Im Banne der Furcht

Part 17

Chapter 173,677 wordsPublic domain

Im Gegensatz zum Mdarya ist dem Affenbrotbaum eine selbständigere Stellung eingeräumt. Ihm selbst, nicht wie bei dem Mdaryabaum den Ahnengeistern, werden Speis- und Trankopfer dargebracht. Er kann den Leuten Unglück bringen, um sie an ihre Opferpflicht zu erinnern. Hat das Orakel einen Affenbrotbaum als Ursache zu irgendwelcher Krankheit festgestellt, so geht der Betreffende zum Baumpriester seiner Sippe und teilt ihm die Sachlage mit. Es wird ein Tag festgesetzt, an welchem sie mit den andern Angehörigen der Sippe das Baumopfer darbringen wollen. Jeder der Geladenen hat eine Ziege mitzubringen, außerdem genügend Bier, welches teils aus schwarzen, teils aus weißen Zuckerrohrstangen bereitet sein muß. Dann ziehen sie alle mit Weibern und Kindern zu dem heiligen Baum, der ebenfalls durch an den Stamm gelegte Steine gekennzeichnet ist. Der Priester nimmt bei der Opferung etwas Bier in den Mund, bespützt damit den Affenbrotbaum, und betet ungefähr folgendes: „Wir sind nun alle hier. Du hast nach uns verlangt. Wir haben uns auch schon lange nicht mehr sehen lassen. Wenn du uns wirklich das Unglück gebracht hast, dann laß es uns daran erkennen, daß unsre Opfertiere ‚rein‘ sind!“

Dann befiehlt er, die Ziege, die er mitgebracht hat, zu töten. Sorgfältig untersucht man die Eingeweide und die Leber auf irgendwelche verdächtigen Zeichen hin. Finden sich solche, dann nimmt man vorerst von dem Opfer Abstand, um beim Orakel die Ursache für das unerwartete Hindernis zu erforschen. Da melden sich dann oft die Ahnen, der Geist des Vaters oder der Mutter, oder sonst ein Fetisch wie der ~mpingu~, von welchem wir noch sprechen wollen, und verlangen ihr Opfer. Der Priester wird nun beauftragt, dem betreffenden Geiste vorerst ein Scheinopfer darzubringen und ihn zu bitten, sich solange zu gedulden, bis der Mramba das seinige erhalten habe.

An dem nunmehr neu anberaumten Tage wird sich alles glatt abwickeln, die erste Ziege wird ‚rein‘ sein und damit auch die andern. Der Priester läßt kleine Stückchen Fleisch von allen Körperteilen der Ziege in einen Strohteller legen und betet dann, indem er von dem mitgebrachten Bier an den Baum spützt und kleine Fleischstückchen auf den „Altar“ legt, etwa wie folgt: „Du Affenbrotbaum, wenn du es bist, der uns bisher all das Unglück in unsern Gehöften und unsern Herden gebracht hat, dann sorge, daß wir das von nun an nicht mehr zu befürchten brauchen, denn heute opfern wir dir. Hilf uns, daß wir Kühe und Hühner bekommen und viele Kinder sowie reichliche Speise.“

Der eigentliche Veranstalter des Festes betet dem Priester diese Worte nach. Jetzt erhalten auch sämtliche Anwesende, die während des Gebets der beiden im Kreise um den Affenbrotbaum herumstehen, Bier, und alle bespützen damit den Baum. Dann fängt der Priester seine Beschwörung an:

Pr.: „Wer auch immer sich darüber aufhält, daß dieser Mann dem Mramba sein Opfer dargebracht hat, der soll sterben!“

Alle: „Ja, der soll sterben!“

Pr.: „Wer auch immer sagen wird: Es ist gut, daß man ihm geopfert hat, denn nun werden sie Ruhe haben, der soll leben!“

Alle: „Ja, ewig leben!“

Nunmehr werden auch die andern mitgebrachten Ziegen getötet, d. h. erstickt, und man gibt sich erleichterten Herzens den Freuden einer ziemlich reichlichen Opfermahlzeit hin.

Flüsse als Seelenträger.

Wenn der Paremann auch an Flüsse zieht und dort Gelübde und Opfer darbringt, so ist da wohl die Vorstellung von der Psyche vorherrschend. Man kann sich das so erklären, daß man in dem schnell dahinbrausenden Fluß, der aus dem Erdinnern kommt, wohin man die Toten gebettet hat, die flüchtige Hauchseele wiedererkennt. Wenigstens mag diese Vorstellung mit dazu beigetragen haben, das Wasser als einen weiteren Aufenthaltsort der Ahnengeister zu betrachten; denn selbst die Sippen, die den Schädel der Ahnen aufbewahren, sind sich ebenso sicher, von diesen Ahnengeistern auch an irgendeinem Flußlauf oder Teich gehört zu werden. Sind ja doch Flüsse, Teiche und Wiesen der Aufenthaltsort für alle Geister, die aus irgendeiner Ursache zu Hause nicht angebetet werden, wovon wir noch weiter unten sprechen wollen. Es ist da wieder einmal ersichtlich, wie verschlungen die Wege auf diesem Gebiete sind, indem hier die Vorstellung einer an die Knochen gebundenen Körperseele direkt Hand in Hand geht mit dem Glauben an eine leicht beschwingte Psyche, die in jedem Fluß oder größeren Wasser angetroffen werden kann. Es mag sein, daß diese Gedankenverbindung den Übergang zu dem Glauben an Wasserdämonen bildet oder aber daß der besonders nachts unheimlich daherrauschende Fluß und der gefährliche Sumpfsee einen Treffpunkt der Schatten bildet analog dem Blocksberg und den Kreuzwegen. So glaubt man auch tatsächlich an Flußläufen Freudentriller, Gesang, Gelächter und Trommelschlag zu hören. Da haben die Schatten ihr nächtliches Tanzgelage. Die wilden Enten auf den Flüssen nennt der Paremann „Hühner der Schatten“, welcher Ausdruck, wie mir scheint, den Aufenthalt der Schatten im Wasser mehr als einen dauernden bezeichnet. Auf diese „Hühner der Schatten“ Jagd zu machen, würde der heidnische Paremann unter keinen Umständen wagen.

Es mag nun sein, daß der Mpare den Schädel seines Vaters vergeblich um Erhörung einer Bitte angefleht hat, dann versucht er es wohl, sein Gebet am Fluß darzubringen, wo er die Ahnengeister auch anzutreffen hofft. Wohnt er in der Fremde, wo es ihm nicht möglich ist, vor den Schädeln seiner Ahnen zu opfern, so geht er wohl ohne Umschweife an irgendeinen Flußlauf, um dort sein Gelübde und später auch das Opfer darzubringen. Während des Gebetes, welches mit Anrufung der dort „seßhaften Geister“ beginnt, wirft er etwas von irgendeiner Speise oder gar nur Sand ins Wasser und gelobt Größeres, wenn seine Bitte erhört werde. Nun betet er etwa so: „Ihr Geister, die ihr hier in diesem Flusse wohnt, nehmt diesen Sand. Wenn ihr meine Bitte erfüllt, werde ich euch veranlassen, den Sand wieder auszuspeien, und ich bringe euch dafür einen Ziegenbock.“

Findet seine Bitte Erhörung, so wird bald irgendeine Krankheit den Vergeßlichen an sein Gelübde erinnern; „denn“, sagte einer meiner Gewährsmänner, „Opfergelübde sind wie Schulden, die bezahlt man gewöhnlich nicht eher, als bis man von dem Gläubiger gemahnt wird!“ Der Mann sucht nun einen Ziegenbock, borgt ihn vielleicht von Freunden oder Nachbarn. Eine Nacht muß der Bock in seinem Hause sein, um gewissermaßen in seinen Besitz überzugehen. Am Morgen bringt er zuerst an der Haussäule den Ahnen ein Trankopfer dar und bittet sie, das Opfertier möge ihnen genehm sein und in seinen Eingeweiden keine Merkmale tragen, die den Grund zu neuen Befürchtungen legen würden. Nachdem sich die geladenen Gäste durch eine Kostprobe des Opferbieres gestärkt haben, ziehen sie alle an jene Stelle des Flusses, wo das Gelübde abgelegt worden war. Hier betet der Betreffende: „Ihr Geister, die ihr hier in diesem Fluß wohnt. Als ich seinerzeit Trübsal hatte, da flehte ich euch an, und ihr habt mir das Erbetene gegeben, habt Dank und nehmt euren Ziegenbock.“

Dann wird das Opfertier erstickt und kleine Stückchen von allen Gliedern, beim rechten Vorderfuß angefangen, auf zwei Brathölzchen gespießt und gebraten. Von diesem gebratenen Fleisch schneidet man wieder kleine Stückchen ab, um diese mit anderer Speise und Bier unter nochmaligem Gebet in den Fluß zu schütten. Der Rest des gebratenen „Geisterfleisches“ wird von den Anwesenden als Einleitung zur eigentlichen Opfermahlzeit verspeist. Einen Teil des Fleisches nimmt jeder mit nach Hause.

Der Totemismus.

Es ist möglich, daß die bei unsern Wapare bestehenden Speiseverbote nichts weiter als Ausklänge eines alten Totemismus sind. „Totems“ wurden von einigen nordamerikanischen Indianerstämmen die Tiere genannt, welche eine kultische Verehrung genossen. Unter dem Worte Totemismus faßt man heute alle Erscheinungen zusammen, die sich auf die Verehrung von Tieren beziehen. Es ist natürlich sehr schwer festzustellen, ob die eine oder andere Erscheinung dem Totemismus oder dem Animalismus zuzurechnen ist. In den Totemtieren sieht der primitive Mensch entweder seine Ahnen, von denen er auch sein Geschlecht ableitet, oder aber eine Art Schutzdämonen, die zu töten nicht in seinem Interesse liegen kann. Die erstere, genealogische Beziehung kann auf weitere Dinge wie Pflanzen, Bäume und Steine übertragen werden. Dadurch ist wiederum der Weg gebahnt für zahlreiche Wechselbeziehungen zu andern Gebräuchen, die mehr in das Gebiet des Glaubens an Felddämonen und des Fetischdienstes gehören.

Als echten Totemismus könnte man bei den Wapare die Scheu der Muhezisippe ansprechen, die graue Meerkatze umzubringen, trotzdem diese Affenart eine wahre Landplage ist. Sie dürfen aber nicht getötet werden, weil die Leute sagen, daß diese Affen ihre „Brüder“ sind. Das genealogische Moment käme also hier zum Vorschein. Die Angehörigen der erwähnten Sippe gehen sogar soweit, auch von einer fremden Person, die einen ihrer „Brüder“ getötet hat, das Lösegeld (~irivi~) zu fordern, welches allerdings nur in einem oder mehreren Maiskolben besteht, die der Muhezimann zum Teil für seine „Brüder“ in den Busch legt. Die Leute haben in ihrer Landschaft auch einen heiligen Hain, in welchem den Meerkatzen geopfert wird. Der Betreffende muß sich aber die Speisen zu dem Opfer vorher auf dem Markte stehlen und sich so der Lebensauffassung seiner „Brüder“ nähern. Die Gebete sollen ähnlich sein wie die bisher besprochenen.

Andre wieder verehren die schwarzen Ameisen. Kommen sie ins Haus, dann werden sie nicht mit Feuer vertrieben und getötet sondern nur mit Asche oder Erde bestreut. Andre nehmen wohl eine Schnecke, werfen sie in den Ameisenhaufen und sagen: „Hier ist euer Ochse, laßt uns in Frieden und geht wieder nach Hause.“ Wenn im Anschluß an diese Sitte der Beleidiger dem Beleidigten zuruft: „Dich versöhne ich mit nichts weiter als einem ‚Schnecken-Ochsen,‘“ wie man das bei den winzigen Ameisen macht, so ist das der größte Schimpf, den man ihm antun kann und den er kaum ruhig hinnehmen wird. Aber auch die Sippen, welche die Ameisen nicht unmittelbar verehren, sehen in ihnen besonders dann Abgesandte der Ahnengeister, wenn sie sich nicht aus ihren Hütten vertreiben lassen wollen. Man bringt dem unbekannten Gott, der die Ameisen gesandt hat, ein Scheinopfer dar. Ziehen sie danach ab, dann erkundigt man sich beim Orakel, wem und wo man zu opfern habe.

Des weiteren sind Krähen Tiere, die nicht getötet werden dürfen. Der Grund hierzu scheint mir in der Annahme zu liegen, daß die Genossen einer getöteten Krähe alsbald zum Fluß eilen und sich baden, wie es nach einem Todesfall üblich ist. Es heißt aber, daß die Tiere diesen Teil des Totenopfers für den darbringen, der ihren Genossen getötet hat und nun bald sterben muß. Hat man deshalb doch eine Krähe, die den Kücken nachstellte oder den gepflanzten Mais wieder aus der Erde herausscharrte, mit dem Pfeil erschossen, so macht der Schütze schnell einen Riß in sein Kleid und wäscht sich im Fluß, um durch solche bei einem Todesfall übliche Handlung den andern Krähen zuvorzukommen und die Gefahr von sich abzuwenden.

Unzählig sind die Tiere, die von den verschiedenen Sippen nicht gegessen werden dürfen. Manchmal erstrecken sich die Speiseverbote auch nur auf gewisse Teile wie Herz, Leber, Lunge. Bei der Bwambosippe z. B. müssen sich die Leute solchen Verboten unterwerfen, wenn sie verschiedene Feste mitgemacht haben, Sitten, die aufzuzählen hier zu weit führen würde. Die Wamjema essen kein Buschbockfleisch, dürfen Buschböcke aber töten und das Fleisch auf dem Markte verkaufen. Wenn sie ihren großen Fetisch anbeten, den ~murungu wa gu~, den Gott des Dachbodens, dann muß jeder, der Buschbockfleisch gegessen hat oder im Verdacht steht, eine Ziege bringen, die geschlachtet wird, um den Betreffenden das verbotene Fleisch „erbrechen“ zu lassen. Der Ausdruck ist natürlich nur ein Sinnbild dafür, daß er nunmehr rein geworden ist. Wenn Frauen der Wamjema-Sippe von Männern andrer Stämme geheiratet werden, so können die Ehemänner durch einfaches Ziehen an den Ohrläppchen ihre Frauen von diesem Gebot befreien.

Der Nkoma-Dienst und Opfergebräuche.

~Nkoma~ bedeutet Ahnengeister und ist zugleich das Wort für die Schädel, an welche man sich die Schatten gebunden denkt. Die Nkoma bilden den Eckstein an dem ganzen Gebäude des Animismus, wie er sich bei unsern Wapare vorfindet. Mag da Freude oder Leid sein, die Nkoma sind in den meisten Fällen die Ursache. In der höchsten Not ruft man laut zu den Ahnengeistern. Sie werden gefürchtet als die Urheber von mancherlei Unglück und Krankheit, so daß man sie auf den Rat des Orakels mit allerlei Speis- und Trankopfern versöhnen muß. Andernfalls wendet man sich vertrauensvoll in den vielen Nöten des Lebens an sie. Und doch zeigt sich hier wiederum der klaffende Unterschied zwischen Christentum und Heidentum. Denn während der Christ jubelnd ausruft: „Der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht!“ glaubt der Paremann erst dann Garantie für Frieden und Glück zu haben, wenn seine Ahnen sich möglichst nicht um ihn kümmern. Schlafen sie, dann droht ihm so leicht keine Gefahr, wachen sie auf, dann muß ein Opfer sie schnell wieder unschädlich machen. Wahrlich, ein trauriger Götzendienst, der seinen Ausdruck so recht in dem Kiparegebet findet: ~Nkoma shinjiani!~ = Ihr Geister, schlaft!

Die Opfer, welche den Verstorbenen dargebracht werden, sind keine Zauberopfer, durch welche man die Geister zwingen will, sondern reine Sühnopfer, welche die Nkoma günstig stimmen sollen. Übrigens ist der Mpare vorsichtig genug, zumeist das Opfer nur zu versprechen oder ein Scheinopfer darzubringen. Wenn z. B. das Orakel die Ahnengeister als Ursache dieses oder jenes Leides festgestellt hat, so betet er zu ihnen, indem er etwas Wasser auf die Erde spützt und aus einer Schale auf die Erde gießt (~kuchwa mpombe~). So nähern sich die meisten Opfer wiederum dem Begriff des Dankopfers, indem sie gewöhnlich erst nach Erhörung der Gebete dargebracht werden. Am Fuße der beiden mittleren Haussäulen, in der Nähe der Feuerstelle, befindet sich der Hausaltar, d. h. der Opferplatz.

Ist ein Mpare gestorben, so wird er sich nach einiger Zeit bei seinen Angehörigen in die Erinnerung zurückrufen, indem er das eine oder andere Familienglied mit Krankheit oder dergleichen plagt. Der um Rat befragte Medizinmann führt das Übel darauf zurück, daß der Schädel des Vaters noch nicht ausgegraben worden sei und bisher keine Opfer erhalten habe. Der Sohn sucht nun eine Ziege, lädt noch einige Freunde ein und geht mit ihnen an das Grab. Er legt dort der Ziege die Hände auf und betet: „Vater, du hast mich gerufen. Hier bin ich mit deinem Opfer. Laß dich schnell finden, damit ich deine Ziege schlachten kann!“ Vorsichtig wird jetzt das Grab geöffnet, bis sie auf den Schädel stoßen, den sie auf eine mitgebrachte Topfscherbe legen. Nunmehr wird die Ziege geschlachtet bzw. erstickt und das Grab mit ihrem Mageninhalt entsühnt. Dieser Mageninhalt ist nämlich das immer wieder angewandte Entsühnungsmittel. Der Sohn betet: „Vater, jetzt haben wir dich ausgegraben, wir wollen dich nach Hause bringen zu deinen Genossen. Auch dein Grab haben wir gereinigt.“ Nachdem er zweimal etwas rohes Fleisch auf das Grab gespützt hat, ist die Zeremonie beendigt. Einer trägt dann den Schädel nach Hause. Der Träger darf unterwegs niemand grüßen noch auf einen Gruß antworten. Zu Hause angekommen, wird der Schädel vorläufig auf der Tonscherbe in einem besonderen Abteil des Hauses (~vusini~) aufbewahrt, und man legt einen Tag fest, an welchem man wieder zusammenkommen will, um das erste Totenopfer zu bringen und den Geist der Reihe der zu verehrenden Ahnen anzugliedern (~kusimika nkoma~).

Es bleibt noch übrig zu erwähnen, daß man die Schädel gewöhnlich im Hause des ältesten Verwandten der Familie aufbewahren läßt, der somit auch ihr Priester ist. Am Morgen des bestimmten Tages geht dieser Priester auf den Boden des Hauses, um das dort bereitgestellte, einige Tage vorher von dem leiblichen Sohn gebraute Bier einer Kostprobe zu unterziehen. Ist es verdorben, so gerät man wieder ob dieses bösen Zeichens in Unruhe und befragt das Orakel. Im anderen Falle aber gießt der Mann ein Trankopfer am Hausaltar auf die Erde und betet: „Ihr Geister! dies ist euer Bier. Heute wollen wir euch einen Genossen zuführen, damit seine Kinder ihm hier opfern können.“ Unterdes sind die andern Teilnehmer am Opfer mit der Ziege gekommen; den Schädel hat man von der Scherbe fortgenommen und in einen Topf getan. Zwei verschieden geformte Kürbiskalabassen werden mit Bier gefüllt, dann wird die Ziege geschlachtet. Von dem Fleisch werden Stückchen von allen Körperteilen auf vier Brathölzchen gespießt und gebraten. Zwei sind für die Männer und zwei für die Frauen bestimmt. Ist es gebraten, so werden kleine Stückchen davon abgeschnitten und auf je einen Strohteller gelegt. Der Priester läßt sich nunmehr eine Schale voll Bier einschenken und bringt dem Schädel als dem Sitz der Körperseele das erste Gebet dar: „Du Soundso, heute haben wir dich der Reihe der Ahnen angegliedert. Hier ist dein Bier und Opferfleisch. Trink und iß und gib es deinem Vater und deinem Großvater und denen, die bei euch sind. Sag’ ihnen, daß wir dir heute ein Opfer gebracht haben, damit ihr euch freut und wir uns auch freuen können.“ Unter solchen Worten gießt er etwas Bier vor dem Topf mit dem neuen Schädel aus und legt einige Fleischstückchen mit auf die Erde. Dasselbe geschieht dann vor den andern Ahnentöpfen.

Nunmehr wendet er sich unter Beobachtung derselben Zeremonien an die weiblichen Geister, beginnend mit der Stammutter, die auch den andern von dem Opfer mitteilen soll. Nach dem Priester betet der leibliche Sohn des Toten: „Vater! du hast dich beschwert, daß wir dich nicht ausgegraben haben. Jetzt ist es geschehen, wir haben dich zu deinen Genossen gebracht usw.“ Der Rest des gebratenen Opferfleisches wird unter die anwesenden Männer und Frauen verteilt, und die gewohnte Mahlzeit schließt sich an.

Von Leuten, die keine Kinder haben, werden die Schädel nicht aufgehoben. Für sie ist auch sonst keine Möglichkeit vorhanden, unter die Ahnen eingereiht zu werden. Da soll schon mancher Vater, dessen einziges Kind die christliche Taufe empfing, geseufzt haben: „Ich hatte mir es schon so schön gedacht, einstmals Opfer zu erhalten. Aber jetzt bin ich wie einer, der kein Kind hat, und meine Hoffnung ist dahin.“ Die Flußläufe, Teiche und große Wiesen bilden den Aufenthaltsort für die Schatten, die kinderlos gestorben sind. Dahin ziehen sich auch die Urahnen zurück; denn nur zu Vater, Mutter, Großvater und Großmutter betet der Mpare. Die Schatten der Urahnen wie der Kinder halten sich an oben erwähnten Plätzen auf und freuen sich, wenn auch sie bei Gelegenheit ein Opfer erhalten.

Von Zeit zu Zeit bringen sich die Ahnen bei ihren Nachkommen in Erinnerung, der Mwasu sagt: ~Nkoma žirota.~ Man erhält erst durch die Vermittlung des Orakels Kenntnis davon, welches man wie immer sofort bei irgendwelchem Unglück oder Krankheit zu Rate zieht. Irgendeiner von den Ahnen, die Großeltern der Mutter oder des Vaters, oder Mutter und Vater selbst werden für die Krankheit verantwortlich gemacht. Das Orakel behauptet, einer der Ahnen fühle sich vernachlässigt und wolle ein Speis- und Trankopfer. In der schon erwähnten vorsichtigen Weise, welche die Wapare bei jedem Gelübde ihren Götzen gegenüber an den Tag legen, wird ein Scheinopfer dargebracht, und erst wenn die Genesung des Kranken die Sicherheit geboten hat, daß es sich tatsächlich um den vom Orakel als Ursache festgestellten Ahnengeist handelt, erhält er das wirkliche Opfer. Es besteht gewöhnlich aus irgendeiner gekochten Speise und Bier. Der Schädel wird aus dem Topf geholt und etwas von dem anhaftenden Schmutz und den Spinngeweben gereinigt, dann mit Öl gesalbt und auf ein Fell an den Fuß der Haussäule gelegt. Hierauf wird dem Geiste das Opfer in der schon beschriebenen Weise dargebracht.

Ein andres Opfer, welches den Ahnen etwa am sechsten Tage nach der Geburt eines Kindes von den beiden Eheleuten dargebracht wird, heißt ~vishindio~. Es besteht aus gekochten Wurzelknollen, die zuerst der Mann und gleich nachher die Frau beim ersten Morgengrauen an einem Kreuzwege niederlegen, „damit das Neugeborene nicht ewig schläft“! Hiermit wäre schon die Überleitung zu den freiwilligen Opfern gegeben, welche die Wapare ihren Ahnen darbringen, ohne vorher durch Unglück und Orakel gemahnt worden zu sein. Sie nennen das ~kukezya nkoma~ = die Geister begrüßen. Allerlei Speis- und Trankopfer werden den Schatten dargebracht, entweder als Dank für die Erhörung von Gebeten oder aber um sie versöhnlich zu stimmen. Mancher Mwasu läßt solch eine Gelegenheit nicht vorübergehen, ohne die Ahnen in nicht mißzuverstehenden Worten an ihre Pflicht zu erinnern, ihm zu Kühen -- die für das Herz eines Paremannes der Inbegriff alles Begehrenswerten bilden -- zu verhelfen. Er betet wohl: „Ihr Geister, hier habt ihr ein wenig Maisbrei. Das ist meine Kuh, ihr gebt mir ja keine andere, da kann ich euch auch kein Fleisch bringen, und ihr müßt eben Mehlbrei essen.“

Einer unsrer Christen hörte einen Mann namens Konamboa, der dazu noch der Familienpriester war, in einer Schädelhöhle folgende Worte an die Ahnengeister richten: „Hier sind Leute, die euch anbeten wollen, laßt mich aber in Frieden. Kinder habt ihr mir keine gegeben, Rinder habe ich auch keine, und dazu wollt ihr immer Opfer haben, soll ich euch denn Menschen opfern? Ihr Kerle habt auch keine Ohren (~mantu aa na masikio esina~)!“ Daß tatsächlich die Ahnen oder andre Götzen im höchsten Zorn einmal so beschimpft werden, nur, um sich wahrscheinlich bald mit einem Opfer wieder versöhnen zu lassen, wurde mir auch von einem heidnischen Gewährsmann bestätigt.

Die verschiedenen Opfer und die dabei zu beobachtenden Gebräuche sind viel zu zahlreich und auch schon nach den Landschaften verschieden, als daß sie sich alle hier aufzählen ließen. Ich muß mich damit begnügen, das Hauptsächlichste anzuführen, und will deshalb nur noch eines wichtigen Gebrauches Erwähnung tun, des Kirurumo-Opfers. Dieses muß jedem Ahn einmal dargebracht werden, und zwar wartet man, bis die Geister selbst ihr Opfer fordern, was festzustellen wie immer die Aufgabe des Orakels ist. Man bespricht sich mit den Verwandten. Dann wird ein Ochse gesucht, der unbedingt unbeschnittene Ohren haben und von ganz schwarzer Farbe sein muß.

Der Opfertag ist der heilige vierte Wochentag. An den vorhergehenden Tagen werden umfassende Vorbereitungen getroffen und Bier aus dunklem und hellem Zuckerrohr gebraut. In der Nacht vom dritten auf den vierten Wochentag wird der Ochse gegen drei Uhr morgens erstickt. Dabei dürfen nur Leute tätig sein, die das Kirurumo-Opfer den Ahnen bereits gebracht haben. Der Priester betet vorher, daß alles gutgehen möchte und der Ochse im Todeskampf niemand verletze, daß ferner aus dem Befund der Eingeweide und der Leber die Annahme des Opfers bestätigt werden möge. Aus zwei Kalabassen gießt der Priester zuerst Bier von dunklem und darauf von hellem Zuckerrohr als Trankopfer auf die Erde. Der Rest wird von den Versammelten getrunken. Das Tier wird nunmehr auf die Erde geworfen und auf grausame Weise erstickt, indem ihm schwammartige, trockene Zuckerrohrfasern, Restbestände von der Bierbereitung, mit einem „schwarzen“ Zuckerrohr in Maul und Nase gestoßen werden. Bevor der an allen vieren stark gefesselte Ochse ganz tot ist, setzen sich die Nachkommen des betreffenden Mannes viermal auf das Opfertier, und zwar zuerst die Männer, dann die Frauen. Dabei sagen sie: „Vater, jetzt haben wir dich vergessen.“