Part 20
Als letztes will ich hier noch den Uzuza-Zauber erwähnen. Den Besitzer nennt man ~mzuza~ = Aufspürer. Er ist nämlich imstande, vergrabene böse Zaubermittel oder verlorene bzw. gestohlene Gegenstände aufzufinden. Seine Medizin soll er sich aus einer Hyänen- und Schweinsschnauze sowie aus einem Habichts- und Geierkopf herstellen, welche Stoffe verbrannt und pulverisiert werden. Das Geschäft ist einträglich. Macht er z. B. einen verfluchten Topf (s. unter Rechtssitten) auf einem verlassenen Hausplatz ausfindig, erhält er dafür zwei Ziegen. Ist so ein Unglückstopf gar in einem hl. Haine vergraben, verlangt der Wünschelrutenmann eine Färse als Bezahlung. Der Vorgang beim Aufspüren ist ungefähr folgender: Nachdem das Orakel den Tod eines Familiengliedes auf einen verfluchten Topf zurückgeführt hat, wird der Mzuza gerufen und ihm mitgeteilt, in welcher Gegend ungefähr der Topf zu suchen sei. Nun begibt der Zauberer sich auf die Suche. In der rechten Hand trägt er einen Gnuschwanz. Ein wenig seiner „Medizin“ vermengt er mit Erde von dem Platze, wo der Gegenstand gesucht werden soll und schnupft die Mischung zum Teil, ein wenig streut er auf den Gnuschwanz. Diesen hält er unter fortwährendem Schnüffeln an die Nase und auf die Erde, bis er die Spur und endlich auch den Ort gefunden hat, an welchem der zu suchende Gegenstand verborgen liegt. Die gute Belohnung möchte natürlich auch mancher Schwindler einstecken. Einer meiner Gewährsleute beobachtete einmal einen solchen, wie er einen kleinen Topf eingrub, um ihn nachher „aufzuspüren“. Unter gewissen Umständen sind solche Machenschaften wohl möglich, oft dagegen völlig ausgeschlossen. Denn wenn ein Mpare eine Kuh für solche Sache bezahlt, dann paßt er doch gut auf, daß man ihm keinen falschen Zauber vormacht.
Wenn man als Missionar bemüht ist, dem Paremann möglichst sein Volkstum zu erhalten, so wird man leider immer wieder die Erfahrung machen, daß man nur einen ganz kleinen Rest seiner Sitten und Gebräuche ungefährdet ins Christentum hinübernehmen kann, weil sein ganzes Dichten und Denken vollständig mit heidnisch religiösen und abergläubischen Vorstellungen durchtränkt ist. Da werfen schon die kleinen Kinder ihre ausgefallenen Milchzähne der Sonne zu mit den Worten: „Hier, Sonne, nimm meinen Zahn, und gib mir einen neuen!“ oder man bindet dem Kinde das kleine Füßchen einer Antilope ans Bein, damit es auch bald so laufen kann wie diese. Während viele Christen die mancherlei Lebenskräfte ohne Dank gegen ihren Schöpfer hinnehmen, sucht der Neger erst durch tausend abergläubische Handlungen diese Kräfte zu bewegen, sich in der von ihm gewünschten Weise zu betätigen.
=Das Orakel= (~nzaro~).
Das Orakel ist die Brücke, welche die Menschen mit der unsichtbaren Welt verbindet. Was sollte der Mwasu anfangen, wenn er kein Orakel hätte, welches ihm bei der verwirrend großen Anzahl seiner Gottheiten einen Fingerzeig gibt, welcher von ihnen zu opfern ist! Das Nzaro ist ihm der Ratgeber in allen Lebenslagen. Er plant eine Reise, will mit seinem Nachbar prozessieren, er hat eine Seuche in der Herde, er oder ein Familienglied ist krank, er hat irgend etwas verloren, seinem Kinde kommen die Zähne nicht zur rechten Zeit oder es hat Stuhlverstopfung, kurz: in allen Nöten fragt er das Orakel um Rat. Man muß gestehen, daß eine so vielseitige Einrichtung für Leute, die im Banne der Furcht gefangen gehalten sind, eine außerordentliche Hilfe bedeutet. Für 25 Heller kann man die Ursache jeder Krankheit erfahren, und man weiß, welche Gottheit ein Opfer erheischt. Berühmte Orakel sind entsprechend teurer.
Von den verschiedenen Orakeln sind die hauptsächlichsten folgende: 1. ~nzaro ya mbotwe~; 2. ~nzaro ya mapande~; 3. ~nzaro ya lusinga~; 4. ~nzaro ya vijwiijwii~; 5. ~nzaro ya lagula~; 6. ~nzaro ya mlamulo~; 7. ~nzaro ya kidonga~; 8. ~nzaro ya ugonezi~.
1. Mbotwe sind große braune Samen eines Baumes, hier „Steine“ genannt. Diese werden mit allerlei Medizinen in einem Stück Bambusrohr aufbewahrt. Soll das Orakel befragt werden, so riecht der Besitzer zuerst gründlich in den Behälter hinein, um seine Sinne für die Aufnahme der zu erwartenden Botschaften vorzubereiten. Dann ermahnt er das Nzaro mit folgenden Worten: „Du Orakel, Freund der Ahnen, was ich dich auch frage, bejahe es mit vier Steinen, verneine es mit einem Stein.“ Nach ihm bekannten Regeln legt er nun immer Häufchen von je fünf Samen zusammen, und aus dem übrigbleibenden Rest ersieht er ja oder nein.
2. Das Nzaro ya mapande ist eine Schere aus Holz mit vielen Gliedern, wie man sie bei uns zur Fastnachtszeit als Scherzartikel verkauft. An den Bewegungen der ausgezogenen Schere ersieht der Zauberer die Antwort der Geister.
3. Das Nzaro ya lusinga besteht aus einer etwa 15 ~cm~ langen Metallnadel, die an ihrem einen Ende einen kleinen Holzgriff trägt. Der Medizinmann reibt die Spitze in etwas Asche und versucht dann, die Nadel durch eins der bereitgelegten vier Stückchen einer Bananenblattrippe zu stoßen. Geht die Nadel glatt durch, so bedeutet das nein; bleibt sie trotz Anwendung von Kraft stecken, so hat das Nzaro die Frage bejaht.
Der Verlauf einer solchen Sitzung ist etwa folgender: Dem Nachbarn, der den Orakelspruch unentgeltlich abgibt, teilt man zur Abkürzung des Verfahrens gleich mit, daß etwa die Tochter krank sei, und es wird die Ursache festgestellt. Ein fremder Medizinmann, der für seine Mühewaltung Bezahlung verlangt, muß dagegen selbst feststellen, was den Ratsuchenden zu ihm geführt hat und damit gleichsam eine Probe seines Könnens ablegen. Er wird also in diesem Falle nach wenigen Augenblicken dem Manne sagen: „Du kommst wegen deines Kindes zu mir.“ Der antwortet: „Drücke dich bestimmter aus!“ -- „Es handelt sich um deine Tochter.“ Der andre ruft nun zur Bestätigung: ~Taire!~ d. h. du bist ein Wissender, du hast es getroffen. Dann fragt der Medizinmann sein Orakel nach allen möglichen Krankheitsursachen ab: Ist es ein Ahn? Ist ein böser Zauberer im Spiel? Handelt es sich um ein getötetes Seelentier? -- Jede Feststellung wird dem Klienten mitgeteilt und von diesem, wenn sie zutrifft, mit einem Taire beantwortet. Oft macht das Nzaro auch ganz bestimmte Angaben, etwa: Vor einigen Wochen oder Tagen hat dich ein Mann mit heller Gesichtsfarbe besucht. -- Taire! -- Der ist dann noch öfter zu dir gekommen. -- Taire! -- Nun, der ist es, der deine Tochter verzaubert hat. Grabe da und da nach, so wirst du mit Hilfe der Mzuza einen Zauber vorfinden. -- Das Orakel hat seine Schuldigkeit getan, das Weitere ist Sache des nunmehr aufzusuchenden Medizinmannes. In wichtigen Angelegenheiten befragt man Orakel in anderen Landschaften oder gar fernen Provinzen, wo eine Kenntnis der Verhältnisse des Klienten ausgeschlossen erscheint.
4. Das Nzaro ya vijwiijwii besteht aus einem kleinen Kürbisfläschchen, welches der Medizinmann zuerst tüchtig anraucht, worauf in der Flasche ein lautes Piepen ertönt, durch welches das geheimnisvolle Ding dem Zauberer auf seine Fragen antwortet.
5. Berühmt ist das Nzaro ya lagula, welches ebenfalls aus einem Kürbisfläschchen mit Medizin besteht. Der Zauberer setzt sich vor die Erschienenen und riecht an seiner Flasche. Dann fängt er an zu singen, die Herumsitzenden antworten im Chor: „Lagula!“ bei zutreffenden Feststellungen: „Taire!“ etwa wie folgt:
Ihr meine Leute -- lagula! Wo kommt ihr her? -- lagula! Ihr kommt aus Mamba -- taire! Was wollt ihr denn hier? -- lagula! Ihr habt einen Prozeß -- taire! Es handelt sich um eine Kuh -- taire! usw.
Der Medizinmann soll, wie mir Christen erzählten, die geheimsten Dinge ans Licht bringen. Da es sich oft um völlig fremde Leute handelt, die eine weite Reise zurückgelegt haben, ist auch hier eine vorherige Verständigung durch andre kaum anzunehmen.
6. Das Nzaro ya mlamulo besteht aus etwa 40 fingerlangen Stäbchen, die zu je vier abends auf den Boden gelegt und mit Mehl bestreut werden. Da gibt es eine Gruppe des bösen Zauberers, andre bezeichnen die verschiedenen Gottheiten, die als Krankheitserreger auftreten können, usw. Sind am nächsten Morgen z. B. die vier für den Dachgötzen hingelegten Hölzchen auseinandergeworfen, so ist dieser als Ursache festgestellt.
7. Das Nzaro ya kidonga besteht aus einer kleinen Medizinkalabasse, deren Inhalt, nachdem die Flasche geschüttelt wurde, glänzende Blasen wirft. Ein Medizinmann, den ich eines Tages gerade beim Wahrsagen antraf, erklärte mir nachher, daß er aus der Art der sich bildenden Blasen das Gewünschte ersehen könne.
8. Das Nzaro ya ugonezi ist ein berühmtes Orakel und erinnert an jenes zu Delphi. Nachdem der Medizinmann im Hause der Ratfragenden den ganzen Abend allerlei ihn inspirierende Lieder gesungen, seine Medizinen getrunken und Weihrauch verbrannt hat, zieht er sich in die für ihn bereitgehaltene Hütte zurück mit dem Gesang:
„Ihr guten Geister folgt mir nach, Ihr schlechten bleibet fern!“
Am Kopfende seines Bettes stößt er einen Stab in die Erde, an welchen er seine Medizinflaschen hängt, und dann begibt er sich zur Ruhe, während Weihrauchdämpfe die Hütte erfüllen. Im Traum erhält er von den guten Geistern Aufschluß über die schwebenden Fragen; auch manche andre Zukunftsblicke lassen sie ihn tun. Während die meisten Orakel für etwa eine Rupie zu kaufen sind, belaufen sich Ausrüstungs- und Unterrichtskosten für dieses Nzaro auf eine Färse und einen Ochsen.
Außer den aufgezählten gibt es noch andre Orakel, die unsre Wapare z. T. von fremden Stämmen übernommen haben. Die verschiedenen Nzaro eingehend zu besprechen, würde einen breiten Raum erfordern und die Darlegungen würden starken Zweifeln begegnen; sicherlich oft nicht zu Recht, denn manches wird doch unerklärlich bleiben. So suchte einer dieser Wahrsager, ein Greis mit weißem Haar, am Tage der Einnahme von Taveta 1914 den Missionar einer unsrer Nachbarstationen zu bereden, die Flagge hochzuziehen, weil Taveta von den Deutschen genommen sei. Er habe in der Nacht im Gesicht den Kanonendonner gehört und die deutsche Flagge dort wehen sehen. Zu der Zeit war uns Europäern von der tatsächlichen Einnahme noch nichts bekannt, da die Nachricht erst mehrere Tage später eintraf.
Dreizehntes Kapitel.
Der kranke Heide.
In sehr vielen oder gar den meisten Fällen sieht der Heide in Krankheit und Tod keinen natürlichen Vorgang sondern eine Verzauberung. Daher beschränkt sich die Behandlung seitens ihrer Ärzte nicht auf die Verabfolgung der sicherlich oft recht guten Medizinen, sondern es wird viel Zauber nebenbei gemacht. Das ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Denn mehr noch als die eigentliche Arznei trägt „der Zauber“ zur Stärkung der Zuversicht und damit zur Heilung des Kranken bei. Krankheitsursachen sind u. a.:
1. Ein Ahnengeist will ein Opfer.
2. Tötung eines Seelen- oder Totemtieres. Frevel in einem hl. Hain.
3. Irgendein Vorfahr, etwa der Großvater, hat sich in einem dieser Punkte etwas zuschulden kommen lassen.
4. Ein unerfülltes Gelübde.
5. Ein Fluchtopf.
6. Verzauberung.
Ist einer von den ersten vier Punkten als Ursache festgestellt, bringt man für die Ahnen ein Scheinopfer dar; den Seelentieren oder dem Walddämon wird einstweilen ein Pfand in der bereits beschriebenen Weise gegeben. Tritt am nächsten Tage Besserung ein, so war die Angabe des Orakels richtig, sonst geht man zu einem andern Nzaro, welches etwa als Nebenursache noch Verzauberung feststellt. Nunmehr wird ein Medizinmann bestellt, der die Behandlung übernimmt. So ist der Verlauf bei leichten Erkrankungen, die sich verschlechtern. Man sendet also am vierten oder fünften Tage zum Wahrsager. Tritt die Krankheit sofort in ein heftiges Stadium, wird natürlich sogleich ein Arzt gerufen, während ein andrer Nachbar zum Nzaro läuft.
Die Behandlung besteht hauptsächlich im Einritzen der Haut des ganzen Körpers und nachfolgendem Einreiben der pulverisierten Arzneimittel in die je nach Art der Behandlung leicht oder stärker blutenden Wunden. Andre Medizinen sind zum Einnehmen, flüssig oder in Pulverform, mit Honig vermischt. Alle Arzneien sind vorher vom Medizinmann bespützt bzw. angehaucht worden, indem der Hauch mit Hilfe der Zunge heftig zwischen den Lippen hervorgestoßen wurde. Der Kranke wird ebenfalls nach der Arzneibehandlung heftig bespützt, um ihm die Seelenkräfte des Arztes mitzuteilen und die bösen Zauberkräfte zu vertreiben. Die enge Verbindung zwischen Speichel und Hauch als Seelenträger tritt auch sprachlich in die Erscheinung; denn diese Art des „Anhauchens“ heißt im Chasu ~kutufia~, abgeleitet von ~kutufa~ = ausspeien. Das Bespützen beschränkt sich oft nur auf die Medizinen, um ihnen größere Wirksamkeit zu verleihen. Bessert sich der Kranke durch die Behandlung nicht, so wird er oft von einem Dorf ins andre und schließlich in ganz erbärmliche Hütehütten geschleppt, um in der Einsamkeit den Einflüssen der bösen Zauberer zu entgehen.
Die mir im Laufe der Zeit bekanntgewordenen Behandlungsarten und Sympathiemittel, die bei einer schweren Krankheit angewandt werden, bilden sicherlich nur einen geringen Bruchteil der medizinischen Wissenschaft unsrer Wapare. Aber selbst dies Wenige ist zu zahlreich, um hier aufgeführt werden zu können. Nur das eine oder andre will ich aus dem Vielen herausgreifen, damit der Leser ein ungefähres Bild bekommt. Eine sterile Frau z. B. führt der Arzt an einen Mvumo-Baum, wo beide mit einem Messer in die Haut bzw. Rinde geritzt werden. Das austretende Blut der Frau reibt der Medizinmann in die Schnittwunden des Baumes und umgekehrt. Dabei spricht er: „Du Geist des Baumes, gehe in die Frau, und du Dämon der Frau, fahre in den Baum!“ Führt das Orakel die Krankheit auf einen vor Zeiten vergrabenen Topf zurück, so wird dieser durch einen Wünschelrutenmann aufgesucht und mit einem Schafopfer entsühnt.
Wie wir schon im Abschnitt über die Geburt erwähnten, haben die Ärzte ziemlich gute Kenntnisse von den hierher gehörigen Vorgängen. Nur verhüllen Furcht und Aberglaube das Gute immer allzu leicht. Enthauptungen und Wendungen im Mutterleibe, operative Erweiterung des äußeren Geburtsweges sind bekannt. Knochenbrüche werden geschient. Sind jemand durch einen Unglücksfall die Testes aufgeplatzt, so werden sie mit einer gewöhnlichen Nadel und Schafdarm wieder zusammengenäht. Die Ohrläppchen besonders der Frauen werden schon in der Jugend durch eingesteckte Holzplättchen und später durch Palmblattspiralen stark vergrößert, daß sie oft wie dünne Schnüre auf die Schultern reichen. Reißen sie, oder will einer, der Mode folgend, die Sache verkürzt haben, so verwundet der Chirurg die beiden Enden künstlich, legt sie aufeinander und umwickelt die Stelle mit einem Faden.
Kräuter-Dampfbäder stehen in gutem Ruf und werden häufig angewandt. Die Kräuter werden gekocht und der Topf dann vor den Patienten gestellt, der unter einer umgehängten Decke tüchtig schwitzen muß. Eine Abreibung mit dem inzwischen lauwarm gewordenen Wasser beschließt diese Art der Behandlung. Zur Ader läßt man mittels eines Schröpfkopfes (~ndumiko~). Dieser besteht aus einem kleinen Ziegenhorn, welches am Ende durchbohrt ist und mit einem Wachspfropfen verschlossen werden kann. Der Arzt ritzt die Haut an der zu schröpfenden Stelle, setzt das Hörnchen fest auf, saugt die Luft heraus und schließt während des Saugens die kleine Öffnung in dem Wachspfropfen mit den unteren Schneidezähnen. Bei starken Kopfschmerzen wird der Ndumiko an den Schläfen aufgesetzt, auch bei Stichen in der Brust wird er angewandt. Zauberhörnchen, welche die Vasavi dem Patienten in seinen Körper gezaubert haben, werden mittels des Schröpfkopfes wieder entfernt. Werden Zweifel laut, wie es möglich sei, daß solche Gegenstände durch die kleinen Ritzwunden hindurch ans Tageslicht befördert werden könnten, so begegnet der Medizinmann diesen mit dem außerordentlich logischen Hinweis, daß der böse Msavi beim Hineinzaubern ja nicht einmal diese Ritze gehabt habe. Was durch die heile Haut hineingehe, müsse doch durch die eingeritzte um so leichter hinausgehen. Gegen diese Logik können die Leute nichts machen, denn der „Arzt“ zeigt ihnen die ausgetretenen Gegenstände, des Patienten Lebensmut wächst, nachdem er die scheußlichen Dinge losgeworden ist, die er in der Hand des Medizinmannes gesehen hat, und diesem heiligt wohl der Erfolg die angewandten Mittel. Auch die Sühnzeremonie wendet der Arzt an, um böse Einflüsse während seiner Behandlung fern zu halten. Er nimmt zu dem Zweck ein kleines Hölzchen, bricht über dem Kopf des Kranken mehrere Stückchen ab und wirft sie fort, indem er sagt: „Das Böse, was den Mann krank macht, soll meiner Behandlung nicht entgegenstehen, sei es nun Zauber oder Ahnen oder irgend etwas anderes.“
Eine Krankheit, die früher bei den Wapare unbekannt war, ist die Besessenheit oder ~pepo~. Diese bösen Dämonen, bzw. der Glaube an sie, sind von der Küste her über Usambara auch nach Pare eingedrungen und heute überall verbreitet. Unsre Wapare nehmen an, daß sie mit den Kleidern der Suaheli-Kaufleute eingeschleppt worden seien. Man glaubte nämlich, daß die Kleider, nachdem sie „aus dem Meere gekommen“ wären, von den Küstenkaufleuten in einen „Hain der bösen Seuchen“ gelegt würden, um auf diese Weise ihr Land zu reinigen und die Seuchen mit den Kleidern ins Land der Käufer abzuschieben. Deshalb brachte jeder vorsichtige Mwasumann seine Kleider, die er von reisenden Kaufleuten erstanden hatte, zuerst in eine Höhle, um sie da vier Tage „ablagern“ zu lassen. Mit dem zu diesem und ähnlichen Zwecken vorrätig gehaltenen trockenen Mageninhalt eines Schafes wurden sie dann entsühnt.
Der Mzuka ist der Oberste aller dieser bösen Dämonen. Es gibt eine große Anzahl von Pepoerkrankungen, die alle je nach ihrer Erscheinungsform ihren Namen tragen, z. B.:
1. ~Pepo ya Mzungu~, Europäerdämon. Der Kranke trägt beim Beschwörungstanz einen weißen Turban, hält ein weißes Huhn in der Hand und ißt oft (wie die Europäer zum Entsetzen der Neger hier tun) rohe Eier.
2. ~Pepo ya Mnyindo~, Dämon eines Küstenstammes. Der Kranke tanzt mit schwarzem Turban und schwarzem Huhn.
3. ~Pepo ya Mlungwana~, Dämon eines Küstenstammes.
4. ~Pepo ya Mkwavi~, Massaidämon. Der Kranke nimmt beim Tanz einen Massaispeer usw.
Fast ausschließlich sind es Frauen, die von der Besessenheit befallen werden. Der Beschwörer verspricht dem Dämon allerlei Liebesgaben, damit er die Kranke eine Zeitlang in Ruhe lasse. Bei dem immer heftiger und aufreizender werdenden Klang der Geistertrommeln wird die Kranke unruhig und fängt schließlich an zu tanzen, während der Medizinmann mit dem Dämon spricht. Reagiert die Patientin auf die erste Tanzmelodie nicht, so geht der Beschwörer zu einer andern über.
Die Pepokrankheit ist bei vielen Frauen zur Modesache geworden. Einige sind hysterisch veranlagt, bei andern ist die Tanzsucht so groß, daß jeder Vorwand benutzt wird, ihr zu huldigen. Erotische Momente spielen wohl auch mit hinein, denn man tanzt meist vor männlichen Zuschauern. Mehrere Wapare sagten mir selbst: „Die Dämonenbeschwörung ist oft nur eine Tanzlustbarkeit.“ Aber immerhin liegen in manchen Fällen doch krankhafte und merkwürdige Erscheinungen vor. So sah ich bei einem solchen nächtlichen Beschwörungstanz Frauen, die in ihrer Ekstase glühende Kohlen anscheinend ohne Schaden in den Mund nahmen; andre stiegen bis auf den Dachfirst und legten sich dort zum Schlafen nieder. Andre schneiden plötzlich einem Schaf die Kehle durch und trinken das hervorquellende Blut u. dgl. m. So haben die Wapare auch noch unter den Plagen andrer Stämme zu leiden. Der Islam beläßt sie nicht nur in der Furcht vor ihren Gottheiten, denen ja die meisten mohammedanischen Eingebornen im Innern nach wie vor opfern, sondern seine Träger, die Küstenleute, bringen noch neue Dämonen in ihren Vorstellungskreis, um die Herzen völlig in den Bann der Furcht zu schmieden. Für sie wie für jeden Menschen ist nur Heil im Namen dessen, der den unsaubern Geistern mit Macht gebieten konnte. Das bezeugen heute mehrere unsrer Christenfrauen fröhlichen und dankbaren Herzens. Denn seitdem sie in Jesu Tod getauft worden sind, haben sie von den bösen Geistern, die ihre heidnischen und mohammedanischen Schwestern quälen, nichts mehr zu leiden. Also nicht nur dem gesunden Heiden mit all seinen Wahnvorstellungen, die ihn peinigen, sondern in noch weit höherem Maße dem kranken Heiden können wir in seinen Nöten nur das Evangelium von Jesu bringen: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch nicht nur Kultur geben, ihr sollt auch nicht nur zu geschickten Arbeitern beim Europäer gemacht oder nur unterrichtet werden, eure eignen Äcker vorteilhafter oder in größerem Maßstabe zu bearbeiten; das sollen alles nur Folgeerscheinungen des Evangeliums sein. Aber Frieden und Ruhe will ich euch geben für eure Seelen! -- Und wenn man sich nur in die Erinnerung zurückruft, daß z. B. die Mutter des zahnenden Säuglings am Ende der Zahnzeit mit dem Gruß erfreut wird, den sonst der aus Todesgefahr heimkehrende Krieger erhält, weiß man, daß die Heiden sich nach Frieden sehnen. Dies Evangelium ließ eine unsrer Christinnen auf dem Sterbebett triumphierend ausrufen: „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt!“ Seine Frieden bringende Kraft gab unserm treuen Lehrer Anderea Senamwai auf seinem Lager das Lied in den Mund: „Näher, mein Gott, zu Dir,“ bis der Tod ihm die singenden Lippen schloß.
Verlangt irgendein Gesunder die vorbeugende Behandlung des Medizinmannes etwa gegen Verzauberung, so muß er zuerst den „Taschenöffner“ (~kichungua mfuko~) in Form einer Hacke oder 25 Heller bezahlen. Gleichzeitig wird der Preis für die Behandlung (~ichungwi~) festgesetzt. Diese besteht gewöhnlich in einer oder zwei Ziegen, bei reichen Häuptlingen wohl auch in einer Färse. In den meisten Fällen ist die „Beruhigung“, die der Patient als einziges Resultat solcher Zauberbehandlung verspürt, mit der geforderten Ichungwi recht teuer bezahlt. Wird der Arzt dagegen zu einem Kranken gerufen, so hat dieser bis zu seiner Gesundung nichts zu zahlen, sondern holt erst später den Kichungua mfuko und Ichungwi nach. Stirbt der Patient, oder ist die Behandlung erfolglos, so ist an den oder die Ärzte nichts zu zahlen, jedenfalls eine ideale Auffassung des Berufes von seiten der afrikanischen Mediziner. Der Arzt ist gleichzeitig Apotheker, so daß auch in dieser Hinsicht keine Kosten entstehen. Nebenbei bemerkt, habe ich für das Biologische Institut in Amani eine Anzahl Arzneipflanzen der Wapare gesammelt, die z. T. in Berlin bestimmt wurden. Bei den meisten der eingesandten Exemplare war die ihnen hier von den Ärzten zugeschriebene Arzneiwirkung auch zu Hause bekannt. Die Vaganga werden also sicherlich eine große Reihe gut wirkender Heilkräuter kennen und wären wahrscheinlich in der Lage, auch unsre Kenntnis in diesem Stück beträchtlich zu erweitern.
Oft muß der Arzt wegen seiner ihm vorenthaltenen Bezahlung prozessieren. Andre sagen: „Wenn du mir mein Honorar nicht geben willst, ~unani, teheterire kucha~ (= nur zu, es ist noch nicht aller Tage Abend). Bei deiner nächsten Krankheit wirst du mich oder meine Kollegen vergeblich rufen.“ Folgende Geschichte erzählen sich die Leute von der Rache eines betrogenen Arztes: