Im Banne der Furcht

Part 16

Chapter 163,551 wordsPublic domain

Diese Seelenkräfte im Auge, welche sich bei den meisten Menschen als ganz harmlos erweisen, können doch in manchen Fällen Unheil anrichten, indem sie durch das Sehloch austreten und im Körper anderer Krankheiten verursachen. Besonders sind es die Frauen, die durch den „bösen Blick“ vor allem kleine Kinder der Nachbarn verzaubern und töten. Als die Regierung zum Dorfbau aufforderte, um die ganz vereinzelt liegenden Hütten zusammenzubringen, war dieser Aberglaube ein Grund zu weiteren Befürchtungen, da es ja nun durch das nahe Zusammenwohnen den Hexen bedeutend leichter sein würde, die Kinder umzubringen. Während das Auge der Hexen und Zauberer böse Seelenkräfte ausstrahlt, ist es beim Regenzauberer das Mittel, den Regen herbeizuholen oder zu vertreiben. Selbstverständlich bedient sich der Regendoktor dazu auch noch andrer Zauberarzneien; aber es genügt schon, wenn er in der heißen Steppe wandert, daß er starr nach oben sieht, um die Wolken zu veranlassen, sich vor die Sonne zu schieben. Diese Leute werden von ihren Lehrmeistern unter den Augen geritzt und behandelt, um die Fähigkeit zu erlangen, Regen zu „ziehen“. Mit diesem ist schon der Übergang zur freien Psyche, der

Hauch- oder Schattenseele

gegeben. Der Schattenseele sind wir schon bei verschiedenen Gebräuchen begegnet, so beim Kikobwa-Zahnzauber. Dort läßt ja der Zauberer den Schatten des Kopfes und andrer Körperteile auf die Erde fallen, um dann von der Stelle etwas Erde in das Amulett zu bringen. Das entsprechende Chasuwort für Hauchseele ist ~kisuka~, oder auch ~kivuri~ = Schatten. Es gibt zwei Schatten, den großen und kleinen. Letzteren können die bösen Zauberer, die Vasavi, stehlen um den Menschen zu peinigen oder zu töten. Die Legenden berichten von solchen Zauberern, welche die gefangenen Schatten nachts an die Arbeit auf dem Felde und im Hause stellen. In der Dunkelheit kommt der böse Zauberer mit seinen Amuletten und zwei Bambusstäben, die er durch Stoßen auf den Erdboden erdröhnen läßt. Bis auf einige vertrocknete Bananenblätter ist er unbekleidet. Durch eins der kleinen Fensterlöcher bläst er seinen Zauber ins Haus, dessen Bewohner nun in einen tiefen Schlaf verfallen. Dann ruft er die Schattenseele seines Opfers heraus und nimmt sie mit. Ist der Betreffende vorher von einem berühmten Arzt behandelt worden, so wird der Msavi bald merken, daß es ihm nicht möglich ist, die Schattenseele vom Körper des Betreffenden zu lösen. Gelingt es ihm aber, dann nimmt er sie mit sich nach Hause und verbannt sie in eine Höhle oder auf einen Baum. Er bringt ihr Speise und schlägt sie auch oft; dann wird der Mensch ohne Schatten immer kränker. Eigentümlicherweise glauben sie nun, daß der böse Zauberer oft die Schattenseele tötet, um damit auch dem Leben ihres früheren Besitzers ein Ende zu machen. Umgekehrt ist es nach manchen ihrer Geschichten schon vorgekommen, daß der Mensch +vor+ seiner Schattenseele gestorben ist und der Schatten dann den Hausbewohnern erschien, bis auch er getötet wurde. Aber nicht immer ist der Ausgang tödlich. Begibt sich der Kranke rechtzeitig in die Behandlung eines tüchtigen Arztes, so besteht die Möglichkeit, die Schattenseele wiederum in den Körper zurückzurufen. Das geschieht unter bestimmten Zeremonien. Oft läutet der Arzt als Teil seiner „Behandlung“ mit einer Glocke und ruft: „Du Soundso, bist du in einer Höhle oder auf einem Baume, so komme wieder.“ Daß die Leute sich besonders im Anfang unsres Hierseins sehr vor jeder Photographie und besonders vor ihrer eignen fürchteten, ist demnach leicht verständlich.

Der Name als Seelenträger.

Wenn man einen Paremann nach seinem Namen fragt, so gibt er für gewöhnlich einen falschen an. Ich habe oft, besonders an Orten, wo ich fremd war, Mütter nach dem Namen ihrer Kinder gefragt, und man gab mir unrichtige Auskunft. Warum geschieht das? Will man dem Europäer nur etwa vorlügen? Nein, denn auch einem Schwarzen, der ihnen unbekannt ist, sagen sie ihren wahren Namen nicht ohne weiteres. Als Erklärung dafür gaben einige meiner Gewährsleute an, daß die Fragesteller Leute sein könnten, die eine alte Schuld von Großvaters Zeiten her eintreiben wollten und nach dem Schuldner forschen. Aber man ist sich auch hier wie so oft der ursprünglichen Bedeutung der Sitten nicht mehr bewußt und sucht nach Erklärungen. Daß es sich bei der Verschweigung des Namens wenigstens ursprünglich um Dinge gehandelt hat, die in das Gebiet des Seelenglaubens gehören, zeigt ein Brauch, der allgemein bekannt ist. Es ist nämlich bei den Wapare sehr verpönt, irgend jemand bei Nacht mit Namen anzurufen. Man ruft vielmehr: „Du da unten im Hause!“ oder gebraucht ähnliche Umschreibungen. Dies geschieht, damit „dem Zauberer nicht durch den Klang des Namens der betreffende Mensch selbst überliefert werde“. Denn bei Säuglingen und überhaupt nachts, wenn die Traumseele so leicht den Körper verläßt, würde schon die bloße Namennennung genügen, einem in der Nähe befindlichen Zauberer den Raub der Seele zu erleichtern. Aus diesem Grunde legen sich die Wapare für ihre nächtlichen Tanzfeste besondere Namen zu, bei denen sie sich dann ohne Gefahr auch nachts rufen können. Natürlich sprechen da noch andre Gründe mit, die hier nicht erörtert zu werden brauchen. -- Selbst die Stimme nehmen die bösen Zauberer und bringen dadurch Unheil über den Sprecher. So werden kleine Kinder verwarnt, des Nachts nicht zu schreien, damit sie nicht verzaubert würden. Heute, wo auf Steuerzetteln und Arbeiterkarten der Mann den Namen angeben muß, den er immer führt, wird dieser Aberglaube etwas bekämpft. Trotzdem ist es bezeichnend, daß die Leute für diese Karten fast immer falsche Namen angaben, so daß sie verschiedentlich unter Androhung von Strafen aufgefordert werden mußten, diese Sitte fallen zu lassen.

Viele Leute nahmen auf Reisen die bekannten Safari- oder Reisenamen an, eine Sitte, der ursprünglich sicher animistische Motive zugrunde lagen. Mit der Zeit merkten die Betreffenden dann bald, daß es auch noch andre Vorteile hatte, wenn man als ~Pendakulala~ = „Schlafmütze“ (solche Namen sind besonders bei den Wanyamwezi beliebt) in A. einen Diebstahl ausführen konnte, um dann in B. als ~Mwacheapotee~ = „Laß ihn nur laufen!“ wiederum aufzutauchen. Diese Erkenntnis war aber sicher eine im Laufe der Zeit erworbene.

Das Ganze ist übrigens ein Beispiel dafür, wie vorsichtig man in seinem Urteil über das eine oder andre sein muß, was beim Neger unangenehm auffällt, weil es schwer ist, den Irrgängen der Negerpsyche immer nachzugehen. Dasselbe ist auch bei ihren Übertreibungen der Fall. Der Gedanke zu lügen liegt ihnen im ersten Augenblick dabei ganz fern. Aber sie wollen durch ihre übertriebene Darstellung (z. B. des Unglücks) die Geister veranlassen, von ihnen abzustehen.

Eine eigentümliche Sitte unsrer Wapare besteht darin, die oberen vier Schneidezähne spitz zu meißeln und die unteren beiden Schneidezähne auszubrechen. Diese Operation wird bei Knaben und Mädchen etwa im achten Jahre vorgenommen. Zu dem Zweck wird ihnen ein Holz quer in den Mund gelegt, auf welches sie beißen müssen. Es soll das zum Schutz des Gaumens dienen und auch gleichzeitig das Schließen des Mundes verhüten. Dann nimmt der Operateur, der übrigens kein Arzt zu sein braucht, sein Instrument und meißelt die Zähne spitz. Später werden von einem andern Operateur die unteren Zähne ausgebrochen, falls der erste diese Kunst nicht auch versteht.

Zur Begründung dieser Sitte werden heute die wunderlichsten Dinge angegeben. Den kleinen Kindern erzählt man, daß die ungefeilten Zähne nachts aus dem Munde wandern und Kot kauen. Das dient wohl nur dazu, sie für die manchmal schmerzhafte Behandlung willig zu machen. Sonst hört man, daß für das Feilen der Zähne nur Schönheitsrücksichten maßgebend seien. Wundt aber führt auch diese Sitte auf den Seelenglauben zurück, indem durch das Feilen und gänzliche Ausbrechen der Zähne der Hauchseele der Austritt erleichtert werden sollte, was z. B. bei Jägern dazu diente, der Beute um so leichter habhaft zu werden. Heute sind sich jedenfalls die Leute einer solchen ursprünglich sicher vorhanden gewesenen Seelenvorstellung nicht mehr bewußt, höchstens daß sie in dem Glauben, Leute mit ungefeilten Zähnen hätten bei den Frauen kein Glück, noch leise durchklingt.

Der Seelenwurm und andere Seelentiere.

Sah man -- etwa auf einem Kampfplatz -- die aus dem verwesenden Leichnam kriechenden Fäulniswürmer, so mußte man auf den Gedanken kommen, daß mit ihnen Seelenkräfte den Körper verließen. Und von da war es kein allzugroßer Schritt, in gewissen Schlangen das Bild dieser Seelenträger zu sehen. Der Gedanke wird verständlicher, wenn man hört, daß auch heute noch eine in der Nähe des Dorfes getötete Riesenschlange verbrannt wird, weil im andern Falle die dem verwesenden Leibe entkriechenden Würmer alle zu Riesenschlangen würden. Der Schlangendienst beschränkt sich nicht, wie die Verehrung der Totemtiere, auf gewisse Sippen, sondern er wird allgemein unter den Wapare angetroffen. Ich will noch vorausschicken, daß die Leute für ihren Ahnendienst sowie für einige andre Götzen den Ausdruck kutasa = beten (opfern) gebrauchen, während sie bei den Seelentieren das Wort ~kusemba~, was hier ungefähr beschwichtigen heißt, anwenden. Das mag daher kommen, daß diese Seelentiere meistens vom Orakel als die Ursache irgendeines Unglückes festgestellt werden, so daß ihr Zorn deshalb beschwichtigt werden muß. Anderseits werden ihnen aber auch Gelübde dargebracht um etwas Gutes, z. B. Kindersegen, zu erlangen, wenigstens ist das bei der Riesenschlange der Fall.

Neben der Riesenschlange wird die Puffotter verehrt. Ihr werden, wenn sie als Ursache einer Krankheit ermittelt ist, Hühner geopfert.

Sieht ein Mpare eine tote Riesenschlange am Wege liegen, so befürchtet er sofort, daß sie ihn in kommenden Tagen krank machen könnte. Um sich aber für jeden Fall ein +kleines+ Opfer zu sichern, bricht er einen Zweig ab und spricht die für den ganzen Animismus bezeichnenden Worte: „Du Schlange, ich habe dich nicht getötet, meine Kuh hat nur zwei Beine“, d. h.: Wenn du mich krank machen solltest, so werde ich dir als Sühneopfer nur ein Huhn bringen. Für gewöhnlich besteht das Opfer für die Riesenschlange nämlich in einer Ziege oder einem Schaf. Das Abbrechen oder Durchbrechen eines kleinen Zweiges ist das gewöhnliche Sühnezeichen.

Oft genug mag es nun vorkommen, daß das Orakel irgendeine Krankheit im Hause des Ratsuchenden darauf zurückführt, daß der Betreffende selbst oder irgendeiner seiner Vorfahren eine Riesenschlange getötet hat. Solch ein Mann sucht nun einen andern Stammesgenossen auf, der bereits in die Riten des Schlangendienstes früher durch ähnliche Umstände eingeweiht worden ist. Er teilt ihm mit, daß das Orakel etwa die Krankheit seines Kindes auf eine früher getötete Schlange zurückführe. Er solle nun der Schlange ein Scheinopfer bringen, um sie zu veranlassen, den Kranken nicht weiter zu quälen. Dieses Scheinopfertier ist das Pfand für das der Schlange später zu schlachtende Schaf. Der Chasuausdruck lautet auch ~kugwira mchunga~ = der Schlange „ein Pfand geben“. Der Priester läßt nun den Mann, der das Opfer später bringen will, irgendein, wenn auch ihm nicht gehöriges Schaf am Ohr festhalten, während er selbst seine Hand dem Tier in den Nacken legt. Dann betet er: „Geist der Schlange, du sollst die Ursache für die Krankheit des Kindes sein. Dies Schaf hier ist dein Pfand. Stirbt das Kind, so erhältst du nichts, denn dann ist etwas anderes die Ursache gewesen. Wird es aber wieder gesund, so sollst du dein Opfer haben.“

Ist das Kind von seiner Krankheit genesen, so sucht der Vater einen Schafbock. Hat er ihn gefunden, dann ruft er wiederum den Schlangenpriester, der ihm helfen soll, das gegebene Versprechen einzulösen. Um das Opfer darzubringen, begeben sich alle Familienglieder mit dem Priester in den Busch. Der Priester erkundigt sich, ob die Schlange von einem Verwandten mütterlicher (~nkeni~) oder väterlicher Seite (~lumeni~) getötet worden sei. Ist das festgestellt, so richtet der Priester den Kopf des Schafes nach der Gegend, aus welcher die Betreffenden hergekommen sind. Alle Familienglieder treten jetzt an das Opfertier und fassen es mit einer Hand an, um damit ihre Teilnahme an dem Opfer auch äußerlich darzutun. Der Priester macht den Geist der Schlange darauf aufmerksam, daß die Familie ihr Gelübde nunmehr eingelöst habe. Alle bis auf den Priester lassen dann los und setzen sich auf die Erde in der Richtung nach der Gegend hin, wo seinerzeit die Schlange getötet worden ist. Der Priester führt jetzt das Schaf viermal um die Opfernden herum, indem er betet: „Du Schlange, ich habe dir kürzlich ein Pfand gegeben. Heute ist es eingelöst worden. Hier ist dein Schaf. Nun laß den Mann in Frieden, laß ihn ruhig schlafen mit all seinen Kindern, segne ihn, denn er opfert dir, gib ihm neuen Kindersegen und laß die Kinder groß werden.“

Das Schaf wird dann erstickt aber nicht enthäutet. Mit einem zweischneidigen Messer wird aus allen Körperteilen ein Stückchen herausgeschnitten und auf ein Bananenblatt gelegt. Aus den Bewegungen der Eingeweide ersieht der Priester, ob die Schlange das Opfer angenommen hat oder nicht. In letzterem Falle muß wieder die Hilfe des Orakels in Anspruch genommen werden. Ist das Opfer genehm, so legt der Priester das Fleisch an der Wurzel eines heiligen Baumes nieder. Das Schaf wird zerstückt und mit der Haut geröstet und gegessen. Die Knochen bringt der Priester zu dem eigentlichen Opferfleisch, wobei auffallend ist, daß er bei dieser Zeremonie rückwärts auf den Baum zuschreitet.

Fleisch von einem Schlangenopfer muß an Ort und Stelle verzehrt werden. Kranken, die im Dorf zurückbleiben mußten, kann man wohl etwas mitnehmen, aber es muß draußen vor dem Tor gegessen werden. Ins Dorf selbst darf man nichts davon tragen. Nach beendeter Mahlzeit waschen sich alle sorgfältig die Hände und entfernen die Fasern aus den Zähnen, um ja nicht gegen obige Regel zu verstoßen. Damit ist das Opfer beendigt. Es sei nur noch erwähnt, daß Männer für männliche Familienglieder, die verhindert sind, dem Opfer beizuwohnen, einen Grasring (~ikongwe~) um das Handgelenk binden, damit auch diese vertreten seien und an den durch das Opfer bewirkten Erleichterungen ihren Anteil haben. Dasselbe tun die Frauen für weibliche Verwandte. Es ist rührend zu sehen, was diese im „Banne der Furcht“ lebenden „glücklichen Naturvölker“ alles auf sich nehmen, um den Frieden zu erlangen, den ihnen doch nur einer geben kann. -- Nach geraumer Zeit, manchmal erst nach Jahren, wird der Schlange das dazugehörige zweite Schaf oder „Fettopfer“ gebracht, welches sich aber von dem oben beschriebenen in der Hauptsache nur durch seinen Namen unterscheidet.

Ein weiteres Tier, welches aus animalistischen Gründen sehr gefürchtet und nicht getötet wird, ist ein großer Vogel, der mdidi. Über die Ursache, die zu dieser Furcht Veranlassung gegeben hat, ließ ich mir folgende Sage erzählen: In grauer Vorzeit hatte ein Mdidi sein Nest an einen morschen Baum gebaut. Ein Mann namens Seikwicho legte Feuer an den Baum, und so verbrannte die junge Brut des Mdidi. Seit der Zeit ruft der Vogel andauernd: ~Se-Seikwicho, va-vaana vangu!~ = Seikwicho, meine Kinder! Es geht einem hier wie so oft, wenn man sich die Bedeutung der Tierstimmen einmal von einem Paremann hat erklären lassen, man glaubt tatsächlich die Worte vernehmen zu können, so genau deckt sich die Nachahmung mit dem Original. -- Der Seikwicho starb mit allen seinen Kindern, und seit der Zeit tut niemand dem Vogel etwas zuleide. Selbst dem toten Tiere geht man scheu aus dem Wege, um sich nicht zu verunreinigen. Das Sühnopfer für den Mdidi besteht in einem Schafbock, der auf einem Hügel erstickt und enthäutet wird. Das Fleisch läßt man unberührt dort liegen, ein Zeichen, daß die Leute den Vogel sehr fürchten, denn im allgemeinen nehmen sie von den Opfertieren den Löwenanteil für sich in Anspruch.

Deutlicher tritt noch die animalistische Wurzel zutage bei der Verehrung, die der ~harya~ (Madenhacker) genießt. Dieser Vogel ist schon deshalb bei den Leuten beliebt, weil er die Kühe von Ungeziefer reinigt. Es ist interessant zuzusehen, wie das kleine Tierchen emsig von dem Rücken, aus den Ohren und selbst vom Bauche all die bösen Zecken abliest und so die Kühe von manchem Plagegeist befreit. Wird er bei dieser Arbeit von dem Schwanz der Kuh oder gar durch ein Versehen des Hirten durch einen Steinwurf betäubt, so melkt man dem „kleinen Häuptling“ in eine Schale etwas Milch von einer schwarzen Kuh, um ihn wieder zu sich zu bringen. Bemerkenswert ist die Tatsache, daß das Nest des Harya einen wichtigen Bestandteil bei der Bereitung eines der Hauptgötzen der Wapare bildet. Dies Nest besteht aus Haaren, die sich der Vogel von allerlei Tieren, die er besucht, auszupft und in einem Baumloch zusammenträgt. Das Tier ist also schon allein mit seinem Neste der Lieferant wichtiger Stoffe, die wir bereits als Seelenträger kennenlernten. Aber auch dem Vogel selbst wird, falls er durch Unvorsichtigkeit getötet worden ist, ein Honig- und Ölopfer dargebracht, und zwar wird das Fett und der Honig an den Stamm eines Baumes gestrichen, in welchem solche Harya wohnen. „Denn“, sagen unsre Leute, „der Harya ist ein Häuptling, den muß man ehren.“

Auch Katzen werden manchmal vom Orakel für irgendein Unglück verantwortlich gemacht. Ist solch ein Tier vor langer Zeit getötet worden, so rächt sein Geist sich oft nach Jahren an irgendeinem Familiengliede. Der Katze wird dann auf Anraten des Orakels ein Schafbock geopfert. Der eigentümliche Stamm der Wambugu, der nach Pare eingewandert ist, scheint den Katzendienst weiter ausgebildet zu haben, wenigstens holen sich die Wapare einen Mbugupriester, der für sie das Opfer darbringt. Dieser Priester hüllt sich während der Zeremonie in ein schwarzes Tuch. Sämtliche Familienglieder müssen beim Opfer anwesend sein, wollen sie sich nicht der Rache des Katzengeistes aussetzen. Eine große Menge Honig und Zuckerrohrbier wird bereitgehalten. Der Priester zerschneidet ein wenig Fleisch, tut es zusammen mit Honig in eine Topfscherbe und gibt es einer mitgebrachten Katze zu fressen. Während sämtliche Anwesenden im Kreise herumstehen, sitzen der Priester und der Veranstalter des Opferfestes in der Mitte und beschwören den Geist der Katze: „Du Katze, hier ist die Sühne dieses Mannes. Sein Vorfahr hatte einen deines Geschlechtes getötet, nun laß aber ab von ihm, denn er opfert dir. Laß ihn reich werden an Vieh und Kindern.“

Der Opfernde betet dem Priester diese Worte nach. Auch Bier und etwas Speise schüttet der Priester noch auf die Erde. Diese Speise bildet übrigens eine Eigentümlichkeit des Katzenopfers, da sie sich aus lauter solchen Feldfrüchten zusammensetzt, die von der vorjährigen Ernte herrühren müssen. Das Beibringen dieser vorjährigen Früchte macht meistens ziemlich viel Mühe, da sich ja in den Tropen fast nichts überwintern läßt. Daher sagt dann auch wohl der Paremann, wenn er einen Gläubiger bezahlt hat und nach Jahren zu Unrecht zum zweitenmal zahlen soll: „Ich habe doch keine Katze getötet, daß ich noch heute damit beschäftigt sein müßte, das ‚Lösegeld‘ zusammenzusuchen;“ d. h.: Die Sache ist längst erledigt und hat mir lange nicht soviel Mühe gemacht, als wenn ich für eine Katze das reichhaltige Speisopfer hätte zusammenstellen müssen. -- Einer Katze legt auch niemand einen Strick um den Hals. Solch ein Vergehen würde zur Folge haben, daß die ganze Sippe ebenfalls von ihren Feinden mit Stricken gebunden würde. Man hütet sich sogar, die Katze zu schlagen, aus Furcht sie dabei zu töten und damit die ganze Sippe vor die schwierige Aufgabe zu stellen, das Löseopfer zu bringen.

Bei dem benachbarten Stamm der Washambaa besteht eine Art von genießendem Totemismus, indem bei ihren Zauberopfern Hundefleisch gegessen wird. Unsre Wapare fürchten sich im Gegensatz dazu gerade vor toten Hunden und gehen ihnen möglichst aus dem Wege. Als Hundesühnopfer nimmt man einen Bock oder eine Ziege. Während der Geist einer getöteten Katze sich gewöhnlich erst an den Nachkommen des Betreffenden rächt, bringt ein getöteter Hund dem Übeltäter selbst Unglück, bis er das schuldige Opfer gebracht hat. Dabei ist es wie auch bei der Katze und andern Seelentieren gar nicht einmal nötig, daß man das Tier selbst getötet hat. Schon der Anblick eines solchen Kadavers genügt, jemand sühnepflichtig zu machen. Der Kranke läßt in dem Falle einen Hundepriester kommen und durch ihn dem Geiste des Hundes ein Pfand geben, wie wir es schon beim Schlangenopfer kennenlernten. Hundepriester sind die Washambaa. Hat der Mann keine Ziegen, so nimmt er wohl auch nur eine Hacke und gibt sie dem Hunde als Pfand, indem er verspricht, im Falle seiner Genesung damit eine Ziege zu erackern, d. h. einen Acker gegen eine Ziege umzutauschen. Der weitere Verlauf ist ähnlich wie beim Schlangenopfer.

Als letztes Seelentier will ich hier noch die +Hyäne+ erwähnen, deren Tötung ebenfalls mit Gefahr für die Nachkommen verbunden ist. Es war ja ein sehr naheliegender Gedanke, in einem solchen Leichenräuber, der in seiner Gier selbst Knochen, also wichtige Seelenträger verschlingt, ebenfalls ein Seelentier zu erblicken. Eine gewisse Erkrankung der Atmungsorgane führt das Orakel regelmäßig auf den Geist einer von irgendeinem Vorfahren getöteten Hyäne zurück. Die Leute aus der Landschaft Chome sollen Hyänen in ihren Hütten halten, und sie sind auch die Priester, die man für ein Hyänenopfer kommen läßt.

Zuerst betet der Priester im Hause des Kranken zu dem Geist des Tieres, er möge geben, daß das ihm zu opfernde Tier „rein“ sei. Findet man nämlich bei derartigen Opfertieren in den Eingeweiden oder der Leber eigentümliche Zeichen oder Narben, so kann das Opfer nicht stattfinden, wie wir auch noch weiter unten sehen werden. Nach diesem Gebet zu Hause begibt sich der Priester mit dem Kranken oder dessen Stellvertreter in die Chomelandschaft, um dort unter Beobachtung allerlei eigentümlicher Zeremonien das Hyänenopfer darzubringen.

Baumseelen.

Bevor wir dazu übergehen, den Seelenkult zu besprechen, bei welchem man sich die Seele an den Schädel als wichtigsten Knochen gebunden denkt, müssen noch zwei Bäume erwähnt werden, die ebenfalls Gegenstand eines Kultus sind: der ~mdarya~, ein unscheinbares Bäumchen mit apfelartigen, eßbaren Früchten und der ~mramba~ (Affenbrotbaum).

Der Mdaryabaum ist sozusagen der Stellvertreter für die Ahnengeister, der Platz, an welchem sie sicherlich angetroffen werden, ähnlich wie an Flußläufen. Um den Stamm legt man Steine, welche den Opferaltar bilden, auf welchem die Speis- und Trankopfer niedergelegt werden. Wird nun einer aus der Sippe derer, die den Mdaryabaum für heilig erachten, krank, so führt man dies nicht auf den Baum selbst sondern auf die Ahnengeister zurück, als deren Vertreter er gilt. Die Opferriten sind den bei der Anbetung der ~nkoma~ (Ahnenschädel) befolgten ähnlich, die wir weiter unten besprechen wollen.