Part 15
Die Worte: „Ihr werdet mitnichten des Todes sterben“ und der Anblick eines toten Menschen ließen sich nicht anders zusammenreimen, als daß man bei dem Toten nicht das Leben als erloschen ansah, sondern nur die Bewegung. Der Tote sieht und hört alles und nimmt an der Gestaltung der Geschicke seiner Nachkommen regen Anteil. Diese Vorstellung findet ihren Ausdruck in den Kulten, die eine Erhaltung der Leiche oder gewisser Teile derselben bezwecken. Bei einem großen Teil unsrer Wapare äußert sie sich in dem Bestreben, den Schädel als wichtigsten Knochen der Leiche aufzubewahren. Der an diesen Schädel gebundenen Körperseele werden später allerlei Speisopfer dargebracht, und man glaubt, daß die Seele davon genieße. Diese echt heidnische Vorstellung von der Körperseele fand ich z. B. auch in Rußland, Serbien und Bulgarien wieder, als ich dort die Priester dem Leichenzuge mit einem Speisopfer voranschreiten sah, das angeblich auf dem Grabe des Verstorbenen geopfert wird. Über die weitere Entwicklung dieser Art des Seelenglaubens sagt Wundt: „Da diese Methoden der Konservierung die wichtigsten Teile der Körperform, die des Angesichtes, stark beeinträchtigten, so hat hier die spätere ägyptische Sitte dadurch abzuhelfen gesucht, daß der Mumie das Portrait des Verstorbenen beigegeben wurde, eine Sitte, die auf dieser im übrigen schon weit fortgeschrittenen Stufe des Totenkultus noch einmal die Macht jener Assoziationen bezeugt, aus denen die Vorstellung der Körperseele hervorgegangen ist. Indem sich aber hier diese Assoziationen teilweise von dem Körper loslösen und auf dessen künstliche Nachbildung übergehen, bringt diese Erscheinung zugleich den Kultus der Körperseele in unmittelbare Beziehung zu zahlreichen andern, auf die nämliche Quelle zurückgehenden Erscheinungen. Ist es doch die gleiche, festgewurzelte Assoziation, die bis in die höheren Kulturformen hinauf in jedes einzelne Götterbild oder auf christlichem Boden in jedes Marien- oder Heiligenbild etwas von der Seele des dargestellten Wesens übergehen läßt.“ Derselbe Gedankengang ist die Ursache, daß der Neger nur mit großem Grauen sein eigenes Bild betrachtet und es auch offen ausspricht, daß ihm durch dieses ein Teil seiner Seele bzw. Seelenkräfte genommen worden sei. Ich denke hier an unsre ersten Erfahrungen mit den Wapare beim Photographieren. Glücklich hatte ich eine interessante Gruppe zusammengestellt. Als ich aber hinter den Apparat trat und das schwarze Tuch über den Kopf nahm, da liefen sie alle schreiend auseinander, weil ich, wie sie glaubten, ihre Seele in den wunderlichen Kasten sperren wollte. Auch heute noch betrachten besonders heidnische Frauen ihr Bild oft mit Ausrufen des Entsetzens. Diese Gedankenverbindung, daß nämlich die Seelenkräfte des Verstorbenen auf sein Bild übergehen, kann aber in unsrer modernen Zeit auch bedeutend freundlichere Vorstellungen auslösen. So wurde folgendes aus Wien gemeldet: „Ein Bataillon des 32. I. R. weilte bei den Schießübungen in Triest und wurde von dort nach Vasovitza kommandiert. Nächst der Ortschaft befindet sich in einer Felsennische eine Marienstatue, für die ein reicher Gutsbesitzer eine Goldkrone im Werte von 10000 Kr. anfertigen ließ. Ein Soldat, der im ganzen Regiment als sehr fromm bekannt war, verrichtete dort täglich seine Andacht. Eines Tages nun verschwand die Goldkrone vom Haupte der Marienstatue und wurde schließlich im Koffer jenes frommen Soldaten gefunden. Der gute Mann erzählte, er habe die Heilige um Unterstützung gebeten, worauf die Statue Leben bekommen und ihm die wertvolle Krone gereicht habe. Das Protokoll gelangte im Instanzenwege bis zum Kriegsminister, der sich jedoch in derlei Dingen nicht kompetent fühlte und an den Feldvikar die schriftliche Anfrage richtete, ob heute noch Wunder geschähen. Die Antwort lautete: Wiewohl auch heute noch Wunder geschehen können, ist doch die Mannschaft dahin zu belehren, daß ähnliche wertvolle Geschenke selbst von der hl. Maria nicht angenommen werden dürfen.“ Der fromme Soldat wurde tatsächlich freigelassen, und die Statue erhielt ihre Krone wieder.
In großen Kirchen St. Petersburgs sah ich Heiligenbilder, auf welchen die täglichen Küsse der Gläubigen tiefe Spuren hinterlassen hatten. In Kiew, der heiligen russischen Stadt, besuchten wir die Gräber einer großen Anzahl von Heiligen, die sich bei Lebzeiten ein Kloster unter der Erde gebaut hatten und auch dort gestorben waren. Während wir mit Kerzen in der Hand die finsteren Gänge durchschritten, an deren Wänden die Särge der Heiligen aufgestellt waren, konnten wir uns davon überzeugen, wie heute mitten in der Christenheit rein heidnische Gedanken genährt und erhalten werden. Denn wir sahen Mütter immer wieder ihre Kinder hochheben, damit sie die Strohpuppen küßten, die in den Särgen lagen und die Heiligen vorstellen sollten. Da der Kuß auch zu einem Symbol der Vermischung des seelentragenden Hauches geworden ist, so lag dieser unhygienischen Handlungsweise jener russischen Orthodoxen, wenn auch unbewußt, der Aberglaube zugrunde, daß die Kinder durch den Kuß der Seelenkräfte der Verstorbenen -- sei es auch nur in Gestalt eines Segens -- teilhaftig würden. So sehen wir den heidnischen Glauben an die Körperseele noch heute mitten in der Christenheit kräftig erhalten. Leicht ließe sich dieser Glaube in vielen andern Fällen nachweisen, und wir brauchten durchaus nicht nach Rußland zu gehen, um Material dafür zu sammeln. Ich habe diese allgemeinen Bemerkungen nur vorausgeschickt, um dem Leser die entsprechenden Gedankengänge des Paremannes näherzubringen. Denn mancher gute Christ hört heute nur mit Schaudern von den tiefstehenden, unzivilisierten Wapare, daß sie den Schädel des Vaters wieder ausgraben, um ihm ihre Opfer darzubringen und seinen Segen zu erflehen. Er übersieht nur zu leicht, daß er in vielen Fällen trotz aller Aufklärung einen Animismus in seinem Herzen bewahrt hat, der ihn in diesem Stück auf die gleiche Stufe mit dem verachteten Neger stellt. Ob in christlicher oder heidnischer Aufmachung, Aberglaube bleibt eben immer Aberglaube.
Das Blut als Seelenträger.
Wenden wir uns nun den Dingen zu, die für den Paremann im besonderen als Träger der Körperseele gelten, und betrachten wir zuerst die Stellung, die das Blut hier einnimmt. Die Bibel verbietet den Genuß des Blutes, weil „des Leibes Leben“ darin ist. Aber mit der Zeit kamen die Menschen dahin zu glauben, daß ihnen durch das Verbot des Blutes auch die ihm innewohnenden Seelenkräfte vorenthalten würden. So finden wir bei den Wapare den Brauch, die Opfertiere durch Ersticken zu töten, damit kein Blut verlorengehen kann. Dieses mit fettem Fleisch gekocht, gilt bei ihnen als besonderer Leckerbissen. Kühe werden oft zur Ader gelassen und ihr Blut in Töpfen aufgefangen. Gequirlt wird es als gute Arznei gegen Gallenbeschwerden getrunken, sonst auch mit Milch vermischt. Daß die Alten dem Blute besondere Seelenkräfte zuschrieben, ersieht man aus der Beschreibung Homers von der Hadesfahrt des Odysseus, wo die Schatten der Abgeschiedenen durch den Genuß von Blut zu vorübergehender Besinnung erwachen. Bei den Wapare hat sich dieser Gedanke am augenfälligsten in der Sitte der Blutsfreundschaft erhalten. Wie sich beim Kuß die Hauchseelen vermischen sollen, so tritt dies beim gegenseitigen Genuß des Blutes vom Freunde mit der Körperseele ein. Ich will hier versuchen, eine kurze Beschreibung der Blutsfreundschafts-Zeremonie zu geben.
Irgendein Fremder, der für eine Nacht gastliche Aufnahme in einer Hütte gefunden hat, bittet den Gastfreund, mit ihm den Blutsbund zu machen oder umgekehrt. Die Nachbarn werden eingeladen, der Handlung beizuwohnen. Die beiden Männer setzen sich auf ein am Boden ausgebreitetes Fell. Vor ihnen steht ein Strohteller mit zwei Parenüssen, von denen eine in genau vier Teile zerschnitten ist. Der Zeremonienmeister faßt nun eine Hautfalte am Leibe des einen Mannes mit der linken Hand, und der gegenübersitzende Bundesbruder faßt ebenfalls mit der Rechten zu, während die Linke seinem Gegenüber auf der Schulter liegt. Dann macht der Bundespriester mit einem kleinen Messer einen leicht blutenden Schnitt, zuerst beim einen, dann beim andern. Nun legen sich beide Männer gegenseitig die Hände auf die Schultern, nachdem jeder vorher mit einem der vier Nußstückchen das herausträufelnde Blut aufgefangen hat. Jetzt beginnt der Bundespriester mit seiner Beschwörung. Seine Worte werden von den beiden Freunden und allen Umstehenden mit einem lauten ~hau~ bekräftigt. Die Beschwörung lautet ungefähr wie folgt:
„Du Soundso -- hau -- du trinkst jetzt -- hau -- Blutsfreundschaft -- hau -- mit einem namens Soundso. -- Wenn er zu dir kommt -- und du gibst ihm nicht Speise wie deinem eigenen Kinde, -- dann hast du die Blutsfreundschaft verachtet, -- dann möge dein Leib anschwellen und platzen; -- in deinem Leibe soll es (das Blut deines Freundes) wie Frösche schreien, -- jawohl, wie ein kahler Bergrücken sollst du aufplatzen. -- Und wenn dein Freund zu dir kommt -- und du sagst, den Kerl kenn’ ich nicht, -- dann sollst du auf dem Bauche kriechen müssen wie die Schlangen, -- so soll es sein.“
Das feierliche ~hau~ muß der Leser hinter jedem Satzglied ergänzen. Nachdem auch dem andern Bundesbruder die Folgen vorgehalten worden sind, die eine Verletzung der Blutsfreundschaft nach sich ziehen würde, wendet sich der Priester -- übrigens ein beliebiger Paremann -- wieder an den ersten, um nunmehr auf beide den Segen herabzuflehen, falls sie die Bundestreue bewahren:
„Wenn du aber dies alles genau beachtest -- und die Kuh deines Freundes wie deine eigene hältst, -- so sollst du schön sein wie der Kibogletscher (Kilimandjaro). -- Wenn die Leute von eurem Bunde hören, so sollen sie sagen: -- Dieser ist nicht sein Blutsfreund, -- es ist sein leiblicher Bruder. -- Dann sollst du unterhalb des Wasserkanals ackern (weil es da fruchtbar ist), -- ein wenig von dir soll dir Großes bringen; -- aus einem deiner Rinder sollen viele werden. -- Friede sei mit euch! -- So soll es sein! -- ~hau!~“
Nach dieser Beschwörung reichen beide sich gegenseitig das Stückchen der Nuß mit ihrem Blut und nachher noch ein weiteres ohne Blut. Die zweite Nuß wird unter die Bundeszeugen verteilt und dient wohl als Symbol der Opfermahlzeit. Daraufhin stehen beide auf; der Hausherr hebt die Hände seines neuen Freundes empor und zeigt auf den Boden des Hauses, indem er sagt: „Wenn du einmal kommen solltest und es ist keiner hier in ‚deinem‘ Hause, so wisse: Oben findest du Bier, unten steht Speise. Du brauchst nicht zu warten, bis jemand kommt.“ -- Dies alles sind nicht etwa leere Formalitäten und äußere Zeremonien, sondern der Paremann glaubt so fest an die durch das Blut übertragenen magischen Seelenkräfte, daß er es mit der Blutsfreundschaft sehr genau nimmt. Die ganze Handlung macht übrigens einen sehr feierlichen Eindruck, der durch die bilderreiche Sprache in Segen und Fluch nur noch erhöht wird.
Für den Paremann ist die Blutsfreundschaft von allergrößter Bedeutung. Um nur ein Beispiel als Beweis dafür herauszugreifen: Er mag einen Prozeß führen um eine Kuh, die weit weg, vielleicht in Usambara steht. Wird ihm diese Kuh mit allen inzwischen geworfenen Kälbern zugesprochen, so wird er durch den in der Nähe wohnenden Blutsfreund genau auf dem Laufenden erhalten, und der Verurteilte sieht sich außerstande, irgendein Stück Vieh heimlich beiseite zu schaffen. Wenn er sich des einen oder andern Kalbes nicht mehr erinnern sollte, -- der Blutsfreund des Klägers hilft ihm denken.
Von weit größerer Wichtigkeit als heute war die Blutsfreundschaft in den alten Zeiten, als noch Mord und Totschlag an der Tagesordnung waren. Da war es dann oft der Blutsbruder des in Gefahr stehenden Mannes, der an den Beratungen der Feinde seines Freundes teilnahm und ihn rechtzeitig warnen konnte.
Es kommt nun vor, daß jemand im Grunde seines Herzens gar nicht daran denkt, dem andern gegenüber die Pflichten der Blutsbruderschaft zu erfüllen. Ein solcher sagt dann statt des bekräftigenden ~hau~ das ähnlich klingende Wort ~hai~, welches nein bedeutet, geht nach Beendigung der Zeremonie heimlich an einen Feigenbaum und reibt den Rest des Blutes auf dessen Rinde mit den Worten: „+Du+ bist mein Freund und Bundesbruder.“
Außer diesem hier erwähnten Blutsbund gibt es noch mehrere andere derartige auf animistischen Vorstellungen beruhende Beschwörungen (~mima~), z. B. der Schutz- und Trutzbund zweier Häuptlinge, durch den sie sich zu gegenseitiger Hilfeleistung im Kriege verpflichten, und ein andrer mma, den der Ehemann seiner Frau zu trinken gibt, um ihrer ehelichen Treue sicher zu sein.
Auf einen weiteren Aberglauben will ich hier noch kurz hinweisen, der so recht erkennen läßt, daß man sich besonders große Seelenkräfte an das Blut gebunden denkt. Es ist ein Zauber, der dazu dient, die Schattenseele des Menschen so fest mit seinem Körper zu verbinden, daß es den bösen Zauberern unmöglich wird, den Schatten zu stehlen. Zu dem Zweck läßt sich der Paremann einen angesehenen Medizinmann kommen. Dieser ritzt die Haut des „Patienten“ an den verschiedensten Körperstellen und selbst auf der Zunge. Das so gewonnene Blut wird zusammen mit etwas Hühnerblut sowie Haaren, Zehen- und Fingernägeln und etwas Erde, auf welche man den Schatten von Kopf und Hand hat fallen lassen, auf ein Blatt gestrichen. Aus diesen Seelenträgern wird vom Medizinmann ein Amulett verfertigt und so dem Treiben der berüchtigten ~vasavi~, der bösen Zauberer, die die Schattenseelen des Menschen stehlen, ein Riegel vorgeschoben.
Die Wachstumsprodukte.
Es ist mir hier natürlich unmöglich, einen auch nur annähernd vollständigen Bericht all der Sitten zu geben, in welchen die Seelenvorstellungen ihren Ausdruck finden. Und würde ich selbst alles das, was mir an solchen Gebräuchen in diesen Jahren zu Ohren gekommen ist, niederschreiben, so wäre es höchst wahrscheinlich nur ein geringer Bruchteil dessen, was uns ein Medizinmann mitteilen könnte, wenn er wollte.
Bei den Wapare gelten Haare und Nägel als Träger der Seelenkräfte. Läßt sich z. B. jemand vom Medizinmann behandeln, daß seine Person gegen jeglichen bösen Zauber gefeit wird, so schneidet ihm der Arzt einige Haare und den Nagel eines Fingers, gewöhnlich des kleinen Fingers ab und legt dies auf ein schwarzes Läppchen zusammen mit seiner andern Arznei. Nunmehr heißt er den „Patienten“ etwas von seinem Speichel mit der Arznei vermischen. Nachdem er dann geheimnisvolle Sprüche gemurmelt hat, wird das Läppchen zusammengebunden, und das Amulett ist fertig. Denselben Vorgang lernten wir schon bei der Besprechung des Kikobwa-Schutzzaubers kennen. Dort wurden auch die Haare sowie Zehen- und Fingernägel als kräftige Seelenträger bei der Bereitung des Amulettes mitverwandt. Unzählige Vorschriften betreffs des Scheerens der Haare sind auf den Seelenglauben zurückzuführen. So bestimmt der Arzt manchmal, daß einem kleinen Kinde nach seiner „Behandlung“ nicht eher das Kopfhaar abrasiert werde, bis er es selbst unter Einhaltung gewisser Regeln tun werde. Da hierüber manchmal zwei Jahre vergehen, so müssen dem Kinde (genau wie bei den Vai va nyumba) die Haare mit Wasser und Fett eingerieben werden, so daß sie mit der Zeit in langen Strähnen herunterhängen. Auch auf die Mutter dehnt sich diese Vorschrift oft aus. In Zukunft darf das Kind nur von diesem Arzt behandelt werden, bis die Haare wieder abgeschnitten sind. Der behandelnde Arzt wird also gewissermaßen zum Hausarzt ernannt. Für ihn hat dieser Glaube auch noch die praktische Seite, daß ihm so auf jeden Fall sein „Honorar“ nicht von einem zweiten Arzt abwendig gemacht werden kann. Wir sahen oben schon (S. 51. 52), daß die langen Haare des Mädchens, wenn es die Frauenfeste durchgemacht hat, auf dem Dachboden sorgfältig versteckt werden, um sie nicht in die Hände von Zauberern fallen zu lassen, denen damit eine gewisse Macht über das Kind verliehen wäre. Sie könnten es z. B. unfruchtbar machen. Daß südafrikanische Neger dem in der Fremde Gestorbenen eine Haarlocke abschneiden und diese dann in der Heimat begraben, ist schließlich die letzte Folgeerscheinung der Vorstellung, welche die Seelenkräfte in die Wachstumsprodukte des Körpers verlegt.
Der Speichel.
Eine noch ausgedehntere Rolle in den Anschauungen unsrer Wapare spielt der Speichel als Seelenträger. Am häufigsten tritt das bei dem Brauch des Bespützens in die Erscheinung. Zauberschnüre aus Bananenbast werden vor dem Anlegen an den betreffenden Körperteil bespützt. Mit Wunden geschieht das gleiche, um die Blutung zu stillen, eine suggestive Behandlungsweise, die sich ja selbst in Deutschland noch in manchen Gegenden erhalten hat. Jede Arznei wird vor dem Gebrauch bespützt. Sobald bei der Geburt der Kopf des Kindes erschienen ist, wird dies Mittel eifrigst angewandt, um ein Zurücktreten zu verhüten. Den ungeratenen Sohn verflucht der Vater oder die Mutter, indem sie den Opferplatz an der Haussäule bespützen und ihren Fluch aussprechen. Man sagt dann: ~Mwana einkiwe lute~ = der Junge hat „Speichel“ bekommen, welcher Ausdruck deutlich erkennen läßt, daß dem Speichel die magischen Kräfte zugeschrieben werden, die ausgesprochenen Drohungen zu verwirklichen. Will der Vater seinen Sohn dagegen segnen, so spützt er leicht in dessen Hände, und dieser reibt sich die Spuren des „Seelenträgers“ ins Gesicht. Bei Sternschnuppenfällen und Kometenerscheinungen wird nach der betr. Gegend hin gespützt, um Krankheit, Hungersnot und Krieg abzuwehren, also ähnliche Vorgänge, wie sie sich in dem aufgeklärten Europa zur Zeit des Halleyschen Kometen zeigten.
Hier wäre noch die Herstellung eines Amuletts zu erwähnen, welches gegen alle Arten von Verzauberung schützen soll und aus einer Mischung von mancherlei Seelenträgern besteht. Der Medizinmann saugt zu behandelnden Personen mittels eines Schröpfkopfes Blut aus und gießt es in eine Topfscherbe, wo es zu Asche geröstet und dann mit andern Sympathiemitteln vermischt wird. Von diesem Pulver streut er einen Teil in einige kleine schwarze Läppchen. Die zu behandelnden Leute tun etwas von ihrem Speichel, Haupthaar, Augenbrauen und Wimpern sowie Finger- und Zehennägel dazu. Des weiteren bildet Erde, auf welche man den Schatten von Hand, Fuß und Kopf hat fallen lassen, einen wichtigen Bestandteil. Die Läppchen werden zusammengebunden, und die „Medizin“ ist fertig. Um sie möglichst wirksam zu machen, muß sie oft spät am Abend auf einem Kreuzwege eingegraben und nach Mitternacht beim ersten Hahnenschrei wieder hervorgeholt werden.
Der Speichel bildet übrigens schon einen Übergang von dem Begriff der gebundenen Körperseele zu dem der Hauchseele. Dies tritt besonders bei dem Bespützen zu Tage, indem der Name an den +Speichel+ erinnert, die eigentliche Tätigkeit sich aber fast ganz darauf beschränkt, den +Hauch+ zwischen den wie zum Kuß gespitzten Lippen hervorzustoßen. Hier scheint also die Vorstellung des Hauches als Seelenträger den ursprünglichen Gedanken an den magischen Speichel allmählich zu verdrängen. Einer meiner Gewährsleute erklärte mir auch das Bespützen der Medizinmänner eigentümlicherweise klipp und klar dahin, daß der „Geist“ (Hauch) des Arztes in den Kranken hineinfahren und dessen Gesundung bewirken solle.
Einige besondere Arten von Freundschaftsbündnissen oder Seelenvermischungen bestehen zwischen Eheleuten. Auch hier spielt der Speichel neben andern schon erwähnten Seelenträgern eine Rolle. Der Grund zu solchen Bündnissen bildet meistens die Eifersucht. Manchmal sind natürlich auch andre Motive vorhanden; z. B. ist mir ein Fall bekannt, wo die Frau ohne Anhang dastand und sie den Mann für jeden Fall an sich fesseln wollte. Bezeichnend für die Auffassung des Eheverhältnisses unter unsern Wapare ist die Tatsache, daß in den meisten Fällen nur die Frau sich verpflichtet, die eheliche Treue zu halten. „Der Mann kann das verlangen, er hat ja Kühe für seine Frau bezahlt!“
Sind sich beide Teile darüber klar geworden, daß sie ein solches Bündnis eingehen wollen, so nehmen sie einen kleinen Topf mit irgend einer Fleischbrühe, Bier oder Milch. Zuerst speit jeder einmal in den Topf, um dann von der Oberfläche einiger seiner Fingernägel etwas abzuschaben und es ebenfalls mit der Brühe im Topf zu vermischen. Nun fängt der Mann etwa mit der Beschwörung an:
„Wenn du die Ehe brichst, soll dich unsere Bundesspeise töten; bist du aber treu, so werde sie dir an deinem Leibe wie Öl. Wenn ich dich mit andern Männern schwatzen sehe, eifersüchtig werde und dich schlage, so soll mich die Bundesspeise töten, darum, daß ich ihr nicht getraut habe, denn sie ist ja fortan dein Tugendwächter.“
Hierauf erwidert die Frau:
„Wir machen den Bund, weil wir uns lieben. Wenn du mich schlägst und ich bin nicht untreu gewesen, so soll dich die Bundesspeise töten; gebe ich mich aber mit einem andern Manne ab, so wird mich die verwünschte Speise umbringen.“
Nun reicht einer dem andern mit zwei Händen den Topf an den Mund und läßt ihn trinken. Ist das geschehen, so schlägt der Mann eine kleine Ecke aus dem Topf, um ihn dann zu vergraben. Es gibt viele verschiedene Arten der Seelenvermischung zwischen Mann und Frau, von denen einige zu anstößig sind, um sie hier beschreiben zu können.
Ausscheidungsprodukte als Seelenträger.
Wir sahen schon, daß man der Kreißenden, wenn die Geburt sich in die Länge zieht, Urin des Mannes zu trinken gibt, um ihr auf diese Weise besondere Seelenkräfte zuzuführen. Ich erwähnte bereits weiter oben die Amulette, welche die Wapare sich von ihren Medizinmännern gegen Verzauberung machen lassen. Oft ordnet der behandelnde Arzt an, daß sein Patient sich vier Tage lang nicht waschen solle. Nach Ablauf der Zeit zerkaut er eine Ölnuß und reibt sich mit dem so gewonnenen Brei den Körper ab. Die auf diese Weise erhaltenen, gewissermaßen konzentrierten Ausscheidungsstoffe werden den Amuletten des Medizinmannes als wertvolle Bestandteile einverleibt. Der Leser sieht, statt der christlichen Hoffnung besitzt der arme Neger nur recht traurige und unappetitliche Ersatzmittel. Bei den Tänzen, die von den Vai va nyumba bei den verschiedenen Gelegenheiten aufgeführt werden, steht immer ihre Helferin in der Nähe, um ihr den Schweiß abzuwischen. Würde jemand anders aus der Umgebung das vornehmen, so könnte er sich starken Unannehmlichkeiten aussetzen, da er sofort gefragt würde, was er mit dem Schweiße beginnen wolle. Also auch hier wiederum der Glaube, daß der Besitz von solchen Dingen, die als Seelenträger andrer gedacht werden, wenigstens zu gewissen Zeiten dem Besitzer Gewalt über die betreffenden Seelen verleiht.
Die Seele im Blick.
Auch im Auge denkt sich der Mwasu (Mpare) besondere Seelenkräfte konzentriert. Er sieht im Auge des Sterbenden den Glanz und das Feuer erlöschen, es wird matt, er kann sein eignes Spiegelbild im Auge des andern nicht mehr entdecken. Da denkt er sich, die Seele, die dem Auge Glanz und Kraft verliehen habe, sei entwichen.