Im Banne der freien Reichsstadt
Part 8
Und noch eins wollte sie thun: sie hatte der heiligen Anna eine neue Kapelle gelobt, jetzt wußte sie, wo sie dieselbe bauen lassen wollte. Der Rat hatte in der Zeit, als die Pest wütete, verboten, die Toten noch ferner innerhalb der Mauern zu begraben; es war ein neuer Friedhof vor dem Tiergärtner Thor geweiht worden, der fortan als allgemeine Ruhestätte dienen sollte. Doch war man bei der großen Menge auf heftigen Widerstand gestoßen, und es hatten sich alle Gutgesinnten, denen das Wohl der Stadt am Herzen lag, die Aufgabe gestellt, den neuen Johanniskirchhof aufs schönste auszustatten, um so das Vorurteil zu besiegen. Es fiel Frau Ursala nicht schwer, ihren Gatten für ihren Plan zu gewinnen; er liebte es, seinen Reichtum zu entfalten und zum allgemeinen Besten anzuwenden, nur fehlte es ihm, unter den tausend Geschäften, die der ausgedehnte Handel seines Hauses mit sich brachte, oft an Zeit und Gedanken dafür. Doch war er gern bereit, eine Versammlung der besten Kunsthandwerker Nürnbergs in sein Haus zu berufen, um den Plan der Kapelle mit ihnen zu besprechen.
Um den großen Tisch im Wohnzimmer waren bald darauf die hervorragendsten Meister der Stadt vereint. Da war Michael Wohlgemuth, der die besten Gemälde in Nürnberg fertigte, -- denn der, welcher einst sein Schüler werden und seinen Ruhm tief in Schatten stellen sollte, Albrecht Dürer, lag noch als kleines Kindlein in der Wiege --; Peter Vischer, der treffliche Rotgießer, der schon manches schöne Werk geschaffen hatte; Veit Stoß, der geschickte Bildschnitzer, von dem der englische Gruß in der Lorenzkirche herrührte; Sebastian Lindenast, der kunstreiche Verfertiger des Männleinlaufens; Veit Hirschvogel, der Glasmaler, der die Kirchen mit köstlichen Fenstern schmückte, und andre; nur der eigentliche Baumeister war ausgeblieben. Während Herr Wilibald seine Absichten entwickelte, Frau Ursula hin und wieder ein bescheidenes Wörtchen einwarf, und die Anwesenden ihre Ideen aussprachen, war Magdalene draußen beschäftigt, einen Imbiß vorzubereiten, denn es war anzunehmen, daß nach vollendeter Beratung jeder einen rechtschaffenen Hunger und Durst empfinden werde.
Der Diener Just meldete ihr, daß ein Mann sie zu sprechen wünsche. „Mich?“ fragte sie erstaunt, „habt Ihr auch recht gehört? wer ist es?“
„Er ist mir ganz fremd, ein hoher schlanker Mann mit langem, dunklem Bart; er trägt sich anders, als die Leute hier pflegen.“
Magdalenens Herz wallte hoch auf -- sollte endlich die lange und heiß ersehnte Stunde gekommen sein? „Führt ihn zu mir auf den Vorsaal,“ sagte sie gepreßt; sie mußte sich an einem Stuhl festhalten, denn sie zitterte an allen Gliedern. Der Fremde stieg die Treppe herauf; jetzt stand er vor ihr; einen Augenblick betrachtete er sie prüfend, dann breitete er seine Arme aus. „Meine Magdalene,“ rief er, -- und der eine Laut sagte ihr alles, zwanzig Jahre des Harrens waren in einem Moment ausgelöscht, sie schluchzte nur: „Adam!“ und sank halb ohnmächtig an seine Brust.
Wenige Minuten später that sich die Thür zum Versammlungszimmer auf; mit einem Ausdruck des Glücks, welcher ihre ganze Erscheinung verjüngte und verschönte, trat Magdalene ein, Adam an der Hand führend. „Verzeiht, liebe Herren, wenn ich Euch unterbreche,“ sagte sie mit leuchtendem Blick, „aber hier ist einer, der bei Eurem Werk auch wohl ein Wörtchen mitreden dürfte, und dessen Rat Ihr nicht verschmähen werdet. Adam Krafft ist wiedergekehrt!“
Alle sprangen von ihren Sitzen auf, staunend umringten sie den Ankömmling, der den meisten von ihrer Jugend her bekannt war, an dessen Wiederkehr aber keiner mehr geglaubt hatte, als das eine treue Herz seiner Braut. „Wo habt Ihr so lange verweilt? -- was hat Euch all die Jahre zurückgehalten? -- wo kommt Ihr plötzlich her?“ so hieß es von allen Seiten. „Setzt Euch und berichtet uns, wie es Euch ergangen ist.“
Es war eine traurige Geschichte, die Adam zu erzählen hatte. Anfangs zwar war ihm alles herrlich geglückt; von einem Meister an den andern empfohlen, von der Lust, zu schauen und zu lernen, immer weiter gelockt, hatte er schöne Jahre in Deutschland und Italien verlebt und manchen reichen Verdienst eingesammelt, der ihm das künftige Haus sollte bauen helfen. In Neapel hatte er kehrt machen wollen, ein Schiff sollte ihn bis Genua führen, und Wind und Wellen schienen dem Streben seiner treuen Liebe hold zu sein. Aber plötzlich erhob sich ein Unwetter, die Masten mußten gekappt werden, ein Sturm trieb das steuerlose Schiff an ein fremdes Gestade, und an dem schlimmen Empfang, den sie dort fand, erkannte die unglückselige Mannschaft, daß sie in die Hände des heidnischen Herrschers von Tunis gefallen sei. Viele Jahre hatte Adam dort als Sklave die niedrigsten Dienste verrichten und endlich Steine zum Bau eines Tempels heranschleppen müssen. Er erkannte mit verständnisvollem Blick, daß das Gebäude übel angelegt sei, und warnte den König und den Baumeister vor den Folgen. Man strich ihn für seine Dreistigkeit mit Ruten; als aber bald darauf sein Wort in Erfüllung ging und der Tempel zusammenstürzte, da gedachte der König seiner Warnung und befahl ihm, ein neues Bauwerk zu errichten. Er that es, und sein Lohn war die Freiheit, doch ward er ohne Habe bei Genua ans Land gesetzt, und mühsam hatte er von dort aus seinen Weg bis zur Heimat zurückgelegt. Nun war er nach zwanzigjähriger Abwesenheit wieder in seiner lieben Vaterstadt angelangt, -- aber arm, wie er gegangen; nur seine gesunden Arme hatte er mit heimgebracht, einen Kopf voller Pläne und Entwürfe und seine unveränderte Liebe für seine Magdalene.
Wie ein Lauffeuer ging die Kunde von Adam Kraffts Heimkehr durch die Stadt, alles drängte sich hinzu, um ihn zu begrüßen und Jungfer Magdalene zu beglückwünschen. Wie viele Scheltworte hatte sie um ihrer Hartnäckigkeit willen hinnehmen müssen! wie oft hatten sich Witz und Spott an ihrer hoffnungslosen Treue versucht! Sie hatte sich durch das eine so wenig irre machen lassen, wie durch das andre, und ließ sich auch jetzt nicht dadurch anfechten, daß Adams Armut ihre Vereinigung mit ihm ins Ungewisse hinausrückte. Aber hier zeigte sich der Geist der Nürnberger im schönsten Licht: Adam, hieß es, sei ein echter Sohn der Stadt, und ein Sohn dürfe nichts dagegen einwenden, wenn die Eltern ihn ausstatteten. Von allen Seiten trug man ihm Geschenke zu, der eine brachte Geld, der andre Hausrat, und Adam dachte zu groß, um sich solcher Liebe zu schämen. Er kaufte ein freundliches Häuschen, richtete es mit dem Notdürftigsten ein und bat Magdalene, seine Hausfrau zu werden. Im Herbst ward die Hochzeit gefeiert, die ganze Stadt nahm den herzlichsten Teil daran. Herr Wilibald Ebner übertrug ihm den Bau der Kapelle, den er aufs glänzendste ausführte; er bewies sich dadurch als ein trefflicher Baumeister und hervorragender Steinmetz, dem es fortan an Bestellungen nicht fehlte. Der Name Adam Krafft strahlte von da an als heller Stern am künstlerischen Himmel von Nürnberg.
Frau Ursulas liebster Gang führte sie fortan zur Kapelle der heiligen Anna auf dem Johanniskirchhof; dort betete sie oft für ihre Kinder und mit ihnen und erneuerte den Entschluß, sie in treuer Sorge für den Himmel zu erziehen. Sie ließ es sich jetzt angelegen sein, Berthold für der Stand seines Vaters zu bestimmen, und so sehr er auch anfangs widerstrebte, so fand er sich doch allmählich in den Gedanken, schon um seiner Mutter willen, an der er mit schwärmerischer Liebe hing. Wie keck und übermütig er auch oft sein mochte -- +ein+ bittendes Wort von ihr, +ein+ vorwurfsvoller Blick genügte, um seiner mutwilligen Laune eine Schranke zu setzen und ihn zu liebevollem Gehorsam zurückzuführen. So vergingen einige Jahre in stillem Frieden, und wenn Frau Ursula auch zuweilen darüber seufzte, daß ihr Gatte so wenig Zeit für sie und die Kinder übrig habe, wenn sie auch mitunter wünschte, er möchte aufgeschlossner, vertrauensvoller sein, so sah sie diese Entbehrungen doch als die unvermeidlichen Schwächen an, die jedem Erdenlose anhaften, und betrachtete sich als eine glückliche Frau und reich gesegnete Mutter, denn ihre Kinder erblühten neben ihr, frisch und schön, wie die Rosen.
Siebentes Kapitel.
Das Strafgericht der Stadt.
Räuberischer Gesell, du Zerrbild christlichen Adels, Trotzest du heut’ dem Gesetz, einmal bezwingt es dich doch!
In der Hausflur des Ebnerschen Hauses drängte sich ein Haufe Menschen, Männer, Frauen und Kinder, in dürftiger bäuerlicher Tracht. Ihr Aussehen bezeugte deutlich, daß sie zu den Mühseligen und Beladenen gehörten, denn alle Gesichter hatten einen Ausdruck des Leidens, der bei den einen mehr in stumpfes Dulden, bei den anderen in verbissenen Groll überging. Justus hatte vergebens versucht, die Leute hinauszudrängen, sie widerstanden ihm mit ruhiger Hartnäckigkeit und erklärten, nicht vom Platze weichen zu wollen, bis sie den Ratsherrn gesprochen hätten. Endlich öffnete sich eine Thür, und Herr Wilibald Ebner erschien auf den Stufen; alles stürmte auf ihn zu, und alle Stimmen riefen auf einmal: „Helft uns, rettet uns! Habt Erbarmen, übt Gerechtigkeit!“
Der Kaufherr hob die Hand auf. „Schweigt!“ sagte er in ernstem Ton, und in seiner Haltung, wie in dem Klange seiner Stimme lag etwas Gebietendes, das sich sofort Gehorsam erzwang. „Einer rede und sage mir in kurzen Worten Euer Begehr. Sprich du, Freund, was führt Euch zu mir?“
Der Angerufene, ein älterer Mann von ehrbarem, aber unendlich niedergedrücktem Wesen, trat einen Schritt vor. „Herr,“ begann er kummervoll, „wir sind Einwohner des Dorfes Hohenheiligen und bitten Euch um Schutz gegen unsere Bedränger. Junker Veit von Rotenhahn, der die alte Burg bewohnt, behandelt uns wie Feinde; er raubt uns unser Vieh, verwüstet unsre Felder, schlägt unsre Kinder .....“
„Mir hat der Teufel, der schwarze Janko, die einzige Kuh von der Weide getrieben,“ rief eine Stimme dazwischen -- „Mir haben die kleinen Junker die Gänse gestohlen,“ schrie eine andre -- „Mir hat der lahme Miklot meine Tochter entführt und zum Dienst auf der Burg gepreßt, wo sie mehr Schläge erhält als Essen“ -- „Uns haben sie das Heu von der Wiese genommen“ -- „Uns das Getreide vom Felde gefahren“ -- -- Die Klagen wollten kein Ende nehmen.
Wieder erhob Herr Wilibald die Hand und gebot Schweigen; wieder nahm der erste Sprecher das Wort. „Als wir uns bei dem Junker Veit selbst über das Treiben seiner Knechte und seiner wilden Söhnlein beschweren wollten, warf er einen unsrer Boten ins Verließ, wo weder Sonne noch Mond hinscheint, die andern ließ er vom Hofe peitschen. Dann gingen wir zum Ritter nach Maltheim, wo seit der Väter Zeiten unsre Herren gesessen, -- aber er sagte uns, er habe Dorf und Flur Hohenheiligen an Euch, Herr, verpfändet und während der Pfandzeit könne er nichts für uns thun. So sind wir zu Euch gekommen, gestrenger Herr; nehmt Ihr Euch unserer Not an! wahrlich, wir sind des Lebens satt und müde, denn es ist, als säße der leibhaftige Teufel mit seinen Helfershelfern über uns und plagte uns schier zu Tode!“
Herrn Ebners Stirn zog sich in dunkle Falten, unwillkürlich ballte sich seine Hand, doch bewahrte er äußerlich seine Ruhe und sprach nach kurzem Bedenken: „Ich gehe eben in die Ratssitzung; drei von Euch mögen mich begleiten, um Eure Klagen vor dem wohllöblichen Rat der Stadt vorzubringen; ich, als Einzelner, vermögte Euch wenig zu helfen. Die andern mögen sich auf dem Hofe niedersetzen, meine Hausfrau wird sie mit Speise und Trank erquicken. Dann aber geht ruhig Eures Weges und erwartet in Geduld das weitere.“
Diese Entscheidung wurde mit einem beifälligen Gemurmel aufgenommen; der Haufe, der vom weiten Wege müde und hungrig war, lagerte sich im Schatten des alten Nußbaums, der seine grünen Zweige freundlich über die Armen und Elenden ausbreitete. Nach einiger Zeit erschien Frau Ursula mit den Töchtern zur Seite und zwei Mägden hinter sich, welche große Schüsseln dampfenden Mehlbreis, Brot, Käse und Wurst trugen. Die Hausfrau selbst leitete die Verteilung und sah zu, daß niemand zu kurz käme; besonders auf die Kinder hatte sie ein gütiges Auge, und es rührte sie, zu sehen, mit welchem heißhungrigen Lächeln sie zulangten und sich die gute Kost schmecken ließen, die für sie ein seltener Leckerbissen war. Mit freundlicher Herablassung sprach sie mit den armen Weibern und ließ sich die Geschichte ihrer Leiden erzählen, die ihr tief zu Herzen ging; es war ein erschütterndes Bild täglich wiederholter Plagen, welche diesen unterdrückten Menschen jede Lebensfreude verkümmerten, ja, ihrem elenden Dasein jede Sicherheit entzogen.
So sehr hatten sich im Laufe der Jahrhunderte die ländlichen Verhältnisse verändert, daß die ehemals freien Bauern, welche mit Freude und Selbstbewußtsein ihren Acker bauten und die Früchte ihres Fleißes genossen, fast ausnahmslos zu rechtlosen Leibeigenen herabgedrückt und unter die Knechtschaft der adligen Herren gestellt worden waren. Die Zeit war nicht mehr fern, in der der tiefe Groll, der lange Jahre hindurch die Gemüter mit wohlberechtigter Entrüstung erfüllt hatte, endlich in hellen Flammen wilden Hasses auflodern, und bei der gänzlichen Verkommenheit alles geistigen Lebens ein furchtbares Verderben um sich her verbreiten sollte, in welchem zahllose Dränger und Bedrängte ihren Untergang finden mußten. -- Wie dankbar empfand die Ebnerin in dieser Stunde alle Vorzüge ihrer Stellung, wie preßte sie ihre Kinder ans Herz und pries den Himmel dafür, daß sie nicht der Bosheit roher Knechte und ungezügelter Buben ausgesetzt waren! --
Unterdessen fand auf dem Rathause eine sehr erregte Sitzung statt. Die Klagen der Bauern fielen auf einen wohlbereiteten Boden, denn sie waren nicht die einzigen, deren Rechte Junker Veit gröblich mit Füßen trat. Kaum ein Warentransport gelangte von dieser Seite her in die Stadt, dem er nicht aufgelauert hätte, und wenn seine Kräfte auch denen der reisigen Begleiter selten in offenem Kampfe gewachsen gewesen wären, so verstand er es doch vortrefflich, durch List einen einzelnen Wagen zum Stürzen zu bringen und sich in der eintretenden Verwirrung eines Teils seiner Ladung zu bemächtigen. Jeder Handelsherr der Stadt hatte schon Verlust und Arger durch ihn erlitten, und in der Zeit des regsten Verkehrs verging keine Woche ohne solche Schädigungen. Wurden doch in der guten Jahreszeit die Straßen nicht leer von Fuhrwerken, welche die im Auslande lebhaft begehrten Woll- und Lederarbeiten, die Harnische und Waffen und all die zierlichen Erzeugnisse der vorgeschrittenen Industrie Nürnbergs fremden Plätzen zuführten, während andrerseits die großen Kaufhäuser täglich ankommende Waren erwarteten, Weine vom Rhein, aus Spanien, Italien und Ungarn, feine Leinwand aus Flandern, Gewürze aus Indien, Heringe aus dem Norden und andre Dinge aus aller Welt Enden. Da brachte ein einziger Fang dem Räuber ebenso stattlichen Gewinn, wie er dem Kaufmann bedeutenden Schaden zufügte. Auch der städtische Jägermeister hatte beständig gegen Junker Veit und seine Spießgesellen zu klagen, denn sie jagten ohne jede Berechtigung im Reichswalde, der städtisches Eigentum war, und fällten dort so viel Holz, wie sie für Herd und Ofen brauchten. Die Namen Veits von Rotenhahn, des schwarzen Janko und des lahmen Miklot wurden von allen Seiten nur mit Haß und Verachtung genannt; man meinte allgemein, sie müßten mit dem Bösen im Bunde stehen, weil es nie gelänge, einen von ihnen zu fassen. Stets wußten sie mit heiler Haut zu entwischen, auch wenn die Verfolger in der Überzahl und in offenbarem Vorteil waren.
Darin also waren alle einig, daß Junker Veit ein arger Bösewicht sei, welcher gegen jedes Recht frevle und harte Strafe verdiene; aber wie die Strafe zu vollstrecken sei, darüber gingen die Meinungen weit auseinander. Die Hitzigsten wollten Aufbietung der bewaffneten Stadtmacht, offne Fehde-Erklärung, Belagerung der Burg und Vernichtung oder Gefangennahme der Übelthäter; die Ruhigen verlangten, daß erst alle Mittel friedlicher Justiz versucht werden sollten. „Wir wenden uns mit unsrer Klage an das kaiserliche Landgericht,“ hieß es.
„Habt Ihr vergessen,“ wendete ein andrer ein, „daß Markgraf Albrecht Achilles Verwalter des kaiserlichen Gerichts ist? und könnt Ihr von ihm Gerechtigkeit erwarten in Sachen der Stadt wider einen Adligen?“
„Wir müssen uns selbst Recht schaffen!“ rief ein dritter; „ladet den Junker vor die städtische Gerichtsbarkeit, er hat sich hundertmal auf städtischem Gebiet vergangen.“
„Laden können wir ihn wohl, aber wird er kommen?“ fragte ein vierter; „wird er unsre Forderung nicht einfach verlachen?“
Dennoch hatte dieser Vorschlag schließlich die meisten Stimmen für sich, und man beschloß, dem Junker durch drei sichere Boten eine Ladung zu senden. Sollte er derselben nicht folgen, so konnte man ihn in seiner Abwesenheit verurteilen und für vogelfrei erklären, sobald er sich auf städtischem Grund und Boden betreten ließe. Dann würde es wohl nicht schwer halten, ihm durch ein paar verwegene Gesellen auflauern und ihn in sichere Haft bringen zu lassen -- und dann winkten ihm Galgen und Rad als unausbleibliche Strafe.
Inzwischen saß der, gegen welchen diese Anklagen geschleudert wurden, in seiner sicheren Feste, wie ein Dachs in seinem Bau, und seine Tage vergingen teils in aufregenden Unternehmungen, teils in trägem Müßiggang. Die Stätte, wo er mit seiner Familie hauste, war keineswegs anheimelnd oder wohnlich, doch war sie seinen wilden Neigungen trefflich angepaßt. Inmitten eines wüsten Trümmerhaufens erhob sich in drei Stockwerken ein turmartiger Bau mit gewaltigen, unversehrten Mauern, der letzte Überrest einer stolzen Burg. Das unterste Gelaß, das nur durch einige Öffnungen dicht unter der Decke spärlich erhellt wurde, enthielt die Küche und etliche Vorratsräume; eine schmale Spalte, die durch eine starke eichene Thür und eiserne Riegel verwahrt werden konnte, führte ins Freie. In den zweiten Stock gelangte man von außen auf einer hölzernen Treppe, welche in eisernen Haken hing, und die man nach Gefallen abnehmen konnte; von hier führte eine steinerne Wendeltreppe nach oben. Jedes Stockwerk enthielt einen größeren Raum, unten den für die Männer, oben den für die Frauen, und kleine Schlafkammern daneben; auf der Zinne wohnte in einer winzigen Zelle der Türmer, der auf einem vorspringenden Söller ringsum gehen und die Umgebung der Burg auf eine weite Entfernung überschauen konnte. Ein enger Hof, der durch eine hohe Umwallung aus den zerfallenen Steinen der ehemaligen Burg abgeschlossen wurde, umgab den Turm; die Zugbrücke, welche meist aufgezogen blieb, wurde durch zwei Donnerbüchsen behütet, und so war mit großem Geschick eine fast uneinnehmbare Festung geschaffen worden, deren Inhaber die Feindschaft und den Haß der ganzen Welt verlachte.
Junker Veit lag lang ausgestreckt auf seinem Lager, dessen Stroh nur mangelhaft durch einige ausgebreitete Felle verdeckt wurde; eine umgestürzte, riesige Bierkanne zeugte deutlich von der Beschäftigung, der er sich vorher hingegeben hatte. Sein Weib stand neben ihm. „Holla, Veit,“ rief sie laut und schüttelte ihn derb an der Schulter, „wie lange willst du hier noch auf der Bärenhaut liegen? sollen deine Frau und deine Kinder Hunger leiden um deiner Faulheit willen?“
Er blinzelte und gähnte, ohne seine Stellung zu verändern. „Rüste dich, und ziehe auf die Jagd aus,“ fuhr sie fort, „die Kammer ist leer, kein Stücklein Fleisch oder Speck im Vorrat, das Mehl in der Tonne bedeckt kaum noch den Boden, der Wein ist ausgetrunken. Schaffe neue Vorräte an, oder Schmalhans wird unser Küchenmeister sein, und den liebst du am wenigsten.“
„Schicke die Knechte aus,“ sagte er schläfrig.
„Miklot behauptet, er könne nicht zu Pferde steigen: der Stich, den er neulich ins Bein erhalten, schmerze noch zu sehr; und Janko will nicht allein reiten, er sagt, die verdammten Bauern fahndeten zu hart auf ihn, einer könne sich ihrer schlecht erwehren.“
„So laß die Knaben ausziehen und dir ein paar Hühner oder ein Schweinchen von der Weide holen.“
„Meinst du, ich würde die unschuldigen Lämmer noch einmal den Knütteln der elenden Dorfbuben aussetzen? Emmo ist kaum noch kenntlich, so haben ihm die Schufte das Gesicht zerbläut, und Balduins Rücken ist mit Beulen überdeckt, daß ich Tag und Nacht daran kühlen muß. Du magst es vergessen, daß die Knaben von ihrer Mutter Seite her aus altem, edlem Geschlecht stammen, ich habe es immer vor Augen und werde sie vor Unwürdigem zu bewahren wissen, obgleich ihr Vater nur ein landläufiger Abenteurer ist.“
Mit einem Satz war Junker Veit auf den Füßen, „Hochmütige Hexe!“ knirschte er zwischen den Zähnen, „willst du mich rasend machen?“ Sie entfloh vor seinem wilden, drohenden Blick in ihr eignes Gemach; eine Weile saß sie dort still in bebender Angst, dann lauschte sie auf die unten erschallenden Tritte. „Er rüstet sich!“ sagte sie triumphierend, „ich habe ihn aufgerüttelt. Es versteht es doch keiner, mit ihm fertig zu werden, als ich allein!“
Als am Abend dieses Tages Junker Veit und Janko mit reicher Jagdbeute heimkehrten, empfing Walburg den Gatten aufs freundlichste.
„Seid willkommen, teurer Herr,“ sagte sie mit liebevollem Lächeln, „und habt Dank, daß Ihr meine Vorratskammer so reich versehen habt. Ich wußte es ja, daß dieser starke Arm die Seinen nicht würde darben lassen.“
Er küßte sie flüchtig auf die Stirn, und der oft getrübte Friede war wieder einmal geschlossen. --
Am nächsten Mittag stieß der Türmer ins Horn. „Was siehst du?“ rief Junker Veit zu ihm hinauf.
„Es kommen drei Reiter von der Stadt her; sie tragen die Abzeichen von Nürnberg und ein weißes Fähnlein, zum Zeichen friedlicher Gesinnung.“
„Viel Gutes werden sie mir nicht bringen,“ meinte der Junker, „ich glaube nicht, daß die Krämerseelen mir besonders gewogen sind. Doch man kann ja hören, was sie wollen.“
Er stieg hinab rief die beiden Knechte zu sich, ließ die Zugbrücke fallen und stellte sich am Anfang derselben auf, Janko und Miklot hinter sich, doch so, daß sie von den Ankommenden nicht gesehen werden konnten. Die Reiter hielten vor der Brücke still. „Was ist Euer Begehr?“ rief Veit ihnen zu.
„Wir sind vom wohllöblichen Rat der Stadt Nürnberg gesendet, um eine Ladung an den Junker Veit von Rotenhahn zu überbringen.“
„Ich bin es selber; sprecht aus, was Ihr zu sagen habt.“
Der vorderste Reiter zog aus dem Schaft seines hohen Stiefels ein Papier, an dem ein großes Siegel hing, entfaltete es und begann mit lauter Stimme zu lesen. Es war eine genaue Aufzählung all der Übertretungen, deren sich der Inhaber der Burg Hohenheiligen schuldig gemacht hatte, -- und eine mächtige lange Reihe hatte man zusammengestellt, wovon schon die Hälfte genügt hätte, dem Übelthäter an Kopf und Kragen zu gehen. Zum Schluß ward der Junker vor das städtische Gericht geladen, um sich wegen dieser Anklagen zu verantworten.
Veit hatte mit belustigtem Zwinkern zugehört und sich behaglich den Bart gestrichen; als die Lesung beendet war, brach er in ein höhnisches Gelächter aus. „Sagt dem gestrengen Rat: auch die Nürnberger hängten keinen, sie hätten ihn denn, und mich sollen sie noch lange nicht haben! Was schert mich der Rat der Stadt? ich bin ein freier Mann auf eignem Grund und Boden und lache der städtischen Gerichtsbarkeit. Wollen die Herren mich richten, so mögen sie zu mir kommen, wir wollen sie gastlich und mit Ehren empfangen und ihnen ein lustiges Tänzlein aufspielen! Zum Zeichen aber, daß Veit von Rotenhahn nicht mit sich scherzen läßt, behalte ich diesen großmäuligen Patron als Geisel in meinem Gewahrsam.“