlachtfeldern der Weißen ..... Ihr aber wißt, welches der Dank der Weißen war ... Wir lachen über die eingebildeten Weißen und sagen: Da wir gut genug waren, uns auf den europäischen Schlachtfeldern töten zu lassen, um unsern Lehrmeistern zu helfen den Krieg zu gewinnen, so hätten sie uns wenigstens die Freiheit gewähren können, in deren Namen sie sich totschlugen. Wir haben aber auch gelernt, zu töten, und ich frage auch meine Freunde, was wird dann sein, wenn wir erst für unsre eigene Sache kämpfen werden?“

Daran läßt sich nun weiter die Frage knüpfen: Wie kommt es, daß der Islam so schnell in das Volk hineindringt? Oft begegnet man draußen bei Europäern, die allerdings in dem Falle meist allem Christentum gleichgültig gegenüberstehen, der Ansicht, daß der Mohammedanismus schon durch seine günstige Aufnahme bei so vielen Schwarzen den Beweis in sich trage, daß er die gegebene und praktischste Religion für den Schwarzen sei. Man sollte sicher auch draußen den Grundsatz der Glaubens- und Gewissensfreiheit walten lassen; aber es ist doch sehr zu bedauern, wenn sogar von Europäern der Ausbreitung des Islam Vorschub geleistet wird. Ich will mich hier auf ein treffliches Wort Prof. ~D.~ Richters beschränken: „Der Vorschlag, die primitiven Völker dem Islam als einer ihnen angemessenen Religion zu überlassen, kommt einem Selbstmord der christlichen Kultur gleich.“ „Ev. Missionskunde“, S. 32 ff.

Vergleicht man nun die christliche und mohammedanische Missionstätigkeit, so wird man unschwer erkennen können, daß dem Islam in vielen Dingen die Wege geebnet sind. Während die christlichen Gemeinschaften teure Missionare hinaussenden, deren Unterhalt und Arbeit jährlich beträchtliche Summen verschlingt, tut der mohammedanische Händler für seinen Glauben äußerlich dieselben Dienste, ohne der Gemeinschaft auch nur die geringsten Kosten zu verursachen. Er ist überall zu finden, handelt mit dem Koran, erteilt Unterricht in demselben und macht auf alle mögliche Weise Propaganda für seinen Glauben. An Zahl sind diese Leute den Missionaren weit überlegen. Wie stände es wohl mit dem Christentum, wenn alle Weißen auch nur annähernd so eifrig für ihr Glaubensbekenntnis eintreten würden!? Solange der arabische Einfluß in Ostafrika geherrscht hat, galt auch der Islam als Religion der Gebildeten, und er ist heute noch bei sehr vielen Häuptlingen Tradition.

Es kommt hinzu, daß der Araber durch seine Hautfarbe dem Neger näher steht als der Europäer. Dies wissen die Mohammedaner geschickt auszunützen, indem sie dem Neger beibringen: „Der Islam für die Farbigen, das Christentum ist Sache des weißen Mannes, unsres gemeinsamen Unterdrückers.“ Gar mancher Neger läßt sich da bereitfinden, die Lehre des Propheten anzunehmen, besonders wenn der Häuptling und seine Großen vorangegangen sind. Daß die Unterschiede der christlichen Glaubensbekenntnisse den Negern in die Augen fallen, sie von dem Bestehen der zahlreichen mohammedanischen Sekten aber meist nur wenig Kenntnis erhalten, ist eine weitere Hilfe für den Islam.